2.    DIE ÖKONOMISCHE ENTWICKLUNG VON 1848 BIS 1918

 

a)     Die Revolution von 1848

Das Bild, das oft noch vom Vormärz als einer Periode der völligen Stagnation gezeichnet wird, ist falsch. Sowohl in ökonomischer Hinsicht als auch in sozialer war diese Periode der Stagnation und der scheinbaren Ruhe eine Zeit, in der sich die großen Veränderungen unter der Oberfläche abzuzeichnen begannen. Das Rad der Zeit anzuhalten, war auch in Metternichs Österreich als einem Hauptvertreter der Heiligen Allianz nicht gelungen. Ökonomisch sammelten sich auch in Österreich - zwar langsam, aber doch - die Hinweise, die in Richtung auf eine länger dauernde Industrialisierung und eine generelle Veränderung der Gesellschaft in kapitalistischer Weise deuteten. Und auch auf sozialer Ebene waren die 1840er Jahre alles andere als ruhig: Der Bogen spannte sich vom Aufstand der schlesischen Weber (1844), die sich verzweifelt gegen ihre Pauperisierung, ja ihren Abstieg ins Lumpenproletariat im Gefolge der Verallgemeinerung der neuen maschinellen Produktionsweise in ihren Arbeitsbereichen wehrten, bis zu antifeudalen, nationalen und liberal-demokratischen Bewegungen. Auch in Österreich waren die Sturmglocken des Aufstandes zu vernehmen: Jeder dritte der in der Landwirtschaft der Sudetenländer Tätigen war auf eine Nebenbeschäftigung in der häuslichen Textilindustrie angewiesen.

Dann brachen im Gefolge der schweren Kartoffelmissernte von 1845/1846 Hungerunruhen aus - und eine der blutigsten Ausschreitungen ereignete sich in Galizien und dem Krakauer Gebiet (das daraufhin von Österreich annektiert wurde), als 1846 bei der Erstürmung, Plünderung und Verwüstung der Schlösser des Landadels 1.400 Adelige getötet oder verwundet wurden. Diese bäuerlichen Unruhen waren das beste Indiz für das Zuendegehen der Periode des Vormärz und der zunehmenden Bedrohung von Adel und Krone. Und als im Februar 1848 in Paris die Revolution begann, breitete sich diese in Windeseile über nahezu ganz Europa aus und erreichte im März Wien.

Vom sozialen Inhalt her war diese Revolution Teil  des Gesamtkomplexes der bürgerlichen Revolution, die sich in Österreich allerdings bereits untrennbar mit der nationalen Frage mischte (so wurde in Prag im Juni 1848 ein Aufstand niedergeschlagen) und aufgrund ihrer relativen Verzögerung auch schon proletarisch-revolutionäre Elemente in sich trug. Ihre historische Bedeutung und ihre Einordnung in den Gesamtprozess der bürgerlichen Emanzipation von der feudalen Produktionsweise hat Otto Bauer sehr schön beschrieben:

"Die bürgerliche Revolution in Europa hat im Jahre 1789 mit der Französischen Revolution begonnen, die sich im schnellen Aufstieg bis zur jakobinischen Diktatur der Pariser Arbeiter und Kleinbürger steigerte, dann unter dem Direktorium auf das bürgerliche Niveau zurückgeschleudert wurde und unter Bonaparte die neue Rechtsordnung auf den Spitzen ihrer Bajonette durch Europa trug. Nach Bonapartes Sturz trat auf dem Festlande eine durch die Revolutionen von 1820 und 1830 nur vorübergehend unterbrochene Periode der Reaktion und Ruhe ein; aber gerade in dieser Zeit siegte die bürgerliche Revolution in England, wo zwar nicht in den Formen eines Bürgerkrieges, wohl aber durch eine Reihe einschneidender Reformen das alte aristokratische England überwunden, das neue bürgerliche geschaffen wurde. Im Jahre 1848 erhob sich die Revolution zum zweitenmal, riß diesmal das ganze Festland bis an die russische Grenze mit sich fort und leitete trotz ihrer vorübergehenden Niederlage jene großen Umwälzungen ein, die durch die Kriege von 1859, 1866 und 1870 in Europa und durch den Secessionskrieg in Amerika durchgesetzt wurden" (Otto Bauer, Werke 2, S. 180).

Die Revolution von 1848 ist also wichtiges Bindeglied im Gesamtzusammenhang der bürgerlichen Revolution, auch wenn das Bürgertum in Österreich und in Deutschland nicht mehr bereit war, für seine eigenen Klasseninteressen mit revolutionärem Elan einzutreten. Die Bourgeoisie suchte den Kompromiß mit der Krone - denn die breiten Volksmassen, das im Vormärz langsam entstandene Proletariat erschienen als die größere Gefahr:

"Wo immer ein bewaffneter Zusammenstoß zu einer ernsthaften Krise führte, waren die Kleinbürger entsetzt über die gefahrvolle Lage, in die sie geraten; entsetzt über das Volk, das ihren großsprecherischen Ruf zu den Waffen ernst genommen; entsetzt über die Macht, die ihnen aufgezwungen; entsetzt vor allem über die Folgen der Politik, auf die sie sich notgedrungen eingelassen, für sich selbst, für ihre gesellschaftliche Stellung, für ihren Besitz" (Friedrich Engels, MEW 18, S. 100).

Die Revolution von 1848 machte die ökonomische und politische Schwäche der Bourgeoisie deutlich: Sie hatte einfach Angst, im Konflikt mit dem Adel zwar zu siegen, aber letztendlich nur die Oberhand zu erringen, um den Weg freizumachen für eine plebejische Weiterentwicklung der Revolution, für eine von den radikalsten Revolutionären propagierte permanente Revolution (so Marx in der Neuen Rheinischen Zeitung). Hier liegt der Grund für die Kapitulationsbereitschaft des österreichischen Bürger- und in seinem Gefolge auch des Kleinbürgertums. Schon nach dem Sturz Metternichs und der Gewährung einer Verfassung zog sich der wesentliche Teil der Bourgeoisie von der Revolution zurück, übrig blieben (abgesehen von der ungarischen Revolution, die ob ihres nationalen Charakters, der sehr wesentlich mit hineinspielte, hier außer Betracht bleiben muss) ein Teil der radikalisierten bürgerlichen Studenten und das Proletariat, das den revolutionären Ereignissen im Oktober in Wien bereits seinen Stempel aufprägen konnte. Der bürgerlich dominierte Reichstag reagierte nur mehr verbal auf die blutige Niederschlagung dieses Aufstandes durch Fürst Windischgraetz, die ungarische Revolution, die bis August 1849 durchhielt, bekam daraufhin aus Wien keinerlei Unterstützung mehr.

Die Revolution endete also in einer politischen Niederlage. Das System des Absolutismus - mit dem 18jährigen Franz Josef I. an der Spitze - konnte sich noch einmal festigen, die Bourgeoisie musste auf ihr politisches Klasseninteresse, die politische Herrschaft im Staat, verzichten. Andererseits aber bedeutete auf ökonomischer Ebene die Revolution durchaus einen tiefen Einschnitt, deren Bedeutung erst in den nächsten Jahren klar werden sollte. Denn das neoabsolutistische System, das sich nach der Niederschlagung der Revolution 1848/1849 etablieren konnte, bedeutete eine echte Wende: Auf dem Gebiet des Eisenbahnwesens, durch die Erschließung neuer Kohlevorkommen, die rasche Verbreitung der Dampfmaschine und die nunmehr raschere Umstellung von manueller auf maschinelle Produktion wurden in den nächsten Jahren gewaltige ökonomische Fortschritte erzielt - nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht. Denn die Phase ab 1848 bedeutete den endgültigen Sieg der modernen industriellen Produktionsweise über ihre vorkapitalistischen Konkurrenten. Die Bedeutung der Revolution liegt also zuerst einmal darin, den Weg freigemacht zu haben für eine Reformphase schneller (kapitalistischer) Modernisierungen - auch wenn diese unter den Auspizien des Kaiserhauses und nicht - wie die Revolutionäre gehofft hatten - durch das demokratisch organisierte Volk angegangen wurde.

Die bei weitem wichtigste Maßnahme der Revolution von 1848 war die Befreiung der Bauern von der Grundherrschaft, mit der das Werk Josephs II. vollendet wurde. Sie sollte die einzig wahrhaft revolutionäre Errungenschaft des Jahres 1848 sein, die im Gegensatz zur Abschaffung der Zensur u.ä. die politische Reaktion der nächsten Jahre überdauern sollte. Sie sicherte den Bauern nicht nur die freie Verfügbarkeit über den von ihnen bearbeiteten Grund und Boden zu, sondern gewährte ihnen auch die vollen staatsbürgerlichen Rechte. Und trotzdem war auch diese Maßnahme - noch im Frühjahr 1848 im Reichstag parlamentarisch angenommen und ausdrücklich vom Herrscherhaus gebilligt - nicht frei von Widersprüchen. Erstens konnten damit die Bauern politisch neutralisiert werden - sie sollten sich ab diesem frühen Zeitpunkt nur mehr als Zaungäste an der Revolution, die sich in die Städte zurückgezogen hatte, beteiligen, ja mehr noch: Dem Haus Habsburg gelang es in der Folge, bäuerliche Armeen gegen die verschiedenen Revolutionsherde zu mobilisieren.

Und zweitens trug die Bauernbefreiung den Charakter einer vom Herrscherhaus genehmigten revolutionären Maßnahme - mit all den sich aus dieser Tatsache ergebenden ökonomischen Folgen: So war die Grundablöse keine entschädigungslose; Bauern, die auf Rustikalgründen saßen, mussten ein Drittel des durch behördliche Schätzung ermittelten Ertragswertes dem ehemaligen Grundherren ablösen (der dieses Drittel als hypothekarische Belastung gutgeschrieben bekam), jene Mehrzahl der Bauern, die einen Dominikalgrund auf Erbpacht übernommen hatte, musste für die auf diesen Besitzungen lastenden Abgaben und Dienste zwei Drittel der vollen Entschädigung abstatten.

Die hierbei getroffene Regelung war auch eine für die Grundherren durchaus annehmbare. Viele Einzelregelungen schmälerten oder beendeten nun gar die althergebrachten Rechte der Bauern auf freie Weide, freie Jagd und freie forstwirtschaftliche Nutzung des herrschaftlichen Waldes für den Eigenbedarf. Und 290 Millionen Gulden Grundlastenablöseentschädigungen kamen in der österreichischen Reichshälfte zur Auszahlung, davon entfielen 226 Millionen auf die großen Grundherrschaften: 1,870.000 Gulden allein für das Haus Schwarzenberg. Aber auch die Kirche war dabei: das Stift Admont z.B. mit 690.000 Gulden... Im ungarischen Teil der Monarchie waren es 304 Millionen. Ungeheure Summen, die in die Wirtschaft der kommenden Jahre gepumpt wurden (und sei es nur, um den nun  freien Bauern den Grund wieder abzukaufen) und dazu beitrugen, den Umstellungsprozess auf die moderne kapitalistische Produktionsweise mit nötigen Kapitalien zu versorgen.

Mit diesen hohen Beträgen wurden insbesondere in den böhmischen Ländern umfangreiche Produktionsumstellungen und darauf basierende Industrien finanziert, etwa die Rübenzuckerindustrie. In Ungarn wurde der Weizenanbau forciert, und auch bei den Bankengründungen ab den 1850er Jahren waren die an Ablösungskapitalien reichgewordenen Großgrundbesitzer führend (1855: Credit-Anstalt, 1863: Bodencredit-Anstalt). Dazu kam der Zwang, mehr Maschinen als früher anstelle der weggefallenen Robotarbeit in den verbliebenen Latifundien einzusetzen (v.a. in Ungarn blieb der Großgrundbesitz bis nach 1918 dominierend).

Damit trug die "revolutionäre" Bauernbefreiung nicht nur dazu bei, dass der Boden eine Ware wurde, sondern auch zur Intensivierung der Landwirtschaft. Denn auch die Bauern waren nun gezwungen, auf ihrem "eigenen" Grund und Boden (der infolge der Ablösesummen überschuldet war) intensivere Anbaumethoden anzuwenden, wollten sie nicht das Schicksal der vielen, deren Boden in den nächsten Jahren zwangsversteigert werden sollte, teilen: So ging der Bracheanteil in Böhmen von 21,6% (1848) auf 6,2% (1868) zurück, die Fruchtwechselwirtschaft wurde intensiviert, und ganz allgemein konnte der Bodenertrag gesteigert werden. Doch all dies änderte wenig an der verallgemeinerten Misere der bäuerlichen Bevölkerung, denn die Bauernbefreiung hatte einen freien und  mobilen Bauernstand geschaffen, dem es an so gut wie allen Voraussetzungen für eine durchgehende Modernisierung ihrer Betriebe gebrach: Der Kapitalismus zog ins Land, traf aber auf eine überschuldete Bauernschaft mit dem Rücken zur Wand. Der Zwang zum Nebenerwerb, zur Ab- und zur Auswanderung verstärkte sich.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Revolution von 1848 - zu spät für eine bürgerliche, zu früh für eine proletarische - zwar politisch scheiterte, ökonomisch aber sich für die Bourgeoisie durchaus auszahlte und die Basis für eine Zusammenarbeit von Adel bzw. Krone (denen die politische Herrschaft überlassen wurde) und Kapitalistenklasse (die in der zunehmend mobiler werdenden Gesellschaft ökonomisch zu dominieren begann) legen sollte. Der österreichische Liberalismus, die ureigenste Ideologie des Bürgertums, wurde in den Staat integriert, in der nachfolgenden Phase des Neoabsolutismus sollte nun das kapitalistische Feld bestellt werden, das von der Revolution freigeackert worden war.

Gleichzeitig aber konnte durch die spezifische Form der Kapitulation der Bourgeoisie bei Befriedigung ihrer ökonomischen Interessen im politischen Leben der Habsburger Monarchie eine Situation prolongiert werden, die für das österreichische Fin de siecle und sein Nachhinken in der Veränderung des gesellschaftlich-politischen Überbaus typisch werden sollte: Die politische und gesellschaftliche Dominanz der in der Revolution nicht vernichteten feudal-konservativen Schicht, die auch die aus der Aristokratie stammende Offizierskaste umfasste, hemmte die Entfaltung der Produktivkräfte. Feudale Wertvorstellungen (die eben genau nicht durch eine siegreiche Revolution vernichtet wurden) wurden weiter mitgeschleift und behinderten die Herausbildung einer kapitalistischen Ethik. Roman Rosdolsky stellt - und damit wollen wir das Kapitel über die Revolution von 1848 abschließen - in seinem Buch über die Bauernabgeordneten in der 48er-Revolution eine Suggestivfrage:

"Wäre nicht die kapitalistische Entwicklung des Donauraumes viel schneller und viel gründlicher gewesen, wenn die Agrarfrage eine revolutionäre Lösung gefunden hätte - ohne das Bleigewicht des adeligen Großgrundbesitzes und des halb-absolutistischen monarchischen Regimes mitschleppen zu müssen?" (Rosdolsky, S. 226)

 

 

b)     Die neoabsolutistischen Reformen

Natürlich, der marxistische Historiker Rosdolsky hat recht, trotzdem hatte die Dekade des Neoabsolutismus einen anderen Klasseninhalt als das Vierteljahrhundert davor. War der Vormärz vom Bestreben gekennzeichnet gewesen, die feudalen Verhältnisse zu konservieren, und hatte das Metternichsche System eine zwiespältige Haltung zur Industrialisierung eingenommen, war sich Franz Josef nun im klaren darüber, dass zur Stabilisierung seiner Herrschaft ein Kompromiss mit dem aufstrebenden Bürgertum unabdingbar sei. Ähnlich wie der Bürgerkönig Louis Philippe in Frankreich ab 1830 sollte nun auch die habsburgische Krone zum Förderer der Industrialisierung, zur Schutzherrin des Kapitalismus werden. Knapp wird der Inhalt der nächstfolgenden Periode vom amerikanischen Wirtschaftshistoriker Good zusammengefasst:

Politisch waren die fünfziger Jahre eine Zeit der Repression und der Zentralisierung der Staatsmacht. In wirtschaftlichen Fragen allerdings betrieb dieses neoabsolutistische Regime genau jene Art von Politik, die Wirtschaftshistoriker oft als entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung des Reiches nach 1848 hinstellen. Diese Verbindung von politischer Reaktion und wirtschaftlichem Liberalismus war ein bewusster Versuch, im nachrevolutionären Reich die Ordnung wiederherzustellen" (Good, S. 74) und - so können wir hinzufügen - die Bourgeoisie politisch zu neutralisieren.

Träger dieser Politik, der Form nach absolutistisch, dem ökonomischen Gehalt auf die Förderung kapitalistischer Strukturen bedacht, wurden der Ministerpräsident Fürst Schwarzenberg und sein Innenminister Alexander von Bach, vor allem aber der österreichische Handelsminister Karl von Bruck. Hatte die Bauernbefreiung auf die Beseitigung der bestehenden feudalen Schranken abgezielt und damit den Transformationsprozess von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft de facto abgeschlossen, stand nun die Errichtung einer tragfähigen kapitalistischen Infrastruktur und die bürgerlich-kapitalistische Umgestaltung des rückständigen Staatswesens im Mittelpunkt der Reformen.

Wir wollen uns auf drei der wichtigsten modernisierenden Maßnahmen konzentrieren, die die Gesellschaft in den 1850er Jahren so grundlegend umkrempelten, dass der bekannte Statistiker Czoernig zu Ende dieses Jahrzehnts feststellen konnte: "Wer die heutigen Zustände von Gesamt-Österreich nach den Verhältnissen vom Jahre 1847 beurteilen wollte, der würde einen gewaltigen Anachronismus begehen; er stände mit seinem Urteil näher dem Jahre 1758 als dem Jahre 1858" (zitiert nach März, S. 381). Diese drei Reformen waren der Aufbau eines modernen Bankensystems, der Aufbau moderner Transportkapazitäten und Maßnahmen, die in Richtung einer liberalen Zoll- und Gewerbepolitik gingen.

In der Zeit nach 1848 kam es zu einer ganzen Reihe von bedeutenden Bankgründungen, die dem Mangel bei Kapital und Krediten abhalfen. Die spektakulärste war die der k.k. priv. österreichischen Creditanstalt für Handel und Gewerbe, einer Universalbank nach französischen Muster, die 1855 nach längerem Tauziehen gegründet werden konnte - mit adeligen Financiers und dem riesigen gesamteuropäischen Kapitalstock der Familie Rothschild im Rücken. Die CA war als Aktiengesellschaft organisiert und hatte ein gewaltiges Grundkapital von 100 Millionen Gulden (mehr als das Kapital der Nationalbank mit 73,5 Millionen!). Die Größenordnung wird deutlich, wenn wir bedenken, dass damit die CA die bei weitem mächtigste unter den europäischen Kontinentalbanken war, und wenn wir das zweitgrößte Institut Österreichs, die Niederösterreichische Escompte-Gesellschaft, zum Vergleich heranziehen, das mit 5 Millionen Gulden Aktienkapital immer noch kapitalkräftiger war als jedes österreichische Industrieunternehmen (die Gründungs- und Firmengeschichte der CA ist im übrigen hervorragend von Eduard März in seinem Werk Österreichische Industrie- und Bankpolitik in der Zeit Franz Josephs I. beschrieben worden). Durch diese und andere Bankgründungen konnte Kapital mobilisiert und dem Kapitalmangel abgeholfen werden. Die Banken, v.a. die CA, blieben aufs engste mit der Industrie, ja der ganzen Wirtschaft der Monarchie und später der Republik Österreich verbunden.

Hintergrund und Basis für diese Bankgründungen war eine Währungspolitik, die nach den Turbulenzen der Jahre 1848/1849 wieder auf festere Fundamente gestellt wurde: 1848 stellte ein tiefe Zäsur in der währungsgeschichtlichen Entwicklung Österreichs dar. Denn der Staat hatte sich - wie schon während der napoleonischen Kriege - im besonderen Maße an die Nationalbank zur Stillung seines Finanzhungers gewandt. Die Budgetdefizite von 1848 und 1849 wurden durch das Laufen der Notenpresse finanziert. Um einem Finanzdesaster wie 1811 zu entgehen, wurde mit Mai 1848 den Banknoten Zwangskurs verliehen (womit eine Voraussetzung der modernen Geschäftsoperationen, dass Banknoten gesetzliche und damit sichere Zahlungsmittel sind, erfüllt wurde). Was aber blieb, waren - besonders in den Kriegsjahren 1859 und 1866 und schon vorher anlässlich des Krimkrieges (1854) - der Griff zur Notenpresse und das sogenannte Silberagio, das einer permanenten Abwertung gegenüber den wertbeständigeren Währungen gleichkam. Trotz allem aber war es gelungen, den Gulden wieder konvertierbar zu machen, eine entscheidende Voraussetzung für eine in den internationalen Handel eingebundene Wirtschaft.

Auch wenn die kapitalistischen Hoffnungen auf eine schnelle Industrialisierung, die mit den Bankengründungen geweckt wurden, enttäuscht werden mussten, bedeutete doch die Gründung der CA und der anderen Geschäftsbanken auf Aktienbasis eine gewaltige Ausdehnung der Finanzierungsmöglichkeiten und eine Beschleunigung der kapitalistischen Durchdringung der Monarchie. Ein zweites Element dieser Durchdringung war die sprunghafte Verbesserung im Transportbereich. Die Donau- und Adriaschifffahrt wurden forciert, vor allem aber der Eisenbahnbau, dessen Konjunktur bis in die späten 1850er Jahre andauerte.

Mit dem Eisenbahnbau wurde ein gewaltiger Schritt hin in Richtung auf einen inneren Markt der Monarchie getan: In den 1850er Jahren wuchs das Schienennetz des (späteren) österreichischen Reichsteils von 1.300 auf 3.000 Kilometer Länge an, das des ungarischen von 200 auf 1.700. Deutsches Kapital war am Bau der Strecken Wien-Passau und Wien-Salzburg engagiert, womit Österreich ans süddeutsche Schienennetz angeschlossen und der Warenaustausch extrem erleichtert und beschleunigt wurde. Und das Industriegebiet um Reichenberg, das bis dato zwar ans deutsche, nicht aber ans Schienennetz des übrigen Österreich angeschlossen war, konnte nun durch die Süd-Norddeutsche Verbindungsbahn ins österreichische Netz integriert werden. Damit konnten die elementaren Voraussetzungen für eine ökonomische Integration des Donauraumes geschaffen werden. Die neue Verkehrspolitik zeigte sich aber auch darin, dass eine rigorose Eisenbahn-Entstaatlichungspolitik umgesetzt wurde: Waren 1854 noch 70% des Schienennetzes in Staatsbesitz (im übrigen der höchste Prozentsatz in ganz Europa), wurden 1859 nur mehr 13,8 Kilometer vom Staat betrieben: Gerade durch die Bauernbefreiung war Kapital vorhanden, das nun u.a. im Eisenbahnbereich angelegt wurde, und eine zweite wichtige Finanzierungsquelle war Auslandskapital.

Der dritte Eckpfeiler der neoabsolutistischen Wirtschaftspolitik waren liberale Reformen, die ebenfalls auf die Herstellung eines inneren Marktes abzielten. Eine der wichtigsten Maßnahmen in dieser Hinsicht war der Fall der innerösterreichischen Zollmauer 1851. Diese Zwischenzolllinie wurde abgeschafft, nachdem Binnenzölle innerhalb des Reiches für ungesetzlich erklärt worden waren. Die Monarchie war damit formal zu einer Zollunion geworden. Der "Jahrhundertprozess der wirtschaftlichen Integration der Monarchie" (März) wurde damit abgeschlossen. Gleichzeitig war diese Maßnahme eingebettet in ein System von Harmonisierungsmaßnahmen, die die Steuer- und Wirtschaftsgesetzgebung in Österreich und Ungarn anglich: Die Steuerfreiheit des ungarischen Adels war schon 1849 aufgehoben worden (diese Steuerfreiheit war auch der Grund, warum die Zwischenzolllinie so lange hielt, da der Staat nicht auf die Zolleinnahmen aus und nach Ungarn verzichten wollte), die Vermögenssteuern wurden angeglichen, ein vereinheitlichtes Salz- und Tabakmonopol eingeführt. Abgeschlossen wurde diese Phase durch die Einführung der liberalen Gewerbeordnung 1859.

