von Eric Wegner
Vor 80 Jahren, genaugenommen von Jänner bis Juni 1916, schrieb Lenin die Arbeit Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Sie wurde zu dem Klassiker der marxistischen Imperialismustheorie und in dieser Frage zum zentralen Bezugspunkt für Marxisten und Gegner des Marxismus. Ein Grund für die Berühmtheit dieser Schrift liegt wohl darin, daß Lenin in diesem gemeinverständlichen Abriß die bisherige marxistische Positionsentwicklung auf den Punkt bringt, prägnant seine eigenen Gewichtungen setzt und die Schrift damit eine günstige theoretische Grundlage für die programmatischen Positionen der entstehenden Komintern zu Imperialismus, Krieg und Revolution darstellte. Ein weiterer Grund ist sicherlich, daß Lenin als der zentrale Führer der Bolschewiki und der Oktoberrevolution in der internationalen Arbeiterbewegung über eine ungeheure Autorität verfügte - eine Autorität, die nach seinem Tod von der stalinistischen Bürokratie in billige Götzendienerei verwandelt wurde, durch die unter Marxisten eine kritische Bezugnahme auf Lenins Arbeit mit Bannfluch belegt wurde. Wir wollen in diesem Teil versuchen, die Entwicklung von Lenins Gedanken, seine Positionierung in der Debatte der 2. Internationale, die Stärken und Schwächen seiner Theorie herauszuarbeiten.
1. Lenin und die russische Debatte in den 1890er Jahren
In der Debatte zwischen den Legalen Marxisten (Struve, Bulgakow, Tugan-Baranowski) und den Narodniki (oder Volkstümlern) in den 1890er Jahren befand sich Lenin im wesentlichen in einem Block mit ersteren. Mit seiner Arbeit Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland1, die zwischen 1896 und 1899 geschrieben und 1899 veröffentlicht wurde, begann er, ansatzweise eine eigenständige Position zu formulieren. Er entdeckte die opportunistische und letztlich bürgerlich-liberale Tendenz der Legalen Marxisten, denen es darum ging, die Möglichkeit einer harmonischen widerspruchslosen kapitalistischen Entwicklung zu zeigen. Lenin grenzte sich in der Folge in bestimmter Hinsicht von der politischen Ökonomie Tugan-Baranowskis und Bulgakows ab. Es gelang ihm aber nicht, ihre Disproportionalitätstheorie zu überwinden, denn seine Beiträge integrierten dabei nicht das wichtigste Element der marxistischen Krisentheorie, nämlich den tendenziellen Fall der Profitrate.2
Im Zentrum von Lenins Einwänden gegen die Konzeptionen der Narodniki und der Legalen Marxisten stand, daß beide Strömungen die konkreten Widersprüche des russischen Kapitalismus nicht beachteten. Auf der einen Seite verneinten die Narodniki die Tiefe und die soziale Bedeutung der Widersrüche des Kapitalismus, indem sie dessen Entwicklung überhaupt nicht zur Kenntnis nahmen. Auf der anderen Seite standen die Legalen Marxisten in einem solchen Ausmaß für die Entwicklung des Kapitalismus ein, daß sie den Blick für alle relevanten Widersprüche verloren. Logischerweise endeten beiden Tendenzen dabei, die revolutionären Konsequenzen, die aus den inneren Widersprüchen des Kapitalismus folgten, abzulehnen.
