1.    DIE GRUNDLAGEN DER ENTWICKLUNG

DER DONAUMONARCHIE

 

a)     Die Phase des Merkantilismus

Ein Hauptziel dieser Arbeit wird sein müssen, unsere These von der relativen Rückständigkeit der österreichischen Ökonomie zu beleuchten und v.a. auch Gründe für diesen Entwicklungsrückstand aufzuzeigen. Denn gehörte die österreichisch-ungarische Monarchie am Beginn des 20. Jahrhunderts zu den schwächsten imperialistischen Mächten Europas, ja war sie das Schlusslicht unter den europäischen Großmächten  (Marx sollte sie den "kranken Mann an der Donau" nennen), waren zur Mitte des 18. Jahrhunderts - vordergründig betrachtet - ökonomische Ausgangslage und strukturelle Bedingungen für eine kapitalistische Modernisierung der österreichischen Wirtschaft gar nicht so schlecht: So mag es überraschen, dass 1767 allein die Eisenwerke der Steiermark annähernd soviel Roheisen erzeugten wie ganz England. Mit etwa 2.000 bis 3.000 Beschäftigten gehörte die 1625 gegründete Innerberger Hauptgewerkschaft (der Begriff steht hier nicht für Gewerkschaften im modernen Sinn, sondern für Betrieb eines "Gewerken", also Bergbauunternehmen) zu den größten Eisenproduzenten Europas. Und zahlreiche Manufakturbetriebe konnten - unterstützt durch eine merkantilistische Wirtschaftspolitik - durchaus mit den großen Betrieben Westeuropas mithalten: Besonders die Textilindustrie ist hier zu nennen: So war die 1672 gegründete Linzer Wollzeugmanufaktur die wichtigste Mitteleuropas im 18. Jahrhundert; und auch bei Papierfabriken oder der Sensenerzeugung (wo die Steyrer Produzenten eine führende Stellung in Europa erreichen konnten) war die Wirtschaft des Habsburgerreiches durchaus auch nach dem Aderlass der Kriege um Schlesien, die 1773 mit dem endgültigen Verlust dieser fortgeschrittensten Provinz des Habsburger-Imperiums an den mitteleuropäischen Konkurrenten Preußen geendet hatten, konkurrenzfähig.

Durch die Reformphase unter Maria Theresia und besonders unter Joseph II (1780-1790) gelang es, institutionelle Hemmnisse für eine Modernisierung der Wirtschaft aus dem Wege zu räumen: Mit dem Ende der Robotverpflichtungen und ihrer Umwandlung in Geldleistungen begann die Phase der Aufhebung der Leibeigenschaft der Bauern (deren endgültiger Abschluss aber erst 1848 stattfinden sollte); eine einheitliche Steuer auf Grund und Boden und die Aufhebung eines Teiles der Klöster brachten Veränderungen aufs Land und begannen den Boden zur Ware zu machen, die Aufhebung des Zunftzwanges schuf Voraussetzungen für eine frühe Industrialisierung. Die Bemühungen um einen internen Freihandel, eine moderne Verwaltung des Reiches, die Verbesserung des ländlichen Schulwesens etc. ließen die Habsburger-Monarchie - bzw. deren fortgeschrittene westliche Teile - gegenüber Frankreich und den übrigen deutschen Teilstaaten keineswegs als zurückgeblieben erscheinen.

Basis und Hintergrund dieser Modernisierungsphase war die Wirtschaftspolitik des Merkantilismus: Schon 1719 waren Triest und Fiume zu Freihäfen erklärt worden und wurde die Ostindische Handelscompagnie gegründet. Erste Kolonialgründungen in Afrika und Asien wurden 1731 zugunsten der dynastischen Erwägungen Karls VI., der seiner Tochter die Herrschaft mit der Pragmatischen Sanktion sichern wollte, wieder aufgegeben. Analog zu Colbert in Frankreich wurden auch in Österreich Handwerk, Verkehrswesen und Manufaktur staatlich gefördert: Schutzzölle, Steuererleichterungen und Staatsfabriken sollten die Wirtschaft ankurbeln und vor der ausländischen Konkurrenz schützen, Straßenbauten und die Donauschifffahrt die Kommunikation verbessern und einen inneren Markt herstellen helfen.

All dies war der Versuch, durch einen Reformschub den Ausbruch einer gewaltsamen Erhebung zu verhindern: Denn der durch die merkantilistische Wirtschaftspolitik ausgelöste Veränderungsprozess in der Ökonomie hatte die Gesellschaft verändert und eine Bresche in die feudalen Strukturen geschlagen, ohne gleichzeitig die Lebensgrundlagen breiter Teile der Bevölkerung zu verbessern, ja ganz im Gegenteil: Frankreichs verarmte Bauern sahen sich am Vorabend der Revolution einem reicher gewordenen Bürgertum und einem verkommenen Landadel gegenüber. 1790 war es also durch einen Modernisierungsschub von oben gelungen, nicht nur das revolutionäre Potential in Österreich zu verkleinern und damit die absolutistische Herrschaft zu retten, sondern auch "aus einem Länderkonglomerat einen für seine Zeit höchst modernen Staat zu bilden und die Hilfsmittel zu mobilisieren, mit denen Österreich entscheidend in den Lauf der Weltpolitik einzugreifen vermochte" (Tremel, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 281).