Die Ironie der Geschichte drückt aber auch dem österreichischen Liberalismus ihren Stempel auf: Denn das Auseinanderklaffen von ökonomischem und politischem Liberalismus, das für die Habsburger Monarchie typisch erscheint, führte zu einem ganzen Bündel von Widersprüchen: Der ökonomische Liberalismus und der zentralistische Absolutismus waren während der ersten Regierungsjahre Kaiser Franz Josephs eine für beide Seiten vorteilhafte Symbiose eingegangen. Genau in dem Augenblick, als sich die Krone mit der Verfassung von 1859 gezwungen sah, der (liberalen) Bourgeoisie auch die Tür zur politischen Macht aufzustoßen (der Spalt sollte 1867 und in den Jahren danach sukzessive erweitert werden), begann die Anziehungskraft des Liberalismus zu sinken: So

bedeutete der Sieg des Konstitutionalismus wohl die Erfüllung politischer Wünsche der Bürgertums, mit der Verbreiterung der parlamentarischen Basis gewannen aber auch verschiedene politische und nationale Interessengruppen Einfluss auf die Gestaltung der Wirtschaftspolitik, die zur Durchsetzung ihrer spezifischen Anliegen das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte einzuengen wussten und damit indirekt einem staatlichen Interventionismus Vorschub leisteten" (Matis: Leitlinien der österreichischen Wirtschaftspolitik 1848-1918, S. 39).

Je stärker also die Bourgeoisie danach trachtete, dem ökonomischen Liberalismus auch sein politisches Pendant an die Seite zu stellen, desto mehr profitierte nicht der sozial sehr schwache, ja noch nicht einmal über eine Partei im modernen Sinne verfügende Liberalismus, sondern die klerikal-konservativen und bürgerlich-nationalistischen Kräfte in der Monarchie: 1879 übernahm Taaffe die Regierung, was sich z.B. in der Abkehr vom internationalen Freihandel und der Hinwendung zum Schutzzollsystem manifestierte.

Gerade in der Frage des Außenhandels war der österreichische Liberalismus besonders verwundbar - und das nicht zufällig: Durch die ökonomische Schwäche und Rückständigkeit der Bourgeoisie musste diese den Weltmarkt und vor allem die überlegene deutsche Konkurrenz fürchten. Deshalb waren auch die heimischen Industriellen zu großen Teilen schutzzöllnerisch gesinnt. Die großen Entwicklungsunterschiede in der Habsburger Monarchie gaben die Basis dafür ab, dass sich die Bourgeoisie der fortgeschrittenen Landesteile nach einer exklusiven wirtschaftlichen Penetration der Süd- und Ostgebiete der Monarchie sehnte. Wie groß diese Unterschiede waren, soll ein einziges Beispiel illustrieren: Selbst im industriell fortgeschrittenen Böhmen waren noch 1880 47 Prozent aller Industrieunternehmen, 33 Prozent aller in der Industrie Beschäftigten und 37 Prozent des industriellen Bruttoproduktionswertes in einem einzigen Industriebezirk, dem vorwiegend auf Textilien spezialisierten nordböhmischen Reichenberg/Liberec, konzentriert. Und große Teile auch der "industrialisierten" österreichischen Reichshälfte blieben bis zum Ende der Monarchie von der industriellen Revolution kaum berührt - so Galizien, die Bukowina oder Dalmatien. Und bei der kapitalistischen Durchdringung dieser Gebiete konnte die (im Verhältnis zum Westen des Kontinents) schwächliche österreichische Bourgeoisie gerne auf ausländische Konkurrenz verzichten!

So hielt etwa die Handels- und Gewerbekammer für Österreich 1850 fest:

"...ein Schutzzollsystem wird von der Kammer als das sicherste Mittel, um die Größe und den Wohlstand Oesterreichs zu schaffen und zu fördern, anerkannt... Ein richtiges Schutzsystem muss ferner auf so hohen Zöllen beruhen, dass damit die ausländische Konkurrenz ferngehalten wird" (Matis, Bachinger: Österreichs industrielle Entwicklung, in: Brusatti, S. 116).

Ein selbstkritisches und für die österreichische Kapitalistenklasse wenig schmeichelhaftes Detail am Rande: Für die Handelskammer war dies deshalb besonders wichtig, da "Intelligenz und Capital sich nur selten in einem Individuum finden" (!!! - zitiert nach Brusatti, S. 117).

Die Agitation für höhere Schutzzölle wurde naturgemäß in den Zeiten der wirtschaftlichen Rückschläge stärker und sollte nach der großen Depression ab 1873, als die hochfliegenden Pläne im Zusammenhang mit dem Boom der Gründerzeit zu Grabe getragen werden mussten, die Oberhand gewinnen.

Gleichzeitig aber konnte in den 1850er und 1860er Jahren die Regierung nicht einfach auf die Argumente der Schutzzöllner eingehen - hier ergab sich eine widersprüchliche Situation, und die zögernde Haltung der Regierung war dafür symptomatisch. Zwei große Problemkreise verhinderten eine klare schutzzöllnerische Position: Erstens hatte die Regierung sehr wohl erkannt, dass die Politik der Handelsrestriktionen im Vormärz Österreich immer mehr aus Deutschland verdrängt und Preußen das Feld überlassen hatte. Dynastische Erwägungen, der politische Wunsch, in Deutschland seine brüchig gewordene Vormachtstellung zu behaupten, mussten ein Wall gegen schutzzöllnerische Argumente sein. Zweitens war aber ab den 1850er Jahren Österreich bereits zunehmend in die kapitalistische Entwicklungsdynamik hineingerissen worden, sodass ein Abschließen vom Weltmarkt gerade für den Aufbau der Industrie und die Mechanisierung der Wirschaft fatale Folgen und ein immer weiteres Zurückbleiben zur Folge haben musste. Ja mehr noch: Die Finanzen blieben ein Schwachpunkt des Reiches - und die Finanzierung der kostspieligen politischen Ambitionen des Kaiserhauses wurde bereits teilweise von ausländischen Kapitalisten bestritten. Ein Abschließen Österreichs durch zu hohe Zollmauern hätte hier große Probleme verursachen müssen, ganz abgesehen davon, dass die großen Aktienbanken ja schon mit ausländischem Kapital arbeiteten. Die Ministerialbürokratie stand daher nicht selten in offenem Gegensatz zu den Ansichten des rückständigeren und schwächeren Teiles der Industriellen mit seinen schutzzöllnerischen Vorstellungen.

Was wir schon mit Joseph II. und seinem aufgeklärten Austro-Absolutismus feststellen konnten, setzt sich hier fort: Der berühmte Ausspruch über Joseph II., er habe "nichts durch, aber alles für das Volk" getan, fand hier seine Fortsetzung: Die Krone agierte - wenn auch nicht widerspruchsfrei - im historischen Klasseninteresse der Bourgeoisie, aber manchmal gegen die Wünsche ihrer Vertreter und bis 1859 auch politisch ohne sie.

 

c)         Konjunkturzyklen und wirtschaftliche Situation von 1848 bis 1866/1867

Mit der neoabsolutistischen Ära der liberalen Reformen wurden die Grundlagen für einen modernen kapitalistischen Staat gelegt. 1867 mit dem Staatsgrundgesetz, das die Tendenz zur vollen politischen Herrschaft der Bourgeoisie im österreichischen Reichsteil unumkehrbar machte, und mit dem Ausgleich mit Ungarn begann für den österreichischen liberalen Kapitalismus noch ein letztes Mal eine Boomphase, die bis zur großen Depression 1873 andauern sollte. Mit dem Ende dieser Gründerzeit und den langen Jahren der wirtschaftlichen Krise waren dann auch die Tage des Liberalismus gezählt. Doch in dem folgenden Abschnitt wollen wir die Phase bis 1867 noch etwas genauer analysieren. Welche Periodisierung können wir für den österreichischen Kapitalismus bis 1867 vornehmen? Die große Aufschwungphase reicht über die entscheidende politische Zäsur von 1867 noch bis 1872/1873 hinaus. Trotzdem wollen wir vorderhand einmal uns auf die Zeit bis 1867 beschränken.

Bis 1848 sind die konjunkturellen Zyklen schnell beschrieben: Die napoleonischen Kriege führten ursprünglich zu einer Belebung der österreichischen Wirtschaft - durch die Kontinentalsperre war die überlegene englische Industrie vom europäischen Festlandsmarkt ausgeschlossen. Mit dem Staatsbankrott 1811 begann eine lange Phase der Depression, die bis in die Mitte der 1820er Jahre andauerte. Ein Aufschwung der Eisen- und Textilindustrie (Wolle und Baumwolle) - kombiniert mit einer existentiellen Krise der Leinenerzeugung - hielt bis 1830 an. Einem Abschwung bis zur Mitte der 1830er Jahre folgte ein vom Eisenbahnbau getragener Aufschwung, der bis Mitte der 1840er Jahre andauerte und sich in der Folge von Missernten bis 1848 abschwächte.

Nach 1848 sehen wir drei längere Entwicklungsabschnitte in der Wirtschaftsgeschichte der Monarchie:

a)          die Periode von 1848 bis 1873;

b)         die von 1874 bis 1895, die Vorbereitungsphase auf das imperialistische Stadium des Kapitalismus;

c)          und die Periode von 1896 bis 1913, die von stürmischem Wachstum, dem Aufstieg neuer Industrien (Elektro, Chemie, Maschinenbau) und in der letzten Phase einer Vorkriegs- und Rüstungskonjunktur geprägt wird.

Die Periode vom Ende der Revolution bis zum Ende des Gründerbooms 1873 kann trotz einer ganzen Reihe von Krisen, ja richtiggehenden stagnativen Phasen (siehe dazu weiter unten) als Periode des raschen Aufschwungs der österreichischen Industrie gesehen werden. Es ist dies ein vom Eisenbahnbau getragener Entwicklungsabschnitt, den wir nun in seine Konjunkturzyklen zerlegen wollen.

Nach einem kurzen Rückschlag 1851 und einem weiteren Rückschlag 1853 - ausgelöst durch schlechte Ernteergebnisse und den Beginn des Krimkrieges - boomt die Wirtschaft bis 1857, als im Gefolge einer internationalen Krise, deren Ursprung in den USA lag, auch in Österreich eine Spekulationskrise ausbrach. Verschärft durch den verlorenen Krieg um die Lombardei 1859, war die erste Hälfte der 1860er Jahre durch tiefgreifende Stagnationstendenzen gekennzeichnet. Durch den Rückgang des Eisenbahnbaus geriet auch die Eisenindustrie in die Krise, verschärft wurde diese aber noch durch die Wirtschaftspolitik des Nachfolgers von Brucks, des Freiherrn von Plener.

Hintergrund dieser Wirtschaftspolitik war die von der Monarchie verfolgte Großmachtpolitik, der die entsprechende materielle Basis fehlte. So musste zur Ankurbelung der Notenpresse gegriffen werden - 1860 trat von Bruck zurück, und sein Nachfolger versuchte nun die Stabilisierung der Währung mit einer prononciert deflationistischen Politik. Allein von 1863 bis 1865 wurde die Geldmenge um 24% reduziert - der Währung ging es zwar wieder besser, aber um den Preis einer hartnäckigen Wirtschaftskrise. Das Vertrauen der Bourgeoisie in den Liberalismus, die ihr Allheilmittel in Lohnreduktionen sah, wurde durch diese Politik unterhöhlt.

Nachdem der gordische Knoten der deutschen Einigung 1866 durch die Niederlage bei Königgraetz zum Nachteil Österreichs durchschlagen worden war, sah sich das Kaiserhaus zu Reformen und zu Zugeständnissen - sowohl an die Adresse der Bourgeoisie als auch an die des ungarischen großgrundbesitzenden Landadels - gezwungen. Es kam zu einem zweiten Reform- und Modernisierungsschub, der nun eine Gründungswelle an Aktiengesellschaften einleitete, den Eisenbahnbau ankurbelte und zum Einströmen ausländischen Kapitals führte (noch einmal verstärkt ab 1870).

 

d)     Die Frage des Außenhandels und die Beziehungen mit dem Deutschen Zollverein bis 1866

Die österreichische Regierung hatte in der Olmützer Konvention von 1850 Preußen zwingen können, seine kleindeutschen Vorstellungen aufzugeben und die Erneuerung des Deutschen Bundes von 1815 anzuerkennen. Der bereits mehrfach genannte freihändlerische Freiherr von Bruck, der österreichische Handelsminister, hatte bereits 1849 in seinen Vorschlägen zur Anbahnung der österreichisch-deutschen Zoll- und Handelseinigung den Plan einer zentraleuropäischen Zollunion unter österreichischer Führung lanciert. Ein föderalistisch organisiertes Mitteleuropa als Gegengewicht gegen Frankreich und England sollte um das von Österreich geführte Deutschland herum auch die heutigen Benelux-Länder und Skandinavien in sein Gravitationsfeld ziehen. Doch auch dieser letzte Versuch, Deutschland von Österreich aus zu einen oder zumindest vorerst einmal ökonomisch eine solche Vereinigung vorzubereiten, scheiterte am Widerstand Preußens, aber auch anderer deutscher Staaten. 1852 hatte sich der norddeutsche Steuerverein an den Deutschen Zollverein angeschlossen und damit eine ökonomische Vorentscheidung gegen Österreich getroffen. Hintergrund dafür war bereits die ökonomische Schwäche Österreichs und die Hinwendung der wirtschaftlich fortgeschrittensten deutschen Teilstaaten nach Westeuropa, mit dem sie ihre Handelsbeziehungen nicht durch die österreichischen Pläne aufs Spiel setzen wollten.

Während der 1850er Jahre versuchte Österreich nun wiederholt (1853, 1857) Annäherungen an den Zollverein, die allerdings nur in Teilbereichen gelangen: Angleichung der Münzsysteme, Übernahme des Deutschen Allgemeinen Handelsgesetzbuches (Seerecht mit inbegriffen)... Wie weit Österreich damals mit Deutschland bzw. seinem Vorläufer, dem Zollverein, verflochten war, beweist die Außenhandelsstatistik: Rund 57% der Einfuhren der Gesamtmonarchie kamen aus dem Zollverein, in den 44% der Exporte gingen! Mit der Weltwirtschaftskrise 1857 allerdings war in Österreich wieder die Schutzzollbewegung am Vormarsch, die gegen den Februarvertrag von 1853 polemisierte. Im Gegensatz dazu erstarkte in Preußen, und in seinem Gefolge im deutschen Zollverein, die Freihandelspartei. Das liberale Meistbegünstigungsabkommen von 1862 zwischen Preußen und Frankreich war ein entscheidendes Mittel, um die deutschen Staaten (besonders Sachsen und Baden, ansonsten Parteigänger Österreichs) um sich zu sammeln. Und auch wenn Österreich schließlich 1865 nachziehen musste (und damit verspätet die kurze Freihandelsära einleitete): Es hatte schon Jahre vor der militärischen Entscheidung sein "wirtschaftliches Königgraetz" erlitten (Matis, 379). Politisch durch das gemeinsame Vorgehen mit Preußen gegen Dänemark in Schleswig-Holstein die Hände gebunden, war die Fortsetzung der Politik mit militärischen Mitteln nur mehr eine Frage der Zeit.

Während der eineinhalb Jahrzehnte der Auseinandersetzung um die Frage der wirtschaftlichen Integration oder Trennung machte Österreich zwar große Fortschritte in der Übernahme und Aneignung der kapitalistischen Produktionsweise. Doch entscheidend ist die relative Stärke, die relative Geschwindigkeit im Vergleich zu anderen Staaten - und hier schnitt Österreich nicht besonders günstig ab: Zu schwer wogen die riesigen nichtentwickelten Gebiete, andere Länder waren trotz allem in ihrer Entwicklung dynamischer. Das Gefälle gegenüber Preußen war bereits deutlich spürbar: Waren die Ausgangsbedingungen in der Mitte des 18. Jahrhunderts noch im wesentlichen identisch, lag 1840 das durchschnittliche Einkommen bei nur mehr 80% des preußischen Wertes (März, wirtschaftliche Entwicklung, S. 373). Und 1865 lagen die Produktionswerte bereits mindestens ebenso deutlich auseinander wie der Entwicklungsunterschied von preußischem Zündnadelgewehr und österreichischem Vorderlader: In der Habsburger-Monarchie lebten 70% von der landwirtschaftlichen Produktion, in Preußen 45%, trotzdem war die preußische Getreideernte um 14% höher. in Preußen arbeiteten 15.000 Dampfmaschinen mit 800.000 PS, in Österreich 3.400 mit 100.000 PS. Etwas mehr als die Hälfte des Eisenbahnnetzes bei mehr als doppelter Staatsfläche, weniger als ein Drittel der Kohleförderung, nur 60% der Eisenproduktion sind deutliche Indizien für den gewaltigen Entwicklungsrückstand. Und die österreichische Staatsschuld war enorm, das Kaiserhaus musste seit 1864 auf deutsche Banken zur Finanzierung des Defizits zurückgreifen (darunter auch ein Konsortium von preußischen Banken unter Führung der Disconto-Gesellschaft).

Die Ausgrenzung Österreichs aus dem Prozess der deutschen Einigung hatte daher keine fatalen Folgen - er erschien als notwendige Schlappe. Auch nicht für die Wirtschaft, im Gegenteil: Die milden Friedensbedingungen, die Österreich nun umso enger ans entstehende Deutsche Reich banden, lösten einen gewaltigen Aufschwung aus. Fast ist man versucht, ein Aufatmen der Bourgeoisie zu hören, dass die aufgrund der schwächeren ökonomischen Basis aussichtslosen Versuche des Hauses Habsburg, am deutschen Parkett bestimmend mitzumischen, nun ein Ende hatten. Der verlorene Krieg beendete nur die aussichtslosen dynastischen Ambitionen um die Vorherrschaft in Deutschland: Er beendete aber nicht die privilegierten Beziehungen der österreichischen und der deutschen Bourgeoisie - nur die Kräfteverhältnisse wurden ein für allemal klargestellt: die österreichische als Juniorpartnerin ihrer deutschen Klassenschwester.

 

e)     Die Gründerzeit (1867 bis 1873)

Jetzt, nach 1866, begann in Österreich - nach einer kurzen Wirtschaftskrise, die der Krieg auslöste - ein kräftiger industrieller Aufschwung: Von 1867 bis 1873 erlebte Österreich seine Gründerzeit, die den deutschen Gründerjahren von 1870 bis 1873/1874 (im Gefolge des preußischen Sieges über Frankreich) vergleichbar ist. 1867 bis 1873 wurden rund 1.000 neue Aktiengesellschaften in Österreich gegründet - das Nominalkapital überstieg acht Milliarden Gulden.

Und wieder die Ironie der Geschichte: Nachdem die Machtverhältnisse klargelegt wurden, konnten sich die Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland nun unvergleichlich intensiver - und auf Basis entwickelterer kapitalistischer  Produktionsverhältnisse - entwickeln: So beteiligten sich österreichische Banken an der Gründung deutscher Aktienbanken, umgekehrt floss aber mehr deutsches Kapital nach Österreich: Besonders nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/1871 und den französischen Kriegsentschädigungen engagierte sich deutsches Kapital stark in Österreich und in dem aufgrund seiner Rückständigkeit noch stärker auf ausländische Engagements angewiesene Ungarn. In die Gesamtmonarchie dürfte in der Gründerzeit etwa eine Milliarde Mark geflossen sein. Damit konnte Deutschland den Hauptkonkurrenten beim in Österreichs investierenden Auslandskapital - Frankreich - klar distanzieren.

Wir wollen hier nur ganz kurz die allgemeine Bedeutung des Ausgleichs von 1867 ausführen: Durch die politischen Misserfolge und militärischen Niederlagen sah sich die Krone zu Zugeständnissen an Ungarn gezwungen, um die Machtbasis der Monarchie zu erweitern: Das Reich wurde zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn umgebildet, beide Länder erhielten gesonderte Regierungen bei gemeinsamem Außen-, Kriegs- und Finanzministerium, und Ungarn verpflichtete sich, vorerst auf die Gründung einer eigenen Notenbank zu verzichten. Der österreichische Kaiser wurde nun zugleich König von Ungarn, im österreichischen Reichsteil wurden nun die bürgerlich-demokratischen Rechte ausgebaut, und so bestanden nun auch gesetzliche Möglichkeiten zur Entfaltung einer legalen Arbeiterbewegung - 1867 wurde der Wiener Arbeiterbildungsverein gegründet.

Gleichzeitig war der Ausgleich mit Ungarn eine schwere Niederlage der slawischen Nationen in der Monarchie: So forderte die 1860 gegründete tschechische Nationalpartei (sie sollte sich bald in konservative Alttschechen und bürgerlich-nationalistische Jungtschechen spalten) nationale Autonomie im Rahmen eines föderalistisch organisierten Gesamtstaates. Nach dem Ausgleich wurde der dualistischen Konzeption des Reiches nun die Forderung nach einem Trialismus entgegengesetzt, also die illusorische Forderung nach einer Dreigliederung der Monarchie in einen deutschen, einen ungarischen und einen slawischen Reichsteil. Besonders für die deutschböhmische Bourgeoisie, die ökonomisch in diesem Kronland dominierte, war aber diese Forderung genauso inakzeptabel wie für den Adel und die Bourgeoisie der anderen Kronländer, die ebenfalls wenig Interesse an dieser Dreiteilung hatten, die sie nur in ihrer Vormachtstellung hätte schwächen können.

Ins Wirtschaftspolitische übersetzt, war der Ausgleich Cisleithaniens (Österreichs) mit Ungarn (Transleithanien) eine Verständigung der österreichischen Bourgeoisie mit dem ungarischen Großgrundbesitz (der politisch in Ungarn noch bis zum Ende der Monarchie dominieren und liberale Reformen blockieren sollte). Der Ausgleich war die Grundlage für eine rasche Entfaltung des Kapitalismus in beiden Reichsteilen - den ungarischen herrschenden Klassen wurde freie Hand in der Ausbeutung der Arbeitenden in Stadt und Land und in der Verweigerung nationaler Rechte für die nichtungarischen Nationen gelassen. Dabei war die Situation in Ungarn ab 1867 durchaus nicht unähnlich der des Gesamtstaates nach 1848: Der Großgrundbesitz dominierte zwar politisch, dabei war aber die Wirtschaftspolitik auf eine bewusste Förderung der Industrialisierung in Ungarn gerichtet, um internationales know-how zu bekommen. Sie stand damit im Dienste der aufstrebenden Kapitalistenklasse.

Problematisch waren die alle zehn Jahre zu erneuernden Quotenverhandlungen über das gemeinsam zu bestreitende Budget (1867 wurde eine 70:30-Quote Österreich - Ungarn festgelegt, die in den nachfolgenden Jahren leicht in Richtung auf das sich ökonomisch rasch entwickelnde Ungarn verschoben wurde). Da die wirtschaftlichen Absprachen (neben der Quotenfrage auch das Zoll- und Handelsbündnis) nach jedem Jahrzehnt (das letzte Mal 1907) erneuert werden mussten, waren national gefärbte Streitigkeiten vorprogrammiert und bekam der Gesamtstaat den Charakter einer Monarchie auf Kündigung (Herbert Matis). Problematisch wurde diese Konstruktion ab 1873, als sich die österreichische Bourgeoisie unter dem Eindruck der Krise vom Freihandel abwandte, die ungarische Bourgeoisie (die stärker auf Nahrungsmittelerzeugung und -export als ihre österreichischen Klassengenossen spezialisiert war) jedoch am Freihandel, der auch ausländisches Kapital nach Ungarn strömen ließ, festhielt. So verwandten sowohl Österreich als auch Ungarn anlässlich der periodisch zu erneuernden Verhandlungen immer wieder mehr Kraft und Energie darauf, "einander den Handel zu ruinieren als aktiv den `Freihandel` zu fördern" (Macesich, zitiert nach Good, S. 91).

