Dokument 5

 

Europäisches Exekutivkomitee

der IV. Internationale

 

Internationale Solidarität mit dem deutschen Proletariat!

Manifest

 

Der Hitlerfaschismus liegt, durch die Gewalt der Waffen zerschmettert, am Boden, und ein Aufatmen möchte durch die Menschheit gehen. Endlich, endlich möchte vor allem das deutsche werktätige Volk nach 12 Jahren grausamster Unterdrückung und nach 5 entsetzlichen Kriegsjahren voller Blut und Tränen aufatmen und auf eine bessere Zukunft hoffen.

Aber es will nicht gelingen. Was des Göbbels Propagandamaul Jahre hindurch gelogen hat, Hitler und das ganze deutsche Volk seien eins, das ist jetzt die offizielle Begründung für die Behandlung dieses Volkes durch die siegreichen alliierten Mächte. Vansi Hard aus England, Morgenthau aus Amerika, Ehrenburg aus Rußland predigen gleichermaßen haßerfüllt die Schuld des gesamten deutschen Volkes an allen Verbrechen Hitlers. Zerstückelung des Landes, Annexionen weiter Gebiete, gewaltige Agrarisierung des Landes, Abtransport des Maschinenparks aus den Fabriken, Requisitionen aller Art, militärische Kontributionen, Deportationen, Vertreibung von Millionen aus ihrer Heimat, Hungerblockade, Reparationen, die in die Abermilliarden gehen sollen - das ist der "Friede", der dem für gesamtschuldig erklärten deutschen Volke zuteil wird.

Deutsche Werktätige in Stadt und Land! In dieser Situation fühlen wir, die Internationalen Kommunisten, uns gedrängt, Euch mit der ganzen Kraft und Überzeugung unserer Klassensolidarität beizustehen. Wißt, daß wir keine Sozialdemokraten sind, die in feigem Opportunismus die Gesamtschulderklärung unterstützen und sich als Agenten des anglo-amerikanischen oder französischen Imperialismus im Westen Deutschlands betätigen. Wißt, daß wir auch keine Stalin-Kommunisten sind, die womöglich noch lauter auf russischen Befehl hin das ganze deutsche Volk schuldig sprechen und die Annexionen im Osten desselben Stalin gegrüßen, der einmal für die Sowjet-Union keinen Fußbreit fremden Bodens berühren wollte. Wir sind vielmehr Kommunisten im Geiste Lenins und im Sinne der ewig glorreichen russischen Oktoberrevolution. Wir verteidigen nur ihre Grundsätze, wenn wir gegen jede imperialistische Ausbeutung und Vergewaltigung von wem sie auch kommen und gegen wem sie auch gerichtet sein mag, Stellung nehmen.

Heute bist du es, deutsches Proletariat, Du Proletariat von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, das in erster Linie der Solidarität des Proletariats der anderen Länder bedarf. Für Dich, deutsches Proletariat, das in Hundert Klassenschlachten seinen Mann gestanden, das aus tausend Wunden geblutet, das Zehntausende seiner Besten in Konzentrationslagern verloren hat, wollen wir Internationalen Kommunisten zeugen. Wir tun es, obgleich wir genau wissen, daß wir deswegen von einer Pressemeute und einer korrumpierten Bonzokratie als "Hitler-Trotzkisten" bespien und verleumdet werden. Sollen sie über uns herfallen! Solitarität bleibt Solitarität. Und Wahrheit bleibt trotzdem Wahrheit.

Diese Wahrheit gebietet uns, vor der proletarischen Weltöffentlichkeit festzustellen, daß der Hitlerfaschismus nicht eine gesamtdeutsche Angelegenheit war, sondern im Gegenteil eine ausgeprägte Diktatur des deutschen Monopolkapitalismus gegen das arbeitende deutsche Volk darstellte. Hitler hat erst den Krieg gegen das eigene deutsche Proletariat entfesselt, bevor er den Weltkrieg begann. Die Zerstörung der deutschen Arbeiterorganisationen, die Ausrottung der deutschen Arbeiterfunktionäre waren für Hitler die Voraussetzung dafür, seine Kriegsmaschine ungestört aufzubauen und seine Kriegsverbrechen begehen (zu können). Solange sich Hitlers Henkerswerk nur gegen das deutsche Proletariat richtete, fand er den Beifall der ausländischen Kapitalisten. Sie waren es, die ihn ermutigt und Verträge mit ihm abgeschlossen haben. Diese Mitschuld der internationalen Kapitalisten am Hitlerfaschismus wird nachträglich nur noch unterstrichen, wenn diese selben internationalen Kapitalisten heute, um Reparationsmilliarden aus dem deutschen Volke herauszupressen, die Gesamtschuld dieses Volkes propagieren.