Dazu kamen die spezifischen Bedingungen, die sich aus der Lage der habsburgischen Länder in Mitteleuropa ergaben: Vor allem hatte sich das wirtschaftliche Schwergewicht in Europa bereits ab dem 16. Jahrhundert immer mehr auf die Länder am Atlantik hin verschoben: Hier waren im Zuge der Entdeckungen und der darauf folgenden Umdrehung und Verschiebung der Handelsströme große Kapitalmassen akkumuliert worden, die die Basis für eine spätere Industrialisierung abgaben. Demgegenüber fehlten diese - und das muss als der Hauptnachteil gesehen werden - in Österreich, dessen herrschende adelige Schicht nach wie vor auf die Landwirtschaft orientiert blieb. Dazu kamen spezifische Bedingungen, die sich in der Phase der Industrialisierung als Nachteile herausstellen sollten: Nur Böhmen war über  eine tragfähige Wasserstraße - die Elbe - mit dem Westen Europas verbunden, während die Donau den Blick in den noch rückständigeren Osten freimachte. Und die Eisenerze der Steiermark waren mit den im 18. und frühen 19. Jahrhundert modernen Verkehrsmitteln nur schwer erreichbar - ganz abgesehen davon, dass die Nachbarschaft von Eisenerzen und Kohleförderung (ein Phänomen aller frühen Industrialisierungen) nirgends in Österreich gegeben war.

Gleichzeitig standen einer frühen Industrialisierung, einer frühen Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise auch mehrere andere gewichtige Faktoren gegenüber, die schlussendlich den Sieg davontragen sollten: Zuerst einmal trieb diese Reform von oben, diese Reformphase, wie wichtig sie auch sein mochte, die vorrangig einmal das Ziel hatte, durch  objektiv notwendige Veränderungen die Habsburger-Herrschaft langfristig zu sichern und eine Revolution zu verhindern, von selbst ihren engen institutionellen Grenzen zu: Mitwirkung breiterer Bevölkerungsschichten war expressis verbis nicht erwünscht, ja parallel zu diesen Reformen wurden die österreichischen Jakobiner unter Joseph II. brutal verfolgt und z.B. der Revolutionär Hebenstreit öffentlich hingerichtet. Noch in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts versiegte die Reformtätigkeit für ein halbes Jahrhundert nahezu vollständig.

Zweitens blieb das Ausmaß der ökonomischen Veränderungen beschränkt und lokal eng begrenzt: Während Manchester im heute tschechischen Brno/Brünn eine Konkurrentin der Textilindustrie erwuchs, blieben breiteste Teile des Landes von den modernen Produktionsmethoden völlig unberührt. Die sich ausbreitende Heimarbeit und das Verlagswesen bedeuteten zwar eine Überwindung zünftlerischen Wirtschaftens, führten aber nicht zu einer Übernahme moderner Produktionstechniken: Namentlich in der Leinenindustrie, ja ganz allgemein der ländlichen Hausindustrie wurden vorkapitalistische Produktionsmethoden noch lange mitgeschleift und konnten erst auf dem Rücken von hunterttausenden Pauperisierten, zum Nebenerwerb Gezwungenen aufgebrochen werden.

Drittens aber wirkten sich in den folgenden Jahrzehnten bereits die objektiven Hemmnisse für eine fortdauernde Industrialisierung aus, die in Österreich aus verschiedenen Gründen bedeutender waren als in Westeuropa. So war im Unterschied zu Frankreich und England die Monarchie noch nicht zu einem inneren Markt zusammengewachsen (das sollte erst 1851 mit dem Ende der österreichisch-ungarischen Zoll-Linie und der Etablierung eines gemeinsamen Außenzolls erreicht werden): Im wesentlichen bestanden Ende des 18. Jahrhunderts vier größere Wirtschaftseinheiten in der Monarchie mit völlig unterschiedlichem Entwicklungsniveau: a) Tirol und Vorarlberg (mit einer fortgeschrittenen Textilindustrie), b) Galizien und die Bukowina, c) Ungarn und d) dem ökonomisch bei weitem dominierenden Teil, dem Zollgebiet, das 1775 entstanden war und Ober- und Niederösterreich, Böhmen, Mähren, Schlesien, Steiermark, Kärnten und Krain umfasste. Dazu kamen als weitere nicht integrierte Bestandteile die neugewonnenen Gebiete Dalmatien, Istrien und die oberitalienischen Gebiete.

Wie wenig im ausgehenden 18. Jahrhundert z.B. Tirol und Vorarlberg in die Gesamtwirtschaft der Monarchie eingebunden waren, zeigen die Zahlen für deren Handel über die Grenzen der Kronländer hinweg: Nur 1/4 ihrer Einfuhren an Nahrungsmitteln und Textilien kamen 1787 aus den übrigen Teilen Österreichs, nur ein Drittel der über die Kronlandsgrenzen gehandelten Textilprodukte hatten ihre Zielmärkte im übrigen Österreich. Und zur selben Zeit waren z.B. die beiden größten Handelspartner Galiziens die Türkei und die polnischen Gebiete. Trotz ihrer Einbindung in den Zollraum von 1775 waren wiederum die nord- und westböhmischen Gebiete, also v.a. die industriell fortgeschrittenen Sudetenländer, viel stärker auf die übrigen deutschen Länder als auf Österreich orientiert. Und noch Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden zwischen Nordböhmen bereits Eisenbahnverbindungen mit Schlesien, nicht jedoch mit dem Rest der Monarchie. Ein möglichst einheitlicher innerer Markt wäre aber die Voraussetzung gewesen für eine stabile kapitalistische Entwicklung der Monarchie in dieser frühen Phase.

