IV. Die Imperialismustheorie von Nikolai Bucharin 

von Angela Scheubmaier

Nikolai Bucharin ist wohl zu den wichtigsten Imperialismus-Theoretikern in der Zweiten und Dritten Internationale zu zählen. Dennoch gehört er im Vergleich zu Hilferding, Luxemburg und Lenin zu den weniger rezipierten. Dabei ist Bucharins Bedeutung als "Chef-Ökonom" der Bolschewiki, der zuerst den Versuch unternahm, die neuesten Entwicklungen des Weltkapitalismus mit ihren Tendenzen zum Krieg in einem kompakten und schlüssigen Bild für die revolutionäre Avantgarde darzulegen, in der Rezeptionsgeschichte vor allem hinter jener von W.I. Lenin als Autor von Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus in den Hintergrund getreten. Dies ist zu einem wesentlichen Teil der stalinistischen Kanonisierung Lenins geschuldet. Stößt man auf kaum zu sichtendes und verarbeitbares Material über die Imperialismustheorien Hilferdings, Luxemburgs und Lenins, so fällt die Ausbeute an Sekundärliteratur zu Bucharins Imperialismustheorie vergleichsweise karg aus. Findet er in verschiedenen Werken zur marxistischen Krisen- und Imperialismustheorie Erwähnung, so vor allem mit seiner Theorie der "staatskapitalistischen Trust". Wenn auch die staatskapitalistischen Trusts zum fixen Bestandteil seiner Theorie werden sollten, die ihm schließlich die Sicht versperren und zu seinem klaren theoretischen Hindernis werden sollten, so bergen Bucharins Arbeiten zu Weltwirtschaft und Imperialismus doch einige richtige Argumentationslinien und Ansatzpunkte, wenn auch nicht immer voll entwickelt und zu Ende geführt. Beinahe gänzlich in den Hintergrund getreten ist Bucharins frühes ökonomisches Werk Die politische Ökonomie des Rentners1 in dem er die heute noch wesentliche marxistische Kritik der Grenznutzentheorie entwickelt.

Bucharin zählt sowohl persönlich als auch im übertragenen Sinn zu den tragischen Figuren der russischen Revolution und Konterrevolution. Wahrscheinlich war er im Vergleich zu anderen seiner Zeitgenossen ein emotionalerer Revolutionär.2 Er hat sich im Grunde sowohl theoretisch als auch praktisch-politisch in seiner politischen Laufbahn an zwei Dingen festgebissen: das eine war sein Bestreben, die marxistische Dialiktik mit der Hormonielehre Bogdanows zu vereinen3 , das andere war der bürgerliche Staat und damit zusamenhängend, die Theorie der staatskapitalistischen Trusts. Bucharins diesbezügliche theoretische Einsichten, aber leider auch Irrgänge sind dabei für die theoretische Auseinandersetzung und dadurch bedingt für die praktische Politik zuerst der Bolschewiki und später der stalinisierten KP - zu deren Stalinisierung er maßgeblich beigetragen hatte und zu der er schließlich instrumentalisiert wurde - nicht ohne Bedeutung geblieben: So kann Bucharin als derjenige angesehen werden, der vor Lenin die marxistische Theorie des Staats gegen die Revisionisten korrekt wiederherstellte und verteidigte und Lenin erst dazu veranlaßte, mit der Auseinandersetzung mit den Schriften Marx' und Engels' zu dieser Frage zu beginnen, als deren Produkt schließlich Staat und Revolution entstand.4 Ebenso soll Bucharins Schrift Imperialismus und Weltwirtschaft aus dem Jahr 1915 Lenin den Anstoß gegeben haben, sein eigenes Werk zu diesem Thema zu beginnen.5 Andererseits lieferte Bucharins Theorie der staatskapitalistischen Trusts in gewissen Hinsicht einen Ansatzpunkt für das theoretisch-ökonomische Gerüst der Theorie des Sozialismus in einem Land.

Bucharin hat zwei größere Werke zum Thema "Imperialismus" verfaßt: Imperialismus und Weltwirtschaft6 aus dem Jahr 1915, in dem er positiv seine Theorie darlegt, und Der Imperialismus und die Akkumulation des Kapitals7 aus dem Jahr 1924, in dem er Luxemburgs Unterkonsumtionstheorie einer Kritk unterzieht, wobei natürlich auch seine eigenen Ansätze miteinfließen und sichtbar werden. Diese kommen auch in einigen anderen Werken, die das Thema Weltwirtschaft und Imperialismus berühren, wie etwa Die Ökonomik der Transformationsperiode8 (1920) oder Das ABC des Kommunismus9 , das er 1919 gemeinsam mit Eugen Preobraschenski verfaßte und für dessen ökonomische Passagen er verantwortlich zeichnete, zum Ausdruck. Imperialismus und Weltwirtschaft ist das Werk, das sowohl inhaltlich als auch zeitlich in die in dieser Nummer von Marxismus behandelte Debatte fällt; wir wollen daher hauptsächlich dieses Werk darstellen und einer Einschätzung unterziehen.

Bucharin verbrachte die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, vom Winter 1912/1913 bis zum Ausbruch des Krieges, in Wien, wo er sich hauptsächlich dem Studium der neueren bürgerlichen Ökonomie widmete. Er besuchte Vorlesungen von Böhm-Bawerk, der damals in Wien die Grenznutzentheorie lehrte, und befaßte sich mit einer Kritik dieser Schule. Gleichzeitig wurde er in Wien, wo zu dieser Zeit ein äußerst fruchtbares Klima für die Keimbildung neuer und die Weiterentwicklung marxistischer Theorie herrschte, mit den marxistischen Theorien über die neueste Entwicklung des Kapitalismus bekannt. Unmittelbar nach dem Ausbruch des Ersten Welkriegs wurde er als "russischer Spion" verhaftet, aber Dank der Intervention von Führern der österreichischen Sozialdemokratie in die Schweiz abgeschoben. Dort überarbeitete er sein im wesentlichen schon in Wien skizziertes Manuskript der "Ökonomie des Rentners" und schreib in weniger als einem Jahr die Imperialismusstudie Imperialismus und Weltwirtschaft, die er bei seiner Abreise aus der Schweiz im Juli 1915 bereits fertiggestellt hatte. Lenin verfaßte dazu im Dezember 1915 ein Vorwort und begann im Jänner 1916 mit seinem eigenen Buch zu diesem Thema. Er war dabei zwar in manchen Punkten von Bucharin beeinflußt - der Vergleich der herangezogenen Quellen zeigt aber durchwegs die originäre Bearbeitung der Literatur durch Lenin, der teilweise zu ganz anders pointierten Schlußfolgerungen kam.10

Imperialismus und Weltwirtschaft wurde zum erst nach dem Sieg der Oktoberrevolution zum erstenmal veröffentlicht. Lenins Vorwort zu diesem Buch wurde erst weit später wiedergefunden und erschien zum erstenmal 1927.

Bucharin selbst hat den Einfluß, den Hilferdings Arbeit auf seine Imperialismusstudie ausübte, offen anerkannt. Dies trifft vor allem in Hinblick auf die Analyse des Aufsteigs der Trusts und Kartelle und des Kapitalexports zu. Anthony Brewer kommt zu dem Schluß, daß Bucharins Verdienst nicht so sehr darin lag, neue Ansätze hervorzubringen, sondern bereits bestehende Gedanken und Argumentationslinien in einem koherenten Bild zusammenzuführen.11 Die wesentliche Differenz zwischen Hilferding und Bucharin besteht sicher darin, daß, wo ersterer nur die zunehmende Konzentration und Zentralisation des Kapitals und die "organisierenden" Tendenzen des Finanzkapitals sieht, zweiterer zwei Prozesse wahrnimmt: den der "Internationalisierung" und den der "Nationalisierung" des Kapitals, die das Entstehen kapitalistischer Krisen auf Weltebene beschleunigen und unvermeidlich zum Krieg führen.

Bucharins Arbeit zeichnet sich zunächst durch ihren strengen formalen Aufbau aus. Sie gliedert sich in vier Abschnitte, wobei sich die ersten beiden durch die Gegnüberstellung zweier auseinander wirkender Tendenzen von den letzten beiden abheben: I. Die Weltwirtschaft und der Prozeß der Internationalisierung des Kapitals, II. die Weltwirtschaft und der Prozeß der Nationalisierung des Kapitals. Die ersten beiden und die letzten beiden Abschnitte III. Der Imperialismus als erweiterte Reproduktion der kapitalistischen Konkurrenz und IV. Die Zukunft der Weltwirtschaft und der Imperialismus fallen aber nicht nur formal, sondern auch methodisch-inhaltlich auseinander, worauf an geeigneter Stelle eingegangen werden soll.

Aber nicht nur die straffe Gliederung, sondern auch der prägnante, wenig ausschweifende Stil verleihen Imperialismus und Weltwirtschaft einen formal strengen, inhaltlich dichten Charakter; wobei einige Passagen aus den letzten beiden Abschnitten, in denen Bucharin bereits dargelegte Gedanken wiederholt und teilweise in geändertem Sinn betont, dazu eine Ausnahme darstellen.

 

1. Internationalisierung des Kapitals

Bucharin beginnt methodologisch mit der Verschlingung der einzelnen nationalen Wirtschaften in der Weltwirtschaft, mit der Herstellung eines Weltmarktes mit Weltpreisen, auf dem sich ein Weltangebot und eine Weltnachfrage gegenüberstehen, wie er überhaupt zu zeigen versucht, daß alle ökonomischen Kategorien nun auf Weltebene Anwendung finden. Daraus leitet er implizit ab, daß alle von Marx im "Kapital" entwickelten Gesetze nun auch auf Weltebene Gültigkeit haben (Ausgleich der Profitraten). Er argumentiert, daß sich die Teilung der Arbeit auf internationaler Ebene als nicht nur zufälliger, sondern notwendiger und regelmäßiger Prozeß hergestellt hat, die einerseits auf der "natürlichen" Unterschiedlichkeit des Milieus, andererseits - und dieses Element trete mit der Entwicklung der Produktivkräfte in den Vordergrund - auf der sozialen Verschiedenheit der wirtschaftlichen Struktur, der Unterschiedlichkeit in der Entwicklung der Produktivkräfte beruhe. Da die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der Produktivkräfte verschiedene wirtschaftliche Typen und verschiedene Produktionssphären hervorbringe, würde so die internationale Arbeitsteilung auf sozialer Grundlage ausgedehnt werden, d.h. Gemeinwesen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Struktur würden so in wirtschaftliche Bezihungen zueinander treten. Die von Marx argumentierte Scheidung von Stadt und Land als die Grundlage aller entwickelten und durch Warenaustausch vermittelten Teilung der Arbeit würde heute auf einer gewaltig erweiterten Grundlage reproduziert.

