3. DIE ÖKONOMISCHE ENTWICKLUNG VON 1918 BIS 1938
a) Die revolutionäre Krise 1918/1919 und die strukturellen Voraussetzungen Österreichs
Als
im Herbst 1918 die Österreichisch-Ungarische Monarchie zusammenbrach und sich
die verschiedenen Nationen aus dem Gesamtrahmen der Monarchie herauszulösen
begannen, war das Erbe des Habsburgerstaates für die Bourgeoisie der neugegründeten
Republik Deutschösterreich wie für die aller anderen Nachfolgestaaten nicht
gerade einfach. Die Probleme sind allgemein bekannt und bedürfen hier keiner
allzu breiten Erörterung: Einerseits verblieb im Rahmen des neuen Staates die
einseitig auf die Verwaltung eines 56-Millionen-Reiches ausgerichtete Haupt- und
Residenzstadt Wien mit ihren 2,2 Millionen Einwohnern (1910), deren Ernährung -
und das war ein Hauptproblem am Ende des ersten imperialistischen Weltkrieges -
nicht sichergestellt war: Bei einer Untersuchung von 186.000 Wiener Schulkindern
im ersten Nachkriegsjahr konnten nur 6.732 als nicht unterernährt bezeichnet
werden (Kulemann, S. 219). Zweitens waren die Grenzen des Staates nicht
unumstritten: So waren bei der Provisorischen
Nationalversammlung für Deutschösterreich u.a. auch Abgeordnete aus (Deutsch-) Böhmen und Mähren anwesend, die
Grenzen Kärntens und der Steiermark deckten sich nicht mit den nationalen
Scheidelinien (US-Präsident Wilson in den berühmten 14
Punkten) und waren umstritten, Südtirol schien verloren, und Westungarn,
das heutige Burgenland, war noch gar nicht in den neuentstandenen Staat
einbezogen. Drittens war die Frage der Kriegsschuld noch nicht gelöst und daher
auch ein Friedensvertrag nicht in Sicht. Und viertens war die Gestaltung der
Geschicke des Staates nicht eindeutig: Die Spitze der Sozialdemokratie hatte
sich für eine Koalitionsregierung mit den offen bürgerlichen Kräften
entschlossen, aber die Massen des Proletariats waren neben ihrer angestammten
Treue zu ihrer Partei gleichzeitig
auch vom Gedanken, es russisch machen zu
wollen, Räte zu wählen, beseelt - kurz: Die Zukunft der jungen bürgerlichen
Republik Deutschösterreich war mit vielen Fragezeichen zu versehen.
Ein
anderer Punkt allerdings ist widersprüchlicher zu beurteilen: Vor allem in der
Zwischenkriegszeit und auch noch von der großkoalitionären
Geschichtsschreibung wird von der These der Lebensunfähigkeit Österreichs ausgegangen. Wir halten in dieser
Generalität die These für falsch und auch für die unmittelbare Zeit nach 1918
nur für bedingt richtig. Es stimmt: Das Hungerproblem spitzte sich 1918/1919
gefährlich zu. Aber halb Europa hungerte - vielleicht nicht überall im selben
Ausmaß wie die städtischen Zentren Österreichs, aber doch. Und hungerte
1919/1920 nicht auch Russland? Gingen im Gefolge des Bürgerkriegs nicht
Millionen in der Ukraine zugrunde? War Russland lebensunfähig? Von
kurzfristigen Problemen kann nicht generalisierend auf die Lebenstüchtigkeit
oder -unfähigkeit eines Landes geschlossen werden.
Und
längerfristig waren die Chancen Österreichs trotz allem - wie wir später
sehen werden - gar nicht so schlecht: Österreichs Wirtschaft war zwar das
Schlusslicht in Europa (1937 sollte die Volkswirtschaft Österreichs ärmer
dastehen als 1913!), aber es konnte immerhin seinen imperialistischen Charakter
bewahren und über den zweifellos traumatischen Zerfall eines Großreiches hinüberretten.
Das heißt also, dass mehrere Faktoren zusammenfielen, die der These von der
Lebensunfähigkeit Österreichs Kraft verliehen.
Zuerst
einmal war dies die explizit ausgesprochene These der Anschlussbefürworter -
von der Sozialdemokratie bis zu den Deutschnationalen. Österreich verhungere,
wenn nicht der Anschluss an die große deutsche Volkswirtschaft erfolge. Es
stimmt: Die Versorgung Wiens war eine kaum zu schaffende Aufgabe. Aber auch das
Argument der ökonomischen Notwendigkeit eines Anschlusses ist letztlich eine
Zweckbegründung: Natürlich - die ökonomische Dynamik ging in diese Richtung,
aber der Anschluss an Deutschland an sich hätte
eine Entsprechung in der Anlehnung an irgendeine andere große imperialistische
Macht finden können. Ganz abgesehen von der nur mehr theoretischen Option der
Aufrechterhaltung einer anachronistisch gewordenen Donaumonarchie, was rein ökonomisch die wenigsten Probleme für die österreichische
Bourgeoisie mit sich gebracht hätte. Und im Sommer 1919 wäre eine Versorgung
der ostösterreichischen Industriegebiete mit den notwendigsten Lebensmitteln
durch eine ungarische Räterepublik (die durch ein österreichisches Pendant
neue Lebenskraft hätte schöpfen können) alles andere als undenkbar gewesen -
das von der SdAP-Führung immer wieder vorgebrachte Argument, man könne nun
nicht zu radikal auftreten, um nur ja die westeuropäischen (kapitalistischen)
Lieferungen nicht zu gefährden, stimmt also nicht in dieser Absolutheit und ist
die Frucht reformistischer Zweckrationalisierungen. Von der Sozialdemokratie bis
zu den Deutschnationalen sahen die großen Parteien nun die Möglichkeit
gekommen, ihre nationalen Interessen zu befriedigen - und da schienen ökonomische
Argumente, die für Deutschland sprachen, mehr als nützlich.
Wir
wollen auch gar nicht bestreiten, dass aus der Sicht der damaligen Protagonisten
vielleicht wirklich keine andere Möglichkeit gangbar erschien als der Anschluss
an Deutschland (bzw. die deutsche Revolution). Und wir wollen auch gar nicht
bestreiten, dass der Anschluss an Deutschland, genauer der Anschluss an eine deutsche Revolution, eine historisch äußerst progressive Bedeutung gehabt und die Lösung der deutschen
nationalen Frage bedeutet hätte. Worum es hier geht, ist nichts anderes,
als zu bestreiten, dass die österreichische Bourgeoisie gar keine andere Möglichkeit
gehabt hätte als dieses Aufgehen in Deutschland. Vom weiteren Ausbau der ökonomischen
Dominanz in den Nachfolgestaaten der Monarchie, den Sukzessionsstaaten,
bis zur wirtschaftlichen Auffüllung der nicht selbst gewählten Unabhängigkeit
blieb ja auch in der Realität mehr als die eine Möglichkeit des Anschlusses!
Was im übrigen die Bourgeoisie ja ohnehin 1919 bereits deutlich zum Ausdruck
brachte:
"Man
hört so oft, Deutsch-Österreich ist rein geographisch lebensunfähig. Es ist
klar, dass Deutsch-Österreich administrativ und auch sonst nicht gerade ein
sehr zweckmäßiges Ganzes darstellt, aber verzweifeln darf man deshalb nicht.
Wenn uns die Selbständigkeit mehr oder weniger gegen unseren Willen von außen
dekretiert wird und wenn es durchaus nicht möglich ist, unsere eigenen Wege zu
gehen, darf man noch nicht glauben, dass das wirtschaftliche Vernichtung
bedeutet. Man darf durchaus nicht glauben, dass ein Staat, um wirtschaftlich
leben zu können, alle notwendigen Rohstoffe in seinem Gebiet erhalten muss. Wir
müssen Kohle haben. Aber auch wenn sie in Deutsch-Österreich läge, müsste
unsere Industrie sie kaufen, und mehr als zu kaufen braucht sie sie in Ostrau
auch nicht"
(Neue Freie Presse, 31.5.1919)
Das
Katastrophenszenario stimmt, und hier stimmen wir dem Kommentator der Neuen
Freien Presse zu, zwar eindeutig für die Phase des unmittelbaren
Zusammenbruchs der Monarchie, nicht jedoch längerfristig. Denn aus zwei Gründen
war Österreich aus dem Zerfall der Monarchie noch mit einem blauen Auge
davongekommen: So waren die unmittelbaren Auswirkungen des Ersten Weltkrieges
auf die österreichische Wirtschaft äußerst gering. Von einigen wenigen Orten
im Kärntner Gailtal und im Tiroler Lesachtal war kein Teil der späteren
Republik Österreich unmittelbares Kriegsgebiet gewesen und von Kampfhandlungen
überzogen worden.
