Die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa

Am Beispiel der Tschechoslowakei

 

Eine marxistische Position zu einem linken Tabu

 

 

Einleitung

 

Wie jedes Jahr, wenn das traditionelle Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaften näherrückt, steigt die Nervosität in den regierenden Kreisen Tschechiens. Auch heuer wird das nicht anders sein. Denn die Frage der Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung aus den böhmischen Grenzgebieten, aus Mähren und aus der Slowakei verfolgt die tschechoslowakische und nun vor allem die tschechische, in geringerem Maße auch die slowakische Geschichte wie ein Schatten.

Seit 1989 durchläuft in der tschechischen Öffentlichkeit die Frage der Vertreibung bzw. die des "Transfers der deutschen Bevölkerung", wie die Aussiedlung oftmals euphemistisch (beschönigend) genannt wird, mehrere Phasen. Kurz nach dem Fall des stalinistischen Systems im November 1989 wurde die Diskussion vor allem von der Entschuldigung des neuen Präsidenten Vaclav Havel gegenüber den Sudetendeutschen beherrscht. Im Herbst 1990 war es die Frage der "Restitution", also der Rückgabe des Eigentums an die vormaligen Besitzer; von Herbst 1991 bis Sommer 1992 war es die Debatte über den Nachbarschaftsvertrag mit Deutschland, und im Sommer 1993 war es die um die zur Diskussion gestellte Anbahnung direkter Kontakte zu den Sudetendeutschen bzw. ihrer größten Organisation in Deutschland, der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Das Jahr 1994 brachte eine Vermischung von Elementen der früheren Diskussionen, insbesondere eine Verknüpfung der Frage direkter Kontakte mit der Grundfrage der "Restitution".

Zur Zeit scheint es, als ob beide Seiten, sowohl die Tschechische Republik als auch die BRD, auf so etwas wie eine "biologische Lösung" setzen: Irgendwann werden die letzten gestorben sein, die noch selbst in Hungermärschen über die Grenze getrieben oder später in "geordneten Transfers" abgeschoben wurden; nach einem halben Jahrhundert soll auch das sudetendeutsche Problem langsam in Vergessenheit geraten und den Weg Tschechiens "nach Europa" und die gutnachbarschaftlichen Beziehungen mit der BRD nicht mehr belasten. Offenbar ist das auch der stille Wunsch vieler Deutscher, die nicht mehr an die unselige Vergangenheit, den Krieg und seine Folgen, erinnert werden und sich das gute Geschäft mit den neuen alten Nachbarn nicht mehr durch historische Debatten vermiesen lassen wollen.

Wir haben uns im vollen Bewußtsein, hier das ganze Problem der Vertreibungen nicht umfassend darstellen zu können, auf die Tschechoslowakei konzentriert. Wir wollen aber doch zu Beginn einen kurzen Blick auf die Aussiedlungen in Osteuropa im allgemeinen werfen.

Aus Vorkriegspolen wurden etwa 700.000 Deutsche deportiert, aus Danzig 300.000, aus den Gebieten des Deutschen Reiches, die 1945 Polen angeschlossen wurden (der südliche Teil Ostpreußens, Hinterpommern, Ostbrandenburg und Schlesien), über acht Millionen. Die (deutschen) Schätzungen über "Aussiedlungsverluste" reichen bis zu mehr als zwei Millionen. Alle Gruppen der polnischen Gesellschaft, einschließlich der Sozialisten, der Liberalen, der Stalinisten, vertraten den Gesichtspunkt, daß die Aussiedlungen im Rahmen des Potsdamer Abkommens, sofern sie "ordnungsgemäß und human" verliefen, gerechtfertigt seien. Und wie überall in Osteuropa, wo es zu Vertreibungen und Aussiedlungen kam, vertrat auch die katholische Kirche und der Klerus ohne Einschränkungen, daß diese Politik gerechtfertigt sei.

In Rumänien sah die Situation anders aus: Etwa eine Viertelmillion flüchtete ab 1944 vor der heranrückenden Roten Armee mit dem zurückweichenden deutschen Heer, etwa 50.000 weitere dürften sich noch nachher Richtung Westen durchgeschlagen haben. Die Zurückbleibenden wurden nicht ausgesiedelt, allerdings wurden Zehntausende zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert oder in Arbeitslagern unter fürchterlichen Bedingungen zum Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals eingesetzt. 50.000 Banater wurden innerhalb Rumäniens umgesiedelt, ansonsten konnte sich die deutsche Nationalität vor allem im Banat und in Siebenbürgen bis in die jüngste Vergangenheit halten. Unter der stalinistischen Herrschaft wurden das deutsche Kulturleben wieder reaktiviert, und erst nach dem Fall Ceaucescus siedelte der allergrößte Teil der Siebenbürger Sachsen und der Banater Deutschen in die Bundesrepublik über - nicht, um nationaler Bedrückung zu entgehen, sondern um Anschluß an den höheren Lebensstandard der BRD zu finden.

Obwohl Ungarn explizit auf der Potsdamer Konferenz unter den Ländern genannt wurde, aus denen die deutsche Minorität auszusiedeln sei, blieb mehr als die Hälfte der ursprünglich knapp eine halbe Million Ungarndeutschen im Lande. Nur aus den westlichen Grenzgebieten, um Ödenburg/Sopron, Körmend usw., wurden etwa 75.000 vertrieben. Auch die deutsche Volksgruppe Jugoslawiens war vor dem Zweiten Weltkrieg etwa eine halbe Million Menschen stark. Nach 1945 wurden von der Tito-Administration nur mehr 25.000 gezählt. Der größte Teil der Jugoslawien-Deutschen wurde bereits von Hitler ausgesiedelt oder flüchtete noch während des Zweiten Weltkriegs. Über 100.000 gingen in Lagern zugrunde, weitere 100.000 wurden nach Mai 1945 über die Grenze vertrieben.

Insgesamt dürften weit über zehn Millionen Deutsche vertrieben oder ausgesiedelt worden sein (schon vorher war eine knappe Million von Hitler "heim ins Reich" geholt worden), seriöse Schätzungen über die Zahl der Getöteten gehen bis zu 2,5 Millionen.

Anders als manche "linke" Rechtfertiger der Vertreibungen behaupten oder suggerieren, war von den Vertreibungen nicht eine vermeintliche deutsche Oberschicht in Osteuropa betroffen. Eine solche Argumentation trifft vielleicht teilweise auf das Baltikum oder das Banat und Siebenbürgen zu (d.h. auf einen winzigen Prozentsatz der Vertriebenen), wo die deutsche Minderheit in der Schicht der Großgrundbesitzer, der Großbauern oder zumindest der etwas wohlhabenderen Bauern klar und eindeutig überrepräsentiert war. In der überwiegenden Mehrzahl aber waren die Vertriebenen Arbeiter, Landarbeiter und Kleinbauern. Die Industriestädte Königsberg, Danzig und Stettin, die Bergbau- und Industrieregion Oberschlesien, die Industriezentren Niederschlesiens und die sudetendeutschen Industrieregionen Nordböhmens und Nordmährens waren Zentren der deutschen Arbeiterklasse, Gebiete mit einer langen Tradition der Arbeiterbewegung. Aus all diesen Gebieten wurde die Bevölkerung weitgehend ohne Unterschied von Klassenzugehörigkeit oder politischer Gesinnung vertrieben.

Und anders, als "linke" Rechtfertiger meinen, waren die Folgen der Vertreibungen und der nationalistisch motivierten Gewalttaten gegen die Deutschen durchaus reaktionärer Natur: Wenn Ilja Ehrenburg, hochangesehener stalinistischer Schriftsteller, öffentlich zur massenhaften Vergewaltigung deutscher Frauen, zur Tötung aller Deutschen aufrief, war das Ergebnis des öffentlich gepredigten Hasses gegen alles Deutsche, das Ergebnis der Pogromstimmung, die damit erzeugt wurde, nicht die vorgebliche "Läuterung" vom faschistischen Ungeist, sondern das Zusammenschweißen "der Deutschen". Die nationalistische Logik des Stalinismus führte nicht zu einem Klasse gegen Klasse, unabhängig von Nation und Sprache, sondern zu einer weiteren Drehung der Spirale nationalen Hasses. Die stalinistische Rechtfertigung der Vertreibungen führte aber auch zu einer scheinbaren nachträglichen Bestätigung dessen, was die nationalsozialistische Propaganda den Deutschen 12 Jahre lang eingetrichtert hatte: daß es eine Einheit zwischen Nationalsozialismus und deutschem Volk, der deutschen Nation gebe - die unterschiedslose Behandlung von Millionen Deutschen unabhängig von ihrer Klasse und ihrer Weltanschauung schien eine Bestätigung nationalistischer Anschauungen zu sein und war ein Schlag ins Gesicht aller klassenbewußter Arbeiter.

Und in diesem Sinne wirken die Vertreibungen auch noch heute im kollektiven Gedächtnis von Millionen nach und ist die Hoffnung auf die "biologische Lösung", mit der man über das Thema der Vertreibungen die Akten der Geschichte schließen könne, wohl mehr als naiv. Eine Auseinandersetzung von einem marxistischen, internationalistischen Standpunkt aus mit dieser Frage ist damit eine wichtige Aufgabe der Linken geblieben, der sie nur ungenügend, oftmals auch gar nicht nachgekommen ist.

 

In den beiden folgenden Abschnitten wollen wir mit Manfred Scharinger daher zuerst einen kurzen Blick auf die sudetendeutsche Frage in der Zeit der ersten Tschechoslowakischen Republik (1918-1939) werfen und in der zweiten Arbeit die "Lösung" dieser Frage durch die Aussiedlung 1945/1946 betrachten - denn auch die Vertreibung der deutschen Bevölkerungen aus Osteuropa gehört in diese Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Jahres 1945 - und damit zum Thema dieser vierten Ausgabe von Marxismus.

 

Inhalt:

I.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die sudetendeutsche Frage in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen

1.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die Gründung der Tschechoslowakischen Republik

2.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Aktivismus und Negativismus

3.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die Kommunistische Partei und die nationale Frage

4.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ 30er Jahre: Zuspitzung der nationalen Frage

5.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ München 1938

6.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Sudetendeutscher Widerstand gegen Hitler

 

II.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die Vertreibung der deutschen aus Osteuropa

ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Am Beispiel der Sudetendeutschen

1.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Das theoretische Konzept der ethnischen Säuberungen

2.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ "Heim ins Reich!"

3.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ "Germanisierung" Böhmens und Mährens

4.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Charakter des Exils

5.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die Exil-Diskussion um die Aussiedlung

6.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die UdSSR, die KPTsch und die Aussiedlungspläne

7.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Das Programm von Kosice

8.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Odjezd, Utek, Vyhnani, Vysidleni oder Odsun?

9.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die Phase der "wilden" Vertreibungen

10.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Österreich und die "wilden" Vertreibungen

11.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die Potsdamer Konferenz und die Folgen

12.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Antifaschisten, KPTsch und Vertreibungen

13.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die Lage der zurückgebliebenen Deutschen

14.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Ökonomische und politische Konsequenzen der Vertreibungen

15.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die Vertriebenenorganisationen

16.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Eine politische Bewertung der Vertreibungen

17.ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ Die Position der IV. Internationale

 

* * *

 

I. Die sudetendeutsche Frage in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen

 

1. Die Gründung der Tschechoslowakischen Republik

 

Während des Ersten Weltkriegs entwickelte sich in den tschechischen Gebieten eine breite Antikriegsbewegung, die ab etwa 1917/1918 immer stärker in einen Kampf um staatliche Eigenständigkeit umschlug. 1916 wurde in Paris von einigen Exilpolitikern, darunter Masaryk, Benes und dem Slowaken Stefanik, der Tschechoslowakische Nationalrat gegründet, der im Sommer 1918 durch die Teilnahme der Tschechoslowakischen Legion an der Intervention gegen die Sowjetunion als Verbündeter der Entente anerkannt wurde. In Prag hatten sich die tschechischen Reichsrats- und Landtagsabgeordneten bereits am 6. Jänner 1918 zur Eigenstaatlichkeit bekannt. Noch aber blieb es bei Erklärungen. Am 19. Oktober veröffentlichten amerikanische Zeitungen eine Unabhängigkeitserklärung, die Masaryk in Washington abgegeben hatte. Am 26. Oktober erhielten jene tschechisch-sprachigen Beamten in Wien Urlaub, die sich am Aufbau des neuen Staates beteiligen wollten, und am 29. Oktober 1918 proklamierte dann der Tschechische Nationalausschuß in Prag die Tschechoslowakische Republik (CSR); eine analoge Entwicklung vollzog sich in der Slowakei, wo der Slowakische Nationalrat in der Deklaration von Martin am 30.10.1918 den Zusammenschluß zum einheitlichen Staat erklärte.

Die Staatsgründer ließen niemanden im unklaren darüber, daß der neue Staat, die CSR, ausschließlich ein Nationalstaat der "Tschechoslowaken" sei, also auf der Fiktion nationaler Einheitlichkeit der Tschechen und Slowaken (und der Karpato-Ukrainer) beruhte. Diese "tschechoslowakische Nation" (die in ihrer Konsequenz die Negierung der slowakischen nationalen Interessen bedeutete) machte 1918 63% der Gesamtbevölkerung aus, denen 37% an Minderheiten (im wesentlichen Deutsche und Ungarn, aber auch Polen und andere kleinere Minoritäten) gegenüberstanden. In den böhmischen Ländern bestand ein Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen von etwa 60 : 40, wobei der Großteil der 3,3 Millionen Deutschen die Grenzgebiete Böhmens bewohnte und hier die große Mehrheit der Gesamtbevölkerung ausmachte. Neben den eigentlichen Sudetendeutschen, die in den beiden Arbeiten im zentralen Blickwinkel stehen, setzte sich die deutsche Nationalität der Tschechoslowakei noch aus drei anderen Komponenten zusammen: den "Karpatendeutschen" der Slowakei und der Karpato-Ukraine (etwa 160.000), den Deutschen in den Zentren Innerböhmens, die - wie etwa die Prager deutsche Gemeinde - in ihrer bürgerlichen Oberschicht zu großen Teilen jüdisch war, und den Deutschen des ehemaligen Österreichisch-Schlesien, des Hultschiner Ländchens (Hlucin), die ebenfalls nicht zu den Sudetendeutschen gerechnet wurden und nach 1945 zu einem Teil auch nicht ausgesiedelt wurden.

Mit dieser Staatsgründung wurden von vorneherein die übrige Bevölkerungsgruppen in einen rechtlich niedrigeren Rang versetzt. Und durch die nur von den "tschechoslowakischen" Abgeordneten (Tschechen, Slowaken und Ukrainern) beschlossene Verfassung von 1920 wurde diese Situation für die Jahre bis 1938 festgeschrieben - die Nicht-Tschechoslowaken fühlten sich für den Staat, den sie nicht gewollt hatten und der nicht der ihre war, nicht verantwortlich. Wenn von der Tschechoslowakischen Republik gesagt wurde, sie habe zwar die Schwächen, nicht aber die Stärken der zerbrochenen k.k. Monarchie geerbt, so nahm dies vor allem darauf Bezug, daß die Monarchie den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Völker und Stämme aufgestellt hatte, während die CSR eine nationale Mehrheitsherrschaft fixierte und den nationalen Minderheiten nur die individuelle Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetz, nicht aber kollektive Minderheitenrechte zumindest im Sinne einer kulturellen Autonomie garantierte. Dieser Vergleich zwischen Monarchie und Tschechoslowakei, der noch dazu zugunsten der k.k. Monarchie ausfällt, bleibt allerdings auf einer mehr als oberflächlichen, rein formalen Ebene und läßt die Tatsache unberührt, daß die Tschechen im österreichischen und die Slowaken im ungarischen Reichsteil national unterdrückt waren, die deutsch-österreichische Bourgeoisie in der Realität dominierte und die Deutsch-Österreicher im österreichischen Reichsteil faktisch national privilegiert waren.

Als Nationalstaat der Tschechoslowaken hatte der neue Staat von vorneherein eine anti-deutsche (und in zweiter Linie anti-ungarische) Schlagseite. Die Verweigerung nationaler Interessen der Deutschen war dabei nicht zufällig entstanden, sondern die CSR war so konzipiert gewesen. Tomas Garrigue Masaryk, der Begründer und Führer der auf dem linken Flügel der tschechischen Bourgeoisie stehenden Tschechischen Volkspartei, der sogenannten "Realisten", stand an der Spitze der tschechoslowakischen Auslandsarbeit während des Ersten Weltkriegs, war maßgeblich an der Gründung der CSR beteiligt und schließlich ihr Präsident von 1918 bis 1935. Willfährig gegenüber den Interessen des britischen und amerikanischen Imperialismus, aber hellhörig, was den deutschen betraf, verfaßte er 1917 seine grundlegende Broschüre "Das Neue Europa", die 1918 für die Alliierten als Denkschrift diente. Polen, Tschechoslowaken und Jugoslawen waren für ihn die "drei slawischen Nationen, durch den hundertjährigen Kampf mit den Deutschen und Magyaren gestählt, (die) in der anbrechenden demokratischen Epoche eine natürliche Wehr gegen den deutschen Drang nach Osten" bilden sollten. Klarerweise mußten deshalb die Grenzen zugunsten der neuen Staaten gezogen werden - Gdansk/Danzig sollte an Polen kommen, "damit es einen direkten Zugang zum Meer" habe, über den Anschluß der Lausitzer Sorben an eine zu gründende CSR wurde nachgedacht. Um die Trennung der Tschechoslowaken von den Südslawen zu überwinden, erwog Masaryk auch die Bildung eines Korridors, der die Deutschen und die Ungarn trennen sollte: "Er würde bei Preßburg beginnen und sich längs der niederöstereichischen und steiermärkischen Grenze bis zur Mur hinziehen." Bezüglich der Sudetenländer war die Maxime, daß die Landeseinheit erhalten werden müsse, da in dem "sogenannten deutschen Sprachgebiet in Böhmen" viele Tschechen lebten, gegenüber denen es "ungerecht" wäre, sie dem "Pangermanismus zu opfern".

Von der Zeit der Staatsgründung im Oktober 1918 bis zum Abschluß der Friedensverträge 1919 hofften die Sudetendeutschen noch auf die vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson am 8.1.1918 proklamierten "14 Punkte", deren 10. Punkt "den Völkern von Österreich-Ungarn (...) Gelegenheit zu einer autonomen Entwicklung" geben sollte. Am 29. und 30. Oktober 1918 traten die deutschen Abgeordneten für Böhmen, Mähren und Schlesien in Wien zusammen. Die deutsch-böhmischen Abgeordneten des Reichsrates reklamierten das "Selbstbestimmungsrecht der Nationen" für sich und erklärten "Deutschböhmen als eigenberechtigte Provinz des Staates Deutschösterreich". Die Deutschen Nordmährens und Österreichisch-Schlesiens vereinigten sich zur Provinz Sudetenland, die Deutschen Südböhmens und Südmährens beschlossen den Anschluß der von ihnen vertretenen Gebiete an Ober- und Niederösterreich. Deutsch-Österreich erklärte sich am 12. November 1918 zur Republik und zu einem Teil der Republik Deutschland und bezog die deutschen Gebiete der böhmischen Länder in sein Landesgebiet ein. Insgesamt ging es bei den böhmischen Ländern um ein Gebiet von 26.000 Quadratkilometer mit ca. 3,2 Millionen Einwohnern, davon 3,050.000 Deutsche und 160.000 Tschechen.

Die nach Prag gereiste Delegation unter dem Vorsitz des böhmischen Sozialdemokraten Josef Seliger sollte dort den Vorschlag unterbreiten, bis zur endgültigen Klärung der Frage in einer Friedenskonferenz die momentane Aufteilung Böhmens und Mährens beizubehalten. Die neugegründete CSR antwortete mit vollendeten Tatsachen, der Besetzung der Grenzgebiete. Eine Teilnahme an den Wahlen zur österreichischen Nationalversammlung vom 16. Februar 1919 wurde verweigert, eine Volksabstimmung später ebenso. Zum nationalen Trauma für die Sudetendeutschen wurde der 4. März 1919: Protestkundgebungen der sudetendeutschen Sozialdemokratie und Gewerkschaften werden von der Regierung als österreichische "Spionage- und Propagandaverschwörung" hochstilisiert und mit Schießbefehl beantwortet - die Bilanz: über 100 Verletzte und 54 Tote, als "Märztote" in Zukunft fester Bestandteil deutschnationaler Propaganda.

Die Friedensverträge von St. Germain und Versailles verwarfen samt und sonders die Wünsche der Sudetendeutschen nach nationaler Selbstbestimmung: Denn die CSR und ihre Grenzen waren nicht nur eine Angelegenheit von Tschechen und Deutschen, sondern das Ziel der Friedensverträge in Paris war eine anhaltende Schwächung und Umklammerung Deutschlands - durch ein System von Sicherheitsbündnissen, dessen östlicher Eckpfeiler in Mitteleuropa die CSR werden sollte. Auch als Teil des Cordon Sanitaire gegen die Sowjetunion waren die Siegermächte an einer starken Tschechoslowakei interessiert. Ihre Grenzen sollten deshalb möglichst weitgehend natürlichen Linien folgen können - auch über die "nationalen Scheidelinien" zwischen Tschechen und Deutschen hinaus, denn die andersnationalen Grenzgebiete würden nach einem aufsehenerregenden Interview Masaryks mit der französischen Zeitung Le Matin ohnehin "sehr rasch entgermanisiert werden". Die Sudetendeutschen waren damit 1919 international ebenso isoliert, wie es die CSR 20 Jahre später zum Zeitpunkt von München sein würde - auch wenn die Folgen von München für die Tschechen natürlich wesentlich drastischere waren als die von St. Germain für die Sudetendeutschen.

 

2. Aktivismus und Negativismus

 

Die Revolutionäre Nationalversammlung der CSR löste sich nach Verabschiedung der Verfassung und der wesentlichen Grundgesetze selbst auf. Danach kam es zu den ersten Parlamentswahlen, bei denen auch die Minderheiten wahlberechtigt waren. Als Siegerin unter den Parteien der deutschen Minderheit erwiesen sich die Sozialdemokraten mit 32% der (deutschen) Stimmen.

Die deutschen Parteien - die KP, die einen Sonderfall darstellte, wurde erst 1921 gegründet - waren sich trotz aller Unterschiede in zwei entscheidenden Punkten einig: Ablehnung der Verfassung und Forderung nach kultureller Autonomie. Auch die Sozialdemokraten, die als reformistische Kraft keine über den Kapitalismus hinausreichende Strategie aufwiesen, forderten ein Verfassungssystem nach Schweizer Vorbild, also eine Kantonalisierung der CSR. Der Vorsitzende des Deutschen Parlamentarischen Verbandes, Lodgman von Auen, und die Sozialdemokraten erklärten unisono bei der Parlamentseröffnung, daß sie die Tschechoslowakei als "einseitige tschechische Gründung" und die Inbesitznahme des geschlossenen deutschen Siedlungsgebietes als "illegal" ansahen.

Damit jedoch hatten sich die Vertreter der deutschen Parteien, von den offen bürgerlichen bis zu den reformistischen Kräften, in eine Abseitsposition manövriert: Denn die führenden tschechischen Parteien, die christlich orientierte Volkspartei, die tschechischen Sozialdemokraten und die tschechischen Nationalsozialisten (die nicht mit ihren deutschen Namensvettern zu verwechseln sind und soziale Demagogie mit nationaler kleinbürgerlicher Ideologie kombinierten) verhinderten jede Revision der Verfassung, unerbittlich jedes Zugeständnis gegenüber den Minderheiten bekämpfend.

Wenn schon die Verfassung nicht geändert werden konnte, so versuchten die deutschen bürgerlichen Parteien über andere Wege Zugeständnisse zu erreichen. War der internationale Aspekt bei der Gründung der CSR ein entscheidendes Element gewesen, so sollte nun wieder die internationale Öffentlichkeit, also der Völkerbund, eingespannt werden - eine Strategie, die sich mit der des deutschen Außenministeriums unter Stresemann deckte. Aber auch das funktionierte nicht: 1922/1923 wurden neun sudetendeutsche Petitionen an den Völkerbund eingereicht, bis 1929 ein weiteres Dutzend. Doch die im Völkerbund vertretenen imperalistischen Mächte akzeptierten in allen Fällen den offiziellen Standpunkt der Regierung - die Minderheiten wurden nicht einmal über die Gründe, die zur Ablehnung geführt hatten, informiert.

Diese Erfahrungen führten zum "Negativismus", also der Anschauung, alle Versuche, zu einem innerstaatlichen Ausgleich zu kommen, müßten ohnehin scheitern. Denen standen die "Aktivisten" gegenüber, die sich zu einer (begrenzten) Mitarbeit an der Republik bereit erklärten - die Sozialdemokraten, die Christlichsozialen und der Bund der Landwirte, die bis Mitte der 30er Jahre über eine stabile Mehrheit in der deutschen Bevölkerung verfügten. Die "Aktivisten" beteiligten sich an Regierungen oder verbreiterten zumindest von außen deren Basis, um über eine "Politik der kleinen Schritte" und den Abbau des Mißtrauens Zugeständnisse von tschechischer Seite zu erreichen. Aber letztendlich war der "Aktivismus" Mitte der 30er Jahre genauso bankrott wie der "Negativismus".

Ihren Bankrott hatte vor allem aber auch eine der aktivistischen Parteien, die Sozialdemokratie, zu erklären. Die traditionelle reformistische Partei war in der CSR entlang der nationalen Linien gespalten - wie schon in den letzten Jahren der k.k. österreichisch-ungarischen Monarchie. Sprachen zwar die tschechischen Sozialdemokraten in ihrem Parteiprogramm von 1930 von einer Kulturautonomie, die den Minderheiten zugestanden werden sollte, so gelang es der deutschen und der tschechischen Sozialdemokratie nicht einmal, ein gemeinsames Programm unmittelbarer Forderungen zustandezubringen, geschweige denn in eine gemeinsame Kampffront zu treten. Das Versagen des Reformismus zeigt wohl am schönsten, daß sowohl die tschechische als auch die deutsche Sozialdemokratie in allen entscheidenden Fragen, die das Zusammenleben der verschiedenen Nationen berührte, innerhalb der Solidarität ihres nationalen Lagers verblieb. Nationale Solidarität vor Klassensolidarität, das ist das vernichtende Urteil, das die Geschichte über den tschechoslowakischen sozialdemokratischen Reformismus, sowohl deutscher als auch "tschechoslowakischer" Provenienz, schrieb.

 

3. Die Kommunistische Partei und die nationale Frage

 

Die einzige Partei, die diesen Anspruch des Vorrangs der Klassensolidarität stellte und umzusetzen versuchte, war die Kommunistische. Nicht zuletzt wegen der komplizierten nationalen Verhältisse wurde die KPTsch relativ spät gegründet - sie hinkte mit ihrem Gründungsdatum 1921 gute drei Jahre den meisten anderen kommunistischen Parteien Europas hinterher. Denn auch die KP konnte sich in der komplizierten deutsch-tschechischen Frage, deren Lösung noch durch den slowakischen Sonderfall erschwert wurde, nur schlecht zurechtfinden.