"Von diesem Standpunkt erscheinen bereits ganze Länder und zwar die Industrieländer als ‘Stadt’, während die agrarischen Gebiete das ‘Land’ darstellen. Die internationale Arbeitsteilung fällt hier mit der Teilung der Arbeit unter den beiden größten Zweigen der gesellschaftlichen Gesamtproduktion, unter Industrie und Landwirtschaft zusammen und ist somit eine sogenannte ‘Teilung der Arbeit im allgemeinen’. (...) Es besteht somit eine eigentümliche Verteilung der Produktivkräfte des Weltkapitalismus. Die beiden größten Unterabteilungen der gesellschaftlichen Arbeit sind durch eine Linie getrennt, die die Grenze von zwei Ländertypen bildet; die gesellschaftliche Arbeit erweist sich als international geteilt."12

Bucharin hält fest, daß die Höhe der Preise nun nicht mehr durch die "Produktionskosten" (er verwendet hier einen Begriff, der an der Oberfläche der kapitalistischen Wirtschaft auftritt, der der Marxschen Kategorie des "Kostpreises" entspricht) der betreffenden nationalen und lokalen Besonderheiten bestimmt, sondern in der Resultante der Weltpreise ausgeglichen würden. Diese üben ihrerseits Druck auf die einzelnen Länder und Produzenten aus. Die Länder tauschen daher nicht nur verschiedenartige, sondern auch gleichartige Produkte aus, indem sie miteinander konkurrieren.

"In diesem Fall beruht der internationale Austausch nicht auf der Arbeitsteilung, die die Produktion verschiedenartiger Gebrauchswerte voraussetzt, sondern ausschließlich auf dem Unterschied in den Produktionskosten, auf dem Unterschied individueller Werte (zwischen den einzelnen Ländern), die im internationalen Austausch auf die gesellschaftlich notwendige Arbeit in ihrem Weltumfang reduziert werden."13

Hier sind zwei wichtige Umstände - die Existenz unterschiedlicher individueller Werte, bedingt durch den unterschiedlichen Grad der Entwicklung der Produktivkräftefe, und die Herstellung eines Weltmarktes mit Weltpreisen - festgehalten, die die Grundlage für den Außenhandel und die Realisation von Surplusprofiten bilden, die als fixer Bestandteil in Bucharins Bild der Weltwirtschaft gelten können.

Bis jetzt hat Bucharin nur Erscheinungen des Austausches auf Weltebene berührt, die er als Merkmale dafür nimmt, daß sich eine Weltwirtschaft hergestellt hat. Er geht bei der Darstellung seines Untersuchungsgegenstandes daher in genau umgekehrter Weise wie Marx im Kapital vor: Er geht von den Verhältnissen im Austausch aus, d.h. von Erscheinungen an der Oberfläche der kapitalistischen Wirtschaft, und lüftet dann ihren Schleier, um auf die dahinterliegenden Verhältnisse, die das Wesen der kapitalistischen Produktion bestimmen, zu stoßen. So Bucharin:

"Am Beispiel des Warenmarktes sehen wir, daß hinter den Marktverhältnissen Produktionsverhältnisse verborgen sind. Jede Verbindung der Produzenten im Austauschprozeß setzt voraus, daß die Privatarbeiten dieser Produzenten bereits zu Bestandteilen der Gesamtarbeit der Gesellschaft geworden sind. Hinter dem Austausch verbirgt sich also die Produktion, hinter den Austauschverhältnissen die Produktionsverhältnisse, hinter den Verhältnissen der Sachen, der Waren die Verhältnisse der Personen, die sie produzieren. Wenn die Verbindung im Austauschverkehr keinen zufälligen Charakter trägt, dann haben wir es mit einem festen System von Produktionsverhältnissen zu tun, das die wirtschaftliche Struktur einer Gesellschaft von bestimmter Ausdehnung darstellt. Wir können deshalb die Weltwirtschaft als ein System von Produktionsverhältnissen und entsprechenden Austauschverhältnissen im internationalen Ausmaß definieren."14

Bucharin integriert hier in seine Darstellung auch den Fetisch-Charakter der Waren, den Marx in glänzender Weise im ersten Band des "Kapital" analysiert hat. Dieses Zitat habe ich auch deshalb gewählt, um zu zeigen, daß Bucharin, wenn er es auch in den groben Zügen nicht zustandebrachte, gegenläufige Tendenzen in dialektischer Weise zu begreifen und in seine Gesamtdarstellung zu integrieren, so daß er in bestimmten Feinheiten die Marxsche Methode doch sehr gut begriff und auch anzuwenden wußte, dies vielleicht auf differenziertere Weise als manche seiner Zeitgenossen. Einige Passagen aus den ersten Kapiteln aus Imperialismus und Weltwirtschaft, vor allem jene, in denen er zeigt, wie aus den individuelen Wirtschaften eine Weltwirtschaft geworden ist, geben ein gutes Zeugnis darüber ab.

Nachdem Bucharin einige Beispiele für die Verflechtung der Produzenten in einem weltweiten Netz von Produktionsverhältnissen gebracht hat, hält er abschließend fest:

"Hier wollen wir nur bemerken, daß die ‘Weltwirtschaft’ alle diese wirtschaftlichen Erscheinungen, die letzten Endes auf den Verhältnissen der Menschen im Produktionsprozeß beruhen, in sich schließt. Im großen und ganzen läuft der gesamte Prozeß der modernen Weltwirtschaft auf die Produktion von Mehrwert und seine Verteilung unter die verschiedenen Gruppen und Untergruppen der Bourgeoisie hinaus; dies spielt sich auf der Grundlage der sich beständig erweiterten Reproduktion der Verhältnisse zwischen zwei Klassen, dem Weltproletariat einerseits und der Weltbourgeoisie andererseits, ab."15

Dieses Zitat ist zentral, denn es zeigt Bucharins Verständnis dafür, daß:

  • um diese Umverteilung ein weltweiter Kampf ausgebrochen ist,
  • der sich auf der beständig erweiterten Reproduktion von Klassenwidersprüchen abspielt.
  • Die Auffassung des Imperialismus als erweiterte Reproduktion der Widersprüche des Kapitalismus ist überhaupt eine zentrale These, die den gesamten Text durchzieht.

     

    Bucharin hält sehr allgemein fest, daß die "Weltwirtschaft" sowohl extensiv als auch intensiv wachsen könne. Obwohl Bucharin auf diesen Punkt an dieser Stelle nicht näher eingeht, soll er dennoch hier erwähnt werden, weil die Thematik in Zusammenhang mit Rosa Luxemburgs Krisentheorie von Bedeutung ist. Bucharin verwendet nicht explizit die Formulierung, daß der "Kapitalismus" sowohl extensiv als auch intensiv wachsen könne, aus dem Zusammenhang geht aber hervor, daß er hier mit "Weltwirtschaft" immer schon die Ausdehnung des Kapitalismus auf Weltebene bezeichnet. Er schreibt:

    "... die internationalen Vorbedingungen können in die Breite wachsen und Gebiete erfassen, die bisher noch nicht in den Strudel des kapitalistischen Lebens hineingezogen waren - in diesem Falle haben wir es mit einem extensiven Wachstum der Weltwirtschaft zu tun; oder aber diese Verbindungen können in die Tiefe wachsen, dichter und konzentrierter werden - dann haben wir ein intensives Wachstum der Weltwirtschaft. Konkret und historisch erfolgt das Wachstum der Weltwirtschaft gleichzeitig nach diesen beiden Richtungen, wobei ihr extensives Wachstum hauptsächlich auf dem Wege der kolonialen Raubpolitik der Großmächte verwirklicht wird."16

    Die letzte Feststellung entsprach er tatsächlichen Entwicklung zu der Zeit, in der Bucharin seine Arbeit schrieb.

     

    Das außerordentliche Wachstum der Weltwirtschaft sei durch die außerordentliche Entwicklung der Produktivkräfte des Weltkapitalismus hervorgerufen. Bucharin hält dabei fest, daß sich die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte in der Tendenz ihrer fortwährenden Umschichtung in Richtung der Produktion des konstanten Kapitals, d.h. in der Tendenz der relativen Erhöhung des konstanten gegenüber dem variablen Kapitalteil ausdrückt.

    "Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit erfolgt auf die Weise, daß ein immer größerer Teil dieser Arbeit zu den vorbereitenden Operationen, zur Produktion von Produktionsmitteln verwandt wird, und umgekehrt: ein immer kleinerer Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit wird zur Produktion von Konsumtionsmitteln verwandt; gerade aus diesem Grunde steigt die Masse dieser letzteren in natura, als Gebrauchswerte, in unglaublichem Maße. Wirtschaftlich drückt sich dieser Prozeß unter anderem in der Erhöhung der organischen Zusammensetzung des gesellaschftlichen Kapitals, in dem immer größeren Wachstum des konstanten Kapitals im Verhältnis zum variablen, und im Fall der Profitrate aus."17

    Bucharin verweist in diesem Zusammenhang auf die Tendenz eines relativ größeren Wachstums des fixen im Vergleich zum zirkulierenden konstanten Kapital. Im wesentlichen seien diese beiden Phänomene Erscheinungsformen des gleichen Gesetzes, daß nämlich unter der Voraussetzung zunehmender Produktivität der Arbeit die vorbereitenden Operationen der Produktion einen immer größeren Teil der gesellschaftlichen Arbeit in Anspruch nehmen müssen. Dieses Gesetz, so Bucharin, hat als erstes Marx in seiner Analyse der Gründe des Falls der Profitrate dargelegt. Das Gesetz vom tendenziellen Fall der Durchschnittsprofitrate war Bucharin also nicht unbekannt, und er erwähnt es auch in seiner Imperialismusstudie. Jedoch sollte daraus keine falschen Schlußfolgerungen über die Rolle dieses Elements in seiner Imperialismus- bzw. Krisentheorie gezogen werden, sie geht über die im obigen Zitat sichtbar gewordene nicht hinaus. Bucharin erwähnt den "Fall der Profitrate" - korrekterweise müßte von der Tendenz zum Fall der Durchschnittsprofitrate die Rede sein -, integriert ihn aber nicht in eine konsistente Krisentheorie. Bucharin reproduziert hier die Schwäche Hilferdings in diesem Punkt, über dessen Darstellung er nicht hinausgeht. Es findet daher dieselbe Kritik Anwendung, die an Hilferding in diesem Punkt zutrifft. Die Schwäche, daß bestimmte Elemente einer Krisentheorie bzw. theoretische Erklärungsmuster nur angerissen oder einfach genannt werden und als leere Hüllen stehenbleiben, ohne daß sie in eine kompakte Darstellung, die auch gegenläufige Tendenzen berücksichtigt, integriert werden, ist bei Bucharin häufig zu finden und neben der einseitigen Überbetonung mancher empirischer Entwicklungen (Prozeß der Nationalisierung der Weltwirtschaft) sein größter methodologischer Mangel.