Doch die Wirtschaftspolitik Österreich war in der ganzen hier betrachteten Phase - bis nach der Revolution von 1848 - nicht auf eine Verkleinerung der Differenzen zwischen den Landesteilen und damit auf die Herstellung einer ausgeglichenen Wirtschaftsstruktur ausgerichtet - ganz im Gegenteil: Das, was sich später als Sprengsatz der Monarchie erweisen sollte - die großen Entwicklungsunterschiede, das gewaltige Entwicklungsdefizit des agrarischen Ostens und Südens der Monarchie -, war neben den objektiven Gründen für dieses gesamteuropäische West-Ost-Gefälle politisches Programm der österreichischen Variante des Merkantilismus gewesen: Durch regionale Spezialisierung sollten die westlichen Kronländer industrielle Kernländer des Reiches werden, während die östlichen Gebiete die agrarische Versorgung zu übernehmen hatten. Parallel dazu aber wurde auf eine breite Streuung der beginnenden industriellen Tätigkeit auch im Westen des Gesamtstaates Wert gelegt: Örtliche Konkurrenz - sowohl im Absatz als auch im Hinblick auf die Verfügbarkeit der Arbeitskraft - sollte durch einen "monopolistischen" Betrieb vermieden, die lokalen Energiequellen von den großen Grundherren, die z.B. ihr Holz für die Glasindustrie zu verwerten trachteten, genutzt werden. Maria Theresia hatte Unternehmern das Recht, in einem bestimmten Bezirk Güter zu erzeugen, als Privileg gewährt. Das hieß aber in der Konsequenz, dass schon vom Konzept her keine Ballung der ökonomischen Tätigkeit erwünscht war und daher diese industriellen Inseln im agrarischen Meer nur sehr langsam ans moderne Verkehrswesen (vom Weltmarkt gar nicht zu reden) angeschlossen werden konnten. Noch 1900 war etwa eine glaserzeugende Firma mit mehr als 1000 Beschäftigten in den Alpenländern nur über Fuhrwerke, nicht jedoch mit der Eisenbahn erreichbar.

All das, kombiniert mit einer nur unvollständigen Überwindung der feudalen Relikte, führte zu einem Zurückbleiben der Habsburger Monarchie, verminderte die Dynamik des Modernisierungsprozesses und verlangsamte die Einführung der kapitalistischen Produktionsweise. Gleichzeitig aber provozierte die merkantilistische Wirtschaftspolitik des 18. Jahrhunderts und die Reformtätigkeit unter Maria Theresia und Joseph II. eine Reihe von nachhaltigen Veränderungen, sodass wir diese Periode als proto-industrielle Phase bezeichnen können: Die nicht-agrarische Produktion begann zu steigen, der nicht-landwirtschaftliche Bevölkerungsteil stieg - wenn auch nur langsam -, und eine Zunahme der Nebenbeschäftigung der landwirtschaftlichen Bevölkerung kann verzeichnet werden. Die großen wirtschaftlichen Strukturen - West-Ost-Gefälle, die Wirtschaftsachse Reichenberg/Liberec - Prag/Praha - Wien, die das Zentrum des Reiches mit den wirtschaftlich fortgeschrittenen böhmischen Ländern verband - lagen bereits in den Grundzügen vor.

 

b)     Die Zeit der napoleonischen Kriege

Die merkantilistische Wirtschaftspolitik unter Maria Theresia und ihrem Sohn hatte also eine erste große Modernisierungswelle bewirkt. Unter ihren Nachfolgern, unter den österreichischen Kaisern Franz I. und Ferdinand, war der Eifer für Reformen von oben praktisch auf den Nullpunkt gesunken. Die Agrar- und Steuerreformen Josephs II. wurden entweder nicht weitergeführt oder unter dem Einfluss des adeligen Großgrundbesitzes sogar rückgängig gemacht.

Das Vierteljahrhundert von 1792 bis 1815 war eines der Kriege und der wirtschaftlichen Stagnation. Den Gefahren einer Revolution versuchte das Herrscherhaus nun nicht, mittels Reformen von oben zu begegnen. 1801 wurde die Zensur verschärft, und im Bewusstsein der sozialen Folgen eines wirtschaftlichen Wandels wurde zur Industrialisierung eine zwiespältige Haltung entwickelt: So wollte Franz I. eine Industrialisierung verhindern, um das Proletariat als den am meisten zur Revolution bereiten Teil der Bevölkerung nicht zu groß werden zu lassen. Wirtschaftspolitische Maßnahmen, die zur Förderung der Industrie gedacht waren, wurden aufgehoben, und 30 Meilen rund um Wien sollten überhaupt keine Industrieunternehmen zugelassen werden. Während in Preußen moderne Reformen umgesetzt wurden, um den Staat setzte sich in Österreich erst nach langen Auseinandersetzungen 1810 eine erste, moderate Gewerbefreiheit durch.

Parallel dazu kosteten die verlustreichen Koalitionskriege mit Frankreich Unsummen, die durch eine Ankurbelung der Notenpresse finanziert werden sollten: Das Volumen der ausgegebenen Noten wurde der Öffentlichkeit verheimlicht: Waren im Jahr 1796 Bancozettel im Wert von 44 Millionen Gulden im Umlauf, so stieg diese Zahl 1802 auf 300 Millionen und 1810 auf eine runde Milliarde. Im März 1811 kam es zur "Währungsreform", wie der Staatsbankrott vornehm umschrieben wurde. Mit diesem Bankerott-Patent (das "einschneidendste, rechtsverletzendste Gesetz, das vielleicht jemals von der Regierung eines zivilisierten Staates in Finanzsachen erlassen wurde" - Adolph Wagner, zitiert nach Androsch, S.19) wurde nachhaltig die ökonomischen Tendenzen in Richtung Modernisierung der Ökonomie behindert: Fortgesetzter Wortbruch des Kaisers (schon 1813 war im Zusammenhang mit den anti-napoleonischen "Befreiungskriegen" die feierliche Versicherung, kein weiteres Papiergeld mehr drucken zu wollen, vergessen, die Antizipationsscheine führten wieder zum dramatischen Verfall der Währung) und eine unklare, schwankende Wirtschaftspolitik, die ein Klima der Verunsicherung und der Rechtsunsicherheit erzeugte, waren Hintergrund für diese stagnative Situation.