Wie schlecht, das zeigt wohl am besten ein Blick in den 1980 publizierten "Grundriss der Geschichte der KPTsch". So wie die Vertreibung der Sudetendeutschen, die ja auch einen großen Teil derjenigen deutschen Kommunisten betraf, die den Faschismus überlebt hatten, wohlweislich übergangen wird, genauso oberflächlich wird die Politik der KPTsch in der nationalen Frage behandelt. Denn die KPTsch wurde zwar nach 1945 zur eifrigsten Verfechterin der Aussiedlung, aber bis dahin hatte sie eine ganze Reihe von Schwenks in der nationalen Frage hinter sich gebracht, die es wert sind, hier etwas genauer unter die Lupe genommen zu werden. Denn sie zeigen alle zusammen eines: wie weit der politische Weg bis zur stalinistischen Vorkämpferin der Vertreibung der Deutschen war.

Denn gerade in der nationalen Frage ergaben sich im tschechoslowakischen Staat große Probleme: So forderten die Aufnahmebedingungen in die Kommunistische Internationale, die KomIntern, eine einheitliche zentralistische Partei in jedem Land. Dadurch aber befürchteten die tschechischen Kommunisten, ihre Positionen in der tschechischen Arbeiterschaft zu verlieren, die wie die tschechische Bourgeoisie bis weit nach links hinein in ihrer großen Mehrheit den neuen tschechoslowakischen Staat bejahte. Demgegenüber standen die sudetendeutschen Kommunisten in der Tradition des Reichenberger linken Vorkriegs-Sozialdemokraten Strasser und seiner Arbeit "Der Arbeiter und die Nation" (Strasser war inzwischen nach Wien übersiedelt und wurde nach 1918 Mitglied der neugegründeten KPÖ). Mit orthodoxer Strenge wurde der Vorrang der Klasse vor der Nation betont. Als schließlich die KPTsch nach direkter Intervention der KomIntern und mit Hilfe der sudetendeutschen Kommunisten gegründet wurde, war sie die einzige Partei, die sowohl Tschechen, Slowaken, Ukrainer als auch Deutsche, Polen und Ungarn zu ihren Mitgliedern zählte (dazu noch das deutsch-jüdische Element, das gerade in Prag und anderen städtischen Zentren wie Bratislava gar nicht so klein war). Daher sprach auch das EKKI, das Exekutivkomitee der KomIntern, anläßlich der Gründung der KPTsch von einem "ersten und wichtigen Schritt zur Gründung einer proletarischen Einheitsfront gegen den Nationalismus". Und Karl Kreibich, der Führer der sudetendeutschen Kommunisten, sekundierte: "Unsere Pflicht ist es, Brücke zu sein zwischen dem deutschen und dem tschechoslowakischen Proletariat. (...) Wenn uns das gelingt, dann hat die letzte Stunde des Kapitalismus in Europa geschlagen."

Und in der Tat hatte die CSR für die internationale Strategie der KomIntern, doch noch die Isolierung der Sowjetunion zu durchbrechen, eine enorme politische und strategische Bedeutung. Im Osten an die UdSSR reichend, im Westen an Deutschland, konnte sie zur Brücke zwischen Mitteleuropa und der Sowjetunion werden, gleichzeitig aber konnte sie auch die Achse Polen - Ungarn, die beide extrem nationalistische, anti-kommunistische Regierungen bekommen hatten, unterbrechen oder verstärken. Eine Lösung der Nationalitätenfrage in der CSR in einem fortschrittlichen Sinne konnte den Weg nach links freimachen - eine nationalistische Verhetzung des Proletariats mußte zu einer strategischen Schwächung der gesamten CSR-Linken unabhängig von ihrer Nation führen.

In einer ersten Phase nach der späten Gründung 1921 setzten die Kommunisten in der CSR daher auch betont auf internationale Eintracht - ein Bekenntnis der sudetendeutschen Kommunisten zur CSR sollte eine Brücke dafür sein, daß die tschechoslowakischen Kommunisten ihrerseits Front machten gegen die nationale Bedrückung der deutschen Proletarier durch die tschechische Bourgeoisie. Die KomIntern erklärte mit Bezug auf die mögliche Abspaltung (Irredenta) der Minderheiten: "Die kommunistisch gesinnten Proletarier der Minderheitsnationen werden daher gegen den Versuch einer nationalen Irredenta entschieden und energisch kämpfen. Das bedeutet natürlich für die Proletarier der Mehrheitsnation die Verpflichtung, den nationalen Unterdrückungsgelüsten ihrer Bourgeoisie ebenso energisch entgegenzutreten und so den Proletariern der Minderheitsnationen ihre kommunistische Politik in der nationalen Frage zu ermöglichen."

Diese Position war auf "tschechoslowakischer" Seite mit dem Namen Smeral verbunden - später ein Synonym für "Opportunismus" und "Revisionismus" während der ultralinken Dritten Periode der KomIntern. Smeral wendete sich gegen nationale Sonderwege und gegen die Zerschlagung größerer wirtschaftlicher Einheiten, im übrigen vertrat die KP zu dieser Zeit die Position der tschechoslowakischen Nation, also der These, daß es sich bei Tschechen und Slowaken nicht um zwei (nahe verwandte) Nationen, sondern um zwei Stämme einer einzigen, gemeinsamen Nation handeln würde. Er bevorzugte eine sozialistische Föderation, aber bis diese Idee materialisiert werden könnte, hätte die KPTsch die bürgerliche Republik Tschechoslowakei zu akzeptieren und zu unterstützen. Er bevorzugte - wie die Sozialdemokraten - ein Kantonalsystem mit einer autonomen Slowakei und die Umwandlung der CSR in einen Staat gleichberechtigter Nationen nach Schweizer Muster.

Die zweite Phase der Geschichte der KPTsch brachte eine grundlegende Revision dieser Position. Bereits am 5. Weltkongreß der KomIntern lautete die Richtlinie für die Tschechoslowakei: "Die KPTsch muß den Kampf der nationalen Minderheiten gegen die Unterdrückung seitens der herrschenden tschechischen Bourgeoisie, die ein direkter Vasall des französischen Imperialismus ist, unterstützen. Indem die KPTsch das Selbstbestimmungsrecht der Völker einschließlich der staatlichen Lostrennung anerkennt und alle Versuche bekämpft, die nationalen Minderheiten mit Gewalt im Rahmen des gegenwärtigen Staatswesens zu halten, ist sie verpflichtet, die durch die nationalen Minderheiten aufgestellten Forderungen gegen die nationale Unterdrückung mit allen Mitteln zu unterstützen." Diese neue Linie, die nicht mehr grundlegend davon ausging, die Tschechoslowakei erhalten zu wollen, wurde am 2. Kongreß der KPTsch (31.10.-4.11.1924) angenommen.

Die Fraktion um Klement Gottwald, die die "Bolschewisierung" der KPTsch auf ihre Fahnen schrieb, entwickelte auf dieser Linie um 1926 die Position der Separation der Slowakei, deren Anschluß an die Sowjetunion und damit der Zerschlagung der CSR. Die Abtrennung der Sudetengebiete, wenn die dort lebenden Deutschen dies wünschten, sollte ebenso unterstützt werden. Diese Linie setzte sich gegen die Position Smeral/Kreibich, die von der Forderung nach nationaler Autonomie im Staatswesen der CSR ausging, die Option der Lostrennung aber nicht propagieren wollte, durch.

In der ultralinken Phase wurde die Sprache der KPTsch, die nun auf 1932 nur mehr 60.000 Mitglieder geschrumpft war, härter: Sozialdemokraten waren "Sozialfaschisten", und auch in der nationalen Frage war die vorsichtige Linie Smerals und Kreibichs endgültig Vergangenheit. Der sechste Parteitag der KPTsch von März 1931 lag ganz auf dieser Linie. Der Parteitag analysierte als Aufgabe des Proletariats der CSR den Kampf für die "Zerschlagung der imperialistischen Friedensverträge und für den Sturz des imperialistischen Systems". Die Tschechoslowakei unterdrücke als Teil des Versailler Systems acht Millionen Menschen fünf verschiedener Nationen (gemeint waren Deutsche, Slowaken, Ungarn, Karpato-Ukrainer und Polen), denn: "Die Tschechoslowakei ist ein schlimmerer Völkerkerker, als es das alte Österreich war."

Die "Hauptthesen" der KPTsch zur nationalen Frage lauteten nun:

"Gegen die Besetzung des deutschen Teiles von Böhmen, der Slowakei, der Karpato-Ukraine und des Teschener Gebietes durch die imperialistische tschechische Bourgeoisie und für deren Räumung von den Organen der tschechischen Okkupationsmacht!"

"Gegen die imperialistischen Friedensverträge von Versailles, Trianon und St. Germain!"

"Für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen bis zur Loslösung vom Staat!"

War die erste Phase der Politik der KPTsch von der Position des Tschechoslowakismus inspiriert gewesen, änderte die Partei ab 1924 die Position nun zugunsten einer stärkeren Betonung der nationalen Rechte und einer Zerschlagung der CSR. Nun kam es nach der Machtübernahme Hitlers ab 1934 zu einer erneuten Kurskorrektur um 180%. Die KPC war damit nur der treue Erfüllungsgehilfe Stalins im Kreml, denn die außenpolitische Umorientierung der UdSSR erforderte auch eine Änderung der Politik in der CSR. Die Sowjetunion suchte nach außenpolitischen Verbündeten gegen den erstarkten Faschismus in Deutschland, der an seiner aggressiven Politik, "Lebensraum im Osten" gewinnen zu wollen, keinen Zweifel ließ. Und diese Verbündeten fand die Sowjetunion im französichen Imperialismus, seinen "Vasallen", wie eben der Tschechoslowakei, und ganz allgemein im Völkerbund, in den die UdSSR ein- und Hitler-Deutschland austrat. 1934 stellte die CSR diplomatische Beziehungen zur UdSSR her, und 1935 wurde mit ihr ein Beistandspakt abgeschlossen.

Vom "Recht auf Selbstbestimmung bis zur Loslösung" wurde nun nichts mehr geredet, statt dessen von der "Verteidigung der Republik" und ihrer "territorialen Integrität" gegenüber jedweder Aggression. Stalin und in seinem Schlepptau auch die KPTsch prangerten nun nicht mehr das "Versailler System" an, sondern wurden zu seinen treuesten Garanten - der status quo sollte mit allen Mitteln aufrechterhalten werden. Die spektakuläre Umorientierung verlief aus mehreren Gründen problemlos: Erstens war die Kommunistische Partei in dieser Phase bereits durch und durch stalinisiert und bürokratisiert, von dieser Seite also war von vorneherein wenig Widerstand zu befürchten gewesen. Zum zweiten aber wurde die Positionsänderung zur nationalen Frage und zur Tschechoslowakei in der KPTsch von den meisten einfachen Parteimitgliedern mit Erleichterung aufgenommen. Die Partei hatte seit 1924 mehr oder weniger offen die Abtrennung der Sudetenländer propagiert, was auf die Zerschlagung der tschechoslowakischen Republik hinauslief. Diese Parole war schon vor 1933 und dem Machtantritt Hitlers unter den tschechischen Parteimitgliedern nicht populär gewesen. Aber in dieser Periode war auch eine Mehrheit der Deutschen nicht zu den Befürwortern eines Anschlusses an Deutschland zu zählen - und nun, nach dem Machtantritt Hitlers, war für jeden klassenbewußten Arbeiter auch nur der Gedanke an den Anschluß an ein faschistisches Deutschland unannehmbar. Die Aufrechterhaltung der CSR war, mangels einer anderen Perspektive, für das Gros der Parteibasis daher das "kleinere Übel". Die Partei fand deshalb in kurzer Zeit nach diesem Positionswechsel eine neue Basis, vor allem im Mehrheitsvolk, in der tschechischen Arbeiterklasse.

An die Stelle des Rechtes auf nationale Selbstbestimmung bis zur Lostrennung trat nun die Betonung der nationalen Gleichberechtigung aller Völker mit den Tschechen als einer der Voraussetzungen "zur erfolgreichen Verteidigung der tschechoslowakischen Repubik gegen den Faschismus". Die neue Losung hieß: "Kein Dorf, kein Baum an Hitler oder Horthy!" Eine Kommission der KPTsch sollte aber die Situation in den deutschsprachigen Grenzgebieten untersuchen, "Volksrechte" wurden propagiert und 1936 ein Memorandum "für einen nationalen Ausgleich zwischen Tschechen und Sudetendeutschen" der Regierung in Prag vorgelegt. Die sehr moderaten Forderungen zielten auf eine soziale Verbesserung der Situation in den Grenzgebieten ab, die von der Wirtschaftskrise ganz besonders in Mitleidenschaft gezogen waren, und sollten die Basis für ein vertieftes Vertrauen von Tschechen und Deutschen abgeben. Obwohl keine einzige der sieben konkreten Minimalforderungen auch nur im entferntesten den Rahmen des Kapitalismus gesprengt hätte und sie allesamt auch von einer bürgerlichen Partei durchaus zu erfüllen gewesen wären, setzte sich die KPTsch mit ihrer stalinistisch inspirierten Volksfrontkonzeption nicht durch - die nationale Solidarität blieb in der CSR auch nach Hitler stärker; die KPTsch fand trotz heißem Bemühen weder unter den deutschen noch unter den tschechischen bürgerlichen Parteien die so sehr umworbenen Bündnispartner.

 

4. 30er Jahre: Zuspitzung der nationalen Frage

 

Auch in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, als die aktivistischen Parteien der deutschen Volksgruppe die unbestrittene Mehrheit darstellten, war der Negativismus nicht völlig verschwunden. Während als erste die Sozialdemokratische Arbeiterpartei von ihrer grundsätzlich feindlichen Haltung gegenüber dem tschechoslowakischen Staat abging und ihr der Bund der Landwirte und die Christdemokraten in der konstruktiven Opposition folgten (ja sogar in die Regierung gingen), verblieben die Deutsche Nationalpartei (DNP) und die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP), die schon 1918 ohne Hitlers Zutun auf deutschböhmischem Gebiet gegründet worden war, auf ihrer Position der Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit.

Von Oktober 1926 bis 1938 waren ständig bürgerliche Minister der deutschen Volksgruppe in den Regierungen vertreten, was aber am grundsätzlichen Problem, daß die Tschechoslowakei eben doch ein "exklusiver" Staat der slawischen Mehrheitsnationen war, nichts ändern konnte. Die Politik der Entnationalisierung, der Assimilation, ging auch während der aktivistischen Phasen verstärkt weiter; die auch offiziell nun "verdeutschte Gebiete" ("ponemcene uzemi") genannten sudetendeutsche Bezirke sollten in ihren "urtschechischen Zustand" rückversetzt werden. Natürlich: Die deutsche Volksgruppe besaß ein gut ausgebautes, traditionell hochstehendes Bildungswesen, ein bedeutendes Kuturleben mit eigenen Theatern etc., eine eigene, alteingesessene Bourgeoisie. Sie war damit im Vergleich zu anderen Minderheiten in Europa in einer äußerst vorteilhaften Lage. Doch die staatliche Assimilierungspolitik wirkte sich auch bei dieser traditionell starken Volksgruppe aus: Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Böhmen und Mähren 63.000 deutschsprachige Staatsbedienstete, 1930 nur mehr 30.000; in Eger/Cheb lag 1930 der tschechische Bevölkerungsanteil bei sieben Prozent, der tschechische Anteil an den Stellen im öffentlichen Dienst lag bei einem Drittel. Besonders das Sprachengesetz von 1926 wirkte assimilierend: Innerhalb von sechs Monaten mußte die Kenntnis der tschechischen Sprache in Wort und Schrift von Beamten bei Bahn, Post, Gemeinden... auch in rein deutschen Gebieten nachgewiesen werden, ansonsten wurde entlassen. Deutsche Minister durften bei offiziellen Anlässen die deutsche Sprache nicht verwenden etc.

Als Hitler 1933 an die Macht kam, änderte sich zudem die Situation ganz wesentlich. Die Prager Regierung löste die beiden "negativistischen" Parteien, die DNP und die DNSAP, auf - genauer gesagt, die beiden Parteien kamen dem behördlichen Verbot durch die Selbstauflösung zuvor. Einige führende Parteimitglieder gingen nach Deutschland, aber schon am 1. Oktober 1933 war eine Ersatzlösung gefunden: Von Konrad Henlein, einem politisch zuvor kaum in Erscheinung getretenen Turnlehrer, wurde zur "Vereinigung aller Deutschen" in einer "Sudetendeutschen Heimatfront" (SHF) aufgerufen. Die SHF, zwei Jahre später in "Sudetendeutsche Partei" (SdP) umbenannt, wurde zum Sammelbecken aller Deutschnationalen, aller Negativisten, aller Irredentisten. Sie bekannte sich zwar formell und nach außen hin zum tschechoslowakischen Staat, war aber als reaktionäre Sammelpartei von Beginn an stark vom Nationalsozialismus beeinflußt und von dessen Parteigängern unterwandert, die einen bewußten faschistischen Kern bildeten.

Anfangs allerdings war die Linie der Partei zur Frage des tschechoslowakischen Staates nicht völlig klar: In der Führung der Sudetendeutschen Heimatfront gab es auch Kräfte, die eine innerstaatliche Lösung vorgezogen hätten. Parteiführer Henlein stand ursprünglich dieser Tendenz sogar nahe. Erst mit dem zunehmenden Druck Deutschlands änderte sich sukzessive das Kräfteverhältnis in der SdP zugunsten der auf Deutschland eingeschworenen Nationalisten.

Ein zweites Element war die starre Haltung der tschechischen Bourgeoisie unter Benes, zuerst Außenminister und schließlich 1935 Staatspräsident. Sie war zu keinem Zugeständnis gegenüber der deutschen Nationalität bereit - in der verfehlten Annahme, daß die westlichen imperialistischen Mächte die Tschechoslowakei als Eckpfeiler des zusammenbrechenden Systems von Versailles beschützen würden. Zugeständnisse gegenüber der deutschen Minderheit, die von Großbritannien vorsichtig lanciert wurden, lehnte die tschechoslowakische Regierung strikte ab. Damit aber war einer vorsichtigen Wiederbelebung von "aktivistischen" Positionen von vorneherein jeglicher Boden entzogen.

Dabei hatten die Wahlen vom Mai 1935 das Kräfteverhältnis in der deutschen Nationalität völlig auf den Kopf gestellt: Während die Verhältnisse zwischen den tschechischen Parteien im wesentlichen unverändert blieben und die einzige nicht-national organisierte Partei, die KPTsch, etwa 100.000 Stimmen dazugewann, wurde mit einem Schlag die SdP zur stärksten deutschen Partei: 68% der deutschen Stimmen im tschechischen Landesteil erreichte die Henlein-Partei, während die "Aktivisten" weniger als ein Drittel der Stimmen erhielten. Die nach SdP-Vorbild in der Slowakei arbeitende und mit der SdP verbündete "Karpatendeutsche Partei" (KdP) von Franz Karmasin erreichte sogar 84% der deutschen Stimmen (allerdings war die deutsche Minorität sowohl prozentuell als auch absolut in der Slowakei wesentlich kleiner als im tschechischen Landesteil).

Der tiefere Grund für diese Umorientierung in der sudetendeutschen Nationalität lag in den ungelösten sozialen Problemen und der tiefen Enttäuschung, die darauf folgte. Denn die Weltwirtschaftskrise hatte ab 1930 die sehr stark exportabhängige Industrie ins Herz getroffen. Die Industrieproduktion sank bis 1933 auf 60% des Standes von 1929. Was aber der nationalen Demagogie der Sudetendeutschen Partei besonders entgegenkam, war die besondere Wucht, mit der sich die Krise in den deutschsprachigen Gebieten auswirkte. Gerade dadurch aber mußten die aktivistischen Parteien, die deutschen Regierungspartner in Prag in immer stärkeren Gegensatz zu ihrer Basis kommen. Sie konnten nicht wirklich die Assimilierungspolitik der Regierung verhindern, und sie konnten mit ihren bürgerlichen Konzepten und ohne Bruch mit der herrschenden tschechischen Bourgeoisie ebensowenig die soziale Not bekämpfen.

Die Zahl der Arbeitslosen betrug eine Million, zwei Drittel davon waren Deutsche, denn die Krise hatte die hochindustrialisierten deutschen Gebiete besonders getroffen. Auf 1.000 deutsche Einwohner kamen 18 Arbeitslose, auf 1.000 tschechische neun. Während sich zudem in den tschechischen Landesteilen nach 1933 die Situation langsam besserte, blieb sie in den sudetendeutschen Teilen nahezu unverändert schlecht. Noch 1936 waren mehr als 500.000 Sudetendeutsche ohne Arbeit, das war mehr als in ganz Frankreich. Im Oktober dieses Jahres war das Zahlenverhältnis der arbeitslosen Sudetendeutschen zu den arbeitslosen Tschechen 69 zu 31, bei einem in etwa umgekehrten Bevölkerungsverhältnis. All das trug zu einer Radikalisierung in der deutschsprachigen Bevölkerung bei - entsprechend der Perspektive, dem Gewicht der linken und rechten Kräfte und der Anziehungskraft des deutsche Reiches unter Hitler, das eine strahlende Zukunft ohne Arbeitslosigkeit versprach, ging diese Radikalisierung nach rechts.

 

5. München 1938

 

1935 hatte der große Wahlsieg der SdP zum Ausdruck gebracht, daß ein großer Teil der Sudetendeutschen nicht mehr bereit war zuzuwarten. Die Veränderungen der politischen Situation, das Erstarken des Deutschen Reiches, und die kampflose Eingliederung Österreichs stärkten den zu keinem Kompromiß bereiten Flügel der SdP noch weiter. Unter dem Eindruck der Okkupation Österreichs lösten sich nun die beiden größten bürgerlichen Parteien, die Christlichsozialen und der Bauernbund, "freiwillig" auf und überführten ihre Mitglieder in die Henlein-Partei.

Trotzdem gelang dem deutschen Imperialismus unter Hitler ein Einmarsch in das Sudetenland öhnlich dem in Österreich vorerst nicht. Die Deutsche Sozialistische Arbeiterpartei hatte 1935 noch etwa 80.000 Mitglieder und 300.000 Wähler, die KP bei den Wahlen von 1935 noch etwa 70.000 - 80.000 Stimmen in deutschen Gebieten erhalten. Trotz ihrer politischen Beschränkungen als bürgerlich-reformistische und stalinistische Kräfte konnten sie doch dem deutsch-chauvinistischen Druck standhalten. So gelang es Hitler im September 1938 nicht, das Sudetengebiet durch einen von außen gelenkten "Volksaufstand" in Besitz zu nehmen und dadurch das wenig später folgende "Münchner Abkommen" in seinen Ergebnissen vorwegzunehmen. In Berlin war ein "Sudetendeutsches Freikorps" gebildet worden, das unter der Parole "Heim ins Reich!" das Sudetengebiet für Deutschland gewinnen sollte. Der Widerstand der sudetendeutschen Antifaschisten, der tschechischen Bevölkerung und der tschechoslowakischen Sicherheitskräfte verhinderten einen Erfolg dieser Aktion, die von der sudetendeutschen Bevölkerung nicht in ausreichendem Maße unterstützt wurde.

Nach dieser "spontanen Erhebung" versuchte die Sozialdemokratie ihre letzten Kräfte zu mobilisieren: Aufmärsche der "Republikanischen Wehr" in allen größeren Städten des Sudetengebietes, fast überall von der KPTsch unterstützt, sollte die letzte Chance, gegen Hitler mobil zu machen, nützen. Das Gelöbnis der "Wehr" endete überall mit einem Gruß an die tschechoslowakische Armee und an den Präsidenten Benes. Im Aufruf der DSAP hieß es: "Es geht um Leben oder Tod unseres Volkes. Das Tor zur friedlichen Sicherung der sudetendeutschen Lebensinteressen steht weit offen. Nationale Gleichberechtigung, weitgehendste Selbstverwaltung unserer Angelegenheiten, wirtschaftlicher Wiederaufbau und soziale Hilfe können ereicht werden ohne Krieg." Ziel war die Abwehr Hitlers durch einen "sudetendeutschen Friedens- und Aufbaublock" im Sinne der klassenübergreifenden Volksfrontstrategie. Und fast prophetisch hört es sich an, wenn die SDAP in ihrem Aufruf vom September 1938, verbreitet im Rundfunk und in hunderttausenden Flugblättern, schrieb:

"Nur einmal in Jahrhunderten ergibt sich eine solche Gelegenheit, einen dauernden ehrenvollen Frieden mit unseren slawischen Nachbarn zu schließen. Wir haben die Möglichkeit in der Hand (...). Ein Deutschtum aber, welches wieder die verhängnisvolle Bahn der imperialistischen Gewaltpolitik einschlägt, das Gleichberechtigung ablehnt und nach Vorherrschaft über andere Völker strebt, wird früher oder später in einen blutigen Konflikt mit der aufstrebenden slawischen Welt und den jungen Völkern des Südens verstrickt werden. In einer gemeinsamen Entscheidung wird wieder eine waffenstarrende Welt gegen das deutsche Volk aufstehen. Die Sudetendeutschen werden das erste Schlachtopfer sein. Ihre Heimat würde im Zusammenprall der Weltkräfte vernichtet, ihre Zukunft ausgelöscht."

Doch die Sozialdemokratie hatte letztlich dem Faschismus nichts entgegenzusetzen. Denn dazu wäre eine antikapitalistische Strategie notwendig gewesen, und als reformistische Kraft war sie an den Kapitalismus mit Haut und Haaren gebunden. Noch in ihren letzten legalen politischen Aktionen versuchte sie nicht, eine proletarische Kampffront aufzubauen - im Gegenteil: Sie wollte das Bündnis mit der Bourgeoisie, der tschechischen und der deutschen, noch enger gestalten. Sie erwartete sich von jenen Kräften Rettung und Hilfe, die, wie die deutsche Bourgeoisie, ihr Heil bereits zu großen Teilen bei Hitler suchte, oder, wie ihr tschechischer Klassenbruder, bereit war zur Kapitulation.

Die Regierung der Tschechoslowakei weigerte sich zwar noch, die sudetendeutschen Gebiete an Hitler abzutreten, aber in Wirklichkeit fielen die Würfel längst nicht mehr in Prag. Im Münchner Abkommen zwischen Deutschland, Italien, Frankreich und England wurde die CSR gezwungen, bis 10.10.1939 die Sudetenländer an das Deutsche Reich abzutreten. Im "Wiener Schiedsspruch" vom 2. November 1938 mußte die Tschecho-Slowakei nun auch noch die von Ungarn bewohnten südlichen Grenzgebiete der Slowakei an Ungarn abtreten. Mit einem Schlag änderte sich die Sitation in den nun Deutschland angegliederten Sudetenländern: Aus der nationalen Benachteiligung der Deutschen wurde nun über Nacht eine der brutalen nationalen Unterdrückung der Tschechen, denen sämtliche nationalen Rechte vom Gebrauch der Muttersprache in der Öffentlichkeit bis zur Schulsprache genommen wurden. Tschechen wurden systematisch benachteiligt und zum Verlassen der nun wieder deutsch gewordenen Gebiete gezwungen. Eine zentral initiierte und meist von den lokalen Behörden geleitete Vertreibungswelle ließ tausende Tschechen, die nach pogromartigen Ausschreitungen in die Rest-Tschechoslowakei flüchten mußten, ihre Heimat verlieren.

Hitler konnte unter den Sudetendeutschen bei seiner Besetzung auf die zumindest passive Unterstützung des größeren Teils der deutschsprachigen Bevölkerung bauen. Nach der Kapitulation der Westmächte und der Prager Regierung flohen aber auch tausende deutsche Antifaschisten, vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten, in das Landesinnere Böhmens, um hier Schutz vor den einmarschierenden Truppen Hitlers zu finden. Die meisten allerdings wurden von den Behörden an Deutschland ausgeliefert, etwa 7.000 aber gelang der Weg in die Emigration - etwa 5.000 Sozialdemokraten, 1.700 KP-Mitgliedern und 250 Deutschliberalen. Damit war das sudetendeutsche Exil, gemessen an der Bevölkerungszahl, das stärkste in Europa. Vor allem Schweden, Kanada, Großbritannien und die UdSSR wurden Aufnahmeländer der Sudetendeutschen.

