2. DIE ÖKONOMISCHE ENTWICKLUNG VON 1848 BIS 1918
a)
Die Revolution von 1848
Das
Bild, das oft noch vom Vormärz als einer Periode der völligen Stagnation
gezeichnet wird, ist falsch. Sowohl in ökonomischer Hinsicht als auch in
sozialer war diese Periode der Stagnation und der scheinbaren
Ruhe eine Zeit, in der sich die großen Veränderungen unter
der Oberfläche abzuzeichnen begannen. Das Rad der Zeit anzuhalten, war auch
in Metternichs Österreich als einem Hauptvertreter der Heiligen Allianz nicht gelungen. Ökonomisch sammelten sich auch in
Österreich - zwar langsam, aber doch - die Hinweise, die in Richtung auf eine länger
dauernde Industrialisierung und eine generelle Veränderung der Gesellschaft in
kapitalistischer Weise deuteten. Und auch auf sozialer Ebene waren die 1840er
Jahre alles andere als ruhig: Der Bogen spannte sich vom Aufstand der
schlesischen Weber (1844), die sich verzweifelt gegen ihre Pauperisierung, ja
ihren Abstieg ins Lumpenproletariat im Gefolge der Verallgemeinerung der neuen
maschinellen Produktionsweise in ihren Arbeitsbereichen wehrten, bis zu
antifeudalen, nationalen und liberal-demokratischen Bewegungen. Auch in Österreich
waren die Sturmglocken des Aufstandes zu vernehmen: Jeder dritte der in der
Landwirtschaft der Sudetenländer Tätigen war auf eine Nebenbeschäftigung in
der häuslichen Textilindustrie angewiesen.
Dann
brachen im Gefolge der schweren Kartoffelmissernte von 1845/1846 Hungerunruhen
aus - und eine der blutigsten Ausschreitungen ereignete sich in Galizien und dem
Krakauer Gebiet (das daraufhin von Österreich annektiert wurde), als 1846 bei
der Erstürmung, Plünderung und Verwüstung der Schlösser des Landadels 1.400
Adelige getötet oder verwundet wurden. Diese bäuerlichen Unruhen waren das
beste Indiz für das Zuendegehen der Periode des Vormärz und der zunehmenden
Bedrohung von Adel und Krone. Und als im Februar 1848 in Paris die Revolution
begann, breitete sich diese in Windeseile über nahezu ganz Europa aus und
erreichte im März Wien.
Vom
sozialen Inhalt her war diese Revolution Teil
des Gesamtkomplexes der bürgerlichen Revolution, die sich in Österreich
allerdings bereits untrennbar mit der nationalen Frage mischte (so wurde in Prag
im Juni 1848 ein Aufstand niedergeschlagen) und aufgrund ihrer relativen Verzögerung
auch schon proletarisch-revolutionäre Elemente in sich trug. Ihre historische
Bedeutung und ihre Einordnung in den Gesamtprozess der bürgerlichen
Emanzipation von der feudalen Produktionsweise hat Otto Bauer sehr schön
beschrieben:
"Die
bürgerliche Revolution in Europa hat im Jahre 1789 mit der Französischen
Revolution begonnen, die sich im schnellen Aufstieg bis zur jakobinischen
Diktatur der Pariser Arbeiter und Kleinbürger steigerte, dann unter dem
Direktorium auf das bürgerliche Niveau zurückgeschleudert wurde und unter
Bonaparte die neue Rechtsordnung auf den Spitzen ihrer Bajonette durch Europa
trug. Nach Bonapartes Sturz trat auf dem Festlande eine durch die Revolutionen
von 1820 und 1830 nur vorübergehend unterbrochene Periode der Reaktion und Ruhe
ein; aber gerade in dieser Zeit siegte die bürgerliche Revolution in England,
wo zwar nicht in den Formen eines Bürgerkrieges, wohl aber durch eine Reihe
einschneidender Reformen das alte aristokratische England überwunden, das neue
bürgerliche geschaffen wurde. Im Jahre 1848 erhob sich die Revolution zum
zweitenmal, riß diesmal das ganze Festland bis an die russische Grenze mit sich
fort und leitete trotz ihrer vorübergehenden Niederlage jene großen Umwälzungen
ein, die durch die Kriege von 1859, 1866 und 1870 in Europa und durch den
Secessionskrieg in Amerika durchgesetzt wurden" (Otto
Bauer, Werke 2, S. 180).
Die
Revolution von 1848 ist also wichtiges Bindeglied im Gesamtzusammenhang der bürgerlichen
Revolution, auch wenn das Bürgertum in Österreich und in Deutschland nicht
mehr bereit war, für seine eigenen Klasseninteressen mit revolutionärem Elan
einzutreten. Die Bourgeoisie suchte den Kompromiß mit der Krone - denn die
breiten Volksmassen, das im Vormärz langsam entstandene Proletariat erschienen
als die größere Gefahr:
"Wo
immer ein bewaffneter Zusammenstoß zu einer ernsthaften Krise führte, waren
die Kleinbürger entsetzt über die gefahrvolle Lage, in die sie geraten;
entsetzt über das Volk, das ihren großsprecherischen Ruf zu den Waffen ernst
genommen; entsetzt über die Macht, die ihnen aufgezwungen; entsetzt vor allem
über die Folgen der Politik, auf die sie sich notgedrungen eingelassen, für
sich selbst, für ihre gesellschaftliche Stellung, für ihren Besitz" (Friedrich
Engels, MEW 18, S. 100).
Die
Revolution von 1848 machte die ökonomische und politische Schwäche der
Bourgeoisie deutlich: Sie hatte einfach Angst, im Konflikt mit dem Adel zwar zu
siegen, aber letztendlich nur die Oberhand zu erringen, um den Weg freizumachen
für eine plebejische Weiterentwicklung der Revolution, für eine von den
radikalsten Revolutionären propagierte permanente
Revolution (so Marx in der Neuen
Rheinischen Zeitung). Hier liegt der Grund für die
Kapitulationsbereitschaft des österreichischen Bürger- und in seinem Gefolge
auch des Kleinbürgertums. Schon nach dem Sturz Metternichs und der Gewährung
einer Verfassung zog sich der wesentliche Teil der Bourgeoisie von der
Revolution zurück, übrig blieben (abgesehen von der ungarischen Revolution,
die ob ihres nationalen Charakters, der sehr wesentlich mit hineinspielte, hier
außer Betracht bleiben muss) ein Teil der radikalisierten bürgerlichen
Studenten und das Proletariat, das den revolutionären Ereignissen im Oktober in
Wien bereits seinen Stempel aufprägen konnte. Der bürgerlich dominierte
Reichstag reagierte nur mehr verbal auf die blutige Niederschlagung dieses
Aufstandes durch Fürst Windischgraetz, die ungarische Revolution, die bis
August 1849 durchhielt, bekam daraufhin aus Wien keinerlei Unterstützung mehr.
Die
Revolution endete also in einer politischen Niederlage. Das System des
Absolutismus - mit dem 18jährigen Franz Josef I. an der Spitze - konnte sich
noch einmal festigen, die Bourgeoisie musste auf ihr politisches
Klasseninteresse, die politische Herrschaft im Staat, verzichten. Andererseits
aber bedeutete auf ökonomischer Ebene die Revolution durchaus einen tiefen Einschnitt,
deren Bedeutung erst in den nächsten Jahren klar werden sollte. Denn das
neoabsolutistische System, das sich nach der Niederschlagung der Revolution
1848/1849 etablieren konnte, bedeutete eine echte Wende: Auf dem Gebiet des Eisenbahnwesens, durch die Erschließung
neuer Kohlevorkommen, die rasche Verbreitung der Dampfmaschine und die nunmehr
raschere Umstellung von manueller auf maschinelle Produktion wurden in den nächsten
Jahren gewaltige ökonomische Fortschritte erzielt - nicht nur in quantitativer,
sondern auch in qualitativer Hinsicht.
Denn die Phase ab 1848 bedeutete den endgültigen Sieg der modernen
industriellen Produktionsweise über ihre vorkapitalistischen Konkurrenten. Die
Bedeutung der Revolution liegt also zuerst einmal darin, den Weg freigemacht zu
haben für eine Reformphase schneller (kapitalistischer) Modernisierungen - auch
wenn diese unter den Auspizien des Kaiserhauses und nicht - wie die Revolutionäre
gehofft hatten - durch das demokratisch organisierte Volk
angegangen wurde.
Die
bei weitem wichtigste Maßnahme der Revolution von 1848 war die Befreiung der
Bauern von der Grundherrschaft, mit der das Werk Josephs II. vollendet wurde.
Sie sollte die einzig wahrhaft revolutionäre Errungenschaft des Jahres 1848
sein, die im Gegensatz zur Abschaffung der Zensur u.ä. die politische Reaktion
der nächsten Jahre überdauern sollte. Sie sicherte den Bauern nicht nur die
freie Verfügbarkeit über den von ihnen bearbeiteten Grund und Boden zu,
sondern gewährte ihnen auch die vollen staatsbürgerlichen Rechte. Und trotzdem
war auch diese Maßnahme - noch im Frühjahr 1848 im Reichstag parlamentarisch
angenommen und ausdrücklich vom Herrscherhaus gebilligt - nicht frei von
Widersprüchen. Erstens konnten damit die Bauern politisch neutralisiert werden
- sie sollten sich ab diesem frühen Zeitpunkt nur mehr als Zaungäste an der
Revolution, die sich in die Städte zurückgezogen hatte, beteiligen, ja mehr
noch: Dem Haus Habsburg gelang es in der Folge, bäuerliche Armeen gegen die
verschiedenen Revolutionsherde zu mobilisieren.
Und
zweitens trug die Bauernbefreiung den Charakter einer vom
Herrscherhaus genehmigten revolutionären Maßnahme - mit all den sich aus
dieser Tatsache ergebenden ökonomischen Folgen: So war die Grundablöse keine entschädigungslose;
Bauern, die auf Rustikalgründen saßen,
mussten ein Drittel des durch behördliche Schätzung ermittelten Ertragswertes
dem ehemaligen Grundherren ablösen (der dieses Drittel als hypothekarische
Belastung gutgeschrieben bekam), jene Mehrzahl der Bauern, die einen Dominikalgrund
auf Erbpacht übernommen hatte, musste für die auf diesen Besitzungen lastenden
Abgaben und Dienste zwei Drittel der vollen Entschädigung abstatten.
Die
hierbei getroffene Regelung war auch eine für die Grundherren durchaus
annehmbare. Viele Einzelregelungen schmälerten oder beendeten nun gar die
althergebrachten Rechte der Bauern auf freie Weide, freie Jagd und freie
forstwirtschaftliche Nutzung des herrschaftlichen Waldes für den Eigenbedarf.
Und 290 Millionen Gulden Grundlastenablöseentschädigungen kamen in der österreichischen
Reichshälfte zur Auszahlung, davon entfielen 226 Millionen auf die großen
Grundherrschaften: 1,870.000 Gulden allein für das Haus Schwarzenberg. Aber
auch die Kirche war dabei: das Stift Admont z.B. mit 690.000 Gulden... Im
ungarischen Teil der Monarchie waren es 304 Millionen. Ungeheure Summen, die in
die Wirtschaft der kommenden Jahre gepumpt wurden (und sei es nur, um den nun freien Bauern den Grund
wieder abzukaufen) und dazu beitrugen, den Umstellungsprozess auf die moderne
kapitalistische Produktionsweise mit nötigen Kapitalien zu versorgen.
Mit
diesen hohen Beträgen wurden insbesondere in den böhmischen Ländern
umfangreiche Produktionsumstellungen und darauf basierende Industrien
finanziert, etwa die Rübenzuckerindustrie. In Ungarn wurde der Weizenanbau
forciert, und auch bei den Bankengründungen ab den 1850er Jahren waren die an
Ablösungskapitalien reichgewordenen Großgrundbesitzer führend (1855:
Credit-Anstalt, 1863: Bodencredit-Anstalt). Dazu kam der Zwang, mehr Maschinen
als früher anstelle der weggefallenen Robotarbeit in den verbliebenen
Latifundien einzusetzen (v.a. in Ungarn blieb der Großgrundbesitz bis nach 1918
dominierend).
Damit
trug die "revolutionäre" Bauernbefreiung nicht nur dazu bei, dass
der Boden eine Ware wurde, sondern auch zur Intensivierung der Landwirtschaft.
Denn auch die Bauern waren nun gezwungen, auf ihrem "eigenen" Grund
und Boden (der infolge der Ablösesummen überschuldet war) intensivere
Anbaumethoden anzuwenden, wollten sie nicht das Schicksal der vielen, deren
Boden in den nächsten Jahren zwangsversteigert werden sollte, teilen: So ging
der Bracheanteil in Böhmen von 21,6% (1848) auf 6,2% (1868) zurück, die
Fruchtwechselwirtschaft wurde intensiviert, und ganz allgemein konnte der
Bodenertrag gesteigert werden. Doch all dies änderte wenig an der
verallgemeinerten Misere der bäuerlichen Bevölkerung, denn die Bauernbefreiung
hatte einen freien und
mobilen Bauernstand geschaffen, dem es an so gut wie allen
Voraussetzungen für eine durchgehende Modernisierung ihrer Betriebe gebrach:
Der Kapitalismus zog ins Land, traf aber auf eine überschuldete Bauernschaft
mit dem Rücken zur Wand. Der Zwang zum Nebenerwerb, zur Ab- und zur
Auswanderung verstärkte sich.
Zusammenfassend
lässt sich also sagen, dass die Revolution von 1848 - zu spät für eine bürgerliche,
zu früh für eine proletarische - zwar politisch scheiterte, ökonomisch aber
sich für die Bourgeoisie durchaus auszahlte
und die Basis für eine Zusammenarbeit von Adel bzw. Krone (denen die politische
Herrschaft überlassen wurde) und Kapitalistenklasse (die in der zunehmend
mobiler werdenden Gesellschaft ökonomisch zu dominieren begann) legen sollte.
Der österreichische Liberalismus, die ureigenste Ideologie des Bürgertums,
wurde in den Staat integriert, in der nachfolgenden Phase des Neoabsolutismus
sollte nun das kapitalistische Feld bestellt werden, das von der Revolution
freigeackert worden war.
Gleichzeitig
aber konnte durch die spezifische Form der Kapitulation der Bourgeoisie bei
Befriedigung ihrer ökonomischen Interessen im politischen Leben der Habsburger
Monarchie eine Situation prolongiert werden, die für das österreichische Fin
de siecle und sein Nachhinken in der Veränderung des
gesellschaftlich-politischen Überbaus typisch werden sollte: Die politische und
gesellschaftliche Dominanz der in der Revolution nicht vernichteten
feudal-konservativen Schicht, die auch die aus der Aristokratie stammende
Offizierskaste umfasste, hemmte die Entfaltung der Produktivkräfte. Feudale
Wertvorstellungen (die eben genau nicht durch eine siegreiche Revolution
vernichtet wurden) wurden weiter mitgeschleift und behinderten die Herausbildung
einer kapitalistischen Ethik. Roman Rosdolsky stellt - und damit wollen wir das Kapitel über die
Revolution von 1848 abschließen - in seinem Buch über die Bauernabgeordneten
in der 48er-Revolution eine Suggestivfrage:
"Wäre
nicht die kapitalistische Entwicklung des Donauraumes viel schneller und viel gründlicher
gewesen, wenn die Agrarfrage eine revolutionäre Lösung gefunden hätte - ohne
das Bleigewicht des adeligen Großgrundbesitzes und des halb-absolutistischen
monarchischen Regimes mitschleppen zu müssen?" (Rosdolsky, S. 226)
b)
Die neoabsolutistischen Reformen
Natürlich,
der marxistische Historiker Rosdolsky hat recht, trotzdem hatte die Dekade des
Neoabsolutismus einen anderen Klasseninhalt als das Vierteljahrhundert davor.
War der Vormärz vom Bestreben gekennzeichnet gewesen, die feudalen Verhältnisse
zu konservieren, und hatte das Metternichsche System eine zwiespältige Haltung
zur Industrialisierung eingenommen, war sich Franz Josef nun im klaren darüber,
dass zur Stabilisierung seiner Herrschaft ein Kompromiss mit dem aufstrebenden Bürgertum
unabdingbar sei. Ähnlich wie der Bürgerkönig Louis Philippe in Frankreich ab
1830 sollte nun auch die habsburgische Krone zum Förderer der
Industrialisierung, zur Schutzherrin des Kapitalismus werden. Knapp wird der
Inhalt der nächstfolgenden Periode vom amerikanischen Wirtschaftshistoriker
Good zusammengefasst:
Politisch
waren die fünfziger Jahre eine Zeit der Repression und der Zentralisierung der
Staatsmacht. In wirtschaftlichen Fragen allerdings betrieb dieses
neoabsolutistische Regime genau jene Art von Politik, die Wirtschaftshistoriker
oft als entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung des Reiches nach 1848
hinstellen. Diese Verbindung von politischer Reaktion und wirtschaftlichem
Liberalismus war ein bewusster Versuch, im nachrevolutionären Reich die Ordnung
wiederherzustellen" (Good,
S. 74) und - so können wir hinzufügen - die Bourgeoisie politisch zu
neutralisieren.
Träger
dieser Politik, der Form nach absolutistisch, dem ökonomischen Gehalt auf die Förderung
kapitalistischer Strukturen bedacht, wurden der Ministerpräsident Fürst
Schwarzenberg und sein Innenminister Alexander von Bach, vor allem aber der österreichische
Handelsminister Karl von Bruck. Hatte die Bauernbefreiung auf die Beseitigung
der bestehenden feudalen Schranken abgezielt und damit den
Transformationsprozess von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft de facto
abgeschlossen, stand nun die Errichtung einer tragfähigen kapitalistischen
Infrastruktur und die bürgerlich-kapitalistische Umgestaltung des rückständigen
Staatswesens im Mittelpunkt der Reformen.
Wir
wollen uns auf drei der wichtigsten modernisierenden Maßnahmen konzentrieren,
die die Gesellschaft in den 1850er Jahren so grundlegend umkrempelten, dass der
bekannte Statistiker Czoernig zu Ende dieses Jahrzehnts feststellen konnte: "Wer
die heutigen Zustände von Gesamt-Österreich nach den Verhältnissen vom Jahre
1847 beurteilen wollte, der würde einen gewaltigen Anachronismus begehen; er stände
mit seinem Urteil näher dem Jahre 1758 als dem Jahre 1858" (zitiert
nach März, S. 381). Diese drei Reformen waren der Aufbau eines modernen
Bankensystems, der Aufbau moderner Transportkapazitäten und Maßnahmen, die in
Richtung einer liberalen Zoll- und Gewerbepolitik gingen.
In
der Zeit nach 1848 kam es zu einer ganzen Reihe von bedeutenden Bankgründungen,
die dem Mangel bei Kapital und Krediten abhalfen. Die spektakulärste war die
der k.k. priv. österreichischen Creditanstalt für Handel und Gewerbe,
einer Universalbank nach französischen
Muster, die 1855 nach längerem Tauziehen gegründet werden konnte - mit
adeligen Financiers und dem riesigen gesamteuropäischen Kapitalstock der
Familie Rothschild im Rücken. Die CA war als Aktiengesellschaft organisiert und
hatte ein gewaltiges Grundkapital von 100 Millionen Gulden (mehr als das Kapital
der Nationalbank mit 73,5 Millionen!). Die Größenordnung wird deutlich, wenn
wir bedenken, dass damit die CA die bei weitem mächtigste unter den europäischen
Kontinentalbanken war, und wenn wir das zweitgrößte Institut Österreichs, die
Niederösterreichische
Escompte-Gesellschaft, zum Vergleich heranziehen, das mit 5 Millionen Gulden
Aktienkapital immer noch kapitalkräftiger war als jedes österreichische
Industrieunternehmen (die Gründungs- und Firmengeschichte der CA ist im übrigen
hervorragend von Eduard März in seinem Werk Österreichische
Industrie- und Bankpolitik in der Zeit Franz Josephs I. beschrieben worden).
Durch diese und andere Bankgründungen konnte Kapital mobilisiert und dem
Kapitalmangel abgeholfen werden. Die Banken, v.a. die CA, blieben aufs engste
mit der Industrie, ja der ganzen Wirtschaft der Monarchie und später der
Republik Österreich verbunden.
Hintergrund
und Basis für diese Bankgründungen war eine Währungspolitik, die nach den
Turbulenzen der Jahre 1848/1849 wieder auf festere Fundamente gestellt wurde:
1848 stellte ein tiefe Zäsur in der währungsgeschichtlichen Entwicklung Österreichs
dar. Denn der Staat hatte sich - wie schon während der napoleonischen Kriege -
im besonderen Maße an die Nationalbank zur Stillung seines Finanzhungers
gewandt. Die Budgetdefizite von 1848 und 1849 wurden durch das Laufen der
Notenpresse finanziert. Um einem Finanzdesaster wie 1811 zu entgehen, wurde mit
Mai 1848 den Banknoten Zwangskurs verliehen (womit eine Voraussetzung der
modernen Geschäftsoperationen, dass Banknoten gesetzliche und damit sichere
Zahlungsmittel sind, erfüllt wurde). Was aber blieb, waren - besonders in den
Kriegsjahren 1859 und 1866 und schon vorher anlässlich des Krimkrieges (1854) -
der Griff zur Notenpresse und das sogenannte Silberagio, das einer permanenten Abwertung gegenüber den wertbeständigeren
Währungen gleichkam. Trotz allem aber war es gelungen, den Gulden wieder
konvertierbar zu machen, eine entscheidende Voraussetzung für eine in den
internationalen Handel eingebundene Wirtschaft.
Auch
wenn die kapitalistischen Hoffnungen auf eine schnelle Industrialisierung, die
mit den Bankengründungen geweckt wurden, enttäuscht werden mussten, bedeutete
doch die Gründung der CA und der anderen Geschäftsbanken auf Aktienbasis eine
gewaltige Ausdehnung der Finanzierungsmöglichkeiten und eine Beschleunigung der
kapitalistischen Durchdringung der Monarchie. Ein zweites Element dieser
Durchdringung war die sprunghafte Verbesserung im Transportbereich. Die Donau-
und Adriaschifffahrt wurden forciert, vor allem aber der Eisenbahnbau, dessen
Konjunktur bis in die späten 1850er Jahre andauerte.
Mit
dem Eisenbahnbau wurde ein gewaltiger Schritt hin in Richtung auf einen inneren
Markt der Monarchie getan: In den 1850er Jahren wuchs das Schienennetz des (späteren)
österreichischen Reichsteils von 1.300 auf 3.000 Kilometer Länge an, das des
ungarischen von 200 auf 1.700. Deutsches Kapital war am Bau der Strecken
Wien-Passau und Wien-Salzburg engagiert, womit Österreich ans süddeutsche
Schienennetz angeschlossen und der Warenaustausch extrem erleichtert und
beschleunigt wurde. Und das Industriegebiet um Reichenberg, das bis dato zwar
ans deutsche, nicht aber ans Schienennetz des übrigen Österreich angeschlossen
war, konnte nun durch die Süd-Norddeutsche
Verbindungsbahn ins österreichische Netz integriert werden. Damit konnten
die elementaren Voraussetzungen für
eine ökonomische Integration des Donauraumes geschaffen werden. Die neue
Verkehrspolitik zeigte sich aber auch darin, dass eine rigorose
Eisenbahn-Entstaatlichungspolitik umgesetzt wurde: Waren 1854 noch 70% des
Schienennetzes in Staatsbesitz (im übrigen der höchste Prozentsatz in ganz
Europa), wurden 1859 nur mehr 13,8 Kilometer vom Staat betrieben: Gerade durch
die Bauernbefreiung war Kapital vorhanden, das nun u.a. im Eisenbahnbereich
angelegt wurde, und eine zweite wichtige Finanzierungsquelle war
Auslandskapital.
Der
dritte Eckpfeiler der neoabsolutistischen Wirtschaftspolitik waren liberale
Reformen, die ebenfalls auf die Herstellung eines inneren Marktes abzielten.
Eine der wichtigsten Maßnahmen in dieser Hinsicht war der Fall der innerösterreichischen
Zollmauer 1851. Diese Zwischenzolllinie
wurde abgeschafft, nachdem Binnenzölle innerhalb des Reiches für ungesetzlich
erklärt worden waren. Die Monarchie war damit formal zu einer Zollunion
geworden. Der "Jahrhundertprozess der
wirtschaftlichen Integration der Monarchie" (März) wurde damit
abgeschlossen. Gleichzeitig war diese Maßnahme eingebettet in ein System von
Harmonisierungsmaßnahmen, die die Steuer- und Wirtschaftsgesetzgebung in Österreich
und Ungarn anglich: Die Steuerfreiheit des ungarischen Adels war schon 1849
aufgehoben worden (diese Steuerfreiheit war auch der Grund, warum die
Zwischenzolllinie so lange hielt, da der Staat nicht auf die Zolleinnahmen aus
und nach Ungarn verzichten wollte), die Vermögenssteuern wurden angeglichen,
ein vereinheitlichtes Salz- und Tabakmonopol eingeführt. Abgeschlossen wurde
diese Phase durch die Einführung der liberalen Gewerbeordnung 1859.