In dieser Phase erleiden Handel und Gewerbe einen Niedergang, und vor dem Hintergrund fortgesetzter Kriege, die Europa mit sich rissen, sinkt bis 1813 das Produktionsvolumen. War 1784 der Höhepunkt in der Eisenerzerzeugung erreicht, sank die Produktion in den 90er Jahren um 5%, bis sie im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts nur mehr 73% des Jahres 1784 betrug (Good, S. 41). Nur wenige Branchen konnten sich dieser Entwicklung entziehen: So wuchs die Baumwoll- und die Wollwarenindustrie relativ rasch, da die napoleonische Kontinentalsperre die überlegene englische Industrie vom Kontinent fernhielt. In Mitleidenschaft dürften aber aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Zerrüttung die exportstarken Industrien des Reiches - Leinen und Glas - gezogen worden sein, und ebenso erlitten jene Industriezweige schwere Rückschläge, die vom internationalen Markt abhängig waren (wie die Raffinierung von importiertem Zucker).

Mit dem Ende Napoleons und der politischen Stabilisierung Europas mit dem Wiener Kongress hatte diese Stagnationsperiode aber noch kein Ende. Eine vorsichtige Wiederbelebung dürfte erst wieder in den 1820er Jahren eingesetzt haben. Doch auch diese Belebung blieb begrenzt und - was für die weitere Entwicklung zentral sein wird - hinter der in den fortgeschritteneren Teilen Europas zurück. Damit wird sich im nächsten Vierteljahrhundert - von den 1820er Jahren bis zur Revolution 1848 - der Entwicklungsrückstand verfestigen und zu einer nicht mehr umkehrbaren Größe werden.

Für Österreich sollte verhängnisvoll werden, dass die Weiterentwicklung der modernen Produktionstechniken über seine ersten Anfänge hinaus gerade in diese Phase fiel: Dadurch wurde das Tempo der Mechanisierung stark gehemmt und war viel geringer als in den westlichen Nachbarländern: Im Jahr 1816 wurde die erste Dampfmaschine in Österreich aufgestellt, und in den nächsten zwei Jahrzehnten kamen jährlich nicht mehr als eine Handvoll hinzu - erst nach 1840 und besonders in den 1850er Jahren nahm die Anwendung der Dampfkraft in der Industrie rasch zu. Abschließend sei der bürgerliche Politiker Stephan Koren zitiert, der sich zu dieser Phase vor 1848 dahingehend äußert: "Es unterliegt keinem Zweifel, dass die liberale Industrie- und Gewerbepolitik auch in Österreich erfolgreicher gewesen wäre und den Aufschwung der Technisierung mehr beschleunigt hätte, wenn die wirtschaftliche Expansion ein günstigeres Klima vorgefunden hätte" (Koren, S. 233).

Natürlich: Das Verhalten der Herrschenden war auch in diesem Falle nicht Ergebnis eines ominösen "bösen Willens" an sich, sondern Ausdruck der objektiven Lage, eben der Rückständigkeit der Monarchie und der zunehmenden ökonomischen Randlage, in die diese in den zurückliegenden Jahrzehnten geraten war und mit der die Politik der Herrschenden in Wechselwirkung stand.

 

c)     Die Phase der Stagnation im Vormärz

Die Zeit des Beginns der bürgerlichen Revolutionen in Europa hatte einen ersten Abschluss mit dem Ende Napoleons gefunden. In den Staaten Mittel- und Osteuropas sollte nun eine Ära der politischen Reaktion folgen, die auch im ökonomischen Bereich Österreichs sichtbar wurde. Die Zeit zwischen dem Wiener Kongress und 1848 ist aufs engste mit dem Namen Metternich verbunden. Dieser war ein Gegner aller liberalen und nationalen Ideen und verzögerte die Industrialisierung Österreichs weiter. In England, das seine bürgerliche Revolution bereits ab dem 17. Jahrhundert hinter sich gebracht hatte, und den durch keine feudale Vergangenheit beschwerten USA hatte sie längst begonnen, ab den 1820er Jahren war sie aber auch in Belgien, Frankreich und einigen Teilen Deutschlands (so in den linksrheinischen preußischen Gebieten) im Gange. Und während die merkantilistische Manufakturwirtschaft Österreichs im Europa des 18. Jahrhunderts als vorbildlich galt, kam die industrielle Entwicklung nur verspätet und zögernd in Gang - nicht nur wegen der politischen Umstände im von Metternich hermetisch von übrigen Teil des Kontinents abgeriegelten China Europas (Marx), sondern auch aufgrund der bereits geschilderten ungünstigen geographischen Bedingungen.

Ein Blick auf die Bevölkerung der Monarchie und ihre prozentuelle Verteilung auf die einzelnen Wirtschaftssektoren zeigt wohl genügend klar, dass der gesellschaftliche Wandel nicht in derselben Geschwindigkeit, mit der er im 18. Jahrhundert begonnen hatte, sich fortsetzen sollte. Die moderne kapitalistische Produktionsweise, die sich im Schoße der feudalen Produktionsverhältnisse auszubreiten begann, umfasste noch in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts erst wenige Prozentpunkte der erwerbstätigen Bevölkerung (wie überhaupt erst in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts die Industrie die Landwirtschaft als absolut dominierender Sektor der Gesamtwirtschaft ablöste). 1790 waren 75 % der gesamten aktiven Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, unmittelbar nach der 1848er Revolution immer noch 72 Prozent (1850). Wenn die Zahlen auch die stagnativen Gebiete der Monarchie (Galizien, Bukowina...) umfassen und daher die wirtschaftliche Dynamik in den höher entwickelten Teilen etwas verzerren, so zeigen diese Zahlen doch, dass der Abwanderungsprozess aus der Landwirtschaft bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur qualvoll langsam ablief. Und selbst in Böhmen, das zu den fortgeschrittensten Kronländern gehörte, war in den neun Jahrzehnten von 1756 bis 1848 der Anteil der landwirtschaftlichen an der gesamten aktiven Bevölkerung erst von 78 auf 64 % gesunken. Der Rückgang auf 49% in den zwei Jahrzehnten bis 1869 war damit quantitativ größer als in mehr als 9 Jahrzehnten zuvor.