 

6. Sudetendeutscher Widerstand gegen Hitler

 

Trotzdem kam es sofort nach der Eingliederung der Sudetenländer in das Deutsche Reich zu ersten Widerstandsaktionen, die mit einer Verhaftungswelle beantwortet wurde, von der über 10.000 Hitler-Gegner (von den Arbeiterparteien bis hin zu unsicheren Parteigängern der SdP reichte das Spektrum) betroffen waren. So wurden 150 Funktionäre der Henlein-Bewegung noch 1938 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt - zum großen Teil mit der vorgeschobenen Begründung der Homosexualität. In dieser ersten Phase wurde der Widerstand vor allem von Funktionären der beiden Arbeiterparteien, der KPTsch und der SDAP, getragen, von Gewerkschaftern und - als sudetendeutsches Spezifikum - von engagierten Katholiken. Denn anders als im "Altreich" anerkannte Hitler in den neueingegliederten Sudetenländern nicht die Gültigkeit des Konkordats, was hier zu einem Kirchenkampf und zu einem spezifisch katholisch geprägten Widerstand führte.

Als die Prager Regierung die slowakischen Autonomiebetrebungen mit militärischen Mitteln zu verhindern suchte, nahmen dies deutsche Truppen zum Vorwand, um am 15. März 1939 die Tschechoslowakei zu besetzen. Die Slowakei wurde ein formal unabhängiger Staat unter deutschem Schutz, die Karpato-Ukraine schließlich Ungarn einverleibt, der Rest der CSR als "Protektorat Böhmen und Mähren" dem Deutschen Reich angegliedert. Der Hitler-Stalin-Pakt führte auch im sudetendeutschen Widerstand zu Verwirrung und Desorganisation. Gerüchte kursierten, z.B. über die Zulassung der KPTsch im "Protektorat Böhmen und Mähren", andererseits wendeten sich bekannte Parteiführer gegen diesen Pakt, wie Vlado Clementis mit seiner Erklärung in der britischen Emigration. Bis zum Juni 1941 erhielt die KPTsch mehrere Funksprüche aus Moskau, wohin die Parteileitung geflüchtet war. In dieser Phase verzichtete die KPTsch auf die Losung einer Widerherstellung der Tschechoslowakei, ihre Hauptpositionen waren:

a) Kampf um die führende Rolle in der Befreiungsbewegung;

b) Selbstbestimmung für das deutsche Volk und die deutsche Arbeiterklasse;

c) die KP steht mit dem deutschen Proletariat in einer Front gegen den westlichen Imperialismus als Aggressor, entschiedene Gegnerschaft gegen die Benes-Exilregierung in London;

d) grundsätzliche Ablehnung einer tschechoslowakischen Auslandsarmee. Unter der Losung "Wiederherstellung der Tschechoslowakei" verberge sich nun Imperialismus und Antisowjetismus, daher müßten die KP-Losungen geändert werden. Es gilt die Losung des Selbstbestimmungsrechtes für Tschechen und Slowaken weiter, ebenso die Losung für eine selbständige Slowakei, für deren volles Selbstbestimmungsrecht zu kämpfen sei. Dadurch unterscheide sich die Partei vom westlichen Imperialismus und von Benes.

In dieser Phase vertiefte sich der Gegensatz zwischen der KPTsch und ihren Partnern in der antifaschistischen Bewegung - vor allem nach dem Überfall der UdSSR auf Finnland und der Eingliederung der baltischen Staaten. Erst mit der Niederlage von Stalingrad sollte es im Sudetengebiet wieder zu größeren gemeinsamen Aktionen kommen. Die KPTsch hatte nach dem Überfall auf die Sowjetunion nun wieder ihre Politik geändert: Die Kritik am aggressiven westlichen Imperialismus war verstummt, die Wiedererrichtung einer neuen Tschechoslowakei ebenso im Programm wie die Zusammenarbeit mit allen antifaschistischen Gruppierungen bis weit ins bürgerliche und konservative Milieu die neue Praxis. Der "Sudetendeutsche Freiheitssender" strahlte von Moskau aus und transportierte die Positionen der KPTsch, die mit Fortdauer des Krieges zur unbestrittenen Hauptkraft des antifaschistischen Widerstandes im Lande selbst wurde.

Der Widerstand der Sudetendeutschen war besonders in Nordböhmen so stark, daß Ende 1944 eine Sondereinheit der Deutschen Wehrmacht in dieses Gebiet zur "Befriedung" verlegt werden mußte. Trotzdem gingen die Aktionen, etwa die zeitweise Stillegung der Kohle-Bergwerke im Revier von Brüx/Most wegen Sabotage, die Sprengung von Strom- und Telefonleitungen etc., weiter. Besonders stark entwickelte sich der deutsche Widerstand aus der ehemaligen CSR in der nun formal selbständigen Slowakei. Trotz mehrerer Verhaftungswellen des faschistischen Tiso-Regimes, die sich auch gegen deutsche Antifaschisten richtete, konnte der Widerstand nicht gebrochen werden. Auch beim slowakischen Volksaufstand von 1944, der sich allerdings schon zu einem beachtlichen Teil nationalistisch gegen die deutsche Volksgruppe richtete, war das deutsche Element vertreten: Bei den Partisanenabteilungen in den Bergen gab es 308 Deutsche, die nach dem Fall von Banska Bystrica in die Hände der deutschen und slowakischen Faschisten fielen.

Natürlich: Nicht anders als in Österreich stand trotz allem ein großer Teil der deutschen Bevölkerung zumindest passiv hinter Hitler, solange die Deutsche Wehrmacht zu siegen schien. Das machte den gewaltigen Unterschied zwischen Sudetendeutschen und Tschechen aus, die mit Ausnahme weniger Kollaborateure die Besetzung als nationale Vergewaltigung empfinden mußten. Der tschechische Widerstand gegen Hitler war deshalb, obwohl auch er weder in Schärfe noch Umfang an den Widerstand etwa in Jugoslawien oder der Sowjetunion heranreichte, stärker und tiefer in breitesten Schichten der Bevölkerung verankert als die Aktivitäten der sudetendeutschen Antifaschisten. Denn die deutsche Bourgeoisie verdiente am Krieg nicht schlecht, und bis weit hinein in die Arbeiterklasse wirkte die "ordentliche Beschäftigungspolitik" des Dritten Reiches, zu dem die Sudetenländer nun ja gehörten. Und die "Lösung" der nationalen Frage auf Kosten der tschechischen Nation ließ die zwanzig Jahre einer im Vergleich dazu sanften, aber doch spürbaren Bedrückung, der die Deutschen von 1918 bis 1938 ausgesetzt waren, im milderen Lichte der "ausgleichenden Gerechtigkeit" erscheinen. Nicht wenige Sudetendeutsche waren auch in der Unterdrückung der Tschechen im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren direkt involviert, der faschistische Okkupationsapparat baute nicht zuletzt auf die Mitarbeit der Sudetendeutschen, deren tschechische Sprachkenntnisse eine nicht zu unterschätzende Hilfe darstellten - Paradebeispiel war Ernst Kundt, ehemaliger SdP-Abgeordneter und nach der Abtrennung der CSR-Grenzgebiete "Führer des Deutschtums". Das Gros der deutschen Bevölkerung bildeten jedoch auch unter den Sudetendeutschen Mitläufer, die höchstens betreten beiseiteschauten, wenn Angehörige der tschechischen Minderheit ins Reichsprotektorat abgeschoben oder ins KZ geworfen wurden. Aber doch nur das Gros - die aktive Minderheit setzte auch hier Zeichen des aktiven Widerstandes gegen die faschistische Barbarei.

Wir blieben beim sudetendeutschen Widerstand aus einem Grund etwas länger: Die spätere Aussiedlung wird ja damit begründet werden, daß das "ganze Volk ausnahmslos Hitler unterstützt und sich an der grausamen Verfolgung der Tschechen beteiligt hat". Gerade diese These, die die Kollektivschuld der Deutschen beweisen sollte, läßt sich aber durch den sudetendeutschen Widerstand gegen Hitler nicht belegen - ganz im Gegenteil: Der sudetendeutsche Widerstand bestand, obwohl er nach 1945 kaum zur Kenntnis genommen wurde, aus mehr als einigen Solidaritätsakten deutscher Kommunisten für den tschechischen Freiheitskampf.

 

* * *

 

II. Die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa - am Beispiel der Sudetendeutschen

 

1. Das theoretische Konzept der ethnischen Säuberungen

 

Daß Bevölkerungsteile vertrieben wurden, ist wohl keine Erfindung des Kapitalismus und des 20. Jahrhunderts. Immer wieder haben etwa die Habsburger Teile ihrer Untertanen des Landes verwiesen, bevorzugtes Opfer waren immer wieder die Juden, im 17. und 18. Jahrhundert dann - wie im Erzstift Salzburg - auch bekennende Protestanten usw. Und die Geschichte des Kolonialismus von ihrem Beginn an liefert wohl genügend Beispiele für ein Spektrum von Vertreibung bis Völkermord. Aber dem Kapitalismus und dem 20. Jahrhundert blieb es vorbehalten, dies alles politisch begründet und von einer Warte "höherer Gerechtigkeit" aus theoretisch gerechtfertigt zu haben.

All den Vertreibungen des 20. Jahrhunderts liegt der politische Kerngedanke zugrunde, daß ethnische Konflikte durch "Bevölkerungsaustausch" und "Absiedlung" gelöst werden könnten. Entwickelt und theoretisch begründet wurde dieses Konzept von einem Schweizer, dem Anthropologen Georges Montadon - wohl nicht zufällig 1915, mitten im Ersten Weltkrieg. Er ging davon aus, daß es in Zukunft Staaten geben müsse, die durch zweierlei gekennzeichnet seien:

a) möglichst natürliche Grenzen

b) und eine national einheitliche Bevölkerung.

Das aber könne durch eine Neufestlegung der Grenzen nach dem Ende des Krieges oft nicht erreichen werden; es entstünden an der Stelle der jetzigen Minderheiten nur neue - und damit neue Probleme. Helfen könne da nur eine "transplantation massive" - also ein Bevölkerungsaustausch, in dem alle nicht der staatsbildenden Nation angehörigen Bevölkerungsteile außer Landes zu schaffen seien.

Vor Beginn des Ersten Weltkrieges war dies auch bereits einmal in Europa praktiziert worden: Im Zusammenhang mit den Balkankriegen wurde über Verträge zwischen der Türkei, Griechenland und Bulgarien die Bevölkerung ganzer Dörfer verschoben. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde erstmals der zwangsweise Austausch von Minderheiten in internationalen Verträgen festgelegt: In Lausanne wurde 1923 über maßgeblichen Druck des britischen Außenministeriums unter Lord Curzon und unter Mitarbeit des Flüchtlingskommissars Fridtjof Nansen eine "Entmischung" von Griechen und Türken beschlossen. Der Zwang zur Umsiedlung (die 1923/1924 umgesetzt wurde und von der 1,5 Millionen Griechen und 430.000 Türken betroffen waren) wurde damit begründet, daß die Freiwilligkeit eines Bevölkerungsaustausches diesen nötigen Schritt nur untötig in die Länge ziehe - und damit auch die Leiden der Betroffenen.

Die Pariser Friedensverträge von 1919, die das Europa der Dynastien in ein Europa von neuentstandenen Nationalstaaten verwandelt hatten, waren zu keiner befriedigenden Lösung der nationalen Frage in der Lage. Weder sollte Deutschland durch den Anschluß jener deutschsprachigen Gebiete gestärkt werden, die bisher außerhalb des Reiches gelegen waren, noch konnte das Konzept einer Kombination natürlicher und nationaler Grenzen auch nur irgendwo in Osteuropa, wo die neuen Staaten entstanden waren, umgesetzt werden. Der Frieden von 1919 trug wirklich den Keim eines neuen Krieges in sich, wie der US-amerikanische Präsident Wilson resignierend bemerkte.

Für die Minderheiten in den neu entstandenen Nationalstaaten bedeutete dies im Prinzip zweierlei: entweder den Versuch der Entnationalisierung, der Assimilation; oder den eines (begrenzten) Minderheitenschutzes - der Völkerbund hatte den neuen Staatsnationen die wohl nicht ganz ernst gemeinte Verpflichtung zum Schutz der Minderheiten mit auf den Weg gegeben. Die dritte Möglichkeit, der "exchange of populations", blieb mit der einen Ausnahme, der in Lausanne vereinbarten Umsiedlung von Griechen und Türken, Thema theoretischer Dispute. Für fast zwei Jahrzehnte war die Umsiedlung an der Ägäis die einzige Maßnahme ihrer Art in Europa, von der größere Bevölkerungsteile betroffen waren. Erst dem Zweiten Weltkrieg und der Bevölkerungspolitik des Faschismus und des Stalinismus, aber auch der imperialistischen Politik der "demokratischen" Neuordnung in Europa nach 1945 blieb eine Umsetzung - aber nun in großem Stile - vorbehalten. Nach 1945 werden von diesen Maßnahmen nahezu drei Millionen Deutschsprachige in der wiedererrichteten Tschechoslowakei betroffen sein.

Wenn wir uns hier auf Europa und die Vertreibung der Deutschen konzentrieren, so aus einem einzigen Grund: Weil die Vertreibung der Deutschen zu den großen traditionellen Tabubereichen der Linken auch in Österreich gehört. Daß massenhafte Vertreibungen auch zur Geschichte der neokolonialen Welt gehört, ist dabei nichts Neues. Der Bogen spannt sich hier von Uganda, das die ökonomisch führende indische Minderheit auswies, über Palästina bis Pakistan und Indien, wo es nach der Unabhängigkeit zur gegenseitigen Vertreibung oder zum Tod von ca. 17 Millionen Hindus und Muslimen kam.

 

2. "Heim ins Reich!"

 

Die Umsetzung der faschistischen Losung "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" bedeutete per se zweierlei: die massenhafte Umsiedlung jener Bevölkerungsteile, die nicht dem einen Volk zuzuzählen waren; und eine Außenpolitik, die die Grenzen des Deutschen Reiches mit den nationalen Grenzen zur Deckung bringen sollten. Die Heimholung, "Rückgliederung" des Saarlandes 1935, die Eingliederung Österreich 1938 waren ebenso in dieses ideologische Konzept einzuordnen wie das Münchner Abkommen, das von England und Frankreich im Sinne der englischen Appeasement-Politik ja auch deshalb unterschrieben wurde, um mit Hitler und dem deutsche Imperialismus einen vorläufigen modus vivendi zu finden und sich ein Minderheitenproblem in Europa vom Halse zu schaffen, das als Ergebnis der Friedensverträge von Versailles entstanden war und sich als Sprengsatz herausgestellt hatte. Im Münchner Abkommen findet sich die Ankündigung eines Bevölkerungstausches der jeweils im anderen Land verbleibenden deutschen und tschechischen Bevölkerungsteile: Es kam zwar nicht zu einem geordneten Austausch, sehr wohl aber zu wilden Vertreibungen von Tschechen aus den annektierten Sudetenländern - die ersten Vertreibungen auf dem Boden der Tschechoslowakei.

1939 wurde noch vor dem Ausbruch des zweiten imperialistischen Weltkriegs Böhmen und Mähren, kleinere Gebiete der Slowakei (Devin/Theben und Petrzalka/Engerau) und das Memelland direkt ans Deutsche Reich angeschlossen, später nach der Niederringung und Aufteilung Polens dessen Westgebiete (Wartheland, Westpreußen) und Danzig, 1940 Elsaß-Lothringen, 1941 die "Untersteiermark" und "Oberkrain", also Teile Sloweniens. In Bezug auf Italien war dieses Muster nicht anwendbar: Rom als Achsenpartner mußte die territoriale Integrität garantiert werden, deshalb wurde für die Südtiroler ein Umsiedlungsvertrag geschlossen, der die Auslandsdeutschen "heim ins Reich" führen sollte. Mit erheblichem Propagandaaufwand entschied sich die große Mehrheit, für das Deutsche Reich zu "optieren", die restlichen sollten jeglicher Minderheitenrechte verlustig gehen. Von den 223.000 Optanten verließen allerdings bis Ende 1943 lediglich 75.000 Südtiroler auch wirklich ihre Heimatgebiete.

Der Blick des deutschen Imperialismus war aber, und das entschärfte die Südtirol-Frage ganz erheblich, traditionell nach Osten und Südosten gerichtet. In die Sprache der nationalsozialistischen Ideologie übersetzt,Ê bedeutete dies die "Gewinnung von neuem Lebensraum im Osten":

"Wenn wir aber heute von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm untertanen Randstaaten denken" (Hitler 1925).

Mit dem Einmarsch in die UdSSR sollte dieses Ziel umgesetzt werden. Heinrich Himmler, der Reichsführer der Schutzstaffel (SS), dazu in einer Radioansprache:

"Das Programm das lautet klar und eindeutig: Weiterhinausschiebung einer eindeutigen deutschen Volkstumsgrenze, das heißt des Gebietes, in dem kein anderer wohnt als wie ein Deutscher und ein Germane, um rund tausend Kilometer von der alten deutschen Reichsgrenze weg. Wirtschaftliche und machtmäßige Besitzung und Besetzung möglichst weiter Räume, die an das deutsche Siedlungsgebiet anschließen."

Imperialistische Politik, ins Rassistische überhöht, als Grundsatz der Politik gegenüber den "Kuli-Völkern des Ostens" - dazu nochmals Heinrich Himmler über die Aufgaben des SS-Mannes: "Wie es dem Russen geht, wie es dem Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an guten Bluts unserer Art da ist, das werden wir uns holen, indem wir denen wenn notwendig die Kinder rauben."

Die neue Ordnung, die den Völkern des Ostens zugedacht war, wird in Polen zuerst vorexerziert. Bestimmte Gebiete sollen germanisiert werden. Durch Führererlaß vom Oktober 1939 wird ein Großteil von Vorkriegspolen dem Deutschen Reich eingegliedert. Das neue Gebiet umfaßte eine Bevölkerung von 10 Millionen - der Großteil in den neuen Gauen Warthegau und Danzig-Westpreußen. In diesem Gebiet sollte eine umfangreiche "völkisch-nationale Flurbereinigung" (Hitler) stattfinden, die die Aussiedlung von Polen und Ansiedlung von Deutschen umfaßte. Das Fernziel war dabei

"die restlose Entfernung des größten Teils der Polen aus dem Reiche sein", wie 1942 festgestellt wurde.

Schon im Oktober 1939 ergehen Geheimbefehle zur Liquidierung der polnischen Oberschicht. Im Bericht des Wehrkreisbefehlshabers Posen vom 31.11.1939 wird von den ersten Aussiedlungen unter Mitarbeit der SS gesprochen: "In den Städten wurden Evakuierungen durchgeführt, bei denen wahllos Häuserblocks geräumt wurden und die Bewohner nachts auf LKWs verladen und in Konzentrationslagr verbracht wurden."

Im Dezember 1939 fand im Warthegau die erste systematische und organisierte Deportation von Polen ins neugeschaffene Generalgouvernement statt: 90.000 Polen wurden abtransportiert, parallel dazu Volksdeutsche angesiedelt: Mit der Sowjetunion und anderen Staaten wurden zu dieser Zeit, also in der Phase des Hitler-Stalin-Paktes, Verträge geschlossen, die die "Heimholung" mit Zustimmung der Regierungen ermöglichte.

Die Deutschen sollten von ihrer Rolle als "Kulturdünger fremder Staaten abgelöst" werden, so SS-Brigadeführer Fähnrich. Statt dessen galt nun: "Hereinholung des wertvollen deutschen Blutes zur Stärkung des Reiches selbst." Bis Frühjahr 1941 lief das konzentrierte Umsiedlungsprogramm ins ehemalige Polen, als mit der Vorbereitung auf den Überfall auf die Sowjetunion die Transportkapazitäten etc. anderweitig gebraucht wurden und u.a. daher das Programm zu stocken begann. 92.000 Deutsche aus Bessarabien, 91.000 aus der nördlichen Bukowina und 16.000 aus der Dobrudscha, dazu Deutsche aus dem Baltikum (1938 lebten in Estland, Lettland und Litauen etwa 130.000 Deutsche) und aus der Sowjetunion Stalins, wurden vorwiegend im Warthegau, in den Wohnungen und Häusern der vertriebenen Polen angesiedelt. So wurden während des Jahres 1940 vom Deutschen Reich mehrere hunderttausend Deutsche aus den damals zur UdSSR gehörenden Territorien (v.a. aus dem Baltikum, der Ukraine und aus Weißrußland), aus Rumänien usw. in den Warthegau, nach Pommern, Großpolen und z.B. auch in das Gebiet von Lodz transferiert.

Den bei weitem größten Teil der "Rückgesiedelten" hatten also die ehemals polnischen Gebiete aufzunehmen, in geringem Maße trat das Protektorat Böhmen und Mähren, die Untersteiermark, Kärnten und andere Reichsgaue hinzu. Denn 1942 folgten nach der Zerschlagung Jugoslawiens 15.000 Deutsche aus der slowenischen Gottschee (Kocevje) und 20.000 Deutsche aus Bosnien und Serbien. Damit hatte das Deutsche Reich in organisatorischer Hinsicht neue Maßstäbe gesetzt: Es war möglich, innerhalb weniger Monate auf geordnetem Wege Hunderttausende umzusiedeln - die massenhafte Entwurzelung von Hunderttausenden, ja Millionen wurde damit zu einem Element der Normalität, zu einer Möglichkeit, wenn es politisch opportun erscheinen sollte.

Parallel zu dieser Neuansiedlung in den ehemalig polnischen Gebieten gingen die Vertreibungen weiter: 1,2 Millionen Polen und Juden wurdeninnerhalb kürzester Frist ausgesiedelt und deportiert, um Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen: Großpolen, Pommern, der Warthegau, teilweise auch das Gebiet um die Industriestadt Lodz sollte so das nationale Antlitz verändern und "deutscher Volksboden zurückgewonnen" werden. Ohne jede Versorgung wurden diese 1,2 Millionen in das deutsch besetzte Generalgouvernement abgeschoben, die polnische Oberschicht und die jüdische Bevölkerung in die KZs geschickt.

Bei alledem mag den naiven Betrachter erstaunen, daß die Idee eines Bevölkerungsaustausches von den imperialistischen Mächten und auch von der stalinistischen Sowjetunion im Grundsatz akzeptiert wurde: Noch im Herbst 1939 hatte die britische Diplomatie den drohenden Kriegsausbruch zwischen Deutschland und Polen hinauszuschieben versucht, indem in informellen Gesprächen den beiden Ländern ein Bevölkerungstausch im Danziger Gebiet und in Oberschlesien nahegelegt wurde. Und auch 1949 sollte in der Istrien- und Triestfrage dasselbe Schema angewendet werden.

 

3. "Germanisierung" Böhmens und Mährens

 

Böhmen und Mähren wurde 1939 ein Bestandteil Großdeutschlands, war aber als Reichsprotektorat nicht direkt dem Deutschen Reich nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei angegliedert worden. Zum "Staatspräsidenten" wurde Emil Hacha ernannt, die Macht lag aber bei dem stellvertretenden deutschen Reichsprotektor.

Die faschistischen Machthaber ließen keinen Zweifel an ihrer Politik, was die Gestaltung des Verhältnisses von Tschechen und Deutschen, sowohl im Protektorat als auch in den dem Reich angeschlossenen Sudetenländern, betraf. Die Henlein-Partei hatte bereits 1938 ihre Vorstellungen über die Lösung der "tschechischen Frage" entwickelt. Die deutsche Volksgrenze sei nach München im groben Reichsgrenze geworden, die sudetendeutsche Frage somit gelöst. Aber das deutsche Volk brauche die Wirtschaftskraft Böhmens, um "Herr in Mittel-, Ost- und Südosteuropa" sein zu können. Dazu gäbe es im Prinzip gegenüber dem tschechischen Volk nur zwei Möglichkeiten:

a) Beseitigung durch Ausmerzung oder Aussiedlung;

b) Einbau in das Deutsche Reich.

Ausmerzung komme nicht in Frage, da dadurch jedes Vertrauen der Völker Osteuropas zu den Deutschen untergraben werde (diese Vorstellungen spiegeln den Diskussionsstand vor Kriegsausbruch wider), daher komme nur die Gewinnung der Tschechen in Frage, schon allein, um sich den Weg zum rumänischen Erdöl nicht zu versperren.

Die Pläne, die nach der Installierung des Protektorates und der Zerschlagung der Tschechoslowakei ventiliert wurden, atmeten alle miteinander den Geist des Chauvinismus und des germanischen Herrenmenschentums gegenüber einer angeblich unterlegenen Rasse. Differenzen ergaben sich lediglich in Bezug auf das weitere Schicksal des Protektorates: Die Gauleiter der benachbarten Länder trachteten danach, industriell wichtige Gebiete ihren Gauen anzuschließen. So wollte Nieder-Donau eine Angliederung von Mähren mit der wichtigen Industriestadt Brünn/Brno. Das grundlegende Ziel aber war unumstritten: "Die Entnationalisierung der Tschechen und die Verdeutschung des Böhmisch-Mährischen Wirtschaftsraumes". Die Linie war also in erster Linie die Germanisierung der Tschechen durch Assimilierung, da eine Aussiedlung aller laut Hitler "100 Jahre beanspruchen" würde. Der rassisch minderwertige und reichsfeindliche Teil der Tschechen sei "auszumerzen". Im Unterschied dazu lautete die Devise in den Sudetenländern und den an Ober- und Niederdonau angegliederten Gebieten, die "Tschechen loswerden" (so der Leiter des Gaugrenzlandamtes Niederdonau, Pury). Vor allem nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurde die Variante der Ausrottung im Rahmen des "Generalplan Ost" ergänzt durch den Plan einer Deportation nach den neugewonnenen Ostgebieten.

Konkretere Gestalt nahmen die Germanisierungsabsichten an mit der ÜbernahmeÊ der Protektoratsverwaltung durch Heydrich am 27.9.1941. Das öffentliche Leben wurde weitgehend verdeutscht, das Tschechische immer weiter verdrängt, die tschechischen Arbeiter und Selbständigen systematisch benachteiligt, deutsche bevorzugt. Am 7.3.1942 wurde in der Stadtverwaltung Prag das Deutsche zur alleinigen Amtssprache. Tschechische Volks- und Bürgerschulen wurden geschlossen, nachdem die tschechischen Hochschulen schon im November 1939 geschlossen und 1.200 Studenten verhaftet worden waren. Das Bildungsniveau der tschechischen Nation sollte herabgedrückt und die Herausbildung einer Intelligenz verhindert werden. "Eindeutschung" und "Umvolkung" blieben oberstes "volkspolitisches" Ziel in Böhmen und Mähren, das alle Bereiche der Politik der Okkupation durchzog. Heydrich unterschied dabei sehr klar zwischen den "kriegsmäßigen Nahaufgaben" (Rede des SS-Obergruppenführers Heydrich am 2.10.1941) und der "Einleitung einer weitsichtigen Endaufgabe". Zu den "Nahzielen" wurde gerechnet, daß Ruhe im Land zu herrschen habe, um die Kriegsproduktion sicherzustellen:

"Dazu gehört, daß man den tschechischen Arbeitern natürlich das an Fressen geben muß, daß er seine Arbeit erfüllen kann".