Die
Ironie der Geschichte drückt aber auch dem österreichischen Liberalismus ihren
Stempel auf: Denn das Auseinanderklaffen
von ökonomischem und politischem Liberalismus, das für die Habsburger
Monarchie typisch erscheint, führte zu einem ganzen Bündel von Widersprüchen:
Der ökonomische Liberalismus und der zentralistische Absolutismus waren während
der ersten Regierungsjahre Kaiser Franz Josephs eine für beide Seiten
vorteilhafte Symbiose eingegangen. Genau in dem Augenblick, als sich die Krone
mit der Verfassung von 1859 gezwungen sah, der (liberalen) Bourgeoisie auch die
Tür zur politischen Macht aufzustoßen
(der Spalt sollte 1867 und in den Jahren danach sukzessive erweitert werden),
begann die Anziehungskraft des Liberalismus zu sinken: So
bedeutete
der Sieg des Konstitutionalismus wohl die Erfüllung politischer Wünsche der Bürgertums,
mit der Verbreiterung der parlamentarischen Basis gewannen aber auch
verschiedene politische und nationale Interessengruppen Einfluss auf die
Gestaltung der Wirtschaftspolitik, die zur Durchsetzung ihrer spezifischen
Anliegen das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte einzuengen wussten und
damit indirekt einem staatlichen Interventionismus Vorschub leisteten" (Matis:
Leitlinien der österreichischen Wirtschaftspolitik 1848-1918, S. 39).
Je
stärker also die Bourgeoisie danach trachtete, dem ökonomischen Liberalismus
auch sein politisches Pendant an die Seite zu stellen, desto mehr profitierte
nicht der sozial sehr schwache, ja noch nicht einmal über eine Partei im
modernen Sinne verfügende Liberalismus, sondern die klerikal-konservativen und
bürgerlich-nationalistischen Kräfte in der Monarchie: 1879 übernahm Taaffe
die Regierung, was sich z.B. in der Abkehr vom internationalen Freihandel und
der Hinwendung zum Schutzzollsystem manifestierte.
Gerade
in der Frage des Außenhandels war der österreichische Liberalismus besonders
verwundbar - und das nicht zufällig: Durch die ökonomische Schwäche und Rückständigkeit
der Bourgeoisie musste diese den Weltmarkt und vor allem die überlegene
deutsche Konkurrenz fürchten. Deshalb waren auch die heimischen Industriellen
zu großen Teilen schutzzöllnerisch gesinnt. Die großen
Entwicklungsunterschiede in der Habsburger Monarchie gaben die Basis dafür ab,
dass sich die Bourgeoisie der fortgeschrittenen Landesteile nach einer
exklusiven wirtschaftlichen Penetration der Süd- und Ostgebiete der Monarchie
sehnte. Wie groß diese Unterschiede waren, soll ein einziges Beispiel
illustrieren: Selbst im industriell fortgeschrittenen Böhmen waren noch 1880 47
Prozent aller Industrieunternehmen, 33 Prozent aller in der Industrie Beschäftigten
und 37 Prozent des industriellen Bruttoproduktionswertes in einem einzigen
Industriebezirk, dem vorwiegend auf Textilien spezialisierten nordböhmischen
Reichenberg/Liberec, konzentriert. Und große Teile auch der
"industrialisierten" österreichischen Reichshälfte blieben bis zum
Ende der Monarchie von der industriellen Revolution kaum berührt - so Galizien,
die Bukowina oder Dalmatien. Und bei der kapitalistischen Durchdringung dieser
Gebiete konnte die (im Verhältnis zum Westen des Kontinents) schwächliche österreichische
Bourgeoisie gerne auf ausländische Konkurrenz verzichten!
So
hielt etwa die Handels- und Gewerbekammer für Österreich 1850 fest:
"...ein
Schutzzollsystem wird von der Kammer als das sicherste Mittel, um die Größe
und den Wohlstand Oesterreichs zu schaffen und zu fördern, anerkannt... Ein
richtiges Schutzsystem muss ferner auf so hohen Zöllen beruhen, dass damit die
ausländische Konkurrenz ferngehalten wird" (Matis,
Bachinger: Österreichs industrielle Entwicklung, in: Brusatti, S. 116).
Ein
selbstkritisches und für die österreichische Kapitalistenklasse wenig
schmeichelhaftes Detail am Rande: Für die Handelskammer war dies deshalb
besonders wichtig, da "Intelligenz und Capital sich nur selten in einem Individuum
finden" (!!! - zitiert nach Brusatti, S. 117).
Die
Agitation für höhere Schutzzölle wurde naturgemäß in den Zeiten der
wirtschaftlichen Rückschläge stärker und sollte nach der großen Depression
ab 1873, als die hochfliegenden Pläne im Zusammenhang mit dem Boom der Gründerzeit
zu Grabe getragen werden mussten, die Oberhand gewinnen.
Gleichzeitig
aber konnte in den 1850er und 1860er Jahren die Regierung nicht einfach auf die
Argumente der Schutzzöllner eingehen - hier ergab sich eine widersprüchliche
Situation, und die zögernde Haltung der Regierung war dafür symptomatisch.
Zwei große Problemkreise verhinderten eine klare schutzzöllnerische Position:
Erstens hatte die Regierung sehr wohl erkannt, dass die Politik der
Handelsrestriktionen im Vormärz Österreich immer mehr aus Deutschland verdrängt
und Preußen das Feld überlassen hatte. Dynastische Erwägungen, der politische
Wunsch, in Deutschland seine brüchig gewordene Vormachtstellung zu behaupten,
mussten ein Wall gegen schutzzöllnerische Argumente sein. Zweitens war aber ab
den 1850er Jahren Österreich bereits zunehmend in die kapitalistische
Entwicklungsdynamik hineingerissen worden, sodass ein Abschließen vom Weltmarkt
gerade für den Aufbau der Industrie und die Mechanisierung der Wirschaft fatale
Folgen und ein immer weiteres Zurückbleiben zur Folge haben musste. Ja mehr
noch: Die Finanzen blieben ein Schwachpunkt des Reiches - und die Finanzierung
der kostspieligen politischen Ambitionen des Kaiserhauses wurde bereits
teilweise von ausländischen Kapitalisten bestritten. Ein Abschließen Österreichs
durch zu hohe Zollmauern hätte hier große Probleme verursachen müssen, ganz
abgesehen davon, dass die großen Aktienbanken ja schon mit ausländischem
Kapital arbeiteten. Die Ministerialbürokratie stand daher nicht selten in
offenem Gegensatz zu den Ansichten des rückständigeren und schwächeren Teiles
der Industriellen mit seinen schutzzöllnerischen Vorstellungen.
Was
wir schon mit Joseph II. und seinem aufgeklärten
Austro-Absolutismus feststellen konnten, setzt sich hier fort: Der berühmte
Ausspruch über Joseph II., er habe "nichts
durch, aber alles für das Volk" getan, fand hier seine Fortsetzung:
Die Krone agierte - wenn auch nicht widerspruchsfrei - im historischen
Klasseninteresse der Bourgeoisie, aber manchmal gegen
die Wünsche ihrer Vertreter und bis 1859 auch politisch ohne sie.
c)
Konjunkturzyklen und wirtschaftliche Situation von 1848 bis 1866/1867
Mit
der neoabsolutistischen Ära der liberalen Reformen wurden die Grundlagen für
einen modernen kapitalistischen Staat gelegt. 1867 mit dem Staatsgrundgesetz,
das die Tendenz zur vollen politischen Herrschaft der Bourgeoisie im österreichischen
Reichsteil unumkehrbar machte, und mit dem Ausgleich
mit Ungarn begann für den österreichischen liberalen Kapitalismus noch ein
letztes Mal eine Boomphase, die bis zur großen Depression 1873 andauern sollte.
Mit dem Ende dieser Gründerzeit und
den langen Jahren der wirtschaftlichen Krise waren dann auch die Tage des
Liberalismus gezählt. Doch in dem folgenden Abschnitt wollen wir die Phase bis
1867 noch etwas genauer analysieren. Welche Periodisierung können wir für den
österreichischen Kapitalismus bis 1867 vornehmen? Die große Aufschwungphase
reicht über die entscheidende politische
Zäsur von 1867 noch bis 1872/1873 hinaus. Trotzdem wollen wir vorderhand einmal
uns auf die Zeit bis 1867 beschränken.
Bis
1848 sind die konjunkturellen Zyklen schnell beschrieben: Die napoleonischen
Kriege führten ursprünglich zu einer Belebung der österreichischen Wirtschaft
- durch die Kontinentalsperre war die überlegene englische Industrie vom europäischen
Festlandsmarkt ausgeschlossen. Mit dem Staatsbankrott 1811 begann eine lange
Phase der Depression, die bis in die Mitte der 1820er Jahre andauerte. Ein
Aufschwung der Eisen- und Textilindustrie (Wolle und Baumwolle) - kombiniert mit
einer existentiellen Krise der Leinenerzeugung - hielt bis 1830 an. Einem
Abschwung bis zur Mitte der 1830er Jahre folgte ein vom Eisenbahnbau getragener
Aufschwung, der bis Mitte der 1840er Jahre andauerte und sich in der Folge von
Missernten bis 1848 abschwächte.
Nach
1848 sehen wir drei längere Entwicklungsabschnitte in der Wirtschaftsgeschichte
der Monarchie:
a)
die Periode von 1848 bis 1873;
b)
die von 1874 bis 1895, die Vorbereitungsphase auf das imperialistische
Stadium des Kapitalismus;
c)
und die Periode von 1896 bis 1913, die von stürmischem Wachstum, dem
Aufstieg neuer Industrien (Elektro, Chemie, Maschinenbau) und in der letzten
Phase einer Vorkriegs- und Rüstungskonjunktur geprägt wird.
Die
Periode vom Ende der Revolution bis zum Ende des Gründerbooms 1873 kann trotz
einer ganzen Reihe von Krisen, ja richtiggehenden stagnativen Phasen (siehe dazu
weiter unten) als Periode des raschen Aufschwungs der österreichischen
Industrie gesehen werden. Es ist dies ein vom Eisenbahnbau getragener
Entwicklungsabschnitt, den wir nun in seine Konjunkturzyklen zerlegen wollen.
Nach
einem kurzen Rückschlag 1851 und einem weiteren Rückschlag 1853 - ausgelöst
durch schlechte Ernteergebnisse und den Beginn des Krimkrieges - boomt die
Wirtschaft bis 1857, als im Gefolge einer internationalen Krise, deren Ursprung
in den USA lag, auch in Österreich eine Spekulationskrise ausbrach. Verschärft
durch den verlorenen Krieg um die Lombardei 1859, war die erste Hälfte der
1860er Jahre durch tiefgreifende Stagnationstendenzen gekennzeichnet. Durch den
Rückgang des Eisenbahnbaus geriet auch die Eisenindustrie in die Krise, verschärft
wurde diese aber noch durch die Wirtschaftspolitik des Nachfolgers von Brucks, des Freiherrn von
Plener.
Hintergrund
dieser Wirtschaftspolitik war die von der Monarchie verfolgte Großmachtpolitik,
der die entsprechende materielle Basis fehlte. So musste zur Ankurbelung der
Notenpresse gegriffen werden - 1860 trat von
Bruck zurück, und sein Nachfolger versuchte nun die Stabilisierung der Währung
mit einer prononciert deflationistischen Politik. Allein von 1863 bis 1865 wurde
die Geldmenge um 24% reduziert - der Währung ging es zwar wieder besser, aber
um den Preis einer hartnäckigen Wirtschaftskrise. Das Vertrauen der Bourgeoisie
in den Liberalismus, die ihr Allheilmittel in Lohnreduktionen sah, wurde durch
diese Politik unterhöhlt.
Nachdem
der gordische Knoten der deutschen Einigung 1866 durch die Niederlage bei Königgraetz
zum Nachteil Österreichs durchschlagen worden war, sah sich das Kaiserhaus zu
Reformen und zu Zugeständnissen - sowohl an die Adresse der Bourgeoisie als
auch an die des ungarischen großgrundbesitzenden Landadels - gezwungen. Es kam
zu einem zweiten Reform- und Modernisierungsschub, der nun eine Gründungswelle
an Aktiengesellschaften einleitete, den Eisenbahnbau ankurbelte und zum Einströmen
ausländischen Kapitals führte (noch einmal verstärkt ab 1870).
d)
Die Frage des Außenhandels und die Beziehungen mit dem Deutschen
Zollverein bis 1866
Die
österreichische Regierung hatte in der Olmützer
Konvention von 1850 Preußen zwingen können, seine kleindeutschen
Vorstellungen aufzugeben und die Erneuerung des Deutschen Bundes von 1815
anzuerkennen. Der bereits mehrfach genannte freihändlerische
Freiherr von Bruck, der österreichische Handelsminister, hatte bereits 1849 in
seinen Vorschlägen zur Anbahnung der österreichisch-deutschen
Zoll- und Handelseinigung den Plan einer zentraleuropäischen
Zollunion unter österreichischer Führung lanciert. Ein föderalistisch
organisiertes Mitteleuropa als Gegengewicht gegen Frankreich und England sollte
um das von Österreich geführte Deutschland herum auch die heutigen Benelux-Länder
und Skandinavien in sein Gravitationsfeld ziehen. Doch auch dieser letzte
Versuch, Deutschland von Österreich aus zu einen oder zumindest vorerst einmal
ökonomisch eine solche Vereinigung vorzubereiten, scheiterte am Widerstand Preußens,
aber auch anderer deutscher Staaten. 1852 hatte sich der norddeutsche Steuerverein
an den Deutschen Zollverein angeschlossen
und damit eine ökonomische Vorentscheidung gegen Österreich getroffen.
Hintergrund dafür war bereits die ökonomische Schwäche Österreichs und die
Hinwendung der wirtschaftlich fortgeschrittensten deutschen Teilstaaten nach
Westeuropa, mit dem sie ihre Handelsbeziehungen nicht durch die österreichischen
Pläne aufs Spiel setzen wollten.
Während
der 1850er Jahre versuchte Österreich nun wiederholt (1853, 1857) Annäherungen
an den Zollverein, die allerdings nur in Teilbereichen gelangen: Angleichung der
Münzsysteme, Übernahme des Deutschen
Allgemeinen Handelsgesetzbuches (Seerecht mit inbegriffen)... Wie weit Österreich
damals mit Deutschland bzw. seinem Vorläufer, dem Zollverein, verflochten war,
beweist die Außenhandelsstatistik: Rund 57% der Einfuhren der Gesamtmonarchie
kamen aus dem Zollverein, in den 44% der Exporte gingen! Mit der
Weltwirtschaftskrise 1857 allerdings war in Österreich wieder die
Schutzzollbewegung am Vormarsch, die gegen den Februarvertrag
von 1853 polemisierte. Im Gegensatz dazu erstarkte in Preußen, und in seinem
Gefolge im deutschen Zollverein, die Freihandelspartei. Das liberale Meistbegünstigungsabkommen von 1862 zwischen Preußen und
Frankreich war ein entscheidendes Mittel, um die deutschen Staaten (besonders
Sachsen und Baden, ansonsten Parteigänger Österreichs) um sich zu sammeln. Und
auch wenn Österreich schließlich 1865 nachziehen musste (und damit verspätet
die kurze Freihandelsära einleitete): Es hatte schon Jahre vor der militärischen
Entscheidung sein "wirtschaftliches Königgraetz"
erlitten (Matis, 379). Politisch durch das gemeinsame Vorgehen mit Preußen
gegen Dänemark in Schleswig-Holstein die Hände gebunden, war die Fortsetzung
der Politik mit militärischen Mitteln nur mehr eine Frage der Zeit.
Während
der eineinhalb Jahrzehnte der Auseinandersetzung um die Frage der
wirtschaftlichen Integration oder Trennung machte Österreich zwar große
Fortschritte in der Übernahme und Aneignung der kapitalistischen
Produktionsweise. Doch entscheidend ist die relative
Stärke, die relative Geschwindigkeit
im Vergleich zu anderen Staaten - und hier schnitt Österreich nicht besonders günstig
ab: Zu schwer wogen die riesigen nichtentwickelten Gebiete, andere Länder waren
trotz allem in ihrer Entwicklung dynamischer. Das Gefälle gegenüber Preußen
war bereits deutlich spürbar: Waren die Ausgangsbedingungen in der Mitte des
18. Jahrhunderts noch im wesentlichen identisch, lag 1840 das durchschnittliche
Einkommen bei nur mehr 80% des preußischen Wertes (März, wirtschaftliche
Entwicklung, S. 373). Und 1865 lagen die Produktionswerte bereits mindestens
ebenso deutlich auseinander wie der Entwicklungsunterschied von preußischem Zündnadelgewehr
und österreichischem Vorderlader:
In der Habsburger-Monarchie lebten 70% von der landwirtschaftlichen Produktion,
in Preußen 45%, trotzdem war die preußische Getreideernte um 14% höher. in
Preußen arbeiteten 15.000 Dampfmaschinen mit 800.000 PS, in Österreich 3.400
mit 100.000 PS. Etwas mehr als die Hälfte des Eisenbahnnetzes bei mehr als
doppelter Staatsfläche, weniger als ein Drittel der Kohleförderung, nur 60%
der Eisenproduktion sind deutliche Indizien für den gewaltigen Entwicklungsrückstand.
Und die österreichische Staatsschuld war enorm, das Kaiserhaus musste seit 1864
auf deutsche Banken zur Finanzierung des Defizits zurückgreifen (darunter auch
ein Konsortium von preußischen Banken unter Führung der Disconto-Gesellschaft).
Die
Ausgrenzung Österreichs aus dem Prozess der deutschen Einigung hatte daher
keine fatalen Folgen - er erschien als notwendige Schlappe. Auch nicht für die
Wirtschaft, im Gegenteil: Die milden Friedensbedingungen, die Österreich nun
umso enger ans entstehende Deutsche Reich banden, lösten einen gewaltigen
Aufschwung aus. Fast ist man versucht, ein Aufatmen der Bourgeoisie zu hören,
dass die aufgrund der schwächeren ökonomischen Basis aussichtslosen Versuche
des Hauses Habsburg, am deutschen Parkett bestimmend mitzumischen, nun ein Ende
hatten. Der verlorene Krieg beendete nur die aussichtslosen dynastischen
Ambitionen um die Vorherrschaft in Deutschland: Er beendete aber nicht die
privilegierten Beziehungen der österreichischen und der deutschen Bourgeoisie -
nur die Kräfteverhältnisse wurden ein für allemal klargestellt: die österreichische
als Juniorpartnerin ihrer deutschen Klassenschwester.
e)
Die Gründerzeit (1867 bis 1873)
Jetzt,
nach 1866, begann in Österreich - nach einer kurzen Wirtschaftskrise, die der
Krieg auslöste - ein kräftiger industrieller Aufschwung: Von 1867 bis 1873
erlebte Österreich seine Gründerzeit, die den deutschen Gründerjahren von 1870 bis
1873/1874 (im Gefolge des preußischen Sieges über Frankreich) vergleichbar
ist. 1867 bis 1873 wurden rund 1.000 neue Aktiengesellschaften in Österreich
gegründet - das Nominalkapital überstieg acht Milliarden Gulden.
Und
wieder die Ironie der Geschichte: Nachdem die Machtverhältnisse klargelegt
wurden, konnten sich die Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland
nun unvergleichlich intensiver - und auf Basis entwickelterer kapitalistischer
Produktionsverhältnisse - entwickeln: So beteiligten sich österreichische
Banken an der Gründung deutscher Aktienbanken, umgekehrt floss aber mehr
deutsches Kapital nach Österreich: Besonders nach dem deutsch-französischen
Krieg 1870/1871 und den französischen Kriegsentschädigungen engagierte sich
deutsches Kapital stark in Österreich und in dem aufgrund seiner Rückständigkeit
noch stärker auf ausländische Engagements angewiesene Ungarn. In die
Gesamtmonarchie dürfte in der Gründerzeit etwa eine Milliarde Mark geflossen
sein. Damit konnte Deutschland den Hauptkonkurrenten beim in Österreichs
investierenden Auslandskapital - Frankreich - klar distanzieren.
Wir
wollen hier nur ganz kurz die allgemeine Bedeutung des Ausgleichs von 1867 ausführen:
Durch die politischen Misserfolge und militärischen Niederlagen sah sich die
Krone zu Zugeständnissen an Ungarn gezwungen, um die Machtbasis der Monarchie
zu erweitern: Das Reich wurde zur Doppelmonarchie
Österreich-Ungarn umgebildet, beide Länder erhielten gesonderte
Regierungen bei gemeinsamem Außen-, Kriegs- und Finanzministerium, und Ungarn
verpflichtete sich, vorerst auf die Gründung einer eigenen Notenbank zu
verzichten. Der österreichische Kaiser wurde nun zugleich König von Ungarn, im
österreichischen Reichsteil wurden nun die bürgerlich-demokratischen Rechte
ausgebaut, und so bestanden nun auch gesetzliche Möglichkeiten zur Entfaltung
einer legalen Arbeiterbewegung - 1867 wurde der Wiener
Arbeiterbildungsverein gegründet.
Gleichzeitig
war der Ausgleich mit Ungarn eine schwere Niederlage der slawischen Nationen in
der Monarchie: So forderte die 1860 gegründete tschechische Nationalpartei
(sie sollte sich bald in konservative Alttschechen
und bürgerlich-nationalistische Jungtschechen
spalten) nationale Autonomie im Rahmen eines föderalistisch organisierten
Gesamtstaates. Nach dem Ausgleich wurde der dualistischen
Konzeption des Reiches nun die Forderung nach einem Trialismus entgegengesetzt, also die illusorische Forderung nach
einer Dreigliederung der Monarchie in einen deutschen, einen ungarischen und
einen slawischen Reichsteil. Besonders für die deutschböhmische Bourgeoisie,
die ökonomisch in diesem Kronland dominierte, war aber diese Forderung genauso
inakzeptabel wie für den Adel und die Bourgeoisie der anderen Kronländer, die
ebenfalls wenig Interesse an dieser Dreiteilung hatten, die sie nur in ihrer
Vormachtstellung hätte schwächen können.
Ins
Wirtschaftspolitische übersetzt, war der Ausgleich Cisleithaniens
(Österreichs) mit Ungarn (Transleithanien)
eine Verständigung der österreichischen Bourgeoisie mit dem ungarischen Großgrundbesitz
(der politisch in Ungarn noch bis zum
Ende der Monarchie dominieren und liberale Reformen blockieren sollte). Der
Ausgleich war die Grundlage für eine rasche Entfaltung des Kapitalismus in
beiden Reichsteilen - den ungarischen herrschenden Klassen wurde freie Hand in
der Ausbeutung der Arbeitenden in Stadt und Land und in der Verweigerung
nationaler Rechte für die nichtungarischen Nationen gelassen. Dabei war die
Situation in Ungarn ab 1867 durchaus nicht unähnlich der des Gesamtstaates nach
1848: Der Großgrundbesitz dominierte zwar politisch, dabei war aber die
Wirtschaftspolitik auf eine bewusste Förderung der Industrialisierung in Ungarn
gerichtet, um internationales know-how zu bekommen. Sie stand damit im Dienste der aufstrebenden
Kapitalistenklasse.
Problematisch
waren die alle zehn Jahre zu erneuernden Quotenverhandlungen über das gemeinsam
zu bestreitende Budget (1867 wurde eine 70:30-Quote Österreich - Ungarn
festgelegt, die in den nachfolgenden Jahren leicht in Richtung auf das sich ökonomisch
rasch entwickelnde Ungarn verschoben wurde). Da die wirtschaftlichen Absprachen
(neben der Quotenfrage auch das Zoll- und Handelsbündnis) nach jedem Jahrzehnt
(das letzte Mal 1907) erneuert werden mussten, waren national gefärbte
Streitigkeiten vorprogrammiert und bekam der Gesamtstaat den Charakter einer Monarchie
auf Kündigung (Herbert Matis). Problematisch wurde diese Konstruktion ab
1873, als sich die österreichische Bourgeoisie unter dem Eindruck der Krise vom
Freihandel abwandte, die ungarische Bourgeoisie (die stärker auf
Nahrungsmittelerzeugung und -export als ihre österreichischen Klassengenossen
spezialisiert war) jedoch am Freihandel, der auch ausländisches Kapital nach
Ungarn strömen ließ, festhielt. So verwandten sowohl Österreich als auch
Ungarn anlässlich der periodisch zu erneuernden Verhandlungen immer wieder mehr
Kraft und Energie darauf, "einander
den Handel zu ruinieren als aktiv den `Freihandel` zu fördern" (Macesich,
zitiert nach Good, S. 91).