Nach 1867 setzten sich aber neben der Außenhandelspolitik auch im Verhältnis der beiden Reichsteile liberale Vorstellungen durch: Der Kreditverkehr wurde 1868 in Österreich erleichtert - insbesondere wurde das Nehmen von Zinsen in praktisch unbegrenzter Höhe gestattet (das sogenannte Wucherpatent), in der Landwirtschaft wurde die Freiteilbarkeit eingeführt (Ausnahme blieb Tirol), was die Zersplitterung des Bodens erleichterte und damit als Ware leichter verfügbar machte, in der Verkehrspolitik wurde dem Großkapital der Eisenbahnbau überlassen.

In der Gründerzeit von 1867 bis 1873 trat Österreich-Ungarn voll in die Industrialisierung ein, und das Land holte in einigen wesentlichen Bereichen im Vergleich zu den ältesten Industrienationen Westeuropas auf: Innerhalb von nur vier Jahren konnte das Streckennetz der Monarchie auf 12.000 km (1870) verdoppelt werden (Frankreich 17.000 km), allerdings nicht gegenüber Deutschland, das ab 1871 - im Rückenwind der 5 Milliarden Goldmark französischer Kriegskontributionen und der nun endlich gewonnenen nationalen Einheit - zur ersten Industriemacht Kontinental-Europas aufstieg. Gerade dieses Zurückbleiben gegenüber Deutschland war aber wegen der engen Außenwirtschaftsverflechtung wichtig!

Basis dieses Industrialisierungsschubs waren die innen- und außenpolitische Festigung des Staates und zwei Wunderernten 1867 und 1868, dazu kamen freizügige Konzessionierungen neuer Aktiengesellschaften, was dem Kapital neue Anlagemöglichkeiten und neue Wege der Finanzierung bot. Die darauf folgenden Jahre bis 1873 gehören somit

"zu den entscheidendsten Epochen in Österreichs Wirtschaftsgeschichte. Ein jähes Ansteigen der Produktions und (Aktien-) Emissionsziffern, die Zahl der Aktiengesellschaften und die Eisenbahnkilometer verleihen dieser Trendperiode den Charakter eines ´großen Anlaufs´" (Matis, Bachinger in: Brusatti, S. 123).

Vom Boom im Eisenbahnbau profitierten eine ganze Reihe wichtiger Industriezweige und Bereiche der Urproduktion: Eisenhüttenwesen, Maschinenbau, Kohleförderung. Trotz der großen internationalen Konkurrenz konnten die österreichischen Eisenproduzenten den Inlandsbedarf nicht decken, Österreich nahm in der Produktion den 6. Rang ein. Dazu kamen die großen Fortschritte in der Kohleförderung, die mit der Maschinenindustrie und der Eisenbahn in direkter Beziehung standen: Die Zahl der in Fabriken stationierten Dampfmaschinen stieg von 1863 bis 1875 auf das Dreieinhalbfache an, die PS-Leistung stieg nch mehr - auf 1,570.000 Einheiten. Die Steinkohlenproduktion stieg von 2,8 (1865) auf 4,75 Millionen Tonnen, Braunkohle im selben Zeitraum von 2,2 auf 5,65 Millionen.

Besonders ausgeprägt war neben dem Eisenbahnbau der Boom im Bankwesen: In den Jahren 1867 bis 1869 wurden 36 Banken gegründet, nach einer kurzen Spekulationskrise 1869/1870 in einer zweiten Phase, die bis 1873 andauerte, 102 Banken. Spektakulär war etwa die Gründung des Wiener Bankvereins, der mit außerordentlich geringem Aktienkapital sich bald stark im Eisenbahnbau engagierte und auch im internationalen Bankengründungsboom mitmischte. Ab den 1870er Jahren sollte sich die Verbindung von Industrie und Banken, die sich schon mit der Gründung der Creditanstalt angebahnt hatte, noch enger gestalten. Für den österreichischen Imperialismus, der sich ab den 1890er Jahren formierte, sollte gerade diese enge Verbindung von Bank- und Industriekapital - bei Dominanz der Banken von Anfang an - typisch werden.

Der Boom setzte sich auch auf alle anderen Wirtschaftsbereiche fort; von der Textilindustrie über die Baubranche (Wiener Ringstraße, Hochquellenwasserleitung, Donauregulierung) bis zur Nahrungsmittelindustrie: In Ungarn konnte sich die Vorherrschaft der Mühlenindustrie (deren Produkte neben Zucker Hauptexportartikel der Monarchie bis 1914 blieben) festigen, der Zuckerexport stieg allein von 1870 bis 1871 um 130%, der von Mehl um immerhin 20% (Brusatti, S. 123). Für Österreich nicht unwichtig, begann auch die Erdölindustrie ihre Förderung, die durch den Ausfall der amerikanischen Lieferungen - der Sezessionskrieg der 60er Jahre bedeutete hier einen Einschnitt - eine Entwicklungs-Chance bekam: Die Erdölindustrie war in der Folge der eigentliche Wachstumssektor in Galizien - 1909 stand dieses Kronland bereits an dritter Stelle der Weltproduktion (nach den USA mit 61% und Russland mit 22% hielt Galizien 5% der Weltförderung).

Der Aufschwung festigte die zentrale Stellung der Industrie: 1005 Aktiengesellschaften wurden 1867 bis 1873 konzessioniert, davon entfiel der Großteil auf industrielle Gründungen. Diese Zeit war damit auch die Hochblüte des Kapitalismus in seinem nichtimperialistischen Stadium, des Konkurrenzkapitalismus, in Österreich; aber nicht nur das: Da der Konjunkturanstieg in Österreich, aber auch in Ungarn mit der Philosophie des Wirtschaftsliberalismus in Zusammenhang gebracht wurde, waren diese wenigen Jahre auch die Zeit der Hochblüte liberaler Politik in Österreich - und diejenigen Jahre, in denen politische und ökonomische Herrschaft der liberalen Bourgeoisie in Österreich noch am ehesten zusammenfielen.

So sehr Wirtschaftsliberalismus und Konjunktur miteinander bis 1873 in Verbindung gebracht wurden, so sehr war dies auch nach 1873 der Fall: Der Konjunkturabschwung und die Jahre der tiefen Depression brachten jene radikale Abkehr von liberalem, freihändlerischem Gedankengut auch in der österreichischen Bourgeoisie mit sich, die die Geschichte der herrschenden Klasse bis heute in Österreich charakterisieren wird Seit der gründlichen Desillusionierung nach dem Börsenkrach vom Mai 1873 in Wien und Budapest - nur eine Woche nach Eröffnung der Weltausstellung - hat sich der Liberalismus als politische Ideologie der Mehrheit des Bürgertums nicht mehr regenerieren können, und auch in der Wirtschaftspolitik ging die Zeit des liberal-individualistischen Wettbewerbs in der Kapitalistenklasse zu Ende: Die Bourgeoisie begab sich unter die Fittiche des Staates, der sie vor zu großer Auslandskonkurrenz schützen sollte, und sie versuchte den Wettbewerb in den letzten Jahren der Monarchie immer mehr durch Kartelle und Absprachen zu begrenzen, sodass Österreich-Ungarn trotz seiner relativen Rückständigkeit v.a. durch die große Bedeutung der Banken zu einem Paradebeispiel des durchorganisierten Kapitalismus imperialistischer Prägung wurde.

 

f)     Der Krach von 1873

Wir haben im letzten Abschnitt über die Gründerzeit den entscheidenden Beitrag des Eisenbahnbaus für die Hochkonjunktur hervorgehoben. Mit ihm aber wurde natürlich eine ganze Reihe weiterer Sparten nach oben getragen: Die Eisen- und eisenverarbeitende Industrie boomte; ja die gesamte Produktion, der Handel, die Spekulation mit allem und jedem befanden sich in einem ausgeprägten Hoch. Gerade ab 1871 strömte massiv Kapital an die Wiener Börse - nicht zuletzt auch aus dem soeben unter preußischer Vorherrschaft vereinigten Deutschland, in dem die ersten Raten der französischen Reparationsleistungen eintrafen, was zu einer Suche nach profitablen Anlagemöglichkeiten führte.

Gleichzeitig aber begannen sich schon 1871/1872 deutliche Krisensymptome abzuzeichnen: 1872 begann das Eisenbahnwesen Schwäche zu zeigen: Einerseits wurde es durch die überhitzte Konjunktur immer schwieriger, das nötige Kapital auf der Börse für neue Projekte aufzubringen, und auf der anderen Seite warfen einige der soeben fertiggestellten Bahnprojekte keinen Gewinn ab, ja deckten nicht einmal die Kosten des Betriebs. In den letzten Phasen der Hochkonjunktur wanderte spekulativ eingesetztes Kapital daher weg vom Eisenbahnbau und hin in Richtung auf (ebenfalls spekulative) Bank-, Bau- und Industriegründungen. Diese Erhöhung der Kapitalkosten (die Börsenkurse stiegen und stiegen) war kombiniert mit einer enormen Steigerung der Lebenshaltungskosten, die durch langsamer steigende Löhne und Gehälter nicht kompensiert wurden.

Ab Sommer 1872 begann dann in der Baumwoll- und Seidenindustrie eine Abschwächung, die immer noch durch den spekulativen Boom vor allem im Eisen-, aber auch im Baubereich überlagert wurde. Neben den spektulativen Geldern, die das Börsenvolumen aufblähten (man sprach damals von einer Milliardenwanderung), konnte kurzfristig der Sonderfaktor Weltausstellung 1873 ein endgültiges Erlahmen der Konjunktur hinausschieben. Vor allem die Bautätigkeit in Wien wurde nochmals angekurbelt - man erwartete einen Weltausstellungstourismus großen Ausmaßes -, allerdings stiegen die Baupreise und die Mietzinse enorm an und erhöhten die Lebenshaltungskosten der breiten Masse noch einmal erheblich. Aber genau diese Weltausstellungshausse beschleunigte dann letztendlich den Zusammenbruch des spekulativ genährten Booms: Das in Banken und Baugesellschaften angelegte Aktienkapital verzehnfachte sich in den Jahren 1866 bis 1873 (wobei der allergrößte Teil in die Jahre ab 1871 fiel), das spekulative Kapital verlor zunehmend festen Boden unter den Füßen - und nur mehr ein letzter Anstoß genügte, um das ganze Gebäude zum Einsturz zu bringen.

Als am 1. Mai 1873 die Weltausstellung eröffnet wurde, wankte die Wiener Börse bereits. Am 2. Mai sprach die Neue freie Presse von einem Reinigungsprozess, welchen die Börse nun seit Wochen durchmacht. Und am 9. Mai, die Krise war nun mit voller Gewalt hereingebrochen, schrieb dieselbe Zeitung, noch immer die wirklichen Ursachen verschleiernd:

Ohne wahrnehmbaren Anlass, wie von Dämonengewalt erfasst, ist das Gebäude zusammengebrochen, welches auf Actien aufgebaut war...

Viel ehrlicher war da in der Analyse der wahren Ursachen schon das Parlament, der Reichsrath, der in einem Bericht über die Ursachen des Krachs z.B. in Bezug auf die Baugesellschaften feststellen musste:

"Vornehmlich zu dem Zweck ins Leben gerufen, um, was speciell Wien betrifft, angesichts der dort herrschenden Wohnungsnot, sowie der von der großen Weltausstellung erwarteten Entwicklung der Reichshauptstadt, eine Bautätigkeit im Großen  zu entfalten, gestaltete sich alsbald diese Thätigkeit zu einer völlig secundären ... und war die Speculation in ihren verschiedenen Formen ... das eigentlich bewegende Moment" (zitiert nach März, Bankpolitik, S. 173).

Die Tiefe der Krise lässt sich an folgendem ermessen: Von Mai bis Dezember 1873 mussten 8 Banken, 2 Versicherungsgesellschaften, 1 Eisenbahnunternehmen und 7 Industriegesellschaften  in Konkurs gehen, in Liquidation traten dazu noch weitere 40 Banken, 6 Versicherungen, 1 weitere Eisenbahngesellschaft und 52 Industrieunternehmen. Neben Kapitalisten wurden vom Krach auch viele kleinbürgerliche Existenzen zerstört, ja sogar Proletarier hatten ihre wenigen Ersparnisse in nunmehr wertlosen Aktien investiert. Mit Ausnahme von einigen Staatstiteln waren alle Wertpapiere von Kurseinbußen betroffen, die Wertverminderung bei Aktien und anderen Wertpapieren soll bis Dezember 1873 1,5 Milliarden Gulden betragen haben.

Doch die Krise von 1873 war weit mehr als ein bloßes Reinigungsgewitter, das die spekulativen Kapitalien, denen keine realen Werte gegenüberstanden, vom glatten Börsenparkett hinwegfegte. Die Krise von 1873 war vielmehr der Beginn einer längeren Periode der Depression, die erst drei Jahre später, 1876, ihren Tiefpunkt erreichte und die ganzen nächsten Jahre andauerte. Und erst die 1890er Jahre sollten ein Ende dieser tiefgreifenden Stagnation bringen und den Beginn einer fast zwei Jahrzehnte dauernden Aufschwungphase. Doch mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der 1870er Jahre - wir sagten es bereits - war auch eine tiefgreifende politische Veränderung verbunden: Die sich im Aktien besitzenden und mit diesen spekulierenden Rentier verkörpernde Ideologie des liberalen Konkurrenzkapitalismus wurde nachhaltig diskreditiert und musste einem Kapitalismus Platz machen, von dem gefordert wurde, dass er seinen Protagonisten Schutz gewähren könne. Wollte der Kapitalist der 1860er Jahre den Staat so weit wie möglich aus seinen Aktivitäten heraushalten, so suchte sein Nachfolger in den späten 1870er und den 1880er Jahren Schutz vor den zersetzenden Wirkungen des Marktes und der Konkurrenz unter den Rockschößen des Kaiserreiches.

 

g)     Ende des Wirtschaftsliberalismus und Periode der Stagnation (1873 - 1895)

Es scheint gerechtfertigt, die vier Jahrzehnte von 1873 bis zum letzten Vorkriegsjahr 1913 in zwei größere Abschnitte zu trennen - denn in doppelter Hinsicht ist die Mitte der 1890er Jahre eine Zäsur: Erstens kann ab diesem Zeitpunkt auch in der österreichisch-ungarischen Monarchie von einem Übergang zu einer neuen, höheren Form des Kapitalismus gesprochen werden; ab diesem Zeitpunkt wird die Ökonomie auch in Österreich zunehmend stärker von Kartellen und anderen Organisationsformen des Imperialismus dominiert - ab diesem Zeitpunkt tritt also auch Österreich in das moderne imperialistische Stadium der kapitalistischen Entwicklung. Und zweitens fällt in die Mitte der 1890er Jahre in Österreich-Ungarn das Ende jener hartnäckigen Krisensymptome, die der Zeit ab 1873 den Stempel aufgedrückt hatten. Wir wollen uns nun mit diesem ersten größeren Abschnitt auseinandersetzen, dem Zeitabschnitt, der auf den großen Krach von 1873 folgte.

Natürlich kann auch dieser Abschnitt in mehrere längere Perioden untergliedert werden - so zeichnet sich etwa in ökonomischer Hinsicht die Zeit von 1873 bis 1879 durchaus durch eine eigenständigen Physiognomie aus. Um aber den Überblick zu behalten, wollen wir uns vorderhand mit dieser groben Zweiteilung begnügen. Zum zweiten wollen wir uns auf die binnenwirtschaftlichen Aspekte beschränken. Hier nur so viel, dass, wie in der Monarchie, so auch in anderen Ländern, der Beginn der 1870er Jahre von Gründungsfieber, Überproduktion und einer schließlichen schweren Krise geprägt war. Wie in Österreich-Ungarn, so lag auch auf internationaler Ebene - in Europa, aber auch in Nord-Amerika - der Ausgangspunkt für dieses Spekulationsfieber im Eisenbahnbau.

Die hartnäckige Depression der Jahre, die dem Krach von 1873 folgten, war international gekennzeichnet von Produktionseinschränkungen und einem dramatischen Verfall der Preise. Das Produktionsniveau Österreich-Ungarns des Jahres 1873 sollte erst wieder um die Mitte der 1880er Jahre erreicht werden. Anfänglich befand sich die Maschinenindustrie noch in einer günstigeren Situation, aber mit dem Niedergang des Eisenbahnbaus wurden schließlich auch die Eisen- und die eisenverarbeitenden Industrien immer stärker in den Strudel der Krise hineingezogen. Verantwortlich für die Verzögerung des Niedergangs war hier der Stau an noch nicht ausgeführten Aufträgen - namentlich auch aus dem Ausland, das dieser Sparte noch einen gewissen Puffer gewährte: Z.B. wurden 1872 16, 1873 91 und 1874 240 Lokomotiven von den fünf österreichischen Lokomotivfabriken exportiert (v.a. nach Russland, in die Türkei und nach Rumänien, das 1869 seine erste Eisenbahnlinie eröffnet hatte), bevor auch hier die Krise durch ausfallende Neubestellungen eintrat und zu fast völligem Stilltand führte (selbst im Inland stieg man nun bei den wenigen Investitionen auf die billigere Konkurrenz aus Belgien, England und Deutschland um).

Waren von 1867 bis 1873 9.472 km an neuen Eisenbahnstrecken gebaut worden, so sank in der darauffolgenden Periode (1874 - 1879) der Zuwachs auf 2.840 km, und 1880 konnten überhaupt nur 5 km neu dem Verkehr übergeben werden. 5,6% des gesamten Budgets mussten 1876 für staatliche Garantieleistungen an private, notleidende Bahnen ausgegeben werden. So sank auch im Gefolge dieser drastischen Verlangsamung des Eisenbahnbaus die Roheisenproduktion: Waren 1873 535.000 Tonnen produziert worden, sank bis 1875 die Produktionsmenge (bei niedrigerem Preisniveau) auf 388.000 Tonnen; und auch hier sollte - wie in der Gesamtwirtschaft - das Produktionsvolumen erst wieder Mitte der 1880er Jahre erreicht werden.

Das sinkende Preisniveau kam zwar den Unselbständigen zugute (der Rückgang war auch in den Konsumgüterindustrien weniger stark ausgeprägt wie z.B. in der Maschinenbauindustrie), aber die zahlreichen Betriebsschließungen und Firmenzusammenbrüche trafen viele Proletarier: Ende Februar 1874 zählte Wien 19.000 Arbeitslose, 14.000 weitere Arbeiterinnen und Arbeiter hatten "freiwillig" die Stadt verlassen, während 800 Brot- und Unterstandslose zwangsweise ausgesiedelt wurden - und die Zahl der Entlassungen stieg weiter... In einer Studie mit dem Titel Der Konsum Wiens in den Jahren 1871 -1880 (Der Volkswirt, 17.9.1881) finden wir folgende Angaben, die die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in der Depressionsphase belegen:

Die Bevölkerung Wiens hat während dieser Zeit um 70.000 Seelen zugenommen, der Konsum der wichtigsten Lebensmittel hat abgenommen oder ist stationär geblieben. (...) Der Mehlverbrauch ist um mehr als 12 kg per Kopf gefallen, der Fleischverbrauch ist allerdings ungefähr stationär geblieben, charakteristisch ist aber, dass, während der Verbrauch an Geflügel und feinen Fleischsorten stark abgenommen hat, nur der von minderen Rindfleischgattungen gestiegen ist. Stark gestiegen ist nur der Import von Reis, aber den besteuern Staat und Stadt so hoch, dass er nur für die wohlhabenderen Stände in Betracht kommt ... (zitiert nach März, Bankpolitik, S. 193).

Abgerundet wird dieses Bild der Stagnation und der ökonomischen Krisis durch den drastischen Rückgang der Zahl der Aktiengesellschaften. Dazu muss vorausschickend gesagt werden, dass die Freiheit von Unternehmensgründungen in der Monarchie erst 1899 eingeführt wurde - bis dahin waren Kapitalgesellschaften genehmigungspflichtig. Obwohl damit der Staat sich bis fast zur Jahrhundertwende ein gewichtiges Steuerungsinstrument in den Händen beließ, ist die Zahl der Aktiengesellschaften ein wichtiger Indikator für den gesellschaftlichen Fortschritt hin auf die modernen kapitalistischen Unternehmensformen. Bestanden 1865 111 Aktiengesellschaften, wurden von 1867 bis 1873 Konzessionen für 1005 Unternehmen erteilt - allein im Jahr 1872 376! Nur zwei Drittel wurden auch wirklich gegründet, aber 1873 bei Ausbruch der Krise bestanden immerhin 815 Aktiengesellschaften in Österreich. Sechs Jahre später, 1879, bestanden nicht einmal mehr die Hälfte davon als selbständige Gesellschaften (411), nur 43 neue Konzessionen waren gewährt worden (davon wurden 39 Unternehmen tatsächlich konstituiert). Die Zahl ging bis Mitte der 1880er Jahre noch weiter zurück: 1885 waren es nur mehr 380. Und erst Mitte der 1890er Jahre setzte eine neue Welle von Gründungen ein - 1900 wurden wieder 529, 1912 780 AG’s gezählt.

Im Sinne der kombinierten und ungleichen Entwicklung hatte Österreich trotz (bzw. wegen) seiner relativen ökonomischen Rückständigkeit (was ja auch Kapitalmangel bedingt)  in der Entwicklung der Kapitalgesellschaften eine führende Stellung in Europa eingenommen - ähnlich wie die Rückständigkeit des Finanzsektors in die Gründung des europaweit führenden Instituts, der Creditanstalt, einmündete. Diese Spitzenstellung ging in den Jahrzehnten nach 1873 verloren: 1902 war das Aktienkapital der deutschen Kapitalgesellschaften bereits siebenmal so groß wie das österreichischer Institute. Und selbst Ungarn hatte 1912 mehr Aktiengesellschaften als Österreich - wenn auch das Gesamtkapital kleiner war als das der österreichischen Reichshälfte.

Ein ähnliches Bild bietet sich im Bankbereich: Allein 1873 sank die Zahl der Bankinstitute der österreichischen Reichshälfte von 143 (Mai) auf 102 (Dezember), 1878/1879 waren es dann nur mehr 53 Institute. Von 70 in Wien zwischen 1868 und 1873 gegründeten Instituten arbeiteten 1883 nur mehr 8, in den Kronländern außerhalb Wiens von 65 noch 21. Verfügten die Aktienbanken 1873 noch über 619 Millionen Gulden an eingezahltem Kapital, waren es Ende der 1870er Jahre nur noch 240 Millionen - in den 1880er Jahren sollte mit der Gründung der Länderbank und den Kapitalerhöhungen der großen Aktienbanken das Pendel langsam wieder zurückschwingen.

Die Schwere der Depression von 1873 bis 1879 führte aber auch wirtschaftspolitisch zu einer entscheidenden Trendumkehr: Standen bis 1879 die Liberalen an der Spitze des Staates, gelangten in diesem Jahr die Feudalkonservativen unter Taaffe an die Regierung - die Liberalen sollten nie wieder an die Hebel des Staates zurückkehren. Damit wurde die Abkehr von wirtschaftsliberalen Werten sinnfällig unterstrichen - die Wiederherstellung einer christlichen, auf dem Gleichgewicht der Stände beruhenden Weltordnung wurde nun zu den ideologischen Leitbildern der Ära Taaffe, dessen antiliberale Politik auch nach seiner Ablösung durch Badeni in den 1890ern weiterbetrieben wurde.