Wichtiger
noch waren die strukturellen Vorteile,
die der deutschösterreichische Teil der Monarchie aus der Arbeitsteilung
innerhalb des Gesamtstaates als Geburtsgeschenk mitbrachte: Die Republik
entsprach nun viel eher dem Typ eines Industriestaates als die frühere
Monarchie - neben der Tschechoslowakei erbte vor allem Österreich die
fortgeschrittensten Teile des Staates: Von der Wertschöpfung des österreichischen
Reichsteiles der österreichisch-ungarischen Monarchie waren 1910 auf das spätere
Österreich (ohne das Burgenland, das ja 1920/1921 aus der Konkursmasse des
ungarischen Teiles zum neuen Staat dazukam) 36,6% entfallen - und das bei nur
22,2% der Bevölkerung! Österreichs Anteil am cisleithanischen
Brutto-Inlandsprodukt von 1910 betrug bei Handel und Verkehr 48,1%, bei
Industrie und Gewerbe 42,7%, aber - und das zeigt das Schwergewicht der Gebiete,
die die Republik Österreich bilden sollten - bei der Landwirtschaft nur 20,2%!
Wenn wir bedenken, dass diese Zahlen nur für den österreichischen, also den
entwicklungsmäßig und vor allem industriell fortgeschritteneren Teil der
Monarchie gelten, so fällt das Ungleichgewicht bei der Analyse des
Gesamtstaates noch stärker aus als in unserer Statistik! Bezogen auf den
Gesamtstaat, hatte der Nachfolgestaat (Deutsch-) Österreich bei einem Achtel
der Fläche und 13% der Einwohner immerhin ein Drittel der
Industriearbeiterschaft übernommen! Das heißt, die strukturellen
Voraussetzungen waren für Österreich relativ günstig, aus der Auflösung der
Monarchie gar nicht so schlecht auszusteigen!
Aber
aus Gründen, die wir auf den nächsten Seiten analysieren werden, konnte Österreich
aus diesen strukturellen Vorteilen nicht den Gewinn ziehen, der aus diesen
nackten Zahlen ablesbar ist. Zuerst einmal war die österreichische Wirtschaft -
und ab jetzt verwenden wir den Begriff Österreich ausschließlich bezogen auf
die Republik Österreich in ihren damaligen und heutigen Grenzen, eben denen von
St. Germain - auf einen viel größeren Wirtschaftsraum ausgerichtet. So
einfach, wie sich der Redakteur der Neuen
Freien Presse das in obigem Zitat vorstellte, war die Sache nun auch wieder
nicht. Denn die Landwirtschaft konnte die Bevölkerung nicht ernähren, die
Industrie war falsch dimensioniert, rohstoffintensiv und konkurrenzunfähig, die
Rohstoffquellen unzureichend (v.a. das Fehlen von Steinkohle traf die
Grundstoffindustrie schwer). Und das alles vor einem außenwirtschaftlichen
Szenario, in dem sich bald der Protektionismus durchsetzen sollte! Eine
Umstrukturierung der Wirtschaft war unausweichlich. Insbesondere sind es die
folgenden Erbstücke der Monarchie, mit denen der Nachfolgestaat zu kämpfen
hatte:
Erstens
musste die heimische Landwirtschaft produktiver werden. Das war der einzige
wichtige Bereich, in dem in der Monarchie der Anteil Österreichs unter dem der
Bevölkerung (siehe oben; 22,2% zu 20,2%) gelegen war. So waren in der Land- und
Forstwirtschaft zwar an die 40% der Erwerbstätigen beschäftigt, aber die österreichische
Landwirtschaft war nur zu einem geringen Teil in marktwirtschaftliche Prozesse
eingebunden - große Teile der Bauernschaft in den Alpengebieten lebten 1918
noch buchstäblich außerhalb der Geldwirtschaft und trugen kaum zur Versorgung
der Städte bei (so war Wien großflächig von breiten Teilen der Monarchie
versorgt worden - Fleisch aus Ungarn, Gemüse aus Mähren - etwa die Znaimer
Gurkerl - sind nur zwei Beispiele für den ernährungsmäßigen Bogen, der den
Rahmen der Republik sprengte). Das Ernährungsdefizit Österreichs musste durch
Importe gedeckt werden - rund ein Drittel aller Einfuhren entfielen in der
Zwischenkriegszeit auf den Sektor "Nahrungsmittel und Getränke".
Daneben
mussten die inländischen Energiequellen stärker genutzt (insbesondere die
reichlich verfügbare Wasserkraft), der Dienstleistungs- und Verwaltungssektor
auf das Maß eines Kleinstaates zurechtgestutzt
und schließlich die Industrie, die stark binnenwirtschaftlich auf den
Raum der k.k. Monarchie ausgerichtet war, effektiviert und international
konkurrenzfähiger gemacht werden. Denn im k.k. Staat hatte eine regionale
Arbeitsteilung geherrscht. Das heutige Österreich "exportierte" in
die anderen Teile der Monarchie Industriegüter und Dienstleistungen und hatte
von dort Nahrungsmittel, Roh- und Brennstoffe bezogen. Das Problem bestand nun
in der Devisenknappheit des Staates, die den Handel mit diesen Ländern
limitierte, und der Abhängigkeit von politischen und politökonomischen
Entscheidungen der mit Österreich Handel treibenden Staaten. Die Entwicklungsmöglichkeiten
der Industrie hingen nun - wie bei allen Kleinstaaten - in hohem Ausmaß von der
ausländischen Konjunktur und von den zoll- und handelspolitischen
Entscheidungen der wichtigsten Abnehmerländer ab (mit 45% der industriellen
Produktion, die ins Ausland ging, war Österreich in den 20er Jahren im übrigen
relativ stark außenhandelsorientiert). Österreich litt daher stark unter den
Handelsschranken, die die übrigen Nachfolgestaaten zum Schutz vor der österreichischen
Industrie errichteten, um diese - traditionell auf ihren Märkten stark - mit
prohibitiven Methoden aus dem Geschäft zu drängen.
Schließlich
aber waren sich die Entente-Mächte ganz offensichtlich über die ökonomischen
Konsequenzen ihrer Entscheidungen bezüglich Österreich nicht im klaren. Der
Friedensvertrag, der Zwang zur Selbständigkeit, beeinträchtigte noch weiter
die ohnehin schon schwierige Wirtschaftslage, sodass Österreich von der überraschend
schnell sich 1919 erholenden Weltkonjunktur, die durch den Nachholbedarf an
zivilen Gütern charakterisiert wurde, nicht mitprofitieren konnte. Österreichs
Eigentum in den Siegerstaaten wurde beschlagnahmt, ein Generalpfandrecht
zugunsten allfälliger Kriegsentschädigungen auf das gesamte Staatsvermögen
festgesetzt. Abgesehen von den politischen Folgen, die eine Stabilisierung des
Staates im kapitalistischen Sinne hinauszögerte und der Flucht in den Anschluss
immer neue Nahrung gab, bedeutete dies eine verallgemeinerte Unsicherheit auch
im ökonomischen Sinne, die die Perspektiven der Bourgeoisie verminderte.
In
der Industrie bedeutete dies im Unterschied zum generellen Trend in Europa eine
Tendenz zur Entindustrialisierung - noch bevor die Wirtschaftskrise einsetzen
sollte: Allein in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre verlor die österreichische
Industrie 150.000 Arbeitsplätze - also keine Goldenen Zwanziger Jahre in Österreich... Mit einer weiteren Sache
haben wir uns nun zu beschäftigen: Die Schwäche der Bourgeoisie hatte ja zu
einer relativ starken Position des Proletariats in Österreich geführt. Trotz
der Limitierung der Revolution durch die reformistische, verräterische Rolle
der Sozialdemokratie (siehe dazu auch die Nummer 3 unseres Marxismus) konnte die Sozialgesetzgebung stark ausgebaut werden -
vom neu eingeführten Urlaubsanspruch
über den Acht-Stunden-Tag bis zu Arbeitslosenversicherung
usw. Wie nun mit diesem revolutionären
Schutt umzugehen sei, diese Frage gehört allerdings bereits zum Stoff des nächsten
Abschnittes.
b)
Die Wirtschaft der 1920er Jahre
Die
Frage der Finanzen war die drängendste, nachdem die unmittelbare revolutionäre
Nachkriegskrise mit Sommer 1919 überwunden wurde.