Nach
1867 setzten sich aber neben der Außenhandelspolitik auch im Verhältnis der
beiden Reichsteile liberale Vorstellungen durch: Der Kreditverkehr wurde 1868 in
Österreich erleichtert - insbesondere wurde das Nehmen von Zinsen in praktisch
unbegrenzter Höhe gestattet (das sogenannte Wucherpatent),
in der Landwirtschaft wurde die Freiteilbarkeit eingeführt (Ausnahme blieb
Tirol), was die Zersplitterung des Bodens erleichterte und damit als Ware
leichter verfügbar machte, in der Verkehrspolitik wurde dem Großkapital der
Eisenbahnbau überlassen.
In
der Gründerzeit von 1867 bis 1873 trat Österreich-Ungarn voll in die
Industrialisierung ein, und das Land holte in einigen wesentlichen Bereichen im
Vergleich zu den ältesten Industrienationen Westeuropas auf: Innerhalb von nur
vier Jahren konnte das Streckennetz der Monarchie auf 12.000 km (1870)
verdoppelt werden (Frankreich 17.000 km), allerdings nicht gegenüber
Deutschland, das ab 1871 - im Rückenwind der 5 Milliarden Goldmark französischer
Kriegskontributionen und der nun endlich gewonnenen nationalen Einheit - zur
ersten Industriemacht Kontinental-Europas aufstieg. Gerade dieses Zurückbleiben
gegenüber Deutschland war aber wegen der engen Außenwirtschaftsverflechtung
wichtig!
Basis
dieses Industrialisierungsschubs waren die innen- und außenpolitische Festigung
des Staates und zwei Wunderernten 1867
und 1868, dazu kamen freizügige Konzessionierungen neuer Aktiengesellschaften,
was dem Kapital neue Anlagemöglichkeiten und neue Wege der Finanzierung bot.
Die darauf folgenden Jahre bis 1873 gehören somit
"zu
den entscheidendsten Epochen in Österreichs Wirtschaftsgeschichte. Ein jähes
Ansteigen der Produktions und (Aktien-)
Emissionsziffern, die Zahl der Aktiengesellschaften und die Eisenbahnkilometer
verleihen dieser Trendperiode den Charakter eines ´großen Anlaufs´" (Matis,
Bachinger in: Brusatti, S. 123).
Vom
Boom im Eisenbahnbau profitierten eine ganze Reihe wichtiger Industriezweige und
Bereiche der Urproduktion: Eisenhüttenwesen, Maschinenbau, Kohleförderung.
Trotz der großen internationalen Konkurrenz konnten die österreichischen
Eisenproduzenten den Inlandsbedarf nicht decken, Österreich nahm in der
Produktion den 6. Rang ein. Dazu kamen die großen Fortschritte in der Kohleförderung,
die mit der Maschinenindustrie und der Eisenbahn in direkter Beziehung standen:
Die Zahl der in Fabriken stationierten Dampfmaschinen stieg von 1863 bis 1875
auf das Dreieinhalbfache an, die PS-Leistung stieg nch mehr - auf 1,570.000
Einheiten. Die Steinkohlenproduktion stieg von 2,8 (1865) auf 4,75 Millionen
Tonnen, Braunkohle im selben Zeitraum von 2,2 auf 5,65 Millionen.
Besonders
ausgeprägt war neben dem Eisenbahnbau der Boom im Bankwesen: In den Jahren 1867
bis 1869 wurden 36 Banken gegründet, nach einer kurzen Spekulationskrise
1869/1870 in einer zweiten Phase, die bis 1873 andauerte, 102 Banken. Spektakulär
war etwa die Gründung des Wiener
Bankvereins, der mit außerordentlich geringem Aktienkapital sich bald stark
im Eisenbahnbau engagierte und auch im internationalen Bankengründungsboom
mitmischte. Ab den 1870er Jahren sollte sich die Verbindung von Industrie und
Banken, die sich schon mit der Gründung der Creditanstalt
angebahnt hatte, noch enger gestalten. Für den österreichischen Imperialismus,
der sich ab den 1890er Jahren formierte, sollte gerade diese enge Verbindung von
Bank- und Industriekapital - bei Dominanz der Banken von Anfang an - typisch
werden.
Der
Boom setzte sich auch auf alle anderen Wirtschaftsbereiche fort; von der
Textilindustrie über die Baubranche (Wiener Ringstraße,
Hochquellenwasserleitung, Donauregulierung) bis zur Nahrungsmittelindustrie: In
Ungarn konnte sich die Vorherrschaft der Mühlenindustrie (deren Produkte neben
Zucker Hauptexportartikel der Monarchie bis 1914 blieben) festigen, der
Zuckerexport stieg allein von 1870 bis 1871 um 130%, der von Mehl um immerhin
20% (Brusatti, S. 123). Für Österreich nicht unwichtig, begann auch die Erdölindustrie
ihre Förderung, die durch den Ausfall der amerikanischen Lieferungen - der
Sezessionskrieg der 60er Jahre bedeutete hier einen Einschnitt - eine
Entwicklungs-Chance bekam: Die Erdölindustrie war in der Folge der eigentliche
Wachstumssektor in Galizien - 1909 stand dieses Kronland bereits an dritter
Stelle der Weltproduktion (nach den USA mit 61% und Russland mit 22% hielt
Galizien 5% der Weltförderung).
Der
Aufschwung festigte die zentrale Stellung der Industrie: 1005
Aktiengesellschaften wurden 1867 bis 1873 konzessioniert, davon entfiel der Großteil
auf industrielle Gründungen. Diese Zeit war damit auch die Hochblüte des
Kapitalismus in seinem nichtimperialistischen Stadium, des Konkurrenzkapitalismus,
in Österreich; aber nicht nur das: Da der Konjunkturanstieg in Österreich,
aber auch in Ungarn mit der Philosophie des Wirtschaftsliberalismus in
Zusammenhang gebracht wurde, waren diese wenigen Jahre auch die Zeit der Hochblüte
liberaler Politik in Österreich - und diejenigen Jahre, in denen politische und
ökonomische Herrschaft der liberalen Bourgeoisie in Österreich noch am ehesten
zusammenfielen.
So
sehr Wirtschaftsliberalismus und Konjunktur miteinander bis
1873 in Verbindung gebracht wurden, so sehr war dies auch nach 1873 der Fall: Der Konjunkturabschwung und die Jahre der tiefen
Depression brachten jene radikale Abkehr von liberalem, freihändlerischem
Gedankengut auch in der österreichischen
Bourgeoisie mit sich, die die Geschichte der herrschenden Klasse bis heute
in Österreich charakterisieren wird Seit der gründlichen Desillusionierung
nach dem Börsenkrach vom Mai 1873 in Wien und Budapest - nur eine Woche nach Eröffnung
der Weltausstellung - hat sich der Liberalismus als politische Ideologie der
Mehrheit des Bürgertums nicht mehr regenerieren können, und auch in der
Wirtschaftspolitik ging die Zeit des liberal-individualistischen
Wettbewerbs in der Kapitalistenklasse zu Ende: Die Bourgeoisie begab sich
unter die Fittiche des Staates, der sie vor zu großer Auslandskonkurrenz schützen
sollte, und sie versuchte den Wettbewerb in den letzten Jahren der Monarchie
immer mehr durch Kartelle und Absprachen zu begrenzen, sodass Österreich-Ungarn
trotz seiner relativen Rückständigkeit v.a. durch die große Bedeutung der
Banken zu einem Paradebeispiel des durchorganisierten Kapitalismus
imperialistischer Prägung wurde.
f)
Der Krach von 1873
Wir
haben im letzten Abschnitt über die Gründerzeit den entscheidenden Beitrag des
Eisenbahnbaus für die Hochkonjunktur hervorgehoben. Mit ihm aber wurde natürlich
eine ganze Reihe weiterer Sparten nach oben getragen: Die Eisen- und
eisenverarbeitende Industrie boomte; ja die gesamte Produktion, der Handel, die
Spekulation mit allem und jedem befanden sich in einem ausgeprägten Hoch.
Gerade ab 1871 strömte massiv Kapital an die Wiener Börse - nicht zuletzt auch
aus dem soeben unter preußischer Vorherrschaft vereinigten Deutschland, in dem
die ersten Raten der französischen Reparationsleistungen eintrafen, was zu
einer Suche nach profitablen Anlagemöglichkeiten führte.
Gleichzeitig
aber begannen sich schon 1871/1872 deutliche Krisensymptome abzuzeichnen: 1872
begann das Eisenbahnwesen Schwäche zu zeigen: Einerseits wurde es durch die überhitzte
Konjunktur immer schwieriger, das nötige Kapital auf der Börse für neue
Projekte aufzubringen, und auf der anderen Seite warfen einige der soeben
fertiggestellten Bahnprojekte keinen Gewinn ab, ja deckten nicht einmal die
Kosten des Betriebs. In den letzten Phasen der Hochkonjunktur wanderte
spekulativ eingesetztes Kapital daher weg vom Eisenbahnbau und hin in Richtung
auf (ebenfalls spekulative) Bank-, Bau- und Industriegründungen. Diese Erhöhung
der Kapitalkosten (die Börsenkurse stiegen und stiegen) war kombiniert mit
einer enormen Steigerung der Lebenshaltungskosten, die durch langsamer steigende
Löhne und Gehälter nicht kompensiert wurden.
Ab
Sommer 1872 begann dann in der Baumwoll- und Seidenindustrie eine Abschwächung,
die immer noch durch den spekulativen Boom vor allem im Eisen-, aber auch im
Baubereich überlagert wurde. Neben den spektulativen Geldern, die das Börsenvolumen
aufblähten (man sprach damals von einer Milliardenwanderung),
konnte kurzfristig der Sonderfaktor Weltausstellung
1873 ein endgültiges Erlahmen der Konjunktur hinausschieben. Vor allem die
Bautätigkeit in Wien wurde nochmals angekurbelt - man erwartete einen
Weltausstellungstourismus großen Ausmaßes -, allerdings stiegen die Baupreise
und die Mietzinse enorm an und erhöhten die Lebenshaltungskosten der breiten
Masse noch einmal erheblich. Aber genau diese Weltausstellungshausse beschleunigte dann letztendlich den
Zusammenbruch des spekulativ genährten Booms: Das in Banken und
Baugesellschaften angelegte Aktienkapital verzehnfachte sich in den Jahren 1866
bis 1873 (wobei der allergrößte Teil in die Jahre ab 1871 fiel), das
spekulative Kapital verlor zunehmend festen Boden unter den Füßen - und nur
mehr ein letzter Anstoß genügte, um das ganze Gebäude zum Einsturz zu
bringen.
Als
am 1. Mai 1873 die Weltausstellung eröffnet wurde, wankte die Wiener Börse
bereits. Am 2. Mai sprach die Neue freie
Presse von einem Reinigungsprozess,
welchen die Börse nun seit Wochen durchmacht. Und am 9. Mai, die
Krise war nun mit voller Gewalt hereingebrochen, schrieb dieselbe Zeitung, noch
immer die wirklichen Ursachen verschleiernd:
Ohne
wahrnehmbaren Anlass, wie von Dämonengewalt erfasst, ist das Gebäude
zusammengebrochen, welches auf Actien aufgebaut war...
Viel
ehrlicher war da in der Analyse der wahren Ursachen schon das Parlament, der Reichsrath,
der in einem Bericht über die Ursachen des Krachs z.B. in Bezug auf die
Baugesellschaften feststellen musste:
"Vornehmlich
zu dem Zweck ins Leben gerufen, um, was speciell Wien betrifft, angesichts der
dort herrschenden Wohnungsnot, sowie der von der großen Weltausstellung
erwarteten Entwicklung der Reichshauptstadt, eine Bautätigkeit im Großen
zu entfalten, gestaltete sich alsbald diese Thätigkeit zu einer völlig
secundären ... und war die Speculation in ihren verschiedenen Formen ... das
eigentlich bewegende Moment"
(zitiert nach März, Bankpolitik, S. 173).
Die
Tiefe der Krise lässt sich an folgendem ermessen: Von Mai bis Dezember 1873
mussten 8 Banken, 2 Versicherungsgesellschaften, 1 Eisenbahnunternehmen und 7
Industriegesellschaften in Konkurs gehen, in Liquidation traten dazu noch weitere 40
Banken, 6 Versicherungen, 1 weitere Eisenbahngesellschaft und 52
Industrieunternehmen. Neben Kapitalisten wurden vom Krach auch viele kleinbürgerliche
Existenzen zerstört, ja sogar Proletarier hatten ihre wenigen Ersparnisse in
nunmehr wertlosen Aktien investiert. Mit Ausnahme von einigen Staatstiteln waren
alle Wertpapiere von Kurseinbußen betroffen, die Wertverminderung bei Aktien
und anderen Wertpapieren soll bis Dezember 1873 1,5 Milliarden Gulden betragen
haben.
Doch
die Krise von 1873 war weit mehr als ein bloßes Reinigungsgewitter, das die
spekulativen Kapitalien, denen keine realen Werte gegenüberstanden, vom glatten
Börsenparkett hinwegfegte. Die Krise von 1873 war vielmehr der Beginn einer längeren
Periode der Depression, die erst drei Jahre später, 1876, ihren Tiefpunkt
erreichte und die ganzen nächsten Jahre andauerte. Und erst die 1890er Jahre
sollten ein Ende dieser tiefgreifenden Stagnation bringen und den Beginn einer
fast zwei Jahrzehnte dauernden Aufschwungphase. Doch mit den wirtschaftlichen
Schwierigkeiten der 1870er Jahre - wir sagten es bereits - war auch eine
tiefgreifende politische Veränderung verbunden: Die sich im Aktien besitzenden
und mit diesen spekulierenden Rentier
verkörpernde Ideologie des liberalen Konkurrenzkapitalismus wurde nachhaltig
diskreditiert und musste einem Kapitalismus Platz machen, von dem gefordert
wurde, dass er seinen Protagonisten Schutz gewähren könne. Wollte der
Kapitalist der 1860er Jahre den Staat so weit wie möglich aus seinen Aktivitäten
heraushalten, so suchte sein Nachfolger in den späten 1870er und den 1880er
Jahren Schutz vor den zersetzenden Wirkungen des Marktes und der Konkurrenz
unter den Rockschößen des Kaiserreiches.
g)
Ende des Wirtschaftsliberalismus und Periode der Stagnation (1873 - 1895)
Es
scheint gerechtfertigt, die vier Jahrzehnte von 1873 bis zum letzten
Vorkriegsjahr 1913 in zwei größere Abschnitte zu trennen - denn in doppelter
Hinsicht ist die Mitte der 1890er Jahre eine Zäsur: Erstens kann ab diesem
Zeitpunkt auch in der österreichisch-ungarischen Monarchie von einem Übergang
zu einer neuen, höheren Form des Kapitalismus gesprochen werden; ab diesem
Zeitpunkt wird die Ökonomie auch in Österreich zunehmend stärker von
Kartellen und anderen Organisationsformen des Imperialismus dominiert - ab
diesem Zeitpunkt tritt also auch Österreich in das moderne imperialistische
Stadium der kapitalistischen Entwicklung. Und zweitens fällt in die Mitte der
1890er Jahre in Österreich-Ungarn das Ende jener hartnäckigen Krisensymptome,
die der Zeit ab 1873 den Stempel aufgedrückt hatten. Wir wollen uns nun mit
diesem ersten größeren Abschnitt auseinandersetzen, dem Zeitabschnitt, der auf
den großen Krach von 1873 folgte.
Natürlich
kann auch dieser Abschnitt in mehrere längere Perioden untergliedert werden -
so zeichnet sich etwa in ökonomischer Hinsicht die Zeit von 1873 bis 1879
durchaus durch eine eigenständigen Physiognomie aus. Um aber den Überblick zu
behalten, wollen wir uns vorderhand mit dieser groben Zweiteilung begnügen. Zum
zweiten wollen wir uns auf die binnenwirtschaftlichen Aspekte beschränken. Hier
nur so viel, dass, wie in der Monarchie, so auch in anderen Ländern, der Beginn
der 1870er Jahre von Gründungsfieber, Überproduktion und einer schließlichen
schweren Krise geprägt war. Wie in Österreich-Ungarn, so lag auch auf
internationaler Ebene - in Europa, aber auch in Nord-Amerika - der Ausgangspunkt
für dieses Spekulationsfieber im Eisenbahnbau.
Die
hartnäckige Depression der Jahre, die dem Krach von 1873 folgten, war
international gekennzeichnet von Produktionseinschränkungen und einem
dramatischen Verfall der Preise. Das Produktionsniveau Österreich-Ungarns des
Jahres 1873 sollte erst wieder um die Mitte der 1880er Jahre erreicht werden.
Anfänglich befand sich die Maschinenindustrie noch in einer günstigeren
Situation, aber mit dem Niedergang des Eisenbahnbaus wurden schließlich auch
die Eisen- und die eisenverarbeitenden Industrien immer stärker in den Strudel
der Krise hineingezogen. Verantwortlich für die Verzögerung des Niedergangs
war hier der Stau an noch nicht ausgeführten Aufträgen - namentlich auch aus
dem Ausland, das dieser Sparte noch einen gewissen Puffer gewährte: Z.B. wurden
1872 16, 1873 91 und 1874 240 Lokomotiven von den fünf österreichischen
Lokomotivfabriken exportiert (v.a. nach Russland, in die Türkei und nach Rumänien,
das 1869 seine erste Eisenbahnlinie eröffnet hatte), bevor auch hier die Krise
durch ausfallende Neubestellungen eintrat und zu fast völligem Stilltand führte
(selbst im Inland stieg man nun bei den wenigen Investitionen auf die billigere
Konkurrenz aus Belgien, England und Deutschland um).
Waren
von 1867 bis 1873 9.472 km an neuen Eisenbahnstrecken gebaut worden, so sank in
der darauffolgenden Periode (1874 - 1879) der Zuwachs auf 2.840 km, und 1880
konnten überhaupt nur 5 km neu dem Verkehr übergeben werden. 5,6% des gesamten
Budgets mussten 1876 für staatliche Garantieleistungen an private, notleidende
Bahnen ausgegeben werden. So sank auch im Gefolge dieser drastischen
Verlangsamung des Eisenbahnbaus die Roheisenproduktion: Waren 1873 535.000
Tonnen produziert worden, sank bis 1875 die Produktionsmenge (bei niedrigerem
Preisniveau) auf 388.000 Tonnen; und auch hier sollte - wie in der
Gesamtwirtschaft - das Produktionsvolumen erst wieder Mitte der 1880er Jahre
erreicht werden.
Das
sinkende Preisniveau kam zwar den Unselbständigen zugute (der Rückgang war
auch in den Konsumgüterindustrien weniger stark ausgeprägt wie z.B. in der
Maschinenbauindustrie), aber die zahlreichen Betriebsschließungen und
Firmenzusammenbrüche trafen viele Proletarier: Ende Februar 1874 zählte Wien
19.000 Arbeitslose, 14.000 weitere Arbeiterinnen und Arbeiter hatten
"freiwillig" die Stadt verlassen, während 800 Brot- und
Unterstandslose zwangsweise ausgesiedelt wurden - und die Zahl der Entlassungen
stieg weiter... In einer Studie mit dem Titel Der
Konsum Wiens in den Jahren 1871 -1880 (Der Volkswirt, 17.9.1881) finden wir
folgende Angaben, die die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in der
Depressionsphase belegen:
Die
Bevölkerung Wiens hat während dieser Zeit um 70.000 Seelen zugenommen, der
Konsum der wichtigsten Lebensmittel hat abgenommen oder ist stationär
geblieben. (...)
Der Mehlverbrauch ist um mehr als 12 kg per Kopf gefallen, der Fleischverbrauch
ist allerdings ungefähr stationär geblieben, charakteristisch ist aber, dass,
während der Verbrauch an Geflügel und feinen Fleischsorten stark abgenommen
hat, nur der von minderen Rindfleischgattungen gestiegen ist. Stark gestiegen
ist nur der Import von Reis, aber den besteuern Staat und Stadt so hoch, dass er
nur für die wohlhabenderen Stände in Betracht kommt ... (zitiert nach März,
Bankpolitik, S. 193).
Abgerundet
wird dieses Bild der Stagnation und der ökonomischen Krisis durch den
drastischen Rückgang der Zahl der Aktiengesellschaften. Dazu muss
vorausschickend gesagt werden, dass die Freiheit von Unternehmensgründungen in
der Monarchie erst 1899 eingeführt wurde - bis dahin waren
Kapitalgesellschaften genehmigungspflichtig. Obwohl damit der Staat sich bis
fast zur Jahrhundertwende ein gewichtiges Steuerungsinstrument in den Händen
beließ, ist die Zahl der Aktiengesellschaften ein wichtiger Indikator für den
gesellschaftlichen Fortschritt hin auf die modernen kapitalistischen
Unternehmensformen. Bestanden 1865 111 Aktiengesellschaften, wurden von 1867 bis
1873 Konzessionen für 1005 Unternehmen erteilt - allein im Jahr 1872 376! Nur
zwei Drittel wurden auch wirklich gegründet, aber 1873 bei Ausbruch der Krise
bestanden immerhin 815 Aktiengesellschaften in Österreich. Sechs Jahre später,
1879, bestanden nicht einmal mehr die Hälfte davon als selbständige
Gesellschaften (411), nur 43 neue Konzessionen waren gewährt worden (davon
wurden 39 Unternehmen tatsächlich konstituiert). Die Zahl ging bis Mitte der
1880er Jahre noch weiter zurück: 1885 waren es nur mehr 380. Und erst Mitte der
1890er Jahre setzte eine neue Welle von Gründungen ein - 1900 wurden wieder
529, 1912 780 AG’s gezählt.
Im
Sinne der kombinierten und ungleichen Entwicklung hatte Österreich trotz
(bzw. wegen) seiner relativen ökonomischen Rückständigkeit (was ja auch
Kapitalmangel bedingt) in der
Entwicklung der Kapitalgesellschaften eine führende Stellung in Europa
eingenommen - ähnlich wie die Rückständigkeit des Finanzsektors in die Gründung
des europaweit führenden Instituts, der Creditanstalt, einmündete. Diese
Spitzenstellung ging in den Jahrzehnten nach 1873 verloren: 1902 war das
Aktienkapital der deutschen Kapitalgesellschaften bereits siebenmal so groß wie
das österreichischer Institute. Und selbst Ungarn hatte 1912 mehr
Aktiengesellschaften als Österreich - wenn auch das Gesamtkapital kleiner war
als das der österreichischen Reichshälfte.
Ein
ähnliches Bild bietet sich im Bankbereich: Allein 1873 sank die Zahl der
Bankinstitute der österreichischen Reichshälfte von 143 (Mai) auf 102
(Dezember), 1878/1879 waren es dann nur mehr 53 Institute. Von 70 in Wien
zwischen 1868 und 1873 gegründeten Instituten arbeiteten 1883 nur mehr 8, in
den Kronländern außerhalb Wiens von 65 noch 21. Verfügten die Aktienbanken
1873 noch über 619 Millionen Gulden an eingezahltem Kapital, waren es Ende der
1870er Jahre nur noch 240 Millionen - in den 1880er Jahren sollte mit der Gründung
der Länderbank und den Kapitalerhöhungen der großen Aktienbanken das Pendel
langsam wieder zurückschwingen.
Die
Schwere der Depression von 1873 bis 1879 führte aber auch wirtschaftspolitisch
zu einer entscheidenden Trendumkehr: Standen bis 1879 die Liberalen an der
Spitze des Staates, gelangten in diesem Jahr die Feudalkonservativen unter Taaffe
an die Regierung - die Liberalen sollten nie wieder an die Hebel des Staates
zurückkehren. Damit wurde die Abkehr von wirtschaftsliberalen Werten sinnfällig
unterstrichen - die Wiederherstellung
einer christlichen, auf dem Gleichgewicht der Stände beruhenden Weltordnung wurde
nun zu den ideologischen Leitbildern der Ära
Taaffe, dessen antiliberale Politik auch nach seiner Ablösung durch Badeni
in den 1890ern weiterbetrieben wurde.