    Bucharin zeigt anhand vom empirischen Material die relativ größere Steigerung der Produktion von Rohstoffen, die zur Produktion von Produktionsmitteln verwandt werden im Vergleich zu solchen, die zur Produktion von Konsumtionsmitteln verwandt werden bzw. zu Nahrungsmitteln. In diesem Zusammenhang zeigt er, daß er sich über den Zwang zur Durchlaufung des Zirkulationsprozesses all dieser Waren durchaus bewußt ist, knüpft daran jedoch keine theoretische Untersuchung dieser Bedingung.

     

    Bucharins Darstellung des Kapitalexports ist in hohem Maße von Hilferdings "Finanzkapital" beeinflußt. Bucharin unterscheidet zunächst begrifflich den Export von zinstragendem und profitbringendem Kapital, wobei er den ganzen Bereich der zwischenstaatlichen Anleihen in seine Darstellung miteinschließt. Die allgemeine Richtung der Bewegung sieht er durch den Unterschied der Profitraten bzw. der Zinssätze bestimmt:

    "Je entwickelter ein Land ist, desto niedriger ist die Profitrate, desto größer ist die 'Überproduktion' von Kapital und desto geringer ist folglich auch die Nachfrage nach Kapital, desto stärker ist der Prozeß des Hinausstoßens dieses Kapitals. Und umgekehrt: je höher die Profitrate ist, je niedriger die organische Zusammensetzung des Kapitals, desto größer ist die Nachfrage nach ihm, desto stärker die Anzeihungskraft."18

    Wir finden hier also eine ähnliche Argumentation, wie Hilferding sie brachte. Bucharin wiederholt dabei denselben theoretischen Fehler: Er argumentiert schematisch mit der entgegengesetzten Entwicklung der Profitrate zur Entwicklung der organischen Zusammensetzung des Kapitals und übersieht die dazu gegenläufigen Tendenzen. Er erkennt richtig, daß die internationale Bewegung des Kapitals die "Tendenz zur Ausgleichung der 'nationalen' Profitraten" hat. Aber er erkennt nicht, daß es auf Grundlage dieser Tendenz zum Ausgleich der Profitraten zur Scheidung der von den kapitalistischen Teilnehmern an diesem Prozeß produzierten und realisierten Profitraten kommt. Die Argumentation mit der organischen Zusammensetzung des Kapitals setzt an den wesentlichen, an den verdeckten Mechanismen bzw. Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise - wie z.B. "Wert" an. Wenn wir von den von individuellen Kapitalisten produzierten Profitraten sprechen, so bewegen wir uns in diesen Kategorien. Diese erscheinen aber nicht an der Oberfläche der kapitalistischen Produktion, sondern die realisierten Profitraten. Diese sind aber eine Funktion von Marktverhältnissen - von Angebot, Nachfrage und Preisen. Bucharin hält diese beiden Ebenen nicht auseinander. Daher gelingt es ihm auch nicht, diese Betrachtung der Profitrate mit seiner Darstellung von der Realisierung von Surplusprofiten zusammenzubringen.

     

    Die Entstehung monopolistischer Unternehmungen mit ihren Bestrebungen zur Einschränkung der freien Konkurrenz bilden für Bucharin, und auch hier zeigt er sich sehr von Hilferding beeinflußt, ein zentrales Merkmal der neuesten Entwicklungen in der Weltwirtschaft. Gemein ist ihm hier mit Hilferding aber nicht nur die Feststellung ihrer Existenz, sondern auch die Einschätzung über ihren Charakter. Bucharin schreibt ihnen klar "organisierende" Tendenzen zu:

    "Die 'Beteiligung' und die 'Finanzierung' als die Weiterentwicklung der 'Beteiligung' zeigen, wie sich die ständige Verflechtung der Industrie zu einem organisierten System [eigene Hervorhebung - A. S.] entwickelt. die neuesten Typen der kapitalistischen Monopole in ihren zentralisiertesten Formen, wie z.B. die Trusts, sind nur eine form der 'Beteiligungs-' oder 'Finanzierungsgeselschaften', soweit diese letzteren erstens über den mehr oder minder großen monopolistischen Einfluß des kapitalistischen Eigentums unserer Zeit verfügen, und zweitens vom Standpunkt der Bewegung der Wertpapiere als des spezifischen Ausdrucks des kapitalistischen Eigentums in unserer Zeit betrachtet und klassifiziert sind. (...) Die Keine des Organisationsprozesses [eigene Hervorhebung - A. S.), der die Entwicklung der Industrie im Rahmen der 'nationalen' Wirtschaft charakterisiert, zeichnen sich auch in den weltwirtschaftlichen Beziehungen immer deutlicher ab. Und ähnlich wie das Wachstum der Produktivkräfte der 'nationalen' Wirtschaften auf ihrer kapitalistischen Grundlage zur Bildung nationaler Kartelle und Trusts geführt hat, ebenso ruft auch das Wachstum der Produktivkräfte des Weltkapitalismus mit immer größerer Beharrlichkeit internationale Uebereinkommen der nationalen kapitalistischen Gruppen hervor, angefangen von ihren einfachsten Formen bis zur zentralisierten Form des internationalen Trusts."19

    Eine Seite später schwächt Bucharin den letzten Gedanken dieses Zitats jedoch gleich wieder ab, wodurch ein wesentlicher Ansatz für seine später dargestellte Theorie der staatskapitalistischen Trusts sichtbar wird. Er argumentiert, daß die Weltwirtschaft von einer "anarchischen Struktur" gekennzeichnet sei, die jener der "nationalen" Wirtschaften des 19. Jahrhunderts, bevor der "organisatorische" Prozeß eingesetzt habe, ähnlich sei. Bucharin behauptet damit also, daß der Prozeß der Kartellierung und Trustisierung auf nationaler Ebene die Tendenz hat, die anarchische Struktur der kapitalistischen Wirtschaft aufzuheben. Die "anarchische Struktur des Weltkapitalismus" äußere sich am schroffsten in zwei Tatsachen: den industriellen Weltkrisen einerseits und den Kriegen andererseits.

    "Die bürgerlichen Nationalökonomen, die der Ansicht sind, daß die Vernichtung der freien Konkurrenz und ihre Ersetzung durch kapitalistische Monopole die Industriekrisen aus der Welt schaffen könnten, irren sich sehr. Sie vergessen dabei eine 'Kleinigkeit' und zwar den Umstand, daß die wirtschaftliche Betätigung der 'nationalen' Wirtschaft jetzt auf der Grundlage der Weltwirtschaft erfolgt. (...) Deshalb würden die Krisen sogar in dem Falle weiter bestehen bleiben, wenn die freie Konkurrenz in den Grenzen der 'nationalen' Wirtschaften vollkommen aufgehoben wäre, denn die anarchisch aufgebauten Verbindungen dieser 'nationalen' Körper untereinander würden, das heißt, die anarchistische Struktur der Weltwirtschaft würde bestehen bleiben."20

    Neben ersten Ansätzen zur Theorie der SMT enthüllt dieses Zitat aber, worin Bucharins den Hauptgrund für kapitalistische Krisen sieht: in der Anarchie der kapitalistischen Produktion.

     

    2. Nationalisierung des Kapitals

    "Und wenn die Internationalisierung der kapitalistischen Interessen nur die eine Seite der Internationalisierung des Wirtschaftslebens zum Ausdruck bringt, so ist es notwendig, auch ihre andere Seite zu betrachten, das heißt jenen Prozeß der Nationalisierung der kapitalistischen Interessen, der die Anarchie der kapitalistischen Konkurrenz im Rahmen der Weltwirtschaft am schroffsten zum Ausdruck bringt, der zu den größten Erschütterungen und Katastrophen, zur größten Verschwendung der menschlichen Energie führt, und der das Problem der Errichtung neuer Formen des gesellschaftlichen Lebens mit dem größten Nachdruck auf die Tagesordnung stellt."21

    a. "Nationale Wirtschaften" und Zollpolitik

    Bucharin argumentiert, daß sich im Rahmen der Weltwirtschaft die ökonomischen Beziehungen innerhalb der staatlichen Einheiten noch vielmehr verdichten würden. Dies sei keineswegs der Ausdruck einer besonderen "schöpferischen Rolle" des "Staatsprinzips" (Anführungszeichen im Original), das aus sich heraus besondere Formen der nationalökonomischen Seins schaffen könnte, sondern der Prozeß der Schaffung der "modernen Staaten" als einer besonderen politischen Form sei selbst durch die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bourgeoisie hervorgerufen. Die radikale Zertrümmerung der "konservativen Wirtschaftsformen hätte überall einen unbestreitbaren Sieg errungen, die "organische" (Anführungszeichen i. O.) Verdrängung der schwachen Konkurrenten im Rahmen der "nationalen Wirtschaften" (Anführungszeichen i. O.) würde abgelöst durch eine "kritische Periode des verschärften Kampfes kolossaler Gegner auf dem Weltmarkt":

    "Die Ursachen dafür sind vor allem in den inneren Aenderungen zu suchen, die in der Struktur der 'nationalen Kapitalismen' erfolgt sind, und die eine Umwälzung in ihren gegenseitigen Beziehungen zur Folge hatten."22

    ".. inneren Aenderungen in der Struktur der 'nationalen Kapitalismen' .." - Bucharin begreift die jüngesten Entwicklungen, die sich zu seiner Zeit tatsächlich in einem erbitterten Kampf um Kolonien frappant äußerten, also nicht als reine Erscheinungen zwischen entwickelten und unterentwickleten Ländern. Die Ursache der nationalen Zusammenballung, auf deren Grundlage die Eroberungspolitik entsteht, sieht er deutlich in den inneren Veränderungen der nationalen Kapitalismen begründet. Dieser Gedanke sollte hinsichtlich seiner Definition von Imperialismus im Kopf behalten werden.