Andererseits ist aber unbestritten, dass gerade in dieser Phase die Industrialisierung über die vereinzelten inselhaften Elemente des 18. Jahrhunderts hinauszutreiben begann, dass die industrielle Entwicklung der Donaumonarchie vor 1848 einsetzte. Allerdings war dieser Aufschwung ab Mitte der 1820er Jahre uneinheitlich und erfolgte vor allem im Vergleich zu den westeuropäischen Ländern zu wenig rasch.

So bürgerte sich zwar der moderne Fabriksbetrieb, der im Unterschied zur Manufaktur nicht auf die Hand-, sondern auf die Ausnutzung der Maschinenarbeit abzielte, in der Monarchie ein, aber in nur zwei Bereichen: der Baumwoll- und der Schafwollspinnerei. Von der Technologie her war die Textilindustrie überhaupt der dynamischste Zweig des österreichischen Vormärz, dessen Modernisierung seit der Kontinentalsperre angehalten hatte. Maschinen britischer Herkunft breiteten sich ab den 1820er Jahren rasch aus, was der Textilerzeugung den Charakter einer Demonstrationsindustrie verlieh, in der die modernen Produktionsmethoden und die maschinellen Produktivkräfte studiert werden konnten.

Allerdings war auch in diesem Bereich eine widersprüchliche Entwicklung gegeben: Die Anfang des 19. Jahrhunderts dominierende Sparte der Textilindustrie, ja der Industrie überhaupt, die Leinenerzeugung (in ihr waren 1816 1,2 Millionen Menschen in der Monarchie beschäftigt, gegenüber nur 100.000 in der Baumwollproduktion), geriet im Vormärz in eine langandauernde strukturelle Krise. Und während in der Baumwollspinnerei mit einem Schlag die Mechanisierung die Handspinnerei überflüssig machte, hielt sich das Verlagssystem in den anderen Sparten der Textilerzeugung, vor allem der Leinenproduktion, hartnäckig. Das langsame Absterben dieser veralteten vorindustriellen Produktionsweise und der Druck der ausländischen Konkurrenz führten zu einer furchtbaren Verelendung der in dieser Hausindustrie Beschäftigten. 1841 war die Zahl der Flachspinner auf 200.000 zurückgegangen - eine katastrophale Schrumpfung, in der sich nicht nur die Vernichtung eines Gewerbezweiges verbarg, sondern die auch eine relative Re-Agrarisierung in den 20er und 30er Jahren zur Konsequenz hatte.

Auch in einem zweiten Bereich war der Fortschritt spürbar: der Montanindustrie, deren Wachstum durch die Fortschritte im Eisenbahnbau bedingt war. Allerdings auch hier eine Einschränkung: Basis blieb eine alte Technologie - die englischen Erzeugungsmethoden (Puddeln und Walzen des Roheisens, Heißofengebläse, Ablösung der Holzkohle durch Kohle, Dampfmaschinen) blieben weithin unbekannt, produziert wurde gemeinhin noch traditionell (besonders um Hüttenberg in Kärnten und in der Steiermark). Vor der Revolution 1848 hatte sich so bereits ein erheblicher Entwicklungsrückstand, insbesondere auch gegenüber den meisten anderen deutschen Staaten, ergeben: Dampfkraft wurde überhaupt erst ab den 1850er Jahren allgemein gebräuchlich.

Und drittens begann der Ausbau der Infrastruktur auf dem Sektor der Eisenbahnen zwar relativ rasch in den 1830er Jahren, aber der weitere Fortschritt vollzog sich bis in die 1850er Jahre äußerst schleppend und war überdies weniger von ökonomischen als von militärstrategischen Gesichtspunkten aus diktiert worden. Bis 1848 waren in der späteren österreichischen Reichshälfte etwa 1.300 Kilometer fertiggestellt, in der späteren ungarischen gar erst 200!

Auch in der Nahrungsmittelindustrie, in der die Habsburger Monarchie sich eine bedeutende Stellung sichern konnte, ging der technische Fortschritt äußerst langsam vor sich. Dies gilt auch für zwei gesamtwirtschaftlich bedeutende Bereiche, die Mühlen- und die Zuckerindustrie, dem dynamischsten Bereich des Nahrungsmittelsektors.

Dass die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts keine Verkleinerung der Entwicklungsdifferenzen in der Habsburger Monarchie gebracht hatte, beweisen die folgenden Zahlen über den Anteil der 1841 in den einzelnen Kronländern verbrauchten dampfkrafterzeugten Pferdestärken: Böhmen (37,5%), Mähren und Österreichisch-Schlesien (28,4%) und Niederösterreich (27%) führten überlegen - in diesen Kronländern konzentrierten sich 92,9% der gesamten Dampfkraft der Monarchie (die alte Industrieregion Steiermark hingegen kam auf nur 0,3%!). Die Zahlen zeigen die extreme Regionalverteilung; dazu kam, dass mehr als die Hälfte der Dampfkraft (52,1%) auf die Textilindustrie entfiel. Aber auch in absoluten Zahlen waren vor 1848 die Rückstände bereits beträchtlich: 1840 lag Österreich erst an 5. Stelle der Dampfkraftkapazitäten in Europa (etwa 3,2% des Aufkommens von England, nach Frankreich, Deutschland und Belgien, gleichauf mit Russland), und erst im darauffolgenden Jahrzehnt konnte das wesentlich kleinere Belgien überholt werden. Nur in wenigen oben nicht genannten weiteren Bereichen (etwa in der für den Export wichtigen Papierindustrie hatten durchgehende technologische Veränderungen bereits vor 1848 stattgefunden) begann das für den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts typische Zeitalter der Dampfkraft bereits vor 1848.