Doch
auch schon vor 1879 zeigten sich innerhalb des regierenden deutsch-liberalen
Lagers wirtschaftspolitische Risse: Die Parteigänger des Interventionismus
gewannen das Übergewicht; mit dem neuen Aktiengesetz (1874) und einem neuen Börsegesetz
(1875), die verschärfte staatliche Kontrolle und härtere Besteuerung von
Aktiengesellschaften bedeuteten, wurde die vorsichtige Abkehr vom Liberalismus
eingeleitet. In der Folge wird die ungleiche Besteuerung von Kleingewerbe und
Aktiengesellschaften zu einem Hauptinstrument der auf den Schutz des
Kleinkapitals ausgerichteten Wirtschaftspolitik in der Spätphase der Monarchie
werden. Unter dem Eindruck der Stagnation privater Eisenbahntätigkeit wurde nun
nach 15-jähriger Pause wieder an den Aufbau eines Staatseisenbahnnetzes
gegangen: Schon ab 1873 waren jene Strecken vom Staat übernommen worden, für
die sich trotz Steuerbegünstigung und Zinsengarantie kein Konzessionär
gefunden hatte. Bis zur Jahrhundertwende wird der Staat durch die Beherrschung
von Bahn, Post und Telegraphie (wieder) zum wichtigsten Verkehrsträger.
Anti-liberale, interventionistische Tendenzen finden sich neben der Verkehrs-
auch in der Außenhandels- und Fiskalpolitik. Im Außenhandel wurde schon
1878/1879 mit dem autonomen Zolltarif
(das heißt, dass der Zolltarif ohne vorherige vertragliche Regelung einseitig
festgelegt wurde) der Startschuss für schutzzöllnerische Reformen - vorerst
einmal im besonders sensiblen Textilbereich - gegeben.
Besonders
hartnäckige Schutzzöllner waren die österreichischen Textilindustriellen und
die Getreide erzeugenden Großgrundbesitzer Ungarns, die unter dem Druck des
Verfalls der Agrarpreise und der ausländischen Konkurrenz in den 1880er Jahren
auf den schutzzöllnerischen Zug aufsprangen. Gerade diese Getreidezölle in den
Zolltarifen von 1882 und 1887, aber auch die Handelskriege mit Rumänien und
Serbien lassen den steigenden Einfluss der schutzzöllnerisch gewordenen
Agrarier in der Monarchie erkennen. Die Ehe von österreichischen Textilien und
ungarischem Weizen sollte bis zum Ende der Monarchie trotz aller Krisen, die für
Zweierbeziehungen üblich sind, intakt bleiben.
1879,
mit der Machtübernahme der konservativen Koalitionsregierung des Eisernen
Rings, verschärfte sich die begonnene antiliberale Tendenz weiter. Nun
folgte eine Rückkehr zu staatlicher Reglementierung, protektionistischer Förderung
von Kleinbetrieben und Anklängen an zünftlerisches Denken. Mit der
Wahlrechtsreform von 1882, die eine Vergrößerung der Zahl der
stimmberechtigten Männer bewirken sollte, wurden städtische kleinbürgerliche
Schichten und die ländliche Bauernschaft, beides die Klientel des Eisernen Rings unter Taaffe,
bedacht. Auf diese Schichten zugeschnitten, wurde wirtschaftspolitisch ein
Ausgleich zwischen industriellem Wachstum, protektionistischer Gewerbeförderung
und landwirtschaftlicher Konservierung der Besitzverhältnisse versucht.
Landwirtschaftliche Marktordnungsgesetze sollten die kleinbäuerlichen Besitzer
schützen; das Handwerk wurde besonders gefördert und geschützt und
andererseits der Industrie hohe Lasten auferlegt - nicht zuletzt wurde von der
Regierung eine für damalige Zeiten relativ fortschrittliche Sozial- und
Arbeiterschutzgesetzgebung entwickelt, von der die im Kleingewerbe Beschäftigten,
die gewerblichen Heimarbeiter und die Land- und Forstarbeiter ausgenommen
blieben (oder in die sie zumindest erst zögernd integriert wurden), wie überhaupt
kleinbürgerliche und bäuerliche Interessen hinter der Regierungspolitik Pate
standen. An der Frage der Reform der Gewerbeordnung, die seit 1874 diskutiert
und schließlich 1883 verabschiedet wurde, entschied sich der Kampf zwischen
liberaler und interventionistischer Wirtschaftspolitik: Der Befähigungsnachweis
wurde zur Ausübung eines Gewerbes (wieder) eingeführt, die Gewerbe- und
Handelsfreiheit staatlich beschränkt.
Die
Steuergesetzgebung stand ganz im Zeichen des Schutzes des Kleingewerbes vor der
großindustriellen Produktion und ihrer Preisschleuderei.
Die besondere Benachteiligung der Aktiengesellschaften, die bis zum Fünffachen
so hoch besteuert wurden wie Personengesellschaften, sollte die
vorindustriellen, traditionellen und rückständigen Produktionsformen auch dort
konkurrenzfähig erhalten, wo dies nach dem Prinzip des reinen, unverfälschten
Wettbewerbs gar nicht mehr möglich gewesen wäre. Zusammen mit den besonders drückenden
Kronlandes- und Gemeindeabgaben wurde der Reinertrag der Aktiengesellschaften in
aller Regel mit 20 bis 40% weggesteuert - was sich auf die Kapitalbeschaffung
und die Ausdehnung moderner großkapitalistischer Produktion äußerst
nachteilig auswirkte. Besonders problematisch war dies in grenznahen Regionen -
gerade in den ökonomisch fortgeschrittenen Teilen Böhmens und Mährens: Eine
Reihe von Unternehmen (so etwa Zuckerfabriken aus Böhmen und Österreichisch-Schlesien)
wich aus steuerlichen Gründen nach Deutschland aus, wo die Steuerbelastung höchstens
10% des Reinertrags betrug.
Damit
wurde der Konzentrationsprozess in der Industrie zwar nicht aufgehalten, er
wurde aber nachhaltig abgebremst und trug zur Aufrechterhaltung, zur
Konservierung des rückständigen Charakters der Wirtschaftsstruktur der österreichisch-ungarischen
Monarchie entscheidend bei. Der Industrierat
legte auf diese Konservierung der kleinbetrieblichen Struktur, auf diese
Versteinerung überlebter Verhältnisse den Finger, als er 1904 darauf hinweisen
musste, dass im Jahre 1900 der Anteil der Industrieaktiengesellschaften an der
Gesamtheit der Betriebe geringer war als 1873:
Unsere
Großindustrie hat vor drei Jahrzehnten mehr Kapital und vielleicht auch mehr Hände
beschäftigt als heute, wo die Bevölkerung in der Zwischenzeit um mehr als 27
Prozent gestiegen ist
(zitiert nach Brusatti, S. 50) und - so können wir hinzufügen - andere Länder
gewaltige Schritte in der Übernahme großindustrieller Produktionsmethoden
gemacht haben.
Der
politische Ausdruck dieser Situation und dieser konservierenden Interessen waren
Bewegungen wie die Christlichsozialen, deren soziale Basis in diesen rückständigen
Schichten zu finden waren. Ihre Frontstellung war eine doppelte: Einerseits
wurde ihre soziale Basis von der modernen Großindustrie bedrängt, daher auch
der oft radikal anti(groß)kapitalistische, antiliberale, antimoderne und auch
antisemitische Grundzug, der diesen Bewegungen inhärent war. Andererseits aber
wurde sie von der sich formierenden sozialistischen Arbeiterbewegung bedrängt.
Von daher lag es in ihrem doppelten Interesse, gemeinsam mit der Taaffe-Regierung
das Sozialwerk voranzutreiben und politisch abzustützen: Einerseits konnte so
demagogisch gegen die Methode des Klassenkampfes angegangen werden
(Verbesserungen seien auch so zu erzielen), und zweitens waren die Kosten dieser
Reformen, solange sie nicht auf das Gewerbe ausgedehnt wurden, eine Waffe im
Konkurrenzkampf des rückständigen Kleinbürgers gegen die moderne Industrie.
Die
ökonomischen Zyklen der nächsten Jahre bis Mitte der 1890er wollen wir hier
nur kurz streifen. Grundlegend bleibt von der Überwindung der Depression 1879 für
die nächsten Jahre eine zähe und langsame, immer wieder durch Rückschläge
unterbrochene Aufwärtsbewegung, die allerdings nicht an die internationalen
Wachstumszahlen anschließen kann. Der Depression von 1873 bis 1879 folgten drei
Aufstiegsperioden - 1879/1883, 1886/1890 und 1893/1895 - die durch zwei
Konjunkturflauten unterbrochen wurden - 1883/1886 und 1890/1892. Beendet wurde
diese Periode durch die kurze, schon im Frühjahr des darauffolgenden Jahres überwundene
Börsenkrise von 1895.
Die
stagnativen Tendenzen, die die österreichische Wirtschaft seit dem Ende der großen
Depression der 1870er Jahre geprägt hatte, machte dabei Ende der 1880er Jahre
vorsichtigen Aufschwungtendenzen Platz. Auf diese muss hier noch näher
eingegangen werden, weil sie in Keimform bereits die großen Veränderungen der
nachfolgenden Perioden beinhalten. Während der 1880er Jahre gab es zwar einen
wirtschaftlichen Aufstieg, aber er war zögernd, langsam und uneinheitlich. Der
überaus langsame Aufstieg der Eisenindustrie während der 1880er Jahre ist hier
symptomatisch. Und auch die österreichische Zuckerindustrie, die mit der
Montan- und Maschinenbauindustrie zu den kapitalintensivsten Sparten der
Monarchie gehörte, war im Aufschwung - aber auch in diesem Fall blieb die Lage
kritisch. Erst Ende der 1880er Jahre begann sich die gesamtwirtschaftliche Lage
zu verbessern, auch wenn die Entwicklung nach wie vor nur langsam, und immer
wieder durch Schwächephasen unterbrochen, verlief.
Vier
Wirtschaftssparten sind es hier, auf die wir das Augenmerk richten wollen: Zum
ersten die Eisenindustrie und in ihrem Gefolge auch die Kohlegewinnung und
Kokserzeugung: In der Roheisenerzeugung setzte in der zweiten Hälfte der 1880er
Jahre eine deutliche Steigerung ein. Von 1886 bis 1890 konnte die Erzeugung von
484.000 auf 666.000 Tonnen gesteigert werden, 1888 wurde die Produktion von 1873
überschritten. Der Rückschlag von 1891 konnte erst 1893 wieder aufgefangen
werden, und 1896 konnten 844.000 Tonnen erreicht werden. Österreich blieb damit
zwar immer weiter hinter den westeuropäischen kapitalistischen Ländern,
insbesondere hinter dem Deutschen Reich, zurück, aber diese Zahlen zeigen doch,
dass der Rückschlag von 1873 überwunden werden konnte. Regional gesehen - und
auch hier blieb die Eisenindustrie Trendsetter
- verschob sich das Gewicht immer mehr zuungunsten der Alpenländer: Hatten Ende
der 1870er Jahre diese Kronländer noch 64% des Roheisens produziert, waren es
1896 nur mehr 38% der österreichischen Reichshälfte.
Zum
zweiten nahm die Erdölindustrie Galiziens einen steilen Aufschwung: Hatte sie
bis Mitte der 1880er Jahre stagniert, wurde nun zwischen 1887 bis 1895 die jährliche
Rohölproduktion von 740.000 auf 2,148.000 Meterzentner verdreifacht. Drittens
konnte die Zuckerindustrie ihre Überproduktion von Mitte der 1880er Jahre überwinden
und schon 1894/1895 ihre Produktion auf 10,5 Millionen Meterzentner gegenüber
Mitte der 1880er Jahre fast verdoppeln. Und viertens machte ab Ende der 1880er
Jahre eine neue, für die nächsten Jahrzehnte wichtige Industriesparte in Österreich
rasche Fortschritte: die Elektroindustrie. Besonders auf dem Gebiet der
Beleuchtungstechnik konnte Österreich anfänglich sogar eine führende Stellung
in Europa behaupten. 1887 wurde von Siemens
und Halske in Salzburg das erste öffentliche Elektrizitätswerk Österreichs
erbaut, zwei Jahre später folgte ein Werk in Wien. Und wurden 1897 in Paris
416.000 Lampen mit Strom versorgt, waren es in Wien immerhin 328.000 (gegenüber
nur 275.000 in Berlin). Neben der Elektroindustrie kam es auch in anderen Großindustrien,
etwa in der Eisen-Metallurgie und der Chemie zu bedeutenden technischen
Neuerungen. Unter dem Einfluss der ausländischen Konkurrenz wurde der Übergang
zur Anwendung kapitalintensiverer Methoden beschleunigt - so v.a. in der
Zucker-, Maschinen- und Textilindustrie. Aber diese Entwicklung verlief doch in
überaus schleppender Weise - es stand, bezogen auf die gesamte Monarchie, weder
ein leistungsfähiger Kapitalmarkt noch ein anlagebreites Bankkapital in
ausreichendem Maße zur Verfügung.
Alles
in allem blieb daher der industrielle Fortschritt bis Mitte der 1890er Jahre
beschränkt: Eine nur kleine Zahl von industriellen Gründungen und die geringe
Aktienemissionstätigkeit sind Beweis dafür. Trotzdem konnte die rückläufige
Zahl bei den Aktiengesellschaften gestoppt werden (1887 bis 1895 stieg die Zahl
der Aktiengesellschaften wieder von 384 auf 433), auch wenn das eingesetzte
Kapital nur langsam wuchs - im Zeitraum 1887/1895 um nur 15% - und nach wie vor
noch weit weniger als 1873 betrug. Dies war besonders deshalb von Wichtigkeit,
weil in derselben Zeit in Deutschland - in dem keine restriktiven Beschränkungen
die Gründung und den Betrieb von Aktiengesellschaften behinderten - die Geschäftstätigkeit
auf wesentlich höherem Niveau verlief.
Aber
auch auf einer zweiten Ebene bereitete sich die Aufschwungphase ab 1895 unter
der Oberfläche vor: Der Übergang zum monopolistischen Kapitalismus begann
jetzt schon fühlbar zu werden. Die Politik des Staates, die auf die Absperrung
nach außen bedacht war, und die kartellmäßigen Vereinbarungen, die in den
wichtigsten Industriezweigen den Wettbewerb beschränkten und das Eindringen
unliebsamer Konkurrenten zu unterbinden trachteten, begannen trotz aller
Benachteiligungen gegenüber der kleingewerblichen Produktion günstige
Voraussetzungen für die Tätigkeit einzelner großer Unternehmungen
darzustellen. Die Neue freie Presse schrieb
rückblickend auf das Jahr 1895:
Die
Tatsachen (...)
zeigen, dass die großen Finanzgeschäfte, die Erzeugung von Eisen, Zucker,
Petroleum, der entscheidendsten und wichtigsten Elemente des Bedarfes, nahezu
Monopole geworden sind (zitiert nach März, Bankpolitik, S. 255).
So
ist es nicht verwunderlich, dass sich - und auch das wird neben der
Monopolisierung und Konzentration der industriellen Tätigkeit ein Kennzeichen
der nachfolgenden Epoche des Imperialismus sein - die Banken nun stärker direkt in der
Wirtschaft engagieren. Ab 1890 lässt sich etwa für die Creditanstalt
feststellen, dass sie nun wieder verstärkt im industriellen Gründungsgeschäft
sich beteiligte. Hatte sie noch 1888 in Industrieunternehmen gebundene
Kapitalien wieder flüssig gemacht, engagierte sie sich nun immer stärker - wie
schon in ihrer Anfangsphase - im industriellen Gründungsgeschäft (Petroleum
und Erdölverarbeitung wie Linoleum, Elektrizität, Eisen, Gummi, Papier und
Zucker). Auch in einem anderen Bereich vermerken wir einen Aufschwung: Von 1888
bis 1895 gab es eine deutliche Zunahme bei den internationalen Anleihen. Und die
Creditanstalt - nach wie vor das Flaggschiff des österreichischen Bankwesens -
mischte hier mit - von italienischen Staats- und Eisenbahn-Anleihen über eine
große Zahl von rumänischen, russischen, portugiesischen, schweizerischen oder
ägyptischen bis zu deutschen Anleiheoperationen war die Bank beteiligt. Trotz
allem aber blieb der Kapitalexport Österreichs bis zum Ende der Monarchie
relativ unterentwickelt: Österreich blieb Netto-Kapitalimporteur - und 80% des
von Österreich im Ausland angelegten Kapitals flossen bis Anfang des 20.
Jahrhunderts nach Ungarn, in die andere Reichshälfte, also eigentlich gar nicht
wirklich ins Ausland.
Wir
sehen also, dass trotz seiner Rückständigkeit in Österreich in der Mitte der
1890er Jahre alle Bedingungen vorhanden waren, um als eines der schwächeren
Glieder in der Kette der kapitalistischen Länder den Übergang zum imperialistischen
Stadium des Kapitalismus zu vollziehen. Diese Bedingungen dafür aber
reiften in der Phase vor 1895, in einer Zeit der relativen Stagnation und des
Zurückbleibens des österreichischen Kapitalismus hinter den Ökonomien der
westeuropäischen Länder. Damit aber trat Österreich - über den ungarischen
Reichsteil ist hier vorerst einmal nicht die Rede - in die Epoche des
Imperialismus mit Karten ein, die z.B. gegenüber Anfang der 1870er Jahre noch
einmal schlechter geworden waren: Der ökonomische Rückstand hatte sich
verfestigt, die ökonomische Fortschrittlichkeit, die sich in der großen Zahl
von Aktiengesellschaften und der bloßen Existenz der Creditanstalt ausdrückte,
war kapitalistisches Allgemeingut geworden, während Österreich stagnierte. Die
Abschottung der Außengrenzen, die Schutzzölle, waren Eingeständnis der Schwäche.
Gleichzeitig aber war der politische Zusammenhalt der Monarchie weiter zerbröselt,
führte das nationale Erwachen v.a. der slawischen Völker zu einer weiteren
Erosion der Monarchie.
h)
Die „Belle Epoque“ (1895-1914)
Bis
Mitte der 1890er Jahre waren also die Bedingungen für den Übergang zum
imperialistischen Stadium des Kapitalismus auch in Österreich-Ungarn
herangereift (da wir uns noch mit dem ungarischen Reichsteil im speziellen beschäftigen
werden, soll hier nur auf die
im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder, wie der österreichische
Teil der Doppelmonarchie offiziell hieß, eingegangen werden).
Die
Zeit von 1895 bis 1914 wird in wirtschaftshistorischen Publikationen auch immer
wieder die zweite Gründerzeit
genannt. Und der Aufstieg, den die österreichische Industrie hier in dieser
Phase nahm, war auch wirklich nicht zu übersehen. In dieser Phase gelang es,
den Rückstand Österreichs gegenüber den hochindustrialisierten Ländern zwar
nicht wettzumachen, aber doch deutlich zu verkleinern, diese 20 Jahre gehören
zu den erfolgreichsten der österreichischen Geschichte. Insbesondere die Jahre
von 1905 bis 1913 waren Jahre des stürmischen Wirtschaftswachstums, die nur
durch eine Schwächephase von 1908 bis 1910, die Österreich jedoch besser als
die anderen imperialistischen Staaten in (West-) Europa überstand, unterbrochen
wurde.
Von
den Wirtschaftszyklen her können die beiden Jahrzehnte von 1895 bis 1914 kurz
folgendermaßen beschrieben werden: Der erste Konjunkturzyklus reichte von 1896
bis etwa 1904: Nach Überwindung der kurzen Spekulationskrise von 1895, die zwar
wiederum wie 1873 viel Kapital an der Börse vernichtete, aber keine nachhaltige
Wirkung auf die Produktionssphäre ausübte, stieg die Konjunktur in den nächsten
beiden Jahren rascher als in den Konjunkturzyklen vorher an, um 1898/1899 in
eine Boomphase überzugehen. Nach einer Abschwächung der Konjunktur um 1900
fiel die Wirtschaft von 1901 bis 1904 in eine Depression, die sich besonders auf
die Schwerindustrie negativ auswirkte. Von 1905 bis 1908 Hochkonjunktur, dann
eine kurze Flaute, die ab 1910 wieder in eine Hochkonjunktur überging. Erst
1913 kommt es erneut zu einer Abschwächung, die bis zum Kriegsausbruch nicht
mehr überwunden wurde.
Wir
wollen uns nun mit den entscheidenden Veränderungen beschäftigen, die die österreichische
Wirtschaft in die Richtung auf eine imperialistische Ökonomie drängten. Wir
hatten schon gesagt, dass die Grundlagen für dieses neue Stadium auch in Österreich
bereits in den Perioden vorher gelegt wurden. Insbesondere setzte der
Konzentrationsprozess in der Industrie bereits ab 1873 ein, als im Gefolge der
langandauernden Depression die Zahl der Betriebe schrumpfte, während
gleichzeitig Betriebsgrößen, Zahl der beschäftigten Arbeiter,
Arbeitsproduktivität und Ausstoß zum Teil beträchtlich zunahmen. Insofern
waren also auch die Jahre von 1873 bis 1895 keine Jahre des Stillstands, sondern
Perioden, in denen zwar kaum spektakuläre Fortschritte im
Industrialisierungsprozess gemacht wurden, in denen aber durch den
Reinigungsprozess der langen Jahre der Depression sich die ökonomische Struktur
so weit umgestaltete, dass der neue Aufschwung ab Mitte der 1890er Jahre nun auf
völlig anderen Grundlagen aufbauen konnte als in den Aufschwungphasen davor.
Vor allem die 1870er Jahre scheinen dabei die
"Basisjahre einer trotz Konjunkturrückschlägen einheitlichen Periode
der industriellen Entwicklung vor dem Ersten Weltkrieg zu sein. Geht man von den
Veränderungen in der Betriebs- und Unternehmensstruktur aus, werden diese
Ergebnisse bestätigt. Unter diesem Aspekt zeigt sich die Zeitspanne des ausgeprägten
konjunkturellen Pendelschlags 1867 - 1880 (Aufschwung 1867-1873, Niedergang
1873-1880) als Phase eines tiefgreifenden Strukturwandels. Damals wurden die
Grundlagen der großindustriellen Entwicklung Österreichs vor dem Ersten
Weltkrieg geschaffen. Die vielleicht bedeutendste strukturelle Veränderung muss
in der nun rasch voranschreitenden Unternehmenskonzentration gesehen werden ..."
(Mosser, Industrieaktiengesellschaften, S. 173).
Am
Beispiel des Bergbaus, der Roheisenerzeugung und der Zuckerindustrie lässt sich
das veranschaulichen: So fiel von 1872 bis 1887 die Zahl der roheisenerzeugenden
Unternehmen von 112 auf 47, die steirischen Eisenhütten (1848 waren es 38, 1868
immerhin noch 11) schlossen sich 1881 zu einem einzigen Unternehmen, der
Alpine-Montangesellschaft, zusammen. Auch im Bergbau begann der
Konzentrationsprozess in der Periode der Großen Depression. In der
Steinkohlenproduktion ging die Zahl der Unternehmen um mehr als 50% zurück, im
Baunkohlenbereich sank die Zahl der Unternehmen von 463 (1872) auf 288
(1887), und in der Zuckerindustrie blieb die Zahl der Erzeuger zwar im letzten
Viertel des 19. Jahrhunderts mit etwas über 200 fast konstant, aber die
Produktionsmenge konnte verfünffacht werden. Die Tendenzen zum Großbetrieb und
zur Konzentration der Produktion, die also schon vor 1895 angelegt waren,
beschleunigten sich in den folgenden Perioden bis zum Ausbruch des Ersten
Weltkriegs noch weiter (dazu jedoch später).
Noch
in einem anderen Bereich waren die Grundlagen in dieser Depressionsperiode der
siebziger Jahre gelegt worden: Österreich hatte vor 1914 einen der am meisten
durch Kartelle reglementierten inneren Markt. Das erste dieser Kartelle wurde in
Österreich 1878 im Eisensektor ins Leben gerufen (ein Jahr später das erste in
Ungarn), 1880 waren es 4, 1886 7, 1888/1890 18, 1897 schon 40, 1900 57 und 1905
bereits 100. Auch hier sehen wir, dass die Basis für diese
Kartellvereinbarungen bereits in den Perioden vor 1895 gelegt wurde, dieses
Mittel der imperialistischen Marktaufteilung und -regulation aber ab Mitte der
1890er Jahre sprunghaft größere Ausdehnung fand und bald große Teile der
Industrieproduktion betroffen waren. Am Beispiel der Konzentration der Betriebe
und der beginnenden Kartellvereinbarungen sehen wir, dass auch in Österreich
imperialistische Methoden in den
Jahren bis knapp vor der Jahrhundertwende schon Fuß gefasst hatten und ins
Wirtschaftsleben der Donaumonarchie eingedrungen waren. So weit zu den
Vorbemerkungen für die Betrachtung der Perioden ab 1895. Wir wollen uns nun
etwas genauer mit dem Konjunkturverlauf ab 1895 auseinandersetzen, bevor wir
dann die spezifischen Charakteristika des österreichischen Imperialismus
besprechen werden.