Als "Endlösung" präsentierte Heydrich das Konzept,

"daß dieser Raum einmal endgültig deutsch besiedelt werden muß. (...) Zur endgültigen Eindeutschung dieses Raumes will ich nicht etwa sagen: Wir wollen nach alter Methode nun versuchen, dieses Tschechengesindel deutsch zu machen, sondern ganz nüchtern: (...) Um zu übersehen, was von diesen Menschen in diesem Raum eindeutschbar ist, muß ich eine Betandsaufnahme machen in rassisch-völkischer Hinsicht". Aber: "Das Primäre ist die endgültige Bezwingung dieses Raumes, für die spätere Verteilung - meine Herren und Parteigenossen - dazu ist nachher Zeit genug".

Und die Konsequenz:

"Aber die Grundlinie muß für all dieses Handeln unausgesprochen bleiben, daß dieser Raum einmal deutsch werden muß und daß der Tscheche in diesem Raum letzten Endes nichts mehr verloren hat."

Die Pläne zu einer "Endlösung der Tschechenfrage" wurden aber zurückgestellt, um die im Protektorat befindliche Rüstungsproduktion nicht zu schädigen. Denn besonders nach 1943 gewann dieser Raum immer mehr Gewicht, blieb er doch im Unterschied zu den deutschen Industriezentren noch längere Zeit außerhalb der Reichweite der alliierten Bombergeschwader.

Diese Pläne blieben natürlich auch der tschechischen Bevölkerung nicht verborgen. Sie waren eingebettet in eine terroristische Praxis sozialer Verelendung und nationaler Unterdrückung.Ê Mehr als 360.000 Tschechen und Slowaken hatten auf dem Schafott, in den Konzentrationslagern oder in bewaffneten Kämpfen ihr Leben gelassen. Die faschistische Kriegsmaschinerie hatte die ganze Volkswirtschaft schwer zerrüttet. Dies alles war wohl entscheidend dafür, daß im Laufe des Krieges die antideutsche Stimmung immer stärker wurde und sich nicht nur im Widerstand, sondern in größten Teilen der tschechischen Bevölkerung ein chauvinistischer Grundzug verfestigte. Zu bedenken ist außerdem, daß die Protektoratsregierung sich in der Verwaltung in großem Ausmaß der dort lebenden Deutschen bediente - zwar weniger in den obersten, aber in großem Ausmaß in den mittleren und unteren Positionen vor allem jener Deutschen, die schon in Zeiten der ersten tschechoslowakischen Republik hier gelebt hatten. Der Deutsche sollte eben - wieder nach Heydrich - die "führende Rolle spielen, die ihm gebührt".

Für die nationale Demütigung nach Ende des Krieges Rache nehmen, das war die Devise in weiten Teilen der tschechischen Nation: Benes, der ins britische Exil gegangene Vorkriegs-Präsident, gab dieser Stimmung beredten Ausdruck in einer Rundfunkrede aus London (27.10.1943):

"In unserem Land wird das Ende des Krieges mit Blut geschrieben werden. Den Deutschen wird mitleidlos und vervielfacht all das heimgezahlt werden, was sie in unseren Ländern seit 1938 begangen haben. Die ganze Nation wird sich an diesem Kampf beteiligen, es wird keinen Tschechoslowaken geben, der sich dieser Aufgabe entzieht, und kein Patriot wird es versäumen, gerechte Rache für die Leiden der Nation zu nehmen."

Die Verteibung der Deutschen wird daher in der Tschechoslowakei, in Jugoslawien oder Polen auch folgerichtig unter dem Motto der "gerechten Vergeltung" stehen - unter diesem Titel wurde noch am 8. Mai 1946 ein Gesetz verabschiedet, das alle Taten, die bis zum 28. Oktober 1945 an Deutschen in der Tschechoslowakei verübt wurden, nachträglich und rückwirkend legalisierte.

 

4. Charakter der Exils

 

Das Münchner Abkommen und die "Lösung" der sudetendeutschen Frage waren für die tschechoslowakische Emigration eine entscheidende Ursache für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Die Gestaltung des Verhältnisses zwischen Tschechen und Deutschen nach dem Krieg war also ein wichtiger Diskussionspunkt innerhalb des tschechoslowakischen Exils - sowohl in dessen sudetendeutschen als auch tschechischen Fraktionen.

In der sudetendeutschen Emigration ließen sich grob drei verschiedene größere Strömungen ausmachen, die alle drei einen spezifischen politischen Beitrag zur Gestaltung der Nachkriegsverhältnisse lieferten. Innerhalb des starken sudetendeutschen Exils war in den westlichen imperialistischen Ländern die "Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten" die tonangebende Gruppierung. In Großbritannien, Skandinavien und Übersee, hier in erster Linie in Kanada, verfügte die Gruppe über 1.000 Mitglieder. Sie entwickelte ihre Position in den Jahren 1939 bis 1941 und setzte als programmatisches Ziel die Losung des Selbstbestimmungsrechtes der Sudetendeutschen, wofür auch der Widerstand in der besetzten Heimat zu kämpfen habe. Drei Varianten kamen dabei für die von Wenzel Jaksch geführten Sozialdemokraten nach der Niederlage Hitlers in Frage: die Sudetenländer als Teil eines demokratischen Deutschland, als Teil einer mitteleuropäischen Föderation oder als autonomer Teil einer nach föderalen Grundsätzen aufgebauten neuen Tschechoslowakei. Gegenüber der tschechoslowakischen Exilregierung in London trat diese Gruppe als eigenständige Kraft in Erscheinung.

Während dieser ersten Phase des Weltkriegs noch vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in der Sowjetunion formierte sich innerhalb der sozialdemokratische Bewegung eine Oppositionsgruppe, die sich im Oktober 1940 als selbständige "Arbeitsgemeinschaft ehemaliger deutscher Sozialdemokraten aus der Tschechoslowakischen Republik" mit ca. 350 Mitgliedern konstituierte. Zwar von geringerem Einfluß als die Jaksch-Richtung, verfügte die vom ehemaligen Vorsitzenden der Bergarbeitergewerkschaft Josef Zinner geleitete Gruppierung über bessere Kontakte zum kommunistischen und tschechischen Exil. Sie anerkannte die Londoner Exilregierung unter Benes als einzigen Repräsentanten des Widerstands, auch dem der deutschen CSR-Bürger, trat der Autonomieforderung der Jaksch-Richtung entgegen und orientierte sich auf eine Wiedereingliederung der Sudetendeutschen in eine neuerrichtete Tschechoslowakei.

Gemeinsam mit dem von Beuer geleiteten kommunistischen Exil in Großbritannien, das ca. 800 Genossen organisierte, vertrat die sozialdemokratische "Arbeitsgemeinschaft" gegen Kriegsende die Position, daß die deutsche Arbeiterklasse "Verrat am Sozialismus" geübt habe und eine Aussiedlung daher gerechtfertigt sei.

Die von Benes repräsentierte Exilregierung strebte von vorneherein eine Wiedererrichtung der Tschechoslowakei in den Grenzen vor dem Münchner Abkommen 1938 an - eventuell in einem Staatenbund mit Polen. Eine Erweiterung der Minderheitenrechte für die deutsche und ungarische Minderheit wurde abgelehnt, denn nur "das Volk daheim" könne über die Form des Zusammenlebens zwischen den Nationen entscheiden. Allerdings war Benes und die mit ihm verbundenen bürgerlichen Exilkreise überzeugt, daß sich das Vorkriegssystem mit seinen Minderheitenrechten nicht bewährt habe - nicht weil es zu wenige Rechte beinhaltet habe, sondern weil die CSR deren zu viele den Minderheiten angeboten und in die Praxis umgesetzt habe: Die Deutschen hätten diese Rechte mißbraucht und gegen den Staat eingesetzt, eine "Revision zugunsten der Mehrheit" sei daher unumgänglich.

Allerdings entwickelte das tschechoslowakische Exil in London andere Pläne zur Entschärfung der Minderheitenfrage: Die deutschsprachige Bevölkerung im neuen Staat sollte durch Grenzberichtigungen und Abtretungen eines Teils der deutschsprachigen Gebiete reduziert werden, geschlossene deutsch verwaltete Gebiete entstehen und der teilweise Austausch und die Umsiedlung von Bevölkerungsteilen das Minderheitenproblem entschärfen. Diskutiert wurden Aussiedlungs-Pläne - der bekannte Jaroslav Stransky im Kreis um Benes äußerte hier anfangs starke Bedenken. Als einer der ersten veröffentlichte der spätere Minister Hubert Ripka im Sommer 1941 eine diesbezügliech Stellungnahme im "Cechoslovak", dem Organ der tschechoslowakischen Exilregierug, in der eine "organisierte Anwendung des Prinzips der Umsiedlung von Bevölkerungen" propagiert wurde. Dort hieß es:

"Es wird notwendig sein, mit allen angemessenen Mitteln, evtl. auch durch eine organisierte Anwendung des Prinzips der Umsiedlung von Bevölkerungen, Deutschland an dem Mißbrauch seiner nationalen Minoritäten für seine pangermanischen Ziele zu verhindern. Jedenfalls sollte man sich bestreben, die kleineren mitteleuropäischen Staaten so zu rekonstruieren, daß sie national möglichst gleichartig sind und daß innerhalb von ihnen die Bedeutung des Minoritätselements auf ein Mindestmaß herabgesetzt wird."

Bis Mitte 1941 waren die beiden Hauptströmungen des Exils, die Benes-Regierung und die Jaksch-Sozialdemokraten, etwa gleich stark im Bewußtsein der westlichen Regierungen der Anti-Hitler-Allianz vertreten. Zugunsten der Jaksch-Gruppe wirkte vor allem der Umstand, daß der englische und der französische Imperialismus trotz ihres Kampfes gegen Hitler anfänglich das Münchner Abkommen nicht wiederrufen und daher die Tschechoslowakei in den alten Grenzen vor 1938 nicht anerkannt hatten. Allerdings wirkte v.a. die britische Regierung erfolglos auf eine Verständigung der beiden Hauptströmungen hin.

Grundlegend zugunsten der von Benes geführten Exilregierung wirkte sich allerdings der Eintritt der Sowjetunion in den Weltkrieg aufgrund des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941 aus. Stalin anerkannte im Juni dieses Jahres die Tschechoslowakei in den Grenzen vor München und Benes als einzigen legitimen Vertreter. Parallel dazu nahm die KPTsch in ihr Programm als Hauptlosung die Wiedererrichtung der Tschechoslowakei auf. Die anderen Großmächte folgten - das für die Exilkreise wichtige Großbritannien am 5.8.1942. Damit wurde der Jaksch-Gruppe die internationale Unterstützung für eine mögliche grundlegende Neugestaltung entzogen und das sudetendeutsche Problem zu einer inneren Angelegenheit der Tschechoslowakei.

Auch in London wurden nun nach dem Eintritt der UdSSR in die Anti-Hitler-Koalition Pläne entwickelt, die für Osteuropa Umsiedlungen und Gebietsverschiebungen in größerem Ausmaß vorsahen. Ein besonderes Problem ergab sich durch die sowjetische Annexion Ostpolens als Ergebnis des Hitler-Stalin-Paktes. Um die UdSSR stärker an die westliche Anti-Hitler-Allianz zu binden, war man stillschweigend bereit, die sowjetischen Gebietsgewinne zu akzeptieren. Dafür sollte jedoch Polen eine Kompensation im Westen, Norden und Südwesten in Aussicht gestellt werden. Schon 1942 war dabei von Ostpreußen und Oberschlesien die Rede, später wurden die zur Disposition stehenden Landstriche um die preußischen Küstengebiete bis Stettin/Szczecin erweitert. Auch hier wurde von der britischen Diplomatie vorsorglich gleich ein Bevölkerungstransfer mitgedacht.

Parallel dazu stieg durch die faschistische Repression die antideutsche Stimmung im Protektorat: Hatte anfänglich der links-orientierte Widerstand zwischen faschistischen Funktionären und den einfachen Bürgern unterschieden und nur die nationalistisch ausgerichteten Kreise die Forderung nach einer Säuberung der wiederhergestellten Republik von den Deutschen vertreten, wuchs besonders mit der Repressionswelle, die dem Attentat auf Heydrich im Mai 1942 folgte (Ausrottung ganzer Dörfer wie Lidice..), die antideutsche, nationalistische Stimmung stark an. 1942 überwog beim tschechischen Widerstand bereits der Wunsch nach einer radikalen Lösung des Sudetenproblems durch Abschub und Bevölkerungsaustausch. In der tschechischen Öffentlichkeit brach sich der Gedanke einer deutschen Kollektivschuld immer stärker Bahn.

 

5. Die Exil-Diskussion um die Aussiedlung

 

In der Phase vom Überfall auf die Sowjetunion bis Ende 1943 fielen die grundlegenden Entscheidungen über die Gestaltung Europas nach dem Krieg. Auf der Konferenz der alliierten Außenminister in Moskau vom Oktober 1943 fiel die Entscheidung, daß Deutschland auf seine Grenzen vor 1938 zu beschränken sei. Mit dem Moskauer Memorandum vom 1. November 1943 wurde die Wiedererrichtung eines freien und unabhängigen Österreich als alliiertes Kriegsziel definiert, und anläßlich des Besuches von Präsident Benes in Moskau im Dezember 1943 wurde mit der UdSSR ein Vertrag über Freundschaft, Beistand und Zusammenarbeit nach dem Kriege abgeschlossen und die Entscheidung über die Aussiedlung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei gefällt.

Dem ging 1942/1943 eine intensive Diskussion und Meinungsbildung in den Exilkreisen und in den Zentren der alliierten Kriegsstäbe voraus. Von Benes wurde in diesen beiden Jahren das Konzept der "politischen Abgeltung für München" erarbeitet. Seine drei Grundpfeiler waren erstens eine Erneuerung der Tschechoslowakei in den Grenzen vor München, zweitens eine internationale Garantie der Grenzen und drittens innenpolitische Garantien gegen eine Wiederholung von München. Hierher gehörte die Stärkung des nationalen Charakters des Staates. Die Minderheiten sollten entnationalisiert, ausgesiedelt oder - im Falle der Ungarn - gegen eigene Minderheiten im anderen Lande ausgetauscht werden. Ging es anfangs lediglich um eine harte Bestrafung der Schuldigen an den antitschechischen Repressionen und der Faschisten, wurde 1942/1943 der Kreis der Betroffenen sukzessive erweitert. War 1942 von 1,5 Millonen die Rede, rechnete die Benes-Regierung Ende 1943 mit mindestens zwei Millionen deutschen Auszusiedelnden. Die Sudetendeutschen trügen eine besondere Schuld an der Zerschlagung der CSR, und 80% der Deutschen wären Anhänger der fünften Kolonne SdP, der Henlein-Partei, gewesen.

Während des Jahres 1942 warb die Benes-Regierung in London auf diplomatischem Parkett für Verständnis und eine Unterstützung der Aussiedlungspläne. Im Juni 1942 signalisierte Außenminister Molotow die Unterstützung der UdSSR, im September 1942 ließ die britische Regierung ihr Einverständnis erkennen, falls eine solche Maßnahme "unerläßlich" sei, im Mai 1943 sicherte US-Präsident Roosevelt eine Zustimmung zu einem "Bevölkerungstransfer" zu.

War die Benes-Regierung federführend in der tschechischen Planung der Aussiedlung, versuchten die Sozialdemokraten um Jaksch alles, um eine solche zu verhindern. In ihren Dokumenten vom 22.9.1941 und 7.6.1942 legte sie politische Gegenkonzepte vor. Ihr Ansatz war ein gemeinsames Vorgehen von Deutschen und Tschechen im Kampf gegen Hitler und im Aufbau eines neuen Staates. Die Aufgabe der Sudetendeutschen sei eine demokratische Revolution, um einen Neuanfang auf demokratischer Basis zu ermöglichen. Die Exilregierung war sich zu dieser Zeit bereits zunehmend des Rückhalts durch die imperialistischen Mächte und die UdSSR sicher und baute auf eine weitere Differenzierung im sudetendeutschen Exil selbst. Dazu kamen andere strittige Punkte, etwa die außenpolitische Orientierung des bürgerlichen Exils auf die Sowjetunion, die von den Sozialdemokraten als zu "einseitig" in Frage gestellt wurde. Die Differenzen verschärften sich und führten 1943 zu einem offenen politischen Kampf um die Herrschaft in den Vorzimmern der alliierten Ministerien, den die Jaksch-Gruppe verlor. Politisch isoliert, mußte sie sich ab 1943 darauf beschränken, immer wieder vor den Folgen der geplanten Aussiedlung zu warnen.

 

6. Die UdSSR, die KPTsch und die Aussiedlungspläne

 

Die Kommunistische Partei, deren Politik in der nationalen Frage wir im ersten Abschnitt zur Geschichte der Sudetendeutschen in der Zwischenkriegszeit bereits ausführlich schilderten, wurde im Zweiten Weltkrieg wiederum zu mehrfachen Kurskorrekturen gezwungen. War die Wiedererrichtung der Tschechoslowakei zur Zeit des Hitler-Stalin-Paktes nicht einmal Programmpunkt, wurde sie nach dem Überfall auf die Sowjetunion zur dominierenden Frage. Die Exilregierung wurde nicht anerkannt, nach Stalins Schwenk jedoch mutierte sie zur einzig legitimen Vertreterin. Und noch 1943 orientierte sich die KPTsch auf eine demokratische antifaschistische Revolution der Sudetendeutschen. Sie lehnte sowohl die Massenaussiedlungen als auch die Kollektivschuldthese, die von der Exilregierung ins Spiel gebracht wurde, entschieden ab.

Dabei hatte die KPTsch nichts anderes getan, als den Beschluß der KomIntern "Über die Aufgaben der KPTsch" vom 5.1.1943 in die Tat umzusetzen versucht. In einer künftigen Tschechoslowakei würden wieder Tschechen und Deutsche im selben Land zusammenleben; wie das Verhältnis dieser beiden Nationen im Detail aussehe, müsse aber vom Verhalten der Sudetendeutschen und ihrem Kampf gegen Hitler abhängig gemacht werden. Getreu dieser Linie erklärte Klement Gottwald noch im Oktober 1943, die Konzeption der Kollektivschuld und die besondere Verantwortung der Sudetendeutschen für die Zerschlagung des Staates zurückweisend:

"Die überwiegende Mehrheit der Anhänger der Sudetendeutschen Partei Henleins dachte in Wirklichkeit an nichts anderes als an eine Besserung ihrer Verhältnisse innerhalb der Tschechoslowakei in einem gemeinsamen Staat mit den Tschechen."

Und nochmals, mit Bezug auf den gescheiterten Henlein-Putsch von 1938, der dem Münchner Abkommen vorausgegangen war:

"Dieser Henlein-Putsch, der von Deutschland mit allen Mitteln unterstützt wurde, scheiterte jedoch auf der ganzen Linie, und zwar nicht so sehr am Widerstand des tschechoslowakischen Staatsapparates, als vielmehr deshalb, weil der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung, einschließlich der Anhänger Henleins, dem Aufruf Henleins nicht gefolgt waren. Und erst nachher, nach diesem gescheiterten Henlein-Putsch, als sich zeigte, daß die große Mehrheit der Sudetendeutschen nicht freiwillig zum Hitlerreich will, erst da mußte München kommen. So verhält es sich in Wirklichkeit."

Die Übereinstimmung zwischen Benes einerseits und Stalin-Molotow auf der anderen Seite im Dezember 1943 stellten aber die KPTsch vor neue Tatsachen. Innerhalb kürzester Zeit wurde die KPTsch umorientiert und auf die Notwendigkeit einer Aussiedlung der Sudetendeutschen eingeschworen. Von Gegnern der Aussiedlung wandelte sich die KPTsch mit erstaunlicher Schnelligkeit zu dessen konsequentester Vorkämpferin. Klement Gottwald kommentierte den Vertragsabschluß im Moskauer Rundfunk:

"Unsere Völker, die seit Jahrhunderten um ihr nacktes Dasein kämpfen, können aufatmen und ruhig einer neuen, glücklichen Zukunft entgegensehen. Die Träume der edelsten Denker unserer Nationen haben sich erfüllt: Unsere slawische Linde lehnt sich an die mächtige russische Eiche."

Die neue Linie der KPTsch ging nun davon aus, daß alle Deutschen auszusiedeln seien und nur jene im Lande verbleiben sollten, die aktiv im Widerstandskampf gegen den Faschismus gewesen seien. Die Sowjetunion hatte auch hier den Weg gewiesen. Denn in der UdSSR war im Zusammenhang mit dem "Großen vaterländischen Krieg" die Umsiedlung ganzer Völkerschaften bereits gängige Praxis geworden: Wolgadeutsche wurden nach Kirgisien deportiert, von der Vertreibung waren auch Krimtataren, Kaukasier, z.B. die Tschetschenen, und andere kleinere Völkerschaften und Teile von Nationen (Esten, Letten, Litauer...) betroffen. Gerechtfertigt wurden diese Maßnahmen, die als Kollektivstrafe konzipiert waren, meist mit der Bereitschaft zur Kollaboration ganzer Völker mit dem Aggressor.

Osteuropa wurde allgemein der sowjetischen Einflußsphäre zugerechnet, und Stalin versuchte alles zu tun, um mögliche Konfliktherde von vorneherein zu minimieren. In diesem Sinne existierte schon vor Dezember 1943 weitgehende Übereinstimmung in der Gestaltung der nationalen Frage in Osteuropa zwischen Benes und Stalin, dessen Position davon ausging, daß

"die Minderheiten in Mitteleuropa liquidiert werden müssen, da sie Quelle ewiger Unruhe und fünfte Kolonne waren."

Unter Liquidierung wurde dabei neben Aussiedlung auch Assimilation als ergänzende Maßnahme verstanden, was sich ebenfalls mit Benes' Position deckte, der in Moskau den Hauptgaranten für die von den bürgerlichen Exilkreisen gewünschte Stärkung des slawischen Charakters der neuen Tschechoslowakei sah.

Die volksfrontartige Achse tschechoslowakisches Exil - Moskau verstärkte sich um die Jahreswende 1944/1945 noch. Denn die vorsichtige Haltung der Westmächte auf das Memorandum vom 23. November 1944 über die Aussiedlung der Deutschen wirkte ernüchternd - die USA und Großbritannien wollten vor ihrer Zustimmung ein Abkommen der Siegermächte untereinander schließen. Gefordert wurde von der Exil-Regierung die Aufnahme der Aussiedlung in die Kapitulationsbedingungen gegenüber Nazideutschland. Geplant war nun die Aussiedlung von 2,4 Millionen Deutschen; die restlichen 800.000, die im Lande verbleiben dürften, sollten allerdings aller Minderheitenrechte verlustig gehen und schrittweise assimiliert werden. Benes stellte klar, daß die künftige tschechoslowakische Regierung die Aussiedlung auch ohne die direkte Unterstützung der Westmächte durchzuführen gedenke, und erhielt volle Rückendeckung von der Sowjetunion. Molotow erklärte die "absolut positive" Haltung seiner Regierung zur Aussiedlung und empfahl, in dieser Richtung mit England zu verhandeln. Intern wurde 1945 die Abtretung einiger nord- und westböhmischer Bezirke an Deutschland überlegt, um die Zustimmung der Westalliierten zur Aus- und Umsiedlung doch noch zu erhalten.

Im inhaltlich mit dem Memorandum im wesentlichen identischen "Zehn-Punkte-Plan" von Benes (1944) wurde klargestellt: "Der Staat wird der tschechoslowakische Nationalstaat sein." Es dürfe keine Gemeinde geben, in der nicht wenigstens zwei Drittel Tschechoslowaken leben; die Amtssprache könne nur tschechoslowakisch sein; Minderheitenrechte könne es keine geben. Bereits detailliert wird ein "Transferplan" erstellt: Mitglieder faschistischer Organisationen, Lehrer und u.a. alle, die aus der Besetzung wirtschaftlich profitiert haben, seien sofort ("gleich in den ersten Monaten nach Deutschlands Fall") auszuweisen, "das Hauptgros des Transfers soll innerhalb von zwei Jahren durchgeführt werden", für den Rest müsse ein "Fünfjahresplan" für den Transfer in "politischer, wirtschaftlicher, technischer und finanzieller Hinsicht" ausgearbeitet werden. 800.000 Deutsche sollten im Lande bleiben können. Analog dazu sollte die ungarische Bevölkerung "transferiert" werden. Noch vor der Gründung der Tschechoslowakei war also im wesentlichen die Frage der Aussiedlung entschieden: Nur mehr der Umfang und die Form stand zur Disposition.

 

7. Das Programm von Kosice

 

Wie geplant, trat im Frühjahr 1945 die tschechoslowakische Exilregierung zurück, statt dessen flog diese mit Benes an der Spitze nach Moskau und verhandelte mit den Vertretern der KPTsch über die Bildung einer neuen Regierung. Die Vertreter der Bourgeoisie waren zum historischen Kompromiß mit den Repräsentanten der KPC gezwungen und gaben ihre ursprünglichen Pläne auf eine Erneuerung der Vorkriegs-Tschechoslowakei auf. Auf dem von den Truppen der Roten Armee befreiten Territorium konstituierte sich eine neue Regierung der "Nationalen Front der Tschechen und Slowaken", die sich aus den Vertretern der Kommunistischen Partei, der katholischen Volkspartei, der Partei der Nationalen Sozialisten, der slowakischen Demokratischen Partei und den Sozialdemokraten zusammensetzte.

Die neue Regierung verkündete ihr Programm, das am 5.4.1945 beschlossene Programm von Kosice, benannt nach dem ostslowakischen Zentrum (zu deutsch Kaschau, ungarisch Kassa). Das Programm von Kosice hatte dabei noch nicht das Ziel der möglichst vollständigen Vertreibung der Deutschen und Ungarn erkennen lassen. Erinnert wird in Punkt VIII einleitend an die furchtbaren Erfahrungen mit der deutschen und ungarischen Minderheit, "die zu einem großen Teil das gefügige Werkzeug einer gegen die Republik gerichteten auswärtigen Eroberungspolitik bildeten". Aber die Regierung hat nicht den Wunsch, "ihre loyalen deutschen und madjarischen Bürger zu verfolgen, die ihr auch in den schwersten Zeiten die Treue gehalten haben". Wer Widerstand geleistet habe, sei im neuen Staat willkommen. In den Nationalen Bodenfonds sollten alle Güter des deutschen und madjarischen Großgrundbesitzes und aller Kollaboranten nach dem Grundsatz der entschädigungslosen Enteignung eingebracht werden. Ebenso sollte das Vermögen von tschechoslowakischen Kollaborateuren und allen jenen Deutschen und Ungarn konfisziert werden, die der "Zerschlagung und Besetzung der Tschechoslowakei Vorschub geleistet haben". Im Endeffekt bedeutete dies die Möglichkeit der Vertreibung eines Großteils aller Deutschen, hatte doch die Henlein-Partei in Böhmen und die Karpatendeutsche Partei Karmasins in der Slowakei den größten Teil der deutschen Stimmen in den letzten Jahren der CSR auf sich verbuchen können.

Die erste tschechoslowakische Nachkriegsregierung war also entschlossen, ernst zu machen mit der Aussiedlung, auch wenn im Regierungsprogramm von Kosice der Kreis der Betroffenen noch kleiner war, als es sich später in der Praxis herausstellen sollte. Die Regierung stützte sich dabei auf Moskau, während die Regierungen der USA und Großbritanniens sich weiter in diplomatischer Zurückhaltung übten. Am 9. Mai 1945 war mit dem Inkrafttreten der bedingungslosen Gesamtkapitulation der Deutschen Wehrmacht der Zweite Weltkrieg offiziell zuende. Und unmittelbar darauf begannen die ersten großen Vertreibungsaktionen. Dazu ist es aber notwendig, vorerst auf die unterschiedlichen Formen, die die Aussiedlung der Deutschen in Mittel- und Osteuropa annahm, einzugehen.