Lenin versuchte in seinem Buch, die kapitalistischen Widersprüche zu illustrieren. Er richtete folgende Worte gegen die Narodniki:
"Die Herren W.W. und N.-on3 wähnten, die Widersprüche des Kapitalismus durch den Hinweis auf die mit der Realisation des Mehrwerts verbundenen Schwierigkeiten in ihrer ganzen Tiefe gewürdigt zu haben. In Wirklichkeit jedoch haben sie die Widersprüche des Kapitalismus höchst oberflächlich erfaßt; denn spricht man von den Schwierigkeiten der Realisation, von den hieraus entstehenden Krisen u. dgl., dann muß man auch feststellen, daß diese Schwierigkeiten hinsichtlich aller Teile des kapitalistischen Produkts und keineswegs hinsichtlich des Mehrwerts allein nicht nur möglich, sondern unvermeidlich sind. Schwierigkeiten dieser Art, die von der Disproportionalität der Verteilung der verschiedenen Produktionszweige abhängen, entstehen ständig nicht nur bei der Realisation des Mehrwerts, sondern auch bei der Realisation des variablen und konstanten Kapitals; nicht nur bei der Realisation des aus Konsumtionsmitteln, sondern auch des aus Produktionsmitteln bestehenden Teils des Produkts. Ohne diese Art von Schwierigkeiten und Krisen kann die kapitalistische Produktion, die Produktion isolierter Produzenten für den ihnen unbekannten Weltmarkt, überhaupt nicht existieren."4
Lenins Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland, das seine ausführlichste ökonomische Studie darstellt, richtet sich hauptsächlich gegen die Narodniki. Gegen sie beharrt Lenin darauf, daß die Widersprüche im ganzen Prozeß der Realisierung des kapitalistischen Warenprodukts nicht auf die Realisierung des Mehrwerts oder auf die Waren, die für den individuellen Konsum bestimmt sind, beschränkt sind, sondern auch die Disproportionenen zwischen verschiedenen Branchen der Produktion umfassen (einschließlich den Produktionsmittel herstellenden Bereich, konstantes Kapital). An anderer Stelle wendet sich Lenin aber in der gleichen Zeit auch gegen Tugan-Baranowski:
"Die Konsumtionskraft der Gesellschaft und die Proportionalität der verschiedenen Produktionszweige sind keineswegs ingendwelche isolierten, selbständigen, nicht mit einander verbundenen Bedingungen. Im Gegenteil, ein bestimmter Stand der Konsumtion ist eines der Elemente der Proportionalität."5
Gegen die Legalen Marxisten beharrt Lenin also darauf, daß die Widersprüche nicht auf Disproportionen zwischen einzelnen Branchen der Industrie beschränkt sind, sondern daß auch eine "Disproportionalität" zwischen der kapitalistischen Produktion als ganzer und der eingeschränkten sozialen Konsumtion, die auch ihrer Grundlage entsteht, existiert.
Lenin versucht damit, sich auf Marx Realisationstheorie, wie sie im 2. und 3. Band des Kapital ausgeführt ist, zu stützen und eine konsistente Theorie der kapitalistischen Realisation mit all ihren Widersprüchen und Zusammenhängen zu präsentieren - in Abgrenzung zu den beiden einseitigen Theorien der Narodniki und den Legalen Marxisten. Genau hier kommen wir aber auch zu den Grenzen von Lenins theoretischer Position, wie sie in der Periode zwischen 1893 und 1900 entwickelt und wie sie sich im Kern in seiner 1916 erarbeiteten Konzeption des Imperialismus fortsetzte. Diese Schwächen sind auf die Positionen zurückzuführen, die Lenin in seiner frühen Phase theoretisch mit den Legal Marxisten teilte.
Alle drei Strömungen (die Narodniki, die Legalen Marxisten, Lenin) konzentrierten sich auf die Frage der Realisation, auf die Frage der Herausbildung eines Marktes für eine kapitalistische Produktionsweise, die sich noch im Prozeß der Entstehung befand. Während die Narodniki ihre Augen vor dieser Realität weitgehend verschlossen und die Entwicklung des Kapitalismus verleugneten, anerkannten die Legalen Marxisten und Lenin diese Entwicklung. Die Konzentration von den Legalen Marxisten und Lenin auf das Realisationsproblem kann nur erklärt werden, wenn man versteht, daß sie davon ausgingen, daß die russische kapitalistische Entwicklung (trotz aller Besonderheiten) notwendigerweise eine Wiederholung der Stadien des klassischen Kapitalismus (wo in der ersten Phase die Schaffung eines adequaten Marktes eine wesentliche Rolle spielte) beinhalten müsse6. In der theoretischen Debatte ging es folglich nicht so sehr um die Art und Weise, in welcher die kapitalistische Entwicklung in Widerspruch zu den kapitalistischen Produktionsverhältnissen kommt, sondern mehr um die Widersprüche zwischen der kapitalistischen Entwicklung und den alten feudalen Produktionsverhältnissen. Jedenfalls scheiterte Lenin, wie wir sehen werden, durch diese Fixierung auf das Realisationsproblem, eine ausreichende theoretische Einschätzung der inneren Widersprüche des Kapitalismus zu geben.
Lenins Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland beschäftigte sich dabei durchaus nicht nur mit den Besonderheiten des entstehenden russischen Kapitalismus. Die Widersprüche des Kapitalismus im allgemeinen werden von Lenin im letzten Kapitel in einem Abschnitt unter dem Titel Die "Mission" des Kapitalismus zusammengefaßt. Die fortschrittliche historische Rolle des Kapitalismus bestünde in zwei Dingen: "Hebung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit und Vergesellschaftung dieser Arbeit."7 Die "Epoche der maschinellen Großindustrie" (wie für England in der Mitte des 19. Jahrhunderts und den freien Konkurrenzkapitalismus typisch und von Marx im Kapital herausgearbeitet) sei das "höchste Stadium des Kapitalismus"8 .