Nachdem
die Krise von 1895 rasch überwunden werden konnte - dafür war die besonders
gute Konjunkturlage im Deutschen Reich verantwortlich, das als der
Exportmarkt Österreichs (abgesehen vom Spezialfall Ungarn) für zusätzliche
Produktionsmöglichkeiten sorgte. Daneben aber gab es auch binnenwirksame
Elemente des Aufschwungs: Erstens stieg die Nachfrage nach den neuentwickelten,
modernen Produkten unverhältnismäßig stark an: Fahrräder, Photoapparate
und Photoausrüstungen, viele Geräte der Elektrotechnik, chemisch hergestellte
Düngemittel für die Landwirtschaft... Dazu kam das ungebrochene Wachstum der
großen Städte: Wien hatte um 1900 bereits mehr Einwohner als heute, und die
gewaltige Bautätigkeit führte zu einer steigenden Nachfrage nach Metallen,
Steinen, Kohle u.a. Dazu kam eine Renaissance des Eisenbahnbaus: Nachdem das
Grundnetz der Monarchie vor allem in den zentralen Räumen bereits hergestellt
war, verlagerte sich die Bautätigkeit nun auf Neben- und Lokalbahnen: Gerade um
1900 wurden auch in bereits verkehrsmäßig bereits gut erschlossenen Kronländern
wie Ober- und Niederösterreich neue Bahnstrecken (sehr oft auf Schmalspurbasis)
gebaut.
Nachdem
1900 die deutsche Wirtschaft an Schwung verloren hatte, übertrug sich dies mit
einigem Abstand auch auf Österreich - ein deutliches Indiz für den von der
reichsdeutschen Wirtschaft abhängigen Charakter der österreichischen Ökonomie.
Aber nicht nur der Aufschwung in den Jahren davor verlief flacher als in
Deutschland, auch die Rezession war nicht so scharf - besonderen Anteil am
flachen Verlauf hatte der staatliche Eisenbahnbau (Karawanken-, Pyhrn-, Tauern-,
Wechselbahn...), der forciert fortgesetzt wurde und 1901/1904 antizyklisch
wirkte.
Nachdem
der konjunkturelle Rückschlag 1904 aufgefangen werden konnte, setzte eine
bemerkenswerte Blüteperiode ein, die wieder parallel zur internationalen
Entwicklung verlief: Die Eisenerzproduktion stieg 1904 bis 1908 von 1,7 um 53%
auf 2,6 Millionen Tonnen, die Förderung
von Steinkohle um 17%, von Braunkohle um 21%, die Eisenproduktion nahm um 48,4%
zu. Zeitgenössischen Kommentatoren erschien diese Periode als entscheidendes
Signal eines Aufholprozesses der Monarchie:
"Künftige
Wirtschaftshistoriker werden als das bemerkenswerteste Ereignis in der
Entwicklung des österreichisch-ungarischen Wirtschaftslebens im ersten
Dezennium dieses Jahrhunderts die erstmalige ausgiebige Teilnahme der Monarchie
an einer Weltkonjunktur bezeichnen. Österreich-Ungarn hat von 1904 bis 1908 ein
Jahrfünft der Hochkonjunktur mitgemacht, deren Ergebnisse nicht wieder spurlos
verloren gegangen sind. Wir haben mit den anderen Industriestaaten der Erde eine
Blüte erlebt, die wenigstens in gleicher Solidität vorher nicht ihresgleichen
hatte" (Gustav Stolper im Österreichischen Volkswirt, 4. JG. 1912, S. 544, zitiert nach März,
Bankpolitik, S. 325).
Ab
1908 begann nun immer stärker die Rüstungsindustrie als neuer Motor der
Wirtschaftsentwicklung zu fungieren, sodass die Krise 1908/1909, die sich in
einer Abschwächung der Investitionstätigkeit und der Konsumgüterindustrien
ausdrückte, wieder nicht so stark ausgeprägt war und bald überwunden werden
konnte. Nach dieser kurzen Flaute folgte eine neuerliche Hochkonjunktur mit
einem stark ausgeprägten industriellen Gründungsfieber, die erst 1913 vor dem
Hintergrund der düsterer werdenden internationalen Situation (aber wieder durch
eine Konjunktur im Rüstungsbereich überlagert) ihr Ende fand. Der
Eisenwarenabsatz sank Mitte 1913 gegenüber demselben Zeitpunkt des Vorjahres um
mehr als ein Viertel, die Textilindustrie arbeitete mit Produktionseinschränkungen
von bis zu 40%. Österreich wurde 1913 durch die beiden Balkankriege in seinem
Außenhandel schwer getroffen und konnte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges
trotz auf Hochtouren laufender Rüstungsindustrie die Krise nicht mehr völlig
überwinden.
Wir
wollen uns nun mit den spezifischen Merkmalen des österreichischen
Imperialismus vor 1914 auseinandersetzen. Einige Elemente sind bereits genannt
worden, wir wollen uns nun systematischer damit beschäftigen.
Großindustrielle Produktion
Österreich
blieb bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Land, in dem die großbetriebliche
Produktion einen geringeren Stellenwert hatte als etwa in Deutschland oder
anderen imperialistischen Ländern Europas. Laut Industriezensus
von 1902 (übrigens der ersten und einzigen systematischen Erhebung über die österreichische
Industrie vor 1918) gab es im österreichischen Reichsteil rund 970.000 Betriebe
in Bergbau und verarbeitender Industrie. 95% der Betriebe waren Kleinbetriebe
mit höchstens fünf Beschäftigten. In ihnen waren 47% der Arbeiter beschäftigt,
in den 6100 größeren Betrieben (mit mehr als 50 Beschäftigten) aber 34%. In
den 113 Betrieben mit mehr als 1.000 Beschäftigten arbeiteten 5,2%. Gegenüber
Deutschland bedeutete dieser Konzentrationsgrad einen Rückstand von etwa 15
Jahren. Zu bedenken ist aber die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung innerhalb
der Monarchie selbst: Denn die unterentwickelten Kronländer, deren industrielle
Entwicklung überhaupt erst knapp vor der Jahrhundertwende eingesetzt hatte
(v.a. Bukowina, Ostteil Galiziens), verzerren die Statistik dementsprechend. In
einigen Bereichen dominierte jedoch bereits der Großbetrieb: In Eisengießereien
arbeiteten 1902 schon 95,8% in Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten, im
Bergbau 83,9%. Auf die größten Betriebe mit mehr als 1.000 Beschäftigte
entfielen 28,4% der im Bergbau (34 Betriebe) und 18,4% der in der Eisenindustrie
Arbeitenden. Vorwiegend kleinbetrieblich strukturiert waren hingegen die
Textil-, die Holz-, die Nahrungsmittel- oder die Lederwarenindustrie.
Während
der letzten zwei Jahrzehnte der Monarchie konnten zwar die Großbetriebe weiter
an Boden gewinnen, aber der Abstand zu den hochentwickelten Staaten Westeuropas
verringerte sich nicht entscheidend, ja vergrößerte sich vor allem am Sektor
der bei den Großbetrieben tonangebenden Kapitalgesellschaften sogar noch.
Verantwortlich dafür war neben der Zurückgebliebenheit der östlichen und südlichen
Landesteile der österreichischen Reichshälfte auch die Wirtschaftspolitik der
verschiedenen Regierungen, die Aktiengesellschaften nach wie vor steuerlich
schwer diskriminierte, um die kleinbetriebliche Klientel nicht vor den Kopf zu
stoßen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfügten die Aktiengesellschaften
Belgiens oder der Niederlande bereits über ein höheres Kapital als die bevölkerungsmäßig
weit größere Monarchie... So war es nicht verwunderlich, dass handwerksmäßig
organisierte Betriebe nach wie vor das Bild der österreichischen Produktion prägten.
1902 waren 56% der Arbeiter in Betrieben mit weniger als 20 Beschäftigten tätig.
Konzentrationstendenzen
Wir
sprachen schon davon, dass die Grundlage für die Konzentrationstendenzen in der
österreichischen Industrie in der Phase vor 1895 gelegt wurde. Nach 1895 ging
diese Entwicklung auf neuer Stufenleiter und schneller als zuvor weiter.
Festzuhalten wäre noch, dass diese Tendenzen durch Kartelle und
Produktionsvereinbarungen abgesichert wurden. Auch hier zeigt sich, dass im
internationalen Vergleich der Grad an Konzentration der Produktion in wenigen Händen
nicht besonders groß war und der bereits festgestellte Rückstand Österreichs
sich auch hier nachweisen lässt. Trotzdem aber waren nicht nur in den
Bereichen, die wir bereits für die Perioden vor 1895 besprochen haben (Zucker,
Bergbau und Eisenverhüttung), starke Konzentrationstendenzen zu vermerken: So
entfielen in der Textilindustrie auf die acht größten Unternehmen 20% aller
Spindeln, und in der Roheisenerzeugung entfielen auf die größten vier
Unternehmen 85% der Produktion.
Auch
die Entwicklung der Unternehmenszahl ist hier von Interesse: 1872 arbeiteten 160
Firmen in der Eisenerzförderung und 112 in der Roheisenerzeugung, 1913 waren es
nur mehr 23 bzw. 13. Und eine weitere Tendenz ist hier von Interesse:
Firmenzusammenschlüsse und Verflechtungen gab es nicht nur im selben
Produktionsbereich bzw. derselben Produktionsphase (also auf horizontaler
Ebene), sondern auch auf vertikaler:
So begann die Alpine Montan in der
Obersteiermark bereits in den 1880er Jahren mit dem Aufbau eines hochmodernen
Eisenwerks und verband sich mit vorgelagerten Rohstofflieferanten und den
produktionsmäßig nachgelagerten Weiterverarbeitern des Eisens, also den
Walzwerken. Und in der Zuckerindustrie, einem der wichtigsten exportorientierten
Wirtschaftszweige der Monarchie, waren ursprünglich Rohzuckergewinnung und
Raffinierung zwei getrennte Bereiche, die von verschiedenen Unternehmen
betrieben wurden. 1880 beschäftigten sich nur 8,4% der Unternehmen mit beiden
Phasen der Produktion, 1885 waren es 16,7% und 1911 schon 22,5%.
Kapitalgesellschaften
Wir
haben der Anomalie bei den österreichischen Aktiengesellschaften bereits gebührenden
Raum gegeben: dass nämlich der Ausbreitung von Kapitalgesellschaften gewaltige
institutionelle Hindernisse in den Weg gelegt wurden, die alle dem Bedürfnis
nach Konservierung überlebter konkurrenzkapitalistischer Verhältnisse und
kleingewerblicher Strukturen geschuldet waren. Eine zweite Anomalie
in der Entstehung von Kapitalgesellschaften liegt in Österreich darin, dass die
Gründung von Aktiengesellschaften der großindustriellen Entwicklung
hierzulande vorausgeeilt war. Ihre große
Zeit fiel in die Jahre des Gründerbooms nach dem Ausgleich von 1867. Die 1873
erreichte Zahl und das 1873 in ihnen angelegte Kapital sollten während der
ganzen Monarchie nicht wieder erreicht werden. Ein zweites Hindernis war die zögerliche
Gesetzgebung: Erst 1899 wurde die Freiheit der Unternehmensgründung eingeführt,
das Gesetz für Gesellschaften mit beschränkter
Haftung wurde erst 1906 verabschiedet (in Deutschland hingegen bereits
1892). Bis 1912 hatten 1.900 Firmen diese Rechtsform angenommen. Dabei hatten
nicht einmal 200 dieser beschränkt haftenden Gesellschaften ein Stammkapital
von mehr als 500.000 Kronen (ab dieser Höhe verfielen sie derselben
exorbitanten Steuerprogression wie die Aktiengesellschaften). Während im
Deutschen Reich mehr als 300 Gesellschaften über ein Stammkapital von jeweils
mehreren Millionen Kronen verfügten, gab es in Österreich auch nur ein
einziges solches Unternehmen.
Trotzdem
kann die Zahl und das Kapital der Aktiengesellschaften nicht unbedingt mit der
Periode 1867/1873 verglichen werden (damals nahm Österreich eine europäische
Spitzenstellung ein, die in den folgenden Jahren restlos verloren ging). Denn
der Aufschwung der österreichischen Wirtschaft von 1904 bis 1913 war trotz
allem stark mit der Geschäftstätigkeit der zunehmenden Zahl von
Aktiengesellschaften verbunden: Wurden 1904 573 anonyme Gesellschaften (ohne
Eisenbahnen) gezählt (die ein Kapital von 2.217 Millionen Kronen repräsentierten),
waren es 1913 822 im Handelsregister eingetragene Gesellschaften (mit 4.378
Millionen Kronen). 1910/1912 erreichte die Gründungstätigkeit einen Höhepunkt.
Zu bedenken ist auch, dass die Macht der Aktiengesellschaften größer war, als
sie hier erscheinen mag: Ihre stärksten Positionen hatte sie in den jungen,
modernen Industriesparten (z.B. Elektrobereich) und in Schlüsselsektoren der
Wirtschaft (Eisenproduktion und -verarbeitung, Waffenindustrie...). Das machte
sie im Bündnis mit den Banken trotz der in ihrer steckengebliebenen Entwicklung
zutage tretenden Rückständigkeit der österreichischen Ökonomie zu einem
wichtigen Stein im Wirtschaftsgefüge der letzten Jahrzehnte der Monarchie.
Finanzkapitalistischer Sektor
und Banken
Durch
die Rückständigkeit im industriellen Bereich kam schon im 19. Jahrhundert der
Entwicklung auf dem Sektor der Banken ganz besondere Bedeutung zu - und bis
heute ist ja der Bankbereich eine wesentliche Stütze des österreichischen
Imperialismus geblieben. Seit den wirtschaftsliberalen Reformen nach der
niedergeschlagenen Revolution von 1848 hatte der Banksektor eine ganz besondere
Stellung inne (erinnert sei hier an die in dieser Arbeit beschriebene Gründungsgeschichte
der Creditanstalt). In Österreich
waren es die Banken selbst, die der Industrie bei der Gründung von
Aktiengesellschaften vorangingen. Und bis zum Ende der Monarchie war der
Bankensektor vor allen anderen derjenige, der die meisten Aktiengesellschaften
aufwies. Schon in der Gründerzeit waren mehr als 20% aller neuen
Aktiengesellschaften auf Banken entfallen, wie überhaupt die großen auf
Aktienbasis arbeitenden Banken eine beherrschende Rolle in der österreichischen
Wirtschaft spielten.
Bevor
wir uns genauer mit dem finanzkapitalistischen Sektor, also der Durchdringung
von Bank- und Industriekapital, beschäftigen, ist ein Blick auf die Geschichte
der Großbanken bis 1895 wichtig. Nach dem Krach von 1873 wandten sich unter dem
Eindruck der Zusammenbrüche (nicht einmal die Hälfte der Banken überlebte)
die übriggebliebenen Institute weniger riskanten Operationen zu: Aus dem
industriellen Gründungsgeschäft zogen sie sich großteils zurück und
investierten in weniger gefährliche Staatsschuldtitel etc. Erst in den 1890er
Jahren (die Creditanstalt hatte seit 1880 inzwischen einen neuen Konkurrenten,
die mit französischem Kapital gegründete k.k.
privilegierte Österreichische Länderbank, bekommen) änderte sich die
Geschäftspolitik wieder grundlegend:
Die
Banken stiegen nun erneut und mit steigender Intensität ins industrielle Gründungsgeschäft
ein. Jedes Bankinstitut versuchte, und das war das grundlegend Neue an der
Situation, eine eigene Macht- und Einflusssphäre sich zu erobern. Entweder
wurden Großunternehmen in Aktiengesellschaften umgewandelt oder neue
Gesellschaften unter Bankenpatronanz gegründet. Von den neunziger Jahren her
datiert die enge Verflechtung von Industrie- und Bankenwelt in Österreich.
Dabei war dieser Prozess auch in Deutschland und anderen Ländern, die gerade
eine Wandlung zu imperialistischen Staaten durchmachten, zu beobachten,
allerdings war er in Österreich durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet, die
auf eine besonders enge Verbindung der beiden Bereiche hinwirkten: Zum ersten
fiel diese neue Phase, diese neue Strategie der Bankpolitik in die
Entstehungszeit der österreichischen Großindustrie überhaupt, die gerade in
den neunziger Jahren bedeutende Schritte vorwärts machte. Diese stand daher
sozusagen von ihrer zartesten Jugend an unter der Patronanz des Bankkapitals
(März, Socher: Währung und Banken in Cisleithanien; in: Brusatti, S. 348). Und
zweitens war daher das Verhältnis von Industrie- und Finanzkapital weit stärker
als in anderen Ländern durch einen Vorrang der Aktienbanken, also durch eine
Vorrangstellung des Finanzsektors, bestimmt.
Bei
dieser besonderen Stellung der Banken im gesamten imperialistischen Gefüge Österreichs
nimmt es nicht wunder, dass der Konzentrationsgrad gerade hier besonders weit
fortgeschritten war. In den neunziger Jahren vergrößerte sich das Filialnetz
der großen Banken rasch, womit auch bisher von Geldtransaktionen nur wenig
durchdrungene Gebiete in die modernen kapitalistischen Zahlungs- und
Finanzierungsformen eingebunden wurden und der Konkurrenzkampf unter den Banken
erheblich zunahm. Ehemals unabhängige Privatbanken wurden nun in Zweigstellen
umgewandelt und ins Filialnetz der Großbanken einbezogen. 1900 machten die
kleinen Banken (diejenigen mit weniger als 10 Millionen Kronen Aktienkapital
werden hierher gezählt) zwar der Zahl nach 53% aller Institute aus, die als
Kapitalgesellschaften organisiert waren, 1913 sogar 64%, aber auf sie entfielen
1900 nur 13% des Aktienkapitals im Bankensektor, 1913 gar nur mehr 10,4%. 1913
verfügte ein Siebtel aller Banken bereits über 67% des Aktienkapitals, 85% des
Aktienkapitals repräsentierten 8 der 18 Wiener Aktienbanken.
Daneben
gab es Verflechtungen zwischen den einzelnen Banken: Die Creditanstalt
führte eine Bankengruppe, der auch die Galizische
Bank für Handel und Industrie (Krakow/Krakau), die Galizische Bodencreditbank (Lwow/Lemberg) und u.a. die Bielitz-Bialer
Escompte- und Wechselbank (Bielitz) angehörte, zur Bankengruppe des Wiener
Bankvereins gehörten die Böhmische
Union-Bank (Praha/Prag), die Banca
Commerciale Triestina (Trieste/Triest) und die Bukowinaer Bodencreditanstalt (Cernovcy/Czernowitz). 1907 wurde die
Zusammenarbeit der Banken durch die Gründung eines Kartells vertieft. Besonders ab 1904 schlossen sich verschiedene
Großbanken auch zur Durchführung einzelner größerer Vorhaben bei
industriellen Gründungen zusammen (beim staatlichen Anleihegeschäft war dies
auch schon vorher üblich gewesen). Häufig arbeiteten hier die Credit-Anstalt
und die Bodencredit-Anstalt zusammen. Dies wurde bei den immer häufiger
werdenden Fusionen großer Industrieunternehmen wichtig (v.a. im Bereich der
Schwerindustrie, dem Maschinenbau und der Elektroindustrie), bei der solche
Bankenkonsortien eine wichtige Rolle
spielten.
Entsprechend
ihrem Gewicht in der österreichischen Wirtschaft waren auch ihre Tätigkeitsbereiche
äußerst vielschichtig. Mit drei wollen wir uns hier genauer beschäftigen:
Zuerst einmal dem "normalen" Kreditgeschäft. Mit Ausnahme von Dänemark
und der Schweiz dürfte in keinem Land Europas die Bedeutung des Kredits für
Investitionen eine größere Rolle gespielt haben als in Österreich und dem
Deutschen Reich (vergleiche hierzu Good, S. 184f.). Viele dieser Kredite wurden
zwar als kurzfristige vergeben, wurden aber immer wieder verlängert und damit
da facto versteckte Beteiligungen der Banken an Industrieunternehmen - 1913 dürften
rund 16% aller "kurzfristigen" Kredite in der österreichischen
Textilindustrie diese Funktion erfüllt haben.
Zweitens
beschäftigten sich die Banken stärker als in anderen Ländern mit
Warenkommissionsgeschäften. Besonders nach 1873, als die Banken weniger
riskante Geschäfte suchten, wurde der Verkauf von Zucker und anderer
Agrarprodukte, Petroleum, Holz usw. von den Banken organisiert. Auch dieser
Bereich war stark konzentriert: 1905 schlossen vier große Wiener Banken z.B. 63
Kaufverträge mit Zuckerunternehmen ab - die Gewinne aus solchen und ähnlichen
Unternehmungen dürften bei der Credit-Anstalt bis zu einem Viertel ihrer
Gesamteinnahmen betragen haben (Good, S. 185).
Und
drittens waren die großen Banken natürlich auch in der Gründung von
Industrieunternehmen engagiert. Hatte in der Gründerzeit z.B. die Creditanstalt
eine wichtige Rolle im Eisenbahnbau und in der Gründung neuer Unternehmen
gespielt, so beschränkten sich die Banken bis in die neunziger Jahre vorwiegend
auf die Konsolidierung ihres Aktienbesitzes. Dann begannen die Gründungen von
Aktiengesellschaften durch Banken neuerlich zuzunehmen, um dann im 20.
Jahrhundert gewaltige Dimensionen anzunehmen. 1895 verfügten 15 Aktienbanken über
93,5 Millionen Kronen an Unternehmensaktien, 1905 bereits über 252,5 und 1913
über 359 Millionen Kronen. Zwischen 1907 und 1913 dürften die Großbanken an
der Gründung von mindestens 126 großen Aktiengesellschaften in der ganzen
Monarchie aktiv beteiligt gewesen sein. Führend war neben der Credit-Anstalt
die Anglo-österreichische Bank (je 24 Neugründungen), daneben waren
tschechische Banken für die Gründung von 27 Unternehmen verantwortlich.
Ein
großer Teil der Aktien wurde von den Banken nicht weiter veräußert, sondern
verblieb bewusst in ihrem Besitz. Ursprünglich sollten die Aktien erst verkauft
werden, wenn eine gewisse Wertsteigerung des neuen Unternehmens garantiert war,
aber schließlich konzentrierten sich die Banken auf die Schaffung und Abrundung
ihrer eigenen Bankenkonzerne. Fast die Hälfte (46,8%) aller Aktien entfiel in
den Sektoren Bergbau und Hüttenindustrie, Maschinenbau und Metallbearbeitung
auf die neun größten Wiener Banken, darauf folgten die chemische, die Textil-
und die Elektroindustrie, die Nahrungs- und die Zuckerindustrie. Größter
Aktieninhaber war die Creditanstalt mit 24,6% des gesamten
Industrieaktienkapitals, das in der Hand von Banken war), darauf folgte der
Wiener Bankverein (mit 18,7%) und die Niederösterreichische
Escompte-Gesellschaft (15%). Schätzungsweise dürften bei den österreichischen
Kapitalgesellschaften vor dem Ersten Weltkrieg 53% des gesamten Kapitals in der
Hand der Banken gelegen haben, in Bergbau und Hüttenindustrie waren es 73%, in
der Zuckerindustrie 80% und im Maschinenbau sogar 100% (Good, S. 188).
Die
verschiedenen Banken neigten dabei verschiedenen Unternehmensgruppen,
verschiedenen Industriebereichen zu: Die Länderbank
war engagiert in der elektrotechnischen Industrie und der ungarischen
Schwerindustrie, die Bodencredit-Anstalt
in der österreichischen Maschinenindustrie, die Böhmische
Unionbank in der Elektroindustrie, die Anglobank
und die Union-Bank in der chemischen
Industrie, die Escompte-Gesellschaft
in der böhmischen Montanindustrie und die Credit-Anstalt
neben der chemischen Industrie (einschließlich Petroleum), in der Zucker-,
Textil- und Spirituosenerzeugung sowie der böhmischen Metallindustrie. Auf die Kartelle,
die auch in diesem Zusammenhang wichtig wären, wird noch einzugehen sein.
Der
Einfluss der Großbanken auf die Industrie, die Verschmelzung im
imperialistischen Sinne zwischen diesen beiden Bereichen bedingten aber auch
eine personelle Verflechtung. Schon vor 1918 war die Vermischung von Vorständen
und Aufsichtsräten aus Bank und Industrieunternehmen weit fortgeschritten: 1917
hatten die Aufsichtsrats- bzw. Vorstandsmitglieder der Creditanstalt 194
Aufsichtsratsmandate in anderen Banken oder großen Industrieunternehmen inne;
26 der höchstrangigen Angehörigen von Wiener Banken gehörten mindestens zehn
verschiedenen Aufsichtsräten anderer Aktienbanken oder
Industrieaktiengesellschaften an. Ähnlich war die Situation auch am
zweitwichtigsten Bankplatz des österreichischen Reichsteils - Praha/Prag: Der
Erste Direktor der bei weitem bedeutendsten Prager Bank, der Zivnostenka Banka,
saß in 20 verschiedenen Aufsichtsräten (Good, S. 188 f.). Doch all das war
keine Einbahnstraße: So saß der Direktor der P.E.G. (des führenden Bergbau-
und Hüttenunternehmens in Böhmen) im Aufsichtsrat der Böhmischen
Escompte-Bank, der Niederösterreichischen
Escompte-Gesellschaft und seit 1899 auch der Creditanstalt,
ein schönes Beispiel für die Personalunion
von Bank und Industrie.