Wie
viele andere Staaten konnte auch Österreich keine energischen Maßnahmen zum
Budgetausgleich ergreifen. Die tiefgreifenden sozialen und politischen Veränderungen,
die Instabilität der Nachkriegszeit und die Tatsache, dass die jungen Staaten
in den Augen ihrer Untertanen erst ihre Legitimität finden mussten,
verhinderten allzu konsequente Sanierungsschritte von Budget und
Zahlungsbilanzen. Deutschland, Ungarn, Polen und auch Österreich wurden von
einer galoppierenden Inflation ergriffen. Versuche, das Budget von der
Steuerseite her in den Griff zu bekommen, scheiterten: 1919/1920 kam es in Wien
und anderen Städten wieder und wieder zu Hungerdemonstrationen und Plünderungen,
wie z.B. zum Kirschenrummel in Graz gegen zu hohe Obst- und Gemüsepreise und an
denen wie etwa in Steyr 1919 auch Polizei und Volkswehr beteiligt waren.
Arbeitslosenunterstützung und Lebensmittelsubventionen brachten das Budget ins
Defizit, und die starke Position des Proletariats verhinderte vorerst auch eine
Lösung des Problems durch Abwälzung der Lasten vorrangig auf seine Schultern.
Die
Regierung Renner hatte im übrigen auch zunächst kein großes Interesse an
einer Budgetsanierung. International war eines der wenigen Druckmittel, die Österreich
gegenüber den Alliierten geblieben waren, der ständige Hinweis auf die
katastrophale wirtschaftliche Lage, mit dem man Zugeständnisse und Hilfen zu
erzwingen hoffte. Denn ein instabiles Österreich in der Mitte Europas konnte
wohl nicht - so das durchaus richtige Kalkül - im Sinne eines auf Stabilität
erpichten kapitalistischen Ausbeutungssystems sein. Dazu kam, dass die
Entwertung den angenehmen Nebeneffekt mit sich brachte, dass alle
Kriegsanleihen, auf deren Rückzahlung gehofft wurde, entwertet wurden. Vier große
Ausgabenblöcke zwangen die Regierung zur Ankurbelung der Notenpresse, die zur
Hyperinflation von 1921/1922 führte: die übernommenen Kriegsschulden, die
Kosten des aufgeblähten Militär- und Beamtenapparates, die Arbeitslosen- und
die Lebensmittelunterstützung.
Kurz
gefasst kann die Spirale so
beschrieben werden: Ein Großteil der Lebensmittel muss importiert werden,
andererseits haben die Abgabepreise aus politischen Erwägungen niedrig zu
bleiben. Und da die meisten Beschränkungen
des internationalen Güter- und Kapitalverkehrs nach Ende des Krieges beseitigt
werden mussten, fiel der Kronenkurs, der bis dato stabil gehalten worden war,
sehr rasch - rascher noch, als das Preisniveau in Österreich anstieg (was den
österreichischen Exporteuren, die unter dem Weltmarktpreis anbieten konnten,
große Profite brachte). Jedes Steigen der Devisenkurse bedeutete aber eine
Vergrößerung des Budgetdefizits und durch die Ankurbelung der Notenpresse auch
der Geldmenge, was ihrerseits die Inflation beschleunigte. Ein Laib Brot hatte
1914 46 Heller gekostet (also nicht einmal eine halbe Krone), Dezember 1921
waren es 160 Kronen, September 1922 5.670 Kronen; die nominalen
Lebenshaltungskosten waren während des Krieges auf das 16fache gestiegen, bis
Dezember 1922 dann auf das 14.000fache. Wucher und Schleichhandel, parallel dazu
die Verarmung immer breiterer Schichten nahmen zu.
Hatte
bis dato das Proletariat eher von der Inflation profitiert (da die
Inflationskonjunktur gute Beschäftigungsmöglichkeiten bot, große Geldvermögen
ohnehin nicht vorhanden waren und das 1919 eingeführte Indexlohnsystem eine
weitere Verarmung verhinderte), beendete die Hyperinflation diese trügerische
Sicherheit. Hauptprofiteure waren aber natürlich die Schieber und alle
diejenigen, die verschuldet waren: vom Staat über die Bauern bis zu einem Teil
der Kapitalistenklasse (einer Schicht, personifiziert in Männern wie Castiglioni,
die zum Großteil schon im Krieg reich geworden war). Parallel dazu wurde eine
ganze Generation von Rentiers de facto
enteignet und in der letzten Phase der Hyperinflation große Teile des
Proletariats und des Kleinbürgertums pauperisiert. Schließlich war der Völkerbund
Ende 1922 bereit zu einer Anleihe, um die unabsehbaren politischen Folgen einer
chaotischen Entwicklung in Österreich abzuwenden, die der christlichsoziale
Bundeskanzler Seipel bereits an die Wand gemalt hatte:
"Ehe
das Volk Österreich in seiner Absperrung zugrundegeht, wird es alles tun, um
die Schranken und Ketten, die es beengen und drücken, zu sprengen".
Die
mit den (von Frankreich, England und der Tschechoslowakei unterzeichneten) Genfer
Protokollen und der Völkerbundanleihe
von 650 Millionen Goldkronen verbundenen Auflagen würden wir heute als monetaristisch
bezeichnen; die Inflation hörte mit dem neuen Schilling
(der 10.000 Kronen entsprach) zwar
schlagartig auf, aber gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit auf über 10% und
damit auf das Doppelte an: Allein 96.000 Beamte wurden entlassen. Die Überwachung
der deflationistischen Politik wurde einem Völkerbundkommissär
übertragen - Österreich musste also auf einen Teil seiner bürgerlichen Souveränität
verzichten -, die Nationalbank verfolgte ab nun eine Hochzinspolitik, was die
Kredite verteuerte und damit die Industrie belastete: Der Diskontsatz lag in Österreich
etwa 1924 bei 11,6% (England 4,0%) und 1925 bei 10,9% (gegenüber 3,4% der USA
und 4,6% England). Diese Hochzinspolitik führte neben der bereits erwähnten niedrigen
Investitionsrate aber auch zu einem ununterbrochenen unternehmerischen
Massensterben und zu einer ungeheuren Verschuldung der Kleinbauern. Alle diese
Faktoren führten einerseits dazu, dass sich die Weltwirtschaftskrise in Österreich
besonders stark auswirken musste, und andererseits auf politischer Ebene zu
einem Anwachsen rechter und faschistischer Strömungen im bedrohten Kleinbürgertum
und der unter Druck stehenden österreichischen Bourgeoisie - insbesondere nach
dem Justizpalastbrand von 1927.
Damit
sind die negativen Vorzeichen beschrieben, die die Wirtschaft der 1920er Jahre
in Österreich charakterisieren sollten. Auf der Basis widersprüchlicher
Ausgangsbedingungen wurde mit deflationistischen Maßnahmen auf die Probleme der
Ökonomie Österreichs reagiert. Es wäre natürlich falsch, all diese negativen
Konsequenzen auf die Genfer Sanierung
zu schieben, die Österreich aufgezwungen worden wäre. Im Gegenteil: Erst über
den Genfer Umweg, die Abtretung eines
Teiles der finanz- und währungspolitischen Hoheit, konnte die Bürgerblock-Regierung
nun ihre wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen auch gegen den Willen der
Sozialdemokratie durchziehen - immer auf den äußeren Zwang von Genf verweisend
und damit die harten Maßnahmen legitimierend (im übrigen war die
Sozialdemokratie durchaus gesprächsbereit, wenn es um Maßnahmen der
Budgetsanierung - auch auf Kosten des Proletariats z.B. durch die Anhebung von
Massensteuern - ging!). Das Bündnis des österreichischen Kapitals mit dem ausländischen
Finanzkapital erlaubte aber erst die Offensive gegenüber dem Proletariat!
