4.    1938 BIS 1945 - DIE EINBEZIEHUNG
IN DEN GROSSDEUTSCHEN WIRTSCHAFTSRAUM

 

a)         Wirtschaftliche Aspekte des Anschlusses

Im vierten Teil unserer Arbeit wollen wir uns nun mit der kurzen, aber folgenschweren Phase von 1938 bis 1945 beschäftigen, in der die Struktur der österreichische Wirtschaft entscheidend verändert und die Umschichtungen, die sich in der Ersten Republik bereits abzuzeichnen begannen (Außenhandelsorientierung...), auf größerer Stufenleiter fortgeführt wurden.

Österreich galt für das Deutsche Reich als wichtiges Ausgangsland der wirtschaftlichen Durchdringung Südosteuropas - Österreich als Tor zum Südosten war von großer strategischer Bedeutung für das Expansionsinteresse des nazideutschen Faschismus. Aber auch die hochwertige Edelstahlproduktion und die Bodenschätze (z.B. Magnesit) waren für die deutsche Industrie, die bereits auf Kriegsindustrie umgestellt worden war, von großem Nutzen. Weitere Bodenschätze wie Antimon, Graphit, Talk, Erdöl und Buntmetalle ergänzten die natürlichen Vorkommen eines Deutschland, das trotz reicher Kohlevorkommen insgesamt doch relativ arm an Bodenschätzen und daher auch in einem länger dauernden Krieg verwundbar war. Auch die Land- und Forstwirtschaft, die Papier- und Zellstoffindustrie und die Wasserkraft und deren Ressourcen für die Energiegewinnung machten Österreich zu einer interessanten Ergänzung der Wirtschaft und zu einem wichtigen Bestandteil der deutschen Politik, die vom Gedanken der Autarkie geleitet war.

Nicht zu vergessen auch das brachliegende Arbeitskräftepotential in Österreich - herrschte doch in Deutschland seit Sommer 1934 (vorerst besonders auf dem Lande) Arbeitskräftemangel, der sich mit der Hochkonjunktur und den Kriegsvorbereitungen seit 1936 noch verallgemeinerte und drastisch zuspitzte. 1938 fehlten allein in der Landwirtschaft bereits eine Viertelmillion Arbeitskräfte. Hunderttausend österreichische Arbeitslose, darunter - besonders wichtig - 10.000 technisch gut ausgebildete Ingenieure, wurden nach Deutschland vorwiegend in Rüstungsbetriebe verlegt, um dem Arbeitskräftemangel im Altreich abzuhelfen. Als Geste gegenüber der Arbeiterschaft und mit dem Ziel, diese für einen "nationalen Sozialismus" zu gewinnen, wurden in Wien, Linz und den anderen Industriezentren Tausende ehemalige Schutzbündler und Februarkämpfer wieder in den öffentlichen Dienst aufgenommen.

Deutschland befand sich 1938 bereits im fünften Jahr eines geldmengenexpansiven Wachstumskurses. Die öffentlichen Investitionen hatten sich verfünffacht, dienten aber zu drei Viertel der Rüstung. Nicht vergessen werden dürfen in der Bedeutung Österreichs für Deutschland die in den Tresoren der österreichischen Nationalbank lagernden Goldreserven, die 18mal größer waren als diejenigen von Deutschland - 1,4 Milliarden Reichsmark standen einem offiziell ausgewiesenen Barschatz von bloß 76 Millionen der Reichsbank am 7.4.1938 gegenüber.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen am 12. März 1938 kam es zu einer Integration im Schnellzugstempo. Bereits im darauffolgenden Monat war diese Expansionspolitik auch in Österreich spürbar. Weniger war dies einem steigenden Handel geschuldet, als vielmehr einer bereits beginnenden stark steigenden Binnennachfrage der öffentlichen Hand. 1938 flossen der gewerblichen Wirtschaft öffentliche Aufträge in der Höhe von 750 Millionen Schilling zu - das war das Zehnfache der staatlichen Investitionen des Jahres 1937! Außerdem wurden 130.000 Ausgesteuerten wieder Arbeitslosengeld bezahlt, und ihre Integration in die Wirtschaft begann. Die Anfang 1938 mit 22% viel zu niedrig angegebene offizielle Arbeitslosenrate von 300.000 sank im Jahr nach dem Anschluss auf 6% und weiter auf 3% - die Löhne stiegen zwar nicht, aber allein dadurch, dass Hunderttausende Menschen nun Arbeit fanden, wurde auch der Massenkonsum angekurbelt.