All
das zeigt, dass Eduard März wohl nicht falsch liegt, wenn er sagt, dass "die Großbanken wohl in keinem Land eine für das Wirtschaftsleben so
bestimmende Rolle spielten wie in der österreichischen Monarchie" (März,
Bankpolitik, S. 372). Dass Banken und industrieller Sektor in der Epoche des
Imperialismus sich zunehmend durchdringen, ist nichts Besonderes. Aber die
besondere Stellung von Banken und Industrie zueinander und der Ausgangspunkt für
diese Verschmelzung und Durchdringung, das Vorauseilen des Bankbereichs in der
Organisationsform, die Größe der Creditanstalt und damit des
Aktienbankensektors von seinen Anfängen an - all das sind Faktoren, die bis
heute in der dominierenden Stellung des Bankbereichs in der österreichischen
Wirtschaft nachwirken.
Auf
die internationalen Geschäfte der Banken, neben dem Geschäft mit den österreichischen
staatlichen Anleihen der letzte Standpfeiler des österreichischen Bankwesens,
soll weiter unten Bezug genommen werden. Zusammenfassend wollen wir hier den
Ministerialsekretär im k.k. Finanzministerium, Eugen
Lopuszanski, zur Bedeutung der Aktien- (oder nach damaligem Sprachgebrauch Mobil-)
Banken im Jahre 1908 zitieren:
"Diese
Mobilbanken betreiben mit ihren enormen Kapitalsmitteln alle Zweige des
laufenden Bank-, sowie des Gründungs- und Emissionsgeschäfts. Ohne für ihre
Gebarung örtliche Grenzen zu kennen, begründen sie ihren Einfluss in allen
Produktionszweigen. Ohne ihre Zustimmung und Mitwirkung kann fast keine,
irgendwelche größere Geld- und Kapitalsbewegung bedingende Transaktion
durchgeführt werden. Sie bestimmen schon fast die Grenzen der Tätigkeit des
freien Kapitalmarktes, dessen Zentralorgan die Wiener Börse bildet. Ihre Geld-,
Kredit- und Anlagenpolitik ist für das Gedeihen von tausend
volkswirtschaftlichen Unternehmungen und von ganzen Unternehmenszweigen maßgebend."
Und
zusammenfassend:
"Wenn
im Vorstehenden von einem Steigen der Macht der großen Mobilbanken gegenüber
der Industrie die Rede war, so ist hiermit die Frage nach der wirtschaftlichen
Macht der Banken noch nicht erschöpft. Die großen Mobilbanken bilden heute
einen nach allen Richtungen bedeutenden Machtfaktor im Staate" (Eugen
Lopuszanski: Einige Streiflichter...).
Kartellvereinbarungen
und Verbände
Neben
der Dominanz des Banksektors ist ein zweites hervorstechendes Kennzeichen des
Imperialismus der k.k. Monarchie eine Kartellbewegung, die für die Wirtschaft
des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts typisch wurde. Österreich
hat eine lange Tradition von ähnlichen Organisationsformen, die der formellen
Gründung des ersten Kartells 1878 vorausgingen. Einflussnahme auf die
Zollpolitik in Richtung auf eine stärkere protektionistische Berücksichtigung
der eigenen Interessen war ein Hauptbeweggrund, ein zweiter Preis- und
Marktanteilsvereinbarungen.
Nicht
zufällig wurde das erste moderne Kartell in Österreich zur Abwehr der
Krisenfolgen von 1873 und der nachfolgenden Depression abgeschlossen - von
Erzeugern von Eisenbahnschienen. Die ersten Kartelle, diese "Kinder
der Not", sollten "dem
Sinken der Preise, das durch die Überproduktion der vorhergegangenen Jahre
veranlasst worden war (...) Einhalt
gebieten", wie der erste Theoretiker des Kartellwesens in Österreich, Friedrich Kleinwächter, 1883 bemerkte (zitiert nach Brusatti, S.
137).
Nach
der Jahrhundertwende verstärkte sich die Kartellbewegung - von 1900 (57) auf
1905 schon 100 und schließlich 1912 auf 200. Große Teile der Wirtschaft wurden
kartellmäßig durchdrungen. Das Eisenkartell - das erste und umfassendste
Kartell - arbeitete mit Produktionsquoten, die entsprechend den
Binnenmarktanteilen vergeben wurden (ohne den Export, wie das reichsdeutsche
Gegenstück, einzubeziehen). 95% der Halbfertigeisen, 93% der Drähte und Kabel,
90% der Eisenstangen, Weichen und Gusseisenprodukte, 85% des Stahls etc. waren
davon betroffen. Von den Brauereien bis zur Erdölindustrie (die 1908 einen
Landesverband als Produzentenvertretung gründete), von der Zuckerraffinierung
bis zur Spirituosenerzeugung wurde die österreichische Wirtschaft
durchorganisiert und der Wettbewerb limitiert.
Diese
Bewegungsrichtung verstärkte sich ab 1900 und brachte verschiedenartigste
Kartellvereinbarungen hervor: Konditions-, Preis-, Rayonierungs-, Kontingents-
und Produktionsübereinkommen - gültig für einzelne Kronländer oder die
gesamte Monarchie. Dazu kamen Vereinbarungen über Absatzregelung und
Marktaufteilung sowie höhere Vereinbarungsformen,
"als die anfänglich noch lockeren und kurzfristigen Vereinbarungen immer
fester wurden. Schließlich wurde nicht zuletzt unter dem Einfluss der Großbanken
mit der Zentralisation des Einkaufs- und Verkaufsbereiches die Form eines
Syndikates erreicht und der unmittelbare Verkehr zwischen Verbraucher und
Produzent unterbrochen" (Brusatti, S. 138).
Bis
in die letzten Jahre vor dem ersten imperialistischen Weltkrieg hielt diese
Bewegung zu umfassenderen Kartellen und immer höher organisierten
Vereinbarungen an. In der Kartellbewegung können wir dabei zwei - allerdings
nicht deutlich voneinander abgrenzbare -
Phasen feststellen: Bis 1895 sollten mehr die Krisenfolgen limitiert werden, während
- und auch das zeigt auf den Trendbruch Mitte der 1890er Jahre hin - ab diesem
Zeitpunkt die Kartelle unter Führung der Großbanken nunmehr "in
eine neue, aggressive, auf Marktbeherrschung abzielende Richtung einschwenkten"
(Brusatti, S. 139). Dass diese Kartellbewegung von großer Bedeutung war, lässt
sich daran ersehen, dass die Regierung des österreichischen Reichsteils die
erste in Europa war, die 1897 ein Gesetz zur Regelung der Kartelle einbrachte.
Der
größte Teil der Kartelle entfiel auf die Produktion, während auf Handel und
Verkehr nur wenige Vereinbarungen abzielten. Aber in der ganzen Kartellbewegung
ging der Anstoß weniger von Großbetrieben aus, die eine Monopolstellung
erreichen wollten, sondern viel mehr von den Großbanken. 1910 standen die 36
bedeutendsten Kartelle unter der Leitung und Kontrolle von Banken. Diese
versuchten damit, ihre Industriebereiche abzusichern und auszudehnen; die Bank
bekundete oftmals mit der formellen Organisation des Kartellbüros auch nach außen
hin ihr starkes Interesse an der "Befriedung"
ihres industriellen Einflussbereichs. Aber diese Befriedung galt auch für die Beziehung der Banken untereinander.
Mit der Gründung der österreichischen Kontrollbank
1914 schufen sich die Banken ein zentrales Instrument der Überwachung der
Kartelle, aber auch zur Kontrolle der involvierten Bereiche: Deren Tätigkeit
erstreckte sich auf die Führung von Syndikaten, Zentralverkaufs- und Kontrollbüros,
und erstreckte sich
"ferner auf die Überwachung der Vereinbarungen der Kartelle und auf die
Vermittlung von Handelsgeschäften zwischen Erzeugern und Händlern. In manchen
Fällen war die Kontrollbank die einzige Verkaufsstelle oder das Verkaufsbüro
der kartellierten Firmen; in anderen Fällen verrechnete sie die Aufträge und
Verkäufe der Kartellmitglieder und überwachte die Aufteilung des Absatzes"
(März, Bankpolitik, 371).
Damit
kam die Kartellbewegung zu einem vorläufigen Abschluss - die Banken hatten ihre
Bedeutung auch in diesem Bereich sinnfällig unter Beweis stellen können.
Internationales Engagement
Ein
weiteres wichtiges Kennzeichen des imperialistischen Stadiums des Kapitalismus
ist eine Internationalisierung der Produktion und des Kapitals. Auch in diesem
Bereich gibt es Belege, die eindeutig den imperialistischen Charakter der österreichischen
Monarchie beweisen. Nach dem vorher Gesagten ist es eigentlich verständlich,
dass die Internationalisierungsbemühungen des österreichischen Kapitals vor
allem solche des Bankkapitals waren. Bei der Betrachtung der
Internationalisierungstendenzen in den letzten beiden Jahrzehnten der Monarchie
ist aber zu bedenken, dass österreichisches Kapital aufgrund des
Entwicklungsgefälles große Möglichkeiten in der Monarchie selbst hatte: Erst
einmal ist hier auf die rückständigen, noch kaum vom modernen
Industriekapitalismus durchdrungenen Kronländer zu denken, und zweitens darf
Ungarn - das Zielland für österreichischen
Kapital"export" - nicht vergessen werden.
Doch
auch was die internationalen Engagements betrifft, waren vor allem die Jahre
nach der Jahrhundertwende von einem Aufstieg und einer Zunahme geprägt. So war
die Creditanstalt neben marokkanischen und chinesischen Anleihegeschäften vor
allem auch am Balkan engagiert - in Bulgarien, Rumänien und dem Osmanischen
Reich. Im Vordergrund standen aber das deutsche Anleihegeschäft und besonders
das russische (die zaristische Regierung versuchte 1906 das durch den
russisch-japanischen Krieg erschütterte Gleichgewicht des Staatshaushaltes mit
einer großen internationalen Anleihe wieder herzustellen). Die Creditanstalt
als Flaggschiff der österreichischen Internationalisierungsbemühungen war
daneben auch an der Ausbeutung der nahöstlichen und der kaukasischen Erdölvorkommen
beteiligt.
Die
vorherrschende Stellung des Bankbereichs in der österreichischen Wirtschaft
darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Cisleithanien
vor dem Ersten Weltkrieg mehr Kapital importierte als Kapital exportierte: Im
Jahr 1901 waren österreichische Wertpapiere im Wert von 6,8 Milliarden Kronen
in ausländischem Besitz, das waren 35% der Gesamtsumme, während ausländische
Papiere in österreichischer Hand nur im Werte von etwa einer Milliarde Kronen
waren - fast ausschließlich im Besitz der großen Aktienbanken. Ein stärkeres
Engagement österreichischen Kapitals an ausländischen Banken gab es überhaupt
nur gegenüber Deutschland: Die Creditanstalt hatte sich schon 1889 im Zuge
einer Kapitalerhöhung mit einem Anteil von 1,3 (von 80) Millionen Reichsmark an
der Darmstädter Bank beteiligt, und
in den neunziger Jahren beteiligte sie sich an der Preußischen Seehandlungs-Societät und anderen deutschen Banken -
allerdings mit einem insgesamt geringen Kapital. International waren die österreichischen
Banken auch vorwiegend gemeinsam mit deutschen Instituten aktiv - und dies verstärkte
sich nach der Marokko-Krise noch
weiter, als Frankreich einen Großteil seines Geldes aus Österreich abzuziehen
begann und dem Deutschen Reich das Feld überließ. Insgesamt waren also die
Auslandsaktivitäten des österreichischen Kapitals vergleichsweise bescheiden
und reflektierten sowohl den rückständigen Charakter der österreichischen
Volkswirtschaft als auch die Tatsache, dass die Kapitalien in Österreich bzw.
der Gesamtmonarchie selber noch genügend profitable Anlagemöglichkeiten
vorfanden. Beim Auslandsengagement darf deshalb der Sonderfaktor Ungarn,
Zielland für den Kapital"export" in der Gesamtmonarchie selber, nicht
vergessen werden: 80% des Kapital"exports" der österreichischen
Reichshälfte gingen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den ungarischen
Reichsteil - womit das Verhältnis von Kapitalexport zu -import zwar immer noch
negativ ist, sich aber entscheidend verbessert: Der Export deckt nach dieser
Berechnungsmethode, der Ungarn, wohl mehr als problematisch, de facto als
"Ausland" zählte, nun etwa vier Fünftel des Imports. Wie aber sah
die Wirtschaftslage im Ungarn der letzten Jahre der Monarchie überhaupt aus?
Mit dieser Frage wollen wir uns im folgenden Kapitel beschäftigen.
i)
Die Wirtschaftsentwicklung der ungarischen Reichshälfte
Die
österreichisch-ungarische Doppelmonarchie führte in Ungarn zu einer widersprüchlichen
Situation. Einerseits brachte der gemeinsame Markt eines Landes mit mehr als 50
Millionen Einwohnern große Vorteile: Es kam zu einer großräumigen
Integration, die Kapitalaufbringung wurde erleichtert und ermöglichte
Investitionen auch in den weniger vom Kapitalismus durchdrungenen Gebieten, die
die eigene Finanzkraft bei weitem überschritten hätten, und die Monarchie
versuchte auch aus strategischen Gründen, die Infrastruktur in den östlichen
und südöstlichen Gebieten der Monarchie auszubauen. Die Monarchie verfügte
daher z.B. über ein im Verhältnis zu den östlichen Nachbarländern dichtes
Schienennetz. Schließlich beschleunigte der gesicherte Absatzmarkt in Österreich
die kapitalistische Umgestaltung der ungarischen Landwirtschaft.
Andererseits
aber begünstigte der gemeinsame Markt insgesamt den stärkeren - österreichischen
- Partner: Es kam nicht zu einem gleichmäßigen Ausbau der Ökonomien der
einzelnen Kronländer und der beiden Bestandteile der Doppelmonarchie, sondern
zu einer Spezialisierung - für Ungarn eben auf den landwirtschaftlichen
Bereich. Auf dem geschützten Markt der Doppelmonarchie hatten auch die
Industrien Österreichs, die am westeuropäischen Markt keine Überlebenschance
gehabt hätten, ein gesichertes Auskommen. Vor allem aber behinderte die übermächtige
österreichische Konkurrenz den Aufschwung einer eigenständigen ungarischen
Industrie - so wie die österreichische Agrarwirtschaft dem Wettbewerb der
ungarischen Landwirtschaft ausgesetzt war.
"Die
wirtschaftliche Zusammenarbeit, die auf dem formell gleiche Vorteile sichernden
gemeinsamen Markt verwirklicht wurde, förderte zwar einerseits in einzelnen
Regionen den Aufschwung der modernen kapitalistischen Entwicklung, konservierte
in anderen jedoch die wirtschaftliche Rückständigkeit" (Berend/Ranki,
in: Brusatti, S. 465).
Besonders
nach der Jahrhundertwende waren deshalb die wirtschaftspolitischen Bestrebungen
in Ungarn darauf gerichtet, hohe Zollmauern, die Österreich-Ungarn von der Außenwelt
abschirmten, auch innerhalb der Monarchie wieder aufzurichten. Die Interessen
waren in Ungarn auf eine Unterminierung des gemeinsamen Marktes und auf die
Errichtung eines selbständigen Zollgebietes mit der Möglichkeit eigener Außen-,
aber auch Binnenzölle gerichtet.
Von
besonderer Bedeutung war in der ungarischen Wirtschaftsentwicklung des 19.
Jahrhunderts der Einfluss des ausländischen Kapitals gewesen - nach 1848/1849
war Ungarn in seiner bescheidenen Industrialisierung nahezu restlos von
internationalen Kapitalgebern abhängig gewesen - und noch in der Gründerzeit
1867/1873 war 60% der ungarischen Kapitalbildung durch ausländische
Investitionen zustande gekommen. Nochmals zur Klarstellung: Österreich wird in
allen diesen Statistiken nicht als die andere Reichshälfte betrachtet, sondern
zum "Ausland" gerechnet! gezählt! Langfristig sank der Auslandsanteil
zwar (auf 1900 bis 1913 ca. 25%), aber von 1867 bis 1914 wurden 40% der
Gesamtinvestitionen vom Ausland getätigt. Wichtigster Geldgeber war - wir
sagten es bereits - Österreich. Ungarn war in seiner Wirtschaftsentwicklung
aufs stärkste von internationalen Geldgebern abhängig: 54,6% der Staatsschuld
war 1910 im Ausland platziert (davon 23,2% in Österreich), ähnlich sah es bei
Pfandbriefen und Kommunalobligationen aus. Hypothekarkredite und die Beteiligung
am ungarischen Eisenbahnnetz waren weitere Formen des Auslandsengagements - 70%
der Eisenbahnobligationen waren nicht in ungarischer Hand (hier spielten neben
österreichischen vor allem deutsche Geldgeber eine entscheidende Rolle). Und
schließlich wäre als letzte wichtige Form die Beteiligung an ungarischen
Kreditinstituten und Industrieunternehmen zu nennen: 55% der Aktien der führenden
ungarischen Banken (die eine ähnliche dominierende Stellung innehatten wie in
Österreich) waren in Auslandsbesitz - vornehmlich in der Hand österreichischer
Finanzgruppen: Jede Großbank hatte ihren Budapester Ableger.
Ungarn
hatte sich schneller vom Krach 1873 als Österreich erholt und förderte den
Aufbau einer eigenen Industrie ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts -
unter Federführung von ausländischen (vornehmlich österreichischen)
Kapitalgruppen. So muss auch das starke Anwachsen von Aktiengesellschaften erklärt
werden: Behinderte Österreich die Gründung von Kapitalgesellschaften und
besteuerte sie diese besonders ab 1898 unverhältnismäßig hoch, gewährte
Ungarn neugegründeten AG’s eine 15jährige Steuerbefreiung...
Das
Tempo der Industrialisierung war besonders um die Jahrhundertwende sehr hoch -
und auch in Ungarn zeigte sich ein für die späte Industrialisierung typisches
Phänomen: Während das Gewerbe noch auf vorkapitalistischer Basis produzierte,
wies die Fabriksindustrie einen besonders hohen Konzentrationsgrad auf: In den
0,9% aller Industrieunternehmen ausmachenden Großbetrieben arbeiteten 1900
schon 51% aller in der Industrie Beschäftigten - ein schönes Beispiel der
kombinierten und ungleichen Entwicklung: Das Nebeneinander von Archaischem und
Modernstem war typisch für die ungarische Industrialisierung. Wie in Österreich
festigte sich auch in Ungarn ab den 1890er Jahren der Einfluss der Banken auf
die Industrie (1913 kontrollierten 5 Großbanken das Stammkapital von 47% der
Industrieaktiengesellschaften), kam es zu einer Welle von Kartellbildungen und
konzentrierte sich die Industrieproduktion immer weiter. So kam es also in
Teilen der Wirtschaft Ungarns bereits zum Übergang auf ein imperialistisches
Stadium des Kapitalismus, als der Industrialisierungsprozess noch nicht einmal
abgeschlossen und das Aufbrechen der traditionell-agrarischen Strukturen erst in
vollem Gange war - ein Phänomen, das wir auch aus dem zaristischen Russland
kennen.
Ungarn
hatte vor dem Ersten Weltkrieg eine eigenartige Industriestruktur, die das
Ergebnis der Zurückgebliebenheit, aber auch der übermächtigen österreichischen
Industrie darstellte: Die unterentwickelte Textilindustrie konnte selbst 1913
erst 30% des inländischen Bedarfs decken - obwohl der Staat große
Anstrengungen in ihrer Förderung unternahm (so wurde im heute slowakischen
Ruzomberok nach der Jahrhundertwende einer der modernsten und größten
Textilbetriebe der Monarchie gebaut). Andererseits verfügte Ungarn über eine
große Eisen- und Elektroindustrie, Leichtindustrie hingegen fehlte
weitestgehend. Bedeutend waren die Fortschritte am Gebiet der
Lebensmittelindustrie, auf die um 1900 etwa 40% des industriellen
Produktionsvolumens entfielen (gegenüber nur 5% der Textilindustrie). Budapest
entwickelte sich nach Minneapolis (USA) zum weltgrößten Müllereizentrum,
allerdings wurde in diesem Bereich neben modernster Technik immer auch noch
archaisch produziert: 1906 waren erst 12% aller ungarischen Mühlen Dampfmühlen
(die aber 57% erzeugten). Mehl wurde eines der Hauptexportprodukte Ungarns (bis
um die Jahrhundertwende stammte ein Drittel aller deutschen Mehlimporte aus der
österreichisch-ungarischen Monarchie).
Die
dominierende Stellung der Mühlenindustrie lässt sich daraus ersehen, dass um
die Mitte der 1860er Jahre 73% der gesamten industriellen Wertschöpfung auf sie
entfiel, und erst in den letzten Jahren der Monarchie konnte die Eisenindustrie
die Mühlen überflügeln (1913: 37,9% zu 39,7%). Aber obwohl sich Ungarn
sprunghaft industrialisierte und um die Jahrhundertwende bereits
imperialistische Züge aufzuweisen begann, blieb es andererseits doch ein rückständiges
Agrarland. Nach der Volkszählung von 1869 waren in Ungarn 80% der Bevölkerung
der Landwirtschaft zuzuzählen, 1900 waren es 68,4% und 1910 immer noch 64,5%,
zur Industrie wurden 1910 17,1% der Beschäftigten gezählt. Damit lag Ungarn in
der Entwicklung etwa vier Jahrzehnte hinter dem österreichischen Reichsteil und
ein gutes halbes Jahrhundert hinter den fortgeschrittensten Ländern
Westeuropas.
Trotzdem
wäre es zu einfach, das traditionelle Geschichtsbild der entwickelten österreichischen
und der rückständigen ungarischen Reichshälfte zu übernehmen: Stimmt das
Bild zwar im generellen, dürfen doch
die regionalen Entwicklungsunterschiede innerhalb
der Monarchie - auch des österreichischen Reichsteiles - nicht übersehen
werden: Schon 1890 hatten auch weniger entwickelte Teile Ungarns - etwa die
Ostteile Ungarns, Siebenbürgen, Slawonien oder große Teile von Oberungarn,
wie die Slowakei damals genannt wurde - ein höheres Niveau erreicht als die
besonders rückständigen Kronländer Cisleithaniens:
(zumindest der Ostteil von) Galizien und die Bukowina.
Aber
nicht nur die Entwicklung der Industrie, auch die der Landwirtschaft verlief in
Ungarn auf eigenen Bahnen. Denn an der Basis der ungarischen Landwirtschaft änderte
sich seit 1867 wenig - Grundlage blieb nach wie vor der Großgrundbesitz.
Allerdings polarisierten sich die Besitzgrößen besonders ab den 1880er Jahren:
Einerseits kam es noch zu einem Zuwachs der Kleinbauern auf Kosten der
Mittelbauern und Kleinadeligen (bis zu 10% der Bevölkerung gehörte zu dieser
Schicht), andererseits aber konnte sich der aristokratische Großgrundbesitz
noch weiter stärken - von 1867 bis 1914 verdoppelte sich der Anteil der
Latifundien (also der Besitze über 10.000 Joch - ein Joch entspricht dabei etwa
0,56 Hektar): Die 321 adeligen Großgrundbesitzer verfügten über etwa ein Fünftel
des bebaubaren Bodens. Gerade diese aber konnten für den Export produzieren und
führten vor allem Getreide und Vieh (die Viehzucht stellte 40% des in der
Landwirtschaft erzielten Nationaleinkommens) aus.
Diese
ländlichen Magnaten waren in Ungarn die Hauptprofiteure des gemeinsamen
Zollgebietes, das sich um die Jahrhundertwende bereits immer mehr gegen den
Import aus den westlichen Ländern, aber vor allem auch gegen
landwirtschaftliche Billigeinfuhren aus dem Balkanraum abschirmte. Gerade
deshalb waren auch die ungarischen Großgrundbesitzer unter den glühendsten
Verfechtern der Schutzzollpolitik. Damit konnten - auch um den Preis
internationaler Verwicklungen - z.B. die serbischen Agrarexporte in die
Monarchie minimiert werden: Über Serbien, das zu 90% von der Ausfuhr von
Lebensmitteln abhängig war, wurde auf Intervention der ungarischen Großgrundbesitzer
1906 eine Viehimportsperre verhängt - 83% der serbischen Exporte mussten
umgelenkt werden. Dieser Schweinekrieg trug
entscheidend zur Verhärtung der Fronten am Balkan und zur verstärkten (auch ökonomischen)
Anlehnung Serbiens an Russland und Frankreich bei. Und auch mit Rumänien führte
Österreich-Ungarn einen regelrechten Zollkrieg.