    Diese Veränderungen äußern sich vor allem in der raschen Verbreitung kapitalistischer Monopolorganisationen - die logische und historische Fortsetzung des Prozesses der Konzentration und Zentralisation des Kapitals -, die im Rahmen der "nationalen Wirtschaften" (A. i. O.) ungleich bedeutender sei. Kapitalistische Monopolorganisationen seien dabei keineswegs "anormale" oder "künstliche" Erscheinungen, die durch die Unterstützung der Staatsmacht hervorgerufen seien, wie z.B. durch Zölle, Eisenbahntarife, Prämien, Subsidien oder staatliche Aufträge usw. All diese Elemente hätten zwar die Beschleunigung dieses Prozesses begünstigt, wären aber keineswegs seine notwendige Voraussetzung, eine bestimmte Stufe der Konzentration der Produktion hingegen schon. Die monopolistischen Organisationen seien daher um so stärker, je entwickelter die Produktivkräfte eines Landes. Der Prozeß der Bildung monopolistischer Organisationen beschränke sich nicht nur auf die horizontale, sondern umfasse auch die vertikale Konzentration, und habe die "Tendenz, die 'nationale' Wirtschaft in ein einheitliches kombiniertes Unternehmen zu verwandeln, in dem alle Produktionszweige organisatorisch untereinander verbunden sind." Derselbe Prozeß erfolge in bedeutendem Maße auch auf dem Weg des Eindringens des Bankkapitals in die Industrie "durch die Verwandlung des Kapitals in Finanzkapital".23

    Bucharin formuliert hier einen Gedanken, der dem der staatskapitalistischen Trusts schon sehr nahe kommt. Er spricht hier wohlgemerkt aber noch von einer "Tendenz" und integriert nicht das Element der Verschmelzung mit dem Staat. Weiters führt er an dieser Stelle zum erstenmal den Begriff des Finanzkapitals ein, zu welchem Zweck er ein ausführliches Zitat von Hilferding bringt. Durch das Entstehen des Finanzkapitals trete das Bankkapital in die Rolle des "Organisators der Industrie", und diese "Organisation der Gesamtproduktion des ganzen Landes" sei um so stärker, je stärker die Konzentration der Industrie einerseits und der Banken andererseits.24 Hier wird wieder die organisierende Eigenschaft, die Bucharin dem Prozeß, der sich in der Kartellierung, dem Entstehen des Finanzkapitals etc. ausdrückt, zuschreibt, deutlich. Der Zusammenhang legt nahe, daß er mit "Organisierung" einen Prozeß bezeichnet, der eine gegenläufige Tendenz zur Anarchie der kapitalistischen Produktion darstellt. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß er die Konzeption des Finanzkapitals erst im Rahmen der Untersuchung der Nationalisierung des Kapitals einführt. Bei der Behandlung des Prozesses der Internationalisierung des Kapitals war davon nicht die Rede.

    Besonders hebt Bucharin die Rolle der staatlichen und kommunalen Unternehmungen hervor, hier vor allem die Rolle der Staatsbanken, wobei er als bedeutendes Beispiel die Deutsche Reichsbank nennt. Er konstatiert die gegenseitige Abhängigkeit zwischen privatwirtschaftlichen und öffentlichen Unternehmungen, bei der dem Kredit wesentliche Bedeutung zukomme. Hinsichtlich der Schlußfolgerungen, die Bucharin aus diesen Überlegungen zieht, ist es angebracht, ihn selbst sprechen zu lassen:

    "Alle Teile dieses in einem bedeutenden Maße organisierten Systems - die Kartelle, Banken, die statlichen Unternehmungen - befinden sich im Prozeß des unaufhörlichen gegenseitigen Zusammenwachsens; dieser Prozeß wird in dem Maße schneller, wie die kapitalistische Konzentration fortschreitet; die Kartellierung und Konzentrierung erzeugt sofort eine Interessensgemeinschaft der die betreffenden Unternehmungen finanzierenden Banken; die Banken sind daran intereessiert, daß die Konkurrenz unter den durch sie finanzierten Unternehmungen aufhört; ebenso fördert jedes Zusammengehen der Banken die Verbindungen zwischen den industriellen Gruppen; schließlich geraten auch die staatlichen Unternehmungen in eine immer größere Abhängigkeit von den großen finanziellen und industriellen Gruppen und umgekehrt. So treiben die einzelnen Sphären des Prozesses der Konzentration und Organisation einander vorwärts und erzeugen eine außerordentlich starke Tendenz zur Umwandlung der gesamten nationalen Wirtschaft in eine gewaltige kombinierte Unternehmung unter der Leitung der Finanzmagnaten und des kapitalistischen Staates, in eine Wirtschaft, die den nationalen Markt monopolisiert und eine Voraussetzung der organisierten Produktion in ihrer höchsten nichtkapitalistischen Form darstellt."25

    Bucharin spricht hier immer noch von einer "Tendenz", aber nun schon zu einer kombinierten Unternehmung. Dem Staat kommt hier also schon eine gewisse Stellung zu, allerdings nicht in der Form, daß der Staat allein in Besitz der gesamten Produktion ist.

    Der letzte in diesem Zitat formulierte Gedanke wirft eine weitere Problematik auf, die Bucharin nicht explizit klärt. Er nennt die beschriebene Tendenz eine "Voraussetzung der organisierten Produktion in ihrer höchsten nichtkapitalistischen Form". Es geht nicht klar hervor, ob er diese als notwendige bzw. unerläßliche Voraussetzung betrachtet. Auch die weiteren Ausführungen geben darüber keinen Aufschluß.

    Bucharin formuliert im diesem Zusammenhang auch sein Bild der Weltstruktur des Kapitalismus, das grundlegend für die Theorie der staatskapitalistischen Trusts werden sollte:

    "Der Weltkapitalismus, das Weltsystem der Produktion gestaltet sich folglich in der letzten Zeit folgendermaßen: einigen zusammengeballten organisierten Wirtschaftskörpern (den 'zivilisierten Großmächten') steht die Peripherie der unentwickelten Länder mit agrarischer oder halbagrarischer Struktur gegenüber."26

    Außerdem setzt er zu einer Erklärung an, warum der Prozeß der "Organisation" im nationalen Rahmen stärker einsetze als im Rahmen der Weltwirtschaft. In der weiteren Darstellung behauptet Bucharin diesbezüglich nicht nur einen einfachen Unterschied in der Stärke des Einsetzens dieser Tendenz, sondern eine wesentlichen Unterschied, bei dem eine bestimmte Qualität in Quantität umschlägt: Auf der Ebene der nationalen Wirtschaft behauptet er bedingt durch den "Organisationsprozeß" das Verschwinden der Anarchie der kapitalistischen Produktion, auf der Ebene der Weltwirtschaft erreiche der "Organisationsgrad" nicht dieses Ausmaß, auf der Grundlage der Zusammenballung der nationalen Wirtschaften komme die Anarchie der Produktion im Rahmen der Weltwirtschaft daher in zuvor ungekannter Qualität zum Ausbruch. Mit der Erklärung für diese genau entgegengesetzten Tendenzen steht und fällt daher zu einem guten Teil die Hauptschlußfolgerung, auf die sich seine Ausführungen letztendlich zuspitzen. Sehen wir uns seine Erklärung daher näher an: Der Prozeß der Organisation habe zwar die Tendenz, die "nationalen" Grenzen zu überschreiten; auf dieser Ebene seien aber Hindernisse vorhanden, die viel wesentlicher seien:

    - Es sei erstens viel leichter, "die Konkurrenz im nationalen Rahmen zu überwinden, als im internationalen Rahmen". Empirisch mag das so sein; mit dieser Feststellung ist aber nichts erklärt, vielmehr stellt sie dar, was zu erklären ist. Da nützt es auch nichts, daß der Autor konstatiert, daß internationale Abkommen gewöhnlich auf der Grundlage von bereits vorhandenen Monopolen entstehen.

    - Zweitens ließen vorhandene Unterschiede der wirtschaftlichen Struktur und folglich auch der "Produktionskosten" Vereinbarungen für die fortgeschrittenen "nationalen" Gruppen unvorteilhaft erscheinen. Dieser Punkt bietet tatsächlich einen Ansatzpunkt für eine theoretische Erklärung. Offensichtlich spielt dabei der Produktivitätsvorteil der entwickelteren kapitalistischen Unternehmungen, d.h. jener Unternehmungen die mit einer höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals arbeiten lassen, und dadurch Surplusprofite realisieren können, eine wesentliche Rolle. Diese Überlegung scheint zunächst in Widerspruch zu den von Bucharin im ersten Abschnitt angestellten Überlegungen über die Unterschiede der Profitraten in Abhängigkeit von der organischen Zusammensetzung zu stehen. Dieser Widerspruch kommt aus der oben festgestellten Vermischung der verschiedenen Abstraktionsebenen in der Untersuchung. Bucharins Schwierigkeiten, diese Überlegung mit seiner Theorie der Profitrate und des Kapitalexports in Einklang zu bringen, dürfte mitverantwortschlich sein, warum der Leser auf eine genauere Darstelllung dieses Punktes verzichten muß.

    - Drittens "ist die Verbundenheit mit dem Staate und seinen Grenzen selbst ein immer größer werdendes Monopol, das zusätzliche Profite gewährleistet."27 Auf dieses Argument zieht sich Bucharin scheinbar bedrängt durch die Inkonsistenz der anderen Erklärungsversuche als Rettungsboje zurück, und in der Tat wird es zu dem einzigen Argument, das er näher ausführt und das die Hauptlast der Quintessenz der nachfolgenden Theorie trägt. Im wesentlichen läuft es auf seine Theorie der Zollpolitik hinaus.

     

    Der Charakter der Zölle, so Bucharin, habe sich völlig verändert. Wurden früher Waren, deren Erzeugung im inneren Land unterentwickelt war, mit Zöllen belegt, damit sie der Konkurrenz durch den Weltmarkt standhalten konnten (Erziehungszölle), so würden nun gerade die konkurrenzfähigsten Waren mit Zöllen belegt.

    "Die moderne Politik des Hochschutzzolles ist nichts anderes als die staatliche Formel für die Wirtschaftspolitik der Kartelle; die modernen Zölle sind Kartellzölle, sind ein Mittel, um den Kartellen zusätzliche Profite zu sichern. Es ist in der Tat ganz klar, daß die 'Produzenten' die Preise auf dem inneren Markt um den ganzen Betrag des Zolls erhöhen können, wenn die Konkurrenz auf dem inneren Markte ausgeschaltet oder auf ein Mindestmaß reduziert ist. Aber dieser zusätzliche Profit schafft die Möglichkeit, die Waren auf dem auswärtigen Markt zu Preisen abzusetzen, die unter den Selbstkosten liegen, zu 'Schleuderpreisen'. So entsteht die eigenartige Ausfuhrpolitik der Kartelle (das Dumping)."28

    Bucharin räumt ein, daß die Unterscheidung von Erziehungszöllen und Kartellzöllen nicht sein eigener theoretischer Beitrag, sondern ein "Gemeinplatz der ökonomischen Literatur von Brentano bis Hilferding" sei.29 Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Bucharin die Kartellzölle eindeutig als Maßnahmen zur Erhöhung der Profitrate durch Ausdehnung der Profitmasse betrachtet, wobei er die Profitmasse als von den realisierten Preisen bestimmt begreift: "(...) denn je höher der Zoll, desto höher ist der zusätzliche Profit, desto schneller können neue Märkte erobert werden, desto größer ist die gewonnene Profitmasse."30 Als Schranke der Hochschutzzollpolitik nennt er den Rückgang der Nachfrage, der nicht mehr durch höhere Preise kompensiert werden könne, d.h. das Konsumtionsniveau der Massen unter der kapitalistischen Bedingung des ständigen Drucks zur Niedrighaltung der Löhne. Die Kartellzölle würden aber die Abwehrzölle der rückständigen Länder hervorrufen, was wiederum die Kartellzölle in die Höhe treibe. Dieselbe Wechselwirkung bestehe innerhalb der fortgeschrittenen und rückständigen Länder. Das bedeutet aber, daß die Zölle die Tendenz haben, sich wechselseitig aufzuheben und daß unter der Annhame gleich großer Binnenmärkte der wirtschaftlichen Akteure die Zölle letztendlich überhaupt nichts bewirken würden. Der Unterschied im Grad der Produktivität, der sich in der unterschiedlichen Höhe der Kostpreise ausdrückt, bliebe freilich bestehen, nur auf einem anderen Niveau der Kostpreise, nämlich erhöht um die Zölle. Unter dieser Annahme würde die Zollpolitik also nur temporäre Vorteile bringen, die sich letztendlich die Tendenz zum Ausgleich haben. Der Weg zur tatsächlichen Erhöhung der Profit durch diese Art der Zollpolitik besteht also in der Ausdehnung des Binnenmarktes. Bucharin folgt dieser Logik, denn er argumentiert, daß die zusätzlichen Profite über zwei Wege erlangt werden könnten, nämlich über erstens einen intensiveren inneren Absatz und zweitens über die Erweiterung des Gebiets - beide Bestrebungen haben die Ausdehnung des Binnenmarktes zum Ziel. Die erste Möglichkeit sei aber durch die Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes bechränkt oder anders ausgedrückt: durch die Konsumtionsfähigkeit der Arbeiterklasse. Dieser Weg ist nach Bucharin aber der von der Bourgeoisie weniger betretene, denn:

    "(...) es ist unmöglich sich vorzustellen, daß die Großbourgeoisie beginnen könnte, den Anteil der Arbeiterklasse zu erhöhen, um sich so an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Sie versucht als guter Geschäftsmann den anderen Weg zu gehen, den Weg der Ausdehnung des Wirtschaftsgebiets. Je größer das Wirtschaftsgebiet, desto größer ist unter sonst gleichen Bedingungen der zusätzliche Profit, desto leichter ist es, Ausfuhrprämien zu bezahlen und ein Dumping zu praktizieren, deso größer ist der auswärtige Absatz, desto höher die Profitrate."31

    An dieser Stelle könnte eine Ähnlichkeit mit der Theorie Rosa Luxemburgs suggeriert werden. Der wesentliche Unterschied zu Luxemburgs Theorie besteht aber darin, daß sie die Ausdehnung des Marktes durch die Verschlingung vorkapitalistischer Märkte als Notwendigkeit für die zeitweilige Überwindung der kapitalistischen Realisationsprobleme sieht, d.h. der Markt soll auf Kosten vorkapitalistischer Gebiete ausgedehnt werden. Von Profitrate ist bei ihr nicht die Rede, während die Erhöhung der Profitrate im Zentrum von Bucharins Argumentation steht, und zwar zu einem Teil auf Kosten "rückständiger Länder" (worunter hier Gebiete vorkapitalistischer Produktiosnweise verstanden werden können) aber zu einem wesentlichen Teil auch auf Kosten anderer kapitalistischer Gebilde. Dennoch, das Bestreben zur extensiven Ausdehnung des inneren Wirtchaftsraums bleibt eine zentrale Schlußfolgerung Bucharins. Es ist daher aus seiner Sicht nur folgerichtig, daß er in den Schutzzöllen das Übel sieht, das den agressiven Charakter der Politik des "modernen Kapitalismus" - die Eroberungspolitik - hervorruft.

    "Wenn es früher in der Epoche der freien Konkurrenz genügte, daß die Waren einfach auf den fremden Märkten Eingang fanden und eine solche wirtschaftliche Okkupation die Kapitalisten des ausführenden Landes zufriedenstellen konnten, so erfordern die Interessen des Finanzkapitals in unserer Epoche vor allem, daß das eigene Staatsgebiet ausgedehnt wird, d.h. sie diktieren eine Eroberungspolitik, einen unmittelbaren Druck der bewaffneten Macht, 'imperialistische Eroberungen'."32

    Die allgemeine Tendenz zur Absperrung der nationalen Wirtschaften sie keine rein empirische Erscheinung , sondern es sei gerade die Struktur des neuesten Kapitalismus, die diese Form der Wirtschaftspolitik erzeuge; "mit ihr steht und fällt diese." I, S. 84 Was hier vor allem steht oder fällt, ist Bucharins Theorie, denn die Zollpolitik ist das Hauptargument, mit dem er die Bindung der nationalen Kapitalismen an den Staat und seine Grenzen erklärt. Sein theoretischer Fehler besteht dabei in der Überbetonung der Tendenz der Kartellierung und Monopolisierung auf nationaler Ebene und ihrer Unterbetonung auf internationaler Ebene. Seine Theorie bietet kein Argument gegen die Tendenz angesichts der weit über den tatsächlichen Werten liegenden Kartellpreise zur Loslösung oder zum Entstehen eines nationalen Konkurrenten, der durch einen Verkauf unter den Kartellpreisen aber immer noch mindestens zu den Werten, die Marktmacht des Monopolisten brechen aber immer noch Profite realisieren könnte. Andererseits vernachläßigt er in seinem Bild der sich einander schroff gegenüberstehenden national organisierten und vom jeweiligen Staat geschützten Kapitalismen die Existenz und das Wirken internationaler Kapitalmagnaten. Denn, wenn es auch gelingt, durch die Zollpolitik in Kombination mit der Eroberungspolitik, die Profite zu erhöhen, so wirkt das wechselseitige Aufrüsten der Zölle doch in Richtung der Tendenz, daß sich letztendlich jene Kapitalgruppen durchsetzen, die der inneren Wirkungsweise der kapitalistischen Produktion nach die höheren Profite realisieren können, d.h. die durch Produktivitätsvorteil ihre Kostpreise unter den gesellschaftlich durchschnittlich notwendigen halten können. Auch wenn das Wirken monopolistischer Kapitalgruppen bzw. national organisierter monopolistischer Kapitalgruppen diese Tendenz verzerren oder kurzweilig außer Kraft setzen, so können sie sie doch nicht brechen. Die Zusammenballung des Kapitals erfolgt daher weltweit nicht nach strikt nationalstaatlichen Grenzen, sondern trägt in sich den Drang und die Tendenz, dem Wertgesetz zu folgen.33

    Bucharin wendet sich als nächstes zu einer Untersuchung der neuesten Entwicklung des Kapitalismus, wie sie sich in den "Veränderungen der drei großen Sphären der Weltwirtschaft" darstellt. Diese sind die Sphäre der Absatzmärkte, der Rohstoffe und der Kapitalanlagen. Diese Herangehensweise Bucharins verdient eigene Betrachtung, denn es zeigt sich, daß er in der Behandlung dieser einzelnen Sphären jeweils einem der drei Elemente einer marxistischen Krisentheorie auf der Spur ist.

    b. Realisationsproblem, Disproportinalitäten und Kapitalexport

    Bucharin erklärt den Zwang zum Export kapitalistisch produzierter Waren aus der inneren Wirkungsweise des Kapitalismus, wobei er das Profitstreben als das regulierende Prinzip dieser Bewegung auffaßt. Zum einen nennt er das Gesetz der Massenproduktion, das auf der Grundlage der Tendenz zur Senkung der Kostpreise bei größenmäßiger Ausdehnung der Produktion auf gegebener Stufenleiter entsteht. Die Profitmasse pro Wareneinheit, so Bucharin, sei bestimmt durch die Differenz zwischen den realisierten Preisen und den Produktionskosten34 pro Wareneinheit. Die Ausdehnung der Produktion vermindert aber die Produktionskosten pro Wareneinheit. Daher der Drang zur massenhaften Produktion, die zugleich massenhafte Überproduktion sei. Daher der Drang zur Ausfuhr der Waren, denn:

    "Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die anderen durch die Proportionalität der verschiedenen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztere ist aber bestimmt weder durch die absolute Produktionskraft noch durch die absolute Konsumtionskraft; sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonistischer Dispositionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein, nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reduziert. Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für die kapitalistische Produktion. (...) Der Markt muß daher beständig ausgedehnt werden (...) Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußeren Feldes der Produktion."35

    Daher die fieberhafte Eroberungspolitik, der Kampf um Kolonien mit der ihr immanenten Tendenz zu einem "gewaltigen Gemetzel zwischen den großkapitalistischen Mächten"36 , die Bucharins in diesem Zusammenhang besonders drastisch hervorhebt.

    Als zweite Triebkraft zum Export kapitalistische produzierter Waren, die zur Konkurrenz auf den Absatzmärkten führt nennt Bucharin die Möglichkeit zur Realisierung von Surplusprofiten, die durch Austausch zwischen Ländern mit unterschiedlichem Niveau der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit entsteht. Bucharin zeigt sich darin sehr am "Kapital" und sehr Marx-orientiert. Er bringt seine Argumente in recht klarer und geordneter Weise unterstützt mit einigen Zitaten aus dem "Kapital" vor. Wichtig ist hier noch anzumerken, daß Bucharin die Überschreitung der nationalstaatlichen Grenzen nicht als eine absolute Notwendigkeit sieht, sondern also Notwendikeit des Strebens nach höherem Profit; "und die Höhe des Profits ist das regelnde Prinzip der ganzen Bewegung".37 Und in einem anderen Zusammenhang: "Nicht die Unmöglichkeit einer Betätigung innerhalb des Landes also, sondern die Jagd nach einer höheren Profitrate ist die Triebkraft des Weltkapitalismus."38 Bucharin sieht das Realisationsproblem also nicht als rein "absolutes", sondern als eines, auf der Grundlage der Logik der Profitrate. Die Dynamik der Profitrate, auch wenn er hier nicht von ihrem tendenziellen Fall spricht, ist also die dahinterliegende Triebkraft der Bewegung des Hinausstoßens massenhaft kapitalistisch produzierter Waren und letztendlich der Tendenz zum Krieg.

     

    Die Schwierigkeiten im Reproduktionsprozeß des Kapitals, G - W (Ak+Pm) ... P ... W’ - G’, beschränken sich aber nicht nur auf seinen letzten Teil, die Realisierung des Warenwerts, sondern treten auch in seinem ersten Teil, dem Ankauf von Arbeitskraft und Produktionsmitteln auf. Bucharin leitet diese Problematik sehr an den Überlegungen von Marx im Zweiten Band des "Kapital" orientiert ein. Hinsichtlich des Ankaufs von Arbeitskraft stellt er in der neuesten Entwicklung des Kapitalismus bedingt durch die Tendenz zum Fall der Profitrate das Bestreben der Kapitalisten einerseits zur Intensivierung der Arbeit und andererseits zur Suche nach billigen Arbeitskräften bei langem Arbeitstag fest. Wir können hinzufügen, daß ersteres Bestreben die Produktion des relativen Mehrwerts und zweiteres die Produktion des absoluten Mehrwerts zum Ausdruck bringt. Letzteres Ziel, so Bucharin würde wiederum in der Sphäre der Kolonialpolitik erreicht. Festzuhalten ist hier aber, daß er dies durch die Bedingungen der Profitrate motiviert sieht.