Die erste Aufgabe bestand nun darin, die Integration der österreichischen in die deutsche Volkswirtschaft zu bewerkstelligen. Das Instrumentarium war von deutscher Seite bereits vorbereitet worden - den Rahmen gab die 1937 geplante deutsch - österreichische Währungsunion ab. Das österreichische System des Wirtschaftsliberalismus (das wie gesagt in der Industrie, nicht aber in der Landwirtschaft tonangebend war) wurde eingegliedert in das deutsche System eines reglementierten Außenhandels mit strenger Devisenbewirtschaftung. Die Währungen wurden angeglichen - der Schilling als Geste gegenüber Österreich von 2,17 öS auf 1,5 öS zu einer Reichsmark aufgewertet. Damit wurde mit einem Schlag das (niedrigere) österreichische dem deutschen Lohnniveau angeglichen. Um ein Steigen der Preise zu verhindern, wurde mit Preisregelungen gearbeitet (bis Dezember 1938 sank der Verbraucherpreisindex auch um 2,3%). Möglich wurde die Integration aber vor allem durch die sprunghafte Ausweitung der öffentlichen Nachfrage, die die Ausfälle im Export insgesamt mehr als kompensierte. Noch vor dem Ausbruch des Weltkrieges am 1.9.1939 kann diese Integration Österreichs in die deutsche Wirtschaft als abgeschlossen betrachtet werden.

 

b)     Die Folgen des Anschlusses für die österreichische Wirtschaft

Sehen wir uns nun die Konsequenzen des Anschlusses für die österreichische Wirtschaft und ihre Sektoren an. Ein erstes erstaunliches Phänomen ist die Tatsache, dass gerade der Bereich der Landwirtschaft derjenige Wirtschaftssektor war, der vom Anschluss nicht profitierte - denn von dieser Ausnahme abgesehen, kam es in allen Sektoren zu starken Produktions- und Leistungssteigerungen. Nach dem Anschluss wurde zwar versucht, die Intensivierung der heimischen Landwirtschaft voranzutreiben - ein umfangreicher Maßnahmenkatalog sollte diesem Ziel dienen: Trockenlegungen, Errichtung von Silos, Molkereien, Entschuldung von Betrieben, Senkung der Transporttarife... Aber die NS-Agrarpolitik scheiterte in ihren Ausbauplänen schließlich am späteren Mangel an Arbeitskräften und daran, dass bereits vor 1938 der Agrarbereich in Österreich aus Gründen der politischen Stabilität vom freien Wettbewerb abgekoppelt und durch Stützungsmaßnahmen vor den Wirkungen des Marktes geschützt worden war. Im Zweiten Weltkrieg machte sich überdies die Knappheit an Dünge- und technischen Hilfsmitteln negativ bemerkbar - denn im Rahmen der Kriegswirtschaft konnte der Mechanisierung der Landwirtschaft nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Wertschöpfung sank bis 1944 um 28% - gegenüber den Versorgungslücken im Ersten Weltkrieg konnte aber nun zumindest eine Basisversorgung an Lebensmitteln aufrechterhalten werden. Der große Einbruch kam erst 1945, als die Ernte nur mehr die Hälfte des Jahres 1937 ausmachte.

Hier soll auch kurz auf die Entwicklung des Fremdenverkehrs eingegangen werden. Nach dem Anschluss stieg die Zahl deutscher Touristen naturgemäß enorm an - im ersten Jahr gleich um mehr als das Fünffache. Und auch wenn der übrige Ausländerfremdenverkehr zurückging, bedeutete dies doch, dass der Fremdenverkehrswirtschaft durch den Anschluss interessante Perspektiven erwuchsen: Denn auch während des Krieges waren die Beherbergungsbetriebe gut ausgelastet - freilich nun zunehmend mit Fronturlaubern und - mit Fortdauer des Krieges - vor allem mit den Ausgebombten der deutschen und österreichischen Städte.