War
nun auch Ungarn trotz seiner Rückständigkeit ein imperialistisches Land? Erst
einmal ist diese Rückständigkeit, und zum Beispiel die Tatsache, dass
vorwiegend Kapital importiert wird, für
sich genommen noch kein Argument gegen einen möglichen imperialistischen
Charakter. Wir sehen das am insgesamt wohl noch um einiges rückständigeren
zaristischen Russland. Von seiner Struktur her war Ungarn vor 1914 ein Produkt
der ungleichen und kombinierten Entwicklung: Die Rückständigkeit der sozialen
Verhältnisse kombinierte sich mit imperialistisch durchstrukturierten Sektoren
der Industrie und des Bankwesens sowie mit einer - auf der Basis adeligen Großgrundbesitzes
- schon teilweise kapitalistisch und für den modernen Markt betriebenen
Landwirtschaft. Und schließlich vermittelte sich der imperialistische Charakter
Ungarns über den Gesamtstaat der Monarchie, in dessen Arbeitsteilung Ungarn
trotz aller Versuche größerer ökonomischer und politischer Ellbogenfreiheit
eingebunden blieb: Die bereits zitierte Ehe
von Weizen und Textilien hielt bis zum Ersten Weltkrieg, ja die Verbindung
wurde trotz aller politischen
Erosionserscheinungen noch enger - denn weder Österreich noch Ungarn konnte auf
den Markt der anderen Reichshälfte der Monarchie verzichten: Die hohen
Zollmauern, die die Monarchie nicht nur schützten,
sondern sie auch zunehmend isolierten
und insgesamt ein Zeichen der ökonomischen Schwäche waren, führten zu einem
immer stärkeren Angewiesensein auf den Markt des anderen.
In
diesem Sinne war Ungarn schwächerer, aber doch integraler
Bestandteil eines imperialistischen Gesamtstaates, das aufgrund seines Rückstandes
in der ökonomischen Umwandlung nicht nur viele nicht-imperialistischen Elemente
mitschleppte, sondern sogar noch vorkapitalistische Elemente und Strukturen
mitschleifte - ein schwacher, rückständiger und abhängiger Imperialismus
eben. Genau dadurch aber, dass sich der imperialistische Charakter Ungarns erst
in der Verbindung mit dem dominierenden österreichischen Reichsteil
manifestierte, lag trotz seines eigenen ökonomischen
"Aufgaben"bereiches seine besondere Schwäche: Ungarn könnte in
gewissem Sinne als Imperialismus auf Zeit beschrieben werden - denn mit dem Zerfall der
Monarchie (und die Aufrechterhaltung der Großmachtstellung Österreich-Ungarns
war der beste Garant für den notwendigen Zerfall des gemeinsamen Staates) wurde die Basis des
ungarischen Imperialismus unterminiert. In gewissem Sinne wiederholte sich in
der Zwischenkriegszeit im Verhältnis der tschechischen Bourgeoisie zu den
slowakischen und karpatho-ukrainischen Landesteilen die Geschichte wieder - auch
hier war der Gesamtstaat vom Charakter
her eine imperialistische kapitalistische Ökonomie, in der eben die östlichen
Gebiete der CSR zwar integrale, aber doch rückständige Landesteile bildeten.
j)
Die Schwächen der „belle epoque“
Wir
wollen uns nun mit den Schwächen des österreichischen
Wirtschaftswunders beschäftigen - es wird sich herausstellen, dass trotz
aller Erfolge in den letzten Jahren der Monarchie der wirtschaftliche
Aufholprozess auf tönernen Füßen stand. Wir werden uns zuerst mit einer Reihe
von politischen Problemen
auseinandersetzen, die die Wirtschaftsentwicklung der Monarchie negativ
beeinflussten, um dann im zweiten Teil auf einige der wichtigsten ökonomischen
Problembereiche überzugehen.
Ein
erstes politisches Problem stellten die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen
der ungarischen und der österreichischen Reichshälfte dar: Der wirtschaftliche
Ausgleich, der alle zehn Jahre erneuert werden musste und die grundlegenden
zoll-, handels- und währungspolitischen Weichenstellungen vorzunehmen hatte,
war jedes Mal von erbitterten Polemiken über Nutzen und Risken des gemeinsamen
Wirtschaftsraumes begleitet. Und in Ungarn wurden die Stimmen, die auf eine
Beendigung des Zoll- und Wirtschaftsbündnisses drängten, in den letzten Jahren
der Monarchie immer lauter. Ökonomische Begleitmusik dieser Situation waren
gegenseitige Behinderungen im "Export" nach der jeweils anderen Seite
der Leitha, waren Versuche, die Stellung des Partners durch den Aufbau eigener
importsubsituierender Industrien (in Ungarn) und die Subvention der eigenen
landwirtschaftlichen Produktion (in Österreich) zu untergraben.
Zweitens,
und hier waren die ökonomischen Auswirkungen nicht weniger gravierend, wirkte
sich gerade in den fortgeschrittenen böhmisch/mährisch/schlesischen Gebieten
der Gegensatz zwischen deutscher und tschechischer Bourgeoisie, zwischen
Deutschen und Tschechen nachhaltig aus. Der Nationalismus vergiftete ab der
Jahrhundertwende das öffentliche Leben in Böhmen (Badeni stürzte 1897 über eine Sprachenregelung, die in
gemischtsprachigen Gebieten die Beherrschung beider ortsüblicher Sprachen für
die Beamten vorgesehen hätte), und das Erwachen der slawischen Völker führte
nicht nur dort zu zunehmender Erbitterung und permanentem Streit vor allem mit
den dominierenden deutschsprachigen Bevölkerungsteilen. Nationalistische
tschechische Politiker versuchten mit allen Mitteln, der von der deutschen
Bourgeoisie dominierten Industrie ein nationales Gegengewicht entgegenzusetzen,
während das deutsche Kapital mit Zähnen und Klauen an seiner Vormachtstellung
festhielt (vom jüdischen Kapital und seiner besonderen Situation muss hier
abgesehen werden). Für den Boykott nicht-tschechischer Waren wurde auf
tschechischer Seite ebenso agitiert wie auf deutscher Seite für den Boykott
nicht-deutscher. Gerade diese Unsicherheit, diese Abhängigkeit der Produktion
und des Absatzes von den politischen Gegebenheiten behinderte die auf
Massenabsatz angewiesene industrielle Produktionsweise. Die Österreichisch-Ungarische
Bank schreibt in ihrem Geschäftsbericht für das Jahr 1900, dass
"in
denjenigen Wirtschaftsgebieten, in welchen die industrielle und gewerbliche
Produktion vorherrschend ist, politische und nationale Gegensätze, durch welche
das Vertrauen gestört und Entfremdung in die sonst naturgemäß auf einmütiges
Zusammenwirken angewiesenen Volks- und Gesellschaftsschichten hineingetragen
wird, zur Hemmung der wirtschaftlichen Entfaltung wesentlich beigetragen"
haben
(zitiert nach: März, Bankpolitik, S. 292).
So
bewirkte das Vordringen des Nationalismus, dass ein großer Teil der Industrie
den engeren Markt der eigenen Nation nicht überwand, ja sogar oft im überschaubaren
lokalen Bereich verblieb, um das Risiko, Opfer eines national motivierten
Boykotts zu werden, zu minimieren. Die zunehmenden nationalen Spannungen, die
zentrifugalen Tendenzen führten dazu, dass selbst die herrschenden Schichten
der kleineren Nationen auf den Aufbau eigener nationaler Industrien bedacht
waren und sich dem Ziel der nationalen Autarkie verschrieben. Der zeitgenössische
Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Hertz beklagte diesen Zustand nationaler
Rivalität und ihre unmittelbaren ökonomischen Auswirkungen:
"Soweit
noch keine nationalen Industrieunternehmen bestehen, wird sogar manchmal lieber
die ausländische Konkurrenz herangezogen als der nationale Konkurrent der
Monarchie" (zitiert nach Brusatti, S. 140).
All
das zeigt, dass die Habsburger-Monarchie in ihrem Gesamtbestand um die
Jahrhundertwende aufgrund der mit den traditionellen Mitteln unlösbaren
Widersprüche bereits zu einem Hemmschuh
der kapitalistischen Entwicklung wurde - die herrschenden Schichten der
einzelnen Nationen paralysierten sich zunehmend gegenseitig und schwächten
damit den wirtschaftlichen Fortschritt.
Ganz
allgemein aber - und aus dem folgten einige gravierende wirtschaftspolitische
Weichenstellungen - behinderte das verzweifelte Bemühen des kranken
Mannes an der Donau, im Konzert der europäischen Großmächte
gleichberechtigt, ja in der ersten Reihe mitzuspielen, die Umsetzung einer der
Größe und der Wirtschaftskraft des Landes angepasste Wirtschaftspolitik. Das führte
zu überproportional hohen Militärausgaben, weniger ökonomisch als politisch
vermittelten Beziehungen nach außen und zu einer rasch steigenden Verschuldung
im Ausland.
"Die
langsame wirtschaftliche Entwicklung des alten Österreichs kann so nicht allein
den natürlichen Strukturschwächen der österreichischen Volkswirtschaft
angekreidet werden. Auch die unvollkommene Überwindung der feudalen
Vergangenheit können wir nur insofern als fortschrittshemmend gelten lassen,
als sie in der Form überalteter agrarischer Eigentumsverhältnisse und reaktionärer
sozialer Einflüsse die rationelle Verwertung der produktiven Kräfte beeinträchtigte.
Das entscheidende Gebrechen der Wirtschaftspolitik des alten Österreichs
scheint uns in seiner unrealistischen Großmachtpolitik und in seinen übermäßigen
Konzessionen (politischer sowie wirtschaftlicher Natur) an die großagrarischen
Schichten der beiden Reichshälften begründet" (März, Bankpolitik, S.
375).
Dazu
kamen aber noch die in diesem Zitat angesprochenen natürlichen
Strukturschwächen der Monarchie, die Zurückgebliebenheit des Landes -
sowie Reaktionen und eine Wirtschaftspolitik der österreichischen Regierungen,
die diese Schwächen nicht überwinden halfen. Ein Hauptproblem war natürlich,
dass das West-Ost-Entwicklungsgefälle mitten durch die Monarchie ging. Damit
einher lief ein Anwachsen der inneren Gegensätze, die mit dem Wirtschaftsplan
von Ministerpräsident Koerber (1901)
verringert werden sollten: Die binnenwirtschaftliche Integration sollte durch
infrastrukturelle Aufwendungen (Kanal- und Eisenbahnbauten, Ausbau des Triester
Hafens...) gefördert werden, eine
zielbewusste Strukturpolitik zum Ausgleich des regionalen Wachstumsgefälles
beitragen - all das blieb Papier: Das die Landeseinheit immer weiter
untergrabende Gefälle in der Monarchie selbst konnte nicht beseitigt werden.
Ein
großes Problem war der Außenhandel. So war die Zuckerindustrie zu zwei
Dritteln vom Export über die Grenzen der Monarchie hinweg abhängig. Auch die
österreichische Textil-, Holz-, Möbel-, Petroleum- und Maschinenindustrien
waren auf die Ausfuhr angewiesen. Genau hier aber ergaben sich mehrfache
Probleme: Zum ersten konnte der Export von österreichischen Industriewaren zu
Beginn des 20. Jahrhunderts nur mehr langsam gesteigert werden. Denn das
"natürliche" Hinterland, der Balkanraum, erwies sich als immer unzugänglicher
- nicht nur, weil die Balkankriege überhaupt den Markt aufs äußerste
begrenzten, sondern auch, weil die österreichische Handelspolitik die Einfuhr
von Agrargütern streng limitierte. Der agrarische
Superprotektionismus (März) führte zu einer verhängnisvollen
Absperrungspolitik gegenüber den Balkanländern. Und zweitens war der
Protektionismus der Monarchie ein ganz besonderer - er schützte nämlich nicht
nur den ungarischen Agrarmarkt, sondern auch die (österreichische) Industrie.
Und die wichtigsten Industriezweige, wie die Montanindustrie, die
Eisenverarbeitung und der Maschinenbau,
"führten ein beschauliches Dasein hinter den chinesischen Mauern des österreichischen
Zolltarifs und vernachlässigten den für die technische Vervollkommnung
unentbehrlichen Spezialisierungsprozess" (März, Bankpolitik, S. 374).
Wie
die Industriepolitik insgesamt, die die kleingewerbliche Produktion gegenüber
der großindustriellen begünstigte, konservierte also auch der Protektionismus,
die Schutzzollpolitik Österreichs, eine rückständige Industriestruktur.
Rudolf Hilferding beschreibt in seinem grundlegenden ökonomischen Werk, dem Finanzkapital,
die Funktionsweise des österreichischen Protektionismus:
"So
wird es zu einem eminenten Interesse der kartellierten Industrie, den Schutzzoll
zu einer dauernden Einrichtung zu machen, der ihr erstens den Bestand als
Kartell sichert und zweitens ihr gestattet, auf dem inländischen Markt ihr
Produkt mit einem Extraprofit zu verkaufen. Die Höhe dieses Extraprofits ist
gegeben durch die Erhöhung des inländischen Preises über den Weltmarktpreis.
Diese Differenz hängt aber ab von der Höhe des Zolls. Ebenso unbeschränkt wie
das Streben nach Profit wird so das Streben nach Erhöhung des Zolls"
(Hilferding, Finanzkapital, S. 386).
Das
Preisniveau in Österreich lag also über den Weltmarktpreisen und behinderte österreichische
Industrien in ihren internationalen Engagements. Und eine zweite Schiene der
Inflation machte sich nach der Jahrhundertwende für die breiten Massen
zunehmend unangenehm bemerkbar: Die agrarischen Überschüsse schmolzen
zusammen. Österreich-Ungarn blieb zwar Nahrungsmittelexporteur, aber ab 1900
mussten selbst in guten Jahren gleichzeitig auch Nahrungsmittel eingeführt
werden. Die zu dieser Zeit steigenden Weltmarktpreise für Agrarprodukte wirkten
sich auf den heimischen Märkten aus. Gleichzeitig aber konnte der steigende
Bedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen, die aus dem Ausland bezogen werden
mussten, nicht wettgemacht werden durch eine ebensolche Erhöhung in der Ausfuhr
von Industriegütern: Die Konsequenz war ein steigendes Handelsbilanzdefizit ab
1907 (1906 konnte das letzte Mal ein Aktivum erzielt werden), das 1912 bereits
über 800 Millionen Kronen betrug. Dementsprechend nahm auch die internationale
Veschuldung Österreich-Ungarns in den letzten Jahren vor dem Weltkrieg rasch
zu.
Trotz
der wachsenden Schwierigkeiten, auf die österreichische Exporteure in Ungarn
stießen, waren sie deshalb wie die ungarischen Großgrundbesitzer auf den Markt
des anderen Teils der Monarchie angewiesen: In den letzten Jahren vor 1914 war
Österreich Abnehmer von 80% der exportierten ungarischen Bodenfrüchte, 79% des
Exports an Vieh und Viehprodukten und 89% der ausgeführten Nahrungsmittel und
Getränke - insgesamt stieg der Anteil Österreich auf 74,1% des ungarischen
Exports. Der Anteil Ungarns für den österreichischen Export war geringer, aber
mit 40% ebenfalls beachtlich (bei Textilien waren es z.B. 1914 58,7%). Die Schwäche
der österreichischen Exportwirtschaft, die sich zunehmend auf den von außen
abgeschotteten ungarischen Markt konzentrieren musste, zeigt die Entwicklung des
ungarischen Anteils am österreichischen Maschinen- und Anlagenexport: Der
Anteil stieg von den 1880er Jahren bis 1914 von 25,7% auf 56,3% (Good, S. 101).
Die geringere Konkurrenzfähigkeit österreichischer Waren am internationalen
Markt lässt sich am relativ kleinen Ausfuhrsektor der Monarchie ablesen: Während
etwa Deutschland 14,6% und Frankreich sogar 15,3% seines Bruttonationalprodukts
1914 exportierten, lag dieser Wert für Österreich bei sieben Prozent. Der
Anteil Österreichs am gesamteuropäischen Handel sank von 1860 bis 1914 auch
von 5,8% auf 5,6% geringfügig, während Russland oder Deutschland starke
Gewinne verbuchen konnten.
All
das war der Ausdruck der inneren Morschheit der Doppelmonarchie, die in den
letzten Jahren immer stärker in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Deutschen
Reich geriet. Es war aber auch Ausdruck dessen, dass die Monarchie trotz ihres
Anspruchs, zu den Großmächten zu gehören, ein großes, relativ rückständiges
Land geblieben war, in der die Industrie zwar in den westlichen und nördlichen
Landesteilen dominierte, aber das doch über weite Strecken noch den Charakter
eines Agrarlandes nicht abgestreift hatte. Die Bevölkerung der
industrialisierten Gebiete der Monarchie muss 1914 um die 11 bis 12 Millionen
Menschen betragen haben, kaum mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.
Daher war auch der innere Markt beschränkt und wegen des niedrigen
Lebensniveaus noch zusätzlich wenig aufnahmefähig: Das Pro-Kopf-Einkommen der
berufstätigen Bevölkerung dürfte 1913 um 51% niedriger als in Großbritannien
und um 38% niedriger als im Deutschen Reich gelegen haben - dabei sind die großen
Unterschiede innerhalb des Reiches noch zu berücksichtigen! Die Monarchie trat
deshalb innerlich zerrissen und trotz des Aufholprozesses des letzten Jahrzehnts
auch ökonomisch mit schlechten Karten in den ersten imperialistischen Weltkrieg
ein. Bevor wir uns aber abschließend mit der Ökonomie im Krieg beschäftigen,
wollen wir noch einen Blick auf das Verhältnis zum Deutschen Reich werfen.
k)
Österreichs Beziehungen mit dem Deutschen Reich
Wir
haben uns weiter oben im Kapitel Die Frage
des Außenhandels und die Beziehungen mit dem Deutschen Zollverein bis 1866 bereits
mit dem Verhältnis Österreichs zu den Staaten des Deutschen Bundes
auseinandergesetzt. Wir wollen nun die Zeit von 1866 - also der Durchsetzung der
kleindeutschen Lösung und dem
Ausschluss Österreichs aus Deutschland - bis zum Kriegsausbruch 1914 genauer
unter die Lupe nehmen. In diese Zeit fällt die Gründung des Deutschen Reiches
unter preußischer Führung nach dem Sieg über Napoleon III. von Frankreich, in
diese Zeit fällt aber auch der aggressive Aufholprozess des nunmehr geeinten
Deutschland gegenüber den führenden kapitalistischen Mächten. Und schließlich
fällt in diese Zeit auch der schließliche Übergang Österreich-Ungarns und
Deutschlands zu einer Politik des modernen Imperialismus, wobei Österreich-Ungarn
zunehmend in die Rolle des Juniorpartners von Deutschland gedrängt wurde - die Monarchie
konnte zwar noch den Schein einer Großmacht aufrechterhalten, aber z.B. die
Entscheidungen über Krieg und Frieden fielen 1914 nicht mehr in Wien, sondern
schon in Berlin.
Die
Ereignisse von 1866 hatten nicht zu einer Vergiftung des Klimas zwischen Österreich
und dem entstehenden Deutschen Reich geführt - die Verdrängung Österreichs
aus Deutschland (und damit die Verschiebung des Schwergewichts der
Doppelmonarchie immer weiter nach Osten) war zwar eine bittere Pille, aber wurde
ebenso wie die Errichtung des Deutschen Kaiserreiches in Versailles 1871 von den
herrschenden Kreisen als Ereignis von unerbittlicher Logik hingenommen. Die
gegenseitigen ökonomischen Beziehungen gestalteten sich im allgemeinen
reibungslos: Beide Staaten orientierten sich am Freihandel, im Gründerboom
wurde etwa eine Milliarde deutschen Kapitals in Österreich angelegt, und österreichische
Banken beteiligten sich an der Gründung deutscher Institute - am Berliner
Bankverein war der Wiener Bankverein führend
beteiligt (das österreichische Institut musste dann im Gefolge des Krachs
seinerseits wieder mithilfe deutscher Banken reorganisiert werden), ebenso die Wiener
Unionbank und die Österreichische
Vereinsbank an der Deutschen
Union-Bank usw. Und in die Gründerzeit fiel auch der Beginn der engen geschäftlichen
Zusammenarbeit von Deutscher Bank und Wiener Bankverein, die ihren Gipfelpunkt in der gemeinsamen
Finanzierung der Bagdad-Bahn fand.
Aber
mit dem Übergang von Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich auf die schutzzöllnerische
Linie ergaben sich ernstliche Divergenzen auf wirtschaftspolitischer Ebene: Österreich-Ungarn
kehrte noch in den 1870er Jahren zum Protektionismus zurück und hatte schon
1876 den zehn Jahre zuvor geschlossenen Handelsvertrag mit Deutschland gekündigt.
Österreich wollte höhere Textilzölle, gleichzeitig aber Zollermäßigungen
Deutschlands bei Wein und die Aufrechterhaltung der Zollfreiheit bei agrarischen
Rohprodukten (Vieh, Getreide). Das Deutsche Reich seinerseits war dazu nur unter
der für die ungarischen Großagrarier unannehmbaren Bedingung bereit, wenn Österreich-Ungarn
seinerseits auf prohibitive Zollschranken gegenüber den Staaten Osteuropas, die
im wesentlichen Agrarprodukte anzubieten hatten, verzichte. Die Einführung von
Agrarzöllen 1879 im Deutschen Reich traf Österreich-Ungarn schwer - die österreichischen
Viehexporte sanken wertmäßig von 100 Millionen Mark (1870) auf unter 40
Millionen (1890). Mit Niedrigpreispolitik versuchten die ungarischen Agrarier
nun mit Erfolg, auf den Markt der österreichischen Reichshälfte auszuweichen -
bis zu drei Viertel der exportierten Ernte nahm nun der cisleithanische Markt
auf. Gleichzeitig aber wurden die ungarischen Grenzen gegenüber Rumänien,
Bulgarien und Serbien geschlossen, was seinerseits die einst dominierende
Marktposition der österreichischen Industriegüter am Balkan nachhaltig
unterminierte. Hauptprofiteur dieser Situation war das Deutsche Reich, das aus
der Entfremdung zwischen Österreich-Ungarn und den Balkan-Ländern am meisten
ökonomischen Nutzen zog.
In
den achtziger Jahren wurden die Zollmauern zwischen Deutschland und der
Habsburger-Monarchie weiter erhöht: Das Deutsche Reich verschärfte seine
Getreidezölle, während Österreich-Ungarn die Zölle u.a. für Metallwaren und
Textilien, aber auch für Agrarprodukte hinaufsetzte. Während also das Deutsche
Reich und Österreich-Ungarn politisch und militärisch sich enger aneinander
schlossen, verschlechterten sich die Bedingungen für den Handel untereinander.
Diese widersprüchliche Situation hielt bis 1890 an, als unter Bismarcks
Nachfolger Caprivi eine neue Handelspolitik eingeleitet wurde: Durch engere
Handelsbeziehungen zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Italien und
Rumänien sollte der Dreibund von 1883
gefestigt und ökonomisch gestärkt werden. Österreich-Ungarn senkte 1891 seine
Zölle für deutsche Industrieerzeugnisse, während das Deutsche Reich die
Einfuhr von Holz, Vieh und Getreide erleichterte.
Der
Hintergrund für diese Caprivi-Verträge
war ein doppelter: Erstens versuchte Deutschland einen mitteleuropäischen Block
zu schaffen und u.a. Österreich-Ungarn enger an Deutschland zu binden. Zum
zweiten aber gingen die Verträge davon aus, dass gegenüber denjenigen Ländern,
in die der deutsche Export gesteigert werden sollte, auch die Einfuhr zu
erleichtern sei. Und in diesen Überlegungen spielte Österreich-Ungarn eine
wichtige Rolle - als außenpolitischer Verbündeter, aber auch als
Handelspartner.
Österreich-Ungarn
war ein wichtiger Markt für deutsche Produkte - besonders schwer wog, dass in
zweifacher Hinsicht Deutschland bei den Handelsbeziehungen mit Österreich-Ungarn
eine günstigere Ausgangsposition hatte: Zum einen exportierte Deutschland
traditionell viel mehr nach Österreich-Ungarn, als es von dort importierte: Mit
11,6% nahm Österreich-Ungarn in der deutschen Ausfuhr hinter England den
zweiten Rang ein, in der Einfuhr aber mit 7,8% erst die vierte Stelle hinter den
USA, Russland und England. Andererseits aber war Deutschland der bei weitem
wichtigste Handelspartner Österreich-Ungarns: 1912 lag Deutschland als Zielland
der Exporte mit 39% weit vor England (9,1%), und bei den Einfuhren betrug der
Anteil Deutschlands ebenfalls 39,3%, wieder vor Großbritannien mit 7%. Damit
war Österreich-Ungarn einseitig auf Deutschland ausgerichtet und in viel stärkerem
Maße ökonomisch vom Deutschen Reich abhängig als umgekehrt. Dazu kam, dass
Deutschland hochwertigere Produkte nach Österreich lieferte als umgekehrt.