 

8. Odjezd, Utek, Vyhnani, Vysidleni oder Odsun?

 

Im Tschechischen gibt es mehrere Begriffe, mit denen die Aussiedlung der Deutschen umschrieben wird. Um diesen Prozeß genauer verstehen zu können, ist eine Abgrenzung dieser einzelnen Begriffe notwendig, denn es handelte sich in der Realität um drei miteinander verbundene, aber doch in ihrer Grundstruktur und ihren Konsequenzen völlig unterschiedliche Prozesse. "odjezd" bedeutet "Abreise" - ein farbloser, beschönigender Begriff, der in der jüngeren Historiographie, selbst der bedingungslos die Maßnahmen verteidigenden, nicht mehr verwendet wird. Er kann hier ausgeschieden werden.

Als erstes Element dieser miteinander verbundenen Prozesse muß also auf den utek, die Flucht, eingegangen werden. So verließen z.B. 500.000 Bewohner Ostpreußens bis zum Ende des Jahres 1944 ihre Heimat vor der heranrückenden Roten Armee. In Tschechien spielte dieses Element kaum eine Rolle, denn das Gebiet des Reichsprotektorates gehörte zu den letzten Rückzugsgebieten der deutschen Armee. Die Tschechoslowakei war bei Kriegsende eher ein Aufnahmeland für Kriegsflüchtlinge, die - soweit es sich um Deutsche handelte - aus Schlesien, der Bukowina, der Slowakei, aber auch aus den zerbombten deutschen Städten wie Dresden und anderen hierher kamen und bei Kriegsende hier gestrandet waren. Allerdings waren größere Teile der Deutschen aus der Slowakei 1944/1945 davon betroffen.

Generell wurde der utek, die Flucht, von den NS-Organen und der deutschen Wehrmacht eher behindert als gefördert: Zum einen drohte die Konfrontation mit deutschen Flüchtlingen die Moral der im Hinterland auf Endsieg getrimmten Bevölkerung zu untergraben. Evakuierung bedeutete in der Sicht vieler Gauleiter einen Verrat an der Volksgemeinschaft und war Ausdruck mangelnder Siegesgewißheit. Die Evakuierung erfolgte daher in der Regel viel zu spät, war unorganisiert und nicht selten den Behinderungen der faschistischen Behörden ausgesetzt. Tausende kamen dabei durch Bombenabwürfe der Alliierten um (so war der Bahnhof in Dresden Ziel englischer Bombenabwürfe, wo sich zehntausende Ostflüchtlinge stauten), an Unterernährung starben massenhaft Säuglinge und alte Menschen, die den Strapazen der Flucht nicht gewachsen waren, die extreme Kälte des Winters 1944/1945 forderte ebenfalls ihren Tribut. Ungezählte kamen beim Übergang über zugefrorene Flüsse ums Leben, blieben tagelang bei eisiger Kälte auf hoffnungslos mit Menschenmassen verstopften Straßen stecken...

In der Slowakei wurde im allgemeinen die Evakuierung beser als in den polnischen Ostgebieten organisiert. Denn die Selbstverwaltung der deutschen Volksgruppe im slowakischen faschistischen Marionettenstaat sicherte eine weitgehende Mitwirkung der deutschen Bevölkerung an der Evakuierung. Trotzdem aber war der Widerstand gegen einen Abtransport so stark, daß die Evakuierung zeitweise verschoben und zu einer Teilevakuierung rückgestuft werden mußte. Mit Drohung des Entzugs der Lebensmittelkarten u.ä. konnte die Disziplin hergestellt und die Evakuierung schließlich planmäßig fortgeführt werden. Z.B. zog die bäuerliche Bevölkerung der Zips/Spis im Osten der Hohen Tatra in langen Trecks entlang des Tales der Vah/Waag nach Westen und wurde ins Protektorat geleitet, von wo sie nach Ende des Krieges weiterverschickt wurde. Kleinere Bevölkerungsgruppen wurden, solange dies noch möglich war, mit den Eisenbahnen großteils nach Österreich oder ins heutige Tschechien transportiert. Während des Winters 1944/1945 wurden so von den etwa 140.000 Personen, die die deutsche Minderheit der Slowakei zählte, 120.000 evakuiert.

Als aber viele der Flüchtlinge im Mai/Juni 1945 zurückkehren wollten, wurden sie an der Ostgrenze Österreichs oder an Oder und Neiße aufgehalten - die Flucht ging nahtlos in Vertreibung, das vyhnani, über. Sofort nach dem Ende der Kampfhandlungen schlug die Stunde der Abrechnung - die Phase der "wilden" Vertreibungen setzte ein. Denn die Grundsatzentscheidungen waren zwar getroffen, die konkrete Form der Durchführung aber noch nicht bestimmt. Meist von lokalen Organen initiiert, kam es zu brutalen Aktionen, die im kollektiven Gedächtnis der Deutschen und Österreicher bis heute gespeichert sind: der "Brünner Todesmarsch" gehört hier ebenso dazu wie Pogrome in Aussig, die 2.000 das Leben gekostet haben dürften, und anderswo.

Vysidleni, die Aussiedlung, war im Vergleich dazu die geregelte Form des Bevölkerungstransfers, wie sie nach der Potsdamer Konferenz umgesetzt wurde. Der odsun, der Abzug, wie diese Phase im Tschechischen auch etwas euphemistisch genannt wird, betraf die Hauptmasse der sudetendeutschen Bevölkerung; Tag für Tag wurde mit Eisenbahntransporten ein Millionenheer in das transportiert, was geographisch vom Deutschen Reich übriggeblieben war. Interessanterweise erregte vor allem diese dritte Form der Aussiedlung die Kritik westalliierter Beobachter - trotz des generalstabsmäßig geplanten und vergleichsweise humanen Charakters der Maßnahme.

 

9. Die Phase der "wilden" Vertreibungen

 

Der Krieg ging unmittelbar in die Phase einer ersten Abrechnung und der "wilden" Aussiedlungen über. Am Beispiel Prag sei hier die Dynamik geschildert. Mit der Großoffensive der Roten Armee zu Beginn des Jahres 1945 blieb das Protektorat zwar immer noch weitgehend Hinterland, aber es wurde zum Durchzugsgebiet von volksdeutschen Flüchtlingen und von KZ-Häftlingen, die in langen Todesmärschen nach Westen getrieben wurden. Anfang Mai 1945 dürften sich in Tschechien etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge aufgehalten haben. Vor der in zwei Keilen über Österreich und Polen vorrückenden Roten Armee zogen sich in aller Eile die Reste der Wehrmachtsverbände zurück, um doch noch der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zu entgehen und in die Hände der US-Army, die bereits im Westen Böhmens stand, zu gelangen. Noch vor der deutschen Truppen zogen lange Trecks mit den Deutschen Mährens.

In zahlreichen tschechischen Orten bildeten sich in all dem Ducheinander Nationalausschüsse, die die lokale Macht übernahmen - in einigen Fällen reibungslos, in vielen aber wüteten die SS und die deutschen Truppen noch in den letzten Stunden der faschistischen Herrschaft mit beispiellosem Terror. Prag, die letzte Großstadt, die von der deutschen Armee in Europa noch gehalten wurde, war überfüllt mit Militär, Verwundeten, Flüchtlingen. Die Protektoratsregierung versuchte vergeblich, eine Abstimmung mit dem tschechischen Widerstand zu erreichen, um die US-Army nach Prag zu rufen. Doch dieser war natürlich zu keinem Kompromiß mehr bereit. Am 5. Mai 1945 begann der Aufstand in Prag, Barrikaden wurden errichtet, die Kontrolle über die Rundfunkstation nach heftigem Kampf gewonnen, die tschechischen Hilfspolizeieinheiten der Protektoratsregierung schlossen sich dem Aufstand an. Die Waffen-SS versuchte, im Schutz von Frauen und Kindern, die sie vor sich hertrieb, die Barrikaden zu stürmen. Die von den Aufständischen zur Hilfe gerufenen US-Einheiten blieben aber untätig: Sie standen zwar nur mehr 70 Kilometer im Westen Prags und wären auf dem Weg dorthin auf keinen nennenswerten Widerstand mehr gestoßen, aber Truman wollte die guten Beziehungen zu Stalin nicht gefährden. General Eisenhower lehnte einen Vorstoß Richtung Prag ab. Bis zur Kapitulation der Regierung Dönitz am 8. Mai gingen die Straßenschlachten unvermindert weiter. Danach zogen die deutschen Truppen Richtung US-Armee ab, und die Rote Armee marschierte in der Nacht auf den 9. Mai kampflos in Prag ein.

Die etwa 200.000 deutschen Zivilisten, die sich zu dieser Zeit in Prag aufhielten, waren zu größten Teilen nicht mehr zum Verlassen der Stadt in der Lage. Schon während des Aufstandes wurden viele interniert - in Kinos, Theatern, in Fußballstadien. Wohnungen wurden requiriert, der lang aufgestaute Haß gegen alles Deutsche entlud sich unterschiedslos auf offene Faschisten, Mitläufer und Antifaschisten. Zwischen 5.000 und 27.000 deutsche Zivilisten dürften in Tagen des Zusammenbruchs der nationalsozialistischen Herrschaft in Prag ums Leben gekommen sein. Die Jagd auf alles Deutsche, unabhängig von Klasse, politischer Einstellung und persönlicher Schuld, verbreitete sich rasch über ganz Tschechien und ging in eine Welle wilder Vertreibungen über - "wild" deshalb, weil sie weder zentral organisiert noch von den Regierungen angeordnet worden waren. Neben den örtlichen Nationalausschüssen und den Revolutionsgarden war an den Vertreibungen auch die tschechische Befreiungsarmee unter General Swoboda, die gemeinsam mit der Roten Armee eingerückt war, beteiligt.

Die Vertreibung begann meistens unmittelbar nach dem Abzug der Deutschen, der Bildung der Revolutionsgarden und dem Einmarsch der im Exil aufgestellten tschechischen Befreiungsarmee. Die "wilden" Aktionen dauerten den ganzen Sommer an und kulminierten in den Monaten Juni und Juli 1945. Ortschaften und Ortsteile wurden hermetisch abgeriegelt, und innerhalb kurzer Frist mußten die Deutschen ihre Häuser verlassen. Dabei war wegen desÊ unkoordinierten Charakters der Aktionen die Vorgangsweise unterschiedlich: In einzelnen Orschaften konnten die Bewohner überhaupt nichts mitnehmen und wurden einfach aus den Wohnungen vertrieben und in Lager eingewiesen, in anderen war die Mitnahme der notwendigsten Habseligkeiten erlaubt. Die Abschiebung wurde vorgenommen mit der Eisenbahn, mit Pferdewägen oder zu Fuß. Dabei mußte das Gepäck oft auch getragen werden; viele Erschöpfte mußten auch noch Teile des wenigen, das sie mitnehmen konnten, zurücklassen.

Stellvertretend die Vertreibung aus Heinrichschlag nach Österreich, die für viele andere Aktionen typisch gewesen sein dürfte. Die Erzählung wurde von uns gekürzt:

"Am 30.5. um halb 11 Uhr vormittags kam der Befehl: binnen zwei Stunden muß das Dorf geräumt sein. Eiige Tage vorher wurde schon etwas gemunkelt, daß wir fort müssen, aber niemand glaubte es. 30 kg Gepäck war erlaubt mitzunehmen. Es war aber kaum eine Stunde vorbei, kam ein Tscheche, versperrte die Haustüre. Er durchsuchte unsere Sachen nach Schmuck, Photografapparat und tschechischem Geld. Sechs der angesehensten Männer des Ortes wurden beim Feuerwehrhaus mit erhobenen Händen mit dem Gesicht gegen die Wand gestellt. Wenn irgend jemand sich geweigert hätte, fortzugehen oder das geringste vorgefallen wäre, hätte man diese erschossen. Bei der Schule war der Sammelplatz. Es gab ein Weinen und Jammern ohnegleichen. Auf drei Wagen wurden die wenigen Habseligkeiten von über hundert Personen geladen. Die alten Leute und die kleinen Kinder konnten aufsitzen, und der Zug setzte sich in Bewegung. Tschechische Partisanen begleiteten schwerbewaffnet zu Roß den traurigen Zug bis an die österreichische Grenze, bis wohin wir ungefähr 20 Kilometer hatten. In Fichtau war die tschechisch-österreichische Grenze. Alles wurde von den Wägen geschmissen und von tschechischen Grenzwächtern genau kontrolliert und was ihnen angenehm war genommen."

Besonders brutal waren die Austreibungsaktionen in Brünn/Brno, wo an die 25.000 zur Grenze getrieben wurden, in Komotau/Chomotov und im Grenzgebiet zum nun polnisch besetzten Schlesien. Denn die polnischen Behörden verweigerten die Übernahme der Vertriebenen, sodaß ganze Kolonnen im Niemandsland zwischen den beiden Ländern hängenblieben und oft tage-, ja wochenlang im Grenzstreifen umherirrten. Viele gingen dabei durch Hunger und Erschöpfung zugrunde.

Während des Sommers, als die Austreibungen weitergingen, differenzierte sich das Bild: Neben der vollständigen Räumung vieler Ortschaften, vom Großbauer bis zum letzten Knecht, kam es nun auch zu einer sozial gestaffelten Vorgangsweise. Vielfach wurden nur bestimmte Berufsgruppen vertrieben, z.B. Lehrer oder Beamte, während Fachkräfte, die man zur Wiederaufnahme der Produktion in den Fabriken benötigte, noch zurückgehalten wurden. In anderen Dörfern wurden wiederum die Alten, Gebrechlichen und die Frauen mit Kleinkindern abgeschoben, während die für den Arbeitseinsatz Brauchbaren zurückgehalten, zum Arbeitseinsatz in tschechisches Gebiet oder in Lager zur Zwangsarbeit verfrachtet wurden. Die Entscheidung lag offenbar überall bei den lokalen Nationalausschüssen, die durchaus unterschiedlich agierten.

Inzwischen waren in der Tschechoslowakei Lager eingerichtet worden. Im Unterschied zur Slowakei waren in den Sudetengebieten die Lager ursprünglich nur für politisch Belastete gedacht, wobei der Begriff des strafbaren Vergehens sehr extensiv ausgelegt wurde und oft allein von der Idee kollektiver Schuld und Verantwortung aller Deutschen ausging. Sehr bald aber wurden die Deutschen unabhängig von Schuld oder Nicht-Schuld eingeliefert - so etwa die deutschsprachige Bevölkerung der Sprachinsel Iglau/Jihlava, die schon im Mai in Lager interniert worden war, um dann wenig später an die Grenze abgeschoben zu werden. Wo dies nicht gelang, wurden die Zurückbleibenden zur Zwangsarbeit rekrutiert. Dutzende Lager entstanden so während des Sommers, in denen meist die gesamte deutschsprachige Bevölkerung einer ganzen Gegend mit wenigen Ausnahmen interniert worden war. So waren die Deutschen der Gegend um Brünn, Jägerndorf und Iglau fast zur Gänze interniert oder bereits vertrieben worden.

Nach den großen Einlieferungsaktionen vom Mai und Juni 1945 sollte in den Lagern nun harte Arbeit geleistet werden, in vielen Fällen aber dienten die Lager auch nur dazu, um die Differenz zwischen Vertreibung aus den einzelnen Ortschaften und dem Termin der Ausweisung (viele hatten bis nach der Potsdamer Konferenz zu warten, die Zeit konnte also mehrere Monate betragen) zu überbrücken. Die Zeit wurde noch dadurch verlängert, daß die "wilden" Austreibungen im Sommer nach der Potsdamer Konferenz nahezu zum Erliegen kamen. Nach Aussagen der meisten Lagerinsassen waren nicht so sehr die kleinlichen Schikanen der Lagerkommandantur zermürbend, sondern schlicht und einfach der Hunger und die katastrophalen sanitären Verhältnisse, die besonders jene trafen, die nicht zum Arbeitseinsatz außerhalb der Lager eingesetzt werden konnten.

Von der ersten Austreibungswelle wurden insgesamt etwa 700.000 bis 800.000 Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei betroffen. Die unkoordinierten Vertreibungen führten in der sowjetische Besatzungszone, die zu dieser Zeit die größte Zahl der Flüchtlinge aufzunehmen hatte, zu größten Problemen. Zehntausende wurden ziel- und planlos von Ort zu Ort geschoben - Hunger und Krankheiten rafften abermals Tausende dahin. Dazu kamen noch zehntausende zum Arbeitseinsatz nach Innerböhmen Abkommandierte und in Lager Eingewiesene. Auch nach der Potsdamer Konferenz, als eine geordnete Aussiedlung beschlossen und der Stopp der "wilden" Vertreibungsaktionen verfügt wurde, gingen vereinzelt die Aktionen noch weiter. Etwa 70.000 Deutsche dürften zwischen dem Ende der "wilden" und dem Beginn der organisierten Aussiedlung meist in die Sowjetzone Deutschlands abgeschoben worden sein. Einige Hundert aus Westböhmen verließen mit den US-Truppen freiwillig das Land, da die Austreibung seit Potsdam ja ohnehin schon endgültig beschlossene Sache war. Sie konnten meist sogar größere Teile des Privatvermögens durch die Hilfe der US-Army, die Wägen zur Verfügung stellte, in die amerikanische Zone bringen. Etwa 150.000 der Vertriebenen dieser Phase kamen nach Österreich.

 

10. Österreich und die "wilden" Vertreibungen

 

Zwei historische Legenden seien hier gleich vorneweg zerstört: die eine betrifft das Verhalten der Roten Armee, die andere das der Republik Österreich. In reaktionären Kreisen wird die Aussiedlung aus der Tschechoslowakei nur zu gern mit dem Treiben der Roten Armee in Zusammenhang gebracht. Der Bogen spannt sich dabei von der gestohlenen Uhr über massenhafte Vergewaltigungen eben bis zur Anstiftung zu den Vertreibungen. Während aber z.B. Vergewaltigungen und andere Gewalttätigkeiten in den von der Roten Armee eroberten Gebieten vor allem durch die den Fronteinheiten nachrückenden Etappentruppen oftmals vorkamen, läßt sich selbst in den umfangreichen Dokumentationen der Bundesrepublik Deutschland, die in den 50er Jahren zu den Vertreibungen herausgegeben wurden, eine Beteiligung der Roten Armee nirgends belegen. Auch wenn die wilden Vertreibungsaktionen in den amerikanischen Besatzungsgebieten Westböhmens ausblieben, konnte deren Teilnahme von niemandem bezeugt werden - ganz im Gegenteil: In einzelnen Fällen verhinderten Angehörige sowjetischer Militärbehörden sogar den Abschub, so etwa in Brüx/Most, wo 1.000 Frauen und Kinder davon betroffen waren.

Die zweite historische Legende betrifft die Republik Österreich. Denn das Verhalten der offiziellen Stellen war lang nicht so eindeutig, wie uns heute das die populäre Geschichtsschreibung von Portisch & Co. weismachen möchte.

So bei dem immer wieder zitierten "Brünner Todesmarsch", der in Österreich wohl bekanntesten Vertreibungsaktion in der Tschechoslowakei. An die 25.000 Männer, Frauen und Kinder wurden am 30. Mai 1945 zusammengetrieben und Richtung österreichische Grenze auf den Marsch geschickt. Am Abend des 31. Mai kamen die ersten im nördlichen Weinviertel auf österreichisches Staatesgebiet. Als dann sehr bald die österreichischen Grenzwachen den Übertritt weiterer auf österreichisches Staatsgebiet verhinderten, wurden mehr als 20.000 auf freiem Feld, in Getreidesilos etc. auf tschechischer Seite untergebracht. Die Arbeitsfähigen wurden zur Arbeit geholt, die Mehrzahl - Alte, Unterernährte, Mütter mit Kleinkindern etc. - blieb in einem Behelfslager in Pohrlitz/Pohorelice zurück. Die hygienischen Verhältnisse waren so katastrophal, daß Tausende elend an Typhus und anderen epidemischen Krankheiten zugrundegingen. Wochen-, ja monatelang weigerte sich Österreich, die hier Gestrandeten zu übernehmen.

Waren sie endlich doch in Österreich, ging es ihnen nicht viel besser. Das neue Österreich wollte sich vom Makel, deutsch zu sein und mit den Deutschen etwas zu tun zu haben, möglichst befreien und empfand dabei die hier gestrandeten Volks- und Sudetendeutschen als peinliche Erinnerung an eine Zeit, an die man am liebsten nicht mehr erinnert werden wollte. Man fühlte sich für das Verhalten des Nationalsozialismus nicht zuständig - Österreich sei ja das erste Opfer und in keiner Weise für die Ereignisse veratwortlich gewesen. Dazu kamen die Ernährungssorgen, die der andauernde Zustrom der Flüchtlinge nur noch vergrößerte. Dieses gleichgültige, ja oft sogar offen feindselige Verhalten betraf nicht nur die Volksdeutschen, sondern auch die anderen DPs, Displaced Persons, wie die Vertriebenen genannt wurden.

Zu Kriegsende hatten sich 1,65 Millionen "Ausländer" auf dem Territorium Österreichs aufgehalten, darunter Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Überlebende der KZs, Südtiroler Optanten, Reichsdeutsche oder die Reste der mit der deutschen Armee verbündeten Truppen - so die 150.000 Kroaten, die den jugoslawischen Truppen, und die 50.000 Kosaken, die den sowjetischen Behörden übergeben worden waren. 200.000 jüdische Displaced Persons waren ebenfalls in Österreich anwesend, das damit das bedeutendste Durchgangsland für die überlebenden jüdischen Flüchtlinge aus Osteuropa wurde.

Ende 1945 waren dazu noch etwa 225.000 Volks- und Sudetendeutsche in Österreich, deren Zahl sich durch neue Abschübe dauernd erhöhte. Viele der Flüchtlinge waren über das feindselige Verhalten in Österreich schockiert. So berichete eine Frau, die zuerst in Brünn interniert war, dann auf den Marsch geschickt, von Österreich zurückgewiesen und dann schließlich am 23. Juni 1945 doch noch nach mehr als zwei Monaten der Irrfahrt nach Österreich kam, lapidar:

"Vierzehn Tage bettelten wir uns von Ortschaft zu Ortschaft bis nach Krems durch, wo uns nur Unfreundlichkeit der österreichischen Verwaltungsstellen erwartete."

Aus dem bereits oben zitierten längeren Bericht eines Bauern aus Heinrichschlag wollen wir seine Eindrücke von Österreich beim "Marsch der Heimatlosen" hier wiedergeben:

"Auf Schubkarren führten sie ihre Habseligkeiten weiter. Viele schleppten Bündel oder führten Kinderwagen. Der Anblick, den die Straßen an der österreichischen Grenze boten, war wohl erstmalig in der Geschichte. Alle Straßen waren voll mit Flüchtlingen, welche dörferweise mit Schubkarren oder Handwagen samt Kind und Kegel ankamen. Viele hatten nur das, was sie am Leibe trugen. (...) In Österreich war jeder auf sich angewiesen, und niemand kümmerte sich darnach, ob sie ein Unterkommen fanden. Oft konnten Flüchtlinge nicht einmal ein Nachtquartier finden. Für die Leute, wo mehr Arbeitsfähige und weniger Kinder und alte Leute in der Familie waren, ging es ja noch; aber bei den Familien wie bei uns war es schwer, weil man nirgends unterkommen konnte. Am 1. März 1946 mußten wir wieder von Österreich fort."

Bei Beginn der organisierten Aussiedlung Anfang 1946 versuchte nun Österreich, sich möglichst vieler der ungeliebten Zuzügler aus dem Sudetenraum zu entledigen. Legistische Basis war die Erweiterung des Potsdamer Abkommens auch auf die "deutsche Bevölkerung in Österreich", die im November beschlossen wurde. Bis 31. März 1947 wurden so fast 120.000 Sudetendeutsche großteils zwangsweise mit Eisenbahnzügen aus Österreich in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands gebracht.

 

11. Die Potsdamer Konferenz und deren Folgen

 

Die "wilde" Aussiedlungswelle war von Terror und Gewalttätigkeit begleitet gewesen und stieß deshalb zunehmend auf Widerstand, vor allem aus England kamen kritische Stimmen. Auch innerhalb der Tschechoslowakei kam es nun zu mahnenden Worten der Mäßigung. So rief Benes in einer Massenversammlung am 15. Juni in Plzen/Pilsen:

"Es ist uns bekannt, daß die Deutschen viele Gebiete unseres Landes aus eigenem Antrieb und im Bewußtsein ihrer Schuld verlassen haben, aber in einer Reihe von Fällen hat man auch unseerseits nicht korrekt gehandelt. (...) Ich richte an Euch den Appell, in dieser bedeutsamen Frage Geduld und Vernunft zu zeigen, bis das sudetendeutsche Problem in Übereinstimmung mit unseren Alliierten gelöst wird. Ich kann Euch zusichern, daß dieses Problem eine befriedigende Erledigung finden wird."

Am 17. Juli 1945 trat die Potsdamer Konferenz der Großmächte zusammen, die gemeinsam die Anti-Hitler-Koalition gebildet hatten, um die Nachkriegsordnung festzulegen. Bereits vorher hatte sich die tschechoslowakische Regierung der Unterstützung der Sowjets für ein Weitergehen der Aussiedlung der Deutschen versichert. Ministerpräsident Fierlinger konnte am 2. Juli feststellen:

"Stalin nimmt einen absolut positiven Standpunkt zu unseren Forderungen in der Angelegenheit des Transfers ein."

Die westlichen Vertreter stimmten ohne große Diskussion dem Antrag der UdSSR auf Aussiedlung zu. Im Artikel XIII. hieß es, daß "die Überführung von deutscher Bevölkerung oder Bestandteilen derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß." Die Aussiedlungen müßten "in ordnungsgemäßer und humanitärer Weise" erfolgen; bis sich die Besatzungsmächte nicht über eine "gerechte Verteilung" der "Überführten" einig geworden seien, sollten inzwischen "weitere Vertreibungen" eingestellt werden. Die Regierung der Tschechoslowakei machte sich am 3. August offiziell mit dem Ergebnis der Konferenz bekannt und avisierte am 16. August in einer diplomatischen Note die Aussiedlung von 2,5 Millionen Deutschen. Am 20. November 1945 genehmigte der Alliierte Kontrollrat in Deutschland den von der Tschechoslowakei vorgelegten Aussiedlungsplan. Von 1. Dezember 1945 bis 1. Juli 1946 sollten aufgrund dessen 750.000 Sudetendeutsche in die russische und 1,750.000 in die britische und amerikanische Zone ausgesiedelt werden. Nach Plan hätten 250.000 bereits im Dezember 1945 die Tschechoslowakei verlassen sollen, der erste Zug verließ die Tschechoslowakei aber erst am 27. Jänner 1946.

Im Herbst 1945 wurde fieberhaft an der organisatorischen Vorbereitung der Aussiedlung gearbeitet: Sammellager mit je ca. 1.200 Personen Aufnahmekapazität wurden installiert für die zur Aussiedlung bestimmten Deutschen, 75 in Böhmen, 29 in Mähren, 3 in der Slowakei; Reservelager in umittelbarer Nähe der Grenzübertrittsstellen wurde eingerichtet, damit bei Verzögerungen keine Pannen passieren sollten. In der Praxis allerdings wurden die vielfach bereits bestehenden Lager für die Deutschen nun nur einer zentralen Administration unterstellt.