Wenn wir uns nun der Industrie zuwenden, so sehen wir, dass 1938 ein großer Wachstumsschub eingeleitet wurde, der die österreichische Industrie quantitativ und qualitativ entscheidend veränderte. 1938 erreichte die Zunahme des realen Brutto-Nationalproduktes (unter Ausklammerung der Landwirtschaft) ein Plus von 15%, 1939 sogar von 16,3%. Das Schwergewicht lag nun aber im Unterschied zur Zeit bis 1938 auf der Ausweitung der Industrie (+18% und +30%) und der Bauwirtschaft (+23% und +25%). Das Schwergewicht in der Industrie verlagerte sich dabei von der traditionellen Konsumgüter- auf die Grundstoff- und Investitionsgüterindustrie. Weitere Konsequenzen waren die räumliche Umschichtung der Industrie in Ost-West-Richtung und die verstärkte Förderung großbetrieblicher Strukturen. Eine wichtige Rolle spielten die unausgelasteten industriellen Kapazitäten in Österreich, die für die deutsche Rüstung bedeutsam waren.

Die geographische Lage Österreichs, die sich am Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert als Standortnachteil herausstellte, mutierte nun zu einem ebensolchen Vorteil: Denn die geschützte Lage Innerösterreichs kam militärischen Überlegungen entgegen und war während des Krieges, als große Teile Deutschlands schon mit Bombenteppichen belegt wurden, ein Bereich, der erst gegen Ende des Krieges mit dem Vormarsch in Italien in den Bereich der alliierten Bomberstaffeln kam. So wuchs die österreichische Industrieproduktion noch bis 1944 um durchschnittlich 30% pro Jahr. Erst das Jahr 1945 brachte einen katastrophalen Rückschlag: 1946 betrug die Industrieproduktion nur mehr 51,6% des Standes von 1937 und gar nur 37,9% von 1913! Österreich hatte zwar kurzfristig in etwa dasselbe an industriellen Anlagen durch Kriegseinwirkungen verloren, als es in der Kriegskonjunktur gewonnen hatte (schnitt aber natürlich unvergleichlich besser ab als jene Länder, in denen Zerstörungen stattfanden, aber die Kriegskonjunktur ausgeblieben war!), die strukturellen Umstellungen sollten sich aber als so bedeutsam erweisen, dass sie längerfristig für die österreichische Industrie relevant blieben. Wir werden bei der Behandlung der strukturellen Veränderungen der österreichischen Wirtschaft noch einmal auf die Industrie zurückkommen.

Auch im Handel machte sich bald die Integration in einen größeren Wirtschaftsraum bemerkbar. Nachdem die bestehenden Handelshemmnisse beseitigt worden waren (die Zölle blieben aber noch einige Zeit als Binnenzölle bestehen), verdreifachten sich Export und Import von der Ostmark ins Altreich. Mit Drittländern sanken zwar die Ausfuhren um 24%, die Einfuhren erhöhten sich aber 1938 trotz Devisenbewirtschaftung und Außenhandelsreglementierung noch um 7,1%, da die boomende deutsche Wirtschaft mit ihrer Rüstungshochkonjunktur dem Nachfrageschub in Österreich nicht überall nachkommen konnte. Österreich erwirtschaftete daher im ersten Jahr des Anschlusses ein Handelsbilanzpassivum von (nach damaligem Wert) 900 Millionen Schilling, das aber zur Hälfte gegenüber Deutschland bestand (und daher im gemeinsamen Wirtschaftsraum ausgeglichen werden konnte) und zum anderen durch die expansive Entwicklung des Fremdenverkehrs entscheidend verringert werden konnte. Insgesamt verstärkte der Anschluss die Umlenkung der Handelsströme, die wir bereits in der Analyse der Zeit bis 1938 feststellen konnten, und die Orientierung der österreichischen Ökonomie auf den westeuropäischen, insbesondere den deutschen Wirtschaftsraum. Dieser Westorientierung, die aber gleichzeitig der Wirtschaft des Alpenraumes die Funktion eines Tores nach Osten zuwies, entsprachen auch die Infrastrukturinvestitionen, die die österreichische Wirtschaft stärker an Deutschland binden sollten. So wurde etwa die Autobahn München - Wien projektiert und Salzburg auch wirklich an das gesamtdeutsche Autobahnsystem angeschlossen.