Dasselbe Verhältnis, das wir im Handel innerhalb der Doppelmonarchie zwischen
Österreich und Ungarn feststellten, finden wir nun wieder im Handel zwischen
dem Deutschen Reich und der Donaumonarchie.
Was
aber besonders schwer wog, die Schere zwischen Deutschland und der Monarchie
schloss sich nicht: Natürlich, Deutschland war, was die Einwohner betraf, größer
als Österreich-Ungarn, aber die Monarchie fiel gegenüber Deutschland im
letzten Viertel des 19. Jahrhunderts immer weiter zurück: Während die
Monarchie ihre Eisenproduktion von 1870 bis 1913 versechsfachte, gelang dem
Deutschen Reich eine Steigerung um das Elffache; die deutsche Ausfuhr betrug
1870 das Dreifache von Österreich-Ungarn, 1913 schon das Vierfache.
Diesem
Ungleichgewicht entsprach auch die Entwicklung der Binnenwanderung zwischen
diesen beiden Ländern: Bis 1895 war Deutschland ein Auswanderungsland. Seit
1871 hatten das Deutsche Reich fast 2,5 Millionen Menschen verlassen, Österreich-Ungarn
knapp über 800.000. In der imperialistisch geprägten Hochkonjunktur ab Mitte
der 1890er Jahre verließen bis 1913 aber nur mehr eine halbe Million Deutsche
das Reich. In Österreich-Ungarn war die Situation anders - die Auswanderung
nahm zu: Die Monarchie verließen 1,36 Millionen Auswanderer, je zur Hälfte aus
Österreich und aus Ungarn. Gleichzeitig zu dieser halben Million Auswanderer zählte
Deutschland aber etwa ebenso viele Einwanderer, von denen mehr als die Hälfte
aus Österreich-Ungarn kam: 1910 lebten 635.000 Österreicher - die meisten
davon slawischer Abstammung - im Deutschen Reich.
Auch das zeigt das Schwergewicht in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern.
Demgegenüber gab es in die Donaumonarchie praktisch keine Einwanderung, statt
dessen eine starke Binnenwanderung - nicht nur in die sprunghaft wachsende Haupt-
und Residenzstadt Wien, sondern in alle Gebiete, in denen Arbeit zu erhoffen
war: So emigrierten jährlich etwa 13.000 Personen aus dem Trentino, vor allem
nach Vorarlberg und Tirol, und mehr als ein Viertel der Wiener Bevölkerung war
1910 in Böhmen, Mähren, Schlesien oder Galizien gebürtig. Hintergrund dafür
waren die unzureichenden Lebensmöglichkeiten und die kapitalistischen Veränderungen
in der Landwirtschaft.
Diesem
ungleichen Verhältnis entsprach auch eine ebensolche ungleiche finanzielle
Verflechtung. Auch hier war das Deutsche Reich tonangebend. Nachdem England und
Frankreich im 19. Jahrhundert seit der Frühzeit der Industrialisierung in Österreich
investiert hatten, wurde nun Deutschland der wichtigste Geldgeber - es konnte
sogar Frankreich überrunden, das bis nach der Jahrhundertwende das wichtigste
Ursprungsland ausländischen Kapitals in Österreich-Ungarn war. Deutsche Banken
und Industrieunternehmen verfügten 1914 vor Ausbruch des Weltkrieges im Ausland
über 23,5 Milliarden Mark Kapitalanlagen, davon 3 Milliarden in Österreich-Ungarn.
Der französische Kapitalexport von umgerechnet 36 Milliarden Mark war zu 1,76
Milliarden nach Österreich-Ungarn geflossen (vor allem seit der zweiten
Marokko-Krise 1911 mit stark sinkender Tendenz), während englische
Kapitalanlagen in Österreich-Ungarn nur einen Wert von 160 Millionen Mark
ausmachten. Die von deutschen Kapitaleignern gezeichneten europäischen Anleihen
flossen zu 25% nach Österreich-Ungarn, das für seinen Finanzbedarf zu großen
Teilen auf das Deutsche Reich angewiesen war.
Besonders
seit den 1880er Jahren war deutsches Industriekapital immer massiver nach Österreich-Ungarn
eingeflossen, deutsche Firmen wie Mannesmann, Krupp, Siemens & Halske, Deutz
u.a. engagierten sich stark in Österreich-Ungarn und waren vor allem in den
Leitsektoren der Wirtschaft, in den modernen Industriesparten (Elektroindustrie,
Chemie...), führend beteiligt. So wurden etwa die meisten österreichischen
Elektrizitätswerke unter Beteiligung deutscher Techniker mit deutschem Kapital
gebaut.
Wichtig
wurde die deutsch-österreichische Zusammenarbeit aber auch auf internationaler
Ebene: Gemeinsam wurden von den Großbanken beider Länder internationale
Anleihen gezeichnet, gemeinsam wurden einige große Projekte im Balkanraum und
in Vorderasien von deutsch-österreichischen Gemeinschaftsunternehmen
realisiert. Die Deutsche Bank und der Wiener
Bankverein hatten 1890 den größten Teil der Aktien der Orientalischen
Eisenbahnen im europäischen Teil des Osmanischen Reiches übernommen und gründeten
mit einer Schweizer Bank in Zürich gemeinsam die Bank für Orientalische Eisenbahnen. Und auf die Beteiligung des Wiener
Bankvereins an der Bagdad-Bahn (mit
einer untergeordneten Beteiligung von 7,5%) wurde bereits hingewiesen. Ein
zweites Beispiel der deutsch-österreichischen Zusammenarbeit war die Ausbeutung
der rumänischen Erdöllager. Nachdem die Deutsche
Bank sich 1903 an der rumänischen Erdölgesellschaft Steaua Romana beteiligt hatte, trat auch der Wiener Bankverein wieder in Aktion. Gemeinsam wurde die Deutsche
Petroleum AG (DPAG) gegründet, von der der Wiener
Bankverein ein Viertel der Aktien hielt (die anderen drei Viertel waren im
Besitz von vier deutschen Banken, die Deutsche
Bank allein hielt 55,5%). Die DPAG wiederum erwarb 94% des Aktienbesitzes
der Steaua Romana.
Dort,
wo der österreichische Imperialismus Engagement im internationalen Kapitalgeschäft
entwickelte, geschah dies also nur zu oft als kleinerer Partner von übermächtigen
deutschen Kapitalgruppen. Und die Anfänge von multinationalen Konzernen waren
in Österreich von Anfang an eng mit dem deutschen Kapital verbunden. All das
zeigt die beherrschende Stellung, die sich das deutsche Großkapital in
zentralen Sektoren der österreichischen Wirtschaft vor 1914 erringen konnte. Es
zeigt aber auch die Schwäche des österreichischen Imperialismus und die
Tatsache auf, dass dieser nur in der Anlehnung an einen mächtigeren Gegner
seine Rolle spielen konnte.
l)
Österreich-Ungarns Wirtschaft im ersten imperialistischen Weltkrieg
"Hat
man eine giftige Natter an der Ferse, so tritt man ihr auf den Kopf und wartet
nicht auf den tödlichen Biss ... Krieg, Krieg, Krieg!" Das soll die
Reaktion des österreichischen Generalstabschef Conrad von Hörzendorf am Tag nach dem Attentat vom 28. Juni 1914
auf den Thronfolger Franz Ferdinand
gewesen sein. Und trotz dieses Willens zum Krieg war die Monarchie auf einen längeren
Kampf auch ökonomisch nur äußerst schlecht gerüstet.
Bereits
die Balkankriege hatten der österreichischen Wirtschaft ab 1913 größere
Verluste beschert und vor allem die exportorientierte Industrie getroffen -
Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit waren die Folgen für das Proletariat. Die 1913
begonnene und noch nicht überwundene Krise verschärfte sich schlagartig mit
Kriegsausbruch: In Österreich wurden 1914 im Zeichen des Kriegsstoßes
über 15.000 Betriebe eingestellt, Aufträge storniert, über 200.000 Arbeitende
entlassen. Die Börse wurde geschlossen, Kapitalflucht setzte ein. Daneben aber
kam es zu einer Kriegskonjunktur in
der Schwerindustrie, dem Bergbau und der chemischen Industrie, die anfänglich
den Produktionsrückgang der anderen Industriezweige ausgleichen konnte. Schon
von Beginn des Krieges an machte sich schmerzhaft die nicht ausreichende
Rohstoffbasis der Monarchie und die Absperrung der Mittelmächte vom Weltmarkt bemerkbar. Bereits von 1914 an konnte
die Kohleversorgung nicht sichergestellt werden, 1918 waren in Ungarn nur mehr
54% des Kohlebedarfs gedeckt, ein ebensolcher Mangel herrschte in der
Textilindustrie, die schon 1915 kaum mehr den Bedarf für die Front
sicherstellen konnte.
Mit
zwei Hauptproblemen neben der sinkenden Produktion und dem Rohstoffausfall kam
aber die Administration der Monarchie nicht zurande: dem Arbeitskräftemangel
und der unzureichenden Ernährungsbasis. Der Friedensstand der k.u.k. Armee
hatte 1913 450.000 Mann betragen, 1916 aber standen bereits 4,9 Millionen unter
Waffen, die der Wirtschaft entzogen worden waren, 1917 dann schon mehr als 5
Millionen. Dazu kamen die ungeheuren Menschenverluste: Der Weltkrieg kostete in
der Monarchie 1,2 Millionen Gefallene, dazu kamen noch 3,6 Millionen Verwundete,
die nur teilweise im Hinterland einsetzbar waren, und 2,2 Millionen
Kriegsgefangene - jeder dritte Gefangene des Ersten Weltkriegs war Angehöriger
der k.k. Armee. In den letzten Kriegsjahren waren fast drei Viertel der
kriegstauglichen männlichen Bevölkerung mobilisiert.
Trotz
der sinkenden Wirtschaftsleistung fehlten daher bald Arbeitskräfte - besonders
drückend war dieser im Bergbau (wo gut ausgebildete Fachkräfte fehlten), aber
vor allem auch in der Landwirtschaft. In der ungarischen Industrie wurden zwar
60.000 Kriegsarbeiter (also für den
Frontdienst Untaugliche, die aber unter Kriegsrecht in den Betrieben
arbeiteten), 30.000 Kriegsgefangene
und immer mehr Frauen eingesetzt (ihre Zahl in der Industrie stieg von 22,8%
1913 auf 28,2% 1917) - trotzdem blieb der Arbeitskräftemangel ein gravierendes
Problem. Insbesondere die landwirtschaftliche Produktion litt schwer: Durch den
geringen Mechanisierungsgrad konnten fehlende Arbeitskräfte einfach nicht
ersetzt werden. In Ungarn - besonders wichtig für die Versorgung als
landwirtschaftliches Überschussgebiet - wurden mehr als 2,5 Millionen arbeitsfähige
Bauern der landwirtschaftlichen Produktion entzogen. Und trotz aller
Anstrengungen (so wurden gerade hier viele Frauen und Kriegsgefangene
eingesetzt) konnte schon ab 1915 in der Erntezeit die fehlende Arbeitskraft
nicht ersetzt werden. Dazu kam der sinkende Pferdebestand, da die Pferde als
Zugtiere für die Armee herangezogen wurden: Schon 1915 standen der
Landwirtschaft Ungarns ein Drittel weniger Pferde als vor dem Krieg zur Verfügung.
Auch der Viehbestand nahm ab, und dort, wo die wenigen Maschinen bereits der
landwirtschaftlichen Produktion zur Verfügung standen, fehlte es an Treibstoff
und an Ersatzteilen. So ging die Getreideproduktion und die Kartoffelaufbringung
während des Krieges um 40% zurück, die Maisproduktion halbierte sich.
Trotz
der sinkenden Erträge mussten zur Versorgung des österreichischen Reichsteils
zunehmend Nahrungsmittel exportiert
werden, sodass ab 1916 so wie die österreichische auch die ungarische
Arbeiterschaft von Hungersnöten heimgesucht wurde - 1918 konnte nur mehr etwa
die Hälfte des Vorkriegsverbrauchs für die Arbeiterschaft sichergestellt
werden. Die ungarischen Magnaten waren sich ihrer besonderen Bedeutung als
Nahrungsmittellieferanten der Monarchie durchaus bewusst und benützten diese
Stellung, um für die Zukunft weitere Zugeständnisse in Richtung auf größere
Eigenstaatlichkeit zu erreichen. Während des Krieges ging die politische und ökonomische
Auseinanderentwicklung in der Monarchie nur noch weiter - mit jedem Kriegsjahr
wurden die Forderungen Österreichs nach Nahrungsmitteln dringender, sodass sich
die Handelsbilanz zwischen Cis- und Transleithanien während des Krieges einseitig gestaltete: Österreich
konnte immer weniger industrielle Güter liefern, während es aber auf die
ungarischen Lebensmittelexporte angewiesen blieb. Ab 1918 war nicht einmal mehr
die Versorgung der Armee gewährleistet - und im Herbst 1918 stand die Monarchie
nicht nur vor dem militärischen Aus, sondern auch vor dem wirtschaftlichen
Kollaps; einen weiteren Kriegswinter hätte die Monarchie ökonomisch nicht
durchgestanden: Nicht einmal die Front konnte mehr versorgt werden - es fehlten
nun an allem, von den Transportmitteln und der Kohle bis zu den
lebenswichtigsten Nahrungsmitteln und den Textilien, um die hungernden Soldaten
zu kleiden.
Die
Finanzierung der Kriegskosten erfolgte auf mehreren Wegen: erstens durch
Kriegsanleihen - in Österreich 8 (deren Tilgung bis in die 1920er Jahre
hinausgeschoben wurde), in Ungarn 17. Zweitens wurde die Notenpresse mit der
Ausgabe ungedeckter Banknoten angekurbelt: Die Banknotenmenge vervielfachte sich
(bis Oktober 1918 stieg sie um 1.337 Prozent), Kredite des Staates bei der
Notenbank (deren Tilgung war für 1927 vorgesehen) trieben ebenfalls die
Inflation in die Höhe, die ihre Spitze aber erst Anfang der 1920er Jahre nach
dem Zusammenbruch erlebte.
Daneben
waren die Regierungen in Österreich und Ungarn in puncto Steuererhöhungen auffallend zurückhaltend: Offensichtlich hoffte
man 1914 auf ein schnelles Ende des Krieges, aber auch die inneren Spannungen in
der Monarchie (vor allem viele Angehörige der slawischen Nationen
sympathisierten offen mit den Kriegsgegnern Österreich-Ungarns) ließ die
Herrschenden Vorsicht walten. Durch die rasch voranschreitende Geldentwertung
und die sinkende Wirtschaftskraft war die Steuerleistungen sogar rückläufig.
Erst 1915 wurde an der Steuerschraube zu drehen begonnen (Branntweinsteuer, 1916
Kriegsgewinnsteuer...). Hauptgrund für diese Vorsicht war aber, dass mit den
traditionellen Mitteln wie Steuererhöhungen oder Einführung neuer Steuern die
riesigen Kosten des Krieges ohnehin nicht zu leisten gewesen wären: Schon die
Mobilisierung 1914 überforderte die Finanzkraft der Monarchie und trieb zur
Verschuldung (anfänglich noch bei den großen Aktienbanken, später ohne Umweg
direkt bei der Notenbank); die Ausgaben für den Krieg dürften in Österreich-Ungarn
das Nationaleinkommen von mehr als zweieinhalb (Friedens-) Jahren aufgezehrt
haben.
Für
uns interessant ist hier noch die innere Organisation der Monarchie in ökonomischer
Hinsicht und das Verhältnis zum großen deutschen Bündnispartner. In Österreich-Ungarn
wurde die Produktion planmäßig umorganisiert - mit dem kriegswirtschaftlichen
Ermächtigungsgesetz von 1917 (auf das sich später Dollfuss bei der
Zerschlagung der bürgerlichen Demokratie in Österreich stützen sollte) war
dieser Prozess des Auf- und Ausbaus einer nach staatskapitalistischen
Gesichtspunkten ausgerichteten Wirtschaftsdiktatur abgeschlossen. Die
industrielle Produktion, die Zuteilung mit Rohstoffen und die Lieferungen wurden
kontingentiert, alle kriegswirtschaftlich wichtigen Betriebe dem Kriegsrecht
unterstellt (Streikversuch war gleichbedeutend mit Hochverrat!). Das
Instrumentarium reichte von Eingriffen in den Güterverkehr, der Änderung der
Zollbestimmungen, Ein- und Ausfuhrverboten, der Verpflichtung, nur bestimmte
Abnehmer zu beliefern, bis zu Anbotzwängen und der Festsetzung von Höchstpreisen.
Und
"nach deutschem Vorbild entstand eine Reihe von sich selbst verwaltenden
Zentralen für einzelne Bedarfsgüter (...) bis es zu Ende des Krieges schließlich
über 90 Zentralen gab" (Brusatti, S. 61). Auf ungarischen Wunsch
wurden keine die gesamte Monarchie betreffenden Zentralen eingerichtet, sondern
für jeden Teilstaat jeweils eine eigene. Wirtschaftsverbände in den einzelnen
Branchen sollten die Verwaltung unterstützen, eine Devisenzentrale war z.B. zum
alleinigen Verkehr mit ausländischen Zahlungsmitteln befugt, staatliche
Regierungskommissäre kontrollierten die Geschäftsführungen. Die Maßnahmen
der einzelnen Zentralen sollte das 1916 gegründete Komitee
für Kriegswirtschaft und dessen Nachfolger, das 1917 geschaffene Generalkommissariat
für Kriegs- und Übergangswirtschaft, koordinieren. Diese Maßnahmen sind
aus einem Grunde interessant, weil sie zeigen, dass unter ganz besonderen
Bedingungen auch Regierungen eines kapitalistischen Landes nicht auf die
wundersamen Kräfte des Marktes vertrauen, sondern durchaus auch zum Mittel der
Kontrolle der Märkte greifen und - ohne deshalb die Grenzen des Kapitalismus überschreiten
zu müssen - mit planwirtschaftlichem Instrumentarium zu arbeiten gewillt (und
in der Lage) sind.
Klarerweise
bot für die Besitzenden auch diese spezielle Form der Wirtschaftsdiktatur genügend
Möglichkeiten zur Bereicherung: Heereslieferungen versprachen aufgrund des
gesicherten Absatzes fette Profite - und 50% der Industrieproduktion waren
Kriegslieferungen an den Staat. Die Anlage von großen Vermögen in Sachwerten
half in einer großangelegten Umverteilung des Reichtums. Häuser- und Währungsspekulation,
Spekulation und Manipulation mit Heeresbedarf (der teuer unter der Hand
weiterverkauft wurde) waren gängige Mittel der Bereicherung einer kleinen
Schicht. Zurückhalten von Lebensmitteln durch die Bauern und Verkauf am
Schwarzmarkt drückten schwer auf den sinkenden Lebensstandard des Proletariats.
Auf Preistreiberei, Warenschmuggel und Schleichhandel standen zwar hohe Strafen,
die großen Hintermänner wurden aber kaum belangt, und in Kronländern wie Böhmen
war überhaupt das Netz der Monarchie nicht engmaschig genug, weil ein großer
Teil der Beamten auch gar nicht gewillt war, den Widerstand, der sich in
Nichtablieferung, schlechter Arbeitsleistung, Verheimlichung von Waren etc.
ausdrückte, zu zerschlagen.
1914
war Österreich-Ungarn unbestritten in ein Abhängigkeitsverhältnis zum
wirtschaftlich, politisch und militärisch dominierenden Deutschland geraten.
Schon bald nach dem Kriegsausbruch wurde vom deutschen Reichskanzler Bethmann-Hollweg
die Idee einer engeren wirtschaftlichen Verbindung propagiert - das damals
vieldiskutierte Buch Friedrich Naumanns, Mitteleuropa,
gab dem eine populär-wissenschaftliche Begründung. Trotz aller Widerstände
gingen die Versuche einer engeren Verbindung auf wirtschaftlicher Ebene weiter -
die Gegnerschaft war naturgemäß besonders stark in der österreichisch-ungarischen
Industrie und bei den reichsdeutschen Agrariern (die beide die Konkurrenz im
anderen Staate zurecht fürchten mussten), stützen konnten sich diese
Ambitionen auf das Finanzkapital beider Staaten (vor allem aber auf das
Deutschlands), auf den ungarischen Großgrundbesitz und die deutsche Großindustrie.
Die
Gespräche verliefen nicht befriedigend - Deutschland hatte die weitergehenden
Vorstellungen (Zollunion), während Österreich vorerst einmal eine Zollannäherung
vorzog und die bilateralen Verhandlungen immer wieder auf kurzfristige Probleme
(Rohstofflieferungen...) hinlenkte. Die
deutsche Großindustrie sah durch den Krieg die Möglichkeit, ihre ökonomische
Position in Österreich-Ungarn noch weiter zu stärken, die deutsche Regierung
wollte mit einem solchen Wirtschaftsbündnis auch seine Macht gegenüber Österreich-Ungarn
stärken, hatte aber kein Interesse, der schwachen Donaumonarchie bei der Erfüllung
ihrer eigenen imperialen Träume am Balkan und gegenüber Polen
entgegenzukommen. Gerade am Balkan hatte die imperialistische deutsche
Bourgeoisie in den letzten Jahren vor dem Krieg gegenüber Österreich-Ungarn
gewaltig an Boden gewonnen, sie sah in Österreich-Ungarn nun wenig mehr als ein
besseres Sprungbrett zur weiteren Penetration dieser Einflusssphäre.
Die
Verhandlungen kamen am 11. Oktober 1918 zum Abschluss (ungeachtet des
bevorstehenden Zusammenbruchs war weiterverhandelt worden, als ob nichts
geschehen wäre, einige Tage zuvor - am 26.9.1918 - hatte der tschechische
Nationalrat bereits die Errichtung eines eigenen Staates proklamiert!). Sie hätten
der Ausgangspunkt für eine dauerhafte wirtschaftliche Annäherung Österreich-Ungarns
an Deutschland werden sollen - wenige Tage später kam das Knock-Out für die
Hohenzollern und die Habsburger... Mit dem Scheitern dieser Pläne, der
verlorene Krieg mischte die Karten völlig neu, trat nun der
Deutschnationalismus in ein neues Stadium. Früher hätte die Herauslösung
der Deutschen der Monarchie und die Vereinigung mit Deutschland zwar die Erfüllung
der nationalen Träume eines einigen Deutschen Reiches bedeutet, gleichzeitig
aber auch das Problem der nichtdeutschen Nationen der Donaumonarchie, die sich
wohl nicht so ohne weiteres alle hätten mitnehmen lassen, entscheidend verschärft.
Nun konnte mit dem Zerfall der Monarchie ohne diese Rücksichten auf den angestammten Ausbeutungsbereich der Deutschen innerhalb der Monarchie auf eine Vereinigung Deutsch-Österreichs mit Deutschland Kurs genommen werden.
Trotz
aller Probleme, die der Krieg den sich aus dem Reich herauslösenden
Nachfolgestaaten hinterlassen hatte, waren die Kriegsfolgen - was die Zerstörung
von Kommunikationslinien und industriellen Anlagen betrifft - mit Ausnahme von
Galizien und einigen Gebieten an der Südfront nur wenig bedeutend, und das
Gebiet der späteren Republik Österreich war praktisch überhaupt nicht
Kriegsschauplatz gewesen. Die unmittelbaren
Folgen des Krieges auf die österreichische Wirtschaft blieben daher gering, die
Produktionsstrukturen erhalten.
Der
Krieg hatte aber die Schwäche und Überlebtheit
der Donaumonarchie bloßgelegt. Auch wenn ihre Auflösung einen gewachsenen
Wirtschaftsraum zerriss, war dieses Ereignis notwendig: Der Ausgleich der
inneren politischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten war nicht geglückt; die
Habsburgermonarchie scheiterte,
"weil
sie zu ihrer Zeit einfach als Anachronismus wirken musste: einerseits als
dynastisch geprägtes Staatswesen ein historisches Relikt, andererseits als
multinationales Imperium seiner Epoche voraus" (Bachinger
u.a.: Grundriß..., S. 39).
Dieser
Anachronismus hatte schon vor dem Krieg zum Auseinanderdriften der einzelnen
Teile der Donaumonarchie geführt und war zu einem Hemmschuh in der ökonomischen
Entwicklung geworden. Er musste abgestreift werden.