Diese Metternichschen Jahrzehnte können also als Periode einer unausgeglichenen Entwicklung charakterisiert werden, in denen sich einerseits die spezifischen Entwicklungsrückstände verfestigten, andererseits aber die Industrialisierung - langsam, aber doch - in ausgewählten Bereichen und einzelnen Regionen Bahn brach. Allerdings blieben die Lebensfragen der Nation ungelöst: Die Bauernbefreiung wurde nicht weitergeführt, der Abschluss der wirtschaftlichen Einigung des Landes ließ weiter auf sich warten, die endgültige Auflösung des todgeweihten Zunftsystems wurde weiter und weiter verschleppt und verwässert, und die josephinischen Zollgesetze, die das Land nach außen abgeschottet hatten, wurden nicht durch eine freihändlerische Gesetzgebung ersetzt. Die Folge gerade des letzten Faktums war neben außenwirtschaftlichen Problemen (siehe unten) die Entwicklung und Verfestigung einer besonderen Physiognomie des österreichischen Kapitalisten: Hinter den seit der Ära Josephs II. gesetzlich verankerten Zollschranken hatte sich der Bourgeois eine behagliche Existenz eingerichtet - radikale, freihändlerische, demokratische Reformen lehnte er ebenso ab wie Experimente, die den Fortbestand des absolutistischen Systems gefährden und die Macht des Pöbels stärken hätten können. Eben das Gesicht des Kapitalisten oder Kleinbürgers der Biedermeierzeit, wie es sich 1848 in der Revolution so klar zeigen sollte.

Insgesamt war die Periode bis 1848 also die einer Wirtschaftspolitik, die keine klaren Akzente in Richtung Modernisierung setzte und alles auf den Geist der Bewahrung und des braven Untertanen aufbaute (Kaiser Franz I. sollte in seiner berühmten Ansprache in Ljubljana/Laibach 1821 die Worte finden, dass ihm keineswegs an der Ausbildung geistiger Kapazitäten gelegen sei, sondern an der Aufzucht treuer Staatsbürger). Wirtschaftliche Modernisierung quasi als fast unbeabsichtigtes, oft auch ungewolltes Nebenprodukt, so stellt sich das Verhältnis des Staates zur Wirtschaft dar, der ihre Entwicklung nur wenig förderte, gleichzeitig aber ein Aufbrechen der bereits gewachsenen Strukturen durch hohe Zölle zu verhindern trachtete. Hofkammerpräsident Kübeck 1840 anlässlich seines Antrittsbesuch bei Fürst Metternich zu diesem Thema in der Sprache der Diplomatie: "Die österreichische Regierung hat in dem Bereiche der Industrie und des Handels wohl verwaltende Maximen (...) befolgt, aber eine ausgesprochene, positiv festgesetzte Richtung ihrer Politik fehlt allerdings in diesem wichtigen Zweige" (zitiert nach Eduard März, S. 374).

Eduard März spricht in einem Aufsatz in "Wirtschaft und Gesellschaft" davon, dass "zwischen der primitiven frühkapitalistischen Basis des Vormärz und den barbarischen Institutionen seines 'Überbaues' " (März 1985, S. 375) eine Beziehung bestehen müsse. Vervollständigt wird dieses Bild der relativen Zurückgebliebenheit des Kaisertums Österreich durch eine rückständige Infrastruktur im Bankbereich, die die Verfügbarkeit von Kapital eng begrenzte. Denn das Bankwesen im Vormärz bestand im wesentlichen aus drei Institutionen bzw. Bankgruppen: der 1816 gegründeten Nationalbank, den Sparkassen und den Privatbanken. Interessant ist für uns vor allem ein Spezifikum der österreichischen Privatbanken, nämlich dass diese zwar das industriell-gewerbliche Kreditgeschäft betrieben, aber ihr hauptsächliches Arbeitsgebiet in zwei Bereichen hatten: dem Kreditgeschäft mit den führenden aristokratischen Familien und reichen nichtadeligen Privatiers, vor allem aber im Kreditgeschäft mit dem Staat engagiert waren. Zwar hatten die Bankhäuser Rothschild und Sina, die neben Arnstein und Eskeles und Brandeis-Weikersheim zu den großen Bankiers gehörten, die ersten mit Dampf betriebenen Eisenbahnlinien finanziert, aber die bürgerliche Geschäftswelt, die Kapitalisten mussten im großen und ganzen ohne routinemäßige Bankverbindungen auskommen. Im Falle, dass sie Geld benötigten, stand dies den in industriellen Aktivitäten Engagierten meist nur zu echten Wucherzinsen zur Verfügung.

Diese Unterentwickeltheit auf allen Linien bestätigt unsere Position, dass industrielle Tätigkeit zwar im Vormärz begonnen hatte, dass aber im Unterschied etwa zu Frankreich, wo mit dem Bürgerkönig Louis Philippe ein Regime an die Macht kam, das als Ausdruck der Kapitalinteressen beschrieben werden kann, nichts dergleichen in Österreich stattfand. Was Marx im Vorwort zum Kapital schrieb, dass nämlich der Mangel an Entwicklung charakteristisch für die Entwicklung der neuen Produktionsweise sei, trifft in besonderem Maße auch auf Österreich zu und ist wohl für das begrenzte Interesse der österreichischen neben der deutschen Bourgeoisie an der Vervollständigung ihrer eigenen Revolution mitverantwortlich:

"Wo die kapitalistische Produktion völlig bei uns eingebürgert ist, z.B. in den eigentlichen Fabriken, sind die Zustände viel schlechter als in England, weil das Gegengewicht der Fabrikgesetze fehlt. In allen anderen Sphären quält uns, gleich dem übrigen kontinentalen Westeuropa, nicht nur die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, sondern auch der Mangel ihrer Entwicklung. Neben den modernen Notständen drückt uns eine ganze Reihe vererbter Notstände, entspringend aus der Fortvegetation altertümlicher, überlebter Produktionsweisen, mit ihrem Gefolg von zeitwidrigen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Wir leiden nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Toten. Le mort saisit le vif" (Marx, Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals, MEW 23).