So wurden nun in die Lager der Slowakei, Petrzalka/Engerau, Limbach und Novaky, alle Deutschen eingewiesen, die noch im Lande geblieben waren. Auch hier war nach den ersten Wochen, die von Terror der Lagerbehörden gekennzeichnet waren, Hunger und Infektionskrankheiten, in Petrzalka insbesondere Typhus wegen des schlechten Trinkwassers, die größte Bedrohung. Aber hier war die Lagerhaft dadurch gekennzeichnet, daß das ungarische Minderheitenproblem im Vordergrund stand - mit Ungarn wurde schließlich ein Minderheitentausch vereinbart, in dem 76.000 Ungarn nach Süden und 60.000 ungarische Slowaken nach Norden wechselten. Eine generelle Vertreibung der Ungarn aus der Slowakei wurde zwar geplant, aber aufgrund mangelnder internationaler Unterstützung nicht umgesetzt. Allerdings wurden 44.000 Ungarn, die sich, um die Staatsbürgerschaft der CSR zurückzubekommen, als Slowaken deklariert hatten, zum Umzug in die von den Deutschen geräumten Gebiete Tschechiens gezwungen.

In den Sammellagern der Deutschen waren ab Herbst 1945 sogar Besuche und Ausgang in der Freizeit und an Feiertagen erlaubt. Arbeitsfähige Männer und Frauen konnten sogar "gemietet" und zum Arbeitseinsatz verwendet werden. Da dann die Verpflegung Sache des "Mieters" war und viele bei ihren Arbeitgebern (mit denen viele befreundet oder verwandt waren) sogar leben konnten, besserte sich noch vor dem Abschub die Situation gerade für diese Kategorien der zur Ausweisung Vorgesehenen. Oftmals erschien es als so etwas wie "Glück", wenn die Überweisung in ein Aussiedlungslager angekündigt wurde. Denn die Eingliederung in ein Lager bedeutete, nicht in die Sowjetunion deportiert zu werden (immerhin wurden 1945 7.000 Slowaken in die UdSSR zu Zwangsarbeit oder Lagerhaft verbracht), die Lager bekamen den Charakter von Wartelagern, denn die Transporte wurden lange angekündigt und liefen auch wegen des späteren Termins, zu dem die Ausweisungen anliefen, in aller Regel geordnet ab.

Die Absiedlung aus der CSR sollte in Zügen mit je 30 Waggons und insgesamt 1.200 Personen (also der Aufnahmekapazität eines Lagers) erfolgen, die "Auswanderer" sollten hinreichend Kleidung, Gepäck mit 30 - 50 Kilogramm und 1.000 Reichsmark mitführen dürfen, für drei Tage mit Lebensmittel versorgt sein und in Familienverbänden "ausreisen" können. Das Gepäck wurde dann auf 25 Kilogramm beschränkt, vielfach wurde in den Lagern gestohlen und andere Mißstände registriert, aber ab Mai 1946 besserte sich die Situation. Dazu kam, daß vielfach die Ausweisung, der "odsun", als Ende eines chauvinistischen Drucks empfunden wurde, unter der die deutschsprachige Bevölkerung in- und außerhalb der Lager stand.

In die spätere Bundesrepublik wurde mit bürokratischer Nüchternheit bis Ende April täglich 4 Züge abgefertigt, bis Mitte Juli dann 6, bis 3.11. dann täglich 4 und von da bis Ende November täglich 3; in die spätere DDR waren es vom späteren Beginn der Aussiedlungen (10. Juni) bis 21. Juni täglich 2, dann 3 und von 1. Juli bis 30. Oktober täglich 6 Züge. Mit Herbst 1946 war im großen und ganzen die größte Aussiedlungsaktion nach der polnischen, die es in Europa je gegeben hatte, beendet. Was nun folgte, waren nur mehr kleinere Wellen, die zum großen Teil auf Betreiben der noch im Lande Verbliebenen zustandekamen oder von ihren Verwandten im Ausland initiiert wurden. Ab Ende November 1946 wurden die westlichen Besatzungszonen für Ausweisungstransporte aus der Tschechoslowakei gesperrt. Legal gestatteten die USA dann nur mehr wöchentlich 50 Personen zwecks Familienzusammenführung den Grenzübertritt, daneben versuchten Tausende die Grenze ohne amerikanische Bewilligung, meist mit Unterstützung tschechoslowakischer Behörden, zu überschreiten.

Das ehemalige "Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte" kam zusammenfassend über die Abschiebungen des Jahres 1946 zum Schluß:

"Wenn man den Ausweisungsprozeß von seiner organisatorischen Seite her betrachtet, so ist er als technische Prozedur ohne größere Störungen abgewickelt worden. Man kann dies als ordnungsgemäßes Verfahren im Sinne der Potsdamer Beschlüsse bezeichnen..."

Nach CSR-Angaben von Sommer 1945 wurden bis Ende Oktober 1946 aus der CSR etwa 2,165.000 Deutsche ausgesiedelt, davon 750.000 in die sowjetische Besatzungszone und ca. 1,415.000 in die Westzonen. Ende 1946 wurde die Gesamtzahl vom Prager Innenministerium mit 660.000 Ausgesiedelten des Jahres 1945 und 2,256.000 des Jahres 1946, also knapp mehr als 2,9 Millionen Ausgesiedelten angegeben.

Die BRD kam zu geringfügig anderen Ergebnissen für die CSR, die allerdings das Gesamtbild nicht wesentlich verändern: Ab April bis zum Beginn der organisierten Ausweisungen dürften etwa 100.000 Deutsche geflohen sein, 200.000 Kriegsgefangene konnten nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren, von der "wilden" Austreibungen waren etwa 750.000 betroffen, die nach Österreich oder in die sowjetische Besatzungszone abgeschoben wurden, für das Jahr 1946 rechnet im Zuge der nach der Potsdamer Konferenz Ausgewiesenen die BRD mit 1,989.000, im Zuge der Familienzusammenführung, durch weitere Ausweisungen ab Februar 1948 und der kommunistischen Machtübernahme dürften zwischen Anfang 1947 und Ende 1949 weitere 45.000 nach Deutschland gekommen sein (davon 35.000 in die BRD), im Rahmen der 1950 organisierten Familienzusammenführung kamen zwischen März 1950 und April 1951 nochmals fast 17.000 in die BRD. Das ergab ohne die Kriegsgefangenen eine Gesamtzahl von etwa 2,9 Millionen. Die BRD ging weiters von "Vertreibungsverlusten", also den im Zuge der Kriegshandlungen der letzten Tage, durch Hunger und Krankheiten oder durch "physische Einwirkung" Zugrundegegangenen, in der Höhe von annähernd 225.000 aus, die heutige tschechische Forschung geht in ihrer Mehrheit von wesentlich niedrigeren Zahlen aus - etwa 100.000 bis 150.000 Ermordeten, Verhungerten oder sonstwie ums Leben gekommenen. Jaroslav Kucera kam im Juli des Vorjahres bei einem Symposium in Wien auf die Zahl von "lediglich" 40.000 (Presse, 9.7.1994).

Von den 3,3 bis 3,4 Millionen Deutschen der Zwischenkriegstschechoslowakei waren um 1950 nach offiziellen Angaben etwa 180.000 im Lande geblieben - dazu 40.000, die in Mischehen lebten und nicht als Deutsche gezählt wurden, und etwa 40.000 Hultschiner, die der Vertreibung zum Teil entgangen waren, aber bei den Volkszählungen nach 1945 offiziell nicht als Deutsche registriert wurden.

 

12. Antifaschisten, KPTsch und Vertreibungen

 

Wir sprachen weiter oben bereits von der relativen Bedeutung des sudetendeutschen Exils und des sudetendeutschen Widerstands. Nach den offiziellen Erklärungen seitens der neuen Tschechslowakei sollten die "loyalen" Deutschen von jeder Verfolgung und vor jedem "Abschub" ausgenommen werden. Sie und ihre Angehörigen sollten von den Maßnahmen gegen die übrigen Deutschen nicht betroffen werden.

Mit Dekret vom 2. August 1945 wurde kollektiv allen Deutschen und Ungarn die Staatsbürgerschaft aberkannt. Jeder einzelne mußte sich von neuem, wenn er dies wollte, um sie ansuchen. Nur loyale Minderheitsangehörige sollten eine solche bekommen. Allerdings wurde wie schon in den Erklärungen davor, eine doppelte Voraussetzung für eine Sonderbehandlung als Antifaschist verlangt: zum ersten ein Kampf gegen den Faschismus, dann aber - und das war das eigentliche Problem - auch ein Kampf für die Tschechoslowakische Republik. Selbst die parteitreuesten KP-Stalinisten hätten bis 1941 diese Bedingungen nicht erfüllt, hatte die KPTsch doch bis dahin die Forderung nach Wiedererrichtung der Tschechoslowakei abgelehnt. Zwischen dem Bürgerlichen Benes und dem Stalinisten Gottwald bestand Einigkeit darüber, daß der Kreis der im Lande verbleibenden Deutschen möglichst klein gehalten werden sollte. Die Zahl der auszugebenden Antifa-Bescheinigungen war daher von vorneherein für Nicht-Tschechoslowaken auf 200.000 festgelegt worden.

Im allgemeinen hing die Zuerkennung der Antifa-Legitimationen, mit der das Recht auf Kennzeichnung als Antifaschist mit einer roten Armbinde und auf die (höheren) Lebensmittelzuteilungen für Tschechen verbunden war, oftmals von der parteipolitischen Einstellung der örtlichen Nationalausschüsse ab. Gerade in den ersten Monaten wurden auch Antifaschisten vielfach nicht anders behandelt als Parteigänger des Nazi-Regimes. Wilde Enteignungen, willkürliche Verhaftungen und Vertreibungen, bei denen vor Potsdam nur selten zwischen den Deutschen Unterschiede gemacht wurden, waren an der Tagesordnung. Der lang aufgestaute Haß entlud sich gegen die Deutschen - oft genug unabhängig von ihrer politischen Gesinnung.

In einzelnen Orten bildeten sich Antifa-Ausschüsse und Antifa-Komitees, die die Vertretung der deutschen Nazi-Gegner übernahmen und die Verhandlungen mit den Behörden führen sollten. Die ablehnende Haltung der tschechischen Behörden gegenüber diesen Komitees wird immer wieder deutlich - so wurde der gesamte Antifa-Ausschuß von Teplitz/Teplice im Februar 1946 wegen "Verrats an der Republik" verhaftet. Später spalteten sich diese Komitees, so sie nicht verboten worden waren, meist in sozialdemokratische und stalinistische auf. Und nur zu oft kamen Widerstandskämpfer der KPTsch und der SdAP im Lager mit ihren Peinigern aus der Zeit von 1938 bis 1945 zusammen. Denn im allgemeinen wurden die Antifaschisten nicht viel anders als die übrigen Deutschen behandelt. Antifaschistische deutschsprachige Bürgermeister, die im Mai 1945 im Sudetengebiet gewählt worden waren, wurden abgesetzt...

Einzig Mitglieder der KPTsch bildeten hier teilweise eine Ausnahme. Die KPTsch war ja vor dem Krieg ncht in nationale Gruppen gespalten gewesen, sondern als straffe, einheitliche Organisation auf territorialer und nicht-nationaler Basis geführt worden. Die KPTsch-Führung billigte vorbehaltlos die Vertreibungen, KP-Mitglieder sollten sich um eine möglichst rasche Assimilation ins Tschechentum bemühen und auf jedwede Anerkennung als Teil einer nationalen Minorität verzichten. Jede eigenständige Aktion in deutscher Sprache war von vorneherein zum Scheitern verurteilt: Eine kommunistische Tageszeitung in deutscher Sprache, die von aus dem KZ und aus der Emigration in die Heimat zurückgekehrten Antifaschisten im nordböhmischen Podmokly/Bodenbach gegründet worden war, wurde von den tschechischen Behörden kurzerhand verboten.

Karl Kreibich, einer der Parteigründer, selbst Sudetendeutscher und später Botschafter in Moskau, erklärte die Position in der tschechischen "tvorba" so:

"Kümmert Euch nicht darum, wie viele Deutsche endgültig da sein werden, je weniger desto besser. Eines aber ist unabänderlich; es darf in der Tschechoslowakischen Republik niemals wieder eine organisierte politische Gruppe der deutschen Minderheit geben, es darf keine eigene deutsche, sei es wirtschaftliche, politische oder kulturelle Richtung geben, auch kein wie immer geartetes nationales Leben. Es darf kein deutsches Statut geben, und die Erziehung der Kinder muß tschechisch sein, damit die Zahl der Deutschen in der Republik so klein wie möglich ist und damit es keine deutschen Gebiete mehr gibt".

Der Vorrang der Nation vor der Klasse in seiner schärfsten Ausprägung als kollektive Selbstverleugnung der eigenen nationalen Herkunft und damit als bewußtes Akzeptieren der deutschen Kollektivschuldthese - das war das Programm der KPTsch in den ersten Jahren nach 1945 in bezug auf die deutsche (und die ungarische) Minderheit.

Von den deutschen Kommunisten wurde dabei besonderer Eifer in der Bekämpfung des deutschen Faschismus verlangt - jede auch noch so vorsichtige Kritik an der kollektiven Bestrafung der Deutschen, jede Nichtteilnahme an Vergeltungsaktionen hätte als Zurückweichen empfunden werden können. Doch der tschechische Nationalismus, während des Dritten Reiches zurückgehalten und nun mit elementarer Wut losgebrochen, wendete sich schließlich auch gegen den deutschen Stalinismus: Schien er doch mit seinem Versuch, die nationale Front zu wechseln, als Bestätigung der Ansicht von der kollektiven Schuld aller Deutschen - unabhängig von ihrer politischen Gesinnung. Und unter diesen Bedingungen wandelte sich die Bevorzugung der deutschen Antifaschisten, die sie zu gleichberechtigten Teilen am Aufbau des neuen Staates machen sollte, immer mehr zu einer bevorzugten Form der Aussiedlung. Z.T. konnten neben dem beweglichen Hausrat auch die Möbel mitgenommen werden. Und war im normalen Verfahren ein Eisenbahnwaggon für 40 Aussiedler vorgesehen, konnten nun im Extremfall nur zwei bis vier Familien sich einen Eisenbahnwaggon teilen.

Schließlich wollte auch der größte Teil der deutschen Kommunisten den Weg der Auswanderung wählen. Denn im Laufe des Jahres 1946 ergaben sich für die ehemals bevorrechteten Antifaschisten bedeutende Änderungen: Nach der Ausweisung der übrigen Deutschen gerieten die im Lande verbliebenen Antifaschisten zunehmend in das Visier der national aufgepeitschten Massen. Zum Schutz der Antifaschisten wurden nun eigene Lager eingerichtet, die von ihnen selbst verwaltet werden konnten, um sie bis zum Abtransport vor weiteren nationalistischen Verfolgungen zu schützen. Besonders tragisch lesen sich Berichte sudetendeutscher Kommunisten, die die Welt nicht mehr verstehen konnten und oft - vor die Wahl gestellt, die kommunistische Überzeugung oder die nationale Zugehörigkeit aufgeben zu müssen - ersteres wählten.

Bereits relativ frühzeitig hatte sich die Sozialdemokratie um eine gesonderte Überführung ihrer Mitglieder nach Deutschland bemüht. War ursprünglich von 100.000 die Rede, wurden 1945 schließlich 6.000 in der sowjetischen Besatzungszone aufgenommen. Am 15.2.1946 wurde den deutschen Antifaschisten formell das Recht auf "Auswanderung" nach Deutschland unter besonderen Bedingungen zugestanden - "zu dem Zweck, den Okkupationsorganen in Deutschland eine wirksame Unterstützung bei der Bildung demokratischer Verhältnisse in Deutschland" zu gewähren. Über diese "Aktion Ullmann" kamen schließlich ca. 82.000 sozialdemokratische Antifaschisten in die amerikanische Besatzungszone. Etwa 30.000 Kommunisten konnten in die sowjetische Besatzungszone emigrieren. Doch nun hatte sich die Situation gedreht: Zur Zeit der Einstellung der Aussiedlungen warteten immer noch zehntausende Deutsche auf ihre Aussiedlung, darunter vor allem Antifaschisten und einzelne Facharbeiter, die als unentbehrlich eingestuft und zurückbehalten worden waren.

Ein Sonderproblem ergab sich für die jüdischen Bevölkerungsgruppen, die die Konzentrationslager überlebt hatten. Denn wenn ein Jude sich in der CSR vor 1938 zur deutschen oder ungarischen Nationalität bekannt hatte (und das war in Tschechien etwa die Hälfte), so mußte er denselben Weg wie alle anderen Bürger deutscher (oder ungarischer) Nationalität gehen, um die Staatsbürgerschaft zu erlangen. Eine Reihe von ihnen wurde zusammen mit allen anderen Deutschen, darunter auch Nationalsozialisten, in Lager geschafft, sie bekamen wie die Deutschen Lebensmittelkarten mit niedrigeren Rationen und waren - so wird zum Beispiel nach der Befreiung aus dem KZ Theresienstadt berichtet - einer "alles andere als freundschaftlichen" Behandlungen ausgesetzt, sofern sie deutsch sprachen.

In der Konsequenz ist der Befund eindeutig. Besonders 1945 muß von einer Umkehr des Nationalismus ausgegangen werden, ohne daß das Verhalten der tschechoslowakischen Behörden nach dem Ende der Naziherrschaft mit dem rassistischen Terror des deutschen Faschismus verglichen werden kann. Denn die Bestimmungen, die auf die Deutschen angewendet wurden, waren davon geprägt, die deutsche Nationalität in der Tschechoslowakei zu eliminieren, nicht überhaupt "auszumerzen", was das "Fernziel" der Protektoratsherrschaft gegenüber dem "tschechischen Gesindel" überhaupt gewesen war. Ohne also die systematische Ausrottungspolitik des Nationalsozialismus mit der Vertreibung der Deutschen vergleichen zu können und beides gegeneinander "aufrechnen" zu wollen, triumphierte doch 1945 wieder die Nation über die Klasse, denn die Bestrafung der Deutschen traf unterschiedslos Reiche wie Arme, Bourgeois und Arbeiter, Bauer und Knecht. In der Tendenz war die Bourgeoisie sogar besser weggekommen als Kleinbürgertum und Proletariat: Denn durch ihre besseren finanziellen Absicherungen und ihre vielfältigeren Möglichkeiten war vielen von ihnen bereits vor dem endgültigen Zusammenbruch der geordnete Abzug nach Westen in Richtung US-Army geglückt. Ein gar nicht kleiner Teil der 100.000 Sudetendeutschen, die vor Mai 1945 das Territorium der CSR verließ, hatte gehobenere Positionen innegehabt und wollte sich daher vor der heranrückenden Roten Armee in Sicherheit bringen, war als faschistischer Parteigänger bekannt oder hatte sich im Protektorat als Industrieller durch die gesteigerte Ausbeutung bereichert.

 

13. Die Lage der zurückgebliebenen Deutschen

 

Das eigentliche Interesse der Volksfrontregierung in der Tschechoslowakei galt aber nicht so sehr der Heranziehung der verbliebenen deutschen Antifaschisten zu einer konstruktiven Mitarbeit am Aufbau des Landes. Wichtiger war die Erhaltung eines gutausgebildeten Facharbeiterstammes für die in den Grenzregionen gelegenen Industriebetriebe. Von den Wirtschaftsämtern kam deshalb die schärfste Kritik an der Aussiedlung. Die Situation der Zurückgebliebenen gestaltete sich zuerst sehr ungünstig. Der Gebrauch der deutschen Sprache war verboten, viele wurden an neue Arbeitsstätten oder in Lager deportiert, darunter auch die zurückgebliebenen Antifaschisten; drei Jahre lang waren Kinder deutscher Volkszugehörigkeit von jedem öffentlichen Schulbesuch ausgeschlossen - erst 1948 wurde ihnen wieder der Besuch der Schulen erlaubt. 1948/1949 besserte sich nach der kommunistischen Machtübernahme die Situation - nicht unwichtig dabei war die Entstehung der Deutschen Demokratischen Republik, mit der gutnachbarliche Beziehungen hergestellt werden sollten. Das Interesse an den deutschen Facharbeitern wurde im "sozialistischen Aufbau" ein so wichtiger Faktor, daß die Einschränkungen, denen die Deutschen unterworfen waren, immer mehr abgebaut wurden. 1953 wurde allen Personen deutscher Nationalität, die auf dem Gebiet der Tschechoslowakei wohnten, wieder die Staatsbürgerschaft verliehen. Damit aber waren auch alle gestellten Ausreiseanträge, 55.000 lagen im April 1953 noch bei den Ämtern, automatisch erledigt.

Als neue Parole wurde die Gleichberechtigung und das Zusammenwirken aller Nationalitäten im Aufbau des Sozialismus proklamiert. Auch der Gebrauch der deutschen Sprache wurde wieder auf Ämtern und Behörden in Gebieten, in denen sich eine deutsche Minorität erhalten hatte, zugelassen. Und schließlich wurde die "wüste chauvinistische Hetze" der Jahre 1945 bis 1948 angeprangert, die die "Verräter und Reaktionäre von Benes bis Slansky" betrieben und unter denen die Deutschen zu leiden gehabt hätten. Die stalinistische Normalität, der alltägliche stalinistische Terror, war nun an die Stelle der Sondergesetze gegen die Minoritäten getreten.

 

14. Ökonomische und politische Konsequenzen der Vertreibungen

 

Die Aussiedlung der Deutschen war ursächlich mit einer gewaltigen Umverteilung des Besitzes verbunden. Die rechtlichen Grundlagen dafür bildeten vor allem die Dekrete Nr. 5/1945, 12/1945 nd 28/1945 und 108/1945, die alle unter dem Sammelnamen "Benes-Dekrete" in die Geschichte eingegangen sind. In Übereinstimmung mit dem Regierungsprogramm von Kosice wurde mit dem Dekret des Präsidenten vom 19.5.1945 (Nr.5/1945) das Eigentum der "Deutschen, der Madjaren, der Verräter und Kollaboranten" unter nationale Verwaltung gestellt. Damit wurde der Besitz "staatlich unzuverlässiger Personen" enteignet - wobei der Begriff der Ê"staatlichen Unzuverlässigkeit" weit ausgedehnt wurde: Unter Paragraph 4 wird summarisch festgestellt, daß nicht nur Mitglieder faschistischer Organisationen gemeint waren, sondern darunter "Personen deutscher oder madjarischer Nationalität" zu verstehen seien. Definiert wurde dieser Personenkreis als alle jene, "die sich bei irgendeiner Volkszählung seit dem Jahre 1929 zur deutschen oder madjarischen Nationalität bekannt haben oder Mitglieder nationaler Gruppen, Formationen oder politischer Parteien geworden sind, die sich aus Personen deutscher oder madjarischer Nationalität zusammensetzen" (Paragraph 6). Da auch die Sozialdemokratie in der CSR nach nationalen Gesichtspunkten organisiert war, wurde damit die Ausdehnung der Konfiskationen auf die Mitglieder aller Parteien mit Ausnahme der KPTsch ermöglicht. Diese Definition der staatlichen Unzuverlässigkeit nach dem nationalen Kriterium wurde ausschlaggebend für die Behandlung der Deutschen und der Ungarn auf dem Gebiet der CSR.

Das "Benes-Dekret" vom 21.6.1945 "über die Konfiskation und beschleunigte Aufteilung des landwirtschaftlichen Vermögens der Deutschen, Madjaren, wie auch der Verräter und Feinde des tschechischen und des slowakischen Volkes" erklärte das landwirtschaftliche Vermögen der Deutschen und Ungarn als enteignet. Während das Dekret vom Mai 1945 überhaupt keine Einschränkungen vorsah, sollten nun jene davon ausgenommen werden, die "aktiv" für die Tschechoslowakei gekämpft hätten. Mit dem Dekret Nr. 108 "über die Konfiskation des feindlichen Vermögens und die Fonds der nationalen Erneuerung" wurde schließlich das noch der Enteignung entgangene bewegliche und unbewegliche Vermögen der Deutschen betroffen, sofern der Besitzer nicht der "Tschechoslowakischen Republik treu geblieben" sei und "aktiv" gegen den Faschismus gekämpft habe. Das Dekret 28/1945 vom 20. Juli "über die Besiedlung des landwirtschaftlichen Bodens der Deutschen, der Madjaren und anderen Staatsfeinde durch tschechische, slowakische und andere slawische Landwirte" regelte die genauen Modalitäten der Übernahme des Grund und Bodens und den Kreis der Anspruchsberechtigten.

Das nach den Bestimmungen der Dekrete vom Mai und Juni 1945 enteignete Land wurde dem Nationalen Bodenfonds übergeben. Kleinere Flächen wurden "Personen slawischer Nationalität" als Eigentum zugeteilt, Waldflächen, die größer als 50 Hektar waren, verblieben in staatlichem Besitz. Im Unterschied dazu blieb das aufgrund des Dekrets vom 25.10.1945 konfiszierte Vermögen zunächst Staatseigentum und wurde dann mit dem Gesetz vom 14.2.1947 ("Über einige Grundsätzefür die Aufteilung des Feindvermögens...") den bisherigen Verwaltern und anderen Personen, die Anspruch darauf erheben konnten, - soweit es sich um Grundstücke, Wohnhäuser und kleingewerbliche Betriebe handelte - übergeben.

Ergänzende Gesetze konfiszierten im Juni 1945 den gesamten Geld- und Wertpapierbesitz aller Deutschen und Madjaren ohne jede Einschränkung ("Bekanntmachung des Finanzministeriums vom 22. Juni 1945 über die Sicherstellung des deutschen Vermögens"). Auch Löhne waren davon betroffen, ebenso verfielen die Ansprüche auf alle Renten und Pensionen.

Für die BRD und das Bundesministerium für Vertriebene sprachen alle diese radikalen Enteignungsgesetze, die ja nicht nur die Oberschicht der deutschen Gesellschaft betraf, bereits "die Sprache der kommunistischen Revolution", waren also quasi Vorboten des Februar 1948, als die KPTsch die politische Macht in der CSR übernahm, die sie sich bis dahin mit Sozialdemokraten und offen bürgerlichen Formationen geteilt hatte.

In ihrer Dynamik aber waren diese Gesetze auch in ihrer Konsequenz alles andere als ein Vorbote des Jahres 1948. Zwar konnte sich die KPTsch zweifellos als konsequente Vorkämpferin der Vertreibungen und Enteignungen stärken und Vertrauen in den nun zu Boden- und anderem Eigentum gekommenen Schichten gewinnen. Der für die Vergabe des Lanes zuständige Landwirtschaftsminister, Julius Duris, war Mitglied der KPTsch. Und nicht zufällig hatte die Partei ihre größten Wahlerfolge in den Gebieten mit Neusiedlern: Usti nad Labem/Aussig (56%) oder Karlovy Vary/Karlsbad (52%) bei den Wahlen von 1947, als die KPTsch landesweit auf 38% der Stimmen kam. Aber andererseits wirkten diese Konfiskationen als eiserne Klammer, die auf die Koalitionsregierung stabilisierend wirkte. Denn das, was die erste tschechoslowakische Republik nicht geschafft hatte, nämlich eine Bodenreform, konnte nun angegangen werden. Nun stand genügend landwirtschaftlicher Boden zur Verfügung - das Problem war ja eher die Auffüllung der entvölkerten Siedlungsgebiete: Hundertausende Hektar Ackerland verödeten, da besonders in den höher und weniger günstig gelegenen Gebieten sich zuwenig Interessierte für die Übernahme des enteigneten Besitzes meldeten und der Staat sogar zu Zwangsmaßnahmen greifen mußte, um ehemals sudetendeutsche Gebiete wieder zu bevölkern.