Kurzfristig
stimulierte Genf die österreichische
Wirtschaft: So kam es zu Jahresbeginn 1923 zu einer Hausse
an der Wiener Börse und einer leichten Ausdehnung der Industrieproduktion. Aber
spätestens 1924 war mit den Auswirkungen verfehlter Franc-Spekulationen durch
österreichische Banken diese kurzfristige Börseneuphorie auch schon wieder
vorbei. Denn gleichzeitig verschlechterte die Stabilisierung des
Schilling-Kurses (ganz abgesehen von den monetaristischen Maßnahmen) die Lage
der exportorientierten Industrie Österreichs, die durch Inflation und
Wertverfall der Krone Vorteile herausgeholt hatte. So stand 1923 im Zeichen
einer Stabilisierungskrise - allerdings durch Sonderfaktoren gemildert (die Ruhrkrise bedeutete den Ausfall der deutschen Konkurrenz und
erlaubte der Alpine-Montan zusätzliche
Ausfuhren nach Deutschland...). Während also die meisten Staaten Europas einen
realen Boom erlebten, gelang es Österreich überhaupt nur in den Jahren 1928
bis 1930, an das Vorkriegsniveau anzuschließen (das Bruttonationalprodukt lag
in Italien selbst 1918/1919 über dem Vorkriegsniveau, in Schweden wurde dies
1920 erreicht, in Frankreich und der CSR 1923 und selbst im krisengeschüttelten
England 1925).
Für
unsere Untersuchung wichtig ist die Entwicklung des Finanz- und Bankensektors in
den 1920er Jahren. Denn erstens war ein Kennzeichen des österreichischen
Imperialismus, wie wir bereits bei der Betrachtung der Wirtschaftsentwicklung
der Monarchie gesehen haben, von Anfang an eine sehr starke Verbindung von
Industrie- und Bankkapital (bei Dominanz des
letzteren). Und zweitens ergaben sich gerade auf diesem Bereich in der
Zwischenkriegszeit entscheidende Entwicklungen, die die weiteren Geschicke des
österreichischen Imperialismus prägen sollten.
c)
Der Bankensektor in den 1920er Jahren
Die
Wiener Großbanken hatten vor dem Ersten Weltkrieg eine zentrale Stellung im
Gesamtgefüge der Monarchie innegehabt. 61,7% des Aktienkapitals aller Banken
des Staates entfielen auf Wiener Institute, ihr Anteil an der Wertschöpfung
betrug in den letzten Jahren vor dem Krieg sogar 70%. Ein Filialnetz ermöglichte
ihnen Operationen in der ganzen Monarchie, sie waren an einem Großteil der
wichtigen Industrieunternehmen beteiligt und beherrschten diese in vielen Fällen.
Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns wandelten die Sukzessionsstaaten,
also die neuentstandenen, unabhängig gewordenen Staaten, die Filialen in
eigenständige Institute um bzw. gliederten sie in bereits bestehende Banken
ein. Von insgesamt 143 Filialen blieben nur mehr 9, alle anderen wurden nationalisiert.
Allerdings gelang es trotzdem den Wiener Banken, eine Einfluss, wenn auch
eingeschränkt, aufrechtzuerhalten: Denn die Wiener Banken waren an vielen
neuentstandenen Instituten über Aktienpakete beteiligt.
Mit
einem für den kleinen Nachfolgestaat allein viel zu groß dimensionierten
Bankenapparat waren die Institute auf eine Fortführung ihrer Aktivitäten in
ihrem traditionellen Arbeitsbereich (vor allem dem Raum der ehemaligen
Monarchie) angewiesen. Allerdings waren sie damit großen politischen Gefahren,
die von der Beschränkung ihrer Aktivitäten bis zur Überführung in nationales
Eigentum reichten, in den Nachfolgestaaten ausgesetzt. Die österreichischen
Banken versuchten diese Gefahren durch eine Strategie der forcierten
Internationalisierung durch Hereinnahme ausländischen Kapitals zu minimieren.
Dieses Kennzeichen des Bankensektors der Zwischenkriegszeit hatte bereits in den
Anfängen des österreichischen Aktienbankwesens - z.B. bei der Creditanstalt,
die sich auf die europaweit operierende Rothschild-Familie stützen konnte - bestanden, war nun aber in
ihrem Charakter eine Maßnahme defensiver Natur. Bis 1923 erhöhte sich der ausländische
Anteil am Aktienkapital der Großbanken von 10,4% (1913) auf 30,5%. Möglichkeiten
für ein schrittweises Eindringen des Auslandskapitals, hier ist vor allem das
englische und französische, später das deutsche zu nennen, boten die
Kapitalerhöhungen der Inflationszeit, die eine wichtige Grundlage für eine
Fortführung der Großraumaktivitäten der Geschäftsbanken wurde und sie
gleichzeitig vor einer wirksamen staatlichen Kontrolle schützte. So gelang dem
Bankensektor nach dem Zerfall der Monarchie noch eine Ausweitung seiner Geschäftstätigkeit,
die sich allerdings als trügerisch erweisen sollte.
Denn
die strukturellen Krise eines schwachen Imperialismus, und so muss die Situation
in Österreich ja wohl in der Zwischenkriegszeit beschrieben werden, konnte
nicht ohne Auswirkungen auf den Bankbereich bleiben - einem traditionell überproportional
wichtigen Sektor in Österreich. So wurden Zusammenbrüche von Banken ab 1924 zu
einem Charakteristikum der Wirtschaftsentwicklung Österreichs in der
Zwischenkriegszeit. 1924 war die Aktienhausse nach missglückten
Kursspekulationen gegen den französischen Franc zusammengebrochen. Der Rückgang
des Aktienindex um 64% von April bis Dezember 1924 und der Ruin zahlreicher
Bankinstitute waren die Folgen. Nicht nur Banken, die in der Inflations- und
Spekulationszeit groß geworden waren, brachen zusammen (Bauernbank,
Steirerbank, Centralbank...), sondern auch alteingesessene Institute wie die 1871
gegründete Depositenbank. Selbst die Postsparkasse
konnte nur mit Mühe vom Staat vor dem Ruin gerettet werden. All das führte zu
einem Rückzug ausländischer Kredite und Engagements aus Österreich, was mit
einer Erhöhung der Zinssätze beantwortet wurde. Die Abzugswelle konnte zwar
gestoppt werden, aber um den Preis einer Abwürgung der ohnehin schwachen
Konjunkturanzeichen und einer jahrelang äußerst geringen Investitionsquote:
1929 wurden nur 3/4 des Wertes von 1913 investiert, das Rote
Wien gab für Bauzwecke mehr Geld aus als der Bund insgesamt investierte...
Die
tiefere Ursache für die Zuspitzung am Kreditsektor lag aber in zweierlei:
einerseits in den Folgen des Zerfalls der Monarchie, der die Banken mit zusätzlichen
Risiken und Unwägbarkeiten belastete. Und zweitens in der Bankpolitik nach dem
Zerfall der Monarchie in Österreich selber: In der Inflationszeit 1918/1922
hatten die Banken versucht, die gerade hier spürbaren Folgen der Geldentwertung
durch den verstärkten Erwerb von Industrieaktien wettzumachen. Laufende
Forderungen an die Unternehmen wurden in Beteiligungen umgewandelt. Nach dem
Ende der Inflations- (und kurzfristigen) Börsenkonjunktur war die für den
Imperialismus typische Verbindung von Bank- und Industriekapital noch enger
geworden. Dies wirkte sich dann aus, als mit der Stabilisierung ab 1924 die
chronische Krise auch in der Industrie so richtig zum Tragen kam: Verluste
wurden verschleiert, der Schein der Solidität aufrechterhalten, um
Dominoeffekte zu verhindern.