Die Periode vor 1848 charakterisierte also noch nicht den endgültigen Sieg der kapitalistischen Produktionsweise, die aber durch ihre schrittweise Durchdringung der Gesellschaft die Voraussetzungen dafür schuf. Nicht zuletzt auch in der Landwirtschaft wurden mit einer Steigerung der Erträge, die durch die Verkleinerung der Brache und durch die Einführung neuer Nutzpflanzen (z.B. der Zuckerrübe und natürlich der Kartoffel) ermöglicht wurde, und durch Bemühungen um verbesserte Agrartechniken (so wurden Gesellschaften zur Förderung der Landwirtschaft gegründet, in denen der fortschrittliche Teil des Adels ein Sprachrohr hatte) die Vorbedingungen für eine Mobilisierung der ländlich-agrarischen Bevölkerung gelegt - und dies trotz der erst 1848 erfolgenden Aufhebung der Leibeigenschaft und der Mechanisierung, die erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Einzug zu halten begann.

Die spezifischen Bedingungen, wir haben bereits darauf hingewiesen, hatten im Vormärz einen besonderen Typ von Kapitalisten in Österreich hervortreten lassen - der objektive Hintergrund für seine Feigheit liegt in der Zurückgebliebenheit der österreichischen Verhältnisse, die den Zwilling des Kapitalisten, den Proletarier, bereits auf der Bühne erscheinen ließ, bevor die Bourgeoisie ihre eigenen spezifischen Klassenforderungen unter Dach und Fach gebracht hatte. Als Abschluss dieses Kapitels über den österreichischen Frühkapitalismus wollen wir noch einen Überblick über die personelle Entwicklung der österreichischen Kapitalistenklasse geben. Denn es fällt auf, dass die österreichische Bourgeoisie in ihren Anfängen bis zu einem gewissen Grad ein Importprodukt des Merkantilismus war und sich nicht aus der traditionell gegebenen Gesellschaftsstruktur herausentwickelte.

Zur Zeit des Vormärz war die Industrialisierung zu einem erheblichen Teil von ausländischen Unternehmern getragen worden. Aber schon im 18. Jahrhundert war von Maria Theresia und Joseph II. die Zuwanderung ausländischer Arbeiter und Handwerker mit Kenntnissen in der Wollwaren-, Papier- und Glaserzeugung aus den Niederlanden und Italien, in geringerem Ausmaß auch aus anderen Ländern, gefördert worden. Daneben gab es eine erhebliche Einwanderung nach Österreich in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts: 90.000, vor allem aus Süddeutschland, wurden als Neusiedler im Banat, in Siebenbürgen etc. angesiedelt (allerdings betrug auch der Bevölkerungsverlust Österreichs an Preußen allein in den Hungerjahren 1770-1774 20.000 Personen). Ziel war die merkantilistische Politik der Binnenkolonisation, die Peuplierung, also die Vermehrung der Bevölkerung, die von der gezielten Anwerbung von Spezialisten und später von Kapitalisten unterschieden werden muss.

Jedenfalls wurde zur Zeit des Frühkapitalismus, besonders aber in der Phase des Vormärz, der Zustrom deutscher Industrieller (besonders nach Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien), englischer Meistermechaniker (die überhaupt erst mit dem Aufbau einer Maschinenindustrie in Böhmen und Mähren begonnen hatten) gefördert. Dazu kam, dass mit der Emanzipation der Juden, also der Zuerkennung ziviler bürgerlicher Rechte, deren Finanzkraft besser in den Dienst des Staates und seiner Interessen und im weiteren Sinne in den Dienst der Volkswirtschaft gestellt werden konnten. Alle diese Maßnahmen dienten der Förderung eines nationalen Bürgerstandes, und auch in den folgenden Jahrzehnten blieb der Anteil der Ausländer (vor allem von Engländern, die später von Deutschen abgelöst wurden) unter den österreichischen Unternehmern auffallend hoch. Der Hintergrund liegt neben der Unterentwicklung im Lande selber im geringen Reservoir, aus dem sich Kapitalisten herausentwickeln konnten: Denn dem Landadel gelang in der Regel der Umstieg auf eine industrielle Karriere nur in jenen Fällen, in denen die Produktion eng mit dem ländlichen Eigentum verbunden war, wie etwa bei der Kohlen- und Erzförderung - und auch in diesen Bereichen blieb der technische Fortschritt bis zur Jahrhundertmitte in Österreich äußerst gering und unterentwickelt. Und war der österreichische Hochadels mit den übrigen Teilen der Gesellschaft nicht verbunden gewesen, so kam es nun zu einer ebensolchen Unverbundenheit der Kapitalisten mit den übrigen Schichten des Volkes - gerade in einem Land, in dem die Nationalitätenfrage von objektiv so großer Sprengkraft war, kann dieses Phänomen nicht unterschätzt werden, denn die soziale Frage verknüpfte sich in großen Teilen der Monarchie unauflösbar mit der nationalen.