    Bei der Untersuchung der Seite des Prozesses, die den Ankauf von Produktionsmittel darstellt, legt Bucharin das Schwergewicht auf die "Disproportionalität zwischen der Entwicklung der Industrie und der Entwicklung der Landwirtschaft, die die Rohmaterialien für die verarbeitende Industrie liefert."39 Er argumentiert, daß die Entwicklung der Produktivität in der Industrie viel schneller voranschreite als in der Landwirtschaft. Es ist nicht ganz klar, ob oder inwieweit diese Gegenüberstellung von Landwirtschaft und Industrie mit der Gegenüberstellung von Produktionsmittel produzierender Abteilung und Konsumtionsmittel produzierender Abteilung verglichen werden kann. Teilweise geht Bucharin in die Richtung, die rasche Produktivitätsentwicklung und Akkumulation in der Industrie mit jener in der Abteilung der Produktion von Produktionsmitteln gleichzusetzen. Dies wird deutlich, wenn er sagt, daß die Entwicklung der Produktivkräfte auch in einer sozialistischen Gesellschaft in die Richtung der Produktion von Produktionsmittel erfolgen würde. Das Gesetz der Massenproduktion, die raschere Akkumulation von Kapital usw. seien Dinge, die der Landwirtschaft viel weniger eigen wären als der Industrie. Das Problem liege dabei nicht im relativen Wachstum der Industrie, sondern in ihrem nicht proportionierten Wachstum. Man dürfe diese Entwicklung aber nicht als "absolutes" oder "natürliches" Gesetz auffassen, denn: "Das größte Hindernis bildet eine besondere soziale Kategorie, das Monopol des Grundbesitzes."40 Das Hinterherhinken der Produktivitätsentwicklung der Landwirtschaft hinter jener der Industrie sei der Grund für das Steigen der Rohstoffpreise. Die Rohstoffpreise beschneiden aber die Profitrate, daher das Bestreben, der einzelnen "nationalen Wirtschaften" nach Erweiterung ihrer Rohstoffmärkte, daher auch auf dieser Ebene der Kampf um Kolonien, die Eroberungspolitk.

     

    Als ersten Grund für den Export von Kapital aus einem Land nennt Bucharin die Überproduktion von Kapital in diesem Land, "das heißt seine Überakkumulation".41 Streng in Anlehnung an Marx unterscheidet er dabei zwischen der absoluten Überakkumulation , diese ist erreicht, wenn ein Kapital C, das auf C + Inkrement von C anwächst, ebensoviel Profit produziere, wie vor seiner Vermehrung durch Inkrement von C, und der relativen. Für den Export von Kapital sei es aber keineswegs erforderlich, daß die Überproduktion absolut geworden sei. Kapitalexport sei daher während fast des ganzen Verlaufes der kapitalistischen Entwicklung anzutreffen. Nichtsdestoweniger habe der Kapitalexport in den letzten Jahrzehnten eine außerordentliche Bedeutung erlangt, die er zuvor nicht besessen hatte. Bucharin nennt dafür zwei Ursachen. Ich möchte die entsprechende Stelle zur Gänze zitieren, weil eine Zusammenfassung, die den Inhalt nicht verflacht, nur unwesentlich kürzer ausfallen könnte.

    "Erstens erfolgt die Akkumulation des Kapitals in einem unerhört schnellen Tempo, wenn eine großkapitalistische Produktion vorhanden ist, wenn der technische Fortschritt beständig mit Riesenschritten vorwärts marschiert und die Produktivität der Arbeit sich erhöht, wenn das Verkehrswesen sich außerordentlcih entwickelt, wenn überhaupt die Zirkulationsmittel vervollkommnet werden und damit auch der Umschlag des Kapitals beschleunigt wird. Die Kapitalmassen, die nach Anlage suchen, erreichen eine außerordentliche Größe. Aber andererseits hat die moderne Organisation des Kapitals, haben die Kartelle und Trusts die Tendenz, der Anlage von Kapital gewisse Schranken zu setzen, indem sie einen bestimmten Umfang der Produktion festsetzen. Was die nichtkartellierten produktionszweige anbetrifft, so wird es immer weniger vorteilhaft, hier Kapital anzulegen; denn die monopolistischen Organisationen können die Tendenz zum Fall der Profitrate nur auf Kosten der nichtkartellierten Produktionszweige, durch Erlangung eines Kartellextraprofits überwinden. Von dem jährlich erzeugten Mehrwert geht ein Teil, der in den nichtkartellierten Produktionszweigen erzeugt wird, in dei Hände der Besitzer der kapitalistischen Monopole über, während der Anteil der Außenseiter fortwährend sinkt. Der ganze Prozeß treibt somit das Kapital aus dem Lande.

    Zweitens: das Bestehen hoher Zölle legt dem Eindringen von Waren die größten Hindernisse in den Weg. Die Massenproduktion, die massenhafte Ueberproduktion machen die Zunahme des Außenahndels erforderlich, aber dieser stößt auf die Barriere der hohen Zollsätze. Zwar entwickelt sich der Außenhandel auch weiterhin, der auswärtige Absatz nimmt zu, aber alles das erfolgt ungeachtet und trotz der Hindernisse. Daraus folgt keineswegs, daß die Zölle keinerlei Wirkung ausüben. Sie wirken vor allem auf die Profitrate. Während aber die Zollschranken dem Warenexport große Hindernisse entgegensatzen, so stören sie den Kapitalexport keineswegs. Es ist klar, daß die Kapitalflucht aus dem Lande unter sonst gleichen Bedingungen um so größer sein muß, je höher die Zölle steigen."42

    Doch sobald das Kapital einmal im fremden Land funktionieren würde, würde es denselben Zollschutz wie die einheimischen Unternehmungen genießen. Dazu kommt das Element, daß bei der Gewährung z.B. staatlicher oder kommunaler Anleihen für den Anleihengeber keineswegs nur Zinsen abfallen.

    "Gewöhnlich wird bei Abschluß der Anleihe auch eine ganze Reihe anderer Verpflichtungen festgelegt, in erster Linie die Verpflichtung zu Bestellungen (Waffenkäufe, Munitionskäufe, Käufe von Panzerschiffen, Eisenbahnmaterial usw.) oder die Gewährung von Konzessionen zum Bau eines Eisenbahnnetzes, von Straßenbahnen, zur Anlage von Telegraphen- und Telephonlinien, zum Bau von Häfen, zur Erschließung von Bergwerken, zur Ausbeutung von Wäldern usw."43

    Außerdem können für die Gewährung einer Anleihe bestimmte Zugeständnisse in den Handelsverträgen ausbedungen werden. Die Staatsmacht erhält in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung, denn sie kann den Handel mit ausländischen Anleihen und ausländlischen Wertpapieren bestimmter Länder verbieten.

    "Endlich nimmt bei einem Export von Kapital durch Privatpersonen und industrielle Gesellschaften oder Banken wiederum die Ausfuhr von Waren aus dem Mutterlande zu, da diese ausländischen Unternehmungen selbst eine gewissen nachfrage erzeugen und dann durch ihre Tätigkeit den zum größten Teil von ihnen abhängigen Markt erweitern. (...) Der Kapitalexport schafft somit auch für die Industrie, die in der Heimat dieses Kapitals produziert, günstige Bedingungen."44

    Die Tendenz zum Krieg, ist eine der zentralen Schlußfolgerungen, auf die Bucharin generell in diesem Werk einen Schwerpunkt legt. Der Kapitalexport, der Kampf um die Möglichkeit von Kapitalanlagen, Konzessionen usw., der beständig durch militärischen Druck bekräftigt würde, verschärfe die Beziehungen unter den Großmächten außerordentlich. In der abschließendenen Bemerkung zu diesem Kapitel umreißt Bucharin die charakteristischen Züge der neuesten Entwicklung des Kapitalismus, wobei sein späterer Focus auf die staatskapitalistischen Trusts deutlich:

    "Wenn wir ihn (den Kapitalexport - A. S.) vom Standpunkt der Ausbreitung der organisatorischen Formen des modernen Kapitalismus betrachten, so stellt er nichts anderes dar, als die Inbesitznahme und Monopolisierung neuer Sphären für die Anlage von Kapital durch die monopolistischen Unternehmungen einer Großmacht, oder wenn wir den Prozeß in seiner Gesamtheit nehmen, durch die organisierte 'nationale' Industrie, durch das 'nationale' Finanzkapital. Der Kapitalexport stellt die bequemste Methode der Wirtschaftspolitik der Finanzgruppen dar, da er am leichtesten zur Unterwerfung neuer Gebiete führt."45

    Diese drei Wurzeln der Politik des Finanzkapitalismus seien aber im Grunde nur drei Seiten ein und derselben Erscheinung: Die Überproduktion von Industriegütern sei zugleich eine Unterproduktion von landwirtschaftlichen Produkten, die relative Überproduktion von Kapital Ausdruck für die Überproduktion von Industriewaren.

    Die These von der Unterproduktion von landwirtschaftlichen Gütern hatte zwar zu Bucharins Zeit gewisse Berechtigung, die empirische Entwicklung bis heute hat sie aber widerlegt. Bei Bucharins oben erwähnten Ausführungen zu diesem Thema wurde bereits sichtbar, daß er die Möglichkeit zur Anwendung kapitalistischer Produktionsverhältnisse und -methoden in der Landwirtschaft völlig unterschätzte. "Industriewaren" bedeutet bei Bucharin immmer zugleich "kapitalistische produzierte Waren". Er unterschätzte also die Möglichkeit, daß ein immer größer werdener Teil der landwirtschaftlichen Güter selbst als kapitalistisch produzierte Waren den Markt betreten müßte, um den darin enthaltenen Mehrwert zu realisieren. Wir haben es heute auch im Bereich der landwirtschaftlichen Güter mit einer Überproduktion kapitalistisch produzierter Güter zu tun. Den zweiten Zusammenhang von Überproduktion von Kapital und kapitalistisch produzierten Waren erklärt Bucharin mit Otto Bauer:

    "So hat also die Unterwerfung wirtschaftlich rückständiger Länder unter die Ausbeutung der kapitalistischen Klasse eines europäischen Landes zwei Reihen von Wirkungen: unmittelbar Anlagesphären für das Kapital im Kolonialland und dadurch auch vermehrte Absatzgelegenheit für die Industrie des herrschenden Landes; mittelbar auch im herrschenden Lande selbst neue Anlagesphären für das Kapital und vermehrte Absatzgelegenheit für alle Industrien. Dadurch wird die Menge des in jedem Augenblick totgelegten Kapitals im Lande verringert; (...)."46

    Zusammenfassend stellt Bucharin fest:

    "(...) so haben wir hier eine zunahmende Disharmonie zwischen der Grundlage der gesellschaftlichen Wirtschaft im Weltausmaß und der eigenartigen Klassenstruktur der Gesellschaft, deren herrschende Klasse (die Bourgeoisie) in ‘nationale’ Gruppen mit einander widersprechenden wirtschaftlichen Interessen gespalten ist; diese Gruppen , die sich in einem gemeinsamen Gegensatz zum Weltproletariat befinden, konkurrieren gleichzeitig miteinander im Prozeß der Verteilung des in der gesamten Welt erzeugten Mehrwerts. Die Produktion hat gesellschaftlichen Charakter. Die internationale Arbeitsteilung verwandelt die einzelnen ‘nationalen’ Spielarten in Teile eines ungeheuren und allumfassenden Arbeitsprozesses, der fast die gesamte Menschheit ergreift. Die Aneignung aber nimmt den Charakter einer ‘national’-staatlichen Aneignung an, wobei als ihre Subjekte die gewaltigen staatlichen Verbände der finanzkapitalistischen Bourgeoisie fungieren. Im engen Rahmen der staatlichen Grenzen erfolgt die Entwicklung der Produktivkräfte, die bereits über diesen Rahmen hinausgewachsen sind. Unter diesen Bedingungen entsteht ein unvermeidlicher Konflikt, der auf kapitalistischer Grundlage durch die gewaltsame und blutige Ausdehnung der staatlichen Grenzen gelöst wird, die ihrerseits neue, noch gewaltigere Konflikte nach sich zieht.