Doch auch schon vor 1879 zeigten sich innerhalb des regierenden deutsch-liberalen Lagers wirtschaftspolitische Risse: Die Parteigänger des Interventionismus gewannen das Übergewicht; mit dem neuen Aktiengesetz (1874) und einem neuen Börsegesetz (1875), die verschärfte staatliche Kontrolle und härtere Besteuerung von Aktiengesellschaften bedeuteten, wurde die vorsichtige Abkehr vom Liberalismus eingeleitet. In der Folge wird die ungleiche Besteuerung von Kleingewerbe und Aktiengesellschaften zu einem Hauptinstrument der auf den Schutz des Kleinkapitals ausgerichteten Wirtschaftspolitik in der Spätphase der Monarchie werden. Unter dem Eindruck der Stagnation privater Eisenbahntätigkeit wurde nun nach 15-jähriger Pause wieder an den Aufbau eines Staatseisenbahnnetzes gegangen: Schon ab 1873 waren jene Strecken vom Staat übernommen worden, für die sich trotz Steuerbegünstigung und Zinsengarantie kein Konzessionär gefunden hatte. Bis zur Jahrhundertwende wird der Staat durch die Beherrschung von Bahn, Post und Telegraphie (wieder) zum wichtigsten Verkehrsträger. Anti-liberale, interventionistische Tendenzen finden sich neben der Verkehrs- auch in der Außenhandels- und Fiskalpolitik. Im Außenhandel wurde schon 1878/1879 mit dem autonomen Zolltarif (das heißt, dass der Zolltarif ohne vorherige vertragliche Regelung einseitig festgelegt wurde) der Startschuss für schutzzöllnerische Reformen - vorerst einmal im besonders sensiblen Textilbereich - gegeben.

Besonders hartnäckige Schutzzöllner waren die österreichischen Textilindustriellen und die Getreide erzeugenden Großgrundbesitzer Ungarns, die unter dem Druck des Verfalls der Agrarpreise und der ausländischen Konkurrenz in den 1880er Jahren auf den schutzzöllnerischen Zug aufsprangen. Gerade diese Getreidezölle in den Zolltarifen von 1882 und 1887, aber auch die Handelskriege mit Rumänien und Serbien lassen den steigenden Einfluss der schutzzöllnerisch gewordenen Agrarier in der Monarchie erkennen. Die Ehe von österreichischen Textilien und ungarischem Weizen sollte bis zum Ende der Monarchie trotz aller Krisen, die für Zweierbeziehungen üblich sind, intakt bleiben.

1879, mit der Machtübernahme der konservativen Koalitionsregierung des Eisernen Rings, verschärfte sich die begonnene antiliberale Tendenz weiter. Nun folgte eine Rückkehr zu staatlicher Reglementierung, protektionistischer Förderung von Kleinbetrieben und Anklängen an zünftlerisches Denken. Mit der Wahlrechtsreform von 1882, die eine Vergrößerung der Zahl der stimmberechtigten Männer bewirken sollte, wurden städtische kleinbürgerliche Schichten und die ländliche Bauernschaft, beides die Klientel des Eisernen Rings unter Taaffe, bedacht. Auf diese Schichten zugeschnitten, wurde wirtschaftspolitisch ein Ausgleich zwischen industriellem Wachstum, protektionistischer Gewerbeförderung und landwirtschaftlicher Konservierung der Besitzverhältnisse versucht. Landwirtschaftliche Marktordnungsgesetze sollten die kleinbäuerlichen Besitzer schützen; das Handwerk wurde besonders gefördert und geschützt und andererseits der Industrie hohe Lasten auferlegt - nicht zuletzt wurde von der Regierung eine für damalige Zeiten relativ fortschrittliche Sozial- und Arbeiterschutzgesetzgebung entwickelt, von der die im Kleingewerbe Beschäftigten, die gewerblichen Heimarbeiter und die Land- und Forstarbeiter ausgenommen blieben (oder in die sie zumindest erst zögernd integriert wurden), wie überhaupt kleinbürgerliche und bäuerliche Interessen hinter der Regierungspolitik Pate standen. An der Frage der Reform der Gewerbeordnung, die seit 1874 diskutiert und schließlich 1883 verabschiedet wurde, entschied sich der Kampf zwischen liberaler und interventionistischer Wirtschaftspolitik: Der Befähigungsnachweis wurde zur Ausübung eines Gewerbes (wieder) eingeführt, die Gewerbe- und Handelsfreiheit staatlich beschränkt.

Die Steuergesetzgebung stand ganz im Zeichen des Schutzes des Kleingewerbes vor der großindustriellen Produktion und ihrer Preisschleuderei. Die besondere Benachteiligung der Aktiengesellschaften, die bis zum Fünffachen so hoch besteuert wurden wie Personengesellschaften, sollte die vorindustriellen, traditionellen und rückständigen Produktionsformen auch dort konkurrenzfähig erhalten, wo dies nach dem Prinzip des reinen, unverfälschten Wettbewerbs gar nicht mehr möglich gewesen wäre. Zusammen mit den besonders drückenden Kronlandes- und Gemeindeabgaben wurde der Reinertrag der Aktiengesellschaften in aller Regel mit 20 bis 40% weggesteuert - was sich auf die Kapitalbeschaffung und die Ausdehnung moderner großkapitalistischer Produktion äußerst nachteilig auswirkte. Besonders problematisch war dies in grenznahen Regionen - gerade in den ökonomisch fortgeschrittenen Teilen Böhmens und Mährens: Eine Reihe von Unternehmen (so etwa Zuckerfabriken aus Böhmen und Österreichisch-Schlesien) wich aus steuerlichen Gründen nach Deutschland aus, wo die Steuerbelastung höchstens 10% des Reinertrags betrug.

Damit wurde der Konzentrationsprozess in der Industrie zwar nicht aufgehalten, er wurde aber nachhaltig abgebremst und trug zur Aufrechterhaltung, zur Konservierung des rückständigen Charakters der Wirtschaftsstruktur der österreichisch-ungarischen Monarchie entscheidend bei. Der Industrierat legte auf diese Konservierung der kleinbetrieblichen Struktur, auf diese Versteinerung überlebter Verhältnisse den Finger, als er 1904 darauf hinweisen musste, dass im Jahre 1900 der Anteil der Industrieaktiengesellschaften an der Gesamtheit der Betriebe geringer war als 1873:

Unsere Großindustrie hat vor drei Jahrzehnten mehr Kapital und vielleicht auch mehr Hände beschäftigt als heute, wo die Bevölkerung in der Zwischenzeit um mehr als 27 Prozent gestiegen ist (zitiert nach Brusatti, S. 50) und - so können wir hinzufügen - andere Länder gewaltige Schritte in der Übernahme großindustrieller Produktionsmethoden gemacht haben.

Der politische Ausdruck dieser Situation und dieser konservierenden Interessen waren Bewegungen wie die Christlichsozialen, deren soziale Basis in diesen rückständigen Schichten zu finden waren. Ihre Frontstellung war eine doppelte: Einerseits wurde ihre soziale Basis von der modernen Großindustrie bedrängt, daher auch der oft radikal anti(groß)kapitalistische, antiliberale, antimoderne und auch antisemitische Grundzug, der diesen Bewegungen inhärent war. Andererseits aber wurde sie von der sich formierenden sozialistischen Arbeiterbewegung bedrängt. Von daher lag es in ihrem doppelten Interesse, gemeinsam mit der Taaffe-Regierung das Sozialwerk voranzutreiben und politisch abzustützen: Einerseits konnte so demagogisch gegen die Methode des Klassenkampfes angegangen werden (Verbesserungen seien auch so zu erzielen), und zweitens waren die Kosten dieser Reformen, solange sie nicht auf das Gewerbe ausgedehnt wurden, eine Waffe im Konkurrenzkampf des rückständigen Kleinbürgers gegen die moderne Industrie.

Die ökonomischen Zyklen der nächsten Jahre bis Mitte der 1890er wollen wir hier nur kurz streifen. Grundlegend bleibt von der Überwindung der Depression 1879 für die nächsten Jahre eine zähe und langsame, immer wieder durch Rückschläge unterbrochene Aufwärtsbewegung, die allerdings nicht an die internationalen Wachstumszahlen anschließen kann. Der Depression von 1873 bis 1879 folgten drei Aufstiegsperioden - 1879/1883, 1886/1890 und 1893/1895 - die durch zwei Konjunkturflauten unterbrochen wurden - 1883/1886 und 1890/1892. Beendet wurde diese Periode durch die kurze, schon im Frühjahr des darauffolgenden Jahres überwundene Börsenkrise von 1895.

Die stagnativen Tendenzen, die die österreichische Wirtschaft seit dem Ende der großen Depression der 1870er Jahre geprägt hatte, machte dabei Ende der 1880er Jahre vorsichtigen Aufschwungtendenzen Platz. Auf diese muss hier noch näher eingegangen werden, weil sie in Keimform bereits die großen Veränderungen der nachfolgenden Perioden beinhalten. Während der 1880er Jahre gab es zwar einen wirtschaftlichen Aufstieg, aber er war zögernd, langsam und uneinheitlich. Der überaus langsame Aufstieg der Eisenindustrie während der 1880er Jahre ist hier symptomatisch. Und auch die österreichische Zuckerindustrie, die mit der Montan- und Maschinenbauindustrie zu den kapitalintensivsten Sparten der Monarchie gehörte, war im Aufschwung - aber auch in diesem Fall blieb die Lage kritisch. Erst Ende der 1880er Jahre begann sich die gesamtwirtschaftliche Lage zu verbessern, auch wenn die Entwicklung nach wie vor nur langsam, und immer wieder durch Schwächephasen unterbrochen, verlief.

Vier Wirtschaftssparten sind es hier, auf die wir das Augenmerk richten wollen: Zum ersten die Eisenindustrie und in ihrem Gefolge auch die Kohlegewinnung und Kokserzeugung: In der Roheisenerzeugung setzte in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre eine deutliche Steigerung ein. Von 1886 bis 1890 konnte die Erzeugung von 484.000 auf 666.000 Tonnen gesteigert werden, 1888 wurde die Produktion von 1873 überschritten. Der Rückschlag von 1891 konnte erst 1893 wieder aufgefangen werden, und 1896 konnten 844.000 Tonnen erreicht werden. Österreich blieb damit zwar immer weiter hinter den westeuropäischen kapitalistischen Ländern, insbesondere hinter dem Deutschen Reich, zurück, aber diese Zahlen zeigen doch, dass der Rückschlag von 1873 überwunden werden konnte. Regional gesehen - und auch hier blieb die Eisenindustrie Trendsetter - verschob sich das Gewicht immer mehr zuungunsten der Alpenländer: Hatten Ende der 1870er Jahre diese Kronländer noch 64% des Roheisens produziert, waren es 1896 nur mehr 38% der österreichischen Reichshälfte.

Zum zweiten nahm die Erdölindustrie Galiziens einen steilen Aufschwung: Hatte sie bis Mitte der 1880er Jahre stagniert, wurde nun zwischen 1887 bis 1895 die jährliche Rohölproduktion von 740.000 auf 2,148.000 Meterzentner verdreifacht. Drittens konnte die Zuckerindustrie ihre Überproduktion von Mitte der 1880er Jahre überwinden und schon 1894/1895 ihre Produktion auf 10,5 Millionen Meterzentner gegenüber Mitte der 1880er Jahre fast verdoppeln. Und viertens machte ab Ende der 1880er Jahre eine neue, für die nächsten Jahrzehnte wichtige Industriesparte in Österreich rasche Fortschritte: die Elektroindustrie. Besonders auf dem Gebiet der Beleuchtungstechnik konnte Österreich anfänglich sogar eine führende Stellung in Europa behaupten. 1887 wurde von Siemens und Halske in Salzburg das erste öffentliche Elektrizitätswerk Österreichs erbaut, zwei Jahre später folgte ein Werk in Wien. Und wurden 1897 in Paris 416.000 Lampen mit Strom versorgt, waren es in Wien immerhin 328.000 (gegenüber nur 275.000 in Berlin). Neben der Elektroindustrie kam es auch in anderen Großindustrien, etwa in der Eisen-Metallurgie und der Chemie zu bedeutenden technischen Neuerungen. Unter dem Einfluss der ausländischen Konkurrenz wurde der Übergang zur Anwendung kapitalintensiverer Methoden beschleunigt - so v.a. in der Zucker-, Maschinen- und Textilindustrie. Aber diese Entwicklung verlief doch in überaus schleppender Weise - es stand, bezogen auf die gesamte Monarchie, weder ein leistungsfähiger Kapitalmarkt noch ein anlagebreites Bankkapital in ausreichendem Maße zur Verfügung.

Alles in allem blieb daher der industrielle Fortschritt bis Mitte der 1890er Jahre beschränkt: Eine nur kleine Zahl von industriellen Gründungen und die geringe Aktienemissionstätigkeit sind Beweis dafür. Trotzdem konnte die rückläufige Zahl bei den Aktiengesellschaften gestoppt werden (1887 bis 1895 stieg die Zahl der Aktiengesellschaften wieder von 384 auf 433), auch wenn das eingesetzte Kapital nur langsam wuchs - im Zeitraum 1887/1895 um nur 15% - und nach wie vor noch weit weniger als 1873 betrug. Dies war besonders deshalb von Wichtigkeit, weil in derselben Zeit in Deutschland - in dem keine restriktiven Beschränkungen die Gründung und den Betrieb von Aktiengesellschaften behinderten - die Geschäftstätigkeit auf wesentlich höherem Niveau verlief.

Aber auch auf einer zweiten Ebene bereitete sich die Aufschwungphase ab 1895 unter der Oberfläche vor: Der Übergang zum monopolistischen Kapitalismus begann jetzt schon fühlbar zu werden. Die Politik des Staates, die auf die Absperrung nach außen bedacht war, und die kartellmäßigen Vereinbarungen, die in den wichtigsten Industriezweigen den Wettbewerb beschränkten und das Eindringen unliebsamer Konkurrenten zu unterbinden trachteten, begannen trotz aller Benachteiligungen gegenüber der kleingewerblichen Produktion günstige Voraussetzungen für die Tätigkeit einzelner großer Unternehmungen darzustellen. Die Neue freie Presse schrieb rückblickend auf das Jahr 1895:

Die Tatsachen (...) zeigen, dass die großen Finanzgeschäfte, die Erzeugung von Eisen, Zucker, Petroleum, der entscheidendsten und wichtigsten Elemente des Bedarfes, nahezu Monopole geworden sind (zitiert nach März, Bankpolitik, S. 255).

So ist es nicht verwunderlich, dass sich - und auch das wird neben der Monopolisierung und Konzentration der industriellen Tätigkeit ein Kennzeichen der nachfolgenden Epoche des Imperialismus sein - die Banken nun stärker direkt in der Wirtschaft engagieren. Ab 1890 lässt sich etwa für die Creditanstalt feststellen, dass sie nun wieder verstärkt im industriellen Gründungsgeschäft sich beteiligte. Hatte sie noch 1888 in Industrieunternehmen gebundene Kapitalien wieder flüssig gemacht, engagierte sie sich nun immer stärker - wie schon in ihrer Anfangsphase - im industriellen Gründungsgeschäft (Petroleum und Erdölverarbeitung wie Linoleum, Elektrizität, Eisen, Gummi, Papier und Zucker). Auch in einem anderen Bereich vermerken wir einen Aufschwung: Von 1888 bis 1895 gab es eine deutliche Zunahme bei den internationalen Anleihen. Und die Creditanstalt - nach wie vor das Flaggschiff des österreichischen Bankwesens - mischte hier mit - von italienischen Staats- und Eisenbahn-Anleihen über eine große Zahl von rumänischen, russischen, portugiesischen, schweizerischen oder ägyptischen bis zu deutschen Anleiheoperationen war die Bank beteiligt. Trotz allem aber blieb der Kapitalexport Österreichs bis zum Ende der Monarchie relativ unterentwickelt: Österreich blieb Netto-Kapitalimporteur - und 80% des von Österreich im Ausland angelegten Kapitals flossen bis Anfang des 20. Jahrhunderts nach Ungarn, in die andere Reichshälfte, also eigentlich gar nicht wirklich ins Ausland.

Wir sehen also, dass trotz seiner Rückständigkeit in Österreich in der Mitte der 1890er Jahre alle Bedingungen vorhanden waren, um als eines der schwächeren Glieder in der Kette der kapitalistischen Länder den Übergang zum imperialistischen Stadium des Kapitalismus zu vollziehen. Diese Bedingungen dafür aber reiften in der Phase vor 1895, in einer Zeit der relativen Stagnation und des Zurückbleibens des österreichischen Kapitalismus hinter den Ökonomien der westeuropäischen Länder. Damit aber trat Österreich - über den ungarischen Reichsteil ist hier vorerst einmal nicht die Rede - in die Epoche des Imperialismus mit Karten ein, die z.B. gegenüber Anfang der 1870er Jahre noch einmal schlechter geworden waren: Der ökonomische Rückstand hatte sich verfestigt, die ökonomische Fortschrittlichkeit, die sich in der großen Zahl von Aktiengesellschaften und der bloßen Existenz der Creditanstalt ausdrückte, war kapitalistisches Allgemeingut geworden, während Österreich stagnierte. Die Abschottung der Außengrenzen, die Schutzzölle, waren Eingeständnis der Schwäche. Gleichzeitig aber war der politische Zusammenhalt der Monarchie weiter zerbröselt, führte das nationale Erwachen v.a. der slawischen Völker zu einer weiteren Erosion der Monarchie.

 

h)     Die „Belle Epoque“ (1895-1914)

Bis Mitte der 1890er Jahre waren also die Bedingungen für den Übergang zum imperialistischen Stadium des Kapitalismus auch in Österreich-Ungarn herangereift (da wir uns noch mit dem ungarischen Reichsteil im speziellen beschäftigen werden, soll hier nur auf  die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder, wie der österreichische Teil der Doppelmonarchie offiziell hieß, eingegangen werden).

Die Zeit von 1895 bis 1914 wird in wirtschaftshistorischen Publikationen auch immer wieder die zweite Gründerzeit genannt. Und der Aufstieg, den die österreichische Industrie hier in dieser Phase nahm, war auch wirklich nicht zu übersehen. In dieser Phase gelang es, den Rückstand Österreichs gegenüber den hochindustrialisierten Ländern zwar nicht wettzumachen, aber doch deutlich zu verkleinern, diese 20 Jahre gehören zu den erfolgreichsten der österreichischen Geschichte. Insbesondere die Jahre von 1905 bis 1913 waren Jahre des stürmischen Wirtschaftswachstums, die nur durch eine Schwächephase von 1908 bis 1910, die Österreich jedoch besser als die anderen imperialistischen Staaten in (West-) Europa überstand, unterbrochen wurde.

Von den Wirtschaftszyklen her können die beiden Jahrzehnte von 1895 bis 1914 kurz folgendermaßen beschrieben werden: Der erste Konjunkturzyklus reichte von 1896 bis etwa 1904: Nach Überwindung der kurzen Spekulationskrise von 1895, die zwar wiederum wie 1873 viel Kapital an der Börse vernichtete, aber keine nachhaltige Wirkung auf die Produktionssphäre ausübte, stieg die Konjunktur in den nächsten beiden Jahren rascher als in den Konjunkturzyklen vorher an, um 1898/1899 in eine Boomphase überzugehen. Nach einer Abschwächung der Konjunktur um 1900 fiel die Wirtschaft von 1901 bis 1904 in eine Depression, die sich besonders auf die Schwerindustrie negativ auswirkte. Von 1905 bis 1908 Hochkonjunktur, dann eine kurze Flaute, die ab 1910 wieder in eine Hochkonjunktur überging. Erst 1913 kommt es erneut zu einer Abschwächung, die bis zum Kriegsausbruch nicht mehr überwunden wurde.

Wir wollen uns nun mit den entscheidenden Veränderungen beschäftigen, die die österreichische Wirtschaft in die Richtung auf eine imperialistische Ökonomie drängten. Wir hatten schon gesagt, dass die Grundlagen für dieses neue Stadium auch in Österreich bereits in den Perioden vorher gelegt wurden. Insbesondere setzte der Konzentrationsprozess in der Industrie bereits ab 1873 ein, als im Gefolge der langandauernden Depression die Zahl der Betriebe schrumpfte, während gleichzeitig Betriebsgrößen, Zahl der beschäftigten Arbeiter, Arbeitsproduktivität und Ausstoß zum Teil beträchtlich zunahmen. Insofern waren also auch die Jahre von 1873 bis 1895 keine Jahre des Stillstands, sondern Perioden, in denen zwar kaum spektakuläre Fortschritte im Industrialisierungsprozess gemacht wurden, in denen aber durch den Reinigungsprozess der langen Jahre der Depression sich die ökonomische Struktur so weit umgestaltete, dass der neue Aufschwung ab Mitte der 1890er Jahre nun auf völlig anderen Grundlagen aufbauen konnte als in den Aufschwungphasen davor. Vor allem die 1870er Jahre scheinen dabei die

"Basisjahre einer trotz Konjunkturrückschlägen einheitlichen Periode der industriellen Entwicklung vor dem Ersten Weltkrieg zu sein. Geht man von den Veränderungen in der Betriebs- und Unternehmensstruktur aus, werden diese Ergebnisse bestätigt. Unter diesem Aspekt zeigt sich die Zeitspanne des ausgeprägten konjunkturellen Pendelschlags 1867 - 1880 (Aufschwung 1867-1873, Niedergang 1873-1880) als Phase eines tiefgreifenden Strukturwandels. Damals wurden die Grundlagen der großindustriellen Entwicklung Österreichs vor dem Ersten Weltkrieg geschaffen. Die vielleicht bedeutendste strukturelle Veränderung muss in der nun rasch voranschreitenden Unternehmenskonzentration gesehen werden ..." (Mosser, Industrieaktiengesellschaften, S. 173).

Am Beispiel des Bergbaus, der Roheisenerzeugung und der Zuckerindustrie lässt sich das veranschaulichen: So fiel von 1872 bis 1887 die Zahl der roheisenerzeugenden Unternehmen von 112 auf 47, die steirischen Eisenhütten (1848 waren es 38, 1868 immerhin noch 11) schlossen sich 1881 zu einem einzigen Unternehmen, der Alpine-Montangesellschaft, zusammen. Auch im Bergbau begann der Konzentrationsprozess in der Periode der Großen Depression. In der Steinkohlenproduktion ging die Zahl der Unternehmen um mehr als 50% zurück, im Baunkohlenbereich sank die Zahl der Unternehmen von  463 (1872) auf  288 (1887), und in der Zuckerindustrie blieb die Zahl der Erzeuger zwar im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts mit etwas über 200 fast konstant, aber die Produktionsmenge konnte verfünffacht werden. Die Tendenzen zum Großbetrieb und zur Konzentration der Produktion, die also schon vor 1895 angelegt waren, beschleunigten sich in den folgenden Perioden bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch weiter (dazu jedoch später).

Noch in einem anderen Bereich waren die Grundlagen in dieser Depressionsperiode der siebziger Jahre gelegt worden: Österreich hatte vor 1914 einen der am meisten durch Kartelle reglementierten inneren Markt. Das erste dieser Kartelle wurde in Österreich 1878 im Eisensektor ins Leben gerufen (ein Jahr später das erste in Ungarn), 1880 waren es 4, 1886 7, 1888/1890 18, 1897 schon 40, 1900 57 und 1905 bereits 100. Auch hier sehen wir, dass die Basis für diese Kartellvereinbarungen bereits in den Perioden vor 1895 gelegt wurde, dieses Mittel der imperialistischen Marktaufteilung und -regulation aber ab Mitte der 1890er Jahre sprunghaft größere Ausdehnung fand und bald große Teile der Industrieproduktion betroffen waren. Am Beispiel der Konzentration der Betriebe und der beginnenden Kartellvereinbarungen sehen wir, dass auch in Österreich imperialistische Methoden  in den Jahren bis knapp vor der Jahrhundertwende schon Fuß gefasst hatten und ins Wirtschaftsleben der Donaumonarchie eingedrungen waren. So weit zu den Vorbemerkungen für die Betrachtung der Perioden ab 1895. Wir wollen uns nun etwas genauer mit dem Konjunkturverlauf ab 1895 auseinandersetzen, bevor wir dann die spezifischen Charakteristika des österreichischen Imperialismus besprechen werden.