Einen besonderen Schub erlebte die Urproduktion, also der Bergbau. Ausgebaut wurde auch die österreichische Erdölindustrie, die eine wertvolle Ergänzung zum praktisch erdöllosen Deutschland darstellte, das große, aber volkswirtschaftlich an sich wenig sinnvolle Anstrengungen in der Kohlverflüssigung unternehmen musste, um seinen Benzinbedarf im Krieg zu decken. Seit den ersten erfolgreichen Bohrungen 1930 war die Förderung nur sehr langsam angelaufen und kam nun richtig in Schwung.

Zu den ersten Großprojekten, die den kleinen österreichischen Rahmen sprengten, gehörten auch Projekte der Energieerzeugung. Die Verwirklichung des Gedankens an ein großräumiges Verbundsystem, das die Kraftwerke des Ruhrgebietes und Schlesiens mit den Wasserkraftreserven der Alpenländer vernetzen sollte, konnte nun begonnen werden. Aus Kapital-, aber auch aus Nachfragemangel waren solche Großprojekte bisher in Österreich nicht angegangen worden (der Rückgang des Energieverbrauchs war von 1929 bis 1933 mit 35,1% noch deutlicher ausgefallen als der des Brutto-Inlandsproduktes), nun sollte eine Kette von Fluss- und Speicherkraftwerken errichtet werden - allein Ybbs-Persenbeug wäre siebenmal so groß wie das größte in der Zwischenkriegszeit gebaute Kraftwerk geworden und hätte die doppelte Kapazität des Stromzuwachs von 1922 bis 1937 gehabt. Ökonomisch sinnvoll wurden diese Projekte aber erst mit einem großräumigen Verbundnetz, das die Donau-, Enns- und anderen Flusskraftwerke und die Speicherkraftwerke wie Kaprun mit den industriellen Zentren Großdeutschlands verbinden sollte. Zahlreiche dieser Großprojekte wurden noch 1938 begonnen, mussten aber während des Krieges aufgeschoben werden. Die Fertigstellung von Kaprun, Ybbs-Persenbeug etc. blieb der Zweiten Republik vorbehalten - und nur mittlere Bauvorhaben (wie das Kraftwerk Großraming an der Enns oder solche an der Drau) konnten - durch den Einsatz von KZ-Häftlingen - fertiggestellt werden.

Großprojekte gab es aber nicht nur im Wasserkraftbereich, sondern auch bei den Dampfkraftwerken: Das Großkraftwerk der neuen Hütte Linz hatte mit 200.000 Kilowatt die dreifache Kapazität des damals größten Dampfkraftwerkes, Wien-Simmering. Eine Richtungsänderung nach Westen lässt sich auch im Energiebereich feststellen: Die Reichgaue Tirol (zu dem damals Vorarlberg gehörte) und Salzburg mit ihren Energieüberschüssen wurden dem Energiebezirk Bayern zugeordnet, der Rest von Österreich bildete einen eigenen Bezirk. 1945 sollte sich dies als sehr unangenehm herausstellen, da keine tragfähige direkte Leitungsverbindung von West- nach Ostösterreich bestand...

 

c)         Strukturveränderungen 1938 bis 1945

In den meisten Industriesparten, die nun vom deutschen Kapital kontrolliert wurden, begannen expansive Investitionsprogramme anzulaufen. Deutsche Unternehmen hatten dabei insofern einen Vorteil, als sie über die nötigen Verbindungen verfügten, um an die  Vorprodukte heranzukommen. Diese Verbindungen fehlten den in österreichischen Besitz befindlichen Unternehmungen meist völlig. Insgesamt waren Großbetriebe, die die nötigen Kapazitäten für kriegswichtige Industrien bereitstellen konnten, begünstigt gegenüber Klein- und Mittelbetrieben. Die Zeit nach dem Anschluss bedeutete also einen Schub in Richtung großbetriebliche Struktur in Österreich: Waren 1930 in ganz Österreich nur 31 Großbetriebe mit mehr als 1.000 Arbeitskräften gezählt worden, stieg die Zahl während des Krieges um die Hälfte an, die Zahl der in ihnen Beschäftigten nahm um fast das Doppelte zu.