Diese frühe Position war sicherlich dem aktuellen Stand der kapitalistischen Entwicklung geschuldet. Er schrieb seine Studie in den allerersten Jahren der beginnenden imperialistischen Epoche und noch dazu in Bezug auf das rückständige Rußland. Erst 1909 stellte Hilferding sein Finanzkapital fertig. Unter dem Einfluß dieses Buches und der Debatte in der 2. Internationale über das Wesen des Imperialismus mußte Lenin seine Ansicht überdenken. Den Anstoß dazu gab schließlich die doppelte Katastrophe des 1. imperialistischen Weltkrieges und der Kapitulation der Mehrheit der 2. Internationale gegenüber diesem Krieg. In seinem Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus9 korrigiert er seine Position und betrachtet unter dem Eindruck des frühen 20. Jahrhunderts und des Krieges das monopolistische Stadium des Kapitalismus als das höchste.
Neben diesem Positionswechsel gibt es aber zwischen dem Lenin von 1899 und dem von 1916 auch eine grundlegende methodische und theoretische Kontinuität. Da ist erstens Lenins Argument, daß sich der Kapitalismus seiner ganzen Natur nach nicht anders entwickeln könne "als in einer Reihe von Ungleichmäßigkeiten und Disproportionalitäten".10 Die ganze Fragestellung bezüglich Krisen, industrieller Entwicklung neben industriellem Niedergang, der ungleichen Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft ist im wesentlichen identisch mit den entsprechenden Argumenten in Imperialismus. Zweitens argumentiert er 1899 bezüglich der ökonomischen Form der Ungleichmäßigkeiten, "daß die Zunahme der Produktionsmittel (der produktiven Konsumtion) die Zunahme der individuellen Konsumtion weit überflügelt"11.
Im ersten, theoretischen Kapitel formuliert er das so:
"Daß die Entwicklung der Produktion (und folglich auch des inneren Marktes) hauptsächlich auf der Linie der Produktionsmittel erfolgt, erscheint paradox und stellt zweifellos einen Widerspruch dar. Es ist tatsächlich eine Produktion für die Produktion, eine Erweiterung der Produktion ohne entsprechende Erweiterung der Konsumtion. Aber dies ist nicht ein Widerspruch der Doktrin, sondern des wirklichen Lebens; es ist eben ein solcher Widerspruch, der dem ganzen Wesen des Kapitalismus und den sonstigen Widersprüchen dieses Wirtschaftssystems entspricht. Gerade diese Erweiterung der Produktion ohne entsprechende Erweiterung der Konsumtion entspricht der historischen Mission des Kapitalismus und seiner spezifisch gesellschaftlichen Struktur: die erste besteht in der Entwicklung der Produktivkräfte der Gesellschaft; die zweite schließt die Nutzbarmachung dieser technischen Errungenschaften durch die Masse der Bevölkerung aus. Zwischen dem schrankenlosen Streben nach Erweiterung der Produktion, das dem Kapitalismus eigen ist, und der beschränkten Konsumtion der Volksmassen (beschränkt infolge ihres proletarischen Daseins) besteht zweifellos ein Widerspruch."12
Lenin bezieht sich hier auf den Konflikt zwischen dem kapitalistischen Drang die Produktivkräfte zu erweitern und gleichzeitig die individuelle Konsumtion des Proletariats auf das zu beschränken, was zu dessen Reproduktion nötig ist. Das ist eine für den Kapitalismus notwendige Beschränkung, weil es die unverzichtbare Basis für die Verrichtung von Mehrarbeit (aus der sich der Mehrwert für die Kapitalisten ergibt) ist. Dieser Konflikt, diese Mißverhältnis, ist klarerweise nichts anderes als ein Ausdruck des Widerspruchs zwischen der kapitalistischen Entwicklung der Produktivkräfte und den kapitalistischen Produktionsverhältnissen. Lenin zitiert einige Passagen des Kapitals und schlußfolgert:
"An all diesen Stellen wird der obenerwähnte Widerspruch nach dem schrankenlosen Streben nach Erweiterung der Produktion und der beschränkten Konsumtion festgestellt und nichts weiter. Nichts wäre sinnloser, als aus diesen Stellen des Kapitals abzuleiten, Marx habe die Realisierung des Mehrwerts in der kapitalistischen Gesellschaft für unmöglich gehalten, habe die Krisen durch Unterkonsumtion erklärt usw."13
Er attackiert damit die Narodniki und ihre Unterkonsumtionstheorie. Er stellt fest, daß Unterkonsumtion im beschriebenen Sinn eine notwendige und permanente Erscheinung der kapitalistischen Gesellschaft ist, während Krisen (Zusammenbrüche des Realisationsprozesses) temporär und periodisch sind. Das heißt nichts anderes als, daß der permanente Widerspruch zwischen dem Wachstum der kapitalistischen Produktion und der begrenzten Konsumtion des Proletariats zeitweise keineswegs die Realisierung des gesamten kapitalistischen Produkts verhindert. Genau diese theoretische Möglichkeit ist eine Bedingung für Marx Reproduktionsschemata im 2. Band des Kapitals.