Nachdem die Krise von 1895 rasch überwunden werden konnte - dafür war die besonders gute Konjunkturlage im Deutschen Reich verantwortlich, das als der Exportmarkt Österreichs (abgesehen vom Spezialfall Ungarn) für zusätzliche Produktionsmöglichkeiten sorgte. Daneben aber gab es auch binnenwirksame Elemente des Aufschwungs: Erstens stieg die Nachfrage nach den neuentwickelten, modernen Produkten unverhältnismäßig stark an: Fahrräder, Photoapparate und Photoausrüstungen, viele Geräte der Elektrotechnik, chemisch hergestellte Düngemittel für die Landwirtschaft... Dazu kam das ungebrochene Wachstum der großen Städte: Wien hatte um 1900 bereits mehr Einwohner als heute, und die gewaltige Bautätigkeit führte zu einer steigenden Nachfrage nach Metallen, Steinen, Kohle u.a. Dazu kam eine Renaissance des Eisenbahnbaus: Nachdem das Grundnetz der Monarchie vor allem in den zentralen Räumen bereits hergestellt war, verlagerte sich die Bautätigkeit nun auf Neben- und Lokalbahnen: Gerade um 1900 wurden auch in bereits verkehrsmäßig bereits gut erschlossenen Kronländern wie Ober- und Niederösterreich neue Bahnstrecken (sehr oft auf Schmalspurbasis) gebaut.

Nachdem 1900 die deutsche Wirtschaft an Schwung verloren hatte, übertrug sich dies mit einigem Abstand auch auf Österreich - ein deutliches Indiz für den von der reichsdeutschen Wirtschaft abhängigen Charakter der österreichischen Ökonomie. Aber nicht nur der Aufschwung in den Jahren davor verlief flacher als in Deutschland, auch die Rezession war nicht so scharf - besonderen Anteil am flachen Verlauf hatte der staatliche Eisenbahnbau (Karawanken-, Pyhrn-, Tauern-, Wechselbahn...), der forciert fortgesetzt wurde und 1901/1904 antizyklisch wirkte.

Nachdem der konjunkturelle Rückschlag 1904 aufgefangen werden konnte, setzte eine bemerkenswerte Blüteperiode ein, die wieder parallel zur internationalen Entwicklung verlief: Die Eisenerzproduktion stieg 1904 bis 1908 von 1,7 um 53% auf  2,6 Millionen Tonnen, die Förderung von Steinkohle um 17%, von Braunkohle um 21%, die Eisenproduktion nahm um 48,4% zu. Zeitgenössischen Kommentatoren erschien diese Periode als entscheidendes Signal eines Aufholprozesses der Monarchie:

"Künftige Wirtschaftshistoriker werden als das bemerkenswerteste Ereignis in der Entwicklung des österreichisch-ungarischen Wirtschaftslebens im ersten Dezennium dieses Jahrhunderts die erstmalige ausgiebige Teilnahme der Monarchie an einer Weltkonjunktur bezeichnen. Österreich-Ungarn hat von 1904 bis 1908 ein Jahrfünft der Hochkonjunktur mitgemacht, deren Ergebnisse nicht wieder spurlos verloren gegangen sind. Wir haben mit den anderen Industriestaaten der Erde eine Blüte erlebt, die wenigstens in gleicher Solidität vorher nicht ihresgleichen hatte" (Gustav Stolper im Österreichischen Volkswirt, 4. JG. 1912, S. 544, zitiert nach März, Bankpolitik, S. 325).

Ab 1908 begann nun immer stärker die Rüstungsindustrie als neuer Motor der Wirtschaftsentwicklung zu fungieren, sodass die Krise 1908/1909, die sich in einer Abschwächung der Investitionstätigkeit und der Konsumgüterindustrien ausdrückte, wieder nicht so stark ausgeprägt war und bald überwunden werden konnte. Nach dieser kurzen Flaute folgte eine neuerliche Hochkonjunktur mit einem stark ausgeprägten industriellen Gründungsfieber, die erst 1913 vor dem Hintergrund der düsterer werdenden internationalen Situation (aber wieder durch eine Konjunktur im Rüstungsbereich überlagert) ihr Ende fand. Der Eisenwarenabsatz sank Mitte 1913 gegenüber demselben Zeitpunkt des Vorjahres um mehr als ein Viertel, die Textilindustrie arbeitete mit Produktionseinschränkungen von bis zu 40%. Österreich wurde 1913 durch die beiden Balkankriege in seinem Außenhandel schwer getroffen und konnte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges trotz auf Hochtouren laufender Rüstungsindustrie die Krise nicht mehr völlig überwinden.

Wir wollen uns nun mit den spezifischen Merkmalen des österreichischen Imperialismus vor 1914 auseinandersetzen. Einige Elemente sind bereits genannt worden, wir wollen uns nun systematischer damit beschäftigen.

 

Großindustrielle Produktion

Österreich blieb bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Land, in dem die großbetriebliche Produktion einen geringeren Stellenwert hatte als etwa in Deutschland oder anderen imperialistischen Ländern Europas. Laut Industriezensus von 1902 (übrigens der ersten und einzigen systematischen Erhebung über die österreichische Industrie vor 1918) gab es im österreichischen Reichsteil rund 970.000 Betriebe in Bergbau und verarbeitender Industrie. 95% der Betriebe waren Kleinbetriebe mit höchstens fünf Beschäftigten. In ihnen waren 47% der Arbeiter beschäftigt, in den 6100 größeren Betrieben (mit mehr als 50 Beschäftigten) aber 34%. In den 113 Betrieben mit mehr als 1.000 Beschäftigten arbeiteten 5,2%. Gegenüber Deutschland bedeutete dieser Konzentrationsgrad einen Rückstand von etwa 15 Jahren. Zu bedenken ist aber die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung innerhalb der Monarchie selbst: Denn die unterentwickelten Kronländer, deren industrielle Entwicklung überhaupt erst knapp vor der Jahrhundertwende eingesetzt hatte (v.a. Bukowina, Ostteil Galiziens), verzerren die Statistik dementsprechend. In einigen Bereichen dominierte jedoch bereits der Großbetrieb: In Eisengießereien arbeiteten 1902 schon 95,8% in Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten, im Bergbau 83,9%. Auf die größten Betriebe mit mehr als 1.000 Beschäftigte entfielen 28,4% der im Bergbau (34 Betriebe) und 18,4% der in der Eisenindustrie Arbeitenden. Vorwiegend kleinbetrieblich strukturiert waren hingegen die Textil-, die Holz-, die Nahrungsmittel- oder die Lederwarenindustrie.

Während der letzten zwei Jahrzehnte der Monarchie konnten zwar die Großbetriebe weiter an Boden gewinnen, aber der Abstand zu den hochentwickelten Staaten Westeuropas verringerte sich nicht entscheidend, ja vergrößerte sich vor allem am Sektor der bei den Großbetrieben tonangebenden Kapitalgesellschaften sogar noch. Verantwortlich dafür war neben der Zurückgebliebenheit der östlichen und südlichen Landesteile der österreichischen Reichshälfte auch die Wirtschaftspolitik der verschiedenen Regierungen, die Aktiengesellschaften nach wie vor steuerlich schwer diskriminierte, um die kleinbetriebliche Klientel nicht vor den Kopf zu stoßen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfügten die Aktiengesellschaften Belgiens oder der Niederlande bereits über ein höheres Kapital als die bevölkerungsmäßig weit größere Monarchie... So war es nicht verwunderlich, dass handwerksmäßig organisierte Betriebe nach wie vor das Bild der österreichischen Produktion prägten. 1902 waren 56% der Arbeiter in Betrieben mit weniger als 20 Beschäftigten tätig.

 

Konzentrationstendenzen

Wir sprachen schon davon, dass die Grundlage für die Konzentrationstendenzen in der österreichischen Industrie in der Phase vor 1895 gelegt wurde. Nach 1895 ging diese Entwicklung auf neuer Stufenleiter und schneller als zuvor weiter. Festzuhalten wäre noch, dass diese Tendenzen durch Kartelle und Produktionsvereinbarungen abgesichert wurden. Auch hier zeigt sich, dass im internationalen Vergleich der Grad an Konzentration der Produktion in wenigen Händen nicht besonders groß war und der bereits festgestellte Rückstand Österreichs sich auch hier nachweisen lässt. Trotzdem aber waren nicht nur in den Bereichen, die wir bereits für die Perioden vor 1895 besprochen haben (Zucker, Bergbau und Eisenverhüttung), starke Konzentrationstendenzen zu vermerken: So entfielen in der Textilindustrie auf die acht größten Unternehmen 20% aller Spindeln, und in der Roheisenerzeugung entfielen auf die größten vier Unternehmen 85% der Produktion.

Auch die Entwicklung der Unternehmenszahl ist hier von Interesse: 1872 arbeiteten 160 Firmen in der Eisenerzförderung und 112 in der Roheisenerzeugung, 1913 waren es nur mehr 23 bzw. 13. Und eine weitere Tendenz ist hier von Interesse: Firmenzusammenschlüsse und Verflechtungen gab es nicht nur im selben Produktionsbereich bzw. derselben Produktionsphase (also auf  horizontaler Ebene), sondern auch auf vertikaler: So begann die Alpine Montan in der Obersteiermark bereits in den 1880er Jahren mit dem Aufbau eines hochmodernen Eisenwerks und verband sich mit vorgelagerten Rohstofflieferanten und den produktionsmäßig nachgelagerten Weiterverarbeitern des Eisens, also den Walzwerken. Und in der Zuckerindustrie, einem der wichtigsten exportorientierten Wirtschaftszweige der Monarchie, waren ursprünglich Rohzuckergewinnung und Raffinierung zwei getrennte Bereiche, die von verschiedenen Unternehmen betrieben wurden. 1880 beschäftigten sich nur 8,4% der Unternehmen mit beiden Phasen der Produktion, 1885 waren es 16,7% und 1911 schon 22,5%.

 

Kapitalgesellschaften

Wir haben der Anomalie bei den österreichischen Aktiengesellschaften bereits gebührenden Raum gegeben: dass nämlich der Ausbreitung von Kapitalgesellschaften gewaltige institutionelle Hindernisse in den Weg gelegt wurden, die alle dem Bedürfnis nach Konservierung überlebter konkurrenzkapitalistischer Verhältnisse und kleingewerblicher Strukturen geschuldet waren. Eine zweite Anomalie in der Entstehung von Kapitalgesellschaften liegt in Österreich darin, dass die Gründung von Aktiengesellschaften der großindustriellen Entwicklung hierzulande vorausgeeilt war. Ihre große Zeit fiel in die Jahre des Gründerbooms nach dem Ausgleich von 1867. Die 1873 erreichte Zahl und das 1873 in ihnen angelegte Kapital sollten während der ganzen Monarchie nicht wieder erreicht werden. Ein zweites Hindernis war die zögerliche Gesetzgebung: Erst 1899 wurde die Freiheit der Unternehmensgründung eingeführt, das Gesetz für Gesellschaften mit beschränkter Haftung wurde erst 1906 verabschiedet (in Deutschland hingegen bereits 1892). Bis 1912 hatten 1.900 Firmen diese Rechtsform angenommen. Dabei hatten nicht einmal 200 dieser beschränkt haftenden Gesellschaften ein Stammkapital von mehr als 500.000 Kronen (ab dieser Höhe verfielen sie derselben exorbitanten Steuerprogression wie die Aktiengesellschaften). Während im Deutschen Reich mehr als 300 Gesellschaften über ein Stammkapital von jeweils mehreren Millionen Kronen verfügten, gab es in Österreich auch nur ein einziges solches Unternehmen.

Trotzdem kann die Zahl und das Kapital der Aktiengesellschaften nicht unbedingt mit der Periode 1867/1873 verglichen werden (damals nahm Österreich eine europäische Spitzenstellung ein, die in den folgenden Jahren restlos verloren ging). Denn der Aufschwung der österreichischen Wirtschaft von 1904 bis 1913 war trotz allem stark mit der Geschäftstätigkeit der zunehmenden Zahl von Aktiengesellschaften verbunden: Wurden 1904 573 anonyme Gesellschaften (ohne Eisenbahnen) gezählt (die ein Kapital von 2.217 Millionen Kronen repräsentierten), waren es 1913 822 im Handelsregister eingetragene Gesellschaften (mit 4.378 Millionen Kronen). 1910/1912 erreichte die Gründungstätigkeit einen Höhepunkt. Zu bedenken ist auch, dass die Macht der Aktiengesellschaften größer war, als sie hier erscheinen mag: Ihre stärksten Positionen hatte sie in den jungen, modernen Industriesparten (z.B. Elektrobereich) und in Schlüsselsektoren der Wirtschaft (Eisenproduktion und -verarbeitung, Waffenindustrie...). Das machte sie im Bündnis mit den Banken trotz der in ihrer steckengebliebenen Entwicklung zutage tretenden Rückständigkeit der österreichischen Ökonomie zu einem wichtigen Stein im Wirtschaftsgefüge der letzten Jahrzehnte der Monarchie.

 

Finanzkapitalistischer Sektor und Banken

Durch die Rückständigkeit im industriellen Bereich kam schon im 19. Jahrhundert der Entwicklung auf dem Sektor der Banken ganz besondere Bedeutung zu - und bis heute ist ja der Bankbereich eine wesentliche Stütze des österreichischen Imperialismus geblieben. Seit den wirtschaftsliberalen Reformen nach der niedergeschlagenen Revolution von 1848 hatte der Banksektor eine ganz besondere Stellung inne (erinnert sei hier an die in dieser Arbeit beschriebene Gründungsgeschichte der Creditanstalt). In Österreich waren es die Banken selbst, die der Industrie bei der Gründung von Aktiengesellschaften vorangingen. Und bis zum Ende der Monarchie war der Bankensektor vor allen anderen derjenige, der die meisten Aktiengesellschaften aufwies. Schon in der Gründerzeit waren mehr als 20% aller neuen Aktiengesellschaften auf Banken entfallen, wie überhaupt die großen auf Aktienbasis arbeitenden Banken eine beherrschende Rolle in der österreichischen Wirtschaft spielten.

Bevor wir uns genauer mit dem finanzkapitalistischen Sektor, also der Durchdringung von Bank- und Industriekapital, beschäftigen, ist ein Blick auf die Geschichte der Großbanken bis 1895 wichtig. Nach dem Krach von 1873 wandten sich unter dem Eindruck der Zusammenbrüche (nicht einmal die Hälfte der Banken überlebte) die übriggebliebenen Institute weniger riskanten Operationen zu: Aus dem industriellen Gründungsgeschäft zogen sie sich großteils zurück und investierten in weniger gefährliche Staatsschuldtitel etc. Erst in den 1890er Jahren (die Creditanstalt hatte seit 1880 inzwischen einen neuen Konkurrenten, die mit französischem Kapital gegründete k.k. privilegierte Österreichische Länderbank, bekommen) änderte sich die Geschäftspolitik wieder grundlegend:

Die Banken stiegen nun erneut und mit steigender Intensität ins industrielle Gründungsgeschäft ein. Jedes Bankinstitut versuchte, und das war das grundlegend Neue an der Situation, eine eigene Macht- und Einflusssphäre sich zu erobern. Entweder wurden Großunternehmen in Aktiengesellschaften umgewandelt oder neue Gesellschaften unter Bankenpatronanz gegründet. Von den neunziger Jahren her datiert die enge Verflechtung von Industrie- und Bankenwelt in Österreich. Dabei war dieser Prozess auch in Deutschland und anderen Ländern, die gerade eine Wandlung zu imperialistischen Staaten durchmachten, zu beobachten, allerdings war er in Österreich durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet, die auf eine besonders enge Verbindung der beiden Bereiche hinwirkten: Zum ersten fiel diese neue Phase, diese neue Strategie der Bankpolitik in die Entstehungszeit der österreichischen Großindustrie überhaupt, die gerade in den neunziger Jahren bedeutende Schritte vorwärts machte. Diese stand daher sozusagen von ihrer zartesten Jugend an unter der Patronanz des Bankkapitals (März, Socher: Währung und Banken in Cisleithanien; in: Brusatti, S. 348). Und zweitens war daher das Verhältnis von Industrie- und Finanzkapital weit stärker als in anderen Ländern durch einen Vorrang der Aktienbanken, also durch eine Vorrangstellung des Finanzsektors, bestimmt.

Bei dieser besonderen Stellung der Banken im gesamten imperialistischen Gefüge Österreichs nimmt es nicht wunder, dass der Konzentrationsgrad gerade hier besonders weit fortgeschritten war. In den neunziger Jahren vergrößerte sich das Filialnetz der großen Banken rasch, womit auch bisher von Geldtransaktionen nur wenig durchdrungene Gebiete in die modernen kapitalistischen Zahlungs- und Finanzierungsformen eingebunden wurden und der Konkurrenzkampf unter den Banken erheblich zunahm. Ehemals unabhängige Privatbanken wurden nun in Zweigstellen umgewandelt und ins Filialnetz der Großbanken einbezogen. 1900 machten die kleinen Banken (diejenigen mit weniger als 10 Millionen Kronen Aktienkapital werden hierher gezählt) zwar der Zahl nach 53% aller Institute aus, die als Kapitalgesellschaften organisiert waren, 1913 sogar 64%, aber auf sie entfielen 1900 nur 13% des Aktienkapitals im Bankensektor, 1913 gar nur mehr 10,4%. 1913 verfügte ein Siebtel aller Banken bereits über 67% des Aktienkapitals, 85% des Aktienkapitals repräsentierten 8 der 18 Wiener Aktienbanken.

Daneben gab es Verflechtungen zwischen den einzelnen Banken: Die Creditanstalt führte eine Bankengruppe, der auch die Galizische Bank für Handel und Industrie (Krakow/Krakau), die Galizische Bodencreditbank (Lwow/Lemberg) und u.a. die Bielitz-Bialer Escompte- und Wechselbank (Bielitz) angehörte, zur Bankengruppe des Wiener Bankvereins gehörten die Böhmische Union-Bank (Praha/Prag), die Banca Commerciale Triestina (Trieste/Triest) und die Bukowinaer Bodencreditanstalt (Cernovcy/Czernowitz). 1907 wurde die Zusammenarbeit der Banken durch die Gründung eines Kartells vertieft. Besonders ab 1904 schlossen sich verschiedene Großbanken auch zur Durchführung einzelner größerer Vorhaben bei industriellen Gründungen zusammen (beim staatlichen Anleihegeschäft war dies auch schon vorher üblich gewesen). Häufig arbeiteten hier die Credit-Anstalt und die Bodencredit-Anstalt zusammen. Dies wurde bei den immer häufiger werdenden Fusionen großer Industrieunternehmen wichtig (v.a. im Bereich der Schwerindustrie, dem Maschinenbau und der Elektroindustrie), bei der solche Bankenkonsortien eine wichtige Rolle spielten.

Entsprechend ihrem Gewicht in der österreichischen Wirtschaft waren auch ihre Tätigkeitsbereiche äußerst vielschichtig. Mit drei wollen wir uns hier genauer beschäftigen: Zuerst einmal dem "normalen" Kreditgeschäft. Mit Ausnahme von Dänemark und der Schweiz dürfte in keinem Land Europas die Bedeutung des Kredits für Investitionen eine größere Rolle gespielt haben als in Österreich und dem Deutschen Reich (vergleiche hierzu Good, S. 184f.). Viele dieser Kredite wurden zwar als kurzfristige vergeben, wurden aber immer wieder verlängert und damit da facto versteckte Beteiligungen der Banken an Industrieunternehmen - 1913 dürften rund 16% aller "kurzfristigen" Kredite in der österreichischen Textilindustrie diese Funktion erfüllt haben.

Zweitens beschäftigten sich die Banken stärker als in anderen Ländern mit Warenkommissionsgeschäften. Besonders nach 1873, als die Banken weniger riskante Geschäfte suchten, wurde der Verkauf von Zucker und anderer Agrarprodukte, Petroleum, Holz usw. von den Banken organisiert. Auch dieser Bereich war stark konzentriert: 1905 schlossen vier große Wiener Banken z.B. 63 Kaufverträge mit Zuckerunternehmen ab - die Gewinne aus solchen und ähnlichen Unternehmungen dürften bei der Credit-Anstalt bis zu einem Viertel ihrer Gesamteinnahmen betragen haben (Good, S. 185).

Und drittens waren die großen Banken natürlich auch in der Gründung von Industrieunternehmen engagiert. Hatte in der Gründerzeit z.B. die Creditanstalt eine wichtige Rolle im Eisenbahnbau und in der Gründung neuer Unternehmen gespielt, so beschränkten sich die Banken bis in die neunziger Jahre vorwiegend auf die Konsolidierung ihres Aktienbesitzes. Dann begannen die Gründungen von Aktiengesellschaften durch Banken neuerlich zuzunehmen, um dann im 20. Jahrhundert gewaltige Dimensionen anzunehmen. 1895 verfügten 15 Aktienbanken über 93,5 Millionen Kronen an Unternehmensaktien, 1905 bereits über 252,5 und 1913 über 359 Millionen Kronen. Zwischen 1907 und 1913 dürften die Großbanken an der Gründung von mindestens 126 großen Aktiengesellschaften in der ganzen Monarchie aktiv beteiligt gewesen sein. Führend war neben der Credit-Anstalt die Anglo-österreichische Bank (je 24 Neugründungen), daneben waren tschechische Banken für die Gründung von 27 Unternehmen verantwortlich.

Ein großer Teil der Aktien wurde von den Banken nicht weiter veräußert, sondern verblieb bewusst in ihrem Besitz. Ursprünglich sollten die Aktien erst verkauft werden, wenn eine gewisse Wertsteigerung des neuen Unternehmens garantiert war, aber schließlich konzentrierten sich die Banken auf die Schaffung und Abrundung ihrer eigenen Bankenkonzerne. Fast die Hälfte (46,8%) aller Aktien entfiel in den Sektoren Bergbau und Hüttenindustrie, Maschinenbau und Metallbearbeitung auf die neun größten Wiener Banken, darauf folgten die chemische, die Textil- und die Elektroindustrie, die Nahrungs- und die Zuckerindustrie. Größter Aktieninhaber war die Creditanstalt mit 24,6% des gesamten Industrieaktienkapitals, das in der Hand von Banken war), darauf folgte der Wiener Bankverein (mit 18,7%) und die Niederösterreichische Escompte-Gesellschaft (15%). Schätzungsweise dürften bei den österreichischen Kapitalgesellschaften vor dem Ersten Weltkrieg 53% des gesamten Kapitals in der Hand der Banken gelegen haben, in Bergbau und Hüttenindustrie waren es 73%, in der Zuckerindustrie 80% und im Maschinenbau sogar 100% (Good, S. 188).

Die verschiedenen Banken neigten dabei verschiedenen Unternehmensgruppen, verschiedenen Industriebereichen zu: Die Länderbank war engagiert in der elektrotechnischen Industrie und der ungarischen Schwerindustrie, die Bodencredit-Anstalt in der österreichischen Maschinenindustrie, die Böhmische Unionbank in der Elektroindustrie, die Anglobank und die Union-Bank in der chemischen Industrie, die Escompte-Gesellschaft in der böhmischen Montanindustrie und die Credit-Anstalt neben der chemischen Industrie (einschließlich Petroleum), in der Zucker-, Textil- und Spirituosenerzeugung sowie der böhmischen Metallindustrie. Auf die Kartelle, die auch in diesem Zusammenhang wichtig wären, wird noch einzugehen sein.

Der Einfluss der Großbanken auf die Industrie, die Verschmelzung im imperialistischen Sinne zwischen diesen beiden Bereichen bedingten aber auch eine personelle Verflechtung. Schon vor 1918 war die Vermischung von Vorständen und Aufsichtsräten aus Bank und Industrieunternehmen weit fortgeschritten: 1917 hatten die Aufsichtsrats- bzw. Vorstandsmitglieder der Creditanstalt 194 Aufsichtsratsmandate in anderen Banken oder großen Industrieunternehmen inne; 26 der höchstrangigen Angehörigen von Wiener Banken gehörten mindestens zehn verschiedenen Aufsichtsräten anderer Aktienbanken oder Industrieaktiengesellschaften an. Ähnlich war die Situation auch am zweitwichtigsten Bankplatz des österreichischen Reichsteils - Praha/Prag: Der Erste Direktor der bei weitem bedeutendsten Prager Bank, der Zivnostenka Banka, saß in 20 verschiedenen Aufsichtsräten (Good, S. 188 f.). Doch all das war keine Einbahnstraße: So saß der Direktor der P.E.G. (des führenden Bergbau- und Hüttenunternehmens in Böhmen) im Aufsichtsrat der Böhmischen Escompte-Bank, der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft und seit 1899 auch der Creditanstalt, ein schönes Beispiel für die Personalunion von Bank und Industrie.