Zweitens kam es zu einer Tendenzverschiebung zugunsten der Grundstoff- und Investitionsgüterindustrie, die 1948 mit einem 52%-Anteil gegenüber der Konsumgüterindustrie bereits dominierte. Drittens aber veränderte die NS-Zeit die geographischen Proportionen der österreichischen Industrielandschaft völlig: War von der Monarchie ein industrielles Schwergewicht im Osten Österreichs einschließlich der Obersteiermark geerbt worden (mit einigen industriellen Inseln wie Steyr oder Hallein...), so verschob sich das Gewicht nun eindeutig in Richtung Westen, näher zu Deutschland - und hier vor allem in den oberösterreichischen Zentralraum. 1948 gab es außerhalb von Wien, Niederösterreich und der Steiermark 14 Großbetriebe, vor 1938 waren es erst 4 gewesen. Oberösterreich allein, das vor 1938 nur drei Großbetriebe aufwies, überflügelte Wien und Niederösterreich. Oberösterreich, besonders der Linzer Raum, bot günstige Standortbedingungen: ein beträchtliches Arbeitskräftepotential in einem erst wenig industrialisierten Gebiet mit einem hohen landwirtschaftlichen Anteil, das verkehrsmäßig gut erschlossen war. Die Donau als Transportweg für die geplante Massenproduktion hätte durch den geplanten Kanalbau an Wert gewonnen und das Linzer Gebiet sowohl mit dem Altreich als auch mit den Gebieten im Südosten Europas gut verbunden. Dazu war das Areal im Südosten von Linz groß genug und ließ auch Platz für einen späteren Ballungsraum und die Ansiedlung von weiteren Industrien.

Viertens schließlich sprengte eine Reihe wichtiger industrieller Vorhaben den österreichischen Bedarf bei weitem - sie waren für den Inlandsmarkt zu groß dimensioniert. An zentralen Beispielen soll das nun kurz gezeigt werden. Das Kernstück der Linzer Industrie sollte die Hütte der Hermann-Göring-Werke, der heutigen VOEST, werden. Die projektierte Roheisenkapazität von 2 Millionen Tonnen und die dementsprechenden Stahlwerks- und Walzanlagen gingen weit über den lokalen Bedarf hinaus. Sie wurden nach 1945 nicht in diesem Ausmaß vollendet bzw. wiederaufgebaut. Neben dem Kokereibetrieb der Göring-Werke sollte zweitens ein Stickstoffwerk, die spätere Chemie-Linz, aufgebaut werden, das dessen Überschüsse an Gas verwerten sollte. Der dritte Mammutbetrieb waren die Aluminiumwerke in Ranshofen. Hatte Österreich 1937 einen Jahresbedarf von 1000 t und betrug die (nicht voll ausgenützte Kapazität) 4.500 t, wurde in Ranshofen eine Aluminiumschmelze mit 60.000 t Jahreskapazität gebaut, was 10% der Weltproduktion von 1939 entsprach - die riesigen Energiemengen sollten Flusskraftwerke an der Salzach liefern (die mit 1,2 Milliarden Kilowattstunden der Hälfte des Jahresbedarfs von Österreich entsprochen hätten). Auch wenn bis Kriegsende die volle Auslastung nicht erreicht werden konnte, bedeuteten die 35.900 t Rohaluminium von 1943 mindestens eine Verzehnfachung der Vorkriegsproduktion.

Der vierte Großbetrieb in Oberösterreich war das Zellstoffwerk in Lenzing, dazu kamen noch kriegswichtige Industrien, die ebenfalls im oberösterreichischen Zentralraum gebaut wurden, wie das Kugellagerwerk in Steyr oder die Kriegsproduktion im nahegelegenen niederösterreichischen Nibelungenwerk St. Valentin. Daneben traten die Investitionen im Ostteil Österreichs in den Hintergrund - wie etwa die Raffinerie Lobau oder die Flugzeugwerke in Wiener Neustadt. Diese Verschiebung wurde mit 1945 noch deutlicher, da die oberösterreichischen Industrien im Gegensatz zu Wiener Neustadt und Wien großteils unversehrt blieben und damit der Wechsel in den Industriestandorten  Österreichs noch klarer wurde (Wiener Neustadt wurde ja großteils zerstört). Diese überdimensioniert geplanten Werke wurden zu einem großen Vorteil Österreichs in der Exportstrategie der ersten Nachkriegszeit und bedeuteten im Boom der 50er Jahre einen Wachstumsvorsprung.