Die Wahrheit gebietet ferner, festzustellen, daß der zweite Weltkrieg ein Versuch Hitlers war, im Auftrage des deutschen Monopolkapitalismus eine Neuverteilung der Absatzgebiete und Interessensphären der Welt zu erzwingen. War Hitler als der Vertreter eines verspätet auf dem Weltmarkt erschienenen deutschen Imperialismus tatsächlich der Angreifer, so können die andern Imperialisten deswegen nicht einfach zu friedlieb(enden) Demokraten abgestempelt werden, weil sie nur einen früher in der Welt vollzogenen imperialistischen Raub verteidigt haben. Sie sind umso weniger unschuldig, als sie, kaum daß ihr imperialistischer Konkurrent Hitler militärisch geschlagen ist, bereits unter sich ihre neuen imperialistischen Gegensätze austragen, neue Blockbildungen organisieren und neue Kriegsgefahren heraufbeschwören. Und auf dem Rücken des deutschen Proletariats insbesondere werden gegenwärtig diese imperialistischen Gegensätze ausgefochten.

Wir Internationale Kommunisten denunzieren darum in erster Linie das kapitalistische System, aus dem Faschismus und Kriege hervorgehen, als den Hauptschuldigen. Wir sagen dem internationalen und deutschen Proletariat, daß mit dem Sturz des Hitlerfaschismus allein der Weltfriede noch nicht gesichert ist, sondern daß es dazu der Erkämpfung des Sozialismus und der Union der sozialistischen Nationen bedarf.

Wenn man aber vom proletarischen Standpunkt aus eine Verantwortung klarstellen will, dann bezieht sich diese in erster Linie auf die vergangene Führung des deutschen Proletariats.

Von der Ermordung Liebknechts über Noske, Severing und die gesamte Koalitionspolitik und Staatsbejahung der Sozialdemokratie führt ein gerader Entwicklungsweg zu Hitler. Auf der anderen Seite hat die kommunistische Führung durch ihre engstirnigen Methoden des "Sozialfaschismus" entscheidend dazu beigetragen, daß Hitler über ein in seiner Klassenkraft schon gebrochenes deutsches Proletariat siegen konnte.

Das deutscher Proletariat selbst aber hat sich trotz des Versagens seiner Führung heroisch geschlagen. Allein die Abertausende von Blutzeugen aus seinen Reihen machen die Gesamtschuldthese zu einer Beleidigung der Besten des deutschen Proletariats. Noch bis zuletzt, als schon die Bombenteppiche der alliierten Armeen auch über die Arbeiterviertel fielen und mit zur Lähmung eines ernsten Widerstandes gegen Hitler beitrugen, haben deutsche revolutionäre Arbeiter in Streiks und Demonstrationen gegen den Faschismus gekämpft. Deutsche Deserteure zusammen mit ausländischen Arbeitern erhoben sich gegen die SS. An manchen Orten haben die Arbeiter in kühnem Aufstand vor dem Eintreffen der alliierten Armeen sogar die Macht erobert. Dieselben Militärmächte, die dem deutschen Volke vorwerfen, Hitler nicht gestürzt zu haben, haben dann alles getan, um diese proletarischen Erhebungen zu liquidieren und totzuschweigen. Denn letzten Endes sind sich die siegreichen Imperialisten wie die besiegten Hitlerfaschisten wie auch die deutsche Bourgoisie, die heute Demokratie heuchelt, darin einig, daß ihr gemeinsamer Hauptfeind die proletarische Revolution ist. Gerade die Behandlung des deutschen Volkes nach dem Grundsatz der Kollektivschuld gibt den verkappten Faschisten neue Möglichkeiten, in trüben nationalistischen Gewässern zu fischen. Das umso mehr, als sich logischerweise der Schuldanteil der wirklich schuldigen Nazis vermindert und sie Aussicht haben, der gerechten Strafe zu entgehen, wenn das gesamte deutsche Volk schuldig ist.

Angesichts dieser Lage warnen wir das deutsche Proletariat, jener Bourgoisie zu vertrauen, die behauptet, heute demokratisch zu sein. In Wirklichkeit sind diese neuen "Antifaschisten" jene kapitalistischen Kreise, die bereits wieder ihre intenationalen Trustbeziehungen spielen lassen, ihre Klassenfront gegen das deutsche Proletariat neu organisieren und die mit den ausländischen Imperialisten einen Pakt schließen wollen, um alle Deutschland auferlegten Reparationslasten auf die Schultern des werktätigen Volkes abzuwälzen. Wir Internationale Kommunisten aus den sogenannten Siegerstaaten sehen darum in Euch deutschen Arbeitern und Bauern Opfer, denen zu helfen wir uns verpflichtet fühlen.

Wir sind im Geiste von Lenin bereit, für Eure Befreiung vom imperialistischen Joch zusammen mit Euch zu kämpfen.

Wir protestieren mit Euch gegen die Zerstückelung Deutschlands, gegen die Kontributionen, Requisitionen und gegen die Milliardenlast der Reparationen.

Wir begrüßen jede Verbrüderung der Soldaten der Okkupationsarmee mit den deutschen Proletariern und fordern gleichzeitig diese Soldaten auf, sich nicht zu imperialistischen und reaktionären Zwecken gegen das deutsche Proletariat mißbrauchen zu lassen.