All das zeigt, dass Eduard März wohl nicht falsch liegt, wenn er sagt, dass "die Großbanken wohl in keinem Land eine für das Wirtschaftsleben so bestimmende Rolle spielten wie in der österreichischen Monarchie" (März, Bankpolitik, S. 372). Dass Banken und industrieller Sektor in der Epoche des Imperialismus sich zunehmend durchdringen, ist nichts Besonderes. Aber die besondere Stellung von Banken und Industrie zueinander und der Ausgangspunkt für diese Verschmelzung und Durchdringung, das Vorauseilen des Bankbereichs in der Organisationsform, die Größe der Creditanstalt und damit des Aktienbankensektors von seinen Anfängen an - all das sind Faktoren, die bis heute in der dominierenden Stellung des Bankbereichs in der österreichischen Wirtschaft nachwirken.

Auf die internationalen Geschäfte der Banken, neben dem Geschäft mit den österreichischen staatlichen Anleihen der letzte Standpfeiler des österreichischen Bankwesens, soll weiter unten Bezug genommen werden. Zusammenfassend wollen wir hier den Ministerialsekretär im k.k. Finanzministerium, Eugen Lopuszanski, zur Bedeutung der Aktien- (oder nach damaligem Sprachgebrauch Mobil-) Banken im Jahre 1908 zitieren:

"Diese Mobilbanken betreiben mit ihren enormen Kapitalsmitteln alle Zweige des laufenden Bank-, sowie des Gründungs- und Emissionsgeschäfts. Ohne für ihre Gebarung örtliche Grenzen zu kennen, begründen sie ihren Einfluss in allen Produktionszweigen. Ohne ihre Zustimmung und Mitwirkung kann fast keine, irgendwelche größere Geld- und Kapitalsbewegung bedingende Transaktion durchgeführt werden. Sie bestimmen schon fast die Grenzen der Tätigkeit des freien Kapitalmarktes, dessen Zentralorgan die Wiener Börse bildet. Ihre Geld-, Kredit- und Anlagenpolitik ist für das Gedeihen von tausend volkswirtschaftlichen Unternehmungen und von ganzen Unternehmenszweigen maßgebend."

Und zusammenfassend:

"Wenn im Vorstehenden von einem Steigen der Macht der großen Mobilbanken gegenüber der Industrie die Rede war, so ist hiermit die Frage nach der wirtschaftlichen Macht der Banken noch nicht erschöpft. Die großen Mobilbanken bilden heute einen nach allen Richtungen bedeutenden Machtfaktor im Staate" (Eugen Lopuszanski: Einige Streiflichter...).

 

Kartellvereinbarungen  und Verbände

Neben der Dominanz des Banksektors ist ein zweites hervorstechendes Kennzeichen des Imperialismus der k.k. Monarchie eine Kartellbewegung, die für die Wirtschaft des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts typisch wurde. Österreich hat eine lange Tradition von ähnlichen Organisationsformen, die der formellen Gründung des ersten Kartells 1878 vorausgingen. Einflussnahme auf die Zollpolitik in Richtung auf eine stärkere protektionistische Berücksichtigung der eigenen Interessen war ein Hauptbeweggrund, ein zweiter Preis- und Marktanteilsvereinbarungen.

Nicht zufällig wurde das erste moderne Kartell in Österreich zur Abwehr der Krisenfolgen von 1873 und der nachfolgenden Depression abgeschlossen - von Erzeugern von Eisenbahnschienen. Die ersten Kartelle, diese "Kinder der Not", sollten "dem Sinken der Preise, das durch die Überproduktion der vorhergegangenen Jahre veranlasst worden war (...) Einhalt gebieten", wie der erste Theoretiker des Kartellwesens in Österreich, Friedrich Kleinwächter, 1883 bemerkte (zitiert nach Brusatti, S. 137).

Nach der Jahrhundertwende verstärkte sich die Kartellbewegung - von 1900 (57) auf 1905 schon 100 und schließlich 1912 auf 200. Große Teile der Wirtschaft wurden kartellmäßig durchdrungen. Das Eisenkartell - das erste und umfassendste Kartell - arbeitete mit Produktionsquoten, die entsprechend den Binnenmarktanteilen vergeben wurden (ohne den Export, wie das reichsdeutsche Gegenstück, einzubeziehen). 95% der Halbfertigeisen, 93% der Drähte und Kabel, 90% der Eisenstangen, Weichen und Gusseisenprodukte, 85% des Stahls etc. waren davon betroffen. Von den Brauereien bis zur Erdölindustrie (die 1908 einen Landesverband als Produzentenvertretung gründete), von der Zuckerraffinierung bis zur Spirituosenerzeugung wurde die österreichische Wirtschaft durchorganisiert und der Wettbewerb limitiert.

Diese Bewegungsrichtung verstärkte sich ab 1900 und brachte verschiedenartigste Kartellvereinbarungen hervor: Konditions-, Preis-, Rayonierungs-, Kontingents- und Produktionsübereinkommen - gültig für einzelne Kronländer oder die gesamte Monarchie. Dazu kamen Vereinbarungen über Absatzregelung und Marktaufteilung sowie höhere Vereinbarungsformen,

"als die anfänglich noch lockeren und kurzfristigen Vereinbarungen immer fester wurden. Schließlich wurde nicht zuletzt unter dem Einfluss der Großbanken mit der Zentralisation des Einkaufs- und Verkaufsbereiches die Form eines Syndikates erreicht und der unmittelbare Verkehr zwischen Verbraucher und Produzent unterbrochen" (Brusatti, S. 138).

Bis in die letzten Jahre vor dem ersten imperialistischen Weltkrieg hielt diese Bewegung zu umfassenderen Kartellen und immer höher organisierten Vereinbarungen an. In der Kartellbewegung können wir dabei zwei - allerdings nicht deutlich voneinander abgrenzbare  - Phasen feststellen: Bis 1895 sollten mehr die Krisenfolgen limitiert werden, während - und auch das zeigt auf den Trendbruch Mitte der 1890er Jahre hin - ab diesem Zeitpunkt die Kartelle unter Führung der Großbanken nunmehr "in eine neue, aggressive, auf Marktbeherrschung abzielende Richtung einschwenkten" (Brusatti, S. 139). Dass diese Kartellbewegung von großer Bedeutung war, lässt sich daran ersehen, dass die Regierung des österreichischen Reichsteils die erste in Europa war, die 1897 ein Gesetz zur Regelung der Kartelle einbrachte.

Der größte Teil der Kartelle entfiel auf die Produktion, während auf Handel und Verkehr nur wenige Vereinbarungen abzielten. Aber in der ganzen Kartellbewegung ging der Anstoß weniger von Großbetrieben aus, die eine Monopolstellung erreichen wollten, sondern viel mehr von den Großbanken. 1910 standen die 36 bedeutendsten Kartelle unter der Leitung und Kontrolle von Banken. Diese versuchten damit, ihre Industriebereiche abzusichern und auszudehnen; die Bank bekundete oftmals mit der formellen Organisation des Kartellbüros auch nach außen hin ihr starkes Interesse an der "Befriedung" ihres industriellen Einflussbereichs. Aber diese Befriedung galt auch für die Beziehung der Banken untereinander. Mit der Gründung der österreichischen Kontrollbank 1914 schufen sich die Banken ein zentrales Instrument der Überwachung der Kartelle, aber auch zur Kontrolle der involvierten Bereiche: Deren Tätigkeit erstreckte sich auf die Führung von Syndikaten, Zentralverkaufs- und Kontrollbüros, und erstreckte sich

"ferner auf die Überwachung der Vereinbarungen der Kartelle und auf die Vermittlung von Handelsgeschäften zwischen Erzeugern und Händlern. In manchen Fällen war die Kontrollbank die einzige Verkaufsstelle oder das Verkaufsbüro der kartellierten Firmen; in anderen Fällen verrechnete sie die Aufträge und Verkäufe der Kartellmitglieder und überwachte die Aufteilung des Absatzes" (März, Bankpolitik, 371).

Damit kam die Kartellbewegung zu einem vorläufigen Abschluss - die Banken hatten ihre Bedeutung auch in diesem Bereich sinnfällig unter Beweis stellen können.

 

Internationales Engagement

Ein weiteres wichtiges Kennzeichen des imperialistischen Stadiums des Kapitalismus ist eine Internationalisierung der Produktion und des Kapitals. Auch in diesem Bereich gibt es Belege, die eindeutig den imperialistischen Charakter der österreichischen Monarchie beweisen. Nach dem vorher Gesagten ist es eigentlich verständlich, dass die Internationalisierungsbemühungen des österreichischen Kapitals vor allem solche des Bankkapitals waren. Bei der Betrachtung der Internationalisierungstendenzen in den letzten beiden Jahrzehnten der Monarchie ist aber zu bedenken, dass österreichisches Kapital aufgrund des Entwicklungsgefälles große Möglichkeiten in der Monarchie selbst hatte: Erst einmal ist hier auf die rückständigen, noch kaum vom modernen Industriekapitalismus durchdrungenen Kronländer zu denken, und zweitens darf Ungarn - das Zielland für österreichischen Kapital"export" - nicht vergessen werden.

Doch auch was die internationalen Engagements betrifft, waren vor allem die Jahre nach der Jahrhundertwende von einem Aufstieg und einer Zunahme geprägt. So war die Creditanstalt neben marokkanischen und chinesischen Anleihegeschäften vor allem auch am Balkan engagiert - in Bulgarien, Rumänien und dem Osmanischen Reich. Im Vordergrund standen aber das deutsche Anleihegeschäft und besonders das russische (die zaristische Regierung versuchte 1906 das durch den russisch-japanischen Krieg erschütterte Gleichgewicht des Staatshaushaltes mit einer großen internationalen Anleihe wieder herzustellen). Die Creditanstalt als Flaggschiff der österreichischen Internationalisierungsbemühungen war daneben auch an der Ausbeutung der nahöstlichen und der kaukasischen Erdölvorkommen beteiligt.

Die vorherrschende Stellung des Bankbereichs in der österreichischen Wirtschaft darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Cisleithanien vor dem Ersten Weltkrieg mehr Kapital importierte als Kapital exportierte: Im Jahr 1901 waren österreichische Wertpapiere im Wert von 6,8 Milliarden Kronen in ausländischem Besitz, das waren 35% der Gesamtsumme, während ausländische Papiere in österreichischer Hand nur im Werte von etwa einer Milliarde Kronen waren - fast ausschließlich im Besitz der großen Aktienbanken. Ein stärkeres Engagement österreichischen Kapitals an ausländischen Banken gab es überhaupt nur gegenüber Deutschland: Die Creditanstalt hatte sich schon 1889 im Zuge einer Kapitalerhöhung mit einem Anteil von 1,3 (von 80) Millionen Reichsmark an der Darmstädter Bank beteiligt, und in den neunziger Jahren beteiligte sie sich an der Preußischen Seehandlungs-Societät und anderen deutschen Banken - allerdings mit einem insgesamt geringen Kapital. International waren die österreichischen Banken auch vorwiegend gemeinsam mit deutschen Instituten aktiv - und dies verstärkte sich nach der Marokko-Krise noch weiter, als Frankreich einen Großteil seines Geldes aus Österreich abzuziehen begann und dem Deutschen Reich das Feld überließ. Insgesamt waren also die Auslandsaktivitäten des österreichischen Kapitals vergleichsweise bescheiden und reflektierten sowohl den rückständigen Charakter der österreichischen Volkswirtschaft als auch die Tatsache, dass die Kapitalien in Österreich bzw. der Gesamtmonarchie selber noch genügend profitable Anlagemöglichkeiten vorfanden. Beim Auslandsengagement darf deshalb der Sonderfaktor Ungarn, Zielland für den Kapital"export" in der Gesamtmonarchie selber, nicht vergessen werden: 80% des Kapital"exports" der österreichischen Reichshälfte gingen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den ungarischen Reichsteil - womit das Verhältnis von Kapitalexport zu -import zwar immer noch negativ ist, sich aber entscheidend verbessert: Der Export deckt nach dieser Berechnungsmethode, der Ungarn, wohl mehr als problematisch, de facto als "Ausland" zählte, nun etwa vier Fünftel des Imports. Wie aber sah die Wirtschaftslage im Ungarn der letzten Jahre der Monarchie überhaupt aus? Mit dieser Frage wollen wir uns im folgenden Kapitel beschäftigen.

 

i)      Die Wirtschaftsentwicklung der ungarischen Reichshälfte

Die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie führte in Ungarn zu einer widersprüchlichen Situation. Einerseits brachte der gemeinsame Markt eines Landes mit mehr als 50 Millionen Einwohnern große Vorteile: Es kam zu einer großräumigen Integration, die Kapitalaufbringung wurde erleichtert und ermöglichte Investitionen auch in den weniger vom Kapitalismus durchdrungenen Gebieten, die die eigene Finanzkraft bei weitem überschritten hätten, und die Monarchie versuchte auch aus strategischen Gründen, die Infrastruktur in den östlichen und südöstlichen Gebieten der Monarchie auszubauen. Die Monarchie verfügte daher z.B. über ein im Verhältnis zu den östlichen Nachbarländern dichtes Schienennetz. Schließlich beschleunigte der gesicherte Absatzmarkt in Österreich die kapitalistische Umgestaltung der ungarischen Landwirtschaft.

Andererseits aber begünstigte der gemeinsame Markt insgesamt den stärkeren - österreichischen - Partner: Es kam nicht zu einem gleichmäßigen Ausbau der Ökonomien der einzelnen Kronländer und der beiden Bestandteile der Doppelmonarchie, sondern zu einer Spezialisierung - für Ungarn eben auf den landwirtschaftlichen Bereich. Auf dem geschützten Markt der Doppelmonarchie hatten auch die Industrien Österreichs, die am westeuropäischen Markt keine Überlebenschance gehabt hätten, ein gesichertes Auskommen. Vor allem aber behinderte die übermächtige österreichische Konkurrenz den Aufschwung einer eigenständigen ungarischen Industrie - so wie die österreichische Agrarwirtschaft dem Wettbewerb der ungarischen Landwirtschaft ausgesetzt war.

"Die wirtschaftliche Zusammenarbeit, die auf dem formell gleiche Vorteile sichernden gemeinsamen Markt verwirklicht wurde, förderte zwar einerseits in einzelnen Regionen den Aufschwung der modernen kapitalistischen Entwicklung, konservierte in anderen jedoch die wirtschaftliche Rückständigkeit" (Berend/Ranki, in: Brusatti, S. 465).

Besonders nach der Jahrhundertwende waren deshalb die wirtschaftspolitischen Bestrebungen in Ungarn darauf gerichtet, hohe Zollmauern, die Österreich-Ungarn von der Außenwelt abschirmten, auch innerhalb der Monarchie wieder aufzurichten. Die Interessen waren in Ungarn auf eine Unterminierung des gemeinsamen Marktes und auf die Errichtung eines selbständigen Zollgebietes mit der Möglichkeit eigener Außen-, aber auch Binnenzölle gerichtet.

Von besonderer Bedeutung war in der ungarischen Wirtschaftsentwicklung des 19. Jahrhunderts der Einfluss des ausländischen Kapitals gewesen - nach 1848/1849 war Ungarn in seiner bescheidenen Industrialisierung nahezu restlos von internationalen Kapitalgebern abhängig gewesen - und noch in der Gründerzeit 1867/1873 war 60% der ungarischen Kapitalbildung durch ausländische Investitionen zustande gekommen. Nochmals zur Klarstellung: Österreich wird in allen diesen Statistiken nicht als die andere Reichshälfte betrachtet, sondern zum "Ausland" gerechnet! gezählt! Langfristig sank der Auslandsanteil zwar (auf 1900 bis 1913 ca. 25%), aber von 1867 bis 1914 wurden 40% der Gesamtinvestitionen vom Ausland getätigt. Wichtigster Geldgeber war - wir sagten es bereits - Österreich. Ungarn war in seiner Wirtschaftsentwicklung aufs stärkste von internationalen Geldgebern abhängig: 54,6% der Staatsschuld war 1910 im Ausland platziert (davon 23,2% in Österreich), ähnlich sah es bei Pfandbriefen und Kommunalobligationen aus. Hypothekarkredite und die Beteiligung am ungarischen Eisenbahnnetz waren weitere Formen des Auslandsengagements - 70% der Eisenbahnobligationen waren nicht in ungarischer Hand (hier spielten neben österreichischen vor allem deutsche Geldgeber eine entscheidende Rolle). Und schließlich wäre als letzte wichtige Form die Beteiligung an ungarischen Kreditinstituten und Industrieunternehmen zu nennen: 55% der Aktien der führenden ungarischen Banken (die eine ähnliche dominierende Stellung innehatten wie in Österreich) waren in Auslandsbesitz - vornehmlich in der Hand österreichischer Finanzgruppen: Jede Großbank hatte ihren Budapester Ableger.

Ungarn hatte sich schneller vom Krach 1873 als Österreich erholt und förderte den Aufbau einer eigenen Industrie ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts - unter Federführung von ausländischen (vornehmlich österreichischen) Kapitalgruppen. So muss auch das starke Anwachsen von Aktiengesellschaften erklärt werden: Behinderte Österreich die Gründung von Kapitalgesellschaften und besteuerte sie diese besonders ab 1898 unverhältnismäßig hoch, gewährte Ungarn neugegründeten AG’s eine 15jährige Steuerbefreiung...

Das Tempo der Industrialisierung war besonders um die Jahrhundertwende sehr hoch - und auch in Ungarn zeigte sich ein für die späte Industrialisierung typisches Phänomen: Während das Gewerbe noch auf vorkapitalistischer Basis produzierte, wies die Fabriksindustrie einen besonders hohen Konzentrationsgrad auf: In den 0,9% aller Industrieunternehmen ausmachenden Großbetrieben arbeiteten 1900 schon 51% aller in der Industrie Beschäftigten - ein schönes Beispiel der kombinierten und ungleichen Entwicklung: Das Nebeneinander von Archaischem und Modernstem war typisch für die ungarische Industrialisierung. Wie in Österreich festigte sich auch in Ungarn ab den 1890er Jahren der Einfluss der Banken auf die Industrie (1913 kontrollierten 5 Großbanken das Stammkapital von 47% der Industrieaktiengesellschaften), kam es zu einer Welle von Kartellbildungen und konzentrierte sich die Industrieproduktion immer weiter. So kam es also in Teilen der Wirtschaft Ungarns bereits zum Übergang auf ein imperialistisches Stadium des Kapitalismus, als der Industrialisierungsprozess noch nicht einmal abgeschlossen und das Aufbrechen der traditionell-agrarischen Strukturen erst in vollem Gange war - ein Phänomen, das wir auch aus dem zaristischen Russland kennen.

Ungarn hatte vor dem Ersten Weltkrieg eine eigenartige Industriestruktur, die das Ergebnis der Zurückgebliebenheit, aber auch der übermächtigen österreichischen Industrie darstellte: Die unterentwickelte Textilindustrie konnte selbst 1913 erst 30% des inländischen Bedarfs decken - obwohl der Staat große Anstrengungen in ihrer Förderung unternahm (so wurde im heute slowakischen Ruzomberok nach der Jahrhundertwende einer der modernsten und größten Textilbetriebe der Monarchie gebaut). Andererseits verfügte Ungarn über eine große Eisen- und Elektroindustrie, Leichtindustrie hingegen fehlte weitestgehend. Bedeutend waren die Fortschritte am Gebiet der Lebensmittelindustrie, auf die um 1900 etwa 40% des industriellen Produktionsvolumens entfielen (gegenüber nur 5% der Textilindustrie). Budapest entwickelte sich nach Minneapolis (USA) zum weltgrößten Müllereizentrum, allerdings wurde in diesem Bereich neben modernster Technik immer auch noch archaisch produziert: 1906 waren erst 12% aller ungarischen Mühlen Dampfmühlen (die aber 57% erzeugten). Mehl wurde eines der Hauptexportprodukte Ungarns (bis um die Jahrhundertwende stammte ein Drittel aller deutschen Mehlimporte aus der österreichisch-ungarischen Monarchie).

Die dominierende Stellung der Mühlenindustrie lässt sich daraus ersehen, dass um die Mitte der 1860er Jahre 73% der gesamten industriellen Wertschöpfung auf sie entfiel, und erst in den letzten Jahren der Monarchie konnte die Eisenindustrie die Mühlen überflügeln (1913: 37,9% zu 39,7%). Aber obwohl sich Ungarn sprunghaft industrialisierte und um die Jahrhundertwende bereits imperialistische Züge aufzuweisen begann, blieb es andererseits doch ein rückständiges Agrarland. Nach der Volkszählung von 1869 waren in Ungarn 80% der Bevölkerung der Landwirtschaft zuzuzählen, 1900 waren es 68,4% und 1910 immer noch 64,5%, zur Industrie wurden 1910 17,1% der Beschäftigten gezählt. Damit lag Ungarn in der Entwicklung etwa vier Jahrzehnte hinter dem österreichischen Reichsteil und ein gutes halbes Jahrhundert hinter den fortgeschrittensten Ländern Westeuropas.

Trotzdem wäre es zu einfach, das traditionelle Geschichtsbild der entwickelten österreichischen und der rückständigen ungarischen Reichshälfte zu übernehmen: Stimmt das Bild zwar im generellen, dürfen doch die regionalen Entwicklungsunterschiede innerhalb der Monarchie - auch des österreichischen Reichsteiles - nicht übersehen werden: Schon 1890 hatten auch weniger entwickelte Teile Ungarns - etwa die Ostteile Ungarns, Siebenbürgen, Slawonien oder große Teile von Oberungarn, wie die Slowakei damals genannt wurde - ein höheres Niveau erreicht als die besonders rückständigen Kronländer Cisleithaniens: (zumindest der Ostteil von) Galizien und die Bukowina.

Aber nicht nur die Entwicklung der Industrie, auch die der Landwirtschaft verlief in Ungarn auf eigenen Bahnen. Denn an der Basis der ungarischen Landwirtschaft änderte sich seit 1867 wenig - Grundlage blieb nach wie vor der Großgrundbesitz. Allerdings polarisierten sich die Besitzgrößen besonders ab den 1880er Jahren: Einerseits kam es noch zu einem Zuwachs der Kleinbauern auf Kosten der Mittelbauern und Kleinadeligen (bis zu 10% der Bevölkerung gehörte zu dieser Schicht), andererseits aber konnte sich der aristokratische Großgrundbesitz noch weiter stärken - von 1867 bis 1914 verdoppelte sich der Anteil der Latifundien (also der Besitze über 10.000 Joch - ein Joch entspricht dabei etwa 0,56 Hektar): Die 321 adeligen Großgrundbesitzer verfügten über etwa ein Fünftel des bebaubaren Bodens. Gerade diese aber konnten für den Export produzieren und führten vor allem Getreide und Vieh (die Viehzucht stellte 40% des in der Landwirtschaft erzielten Nationaleinkommens) aus.

Diese ländlichen Magnaten waren in Ungarn die Hauptprofiteure des gemeinsamen Zollgebietes, das sich um die Jahrhundertwende bereits immer mehr gegen den Import aus den westlichen Ländern, aber vor allem auch gegen landwirtschaftliche Billigeinfuhren aus dem Balkanraum abschirmte. Gerade deshalb waren auch die ungarischen Großgrundbesitzer unter den glühendsten Verfechtern der Schutzzollpolitik. Damit konnten - auch um den Preis internationaler Verwicklungen - z.B. die serbischen Agrarexporte in die Monarchie minimiert werden: Über Serbien, das zu 90% von der Ausfuhr von Lebensmitteln abhängig war, wurde auf Intervention der ungarischen Großgrundbesitzer 1906 eine Viehimportsperre verhängt - 83% der serbischen Exporte mussten umgelenkt werden. Dieser Schweinekrieg trug entscheidend zur Verhärtung der Fronten am Balkan und zur verstärkten (auch ökonomischen) Anlehnung Serbiens an Russland und Frankreich bei. Und auch mit Rumänien führte Österreich-Ungarn einen regelrechten Zollkrieg.