Nachzutragen wäre noch, dass die Bedeutung Österreichs als Standort für kriegswichtige Industrien im Verlaufe des Weltkrieges zunahm - die Bedeutung als Reichsluftschutzkeller drängte oft sogar Standortnachteile in den Hintergrund: So war Ranshofen gegenüber Standorten nahe den mitteldeutschen Braunkohlevorkommen als billigen Energielieferanten sicher weniger geeignet - die Entscheidung für Ranshofen als Standort der Aluminiumschmelze war eine auch strategische Entscheidung der deutschen Führung. Gerade diese strategischen Entscheidungen für Österreich mitsamt den Auslagerungen aus den bedrohten deutschen Industriezentren ließ das Industriepotential Österreichs im Deutschen Reich überproportional anwachsen. So expandierte die Industriebeschäftigung von 1941 bis 1944 in den Donau- und Alpengauen um 11,4% jährlich, die deutsche dagegen nur um 1,2%.

 

d)         Veränderungen der Besitzverhältnisse

Nach dem Anschluss gingen die meisten österreichischen Großbetriebe in die Hand deutscher Gesellschaften über (wobei österreichische Großunternehmen immer noch von international relativ geringer Größe waren), sofern sie nicht schon vorher von deutschem Kapital kontrolliert worden waren. Vorherrschend wurde der reichsdeutsche Einfluss in der eisenerzeugenden, eisenverarbeitenden und Fahrzeug-Industrie und großen Teilen des Bergbaus bzw. der Erdölwirtschaft. Traditionell österreichischer Einfluss blieb in der Konsumgüterindustrie bestehen.

Die sieben Jahre von 1938 bis 1945 bedeuteten also eine Umschichtung der Eigentumsstruktur größten Ausmaßes in der österreichischen Wirtschaft. Der deutsche Anteil an den wichtigsten Unternehmen in Österreich dürfte vor 1938 etwa 10% betragen haben, während des Zweiten Weltkrieges stieg dieser Wert auf über 80% an. Bei Kriegsende waren in deutschem Besitz (die entsprechenden Zahlen für 1938 finden wir in Klammer): 83% (8%) des Bankkapitals, 81% (19%) der Elektroindustrie, 72% (25%) des Bergbaus und der Hüttenwerke, 71% (4%) der chemischen Industrie, 54% (7%) des Maschinenbaus und der Metallindustrie, 61% des Versicherungswesens, 58% des Transportwesens, 57% der Textilindustrie, 56% der Brauereien, 50% der Erdölproduktion und 39% (0%) der Holzindustrie. Auch wenn die Zahlen differieren (vergleiche hiezu etwa die Zahlen im Bulletin des Arbeitskreises "Zweiter Weltkrieg", Leipzig 1988, S. 172 und die Angaben bei Herbert Matis: Deutsch-österreichische Wirtschaftsbeziehungen..., S. 394), die Tendenz ist eindeutig und klar.

Die Creditanstalt mit ihrem Industrie-Imperium wurde in die Deutsche Bank eingegliedert. Seit der Sanierung der CA 1931 war die Nationalbank und der Staat im Besitz von fast der Hälfte des CA-Aktienkapitals, die nun in Reichsbesitz überging. Die Länderbank kam unter den Einfluss der Dresdner Bank, der Großteil der Industrie wurde in die Reichswerke Hermann Göring eingegliedert (die allein von der CA die Steyr-Daimler-Puch AG, die Judenburger Gußstahlwerke, die späteren Simmering-Graz-Pauker AG und die DDSG übernahmen) oder kam an private deutsche Aktionäre und Firmengruppen: So übernahm der größte deutsche Konzern, die IG-Farben, die Dynamit Nobel AG, Krupp die Berndorfer Metallwerke, Henschel die Wiener und Wiener Neustädter Lokomotivfabriken. All das war nun Deutsches Eigentum und sollte den Umfang der direkt und indirekt verstaatlichten Industrie in Österreich bestimmen (die sich ja großteils aus dem Deutschen Eigentum herausentwickelte).