"Überspitzt
gesagt, zahlten solche Unternehmen Dividenden mit Hilfe von Bankkrediten an eben
jene Banken, deren Schuldner sie waren"
(Kernbauer/Weber: Von der Inflation zur Depression, in: Talos, Austrofaschismus,
S. 12).
Die
geringen wirtschaftspolitischen Erfolge der Regierung, die schlechte
gesamtwirtschaftliche Situation vermehrten die akuten Krisenerscheinungen im
Bankensektor. Mitte der 1920er Jahre setzte ein Kontraktionsprozess
im Großbankensektor, eine Tendenz des Rückzugs auf Kernbereiche, ein - also
lange vor der Weltwirtschaftskrise. Diese umfassende Reorganisation im
Bankensektor wurde 1934 abgeschlossen, als von den sieben Großbanken, die am
Beginn der Ersten Republik bestanden, nur mehr eine, die Österreichische
Creditanstalt - Wiener Bankverein, übrigbleiben sollte. Das Problem bestand
aber darin, dass angeschlagene Unternehmen von (noch) gesunden übernommen
werden mussten und dies die Krise des Bankensektors auf eine immer breitere
Basis stellte, bis schließlich 1931 die Creditanstalt selbst, das bei weitem größte
Institut, zusammenbrach. Sie hatte vorher immer wieder in die Bresche springen müssen,
wenn eine Bank nicht mehr anders zu halten war (1926 wurde die Wiener
Niederlassung der Anglo-Austrian Bank
nach dem Rückzug der Bank of England,
die die Zukunftsaussichten eines Engagements in Österreich pessimistisch
beurteilte, übernommen, 1929 konnte die Bank des ehemaligen Kaiserhauses, die Boden-Credit-Anstalt,
nur durch eine Blitzartige Fusion mit der CA
vor de Untergang gerettet werden...).
Die
Überschuldung der Industrie und die Entwertung des Aktienbesitzes der Banken an
ebendiesen Unternehmen ist die eine Seite des österreichischen Bankensektors.
Die andere war der Versuch des Bankenapparates, ausländisches Kapital
anzuziehen, was ihm auch in Form kurzfristiger US-Anleihen gelang.
Charakteristisch ist also eine hohe kurzfristige
Verschuldung des Bankensektors im Ausland. Das Problem bestand nun darin, dass
diese kurzfristigen Auslandsgelder in langfristigen Investitionen angelegt
wurden - einer gefährlichen Politik, wie sich nicht nur in Österreich in der
Weltwirtschaftskrise herausstellen sollte - und noch dazu vor allem zur
finanzkapitalistischen Absicherung des Einflusses in den Nachfolgestaaten der
k.k. Monarchie dienten. Besonders problematisch erwies sich dies 1931, als mit
dem Zusammenbruch der Creditanstalt
Kreditkündigungen und im Verein mit einer Kapitalflucht aus Österreich zu
einer Währungskrise führten.
d)
Die Weltwirtschaftskrise und Österreich
1929
war das Niveau vor Beginn des Ersten Weltkriegs wieder erreicht. Aber die
Wirtschaft stand auf zu wackeligen Beinen, um der Krise, die Ende 1929 in den
USA begonnen hatte, besser standhalten zu können. Das von Bankenkrisen zerrüttete
Österreich wurde von der Weltwirtschaftskrise besonders hart getroffen: Die
Industrieproduktion sank zwischen 1929 und 1933 um 37,8%, noch stärker der Außenhandel:
Die Einfuhr sank im selben Zeitraum um 57,5%, die Ausfuhr ging von 1929 bis 1932
gar um 71,8% zurück. Hatte die Industrie in den 1920er Jahren durch eine günstige
Entwicklung der terms of trade
profitieren können, schlug die Exportschwäche der Industrie nun voll durch und
wurde durch eine Welle des Protektionismus, die 1930 die Welt erfasste, noch
verstärkt. Der Beitrag der Industrie zum Bruttonationalprodukt sank in der
Weltwirtschaftskrise von 25% auf 20,4%, besonders kunjunkturabhängige Branchen
hatten Auftragsverluste von mehr als 80% hinzunehmen - in der Eisenindustrie
betrug 1932 der Auftragsstand nur mehr 13% des Wertes von 1929 und stieg auch
1933 auf nur 16% an. Baumwollspinnereien verzeichneten Rückgänge um 57%
(1929-1932), und das Volumen der ohnehin niedrigen Investitionen ging von 1,1
Mrd. Schilling auf 459 Millionen zurück. Der Beschäftigtenstand sank in der
Produktionsgüterindustrie um 63%, in der Konsumgüterindustrie immer noch um
44%, was zum enormen Anstieg der Arbeitslosigkeit beitrug: von 1929 etwa 200.000
Arbeitslosen auf 1934 mehr als 800.000, von denen fast 500.000 ausgesteuert
waren, also auf keinerlei staatliche Unterstützung mehr zählen konnten.
Besonders problematisch war, dass sich die Industrie in Österreich aber
wesentlich zögernder als in anderen Ländern erholte und deshalb auch die
Arbeitslosigkeit bis 1937 nur auf knapp unter 600.000 sank (davon etwa die Hälfte
Ausgesteuerte) - auf nahezu zwei
Lohnabhängige kam also ein Arbeitsloser. Zum Tiefpunkt der Krise 1933 war das
Brutto-Inlandsprodukt auf 77,5% des Niveaus von 1929 (bzw. auf 81,5% von 1913)
gesunken - und nach Jahren einer hartnäckigen Stagnation betrug 1937 dieser
Wert erst 86,5% des Standes von 1929 bzw. 90,9% des Standes von 1913!
Der
Crash der Creditanstalt 1931, des Paradeunternehmens am Bankensektor, macht
die Tiefe der Krise bewusst. Staat und Notenbank mussten helfend einspringen -
die Verluste machten über 1,1 Milliarden Schilling aus - mehr als 10% des BNPs
von 1931 (10,154 Milliarden Schilling)! Die unmittelbare Folge war der Ausbruch
einer Währungskrise, da es zu einer massiven Kapitalflucht kam: Innerhalb
weniger Wochen wurden geschätzte 350 Millionen Schilling einheimischen Kapitals
ins Ausland verschoben (und etwa 150 Millionen durch den Abzug ausländischer
Gelder). Am 7. Oktober 1931 mussten Maßnahmen zur Devisenkontrolle ergriffen
werden - allerdings hatte die Nationalbank für Stützungskäufe bereits an die
750 Millionen ihrer 1931 etwa 850 Millionen Schilling an Gold- und
Devisenreserven verloren.
Die
gewaltigen Belastungen des Budgets bei sinkenden Staatseinnahmen führten zu
drastischen Ausgabenkürzungen - von der Arbeitslosenunterstützung bis zur
Stornierung von Bestellungen bei der österreichischen Industrie. Dazu kam, dass
sich der kurzfristig erzielte Ausfuhrüberschuss (längerfristig hatte Österreich
immer einen Importüberschuss) infolge der Krise und des langsameren Sinkens der
Einfuhren wieder in ein Außenhandelsdefizit gewandelt hatte. Die Regierung Dollfuss bemühte sich daher erneut um eine Völkerbundanleihe, um die kurzfristig gegenüber dem Ausland
eingegangenen Verpflichtungen abdecken zu können. Die Lausanner
Anleihe war nach dem Muster der Genfer
Anleihe der 1920er Jahre mit streng deflationistischen Auflagen verbunden:
Steuererhöhungen, Einsparungen des Bundes und der ÖBB, wodurch der
Staatshaushalt ins Lot gebracht werden sollte. Wieder bekam die Regierung einen Berater,
den Holländer Rost van Tonningen - den
Nationalsozialisten nahestehend -, an die Seite gestellt.
All
diese Schwierigkeiten, diese maßlos deflationistische Politik waren mit der
Existenz eines stabilen demokratischen Systems unvereinbar. Die Sozialdemokratie
hatte weder der Lausanner Anleihe noch den Geschenken an die Aktionäre im ersten
CA-Gesetz (dem ersten von insgesamt acht) zugestimmt. Die fast-Patt-Stellung im
Parlament (die Regierung hatte eine einzige Stimme Mehrheit) führten vor dem
Hintergrund einer katastrophalen wirtschaftlichen Lage zur Notwendigkeit einer
autoritäreren Gangart, die außenpolitisch mit einer stärkeren Anlehnung an
Italien verbunden war. Rost van Tonningen
hat völlig offen den Zusammenhang von ökonomischer Katastrophe und
Ausschaltung des Parlaments - damit aber auch die wahre Funktion des Beraters des Völkerbundes - zugegeben, als er über seine Rolle,
die von Dollfuss und des Notenbankpräsidenten
Kienböck schrieb:
"Zusammen
mit dem Kanzler und Kienböck haben wir (!) die
Ausschaltung des Parlaments für notwendig gehalten, da dieses Parlament die
Rekonstruktionsarbeit sabotierte" (zitiert nach Talos,
Austrofaschismus, S. 20).