War nun auch Ungarn trotz seiner Rückständigkeit ein imperialistisches Land? Erst einmal ist diese Rückständigkeit, und zum Beispiel die Tatsache, dass vorwiegend Kapital importiert wird, für sich genommen noch kein Argument gegen einen möglichen imperialistischen Charakter. Wir sehen das am insgesamt wohl noch um einiges rückständigeren zaristischen Russland. Von seiner Struktur her war Ungarn vor 1914 ein Produkt der ungleichen und kombinierten Entwicklung: Die Rückständigkeit der sozialen Verhältnisse kombinierte sich mit imperialistisch durchstrukturierten Sektoren der Industrie und des Bankwesens sowie mit einer - auf der Basis adeligen Großgrundbesitzes - schon teilweise kapitalistisch und für den modernen Markt betriebenen Landwirtschaft. Und schließlich vermittelte sich der imperialistische Charakter Ungarns über den Gesamtstaat der Monarchie, in dessen Arbeitsteilung Ungarn trotz aller Versuche größerer ökonomischer und politischer Ellbogenfreiheit eingebunden blieb: Die bereits zitierte Ehe von Weizen und Textilien hielt bis zum Ersten Weltkrieg, ja die Verbindung wurde trotz aller politischen Erosionserscheinungen noch enger - denn weder Österreich noch Ungarn konnte auf den Markt der anderen Reichshälfte der Monarchie verzichten: Die hohen Zollmauern, die die Monarchie nicht nur schützten, sondern sie auch zunehmend isolierten und insgesamt ein Zeichen der ökonomischen Schwäche waren, führten zu einem immer stärkeren Angewiesensein auf den Markt des anderen.

In diesem Sinne war Ungarn schwächerer, aber doch integraler Bestandteil eines imperialistischen Gesamtstaates, das aufgrund seines Rückstandes in der ökonomischen Umwandlung nicht nur viele nicht-imperialistischen Elemente mitschleppte, sondern sogar noch vorkapitalistische Elemente und Strukturen mitschleifte - ein schwacher, rückständiger und abhängiger Imperialismus eben. Genau dadurch aber, dass sich der imperialistische Charakter Ungarns erst in der Verbindung mit dem dominierenden österreichischen Reichsteil manifestierte, lag trotz seines eigenen ökonomischen "Aufgaben"bereiches seine besondere Schwäche: Ungarn könnte in gewissem Sinne als Imperialismus auf Zeit beschrieben werden - denn mit dem Zerfall der Monarchie (und die Aufrechterhaltung der Großmachtstellung Österreich-Ungarns war der beste Garant für den notwendigen Zerfall des gemeinsamen Staates) wurde die Basis des ungarischen Imperialismus unterminiert. In gewissem Sinne wiederholte sich in der Zwischenkriegszeit im Verhältnis der tschechischen Bourgeoisie zu den slowakischen und karpatho-ukrainischen Landesteilen die Geschichte wieder - auch hier war der Gesamtstaat vom Charakter her eine imperialistische kapitalistische Ökonomie, in der eben die östlichen Gebiete der CSR zwar integrale, aber doch rückständige Landesteile bildeten.

 

j)     Die Schwächen der „belle epoque“

Wir wollen uns nun mit den Schwächen des österreichischen Wirtschaftswunders beschäftigen - es wird sich herausstellen, dass trotz aller Erfolge in den letzten Jahren der Monarchie der wirtschaftliche Aufholprozess auf tönernen Füßen stand. Wir werden uns zuerst mit einer Reihe von politischen Problemen auseinandersetzen, die die Wirtschaftsentwicklung der Monarchie negativ beeinflussten, um dann im zweiten Teil auf einige der wichtigsten ökonomischen Problembereiche überzugehen.

Ein erstes politisches Problem stellten die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der ungarischen und der österreichischen Reichshälfte dar: Der wirtschaftliche Ausgleich, der alle zehn Jahre erneuert werden musste und die grundlegenden zoll-, handels- und währungspolitischen Weichenstellungen vorzunehmen hatte, war jedes Mal von erbitterten Polemiken über Nutzen und Risken des gemeinsamen Wirtschaftsraumes begleitet. Und in Ungarn wurden die Stimmen, die auf eine Beendigung des Zoll- und Wirtschaftsbündnisses drängten, in den letzten Jahren der Monarchie immer lauter. Ökonomische Begleitmusik dieser Situation waren gegenseitige Behinderungen im "Export" nach der jeweils anderen Seite der Leitha, waren Versuche, die Stellung des Partners durch den Aufbau eigener importsubsituierender Industrien (in Ungarn) und die Subvention der eigenen landwirtschaftlichen Produktion (in Österreich) zu untergraben.

Zweitens, und hier waren die ökonomischen Auswirkungen nicht weniger gravierend, wirkte sich gerade in den fortgeschrittenen böhmisch/mährisch/schlesischen Gebieten der Gegensatz zwischen deutscher und tschechischer Bourgeoisie, zwischen Deutschen und Tschechen nachhaltig aus. Der Nationalismus vergiftete ab der Jahrhundertwende das öffentliche Leben in Böhmen (Badeni stürzte 1897 über eine Sprachenregelung, die in gemischtsprachigen Gebieten die Beherrschung beider ortsüblicher Sprachen für die Beamten vorgesehen hätte), und das Erwachen der slawischen Völker führte nicht nur dort zu zunehmender Erbitterung und permanentem Streit vor allem mit den dominierenden deutschsprachigen Bevölkerungsteilen. Nationalistische tschechische Politiker versuchten mit allen Mitteln, der von der deutschen Bourgeoisie dominierten Industrie ein nationales Gegengewicht entgegenzusetzen, während das deutsche Kapital mit Zähnen und Klauen an seiner Vormachtstellung festhielt (vom jüdischen Kapital und seiner besonderen Situation muss hier abgesehen werden). Für den Boykott nicht-tschechischer Waren wurde auf tschechischer Seite ebenso agitiert wie auf deutscher Seite für den Boykott nicht-deutscher. Gerade diese Unsicherheit, diese Abhängigkeit der Produktion und des Absatzes von den politischen Gegebenheiten behinderte die auf Massenabsatz angewiesene industrielle Produktionsweise. Die Österreichisch-Ungarische Bank schreibt in ihrem Geschäftsbericht für das Jahr 1900, dass

"in denjenigen Wirtschaftsgebieten, in welchen die industrielle und gewerbliche Produktion vorherrschend ist, politische und nationale Gegensätze, durch welche das Vertrauen gestört und Entfremdung in die sonst naturgemäß auf einmütiges Zusammenwirken angewiesenen Volks- und Gesellschaftsschichten hineingetragen wird, zur Hemmung der wirtschaftlichen Entfaltung wesentlich beigetragen"

haben (zitiert nach: März, Bankpolitik, S. 292).

So bewirkte das Vordringen des Nationalismus, dass ein großer Teil der Industrie den engeren Markt der eigenen Nation nicht überwand, ja sogar oft im überschaubaren lokalen Bereich verblieb, um das Risiko, Opfer eines national motivierten Boykotts zu werden, zu minimieren. Die zunehmenden nationalen Spannungen, die zentrifugalen Tendenzen führten dazu, dass selbst die herrschenden Schichten der kleineren Nationen auf den Aufbau eigener nationaler Industrien bedacht waren und sich dem Ziel der nationalen Autarkie verschrieben. Der zeitgenössische Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Hertz beklagte diesen Zustand nationaler Rivalität und ihre unmittelbaren ökonomischen Auswirkungen:

"Soweit noch keine nationalen Industrieunternehmen bestehen, wird sogar manchmal lieber die ausländische Konkurrenz herangezogen als der nationale Konkurrent der Monarchie" (zitiert nach Brusatti, S. 140).

All das zeigt, dass die Habsburger-Monarchie in ihrem Gesamtbestand um die Jahrhundertwende aufgrund der mit den traditionellen Mitteln unlösbaren Widersprüche bereits zu einem Hemmschuh der kapitalistischen Entwicklung wurde - die herrschenden Schichten der einzelnen Nationen paralysierten sich zunehmend gegenseitig und schwächten damit den wirtschaftlichen Fortschritt.

Ganz allgemein aber - und aus dem folgten einige gravierende wirtschaftspolitische Weichenstellungen - behinderte das verzweifelte Bemühen des kranken Mannes an der Donau, im Konzert der europäischen Großmächte gleichberechtigt, ja in der ersten Reihe mitzuspielen, die Umsetzung einer der Größe und der Wirtschaftskraft des Landes angepasste Wirtschaftspolitik. Das führte zu überproportional hohen Militärausgaben, weniger ökonomisch als politisch vermittelten Beziehungen nach außen und zu einer rasch steigenden Verschuldung im Ausland.

"Die langsame wirtschaftliche Entwicklung des alten Österreichs kann so nicht allein den natürlichen Strukturschwächen der österreichischen Volkswirtschaft angekreidet werden. Auch die unvollkommene Überwindung der feudalen Vergangenheit können wir nur insofern als fortschrittshemmend gelten lassen, als sie in der Form überalteter agrarischer Eigentumsverhältnisse und reaktionärer sozialer Einflüsse die rationelle Verwertung der produktiven Kräfte beeinträchtigte. Das entscheidende Gebrechen der Wirtschaftspolitik des alten Österreichs scheint uns in seiner unrealistischen Großmachtpolitik und in seinen übermäßigen Konzessionen (politischer sowie wirtschaftlicher Natur) an die großagrarischen Schichten der beiden Reichshälften begründet" (März, Bankpolitik, S. 375).

Dazu kamen aber noch die in diesem Zitat angesprochenen natürlichen Strukturschwächen der Monarchie, die Zurückgebliebenheit des Landes - sowie Reaktionen und eine Wirtschaftspolitik der österreichischen Regierungen, die diese Schwächen nicht überwinden halfen. Ein Hauptproblem war natürlich, dass das West-Ost-Entwicklungsgefälle mitten durch die Monarchie ging. Damit einher lief ein Anwachsen der inneren Gegensätze, die mit dem Wirtschaftsplan von Ministerpräsident Koerber (1901) verringert werden sollten: Die binnenwirtschaftliche Integration sollte durch infrastrukturelle Aufwendungen (Kanal- und Eisenbahnbauten, Ausbau des Triester Hafens...)  gefördert werden, eine zielbewusste Strukturpolitik zum Ausgleich des regionalen Wachstumsgefälles beitragen - all das blieb Papier: Das die Landeseinheit immer weiter untergrabende Gefälle in der Monarchie selbst konnte nicht beseitigt werden.

Ein großes Problem war der Außenhandel. So war die Zuckerindustrie zu zwei Dritteln vom Export über die Grenzen der Monarchie hinweg abhängig. Auch die österreichische Textil-, Holz-, Möbel-, Petroleum- und Maschinenindustrien waren auf die Ausfuhr angewiesen. Genau hier aber ergaben sich mehrfache Probleme: Zum ersten konnte der Export von österreichischen Industriewaren zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur mehr langsam gesteigert werden. Denn das "natürliche" Hinterland, der Balkanraum, erwies sich als immer unzugänglicher - nicht nur, weil die Balkankriege überhaupt den Markt aufs äußerste begrenzten, sondern auch, weil die österreichische Handelspolitik die Einfuhr von Agrargütern streng limitierte. Der agrarische Superprotektionismus (März) führte zu einer verhängnisvollen Absperrungspolitik gegenüber den Balkanländern. Und zweitens war der Protektionismus der Monarchie ein ganz besonderer - er schützte nämlich nicht nur den ungarischen Agrarmarkt, sondern auch die (österreichische) Industrie. Und die wichtigsten Industriezweige, wie die Montanindustrie, die Eisenverarbeitung und der Maschinenbau,

"führten ein beschauliches Dasein hinter den chinesischen Mauern des österreichischen Zolltarifs und vernachlässigten den für die technische Vervollkommnung unentbehrlichen Spezialisierungsprozess" (März, Bankpolitik, S. 374).

Wie die Industriepolitik insgesamt, die die kleingewerbliche Produktion gegenüber der großindustriellen begünstigte, konservierte also auch der Protektionismus, die Schutzzollpolitik Österreichs, eine rückständige Industriestruktur. Rudolf Hilferding beschreibt in seinem grundlegenden ökonomischen Werk, dem Finanzkapital, die Funktionsweise des österreichischen Protektionismus:

"So wird es zu einem eminenten Interesse der kartellierten Industrie, den Schutzzoll zu einer dauernden Einrichtung zu machen, der ihr erstens den Bestand als Kartell sichert und zweitens ihr gestattet, auf dem inländischen Markt ihr Produkt mit einem Extraprofit zu verkaufen. Die Höhe dieses Extraprofits ist gegeben durch die Erhöhung des inländischen Preises über den Weltmarktpreis. Diese Differenz hängt aber ab von der Höhe des Zolls. Ebenso unbeschränkt wie das Streben nach Profit wird so das Streben nach Erhöhung des Zolls" (Hilferding, Finanzkapital, S. 386).

Das Preisniveau in Österreich lag also über den Weltmarktpreisen und behinderte österreichische Industrien in ihren internationalen Engagements. Und eine zweite Schiene der Inflation machte sich nach der Jahrhundertwende für die breiten Massen zunehmend unangenehm bemerkbar: Die agrarischen Überschüsse schmolzen zusammen. Österreich-Ungarn blieb zwar Nahrungsmittelexporteur, aber ab 1900 mussten selbst in guten Jahren gleichzeitig auch Nahrungsmittel eingeführt werden. Die zu dieser Zeit steigenden Weltmarktpreise für Agrarprodukte wirkten sich auf den heimischen Märkten aus. Gleichzeitig aber konnte der steigende Bedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen, die aus dem Ausland bezogen werden mussten, nicht wettgemacht werden durch eine ebensolche Erhöhung in der Ausfuhr von Industriegütern: Die Konsequenz war ein steigendes Handelsbilanzdefizit ab 1907 (1906 konnte das letzte Mal ein Aktivum erzielt werden), das 1912 bereits über 800 Millionen Kronen betrug. Dementsprechend nahm auch die internationale Veschuldung Österreich-Ungarns in den letzten Jahren vor dem Weltkrieg rasch zu.

Trotz der wachsenden Schwierigkeiten, auf die österreichische Exporteure in Ungarn stießen, waren sie deshalb wie die ungarischen Großgrundbesitzer auf den Markt des anderen Teils der Monarchie angewiesen: In den letzten Jahren vor 1914 war Österreich Abnehmer von 80% der exportierten ungarischen Bodenfrüchte, 79% des Exports an Vieh und Viehprodukten und 89% der ausgeführten Nahrungsmittel und Getränke - insgesamt stieg der Anteil Österreich auf 74,1% des ungarischen Exports. Der Anteil Ungarns für den österreichischen Export war geringer, aber mit 40% ebenfalls beachtlich (bei Textilien waren es z.B. 1914 58,7%). Die Schwäche der österreichischen Exportwirtschaft, die sich zunehmend auf den von außen abgeschotteten ungarischen Markt konzentrieren musste, zeigt die Entwicklung des ungarischen Anteils am österreichischen Maschinen- und Anlagenexport: Der Anteil stieg von den 1880er Jahren bis 1914 von 25,7% auf 56,3% (Good, S. 101). Die geringere Konkurrenzfähigkeit österreichischer Waren am internationalen Markt lässt sich am relativ kleinen Ausfuhrsektor der Monarchie ablesen: Während etwa Deutschland 14,6% und Frankreich sogar 15,3% seines Bruttonationalprodukts 1914 exportierten, lag dieser Wert für Österreich bei sieben Prozent. Der Anteil Österreichs am gesamteuropäischen Handel sank von 1860 bis 1914 auch von 5,8% auf 5,6% geringfügig, während Russland oder Deutschland starke Gewinne verbuchen konnten.

All das war der Ausdruck der inneren Morschheit der Doppelmonarchie, die in den letzten Jahren immer stärker in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Deutschen Reich geriet. Es war aber auch Ausdruck dessen, dass die Monarchie trotz ihres Anspruchs, zu den Großmächten zu gehören, ein großes, relativ rückständiges Land geblieben war, in der die Industrie zwar in den westlichen und nördlichen Landesteilen dominierte, aber das doch über weite Strecken noch den Charakter eines Agrarlandes nicht abgestreift hatte. Die Bevölkerung der industrialisierten Gebiete der Monarchie muss 1914 um die 11 bis 12 Millionen Menschen betragen haben, kaum mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. Daher war auch der innere Markt beschränkt und wegen des niedrigen Lebensniveaus noch zusätzlich wenig aufnahmefähig: Das Pro-Kopf-Einkommen der berufstätigen Bevölkerung dürfte 1913 um 51% niedriger als in Großbritannien und um 38% niedriger als im Deutschen Reich gelegen haben - dabei sind die großen Unterschiede innerhalb des Reiches noch zu berücksichtigen! Die Monarchie trat deshalb innerlich zerrissen und trotz des Aufholprozesses des letzten Jahrzehnts auch ökonomisch mit schlechten Karten in den ersten imperialistischen Weltkrieg ein. Bevor wir uns aber abschließend mit der Ökonomie im Krieg beschäftigen, wollen wir noch einen Blick auf das Verhältnis zum Deutschen Reich werfen.

 

k)         Österreichs Beziehungen mit dem Deutschen Reich

Wir haben uns weiter oben im Kapitel Die Frage des Außenhandels und die Beziehungen mit dem Deutschen Zollverein bis 1866 bereits mit dem Verhältnis Österreichs zu den Staaten des Deutschen Bundes auseinandergesetzt. Wir wollen nun die Zeit von 1866 - also der Durchsetzung der kleindeutschen Lösung und dem Ausschluss Österreichs aus Deutschland - bis zum Kriegsausbruch 1914 genauer unter die Lupe nehmen. In diese Zeit fällt die Gründung des Deutschen Reiches unter preußischer Führung nach dem Sieg über Napoleon III. von Frankreich, in diese Zeit fällt aber auch der aggressive Aufholprozess des nunmehr geeinten Deutschland gegenüber den führenden kapitalistischen Mächten. Und schließlich fällt in diese Zeit auch der schließliche Übergang Österreich-Ungarns und Deutschlands zu einer Politik des modernen Imperialismus, wobei Österreich-Ungarn zunehmend in die Rolle des Juniorpartners von Deutschland gedrängt wurde - die Monarchie konnte zwar noch den Schein einer Großmacht aufrechterhalten, aber z.B. die Entscheidungen über Krieg und Frieden fielen 1914 nicht mehr in Wien, sondern schon in Berlin.

Die Ereignisse von 1866 hatten nicht zu einer Vergiftung des Klimas zwischen Österreich und dem entstehenden Deutschen Reich geführt - die Verdrängung Österreichs aus Deutschland (und damit die Verschiebung des Schwergewichts der Doppelmonarchie immer weiter nach Osten) war zwar eine bittere Pille, aber wurde ebenso wie die Errichtung des Deutschen Kaiserreiches in Versailles 1871 von den herrschenden Kreisen als Ereignis von unerbittlicher Logik hingenommen. Die gegenseitigen ökonomischen Beziehungen gestalteten sich im allgemeinen reibungslos: Beide Staaten orientierten sich am Freihandel, im Gründerboom wurde etwa eine Milliarde deutschen Kapitals in Österreich angelegt, und österreichische Banken beteiligten sich an der Gründung deutscher Institute - am Berliner Bankverein war der Wiener Bankverein führend beteiligt (das österreichische Institut musste dann im Gefolge des Krachs seinerseits wieder mithilfe deutscher Banken reorganisiert werden), ebenso die Wiener Unionbank und die Österreichische Vereinsbank an der Deutschen Union-Bank usw. Und in die Gründerzeit fiel auch der Beginn der engen geschäftlichen Zusammenarbeit von Deutscher Bank und Wiener Bankverein, die ihren Gipfelpunkt in der gemeinsamen Finanzierung der Bagdad-Bahn fand.

Aber mit dem Übergang von Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich auf die schutzzöllnerische Linie ergaben sich ernstliche Divergenzen auf wirtschaftspolitischer Ebene: Österreich-Ungarn kehrte noch in den 1870er Jahren zum Protektionismus zurück und hatte schon 1876 den zehn Jahre zuvor geschlossenen Handelsvertrag mit Deutschland gekündigt. Österreich wollte höhere Textilzölle, gleichzeitig aber Zollermäßigungen Deutschlands bei Wein und die Aufrechterhaltung der Zollfreiheit bei agrarischen Rohprodukten (Vieh, Getreide). Das Deutsche Reich seinerseits war dazu nur unter der für die ungarischen Großagrarier unannehmbaren Bedingung bereit, wenn Österreich-Ungarn seinerseits auf prohibitive Zollschranken gegenüber den Staaten Osteuropas, die im wesentlichen Agrarprodukte anzubieten hatten, verzichte. Die Einführung von Agrarzöllen 1879 im Deutschen Reich traf Österreich-Ungarn schwer - die österreichischen Viehexporte sanken wertmäßig von 100 Millionen Mark (1870) auf unter 40 Millionen (1890). Mit Niedrigpreispolitik versuchten die ungarischen Agrarier nun mit Erfolg, auf den Markt der österreichischen Reichshälfte auszuweichen - bis zu drei Viertel der exportierten Ernte nahm nun der cisleithanische Markt auf. Gleichzeitig aber wurden die ungarischen Grenzen gegenüber Rumänien, Bulgarien und Serbien geschlossen, was seinerseits die einst dominierende Marktposition der österreichischen Industriegüter am Balkan nachhaltig unterminierte. Hauptprofiteur dieser Situation war das Deutsche Reich, das aus der Entfremdung zwischen Österreich-Ungarn und den Balkan-Ländern am meisten ökonomischen Nutzen zog.

In den achtziger Jahren wurden die Zollmauern zwischen Deutschland und der Habsburger-Monarchie weiter erhöht: Das Deutsche Reich verschärfte seine Getreidezölle, während Österreich-Ungarn die Zölle u.a. für Metallwaren und Textilien, aber auch für Agrarprodukte hinaufsetzte. Während also das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn politisch und militärisch sich enger aneinander schlossen, verschlechterten sich die Bedingungen für den Handel untereinander. Diese widersprüchliche Situation hielt bis 1890 an, als unter Bismarcks Nachfolger Caprivi eine neue Handelspolitik eingeleitet wurde: Durch engere Handelsbeziehungen zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Italien und Rumänien sollte der Dreibund von 1883 gefestigt und ökonomisch gestärkt werden. Österreich-Ungarn senkte 1891 seine Zölle für deutsche Industrieerzeugnisse, während das Deutsche Reich die Einfuhr von Holz, Vieh und Getreide erleichterte.

Der Hintergrund für diese Caprivi-Verträge war ein doppelter: Erstens versuchte Deutschland einen mitteleuropäischen Block zu schaffen und u.a. Österreich-Ungarn enger an Deutschland zu binden. Zum zweiten aber gingen die Verträge davon aus, dass gegenüber denjenigen Ländern, in die der deutsche Export gesteigert werden sollte, auch die Einfuhr zu erleichtern sei. Und in diesen Überlegungen spielte Österreich-Ungarn eine wichtige Rolle - als außenpolitischer Verbündeter, aber auch als Handelspartner.