Nicht zu unterschätzen beim Eigentumswechsel ist auch dessen barbarische und anarchische Variante, die Arisierungen, bei der der Anteil der Juden an der österreichischen Volkswirtschaft binnen kurzem ausgelöscht wurde: Immerhin lebten in Österreich bis in die 1930er Jahre an die 200.000 Juden, zu großen Teilen in Wien, die auch im Wirtschaftsleben, von den Aktionären  bis zum Kleinhandel, eine große Rolle spielten. Das jüdische Vermögen in Österreich wurde 1938 auf über 10 Milliarden Reichsmark geschätzt, deren Aufteilung in den ersten Monaten oft durch selbsternannte Kommissare stattfand (allein in Wien sollen es im April 1938 20.000 bis 30.000 gewesen sein, die die Gunst der Stunde nutzten). Die Arisierung, das "Führen eines Juden", wurde zum rassistischen Volkssport. Sie beschlagnahmten Wertgegenstände, besetzten Betriebe oder erwarben sie unter Druck zu Schleuderpreisen. Erst langsam gelang es dem NS-Regime, die Überführung des jüdischen Eigentums in arisches in die geordneten Bahnen eines staatlich überwachten Rassismus zu lenken.

 

e)         Zusammenfassung und Schluss

Wenn wir zum Abschluss die Ausgangsbedingungen des Jahres 1945 mit denen des Jahres 1918 vergleichen, so zeigt sich, welche großen strukturellen Veränderungen inzwischen stattgefunden hatten. Großteils gingen sie auf das Konto der sieben nationalsozialistischen Jahre, die die österreichische Wirtschaft entscheidend veränderten. Es geht hier nicht um eine politische und schon gar nicht moralische Wertung, und es ist auch völlig klar, dass die Konzentration auf die Industrialisierung Österreichs nur im Rahmen eines expansiven, aggressiven imperialistischen Konzepts des Nationalsozialismus gesehen werden kann. Nicht zufällig sprengten die neuerrichteten Industrieanlagen in Österreich den kleinstaatlichen Rahmen, ja teilweise sogar den Rahmen des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1938/1939 vor dem Zweiten Weltkrieg. Völlig eindeutig war die deutsche Wirtschaft schon seit Mitte der 30er Jahre auf die Vorbereitung eines Krieges zur Erweiterung ihres Einflussbereiches weit nach Osten ausgerichtet. Die Ausweitung der Staatsschulden, deren Rückzahlung über MEFO-Wechsel u.a. hinausgezögert wurde und die den Kriegsverlierern überantwortet werden sollten, machte erst den staatlich geförderten Boom in der Binnennachfrage möglich.

Im Laufe der Einbeziehung in die deutsche Kriegswirtschaft waren neue strukturelle Grundlagen enstanden, die einen Sprung in der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes nach 1945 möglich machten. Denn Kriegsvorbereitung bedeutete Modernisierung auch der österreichischen Industrie, von der nach 1945 noch die Zweite Republik profitieren sollte. Zentral scheint uns in diesem Zusammenhang auch die Verschiebung der Blickrichtung des österreichischen Imperialismus zu sein. Nach 1938 wurde mit der Einbeziehung in das Deutsche Reich das Erbe der Monarchie, die Ausrichtung auf die Nachfolgestaaten, überwunden. Damit aber ist ein Weg verbunden, der Österreichs Wirtschaft schon in der Monarchie vorgezeichnet schien: tendenziell immer stärker in die Rolle des Juniorpartners einer großen Wirtschaftsmacht in Westeuropa gedrückt zu werden. Und erst auf dieser Basis, in der tendenziellen Aufgabe seiner eigenständigen imperialistischen Interessen, machte und macht das österreichische Engagement in seinem ursprünglichen Hinterhof, in Ostmitteleuropa, wieder Sinn. Genau diese Tendenzen hat der Nationalsozialismus mit seiner Variante der Industrialisierung und Modernisierung in Österreich zum Durchbruch gebracht. Auf dieser Basis, und da liegt die Kontinuität zur wirtschaftlichen Situation nach 1945, scheint auch der Weg des österreichischen Imperialismus nach 1945 vorgezeichnet.