    Die sozialen Träger dieses Widerspruches sind die verschiedenen staatlich organisierten Gruppen der Bourgeosie mit ihren widerspruchsvollen Interessen, die Entwicklung des Weltkapitalismus führt einerseits zu einer Internaitonalisierung des Wirtschaftslebens und zu einer wirtschaftlichen Nivellierung, andererseits aber - und in unermeßlich größerem Maße - erzeugt derselbe prozeß der wirtschaftlichen Entwicklung eine äußerste Verschärfung der Tendenzen zu einer ‘Nationalisierung’ der kapitalistischen Interessen bis zur Bildung von geschlossenen ‘nationalen’ Gruppen, die vom Scheitel bis zur Sohle bewaffnet und bereit sind, sich in jedem Augenblick auf einander zu stürzen."47

     

    3. Staatsmonopolistischer Kapitalismus und die Perspektiven des Imperialismus

    Bucharin definiert den Imperialismus als die "Eroberungspolitik des Finanzkapitals". Die Theorie des Imperialismus, die ihn als Eroberungsplitik überhaupt drfiniert, sei absolut falsch, weil sie alles erkläre und daher rein nichts. Jeder Politik der herrschenden Klasse habe eine bestimmte funktionelle Bedeutung. Sie entstehe auf dem Boden der betreffenden produktionsweise und diese als Mittel der einfachen und erweiterten Reproduktion der gegebenen Produktionsverhältnisse. Die Politik des Finanzkapitals reproduziert die Produktionsbasis des Finanzkapitals auf erweiterter Stufenleiter. Dasselbe treffe auf den Krieg zu. Der Krieg sei ein Mittel der Reproduktion bestimmter Produktionsverhältnisse. In diesem Zusammenhang wird auch klar, daß Bucharin keine Theorie des unvermeidlichen Zusammenbruchs des Kapitalismus, die in seiner Ersetzung durch eine andere Produktionsweise endet, vertritt.

    "(...) die imperialistische Politik erst auf einer bestimmten Stufe der geschichtlichen Entwicklung in Erscheinung tritt. Eine Reihe von Widersprüchen des Kapitalismus wird hier zu einem Konten verknüpft, der zeitweise durch das Schwert des Krieges zerhauen wird, um im nächsten Augenblick noch fester geknüpft zu werden."48

    Die Epoche des Finanzkapitalismus, die historische Forsetzung der Epcohe des Industriekapitals, bringe die Widersprüche des Kapitalismus, die im Laufe seiner Entwicklung auf einer beständig erweiterten Stufenleiter reproduziert würden, besonders kraß zum Ausdruck. Dasselbe gelte für den anarchischen Charakter der kapitalistische Gesellschaft, der darauf beruhe, daß die kapitalistische Wirtschaft ein System von Wirtschaften sei, die miteinander durch den Austausch verbunden seien, von denen jede auf eingene Faust und auf eigenes Risiko produziere und niemals in der Lage sei, sich dem Umfang der gesellschaftlichen Nachfrage und Produktion in den anderen individuellen Wirtschaften anzupassen. Dies führe zur kapitalistischen Konkurrenz, deren Form sehr verschieden sein können. Die imperialistische Politik sei der Sonderfall dieser Konkurrenz in der Epoche des Finanzkapitals.

     

    Erst jetzt, nachdem er im Grunde alle seine Argumente vorgebracht und bereits öfter in ein gerundetes Bild zu bringen versuchte, führt Bucharin den Begriff der "staatskapitalistischen Trusts" ein. Dies ist umso verwunderlicher, als er ihn nun einfach an eine Schlußfolgerung anknüpft, zu der er weit früher in dem Buch schon gelang war. Er schreibt:

    "Die ‘Volkswirtschaft’ verwandelt sich in einen einzigen gewaltigen kombinierten Trust, dessen Teilhaber die Finanzgruppen und der Staat sind. Solche Bildungen nennen wir staatskapitalistische Trust."49

    Wie überhaupt angemerkt werden muß, daß die strenge und gut gegliederte Struktur, die das Buch in seine ersten zwei Abschnitten kennzeichnete, ab diesem Punkt aufgeweicht wird. Bucharin wiederholt sich, greift auf Themen zurück - die Zentralisation und Konzentration -, die er zu Beginn des Buches behandelte; nur stellt er sie nun in einem abgewandelten Licht dar. Die Schlußfolgerung, auf die sich nun alles zuspitz, ist nun die Konkurrenz der staatskapitalistischen Trusts auf dem Weltmarkt.

    "Die Konkurrenz erreicht die höchste und letzte denkbare Entwicklungsstufe: die Konkurrenz der staatskapitalistischen Trust auf dem Weltmarkt. In den Grenzen der ‘nationalen’ Wirtschaften wird sie auf ein Minimum reduziert, aber nur, um in gewaltigem, in keiner der vorhergehenden Epochen möglichem Umfange aufs neue zu entbrennen."50

    Unter dieser Form der Konkurrenz beginne die Ausnutzung der Staatsmacht eine wesentliche Rolle zu spielen. Bucharin legt dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Politik der Zölle. Mit der gesteigerten Bedeutung der Staatsmacht ändere sich auch ihre innere Struktur. Sie würde in größerem Maße denn je zum "geschäftsführenden Ausschuß der herrschenden Klasse", die Regierung zur "obersten Leitung des staatskapitalistischen Trusts".51

    Der sowohl inhaltliche also auch formale Bruch zwischen dem zweiten und dritten Abschnitt legen die Vermutung nahe, daß Bucharin zu einem gewissen Grad eine Positionsverschiebung vollzog. Möglicherweise war dafür der Einbruch des ersten Weltkriegs verantwortlich, der durch die Umstellung der Wirtschaft auf nationale Kriegswirtschaften empirisch eine Tendenz in das von Bucharin gezeichnete Szenario brachte. Möglicherweise hatte Bucharin in seiner Wiener Zeit schon konkrete Vorarbeiten zu Imperialismus und Weltwirtschft unternommen, die schließlich die ersten beiden Abschnitte des Buches darstellten.

    Im vierten Abschnitt findet sich auch eine längere Passage über Fragen des historischen Materialismus insbesondere über den Begriff der (historischen) "Notwendigkeit". Diese Überlegungen müden in der Frage, ob der Imperialismus eine Notwendigkeit sei. Bucharins Antwort ist Nein. Gerade das Gegenteil sei richtig. Der Imperialismus sei die Politik des Finanzkapitalismus, also eines hochentwickleten Kapitalismus, der eine gewisse und dabei äußerst bedeutende Reife der Organisation der Produktion vorausetzt. Die imperialistische Politik besage allein durch ihre Existenz, daß die objektiven Voraussetzungen für eine neue sozial-ökonomische Form herangereift seien. "Die Frage des weiteren Bestehens des Kapitalismus und Imperialismus wird zur Frage des Kräfteverhältnisses der kämpfenden sozialen Klassen und nichts weiter."52

    Der Vollständigkeit wegen sei erwähnt, daß Bucharin sich in diesem Abschnitt gegen Kautskys Theorie des Ultraimperialismus wendet, wobei er im wesentlichen auf der Argumentationslinie Hilferdings verharrt.

    Den Krieg als empirische Tatsache sieht Bucharin als Bestätigung seiner Theorie. Dabei bringe der Krieg neben dem Bestreben zur wirtschaftlichen Autarkie die Tendenz zur Zentralisation unter den staatskapitalistischen Trust mit sich. Daraus folge aber nicht, daß die Tendenz die Weltwirtschaft in eine Reihe selbständiger und vollständig voneinander isolierte Teile zu verwandeln stets vorliegt. Die sei die Ideologie der Imperialisten. Es gelte, die passende "wirtschaftliche Ergänzung" zu finden, sich Rohstoffe zu sichern usw.

    "Die Herrn Imperialisten vergessen hier vollständig, daß ihre Raubpolitik selbst das Wachstum der internationalen wirtschaftlichen Verbindungen (...) voraussetzt. Deshalb ist die Politik des Imperialismus von einem bestimmten Gesichtspunkt widerspruchsvoll: einerseits muß die imperialistische Bourgeoisie die internationalen Verbindungen in denkbar umfassendster Weise ausdehnen (siehe z.B. das Dumping der Kartelle), andererseits sperrt sie sich durch eine Zollmauer ab; einerseits exportiert sie Kapital, andererseits klagt sie über das Eindringen der Ausländer; mit einem Worte: einerseits internationalisiert sie das Wirtschaftsleben, andererseits ist sie mit allen Kräften bestrebt, es in den ‘nationalen’ Rahmen einzuzwängen."53

    Bucharin beschreibt eine Reihe der Merkmale von Kriegswirtschaften. Er ist sich darüber im klaren, daß einige dieser merkmale nach dem Krieg verschwinden würden; die Tendenz, die durch sie sichtbar würden, nämlich die zunehmende Organisierung der Produktion durch den Staat, würde aber auch nach dem Krieg weiterbestehen. Ökonomisch sieht er den Sinn des Krieges vor allem in der zerstörung des konstanten Kapitals, die die Grundlage für einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung legt. Der Krieg bringe letztendlich aber keine grundlegende Lösung. Auf dem Schutt und der Asche, die er hinterläßt würde von neuem die kapitalistische Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen entstehen.