Mit der Konfiskation des Grundes und Bodens der Deutschen und Ungarn konnte das Bedürfnis nach einer Bodenreform befriedigt werden, ohne den nationalen Konsens in der tschechischen und slowakischen Gesellschaft nachhaltig zu stören. Als Motivation stellte Präsident Benes dem Dekret vom 21. Juni 1945 die folgenden Gedanken voran - daß Deutsche und Madjaren alle Gutsbesitzer gewesen wären, gehört dabei natürlich ins Reich der Mythen; ein großer Teil der sudetendeutschen Bevölkerung gehörte in den Städten zur Industriearbeiterschaft und am Lande zur (Klein-) Bauernschaft und zum agrarischen Proletariat:

"Um dem Rufe der tschechischen und slowakischen Bauern und Landlosen nach einer konsequenten Verwirklichung einer neuen Bodenreform entgegenzukommen und geleitet vor allem von dem Streben, ein für allemal den tschechischen und slowakischen Boden aus den Händen der fremden deutschen und madjarischen Gutsbesitzer wie auch aus den Händen der Verräter der Republik zu nehmen und ihn in die Hände des tschechischen und slowakischen Bauerntums und der Landlosen zu geben, bestimme ich auf Vorschlag der Regierung."

Die Konfiskationen wirkten also gerade nicht als "Vorboten von 1948", sondern als Mittel zur Zementierung der Regierung aus bürgerlichen besitzenden Schichten bis zur KPTsch. Sie wirkten als Möglichkeit, Druck von den besitzenden tschechischen und slowakischen bürgerlichen und großbäuerlichen Schichten zu nehmen, indem der Druck abgewälzt werden konnte. Zusätzlich wirkten die Konfiskationen und Vertreibungen auch als politische Klammer, die die verschiedenen Schichten der tschecho-slowakischen Nationen zusammenschweißte. Hunderttausende Tschechen wurden in den Grenzgebieten angesiedelt, was nicht nur in diesen Gebieten die sozialen Unterschiede nivellierte, da vor allem auch ärmere Schichten vom Angebot Gebrauch machten, als Nationalverwalter für den deutschen Besitz verantwortlich zu werden. Arbeiter übernahmen den Betrieb ihrer bisherigen Arbeitgeber, Landarbeiter den ihrer ehemaligen Herren. So strömten auch zehntausende Industriearbeiter aus Ostrava und Kladno, landlose Agrar-Proletarier aus der Slowakei, Sinti und Roma, in die ehemals deutschen Gebiete. So liegt bis heute der Anteil der Slowaken an der Gesamtbevölkerung in den Bezirken Cheb/Eger, Cesky Krumlov/Krumau und Sumperk/Mährisch-Schönberg bei mehr als 10% und praktisch im ganzen Nordosten Tschechiens bei über 5 Prozent.

Soziale Interessen verknüpften sich untrennbar mit nationalen und wurden auf diese Weise von den Bedürfnissen der tschechischen Bourgeoisie, die 1945 trotz einer ganzen Reihe von Nationalisierungen noch nicht am Lebensnerv getroffen war, abgelenkt. Die Nationalisierungen gingen über den Rahmen des Besitzes der Deutschen und Ungarn hinaus. So wurden entsprechend dem Regierungsprogramm von Kosice noch im Sommer 1945 die Banken, Versicherungen, Bergwerke und die Großindustrie nationalisiert, womit 60% der Industriekapazität verstaatlicht wurden.

17.000 Quadratkilometer Boden, hier vor allem schlugen die national motivierten Konfiskationen zu Buche, wurde enteignet und unter 170.000 Klein-und Mittelbauern und Landarbeiter aufgeteilt; 1,8 Millionen Neusiedler zogen in die sich 1945/1946 leerenden Gebiete. Doch alle Enteignungen des Jahres 1945, auch die nicht direkt gegen die deutsche und madjarische Volksgruppe gerichteten Maßnahmen, wurden mit dem nationalen Argument begründet, es handle sich größtenteils um den Besitz von Deutschen oder Ungarn oder um den von tschechischen und slowakischen Kollaboranten. Aber auch hier gab es noch einen Unterschied: Während tschechische Eigentümer einen Anspruch an die "Kasse der nationalisierten Wirtschaft" für die Enteignung geltend machen konnten (bis 1948 konnten solche Ansprüche gestellt werden), wurde der deutsche und ungarische Besitz von vorneherein von jeder Einschränkung ausgenommen.

Genau um diese entschädigungslose Enteignung nur für Angehörige der deutschen und ungarischen Minderheit geht es heute den in Tschechien und der Slowakei zurückgebliebenen Deutschen, aber auch der starken ungarischen Minderheit der Slowakei. So fordert etwa das "Karpatenblatt", das "Monatsblatt der Deutschen in der Slowakei" (die nationale Minderheit der Deutschen dürfte heute etwa 5.000 Mitglieder zählen) die Aufhebung der Benes-Dekrete. Die Klage der ungarischen Minderheit in der Slowakei beim Europarat in derselben Sache ist anhängig. Denn im Unterschied zu den "kommunistischen Verstaatlichungen" von 1948 sind die "Benes-Dekrete" von 1945 nach wie vor Bestandteil der Rechtsordnungen der Slowakischen und der Tschechischen Republik. Mit gutem Grund, denn die Aufhebung der Dekrete hätte unabsehbare Folgen auf die Gesellschaft vor allem Tschechiens: Eine Entschädigung wäre unfinanzierbar, die Rückgabe auch nur eines Teils des Eigentums mit gewaltigen Umwälzungen, die sich beide Republiken nicht leisten könnten verbunden. Genau das aber verlangen die Organisationen der Minderheiten. So kritisiert das "Karpatenblatt" (Nr. 1/1995) das Prinzip der Kollektivschuld, das hinter diesen Dekreten steht, und kommt zum Schluß:

"Unsere Landsleute haben noch anfangs der 50.-er Jahre eine Erklärung herausgegeben in der sie auf Rache und Vergeltung für das Unrecht verzichten, mit dem Ziel, freundschaftliche Brücken zu bauen. Das bedeutet aber nicht, daß sie auf das Recht auf Heimat, konfisziertes Vermögen oder einen Ersatz verzichten."

Die Besiedlung der ehemals deutschen Grenzgebiete wurde von der KPTsch und den bürgerlichen Parteien zu einer nationalen Aufgabe gemacht, die Besiedlung zum "größten Moment in der tschechoslowakischen Geschichte" stilisiert. Die günstige außen- und innenpolitische Situation sollte genutzt werden. Nach der ersten Stabilisierung, als die unkoordiniert ablaufenden wilden Vertreibungen im Griff waren, wurde systematisch die Ansiedlung der Grenzgebiete in Angriff genommen. Ein zentrales Siedlungsamt wurde in Prag eingerichtet, um unkoordiniertes Einströmen von Neusiedlern zu verhindern und die Welle der "zlatokopce", der Goldgräber, wie sie in der tschechischen Bevölkerung genannt wurden, einzubremsen.

Die deutsche Bevölkerung war also 1945 sofort nach dem Kriege rechtlich und ökonomisch aus dem normalen Leben der Tschechoslowakei ausgeschaltet worden. Interessant sind diese Maßnahmen, die auf die wirtschaftliche Zerschlagung des Rückgrats der deutschen Minderheit abzielten, von der Bourgeoisie bis zum Kleinbauern und Arbeitern, vor allem auch dewegen, weil sie bereits vor der Potsdamer Konferenz die Weichen für die Aussiedlung der Deutschen unmißverständlich gestellt hatten. Denn die Aussiedlung konnte nur der logische Abschluß der ökonomischen Ausgrenzung und der bereits begonnenen Wiederbesiedlung und Verteilung des konfiszierten Gutes sein.

Die umittelbaren ökonomischen Konsequenzen waren dabei naturgemäß aufgrund der Tiefe des Einschnittes bedeutend. Besonders drückend machte sich der Mangel an deutschen Facharbeitern in einigen spezialisierten Sektoren der tschechischen Industrie bemerkbar: Von 2.600 Betrieben der Glasindustrie, der Anteil der Sudetenländer betrug 1930 hier 65%, überlebten nur 1.000 Firmen; in der Textilindustrie (sudetendeutscher Anteil: 57,6%) fehlten 1946/1947 noch 60.000 Arbeitskräfte... Die Internierung der Deutschen in Lager und deren Zwangsarbeit konnten aber wegen des übergeordneten Ziels der Absiedlung nur kurzfristig Linderung schaffen, auch wenn alle Deutschen und Ungarn männlichen Geschlechts vom 14. bis 60. Lebensjahr und alle Frauen vom 15. bis 50. Jahr unter Arbeitspflicht, und das hieß in der Regel Arbeitslager, gestellt wurden. Die bürgerliche und stalinistische Führung der Tschechoslowakei hatte diese Schädigung der Wirtschaft dabei bewußt in Kauf genommen. So erklärte Benes im Oktober 1945 auf einer Massenversammlung in Bezug auf die Aussiedlungen:

"Ich zog daher meinen unausweichlichen Schluß, auch wenn es für unser Wirtschaftsleben belastend ist, unsere Deutschen müssen fort."

Das Argument, nur durch die Aussiedlung der Deutschen könne der Frieden in Mitteleuropa längerfristig garantiert werden, wog schwerer als (kurzfristige) ökonomische Interessen.

 

15. Die Vertriebenenorganisationen

 

Auf der unbewältigten Vergangenheit von nationalistisch motivierten Vertreibungen bauen die Vertriebenenorganisationen auf. Wohl wäre es falsch, sie pauschal ins rechte, ja faschistische Eck zu stellen, aber Querverbindungen mit rechtsradikalen Organisationen bestehen, und Revanchismus und Deutschnationalismus wurden und werden gerade in diesen Organisationen gepflegt, ja sie sind ein integraler und zumindest tolerierter Bestandteil im politischen Spektrum, das diese Organisationen umfassen. Die Bandbreite der sudetendeutschen Organisationen ist dabei in der BRD traditionell viel größer und auch politisch differenzierter als in Österreich. So finden wir in der Bundesrepublik Deutschland mit der "Ackermann-Gemeinde" eine Vertretung der katholischen Bewegung, mit der "Seliger-Gemeinde" existiert eine Vereinigung sudetendeutscher Sozialdemokraten, deren Vorsitzender Wenzel Jaksch, der Führer der sozialdemokratischen Emigration in London, wurde.

1949 wurde die "Sudetendeutsche Landsmannschaft", im selben Jahr auch die "Karpatendeutsche Landsmannschaft" gegründet. Obwohl CDU- und sogar SPD-Repräsentanten in den Vorständen vertreten waren, sind hier die Affinitäten zu rechtsradikalen und revanchistischen Kräften am stärksten. So hat der "Witiko-Bund", eine auf den völkischen Selbstbehauptungskampf ausgerichtete Organisation, traditionell starken Einfluß in den Landsmannschaften. Dazu kommt noch eine Vielzahl regional gebundener Zusammenschlüsse, wie der "Deutsche Böhmerwaldbund" oder die "Egerländer Gemeinde". Die meisten Landsmannschaften sind im "Bund der Vertriebenen" (BdV) vertreten, die als Dachorganisation der angeschlossenen Verbände fungiert, das gesamte Spektrum der aus Osteuropa vertriebenen Deutschen vertreten wollte und auf Überparteilichkeit bedacht war - so war der Sozialdemokrat Wenzel Jaksch bis 1966 auch Vorsitzender des BdV.

Aber diese "Überparteilichkeit" war immer eine nur scheinbare; die reformistischen und katholisch-konservativen, aber bürgerlich-demokratischen Kräfte dienten einerseits als Staffage, andererseits hatten sie die Funktion, die schlimmsten nationalistischen Engleisungen zu verhindern und die Politik der Vertriebenenverbände in den Rahmen eines für das BRD-Establishment gerade noch tragfähigen Konsenses einzubinden. Doch bei alledem war über die Jahrzehnte nach 1945 eines klar: Trotz aller Distanzierungen vor dem Faschismus - für die Masse der Vertriebenen begann nicht unter Hitler die nationale Frage zu eskalieren, sondern erst nachher. Typisch das Jubiläumsjahrbuch "800 Jahre Slowakei-Deutschtum" der "Arbeitsgemeinschaft der Karpatendeutschen in der Slowakei": Wenn es heißt, "Eine tragische, grausame und unmenschliche Entwicklung nahm damit ihren Anfang", so war beileibe damit nicht die Machtübernahme des Faschismus, die Errichtung von Konzentrationslagern und die Judendeportation aus der Slowakei gemeint - sondern eben der Winter 1944/1945, als die Slowakei-Deutschen ihre Wohngebiete fluchtartig vor der heranrückenden Roten Armee verließen. Genau damit aber erscheinen die erschütternden Dokumente und Berichte von Flucht, Vertreibung und Aussiedlung allesamt im eigenartigen Licht der Identifikation mit dem Vorangegangenen. Das Leid habe mit der Vertreibung der Deutschen begonnen - punktum.

Die Verbände waren und sind also trotz aller scheinbaren weltanschaulichen Differenzierung Horte des Revanchismus. So wurden die Ostverträge der BRD mit Prag und Warschau vom damaligen Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Becher, als "Schandverträge" qualifiziert. Einerseits arbeiteten Perioden der "Entspannung" zwischen den Blöcken gegen den Revanchismus in diesen Vereinen, Perioden des "Kalten Kriegs" und der Zuspitzung der Konflikte zwischen den Großmächten erlebten eine Renaissance revanchistischer und antitschechischer Emotionen, andererseits wirkt aber heute, ein halbes Jahrhundert nach den traumatischen Erlebnissen, die zunehmende Distanz zu den Ereignissen. So kann in den letzten Jahren auch hier neben einem nostalgischen Element ein zunehmend pragmatisches Verhältnis zur Tschechoslowakei bzw. zu den Nachfolgestaaten festgestellt werden: In den Publikationen finden sich mehr Artikel, die eine Rücknahme der diskriminierenden "Benes-Gesetze" und damit die Chance auf Restitution und eine Entschädigung etc. verlangen, und weniger Arbeiten, die nationalistische Pauschalverurteilungen aussprechen, das Leid der Vertreibungen immer und immer wieder thematisieren und nicht über klischeehafte Stereotypisierungen "des Tschechen" hinauskommen.

In Österreich ist eine wichtige Dachorganisation, in der viele Vertriebenenverbände vertreten sind, der "Schutzverein 'Österreichische Landsmannschaft'", der ganz zweifellos zu den rechtsradikalen Organisationen zu zählen ist. In dieser Landsmannschaft sind u.a. folgende Organisationen vertreten, die Bezug zu Ausgesiedelten haben: "Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich", "Karpatendeutsche Landsmannschaft in Österreich", "Donauschwäbische Arbeitsgemeinschaft", "Sudetendeutsche Jugend Österreichs", "Verein der Siebenbürger Sachsen", "AG Sudetenland 2000", "Stiftung Ostdeutscher Kulturrat", die Arbeitskreise Ungarndeutsche, Untersteiermark, Siebenbürgen, Sudetenland u.a.

Grenzlandtreffen werden organisiert, Videokassetten mit eindeutig nationalistischem, faschistischen Hintergrund vertrieben ("Hitler - eine Karriere", "Die Deutschen im Osten", "Flucht und Vertreibung"...), Ausstellungen und Vorträge ("Der deutsche Osten"...) organisiert...

Was aber die Österreichische Landsmannschaft so wichtig macht, ist de Tatsache, daß sie als Scharnier, als Bindeglied zwischen verschiedensten rechtsradikalen Organisationen fungiert und damit auch in der Lage ist, ganz wesentlich über dieses Milieu hinaus Anziehungskraft zu entfalten. So finden sich neben diversen Vertriebenenorganisationen auch der "Österreichische Turnerbund", schlagende Burschenschaften, die rechtsradikale "Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik" (AFP) und viele andere. Gute Kontakte bestehen v.a. zur FPÖ und zum Freiheitlichen Bildungswerk. Seitens der Sudetendeutschen Landsmannschaft gab es auch eine Zusammenarbeit mit dem bekannten Neofaschisten Dr. Norbert Burger und seiner wegen Verstoßes gegen das Widerbetätigungsgesetz aufgelösten NDP bzw. der Nachfolgeorganisation Bürger-Rechts-Bewegung. Enmge Verbindungen bestehen auch zu den Vertriebenenorganisationen der BRD und neuerdings auch wieder zu den in jüngerer Zeit neuentstandenen Organisationen der deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa.

Ein kurzer Blick in den "Eckartboten", die "Monatszeitschrift für deutsche Kultur" oder in die seit 1959 erscheinende Reihe "Eckartschriften", aus denen wir einige die Tschechoslowakei und Osteuropa betreffende Schriften zitieren, zeigt schon den revanchistischen Grundgehalt der Österreichishen Landsmannschaft: "Blühendes Mährerland" (Nr.95), "Deutsche in aller Welt" (19), "Das Südostdeutschtum als europäisches Aufbauelement" (15), "Werden und Vergehen der deutschen Siedlungen in Südosteuropa" (121), "Westpreußen" (110), "Niederösterreich - Südmähren" (99) usw.

Allerdings nimmt die Bedeutung des Auslandsdeutschtums und der Vertreibungen im jungen Rechtsradikalismus und Neofaschismus an Bedeutung ab: Neben dem größeren zeitlichen Abstand tritt vor allem die Ausländerfeindlichkeit, der Rassismus im Lande stärker hervor. War die von einem Großteil der Linken, vor allem von den Stalinisten totgeschwiegene, verharmloste oder gerechtfertigte Tragödie, mit denen Angehörige der deutschen Minderheiten in vielen Ländern Osteuropas konfrontiert waren, in den 50er und 60er Jahren zu einem einigenden Element des bodenständigen Rechtsradikalismus geworden, so ist heute dieses einigende Element im rechtsradikalen, faschistischen Milieu der Rassismus gegen die Arbeitsimmigranten, der Rassismus gegen Roma und Sinti geworden.

Für viele junge Österreicher und Deutsche war Sudetendeutscher lange Jahre fast so etwas wie ein Schimpfwort, ein Synonym für Reaktionär, Revanchist, Faschist. Damit wurde eine peinliche Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte scheinbar überflüssig. Eine Aussage ist aber nicht allein deshalb schon falsch, nur weil sie von einem Vertriebenen gemacht wird. Die Frage steht anders: Wozu benutzt jemand ein bestimmtes Argument? Weil damit die Größe des deutschen "Volksbodens", die Überlegenheit des germanischen Herrenmenschen bewiesen werden soll? Oder weil die nüchterne Aufarbeitung der Wirklichkeit und die Abstimmung der Politik auf diese Realität stets ein Kennzeichen des revolutionären Marxismus gewesen ist? Im Interesse der "guten Sache" zu lügen und Verbrechen ungeschehen machen zu wollen, Tabus zu beachten, Denkverbote zu akzeptieren, bedeutet immer auch, dem politischen Gegner das Terrain zu überlassen. Die Verluste wiegen letztlich schwerer als der kurzfristige Gewinn.

Aber nur ein kleiner Teil der Linken hat den Mut gehabt, die Potsdamer Konferenz und die Kollektivschuld, die den Deutschen angelastet wurde, offen zu analysieren und einer kritischen Bewertung zu unterziehen. Genau dies wurde von den Hauptströmungen der Arbeiterbewegung mehr oder weniger offen jenen überlassen, die von vergangener Größe des deutschen Reiches, von der tiefsten Erniedrigung des deutschen Volkes und der Schmach der Besetzung, vor allem aber von Rache, Vergeltung und gewaltsamer Rückkehr in die verlorenen Gebiete träumten. Jede Beschäftigung mit der Tragödie der Vertreibung der Deutschen gilt nach wie vor als Kennzeichen der Rechten - die Linke hat darauf bewußt verzichtet, diese Fragen zu thematisieren. Dies aber ist ein wesentlicher Grund dafür, daß die Vertriebenenorganisationen rechtslastig waren und sind und daß die nationale Frage ein "Heimspiel" der Rechten ist. Im letzten Teil unseres Artikels wollen wir uns deshalb von einer marxistischen Warte aus mit einer politischen Bewertung der Vertreibungen und der Politik, die dahintersteht, auseinandersetzen.

 

16. Eine politische Bewertung der Vertreibungen

 

Eine politische Bewertung der Aussiedlungen und Vertreibungen hat vorerst einmal von der Tatsache auszugehen, daß sie auf der politischen Konstruktion einer Kollektivschuld der Deutschen basierte. Besonders auf lokaler Ebene wurden diskriminierende Anordnungen und Maßnahmen erlassen, die sich unterschiedslos gegen (fast) alle Deutschen, unabhängig von ihrer politischen Einstellung, richteten. Dazu zwei Beispiele:

In Troppau/Opava veröffentlichte der nationale Sicherheitsdienst 1945 eine Kundmachung, in der angeordnet wurde, daß "alle Personen deutscher Nationalität vom 6. Lebensjahr an folgende Kennzeichnung tragen: eine weiße Scheibe im Durchmesser von 15 cm und auf ihr, aus schwarzer Leinwand aufgenäht, ein 'N'" für Nemec, Deutscher. Leute, die in NSDAP-Gliederungen organisiert waren, mußten dieses Zeichen auch am Rücken tragen. Deutschen wurde die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln untersagt, der Besuch von Gaststätten und Parks, der Einkauf wurde erst eine Stunde vor Schließen der Geschäfte erlaubt, bei Begegnung mit Militär mußte der Hut gezogen und in "entsprechendem Abstand" vorbeigegangen werden... Österreichische Staatsbürger waren übrigens, soweit sie nicht NSDAP-Mitglieder gewesen waren, von diesen Bestimmungen - offensichtlich im Sinne der eigenständigen österreichischen Nation - ausgenommen.

Und in Tetschen-Bodenbach/Decin wurde in einer Kundmachung der Bezirksverwaltungskommission vom 15. Oktober 1945, also einem halben Jahr nach Kriegsende, lapidar unter Paragraph 11 festgehalten: "Tschechen haben beim Einkaufen, auf den Ämtern und wo immer sonst den Vorzug vor den Deutschen." "Jede von einem Deutschen besetzte Stelle ist als freie Stelle anzusehen" (Paragraph 16), Personen deutscher Nationalität mußten weiße Armbinden tragen (20), die Benützung von Bädern war ebenso verboten wie der Besuch von Erholungs-, Turn- und Sportunternehmen und vielem mehr (10).

Meist war als Sühnemaßnahme und Vergeltung der Verpflegungssatz der Juden im Dritten Reich für die Deutschen angesetzt worden (allerdings auch für deutschsprachige Juden); und nicht überall wurden, wie in Decin, Ausnahmeregelungen für besondere Gruppen gewährt: In Decin/Tetschen waren dies wieder "Eigentümer österreichischer 'Bescheinigungen'", Deutsche, die mit Tschechinnen verheiratet waren, und Inhaber der blauen Antifaschistenausweise (daß für die Erlangung eines solchen aber der Kampf gegen den Faschismus allein noch nicht genügte, sondern das aktive Eintreten für die Wiedererrichtung der Tschechoslowakei notwendig war, davon wurde bereits gesprochen).

Auch die systematische Internierung aller Deutschen ging weit über die Maßnahmen vom 19. Juli 1945 hinaus: Damals waren außerordentliche Volksgerichte installiert worden, die meist im Schnellverfahren ohne Verteidigungs- und Berufungsmöglichkeiten entschieden und in der Regel die Überführung in Arbeitslager anwiesen. Aber in vielen Lagern unterschied sich die Internierung der Deutschen vor allem in den ersten Monaten in nichts von der Behandlung jener, die aufgrund der neuen Strafgesetzgebung als Republikfeinde verhaftet und interniert worden waren.

Genau darin lag aber das Problem: Echte Nationalsozialisten wurden genauso behandelt wie jene, die sich persönlich nichts zuschulden kommen ließen oder im Extremfall sogar den Faschismus bekämpften, aber diesen Kampf mit einer anderen Perspektive als der Wiedererrichtung der CSR verbanden, die in der Zwischenkriegszeit den Deutschen die vollen Rechte einer nationalen Minderheit versagt hatte. Die wirklichen Verbrechen der Faschisten wurden von der der gesamten deutsche Nation zugeschriebenen Schuld erdrückt und in der Konseqenz entwertet. Kollektivstrafen haben deshalb die fatale Konsequenz, zwischen Opfern und Tätern, zwischen Führern und Mitläufern eine falsche Einheitlichkeit herzustellen und zu einem Solidarisierungseffekt beizutragen, der mit allen Mitteln bekämpft werden müßte: Denn Strafen, die auf der nationalen Kollektivschuldthese basieren, so wie sie hier, aber natürlich auch in einem vergleichbaren Ausmaß gegenüber den Tschechen von 1938 bis 1945 angewendet worden waren, stellen das marxistische Prinzip des "Klasse vor Nation" auf den Kopf.

Statt die unverbesserlichen Faschisten und alle diejenigen, die als Mittäter Schuld auf sich geladen hatten, unbarmherzig mit der vollen Strenge des Gesetzes zu bestrafen, statt den Kampf um die Herzen und Hirne der einfachen deutschen Proletarier und Bauern aufzunehmen und sie für den Aufbau einer multinationalen sozialistischen Gesellschaft zu gewinnen, wurde der Kampf von vorneherein verlorengegeben: Die Kommunistische Partei verlangte Entnationalisierung und Assimilation von ihren Mitgliedern und stellte damit klar, daß es so etwas wie einen "sudetendeutschen Kommunismus" nicht geben könne und nie wieder geben dürfe. Statt dessen übernahm die stalinistische KPTsch nur zu willig das Konstrukt, daß nationale Minderheiten immer nur Störenfriede seien und ein möglichst reiner tschechoslowakischer Nationalstaat aufgebaut werden müsse.

Die Barriere wurde nicht zwischen der Minderheit der bewußten und offenen Faschisten und der überwiegenden Mehrheit gezogen, die man für den Sozialismus gewinnen hätte müssen, sondern zwischen den wenigen bewußten Antifaschisten, die sogar zum Wechsel der nationalen Identität bereit waren, und allen anderen - von den NSDAP-Mitgliedern bis zu denen, die zwar nicht aktiv den Kampf geführt, aber Sympathie für ihn gehegt hatten und mit einer anderen Politik durchaus für eine revolutionäre Lösung gewinnbar hätten sein müssen.

Aber hatten nicht alle Schuld auf sich geladen? Hatte nicht das ganze deutsche Volk geschwiegen zu den Greueln, denen die tschechische Nation im besonderen und die Völker Europas im allgemeinen im Zweiten Weltkrieg unter der deutschen Besatzung ausgesetzt waren? Abgesehen davon, daß die Größe des sudetendeutschen Widerstands Beweis dafür war, daß eben genau nicht "das ganze Volks geschwiegen hatte", ist es nichts Neues in der Geschichte nicht-revolutionärer Zeiten, daß die große Mehrheit aus jenen besteht, die sich nicht "die Finger verbrennen wollen", aus Mitläufern, aus jenen, die mit einer anderen Politik, unter anderen Umständen durchaus auch für eine proletarische Alternative gewonnen hätten werden können. Das macht ja das Wesen der Avantgarde aus, daß diese auch in schweren Zeiten zum Kampf bereit ist - in welcher Form, hängt nicht nur vom persönlichen Mut, sondern auch von der politischen Opportunität ab. Genau vor der Gewinnung der breiten Massen auch der deutschen Proletarier schreckte die KPTsch zurück. Statt dessen war sie in der Nationalen Front zur bedingungslosen Zusammenarbeit mit den Parteien und Vertretern des tschechischen Bürgertums, an dessen Spitze Edvard Benes stand, bereit. Das "Klasse vor Nation" der ersten Jahre der KPTsch war einer anderen Reihenfolge gewichen - mit fatalen Konsequenzen für das deutsche Proletariat.