War
nun die Ausschaltung des Parlaments und die starre deflationistische Politik ein
Diktat, das Österreich auferlegt wurde? Einerseits kam all das
zweifellos den Interessen der ausländischen Kreditgeber entgegen, andererseits
war es ein selbstgewähltes Mittel, das dem Horizont der österreichischen
Bourgeoisie, ihren Ansätzen einer Krisenlösung entsprach. Und in der Zeit nach
der Ausschaltung des Parlaments und der Aufrichtung des austrofaschistischen
Systems blieb die Regierung ihrem einmal eingeschlagenen Weg treu. Die österreichische
Regierung rückte keinen Millimeter von ihrem eingeschlagenen Weg ab - oder wie
es Helmut Qualtinger in seinem Herrn Karl formulierte: "Der
Schilling war hart, aber derwischt hat ma ihn net."
e)
Wirtschaftspolitik im Austrofaschismus
Die
österreichischen Regierungen der Jahre vor 1938 konnten sich auch nach der
Ausschaltung des bürgerlichen Parlamentarismus zu keiner aktiven Budget- und
Konjunkturpolitik entscheiden. Das Regime hätte im übrigen auch wenig Chancen
gehabt, den einmal eingeschlagenen Weg zu verlassen: Seine Wirtschaftspolitik
war - wie 1938 formuliert wurde - "in
erster Linie auf die Erfüllung der Ansprüche seiner ausländischen Gläubiger"
festgelegt (zitiert nach Talos, Austrofaschismus, S. 22). Jede Politik des deficit spending hätte Misstrauen des Finanzkapitals erregt, und
das konnte nur verhindert werden, wenn Notenbank und Regierung alles unterließen,
was in diese Richtung hätte deuten können. Arbeitsbeschaffungsprogramme - ob
nun in der Variante des Deutschen Reiches unter Hitler oder des New Deal unter
Roosevelt - waren damit kaum vereinbar; die Arbeitsschlacht
der Schuschnigg-Regierung von 1935 blieb mit 52.000 erfassten Arbeitslosen
daher auch mehr ein symbolischer Akt denn eine wirksame Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit. Eine Verbreiterung der schmalen sozialen Basis des Regimes
gelang damit aber ebenso wenig wie eine Ankurbelung der Wirtschaft von
Staatsseite aus. Die Regierung versuchte immer wieder, ihre Methode, die im wesentlichen auf Kürzungen im Budgetbereich
hinauslief, als wirtschaftsfördernd auszugeben:
"Die
erste Voraussetzung für die Entwicklung der Wirtschaft ist eine gesunde Währung,
die aber nur dann erhalten werden kann, wenn der Bundeshaushalt in Ordnung ist
(...) Es ist meine volle Überzeugung,
dass eine strenge Finanzverwaltung die Voraussetzung für die Entwicklung und für
die Aufwärtsbewegung der Wirtschaft ist" (Budgetrede von
Finanzminister Draxler, zitiert nach Zeitzeichen III, S. 67).
Die
Existenz Österreichs, so das Credo, müsse sich auf den Zufluss ausländischen
Kapitals stützen. Der beste Garant sei daher ein stabiler Schilling. Und der
stabile Außenwert des Schillings war auch noch beibehalten worden, als die
sogenannten Goldblockländer mit Frankreich an deren Spitze bereits zur Währungsabwertung
übergegangen waren. War also in den 1920er Jahren anfangs der Schilling
unterbewertet gewesen, so war er in den 1930er Jahren tendenziell überbewertet
und erschwerte dadurch Exporte. Hier bedeutete die Politik des Ständestaates
keinen Bruch mit der Wirtschaftspolitik, die schon unter der
Weltwirtschaftskrise, ja schon ab 1924 Österreich charakterisierte.
Der
bereits zitierte Finanzminister Ludwig
Draxler sah drei Achsen der Wirtschaftspolitik für Österreich gegeben, die
alle in dieselbe Richtung deuteten: ausgeglichenes
Budget, harte Währung, stabiles Preisniveau. Doch die Wirtschaft
stagnierte, das Problem der Arbeitslosigkeit blieb unbewältigt. Man kann wohl
zurecht von einer Deflationsdiktatur
sprechen, deren Kosten auf die Schultern der Arbeitenden abgeladen wurden: Während
die Löhne und Gehälter zwischen 1933 und 1937 um 2,9% sanken, erhöhten sich
die Einkommen der Selbständigen um 17,9%.
Diese
Entwicklung war zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf das Konto der
Landwirtschaft zurückzuführen, der bäuerlichen Selbständigen. Denn während
der Staat sich für eine Wirtschaftsförderung im Bereich der Industrie nicht
zuständig sah, wurde ab 1931/1932 im Bereich der Landwirtschaft ein ganzes
System marktregulierender Maßnahmen ergriffen und durch eine agrarfreundliche
Kreditpolitik abgesichert, die eine klare Absage an wirtschaftsliberale Konzepte
darstellte. Bei einer Betrachtung der Wirtschaftspolitik des Austrofaschismus
ist es notwendig, sich etwas genauer mit der Sonderstellung des Agrarsektors
auseinander zu setzen.
Bereits
nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise war es zu einem umfassenden System von
Schutz- und Lenkungsmaßnahmen in der Landwirtschaft gekommen: Preis- und
mengenmäßige Außenhandelsregulierung, direkte Subventionen (Anbauprämien,
Saatgutaktionen), Festpreisgarantien, Marktverordnungen und ausgedehnte Exportförderungen
brachten zumindest Teilerfolge; eine Ausweitung der Produktionstätigkeit setzte
ein, und es gelang nun erstmals, das angestrebte Ziel einer erhöhten
Eigenversorgung zu erreichen. Dahinter standen in erster Linie politische
Interessen, da die christliche Bevölkerung als tragender Pfeiler des ständestaatlichen
Gedankens gesehen und Unabhängigkeit vom Ausland im Bereich der Nahrungsmittel
wie im faschistischen Deutschland als Zielvorstellung formuliert wurde. Es kam
also zu einer eigenartigen Mischung von wirtschaftsliberalen Vorstellungen in
der Industrie und im Währungsbereich (die Regierung musste im übrigen hier auf
den Freihandel setzen, um ihre ausländischen Gläubiger nicht zu vergraulen),
gepaart mit staatlichen Lenkungsmaßnahmen in der Landwirtschaft. Trotz der
Autarkiebestrebungen hielten sich aber auch hier die Erfolge in Grenzen. Denn
die zögernde Mechanisierung und Technisierung, eine Folge des Kapitalmangels
der bäuerlichen Betriebe (1939 kam auf jeden 260. landwirtschaftlichen Betrieb
ein Traktor!), verhinderte durchschlagende Erfolge.
Allerdings
konnte im Außenhandel der Agrarbereich größere Erfolge als die Industrie in
den 1930er Jahren erzielen: Bereits 1934 wurde das Ausfuhrvolumen von 1929 übertroffen,
die großen Gewinner waren jene Sektoren, die sich mit dem Handel und der
Verarbeitung von Milch und Milchprodukten beschäftigten - allerdings waren
gerade ihre Produkte mit bis zu 175% Prozent subventioniert. Im Bereich der
Forstwirtschaft kam es zu massiven Überschlägerungen, die das ökologische
Gleichgewicht störten, aber ebenfalls die Basis für Exporterfolge abgaben.
Durchgehend von der Politik des Ständestaates profitierten aber auch die Bauern
nicht. In erster Linie waren es die Großbauern, Großgrundbesitzer und die bäuerlichen
Genossenschaften die Gewinner waren, nicht aber die kleinen und mittleren Bauern
in den Alpenländern. Im übrigen litten diese auch stark durch den
Zusammenbruch des Ausländerfremdenverkehrs im Gefolge der 1000-Mark-Sperre, die
das nationalsozialistische Deutschland nach dem Verbot der österreichischen
NSDAP zur Schädigung der österreichischen Wirtschaft erlassen und erst 1936
wieder aufgehoben hatte.