Wir sind für das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes. Wir fordern gewerkschaftliche Rechte, ausreichende Löhne, menschenwürdige Behausung und genügende Ernährung für alle zum Wiederaufbau eingesetzten deutschen Arbeiter.

Wir verlangen mit Euch die Behandlung der Kriegsgefangenen nach den humanen Vorschriften des Roten Kreuzes und ihre baldmöglichste Befreiung.

Wir sind gegen die Austreibung von Millionen von Werktätigen aus ihren heimatlichen Regionen und wir sind für die Brechung der Hungerblockade, die das deutsche Proletariat und in erster Linie seine Kinder würgt und (mit Epidemien) bedroht. Wir sind für eine brüderliche gegenseitige Hilfe.

Wir sind für das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes. Dafür werden wir Internationale Kommunisten überall, wo immer wir stehen, kämpfen. Für diesen Kampf werden wir das Proletariat aller Länder zu organisieren versuchen. Das sind wir den Namen eines Liebknecht, einer Luxemburg und den tausenden Märtyrern der deutschen proletarischen Revolution schuldig.

Und in diesem Sinne rufen wir dem Weltproletariat zu: Übt Solidarität mit dem deutschen Proletariat! Helft ihm, das imperialistische Joch abzuschütteln!

Deutsche Klassengenossen! Wir zweifeln nicht daran, daß ihr eurerseits mit erneuter Tatkraft an den Aufbau Eurer Organisationen gehen werder. Bildet starke kampfesfähige und einheitliche Klassengewerkschaften. Haltet vor allem Eure Arbeiterbewegung rein von allem Koalitionsschacher mit der Bourgoisie und mit den Imperialisten. Immer noch ist die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiter selbst. Unabhängigkeit und Selbständigkeit der deutschen Arbeiterbewegung sind gerade in dieser Stunde der imperialistischen Versklavung von entscheidender Bedeutung. Nur über diese Klassenselbständigkeit, nur in dem Kampf um klare Klassenziele bildet sich auch der internationale Charakter der Arbeiterbewegung. Wie Lenin nach dem Zusammenbruch der Zweiten Internationale die Kommunistische Inernationale gründete, so besteht heute die IV. Internationale, nachdem sich die Kommunistische Internationale politisch zersetzt und schließlich von selbst aufgelöst hatte. Diese IV. Internationale hat das Erbe von Marx und Lenin übernommen. Als deutsche SektionÊ dieser Internationale muß jene revolutionäre Partei entstehen, die in der Lage ist, die deutsche Arbeiterklasse in den kommenden Kämpfen zum Siege zu führen. Das ist die große Aufgabe, die dem deutschen Proletariat bevorsteht.

Wir wissen, wie schwer Euer Kampf unter den harten Bedingungen einer Okkupation ist. Koalitionsfreiheit, Freiheit der Versammlungen und Demonstrationen, Freiheit der Arbeiterpresse und Streikfreiheit, das sind die demokratischen Rechte, die Ihr durch Eure Massenaktionen erzwingen müßt.

Zur Beseitigung der Wohnungsnot, zur Kontrolle der Lebensmittelverteilung, zur Überprüfung der Preise, zur Organisierung des Wiederaufbaus, zur Wiedereröffnung der Betriebe, schließt Euch zu Komitees und Ausschüssen aller Werktätigen zusammen.

Duldet nicht, daß nur die Nazis, die Kriegsverbrecher im Sinne der Alliierten sind, bestraft werden, sondern alle, die als Angeber und Henker gegen deutsche Proletarier jemals eine Rolle gespielt haben. Sie abzuurteilen, dazu werden nur revolutionäre Arbeitertribunale in der Lage sein. Seid Euch dessen bewußt, daß nur Ihr als einheitliches und geschlossenes Proletariat den Faschismus ganz ausrotten könnt. Erkennt, daß "Antifaschismus" an sich nichts besagt. Faschismus und Imperialismus können nur durch den Sturz des Kapitalismus und durch den Sieg des internationalen Sozialismus beseitigt werden.

 

Es lebe die deutsche proletarische Revolution !

 

Es lebe die Union der sozialistischen Nationen !

 

Revolutionär Kommunistische Partei

(Englische Sektion der IV. Intern.)

Internationale Kommunistische Partei

(Französische Sektion der IV. Intern.)

Kommunistische Arbeiterpartei

(Italienische Sektion der IV. Intern.)

Revolutionär Kommunistische Partei

(Belgische Sektion der IV. Intern.)

 

(Übersetzung nach "spartakist", Zeitung der "Internationalen Kommunisten Österreichs"/IKÖ, Nachfolgeorganisation des KLB (siehe Dokument 3) und österreichische Sektion der IV. Internationale, in der Nachkriegszeit; in Klammern gesetzte Wörter und Wortteile sind sinngemäße Ergänzungen von uns bzw. unleserliche Stellen.)