Denn daß alle Deutschen gleich behandelt wurden, war Wasser auf die Mühlen jener, die vom "ewigen Volkstumskampf" redeten, und ein Schlag ins Gesicht jener, die Klassensolidarität über nationale Solidarität zu stellen bereit gewesen wären. In den Lagern wurde ihnen eingetrichtert - von der tschechischen Bewachungsmannschaft, aber auch von den ebenfalls eingekerkerten Anhängern deutschnationaler Volkstumspolitik -, daß Deutscher eben doch Deutscher sei, unabhängig von Klasse und politischer Überzeugung, und daß die internationale Vereinigung der Proletarier nur in die Irre führen könne. Zweitens aber wurde dem deutschen Proletariat die Möglichkeit genommen, selbst mit den faschistischen Mörderbanden abzurechnen. Ihnen wurde aber auch die Möglichkeit einer Verbrüderung mit dem Proletariat der befreiten Länder genommen - die deutschen Arbeiter wurden in die nationale Einheitlichkeit, in die Solidarität mit ihren Henkern zurückgestoßen. Und schließlich war der Abschub eine eklatante Verletzung des Rechtes der Völker auf Selbstbestimmung und eine entscheidende Barriere für die Perspektive der vereinigten sozalistischen Staaten von Europa.

Von zwei Lagern der Arbeiterbewegung kamen kritische Stimmen zur Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa und zur mit dieser ursächlich zusammenhängenden These von der Kollektivschuld - von seiten der Sozialdemokratie, vor allem skandinavischer Länder und der Labour Party Großbritanniens, und von seiten oppositioneller Kommunisten - von Trotzkisten oder der alten Rechtsopposition der KPD um August Thalheimer. Die stalinisierten Kommunistischen Parteien schwiegen zu diesem Thema oder rechtfertigten die Austreibung mit ähnlichen Worten wie die KPTsch, die in einem 400-seitigen Opus zu ihrer Vergangenheit, dem "Grundriss zur Geschichte der KPTsch", den Vertreibungen und Aussiedlungen der Ungarn und Deutschen gezählte 18 Zeilen widmete und lediglich summarisch feststellte: "Die Aussiedlung der Deutschen war ein gerechter Akt der nationalen und demokratischen Revolution." Denn diese waren "beträchtlich an der Zerschlagung der Tschechoslowakei und an der nazistischen Unterdrückung während der Okkupation beteiligt" gewesen.

Das Schlachtfeld der britischen Labour Party waren nicht die Fabriken und Straßen in den Arbeiterbezirken, sondern das britische Unterhaus, in dem über Interpellationen eine menschlichere Behandlung der Sudetendeutschen verlangt wurde. Der Bericht einer britischen Delegation unter dem Labour-Abgeordneten Stokes über die Zustände im Lager Hagibor am Stadtrand Prags wirkte nach seiner Publikation im "Manchester Guardian" am 10.10.1946 in der Öffentlichkeit der westlichen imperialistschen Länder aufrüttelnd: Tägliche Essensrationen mit 750 Kalorien, unbezahlte Zwangsarbeit, die ihn an "Sklavenarbeit" erinnerte...

In der Londoner linksreformistischen Left Review wurde monatelang eine Kampagne, gemeinsam mit Führern der "Independent Labour Party" (ILP) gegen die Kollektivschuldthese der Deutschen geführt und das Unrecht, das an den Vertriebenen begangen wurde, angeprangert. Was von den linken Kräften natürlich versucht wurde, ins Gedächtnis zu bringen, war die Tatsache, daß die großen imperialistischen Mächte, die USA, Großbritannien und Frankreich ja niemals einen grundsätzlichen Einwand gegen die Vertreibung von Hunderttausenden, ja Millionen geäußert hatten und nur um die "humane Weise" der Durchführung besorgt waren. Zu einer generellen Kritik am System von Potsdam war aber nur eine Minderheit fähig und bereit. In ihrem Appell an die Internationale Konferenz der Sozialdemokratischen, Sozialistischen und Labour Parteien in London im Mai 1946 fragten die sudetendeutschen Sozialdemokraten die Tagung:

"Gibt es noch ein sozialistisches Gewissen? (...) Die Behandlung unserer Bewegung und ihrer Männer und Frauen durch die heutige Prager Regierung und ihre sozialistischen Exponenten ist der schlimmste Brudermord, der in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung verübt wurde. Es war nicht die Schuld unserer Genossen, daß sie im großen antifaschistischen Ringen nicht auf der richtigen Seite kämpfen konnten. Es sind ihnen im Jahre 1938 die Waffen aus der Hand geschlagen worden! Sie wurden als Gefangene des Dritten Reichs eingeliefert, in die Konzentrationslager gestoßen und in die Armeen Hitlers gepreßt. (...) Laßt nicht zu, daß deutsche Antifaschisten weiterhin in den Arbeitslagern der Tschechoslowakei festgehalten werden oder daß sie als Sklavenarbeiter in einem Lande bleiben müssen, das sie nicht mehr als gleichberechtigte Bürger haben will."

Doch letztlich gerieten diejenigen, die gegen den Strom schwammen, (nicht nur) in der Sozialistischen Internationale zwischen alle Fronten: Ihre Kritik wurde noch am ehesten von jenen willig aufgegriffen, denen es nun gerade nicht um eine linke Alternative ging, sondern von denen, die im entstehenden kalten Krieg nach jeder Munition gegen die Sowjetunion und die mit ihr verbündeten Staaten in Osteuropa gierten.

Zur entscheidenden Frage kristallisierte sich letztendlich die Stellung zum Potsdamer Abkommen heraus. Nur diejenigen Kräfte, die wirklich zum Bruch mit dem Imperialismus bereit waren, konnten hier eine fundamentale und tiefgehende Kritik vorlegen und der Falle, Beifall vom falschen Lager zu bekommen, entgehen. Genau vor dieser fundamentalen Kritik aber schreckte etwa die reformistische Sozialdemokratie auch in den westlichen Besatzungszonen zurück: Seitens der SPD in Deutschland war von 1945 bis 1949 keine offizielle Stellungnahme zu diesem Thema zu haben, in der die Ablehnung des Potsdamer Abkommens ausgedrückt worden wäre. In inoffiziellen Erklärungen wurde zwar nicht das Abkommen als solches in Frage gestellt, es wurde aber in aller Vorsicht verlangt, die Bestimmungen des Abkommens über die Aussiedlungen nicht zu exekutieren. Zu einer offensiveren Vorgangsweise war aber die SPD nicht bereit - denn das hätte den Bruch mit den Besatzungsmächten unweigerlich nach sich gezogen.

In der Folge konzentrierte sich die SPD eher darauf, die Bemühungen reaktionärer, neonazistischer Kräfte anzuprangern, die Heimatvertriebenen für ihre revanchistischen Aktionen gegen die Alliierten zu benützen und sie dazu auch in Auffangorganisationen zu erfassen. So hieß es etwa 1948: "Die SPD lehnt es ab, das Heimatgefühl der Flüchtlinge für politische Zwecke mißbrauchen zu lassen; sie warnt deshalb die Heimatvertriebenen dringend vor jenen, die sich mit leeren nationalistischen Redensarten ihrer Verpflichtung entziehen möchten, die Kosten des Hitlerregimes mitzutragen."

Damit aber ließ sich die SPD tendentiell in eine Verteidigerposition gegenüber der Politik der westlichen Großmächte und der Sowjetunion, auch was Potsdam betraf, drängen, auch wenn es im Aktionsprogramm von 1952 noch einmal einen Schlenker gegen die "Potsdamer Austreibungsbeschlüsse" gab. Das Schwergewicht lag für die SPD auf dem Kampf für eine Erfüllung der materiellen Forderungen der Heimatvertriebenen und auf einer Bekräftigung, daß die Frage einer Rückkehr der Ausgesiedelten nur das Ergebnis "friedlicher Abkommen", nicht aber das von Krieg und Gewalt sein dürfe.

Eine tiefergehende, gründlichere Kritik an den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz wurde von August Thalheimer und seiner "antistalinistischen Opposition - Gruppe Arbeiterpolitik" verfaßt: "Die Potsdamer Beschlüsse. Eine marxistische Untersuchung der Deutschlandpolitik der Großmächte nach dem 2. Weltkrieg" hieß die im September 1945 verfaßte Broschüre. Die Politik der Großmächte gegenüber Deutschland wurde einer fundamentalen Kritik unterzogen und Aussiedlung von Millionen Deutschen als "besonders dunkles Kapitel dieser Politik" angeprangert:

"Es ist jetzt bekannt, daß Millionen Deutscher aus Ostdeutschland, dem Sudetenland und Ungarn mit den barbarischsten Methoden von Haus und Hof verjagt worden sind. Ihre überwiegende Mehrzahl sind natürlich deutsche Arbeiter, Landarbeiter, Kleinbauern, Handwerker. (...) Welche Schande für alle Siegermächte, die diese Barbarei durchgeführt oder zugelassen haben!"

In Bezug auf die anderen Staaten engegliederten deutschen Ostgebiete heißt es ebenso unmißverständlich:

"Bei ihrem Vormarsch hat die Rote Armee mit den dazu geeigneten Mitteln diese Gebiete von deutscher Bevölkerung gesäubert. Alle sind sich darüber klar, daß hiermit vollendete Tatsachen geschaffen sind, und daß die kommenden Friedensbedingungen und ihre Annahme durch Parlamente usw. nur Theater sein werden. Alle wissen auch, daß es sich mit Ausnahme eines kleinen Gebietes in Oberschlesien um Landgebiete mit deutscher Bevölkerung handelt. Es handelt sich also ganz einfach um Landraub. Es lohnt nicht, der Entschuldigung viele Worte der Widerlegung zu widmen, daß es sich um früher polnische (oder andere slawische) Gebiete handelt. Nach diesem Prinzip könnte man ganz Deutschland unter die Kelten und die Slawen aufteilen."

Genau der letzte Gedanke ist auch der Grund, warum heute jeder Gedanke an eine Rückgabe 1945 abgetretener Gebiete, jeder Gedanke an eine "Wiederbesiedlung" mit aller Strenge bekämpft werden muß! Denn eine solche "Wiederbesiedlung" würde die neuerliche Vertreibung von Hunderttausenden nach sich ziehen. Ganz abgesehen davon, daß im Zeitalter des Imperialismus natürlich auch imperialistische Interessen hinter dem Verlauf von Grenzen stehen werden, gerade in einer so sensiblen Zone wie Mitteleuropa... Wir akzeptieren aber das Rückkehrrecht der Arbeiter und Bauern in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete - allerdings zu Bedingungen, die nicht von den Interessen der Rückkehrwilligen allein zu bestimmen sind! Letztlich können natürlich alle diese Fragen in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht wirklich befriedigend gelöst werden! Einzig und allein eine sozialistische Gesellschaft wäre in der Lage, eine internationalistische Lösung dieser Fragen, die nicht wieder neue nationale Gräben aufreißt, zustande zu bringen.

 

17. Die Position der IV. Internationale

 

Und auch von der IV. Internationale und ihren Anhängern wurde gegen die Potsdamer Beschlüsse und die Aussiedlungen der Deutschen von einer internationalistischen Position aus Stellung bezogen. Wir wollen hier etwas ausführlicher auf mehrere zentrale Dokumente eingehen, um Klarheit zu schaffen über die Stoßrichtung der Kritik und den proletarischen Ausweg, den die IV. Internationale vorschlug, die Internationale Leo Trotzkis (oder das, was nach langen Jahren der doppelten Verfolgung durch Faschismus und Stalinismus von ihr noch übriggeblieben war). Im wesentlichen sind es zwei Dokumente, auf die wir etwas ausführlicher eingehen wollen: die Resolution des Europäischen Exekutiv-Komitees vom Juni 1945 und das Manifest "Internationale Solidarität mit dem deutschen Proletariat!" des Europäischen Exekutivkomitees der IV. Internationale, das unterzeichnet wurde von der englischen,Ê französischen, italienischen und der belgischen Sektion. Dieses Dokument wurde ursprünglich in der Dokumentensammlung "Unsere Stellung zur nationalen Frage in Europa" in der Nummer vom Dezember 1945/Jänner 1946 der französischsprachigen Zeitschrift "IV. internationale" veröffentlicht. Auf Deutsch finden sich Teile dieser Sammlung und das Manifest in den Nummern 8 und 10 der Zeitung des "Karl-Liebknecht-Bundes", des "Spartakist", vom Mai und Juli 1946.

In der Resolution des Europäischen Exekutivkomitees der IV. Internationale vom Juni 1945 finden sich folgende Positionen, die sich speziell auf Deutschland bezogen:

"1. Selbstbestimmungsrecht für alle Völker, sofortiger Rückzug der Besatzungstruppen;

2. Gegen die Militärregierung, die Besetzung, die Zerstückelung und die Ausplünderung Deutschlands;

3. Für die Verbrüderung der Besatzungstruppen mit den deutschen Arbeitermassen;

4. Für die Verbrüderung der Arbeiter der anderen Länder mit den deportierten deutschen Arbeitern. Für ihre Aufnahme in die Arbeitergewerkschaften dieser Länder. Den deportierten deutschen Arbeitern gebühren die gleichen Arbeits- und Lebensbedingungen und die gleichen Rechte wie den Arbeitern dieser Länder.

5. Für die Entfernung und Sühne gegen die Nazis in Deutschland durch die deutschen Arbeiter selbst. Für die völlige Freiheit der Arbeiterbewegung in Deutschland" (zitiert nach "Spartakist", Juli 1946).

Diese Stoßrichtung, die eine internationalistische Position gegenüber dem deutschen Proletariat bezog, wurde auch in den nächsten Dokumenten der IV. Internationale beibehalten. Sie war eine der wenigen mutigen Stimmen von links gegen die Kollektivschuldthese und die Ausgrenzung der Deutschen aus der internationalen Arbeiterbewegung. In der Dokumentensammlung "Unsere Stellung zur nationalen Frage in Europa" finden wir eine Reihe von Positionen, die die grundsätzlichen Gedanken der Juni-Resolution vertiefen und weiterführen. In einer Stellungnahme des Internationalen Exekutivkomitees zur Besetzung deutscher Gebiete nach 1945 wurde der Unterschied zu den deutschen Besetzungen während des Zweiten Weltkriegs herausgearbeitet und betont: Habe es sich bei der deutschen Besetzung letztendlich um eine gehandelt, die für die Zeit der Kriegshandlungen wirksam war, handle es sich heute

"um eine viel dauerhaftere Besetzung, die mit der Zeit droht, die Struktzur lebensfähiger Nationen, und insbesondere Deutschlands, zu ändern. Heute wie während des Krieges bauen wir unsere Politik auf der revolutionären Perspektive",

insbesondere auf das

"Selbstbestimmungsrecht der Völker und erklären, daß der Kampf für die wirkliche nationale Unabhängigkeit untrennbar verbunden ist mit dem Kampf gegen den Kapitalismus und für die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa und der ganzen Erde."

Während die Organisationen in den USA, in England und Frankreich das Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Massen der besetzten Länder hervorheben, betonen die Parteien der IV. Internationale in den besetzten Ländern

"die Notwendigkeit der Föderation der freien Nationen in den Vereinigten Sozialistischen Staaten Europas und organisieren gleichzeitig unter ihrer Fahne die nationalen Massen gegen die Besetzung, immer in internationalistischen und Klassengeiste."

In Bezug auf die Sowjetunion und ihre Politik erklärte die IV. Internationale, daß die Sowjetbürokratie "die nationalen und demokratischen Rechte der Völker Mittel- und Südeuropas" vergewaltige - die Worte Robespierres vergessend, daß "Völker die mit den Bajonetten ausgerüsteten Missionäre nicht lieben". Mit Engels und Lenin stellte die IV. Internationale fest, daß "das siegreiche Proletariat sein Glück fremden Völkern nicht aufzwingen kann, ohne damit seinen eigenen Sieg zu kompromittieren".

Zu den Aussiedlungen und Deportationen wurde erklärt, daß

"die Methoden der Gebietsaneignungen, der Reparationen, der Völkerverschickungen, der Völkerknechtung, zu denen die Sowjetbürokratie greift, um ihre ökonomische Basis und strategische Zone in Europa und Asien zu vergrößern, anstatt der revolutionären Bewegung der Massen zu helfen und die sozialistische Föderation der freien Nationen zu begünstigen, nichts gemein haben mit der marxistisch-leninistischen Politik in der nationalen Frage. Diese Methoden sind Anzeichen der Barbarei, in welche die Verspätung der sozialistischen Weltrevolution und die Verlängerung der Fäulnis des Kapitalismus und des entarteten Arbeiterstaates in der USSR die Menschheit ziehen."

Eine Zusammenfassung der Position der IV. Internationale zur deutschen Frage nach 1945 bietet das Manifest des Europäischen Exekutivkomitees der IV. Internationale, das wir wegen seines grundsätzlichen Gehalts in dieser Nummer unserer Zeitschrift zur Gänze gebracht haben. Es war unterzeichnet worden von der Revolutionär Kommunistische Partei, der englischen Sektion der IV. Internationale, der Internationalen Kommunistischen Partei, der französischen Sektion, der Kommunistischen Arbeiterpartei, der italienischen Sektion, und der Revolutionär Kommunistischen Partei, der belgischen Sektion. Die Kollektivschuldthese der Deutschen wird hier einer ebenso gründlichen Kritik unterzogen wie Annexionen, Deportationen, die Vertreibung von Millionen Deutschen. Viele der Fragen, die hinter dem Artikel standen, wie eben die Kollektivschuldthese und ihre fatalen Konsequenzen, die Verletzung des Selbstbestimmungsrechts der Deutschen, die Reparationen, werden internationalistisch beantwortet. Soweit es um die marxistische Position zu den Aussiedlungen und den in diesem Artikel behandelten Fragen geht, geben wir die dementsprechenden Passagen des Manifests hier wieder. Wir verwenden die deutsche Übersetzung des "Spartakist" aus dem Jahr 1946:

"Internationale Solidarität mit dem deutschen Proletariat!

(...) Was des Göbbels Propagandamaul Jahre hindurch gelogen hat, Hitler und das ganze deutsche Volk seien eins, das ist jetzt die offizielle Begründung für die Behandlung dieses Volkes durch die siegreichen alliierten Mächte. Vansittard aus England, Morgenthau aus Amerika, Ehrenburg aus Rußland predigen gleichermaßen haßerfüllt die Schuld des gesamten deutschen Volkes an allen Verbrechen Hitlers. Zerstückelung des Landes, Annexionen weiter Gebiete, gewaltsame Agrarisierung des Landes, Abtransport des Maschinenparks aus den Fabriken, Requisitionen aller Art, militärische Kontributionen, Deportationen, Vertreibung von Millionen aus ihrer Heimat, Hungerblockade, Reparationen, die in die Abermilliarden gehen sollen - das ist der 'Friede', der dem für gesamtschuldig erklärten deutschen Volke zuteil wird. (...)

Wißt, daß wir keine Sozialdemokraten sind, die in feigem Opportunismus die Gesamtschulderklärung unterstützen und sich als Agenten des anglo-amerikanischen oder französischen Imperialismus im Westen Deutschlands betätigen. Wißt, daß wir auch keine Stalin-Kommunisten sind, die womöglich noch lauter auf russischen Befehl hin das ganze deutsche Volk schuldig sprechen und die Annexionen im Osten desselben Stalin begrüßen, der einmal für die Sowjet-Union keinen Fußbreit fremden Bodens berühren wollte. (...)

(Wir stellen fest,) daß der Hitlerfaschismus nicht eine gesamtdeutsche Angelegenheit war, sondern im Gegenteil eine ausgeprägte Diktatur des deutschen Monopolkapitalismus gegen das arbeitende deutsche Volk darstellte. (...)

Diese Mitschuld der internationalen Kapitalisten am Hitlerfaschismus wird nachträglich nur noch unterstrichen, wenn diese selben internationalen Kapitalisten heute, um Reparationsmilliarden aus dem deutschen Volke herauszupressen, die Gesamtschuld dieses Volkes propagieren. (...)

Das deutsche Proletariat selbst aber hat sich trotz des Versagens seiner Führung heroisch geschlagen. Allein die Abertausende von Blutzeugen aus seinen Reihen machen die Gesamtschuldthese zu einer Beleidigung der Besten des deutschen Proletariats. (...)

Gerade die Behandlung des deutschen Volkes nach dem Grundsatz der Kollektivschuld gibt den verkappten Faschisten neue Möglichkeiten, in trüben nationalistischen Gewässern zu fischen. Das umso mehr, als sich logischerweise der Schuldanteil der wirklich schuldigen Nazis vermindert und sie Aussicht haben, der gerechten Strafe zu entgehen, wenn das gesamte deutsche Volk schuldig ist. (...)

Wir protestieren mit Euch gegen die Zerstückelung Deutschlands, gegen die Kontributionen, Requisitionen und gegen die Milliardenlast der Reparationen. (...)

Wir sind gegen die Austreibung von Millionen von Werktätigen aus ihren heimatlichen Regionen (...). Wir sind für das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes. (...)"

Die Vierte Internationale hatte damit unmittelbar nach 1945 und vor ihrer Degeneration gezeigt, daß es möglich war, von einer klassenkämpferischen Position aus sich der deutschen Frage zu nähern und auch Antworten zu finden auf das Problem der Aussiedlungen und Vertreibungen, die nicht vom nationalistischen Ungeist zeugen, sondern vom Versuch, eine wahrhaft internationalistische Haltung einzunehmen. Unseres Wissens hat es an dieser grundlegenden Orientierung auch keine Kritik innerhalb der "trotzkistischen Bewegung" gegeben. Natürlich traten in der Folge neue Fragen in den Vordergrund, die 1945 noch nicht im selben Ausmaß diskutiert worden waren - etwa die Frage einer Verständigung mit den jetzt in den Gebieten der Vertriebenen neu Angesiedelten. Relevant für den österreichischen Trotzkismus ist in diesem Zusammenhang die von Josef Frey verfaßte Kritik am "Entwurf für die Plattform der deutschen Sektion der Vierten Internationale". Zu allgemeine Formulierungen, die unter den spezifischen Bedingungen zu wenig konkret, zu allgemein wirken, wuirden kritisiert, nicht jedoch die allgemeine Orientierung. Da die Schrift "Zur deutschen Frage" vom 29. Oktober 1947, verfaßt von G. Hirt, nicht bloß eine heute längst vergessene Polemik enthält, sondern auch durchaus allgemeine Gedanken zu unserem Thema enthält, wollen wir einige der entscheidenden Stellen hier zum Schluß unserer Arbeit wiedergeben. Unter Punkt 2, "Gegen die Annexionen, Volksvertreibungen!", heißt es:

"Die Freiheit, Einheit Deutschlands muss wiederhergestellt werden; nur der siegreiche proletarischrevolutionäre, proletarischsozialist(isch)e Kampf kann das verwirklichen, Richtig. Wir anerkennen nicht die Annexionen, auch nicht die stalinrussischen. Wir anerkennen nicht die gewaltsame Vertreibung der deutschen (und sonstigen) Volksmassen, vollzogen, verschuldet durch die Imperialisten und die stalinrussischen Chauvinisten; wir wissen, daß die vertriebenen Volksmassen gelitten haben, leiden. Allein n e u e Tatsachen sind dazu gekommen. Millionen russischer, polnischer, tschechischer usw. Arbeiter und armer Bauern wurden von den Imperialisten und stalinrussischen Nationalisten mit Köder und Druck in die Gebiete hineingepresst. Obwohl chauvinistisch verhetzt, sind diese Arbeiter unsere Klassenbrüder, sind diese armen Bauern unsere notwendigen Bundesgenossen. Die Annexionen deutscher Gebiete müssen behoben, die gewaltsame Vertreibung deutscher Volksteile muss gutgemacht werden - mit allen Mitteln des proletarischrevolutionären Kampfes - ja! Doch eben darum nicht gegen die geköderten, hineingepressten russischen, polnischen, tschechischen, usw Arbeiter, armen Bauern, sondern in gütlichem Einvernehmen mit ihnen unter Berücksichtigung auch ihrer Interessen! Nie und nimmer dürfen wir das Unrecht der Zwangsvertreibung, das deutschen Volksmassen angetan wurde, russischen, tschechischen, usw Volksmassen antun! (...)

In dieser von lodernden nationalen Hass durchzüngelten Atmossphäre müssen wir gerade in dieser Frage von vorherein mit allergrösster Deutlichkeit sprechen, die jede andre, nichtproletarische, nationalistische, imperialistische Auslegung scharf ausschliesst. Wir müssen das berechtigte Misstrauen der vom deutschen Imperialismus so schrecklich heimgesuchten, misshandelten nichtdeutschen Volksmassen überwinden. (...) Die vom deutschen Imperialismus, Nazismus an ihnen verübten scheusslichen Verbrrechen haben die nichtdeutschen Volksmassen aufs äusserste national aufgebracht. Dieser Hass wird von den Imperialisten und auch von den stalinrussischen Chauvinisten weiter genährt, gestachelt."

Die Perspektive der beiden Dokumente, die Hoffnung, die Arbeiter der betroffenen Länder würden "jede Grenzfrage untereinander einzig und allein auf friedlichem Wege, durch gegenseitiges Entgegenkommen" regeln, hat sich nicht erfüllt. Ebensowenig die der vereinigten sozialistischen Staaten von Europa (in "Sowjeteuropa wird über Grenzfragen nicht gestritten werden"). Aber während der Stalinismus die Vertreibungen im Sinne der Kollektivschuldthese rechtfertigte oder überhaupt totzuschweigen versuchte, während Sozialdemokraten um die Mitverantwortung der westlichen "demokratischen" imperialistischen Mächte einen großen Bogen machen, war und ist es die Aufgabe revolutionärer Marxisten, einen revolutionären Ausweg zu skizzieren und nach internationalistischen Antworten zu suchen. Das gilt nicht zuletzt im allgemeinen für die nationale Frage und im speziellen für die der Aussiedlungen und Vertreibungen aus Mittel- und Osteuropa.

 

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Literaturhinweis:

 

Für die vorliegende Arbeit haben wir neben vielen Quellentexten und einschlägiger Literatur u.a. auch eine der wenigen kritischen Publikationen zu dem vorliegenden Thema, die durchaus weiterempfohlen werden kann, verwendet:

Leopold Grünwald: Sudetendeutsche - Opfer und Täter. Verletzungen des Selbstbestimmungsrechtes und ihre Folgen 1918-1982. Junius Verlag 1983.

Eine grundlegende und trotz ihrer politisch eindeutigen Stoßrichtung wichtige Zusammenstellung von Primärtexten findet sich in der folgenden Dokumentation aus dem Jahr 1957:

Ehemaliges Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei.

Analoge Bände exitieren zu Ungarn, Jugoslawien, Polen und anderen osteuropäischen Ländern.

Auf eine gesonderte Aufzählung der v.a. von Vertriebenenorganisationen herausgegebenen Literatur wurde hier verzichtet.