Das
Drama des österreichischen Bankwesens der Zwischenkriegszeit trat im Ständestaat
in sein vorerst letztes Stadium: In der Weltwirtschaftskrise hatte sich der
Widerspruch zwischen den Auslandsengagements der Wiener Großbanken einerseits
und der zunehmenden Verschuldung Österreichs auf der anderen Seite zugespitzt.
So hatte das Steirische
Wirtschaftsprogramm der Christlichsozialen noch mit dem Gedanken gespielt,
dass die Großbanken ihre internationalen Verbindungen lösen, sich aus dem
ostmitteleuropäischen Raum zurückziehen und mit den Erlösen aus den Verkäufen
die Modernisierung der österreichischen Wirtschaft finanzieren sollten. Die
Folge wäre auch eine geringere Kreditaufnahme im Ausland gewesen, was zu einer
Senkung des Zinsniveaus in Österreich führen und vor allem dem Gewerbe und der
mittelständischen Wirtschaft zugute
kommen hätte sollen. In den 1920er Jahren war es dazu nicht gekommen. Aber die
Finanzkrise der 30er Jahre zwang die Banken bzw. v.a. das einzige große
Institut, das übriggeblieben war, die Creditanstalt,
dann doch zum Verkauf der Auslandsengagements - allerdings nun zu viel ungünstigeren
Bedingungen und unter dem Zwang, anders nicht mehr den Verpflichtungen der
westlichen Gläubigerländer nachkommen zu können. Damit erst büßte das
laufende Kreditgeschäft der Creditanstalt
seinen multinationalen Charakter ein und war die ostmitteleuropäische Perspektive des österreichischen
Bankensektors gescheitert: Einige Beteiligungen blieben zwar erhalten, konnten
aber den kleinräumlichen Charakter, auf den der österreichische Bankensektor
geschrumpft war, nicht mehr wirklich verändern.
Der
Austrofaschismus war auf der ganzen Länge in Wirtschaftsfragen gescheitert.
Profitieren sollte davon der deutsche Nationalsozialismus. Vorher aber noch ein
Blick auf die Außenwirtschaftsverflechtungen Österreichs, v.a. mit
Deutschland.
f) Österreich und seine Beziehungen mit Deutschland in der Zwischenkriegszeit
In
der Zwischenkriegszeit konnte das Auslandskapital in Österreich große
Fortschritte machen. Verantwortlich dafür war die chronische Kapitalknappheit
in Österreich, an der größere Investitionsvorhaben scheiterten, aber auch die
Nachkriegsinflation mit ihrer Unterbewertung der Währung, die einem
Ausverkauf Österreichs Vorschub leistete. Auch die politische Unsicherheit
trug das Ihre dazu bei. Denn viele österreichische Unternehmer veräußerten
aus Angst vor dem Bolschewismus und
einer Sozialisierung ihre Betriebe an
ausländische Kapitalgruppen. 1930 standen zwei Drittel der österreichischen
Großindustrie unter der Kontrolle ausländischer Konzerne, die Hälfte davon im
Besitz des deutschen Finanzkapitals.
Im
Außenhandel blieb Deutschland auch nach dem Ersten Weltkrieg Österreichs
wichtigster Handelspartner. Noch 1937 - die 1930er Jahre waren der Tiefpunkt in
den Handelsbeziehungen - lieferte Deutschland 16,1% der österreichischen
Importe und bezog 14,8% der Exporte - und das zu einer Zeit, als infolge der
Devisenknappheit in Deutschland und der nationalsozialistischen Autarkiepolitik
das deutsche Handelsvolumen nicht einmal die Hälfte des Jahres 1930 (!)
erreichte.
Der
Einfluss Deutschlands war aber insofern noch bedeutender, als es sich hier
ersehen lässt, da sich die deutschen Engagements auf zentrale Bereiche der
Wirtschaft erstreckten. Die Penetration Österreichs durch deutsches Kapital
erreichte 1929 einen ersten Höhepunkt. In der Propagandaschrift Österreichs
Weg zum Anschluss können wir daher über diese Periode lesen:
"Man
kann getrost sagen, dass die österreichische Schwerindustrie, die
Elektroindustrie und die Papierindustrie bereits angeschlossen sind" (zitiert
nach Matis: Wirtschaftsbeziehungen aus österreichischer Sicht, S. 390).
Der
spektakulärste Fall einer deutschen Übernahme war gleichzeitig auch die
wichtigste Repräsentantin der österreichischen Schwerindustrie, die Alpine-Montan-Gesellschaft,
die nach einer Reihe von Transaktionen an eine italienische Finanzgruppe, dann
schließlich an den deutschen Stinnes-Konzern
gegangen war. Hauptmotiv war der Ersatz der durch den Krieg verlorengegangenen Hüttenwerke
und Erzlager in Elsass-Lothringen und Schlesien. Gemeinsam mit seinem Einfluss
auf den Böhler-Konzern verfügte er
damit zeitweise über eine zentrale Position in der österreichischen
Schwerindustrie.
Ende
der 1920er Jahre begann sich unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und der
katastrophalen Schrumpfung der Industrieproduktion der Charakter des Engagements
zu wandeln: Stärker als vorher gingen nun ausländische, v.a. deutsche
Interessen in nichtindustrielle Sektoren: Die Deutsche
Bank erwarb 1929 ein bedeutendes Aktienpaket an der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft,
die Berliner Deutsche Bau- und Bodenbank
(mit 80% Staatsbeteiligung) erwarb 1930 die Mehrheit der Wiener Baukreditbank (was ihr maßgeblichen Einfluss auf die
Wohnungsfinanzierung sicherte), die Deutsche
Bank und Diskontobank beteiligte sich am Wiener Bankverein und sicherte sich eine zentrale Stellung im österreichischen
Kreditapparat. Wenn wir bedenken, welche zentrale Stellung die Banken im österreichischen
Imperialismus spiel(t)en, so lässt sich die Bedeutung dieser Übernahmen
erahnen.
Nachdem
1918 der Anschluss an Deutschland gescheitert war und alle diesbezüglichen
Bestrebungen auch danach von den westlichen Imperialisten verhindert werden
konnten (so scheiterte zuletzt 1932 der Plan einer deutsch-österreichischen
Zollunion), setzte das deutsche Kapital auf eine schrittweise Verflechtung der
beiden Wirtschaften. Der Deutsche
Industrie- und Handelstag meinte hierzu:
"Das
enge Interesse deutschen Kapitals an Österreich bringt eine Verflechtung des
Wirtschaftslebens beider Länder mit sich, die nur zu begrüßen ist. Die Folge
wird eine wachsende Gemeinsamkeit der beiden Volkswirtschaften gesteckten Ziele
sein, die den Boden für die Lösung späterer Fragen günstig vorbereitet"
(Schausberger, Der Griff nach Österreich, S. 181).
Die
Verflechtung mit dem Auslandskapital anderer Länder spielt demgegenüber eine
untergeordnete Rolle, vor allem auch, weil es sich nicht wie im Falle des
deutschen Kapitals auf eine klare strategische Richtung hin orientieren und in
einen politischen Plan einordnen lassen konnte. So versuchte zwar Frankreich dem
periodisch, parallel zum wirtschaftlichen Auf und Ab einmal anwachsenden, dann
wieder abflachenden, aber immer präsenten Anschlusswillen in Österreich das
Konzept einer Donauföderation gegenüberzustellen. Aber der Zerfall des
Habsburger-Reiches und die Umorientierung der Handelsströme konnten nicht mehr
rückgängig gemacht werden. Alle diese Konzepte - seien es nun französische,
italienische oder sogar Habsburg-legitimistische - trugen ein illusionäres
Moment in sich.
Aber
nicht nur im Industriebereich war die Stellung Deutschlands zentral. So war etwa
der Fremdenverkehr der 20er Jahre stark auf den deutschen
Gast angewiesen. 1931 waren 60,5% aller gemeldeten Ausländer deutsche Gäste,
1932 mitten in der die deutsche Wirtschaft besonders in Mitleidenschaft
ziehenden Weltwirtschaftskrise immerhin noch 44,3%. In den Jahren der
1000-Mark-Sperre sank die Zahl kurzfristig auf 11,1% (1934) bzw. 12,7% (1935).