Österreich-Ungarn war ein wichtiger Markt für deutsche Produkte - besonders schwer wog, dass in zweifacher Hinsicht Deutschland bei den Handelsbeziehungen mit Österreich-Ungarn eine günstigere Ausgangsposition hatte: Zum einen exportierte Deutschland traditionell viel mehr nach Österreich-Ungarn, als es von dort importierte: Mit 11,6% nahm Österreich-Ungarn in der deutschen Ausfuhr hinter England den zweiten Rang ein, in der Einfuhr aber mit 7,8% erst die vierte Stelle hinter den USA, Russland und England. Andererseits aber war Deutschland der bei weitem wichtigste Handelspartner Österreich-Ungarns: 1912 lag Deutschland als Zielland der Exporte mit 39% weit vor England (9,1%), und bei den Einfuhren betrug der Anteil Deutschlands ebenfalls 39,3%, wieder vor Großbritannien mit 7%. Damit war Österreich-Ungarn einseitig auf Deutschland ausgerichtet und in viel stärkerem Maße ökonomisch vom Deutschen Reich abhängig als umgekehrt. Dazu kam, dass Deutschland hochwertigere Produkte nach Österreich lieferte als umgekehrt. Dasselbe Verhältnis, das wir im Handel innerhalb der Doppelmonarchie zwischen Österreich und Ungarn feststellten, finden wir nun wieder im Handel zwischen dem Deutschen Reich und der Donaumonarchie.

Was aber besonders schwer wog, die Schere zwischen Deutschland und der Monarchie schloss sich nicht: Natürlich, Deutschland war, was die Einwohner betraf, größer als Österreich-Ungarn, aber die Monarchie fiel gegenüber Deutschland im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts immer weiter zurück: Während die Monarchie ihre Eisenproduktion von 1870 bis 1913 versechsfachte, gelang dem Deutschen Reich eine Steigerung um das Elffache; die deutsche Ausfuhr betrug 1870 das Dreifache von Österreich-Ungarn, 1913 schon das Vierfache.

Diesem Ungleichgewicht entsprach auch die Entwicklung der Binnenwanderung zwischen diesen beiden Ländern: Bis 1895 war Deutschland ein Auswanderungsland. Seit 1871 hatten das Deutsche Reich fast 2,5 Millionen Menschen verlassen, Österreich-Ungarn knapp über 800.000. In der imperialistisch geprägten Hochkonjunktur ab Mitte der 1890er Jahre verließen bis 1913 aber nur mehr eine halbe Million Deutsche das Reich. In Österreich-Ungarn war die Situation anders - die Auswanderung nahm zu: Die Monarchie verließen 1,36 Millionen Auswanderer, je zur Hälfte aus Österreich und aus Ungarn. Gleichzeitig zu dieser halben Million Auswanderer zählte Deutschland aber etwa ebenso viele Einwanderer, von denen mehr als die Hälfte aus Österreich-Ungarn kam: 1910 lebten 635.000 Österreicher - die meisten davon slawischer Abstammung - im Deutschen Reich.  Auch das zeigt das Schwergewicht in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Demgegenüber gab es in die Donaumonarchie praktisch keine Einwanderung, statt dessen eine starke Binnenwanderung - nicht nur in die sprunghaft wachsende Haupt- und Residenzstadt Wien, sondern in alle Gebiete, in denen Arbeit zu erhoffen war: So emigrierten jährlich etwa 13.000 Personen aus dem Trentino, vor allem nach Vorarlberg und Tirol, und mehr als ein Viertel der Wiener Bevölkerung war 1910 in Böhmen, Mähren, Schlesien oder Galizien gebürtig. Hintergrund dafür waren die unzureichenden Lebensmöglichkeiten und die kapitalistischen Veränderungen in der Landwirtschaft.

Diesem ungleichen Verhältnis entsprach auch eine ebensolche ungleiche finanzielle Verflechtung. Auch hier war das Deutsche Reich tonangebend. Nachdem England und Frankreich im 19. Jahrhundert seit der Frühzeit der Industrialisierung in Österreich investiert hatten, wurde nun Deutschland der wichtigste Geldgeber - es konnte sogar Frankreich überrunden, das bis nach der Jahrhundertwende das wichtigste Ursprungsland ausländischen Kapitals in Österreich-Ungarn war. Deutsche Banken und Industrieunternehmen verfügten 1914 vor Ausbruch des Weltkrieges im Ausland über 23,5 Milliarden Mark Kapitalanlagen, davon 3 Milliarden in Österreich-Ungarn. Der französische Kapitalexport von umgerechnet 36 Milliarden Mark war zu 1,76 Milliarden nach Österreich-Ungarn geflossen (vor allem seit der zweiten Marokko-Krise 1911 mit stark sinkender Tendenz), während englische Kapitalanlagen in Österreich-Ungarn nur einen Wert von 160 Millionen Mark ausmachten. Die von deutschen Kapitaleignern gezeichneten europäischen Anleihen flossen zu 25% nach Österreich-Ungarn, das für seinen Finanzbedarf zu großen Teilen auf das Deutsche Reich angewiesen war.

Besonders seit den 1880er Jahren war deutsches Industriekapital immer massiver nach Österreich-Ungarn eingeflossen, deutsche Firmen wie Mannesmann, Krupp, Siemens & Halske, Deutz u.a. engagierten sich stark in Österreich-Ungarn und waren vor allem in den Leitsektoren der Wirtschaft, in den modernen Industriesparten (Elektroindustrie, Chemie...), führend beteiligt. So wurden etwa die meisten österreichischen Elektrizitätswerke unter Beteiligung deutscher Techniker mit deutschem Kapital gebaut.

Wichtig wurde die deutsch-österreichische Zusammenarbeit aber auch auf internationaler Ebene: Gemeinsam wurden von den Großbanken beider Länder internationale Anleihen gezeichnet, gemeinsam wurden einige große Projekte im Balkanraum und in Vorderasien von deutsch-österreichischen Gemeinschaftsunternehmen realisiert. Die Deutsche Bank und der Wiener Bankverein hatten 1890 den größten Teil der Aktien der Orientalischen Eisenbahnen im europäischen Teil des Osmanischen Reiches übernommen und gründeten mit einer Schweizer Bank in Zürich gemeinsam die Bank für Orientalische Eisenbahnen. Und auf die Beteiligung des Wiener Bankvereins an der Bagdad-Bahn (mit einer untergeordneten Beteiligung von 7,5%) wurde bereits hingewiesen. Ein zweites Beispiel der deutsch-österreichischen Zusammenarbeit war die Ausbeutung der rumänischen Erdöllager. Nachdem die Deutsche Bank sich 1903 an der rumänischen Erdölgesellschaft Steaua Romana beteiligt hatte, trat auch der Wiener Bankverein wieder in Aktion. Gemeinsam wurde die Deutsche Petroleum AG (DPAG) gegründet, von der der Wiener Bankverein ein Viertel der Aktien hielt (die anderen drei Viertel waren im Besitz von vier deutschen Banken, die Deutsche Bank allein hielt 55,5%). Die DPAG wiederum erwarb 94% des Aktienbesitzes der Steaua Romana.

Dort, wo der österreichische Imperialismus Engagement im internationalen Kapitalgeschäft entwickelte, geschah dies also nur zu oft als kleinerer Partner von übermächtigen deutschen Kapitalgruppen. Und die Anfänge von multinationalen Konzernen waren in Österreich von Anfang an eng mit dem deutschen Kapital verbunden. All das zeigt die beherrschende Stellung, die sich das deutsche Großkapital in zentralen Sektoren der österreichischen Wirtschaft vor 1914 erringen konnte. Es zeigt aber auch die Schwäche des österreichischen Imperialismus und die Tatsache auf, dass dieser nur in der Anlehnung an einen mächtigeren Gegner seine Rolle spielen konnte.

 

l)         Österreich-Ungarns Wirtschaft im ersten imperialistischen Weltkrieg

"Hat man eine giftige Natter an der Ferse, so tritt man ihr auf den Kopf und wartet nicht auf den tödlichen Biss ... Krieg, Krieg, Krieg!" Das soll die Reaktion des österreichischen Generalstabschef Conrad von Hörzendorf am Tag nach dem Attentat vom 28. Juni 1914 auf den Thronfolger Franz Ferdinand gewesen sein. Und trotz dieses Willens zum Krieg war die Monarchie auf einen längeren Kampf auch ökonomisch nur äußerst schlecht gerüstet.

Bereits die Balkankriege hatten der österreichischen Wirtschaft ab 1913 größere Verluste beschert und vor allem die exportorientierte Industrie getroffen - Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit waren die Folgen für das Proletariat. Die 1913 begonnene und noch nicht überwundene Krise verschärfte sich schlagartig mit Kriegsausbruch: In Österreich wurden 1914 im Zeichen des Kriegsstoßes über 15.000 Betriebe eingestellt, Aufträge storniert, über 200.000 Arbeitende entlassen. Die Börse wurde geschlossen, Kapitalflucht setzte ein. Daneben aber kam es zu einer Kriegskonjunktur in der Schwerindustrie, dem Bergbau und der chemischen Industrie, die anfänglich den Produktionsrückgang der anderen Industriezweige ausgleichen konnte. Schon von Beginn des Krieges an machte sich schmerzhaft die nicht ausreichende Rohstoffbasis der Monarchie und die Absperrung der Mittelmächte vom Weltmarkt bemerkbar. Bereits von 1914 an konnte die Kohleversorgung nicht sichergestellt werden, 1918 waren in Ungarn nur mehr 54% des Kohlebedarfs gedeckt, ein ebensolcher Mangel herrschte in der Textilindustrie, die schon 1915 kaum mehr den Bedarf für die Front sicherstellen konnte.

Mit zwei Hauptproblemen neben der sinkenden Produktion und dem Rohstoffausfall kam aber die Administration der Monarchie nicht zurande: dem Arbeitskräftemangel und der unzureichenden Ernährungsbasis. Der Friedensstand der k.u.k. Armee hatte 1913 450.000 Mann betragen, 1916 aber standen bereits 4,9 Millionen unter Waffen, die der Wirtschaft entzogen worden waren, 1917 dann schon mehr als 5 Millionen. Dazu kamen die ungeheuren Menschenverluste: Der Weltkrieg kostete in der Monarchie 1,2 Millionen Gefallene, dazu kamen noch 3,6 Millionen Verwundete, die nur teilweise im Hinterland einsetzbar waren, und 2,2 Millionen Kriegsgefangene - jeder dritte Gefangene des Ersten Weltkriegs war Angehöriger der k.k. Armee. In den letzten Kriegsjahren waren fast drei Viertel der kriegstauglichen männlichen Bevölkerung mobilisiert.

Trotz der sinkenden Wirtschaftsleistung fehlten daher bald Arbeitskräfte - besonders drückend war dieser im Bergbau (wo gut ausgebildete Fachkräfte fehlten), aber vor allem auch in der Landwirtschaft. In der ungarischen Industrie wurden zwar 60.000 Kriegsarbeiter (also für den Frontdienst Untaugliche, die aber unter Kriegsrecht in den Betrieben arbeiteten), 30.000 Kriegsgefangene und immer mehr Frauen eingesetzt (ihre Zahl in der Industrie stieg von 22,8% 1913 auf 28,2% 1917) - trotzdem blieb der Arbeitskräftemangel ein gravierendes Problem. Insbesondere die landwirtschaftliche Produktion litt schwer: Durch den geringen Mechanisierungsgrad konnten fehlende Arbeitskräfte einfach nicht ersetzt werden. In Ungarn - besonders wichtig für die Versorgung als landwirtschaftliches Überschussgebiet - wurden mehr als 2,5 Millionen arbeitsfähige Bauern der landwirtschaftlichen Produktion entzogen. Und trotz aller Anstrengungen (so wurden gerade hier viele Frauen und Kriegsgefangene eingesetzt) konnte schon ab 1915 in der Erntezeit die fehlende Arbeitskraft nicht ersetzt werden. Dazu kam der sinkende Pferdebestand, da die Pferde als Zugtiere für die Armee herangezogen wurden: Schon 1915 standen der Landwirtschaft Ungarns ein Drittel weniger Pferde als vor dem Krieg zur Verfügung. Auch der Viehbestand nahm ab, und dort, wo die wenigen Maschinen bereits der landwirtschaftlichen Produktion zur Verfügung standen, fehlte es an Treibstoff und an Ersatzteilen. So ging die Getreideproduktion und die Kartoffelaufbringung während des Krieges um 40% zurück, die Maisproduktion halbierte sich.

Trotz der sinkenden Erträge mussten zur Versorgung des österreichischen Reichsteils zunehmend Nahrungsmittel exportiert werden, sodass ab 1916 so wie die österreichische auch die ungarische Arbeiterschaft von Hungersnöten heimgesucht wurde - 1918 konnte nur mehr etwa die Hälfte des Vorkriegsverbrauchs für die Arbeiterschaft sichergestellt werden. Die ungarischen Magnaten waren sich ihrer besonderen Bedeutung als Nahrungsmittellieferanten der Monarchie durchaus bewusst und benützten diese Stellung, um für die Zukunft weitere Zugeständnisse in Richtung auf größere Eigenstaatlichkeit zu erreichen. Während des Krieges ging die politische und ökonomische Auseinanderentwicklung in der Monarchie nur noch weiter - mit jedem Kriegsjahr wurden die Forderungen Österreichs nach Nahrungsmitteln dringender, sodass sich die Handelsbilanz zwischen Cis- und Transleithanien während des Krieges einseitig gestaltete: Österreich konnte immer weniger industrielle Güter liefern, während es aber auf die ungarischen Lebensmittelexporte angewiesen blieb. Ab 1918 war nicht einmal mehr die Versorgung der Armee gewährleistet - und im Herbst 1918 stand die Monarchie nicht nur vor dem militärischen Aus, sondern auch vor dem wirtschaftlichen Kollaps; einen weiteren Kriegswinter hätte die Monarchie ökonomisch nicht durchgestanden: Nicht einmal die Front konnte mehr versorgt werden - es fehlten nun an allem, von den Transportmitteln und der Kohle bis zu den lebenswichtigsten Nahrungsmitteln und den Textilien, um die hungernden Soldaten zu kleiden.

Die Finanzierung der Kriegskosten erfolgte auf mehreren Wegen: erstens durch Kriegsanleihen - in Österreich 8 (deren Tilgung bis in die 1920er Jahre hinausgeschoben wurde), in Ungarn 17. Zweitens wurde die Notenpresse mit der Ausgabe ungedeckter Banknoten angekurbelt: Die Banknotenmenge vervielfachte sich (bis Oktober 1918 stieg sie um 1.337 Prozent), Kredite des Staates bei der Notenbank (deren Tilgung war für 1927 vorgesehen) trieben ebenfalls die Inflation in die Höhe, die ihre Spitze aber erst Anfang der 1920er Jahre nach dem Zusammenbruch erlebte.

Daneben waren die Regierungen in Österreich und Ungarn in puncto Steuererhöhungen auffallend zurückhaltend: Offensichtlich hoffte man 1914 auf ein schnelles Ende des Krieges, aber auch die inneren Spannungen in der Monarchie (vor allem viele Angehörige der slawischen Nationen sympathisierten offen mit den Kriegsgegnern Österreich-Ungarns) ließ die Herrschenden Vorsicht walten. Durch die rasch voranschreitende Geldentwertung und die sinkende Wirtschaftskraft war die Steuerleistungen sogar rückläufig. Erst 1915 wurde an der Steuerschraube zu drehen begonnen (Branntweinsteuer, 1916 Kriegsgewinnsteuer...). Hauptgrund für diese Vorsicht war aber, dass mit den traditionellen Mitteln wie Steuererhöhungen oder Einführung neuer Steuern die riesigen Kosten des Krieges ohnehin nicht zu leisten gewesen wären: Schon die Mobilisierung 1914 überforderte die Finanzkraft der Monarchie und trieb zur Verschuldung (anfänglich noch bei den großen Aktienbanken, später ohne Umweg direkt bei der Notenbank); die Ausgaben für den Krieg dürften in Österreich-Ungarn das Nationaleinkommen von mehr als zweieinhalb (Friedens-) Jahren aufgezehrt haben.

Für uns interessant ist hier noch die innere Organisation der Monarchie in ökonomischer Hinsicht und das Verhältnis zum großen deutschen Bündnispartner. In Österreich-Ungarn wurde die Produktion planmäßig umorganisiert - mit dem kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetz von 1917 (auf das sich später Dollfuss bei der Zerschlagung der bürgerlichen Demokratie in Österreich stützen sollte) war dieser Prozess des Auf- und Ausbaus einer nach staatskapitalistischen Gesichtspunkten ausgerichteten Wirtschaftsdiktatur abgeschlossen. Die industrielle Produktion, die Zuteilung mit Rohstoffen und die Lieferungen wurden kontingentiert, alle kriegswirtschaftlich wichtigen Betriebe dem Kriegsrecht unterstellt (Streikversuch war gleichbedeutend mit Hochverrat!). Das Instrumentarium reichte von Eingriffen in den Güterverkehr, der Änderung der Zollbestimmungen, Ein- und Ausfuhrverboten, der Verpflichtung, nur bestimmte Abnehmer zu beliefern, bis zu Anbotzwängen und der Festsetzung von Höchstpreisen.

Und "nach deutschem Vorbild entstand eine Reihe von sich selbst verwaltenden Zentralen für einzelne Bedarfsgüter (...) bis es zu Ende des Krieges schließlich über 90 Zentralen gab" (Brusatti, S. 61). Auf ungarischen Wunsch wurden keine die gesamte Monarchie betreffenden Zentralen eingerichtet, sondern für jeden Teilstaat jeweils eine eigene. Wirtschaftsverbände in den einzelnen Branchen sollten die Verwaltung unterstützen, eine Devisenzentrale war z.B. zum alleinigen Verkehr mit ausländischen Zahlungsmitteln befugt, staatliche Regierungskommissäre kontrollierten die Geschäftsführungen. Die Maßnahmen der einzelnen Zentralen sollte das 1916 gegründete Komitee für Kriegswirtschaft und dessen Nachfolger, das 1917 geschaffene Generalkommissariat für Kriegs- und Übergangswirtschaft, koordinieren. Diese Maßnahmen sind aus einem Grunde interessant, weil sie zeigen, dass unter ganz besonderen Bedingungen auch Regierungen eines kapitalistischen Landes nicht auf die wundersamen Kräfte des Marktes vertrauen, sondern durchaus auch zum Mittel der Kontrolle der Märkte greifen und - ohne deshalb die Grenzen des Kapitalismus überschreiten zu müssen - mit planwirtschaftlichem Instrumentarium zu arbeiten gewillt (und in der Lage) sind.

Klarerweise bot für die Besitzenden auch diese spezielle Form der Wirtschaftsdiktatur genügend Möglichkeiten zur Bereicherung: Heereslieferungen versprachen aufgrund des gesicherten Absatzes fette Profite - und 50% der Industrieproduktion waren Kriegslieferungen an den Staat. Die Anlage von großen Vermögen in Sachwerten half in einer großangelegten Umverteilung des Reichtums. Häuser- und Währungsspekulation, Spekulation und Manipulation mit Heeresbedarf (der teuer unter der Hand weiterverkauft wurde) waren gängige Mittel der Bereicherung einer kleinen Schicht. Zurückhalten von Lebensmitteln durch die Bauern und Verkauf am Schwarzmarkt drückten schwer auf den sinkenden Lebensstandard des Proletariats. Auf Preistreiberei, Warenschmuggel und Schleichhandel standen zwar hohe Strafen, die großen Hintermänner wurden aber kaum belangt, und in Kronländern wie Böhmen war überhaupt das Netz der Monarchie nicht engmaschig genug, weil ein großer Teil der Beamten auch gar nicht gewillt war, den Widerstand, der sich in Nichtablieferung, schlechter Arbeitsleistung, Verheimlichung von Waren etc. ausdrückte, zu zerschlagen.

1914 war Österreich-Ungarn unbestritten in ein Abhängigkeitsverhältnis zum wirtschaftlich, politisch und militärisch dominierenden Deutschland geraten. Schon bald nach dem Kriegsausbruch wurde vom deutschen Reichskanzler Bethmann-Hollweg die Idee einer engeren wirtschaftlichen Verbindung propagiert - das damals vieldiskutierte Buch Friedrich Naumanns, Mitteleuropa, gab dem eine populär-wissenschaftliche Begründung. Trotz aller Widerstände gingen die Versuche einer engeren Verbindung auf wirtschaftlicher Ebene weiter - die Gegnerschaft war naturgemäß besonders stark in der österreichisch-ungarischen Industrie und bei den reichsdeutschen Agrariern (die beide die Konkurrenz im anderen Staate zurecht fürchten mussten), stützen konnten sich diese Ambitionen auf das Finanzkapital beider Staaten (vor allem aber auf das Deutschlands), auf den ungarischen Großgrundbesitz und die deutsche Großindustrie.

Die Gespräche verliefen nicht befriedigend - Deutschland hatte die weitergehenden Vorstellungen (Zollunion), während Österreich vorerst einmal eine Zollannäherung vorzog und die bilateralen Verhandlungen immer wieder auf kurzfristige Probleme (Rohstofflieferungen...) hinlenkte.  Die deutsche Großindustrie sah durch den Krieg die Möglichkeit, ihre ökonomische Position in Österreich-Ungarn noch weiter zu stärken, die deutsche Regierung wollte mit einem solchen Wirtschaftsbündnis auch seine Macht gegenüber Österreich-Ungarn stärken, hatte aber kein Interesse, der schwachen Donaumonarchie bei der Erfüllung ihrer eigenen imperialen Träume am Balkan und gegenüber Polen entgegenzukommen. Gerade am Balkan hatte die imperialistische deutsche Bourgeoisie in den letzten Jahren vor dem Krieg gegenüber Österreich-Ungarn gewaltig an Boden gewonnen, sie sah in Österreich-Ungarn nun wenig mehr als ein besseres Sprungbrett zur weiteren Penetration dieser Einflusssphäre.

Die Verhandlungen kamen am 11. Oktober 1918 zum Abschluss (ungeachtet des bevorstehenden Zusammenbruchs war weiterverhandelt worden, als ob nichts geschehen wäre, einige Tage zuvor - am 26.9.1918 - hatte der tschechische Nationalrat bereits die Errichtung eines eigenen Staates proklamiert!). Sie hätten der Ausgangspunkt für eine dauerhafte wirtschaftliche Annäherung Österreich-Ungarns an Deutschland werden sollen - wenige Tage später kam das Knock-Out für die Hohenzollern und die Habsburger... Mit dem Scheitern dieser Pläne, der verlorene Krieg mischte die Karten völlig neu, trat nun der Deutschnationalismus in ein neues Stadium. Früher hätte die Herauslösung der Deutschen der Monarchie und die Vereinigung mit Deutschland zwar die Erfüllung der nationalen Träume eines einigen Deutschen Reiches bedeutet, gleichzeitig aber auch das Problem der nichtdeutschen Nationen der Donaumonarchie, die sich wohl nicht so ohne weiteres alle hätten mitnehmen lassen, entscheidend verschärft. Nun konnte mit dem Zerfall der Monarchie ohne diese Rücksichten auf den angestammten Ausbeutungsbereich der Deutschen innerhalb der Monarchie auf eine Vereinigung Deutsch-Österreichs mit Deutschland Kurs genommen werden.

Trotz aller Probleme, die der Krieg den sich aus dem Reich herauslösenden Nachfolgestaaten hinterlassen hatte, waren die Kriegsfolgen - was die Zerstörung von Kommunikationslinien und industriellen Anlagen betrifft - mit Ausnahme von Galizien und einigen Gebieten an der Südfront nur wenig bedeutend, und das Gebiet der späteren Republik Österreich war praktisch überhaupt nicht Kriegsschauplatz gewesen. Die unmittelbaren Folgen des Krieges auf die österreichische Wirtschaft blieben daher gering, die Produktionsstrukturen erhalten.

Der Krieg hatte aber die Schwäche und Überlebtheit der Donaumonarchie bloßgelegt. Auch wenn ihre Auflösung einen gewachsenen Wirtschaftsraum zerriss, war dieses Ereignis notwendig: Der Ausgleich der inneren politischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten war nicht geglückt; die Habsburgermonarchie scheiterte,

"weil sie zu ihrer Zeit einfach als Anachronismus wirken musste: einerseits als dynastisch geprägtes Staatswesen ein historisches Relikt, andererseits als multinationales Imperium seiner Epoche voraus" (Bachinger u.a.: Grundriß..., S. 39).

Dieser Anachronismus hatte schon vor dem Krieg zum Auseinanderdriften der einzelnen Teile der Donaumonarchie geführt und war zu einem Hemmschuh in der ökonomischen Entwicklung geworden. Er musste abgestreift werden.