    "Wir müssen bedenken, daß die Gewinnung von Profit das regulierende Moment der kapitalistischen Betätigung ist. Der Krieg ist eine der ‘Geschäftsmethoden’ des ‘modernen Bourgeois’; ist er beendigt, dann wird der Bourgeois mit der früheren Geschäftigkeit die alten Beziehungen wieder anknüpfen. (Wir gehen hier gar nicht auf die Schmuggelgeschäfte während des Kreiges ein.) Denn so verlangt es die kapitalistische Berechnung. Die internationale Arbeitsteilung, die Verschiedenheit der natürlichen und sozialen Bedingungen ist eine wirtschaftliche Voraussetzung, die auch durch einen Weltkrieg nicht vernichtet werden kann. Ist dem aber so, so sind auch bestimmte Wertverhältnisse und folglich auch bestimmte Bedingungen der Realisierung eines Maximalprofits im Prozeß des internationalen Verkehrs gegeben. Nicht die wirtschftliche Autarkie, sondern die Verstärkung der internationalen Beziehungen bei gleichzeitigem ‘nationalen’ Zusammenschluß und gleichzeitiger Entwicklung neuer Konflikte auf der Grundlage der internationalen Konkurrenz, das ist die weitere Entwicklung."54

    Für die Arbeiter bringe der Krieg nichts Gutes. Er bedeute vor allem eine Zuspitzung des Klassenkampfes und eine Verschlechterung der Lage der Arbeiter; er bringe ihre "Versklavung durch den imperialistischen Staat".55 Richtig erkennt Bucharin die Tendenz, daß die Vereinigten Staaten durch ihre finanzielle Durchdringung Europas und anderer amerikanischer Staaten als der Sieger nach dem imperialistischen Gemetzel hervortreten würden.

     

    Bezüglich den Auswirkungen des Imperialismus auf die proletarische Bewegung formulierte Bucharin:

    "Der Krieg hat in der ersten Zeit nicht zu einer Krise des Kapitalismus, sondern zu einem Zusammenbruch der sozialistischen Internationale geführt."56

    Bucharin nimmt den politischen Bankrott der zweiten Internationale beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Anlaß zu einer Analyse der grundlegenden Tendenzen der proletarischen Bewegung im Zeitalter des Imperialismus. Er argumentiert, daß zu Ende des 19. Jahrhunderts die "Verbindung" zwischen Kapitalisten und Arbeitern in einem bedeutenden Maße zerstört war, nicht jedoch die Verbindung zwischen der Arbeiterklasse und der größten Organisation der Bourgeoisie - dem imperialistischen Staat. Bucharin stellt die Theorie auf, daß die "Großmächte" durch ihre Kolonialpolitik Einkünfte kassieren, die es ihnen erlauben, den Arbeitslohn ihrer "eigenen" Arbeiter, vor allem der qualifizierten Arbeiter, zu erhöhen. Darauf entstehe die soziale Basis für die Ideologie des "Sozialpatriotismus" in der Arbeiterklasse.

    "Vom ökonomischen Standpunkt liegen die Dinge folgendermaßen: Im Prozeß des Kampfes auf dem Weltmarkt erfolgt die Aufteilung des Weltmehrwerts. Ebenso wie im Rahmen der ‘nationalen Wirtschaft’, so erhalten auch im Rahmen der Weltwirtschaft die stärksten Konkurrenten (...) eine Extraprofit, einen eigentümlichen Differenzialprofit (infolge der höheren Struktur der Produktion) und eine eigenartige Kartellrente (infolge des Drucks des militärischen Apparats, der das Monopol sichert). Der Extraprofit, den der imperialistische Staat erhält, führt zu einer Erhöhung des Arbeitslohns bestimmter Schichten der Arbeiterklasse und vor allem der qualifizierten Arbeiter."57

    Bucharin geht davon aus, daß die Brutalität des Krieges der Arbeiterklasse vor Augen führen werde, wo der wirkliche Feind steht und daß somit die Wiedergeburt des proletarischen Sozialismus anbrechen werde. Tatsächlich bestätigte sich diese Einschätzung durch die revolutionäre Welle im Anschluß an den Ersten Weltkrieg.

     

    4. Schluß und Ausblick

    Bei aller Kritik, die Bucharin zugedacht werden muß, hat er in Imperialismus und Weltwirtschaft wesentlich erkannt, daß der Imperialismus vor allem einen Kampf um die Aufteilung des weltweit erzeugten Mehrwerts bedeut. Dies ist nur möglich auf der Grundlage der Internationalisierung des Wirtschaftslebens. Der Kampf um die Aufteilung des Mehrwerts führt aber zu einer nationalen Zusammenballung der kapitalistischen Interessen. Im Grunde hat Bucharin die widerspuchsvollen Tendenzen der imperialistischen Epoche hinsichtlich dieses Punktes richtig beobachtet. Sein Fehler liegt darin, sie in falsche Relationen gesetzt und manche Erscheinungen nicht als Tendenz, sondern als etablierte Gegebenheiten gewertet und teilweise in seine Theorie integriert zu haben. Der Hauptvorwurf, der Bucharin gemacht wir, richtet sich gegen seine Theorie der staatskapitalistischen Trusts. Wir haben gesehen, daß er diese Konzeption erst relativ spät in seine Darstellung einführt und daß er zuvor eher von einer Tendenz zu einer gewaltigen kombinierten Unternehmung der Finanzmagnaten und des kapitalistischen Staats spricht.

    In seiner Erklärung für die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus ist Bucharin undeutlich und vage. Wir haben gesehen, daß er zwar drei wichtige Elemente - das "Realisationsproblem", das "Disproportionalitätsproblem" und den tendenziellen Fall der Profitrate -, durch die sich Krisen im Kapitalismus entwickeln und äußern, an einem Zipfel faßt, daß er sie aber nicht ausreichend und nicht konsistent in seine Gesamtdarstellung zu integrieren und zueinander in Beziehung zu setzen vermag. An etlichen kritischen Punkten zieht er sich auf eine Argumentation zurück, die den Grund für Krisen in der allgemeinen Anarchie der kapitalistischen Produktion sieht. "Anarchie der Produktion" beschreibt aber nicht mehr als den Umstand, daß die einzelnen Wirtschaftssubjekte nur über ihre Waren, über deren Veräußerung auf dem Markt, zusammengehalten werden. Die einzelnen Wirtschaftssubjekte verfolgen dabei ihren Eigennutz, ihr Privatinteresse. Dieses bestimmt ihre Produktion. Anarchie der Produktion liegt also auch in einfachen Warenwirtschaften, die nicht unbedingt kapitalistisch sein müssen, vor. Ein wesentliches Element, das im Kapitalismus neben die Anarchie der Produktion tritt, ist der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und ihrer privaten Aneignung. Natürlich lassen sich alle weiteren Widersprüche der kapitalistischen Produktion letztendlich auf diese beiden grundlegenden Widersprüche zurückführen, doch wenn Bucharin die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus in der Anarchie der Produktion sieht, dann hat er damit zwar nicht unrecht, aber auch noch nicht viel erklärt. Die Aufgabe einer Krisentheorie besteht gerade darin, darzulegen, durch welche Bedingtheiten und Dynamiken sich die grundlegenden Widersprüche der kapitalistischen Produktion entfalten und in Erscheinung treten, die Aufgabe einer Imperialismustheorie besteht vor allem darin, zu zeigen, wie diese Bedingtheiten zu den Erscheinungen der imperialistischen Epoche führen, und ob und inwiefern diese die Bewegungsgesetze und Widersprüche der kapitalistischen Produktion modifizieren.

    Hinsichtlich der Anarchie der Produktion lautet die entscheidende Frage was das Wirken des Fianazkapitals auf sie ausübt. Gerade diesbezüglich ist Bucharin aber ebenfalls undeutlich. Teilweise spricht er von den "organisierenden Eigenschaften" des Finanzkapitals im Zusammenahng mit den nationalen Wirtschaften in dem Sinn, daß die Anarchie der Produktion aufgehoben wird. Teilweise geht er in die Richtung, daß durch das Wirken des Finanzkapitals auf nationaler Ebene die Konkurrenz aufgehoben würde, wobei der Eindruck entsteht, er könnte meinen, dies bedeute das Verschwinden von Krisen und die Aufhebung der Widersprüche des Kapitalismus innerhalb der nationalen Grenzen. Eine explizite Formulierung dieses Gedankens findet sich aber nicht in dem Buch. An manchen Stellen kommt er wieder zu entgegensprechenden Behauptungen, daß nämlich die anarchische Struktur trotz Kartellierung, Vertrustung usw. bestehen bleibe, wobei er die nationalen Kapitalismen aus dieser Behauptung nicht explizit ausschließt.58

    Bezüglich der Krisentheorie und der ökonomischen Erklärung für die Erscheinungen des Imperialismus geht Bucharin in Imperialismus und Weltwirtschaft über den Hilferding des "Finanzkapitals" nicht wesentlich hinaus. Bucharin setzt andere Schwerpunkte, seine Schlußfolgerungen sind anders pointiert und gehen teilweise in andere Richtungen, doch er stützt sich dabei im wesentlichen auf den von Hilferding entwickelten ökonomischen Erklärungsapparat. Dies trifft vor allem auf die ersten beiden Abschnitte des Buches zu.

    Es muß deutlich hervorgehoben werden, daß sich alle hier abgegebenen inhaltlichen Einschätzungen ausschließlich auf Imperialismus und Weltwirtschaft beziehen. Eine Kritik seiner späteren Arbeiten soll in einer späteren Nummer von marxismus Platz finden. Es kann jedoch soviel vorweggenommen werden, daß in einigen seiner im Anschluß an Imperialismus und Weltwirtschaft geschriebenen Arbeiten die Theorie der staatskapitalistischen Trusts wesentlich deutlicher hervortritt. So etwa in Die Ökonomik der Transformationsperiode59. Sprach er in Imperialismus und Weltwirtschaft teilweise noch von einer Tendenz zu staatskapitalistischen Trusts und behandeltete er sie nur teilweise als etablierte Tatsachen, so ist in der "Ökonomik" letztere Konzeption fest verankert. Interessant sind in diesem Zusammenhang Lenins Randbemerkungen. Ohne den Anspruch zu haben, hier eine umfassende Einschätzung von Lenins Haltung zu der Theorie der staatskapitalistischen Trusts zu geben, soll festgehalten werden, daß er, obwohl er in den Randbemerkungen mit Bucharin wahrlich nicht zimperlich umgeht, diese keiner exliziten Kritik unterwirft.

    Bucharins theoretische Arbeit zur Kritik Rosa Luxemburgs, Der Imperialismus und die Akkumulation des Kapitals, fällt zeitlich bereits in Debatte in der Dritten Internationale. Er verdient eigene ausführlichere Betrachtung. Aus diesem Grund soll ihr, wenn sie sich inhaltlich auch auf die Debatte in der Zweiten Internationale bezieht, ebenfalls in der nächsten Nummer zu diesem Thema ein eigener Beitrag gewidmet sein.

    Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß die Überbetonung des Prozesses der Nationalisierung des Kapitals, die schließlich in der Theorie der staatskapitalistischen Trusts mündet, sicherlich der Hauptfehler war, der zu seinem Hindernis für die Weiterentwicklung der marxistischen Krisen- und Imperialismustheorie war. Ein besonderes Anliegen dieses Artikel war aber gerade, zu zeigen, daß wenn Bucharins Darstellung zwar zu letztendlich falschen Schlußfolgerungen kommt, sie so doch nicht in allen Elementen falsch ist und nicht nichts für die Konzeption einer konsistenten Darstellung, die die imperialistische Epoche in ihren Widersprüchen, Bedingtheiten und Dynamiken erfaßt, enthält.