Der Ausfall der deutschen Touristen konnte auch nicht durch verstärkte Werbung
in Westeuropa und den USA wettgemacht werden: 1933/1934 wurden nur 65,7% der
Fremdenmeldungen und 81,2% der Nächtigungen von 1929/1930 erreicht. In den
Jahren 1936/1937 dominierte wieder Deutschland, jedoch lange nicht so
unangefochten wie in den 20er Jahren: Deutschland führte zwar wieder mit 24,2%,
gefolgt von der CSR mit 19,4%, Ungarn (10,5%) und Großbritannien (8,5%). Der
generelle Trend ist wichtig, nicht die durch politische Ereignisse und
Verschiebungen ausgelösten kürzerfristigen Umschichtungen und Brüche - und
hier zeigt sich eindeutig eine Dominanz der Gäste aus dem Deutschen Reich in
der gerade in Österreich wichtigen Fremdenverkehrswirtschaft.
Fassen
wir zusammen: Die Wirtschaft Österreichs war und blieb auch in der
Zwischenkriegszeit stark verflochten mit Deutschland. Wenn auch das Außenhandelsvolumen
nach dem Zweiten Weltkrieg quantitativ und prozentuell noch gewaltig zugenommen
hat und in diesem Zusammenhang die Ausrichtung auf Deutschland noch stärker
geworden ist, muss natürlich der generell schwächere
Internationalisierungsgrad der Ökonomien der Zwischenkriegszeit bedacht werden.
Ansonsten hatte Deutschland aber auch damals in der Außenwirtschaft, im Ausländerfremdenverkehr,
in den Engagements des Auslandskapitals eine Spitzenstellung in Österreich inne
- und dies trotz der vielfachen
Behinderungen des Handels, ja ganz allgemein der Beziehungen zwischen den beiden
Ländern und der Schwächung des deutschen Imperialismus im Gefolge der
Niederlage 1918.
Betrachten
wir die Außenhandelsverflechtungen während der 20 Jahre von 1918 bis 1938
etwas genauer, so finden wir einen Rückgang der Exporte und Importe, die Österreich
mit den Nachfolgestaaten der Monarchie tätigte (zu den Nachfolgestaaten wurden
statistisch Jugoslawien, Polen, Rumänien und Ungarn und die Tschechoslowakei
gezählt): bei den Importen von 48,7% (1924), über 44,3% (1929) auf 38,6%
(1937); bei den Exporten von 46,7% (1924) über 38,7% (1929) auf 31,8% (1937) -
besonders stark fiel der Rückgang mit der CSR aus: War diese 1924 noch der
Haupthandelspartner bei den Importen (22,6%) und wurde sie bei den Exporten nur
knapp von Deutschland übertroffen, halbierten sich die Importe aus der CSR bis
1937 auf 11,0% und gingen die Exporte von 11,0% (1924) auf 7,1% (1937) zurück.
Die
westeuropäischen Staaten (unter denen hier Frankreich, Großbritannien, die
Niederlande und die Schweiz verstanden werden) lagen als Gruppe bei den Importen
hinter Deutschland, bei den Exporten Österreichs 1924 noch vor Deutschland
(15,8% zu 13,1%), 1929 ebenfalls bereits dahinter (15,7% zu 15,9%), und 1937
wieder einige Prozentpunkte davor, während auf der Importseite Deutschland
seine dominante Stellung selbst in den Zeiten der nationalsozialistischen
Autarkiepolitik halten konnte. Italien lag im ganzen Zeitraum mit einem Anteil
von 3,6% (1929) bis 7,2% (1924) bei den Importen und zwischen 9,0% (1929) und
14,2% (1937) bei den Exporten. Interessant ist die breitere Streuung der Importe
und Exporte in der Zwischenkriegszeit - 1924 gingen mehr als 10% der Ex- und
Importe, 1937 nahezu 20% der Aus- und Einfuhren in Gebiete, die weder zu den
Nachfolgestaaten der Monarchie noch zu den hochentwickelten imperialistischen Ländern
Westeuropas und Nordamerikas zählten.
Das
heißt also, dass die Umorientierung in den Handelsströmen in der
Zwischenkriegszeit noch nicht abgeschlossen, sondern mitten im Gange war. Die
Orientierung auf die deutsche Industrie und im größeren die Veränderung der
Blickrichtung von Ost nach West zeichnete
sich bereits ab - und erlitt durch die ökonomische Politik der Autarkie
Deutschlands unter Hitler einen Rückschlag -, während sich die
Wirtschaftsbeziehungen mit den Nachfolgestaaten der Monarchie langsam, aber
kontinuierlich lösten. Die Ausrichtung auf Deutschland und über dieses die
bessere Integration in den Westen des
Kontinents war in Ansätzen vorhanden, aber noch nicht abgeschlossen. Neben
Deutschland und den Nachfolgestaaten der Monarchie spielten alle anderen Länder
eine nur untergeordnete Rolle. Diese Struktur spiegelt damit im wesentlichen
Ausrichtung und Handelsströme wider, die von der Monarchie geerbt worden waren
und nun in einem langsamen Prozess transformiert wurden.
Eine
letzte Frage ist hier zu behandeln: War Österreich in der Zwischenkriegszeit
noch ein imperialistisches Land? Zuerst einmal änderte sich der Charakter des
Bankenapparates, der seine Engagements in Mittel- und Osteuropa über den
Zerfall der Monarchie hinüberretten hatte können, erst in den 30er Jahren. Bis
dahin vermittelte sich der imperialistische Charakter des österreichischen
Kapitalismus in seinem ostmitteleuropäischen Hinterland vor allem über einen
zwar geschwächten, aber noch immer intakten Kredit- und Finanzbereich. Aber darüber
hinaus war trotz einer relativen Entindustrialisierung in den 30er Jahren Österreich
ein Industrieland geblieben: Es war aus dem Zerfall des k.k. Imperiums gemeinsam
mit der CSR (bzw. deren westlichen Landesteilen) als stärkster Teil
hervorgegangen - hatte die CSR die etwas kräftigere Industrie
"geerbt", konnte Österreich mit Wien auf seine traditionellen
Verbindungen im Bankenbereich bauen. Trotz aller Krisen und über längere Zeiträume
betrachtet, war aber auch die Industrie wichtig und trotz der Schwierigkeiten
relativ stabil geblieben. Gemessen an der Beschäftigtenzahl, nahm die Eisen-
und Metallindustrie den ersten Platz ein, gefolgt von der Bekleidungsindustrie
(die vor dem Krieg sogar führend gewesen war), dem Baugewerbe, der Nahrungs-
und Genussmittelindustrie sowie der Holz- und der Textilindustrie. Allerdings
traten in der Zwischenkriegszeit Rohstoffe und halbfertige Waren auf Kosten der
Fertigwaren in den Vordergrund bei den Exporten.
All
das zeigt die Schwächen und die Rückständigkeit des österreichischen
Imperialismus, sie sind aber kein Argument gegen den imperialistischen Charakter
überhaupt. Denn der österreichische Imperialismus hatte vor dem Ersten
Weltkrieg vor allem das Entwicklungsgefälle innerhalb
der Monarchie ausgenützt. Bei seiner Umstellung auf westliche Märkte musste er
aber eben mit überlegenen
Imperialismen konkurrieren (das Ausweichen auf Drittmärkte - siehe oben - zeigt
im übrigen seine Schwäche in diesem Bereich!). Die Einbeziehung Österreichs
in den großen deutschen Wirtschaftsraum nach dem Anschluss
brachte diese Umorientierung zum Abschluss, sodass in der Zweiten Republik die
weitere Einschränkung der Beziehungen zu den ehemaligen Staaten der
Donaumonarchie, die nun zu deformierten
Arbeiterstaaten in bürokratischen Umwälzungen mutierten, keine weiteren
tiefgreifenden Spuren hinterließ. Die Erste Republik und die nachfolgende
Episode des Austrofaschismus sind nichts anderes als der Beweis, mit welchen
Schwierigkeiten eine imperialistische Ökonomie zu kämpfen hat, wenn sie in
traditionellen Gebieten und im Gefolge politischer Entwicklungen zurückgedrängt
wird, aber auch nicht mehr. Denn wir können die Beweisführung auch umdrehen
und am Beispiel der Ersten Republik zeigen, wie zählebig solche Ökonomien
trotz zweier Jahrzehnte von Krise und Stagnation sein können und dass sich der
imperialistische Charakter trotz allem aufrechterhalten und an geänderte
politische Bedingungen anpassen lässt.