 

d)         Außenverflechtungen und die Beziehungen mit Deutschland

Wie waren nun die Beziehungen Österreichs mit den anderen Staaten des Deutschen Bundes in der Zeit vor 1848, in der Periode des Frühkapitalismus? Zuerst einmal muss klargestellt werden, dass wir in dieser Phase nicht von Deutschland und Österreich sprechen können. Das, was wir als Habsburger-Reich kennen, war bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts ein Land unter vielen in Deutschland, dazu verfügte die Habsburger Dynastie wie die preußischen Herrscher über Besitzungen außerhalb der Grenzen Deutschlands. Genaugenommen können wir daher erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts von österreichisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen sprechen. Zum zweiten aber war auch Österreich im 18. Jahrhundert erst am Wege zu einem wirtschaftlich einheitlichen Staat. Und Österreich umfasste Gebiete, die mit den übrigen Teilen der Monarchie praktisch nicht in ökonomischer Verbindung standen - etwa die vielen, zum Teil aus winzigen Territorien in Süddeutschland zusammengesetzten Vorlande, die bis zu den napoleonischen Kriegen habsburgischer Besitz waren, ohne über territoriale Verbindungen mit dem erst in Entstehung begriffenen Territorialstaat der Habsburger zu verfügen. Wenn wir also hier von Österreich und Deutschland sprechen, so müsste korrekter Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Ländern unter Habsburgischer Herrschaft und anderen deutschen Teilstaaten stehen.

Im 18. Jahrhundert standen vor allem zwei Gebiete der Habsburger eng mit den übrigen deutschen Teilstaaten in Verbindung: Einerseits Tirol, das als Transitland für den Warenaustausch mit Italien von großer Bedeutung war, und andererseits Böhmen und (Österreichisch-) Schlesien. Letzteres unterhielt über das heute polnische Stettin/Szczecin engen Austausch gewerblicher Waren mit England, gefördert durch niedrige Transitzölle. Der Verlust dieser reichen Provinz (1740/1742) war ein besonders harter Schlag für die Habsburger. Böhmen exportierte vor allem Leinwand, Glaswaren, Eisen, Leder und Bier nach Sachsen, während es vor allem von Hamburg und Leipzig Salz, Seide und Luxuswaren bezog. Als neues Element trat im 18. Jahrhundert eine starke Ausweitung des Handels der deutschen Länder mit Teilen des Osmanischen Reiches hinzu - und hierfür wurden Wien und Triest die Hauptplätze des Handels.

Neben der politischen Rivalität entwickelte sich schon im 18. Jahrhundert eine ausgeprägte ökonomische Frontstellung zwischen Österreich und Preußen. Österreichs Hauptwaffe der Wirtschaftsbeeinflussung war der Protektionismus, mit dem der innere Markt der Monarchie abgeschottet werden sollte. Importverbote zum Zwecke der Gewerbeförderung wirkten sich aber im Laufe der napoleonischen Kriege zunehmend weniger als Schutz der heimischen Produktion, sondern mehr als Barriere, als Absperrung gegenüber Westeuropa und den übrigen deutschen Staaten aus und trugen mit zum Zurückbleiben gegenüber der wirtschaftlichen Entwicklung der fortgeschritteneren Staaten bei. Diese Absperrung wurde auch mit der Einführung neuerer, noch höherer Schutzzolltarife 1817/1819 nach der politischen Neuordnung Europas beibehalten. Der Erfolg Österreichs war also ein mehr als widersprüchlicher: Einerseits konnte in den 20er/30er Jahren ein hoher Aktivsaldo im Außenhandel mit den deutschen Staaten erreicht und bewahrt werden, andererseits aber koppelte sich Österreich wirtschaftlich von Westeuropa ab und trieb die süddeutschen Staaten in ein Bündnis mit Preußen - die politische Ausgrenzung Österreichs aus Deutschland damit bereits vorwegnehmend. Den süddeutschen Staaten, durch eine langfristige Verlagerung der Handelsströme ohnehin immer stärker nach Norden und Westen hin orientiert, blieb gar nichts anderes übrig, als auf die preußischen Avancen auf die Errichtung einer Zollunion einzugehen: Die österreichische Zollmauer versperrte ihren ohnehin noch schwachen Industrien den Absatz.

So wurde zwischen 1833 und 1838 der größte Teil des nichtösterreichischen Deutschland im Deutschen Zollverein zu einem Wirtschaftsgebiet zusammengeschlossen. Bereits 1829 hatte der preußische Finanzminister Motz, der Initiator der Verträge, erkannt:

"Aus dieser Einigung (...) wird ein wahrhaft verbundenes, im Inneren und nach außen wahrhaft freies Deutschland unter der Führung Preußens hervorgehen... Wenn es staatswissenschaftliche Wahrheit ist, dass Zölle nur die Folge politischer Trennung sind, so muss es auch Wahrheit sein, dass Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und Handelsverbande zugleich auch Einigung zu einem und demselben politischen Systeme mit sich führt" (zitiert nach Karl Erich Born, S. 354)

Im Grunde sollte Österreich die nächsten Jahrzehnte bis zur Entscheidung 1866 nun eine Quadratur des Kreises versuchen: Ohne den Zusammenhalt der Monarchie zu gefährden, wollte man an der wirtschaftlichen Integration Deutschlands neben und gegen Preußen teilhaben. Dabei waren die ökonomischen Interessen derjenigen Teile der Bourgeoisie in Österreich, die außenwirtschaftlich und nicht schutzzöllnerisch orientiert waren, durchaus auf eine Integration in den bereits in Entstehung begriffenen deutschen Binnenmarkt gerichtet. Dies traf v.a. auf größere Teile der böhmischen Industrie zu, namentlich in den sudetendeutschen Randgebieten (Reichenberg/Liberec...), die traditionell relativ stark mit der Wirtschaft der übrigen deutschen Staaten verflochten waren. Die Sonderstellung der Wirtschaft der Habsburger Monarchie wurde also bereits in diesen Jahrzehnten vor 1848 angelegt, zum Tragen kam diese Sonderorientierung, diese Nichtteilnahme an der ökonomischen deutschen Einigung, in der Ausgrenzung der habsburgischen Territorien von Deutschlands politischer Einigung und der preußisch inspirierten Durchsetzung der kleindeutschen Lösung, nachdem der revolutionäre Versuch der deutschen Einigung in der Revolution von 1848 gescheitert war.