Schließlich beendet Lenin seinen Angriff auf die Theorie der Narodniki indem er sein Verständnis von Unterkonsumtion der Massen mit der Überwindung des Kapitalismus (in Folge seiner inneren Widersprüche) in Zusammenhang bringt:
"Der Widerspruch zwischen dem Streben nach schrankenloser Erweiterung der Produktion und der beschränkten Konsumtion ist nicht der einzige Widerspruch des Kapitalismus, der ohne Widersprüche überhaupt nicht existieren kann. Die Widersprüche des Kapitalismus zeugen von seinem historisch vergänglichen Charakter, erklären die Bedingungen und Ursachen seiner Auflösung und seiner Verwandlung in eine höhere Form - sie schließen aber sowohl die Möglichkeit des Kapitalismus als auch seine Fortschrittlichkeit im Vergleich zu den vorangegangenen Wirtschaftssystemen keineswegs aus."14
Lenin lehnt damit die Unterkonsumtionstheorie der Narodniki auf der Grundlage derselben Methode und derselben Theorie der kapitalistischen Realisierung ab, auf der er die einseitige Disproportionalitätstheorie der Legalen Marxisten kritisiert. Hier zeigt sich die Grenze von Lenins Krisentheorie, die auf der Ebene der Realisation zwar konsistent ist und seine Gegner treffend kritisiert, aber eben auf dieser Ebene stehenbleibt. Und so versucht Lenin zwar eine "orthodoxe" marxistische Synthese, kann sich aber dem Wirkungskreis der beiden Theorien trotz allem nicht wirklich entziehen - weil das auf der Realisationsebene nicht möglich ist. Den tendenziellen Fall der Profitrate, die Triebkraft der periodischen Krisen des Kapitalismus und dadurch letztlich die Grundlage für seinen Untergang, "übersieht" Lenin in seiner Arbeit von 1899. Und wie wir sehen werden, korrigiert er diesen wesentlichen Mangel auch in seinem berühmt gewordenen Imperialismus nicht.
Dabei war Lenin klarerweise durchaus mit dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate vertraut. Darauf gibt es in seinen Schriften etliche Hinweise. 1899 veröffentlichte Tugan-Baranowski seinen Artikel Der Grundfehler der abstrakten Theorie des Kapitalismus von Marx und attackierte darin die Marxsche, auf den tendenziellen Fall der Profitrate gestützte Krisentheorie, in der er den Grundfehler von Marx sah.15 Lenin las Tugan-Baranowskis Artikel und äußerte sich darüber im Juni 1899 in zwei Briefen. Im ersten schrieb er an seinen Bruder Mitja16:
"Nr.5 des Nautschnoje Obosrenije habe ich gesehen und finde den dort abgedruckten Aufsatz von Tugan-Baranowski ungeheuer dumm und unsinnig: er hat einfach willkürlich die Mehrwertrate verändert, um Marx zu widerlegen, und setzt folgende absurde Annahme voraus: Veränderung der Arbeitsproduktivität ohne Veränderung des Produktenwerts. Ich weiß nicht, ob es sich lohnt, über solche unsinnigen Aufsätze jedesmal zu schreiben: soll er doch zunächst sein Versprechen halten und das etwas ausführlicher entwickeln."17
In einem Brief an Potressow formuliert er ähnlich heftig:
"Über die umwerfenden Entdeckungen der russischen Schüler und deren Neukantianismus gerate ich immer mehr in Harnisch. Habe Tugan-Baranowskis Artikel in Nr.5 des Nautschnoje Obosrenije gelesen ... Zum Teufel, was ist das doch für ein dummes und prätentiöses Zeug! Ohne jedes historische Studium der Doktrin von Marx, ohne jegliche neue Untersuchungen, auf Grund von Fehlern in den Schemata (willkürliche Veränderung der Mehrwertrate), auf Grund der Erhebung eines ganz seltenen Ausnahmefalls zur allgemeinen Regel (Steigerung der Arbeitsproduktivität ohne Verringerung des Werts des Produkts: absurd, sobald man dies als allgemeine Erscheinung nimmt), auf Grund dessen von einer neuen Theorie, von einem Fehler bei Marx, von einer Umstellung zu sprechen ... Nein, ich kann ihrer Mitteilung nicht glauben, daß Tugan-Baranowski immer mehr zum Genossen wird. Michailowski hatte recht, als er ihn einen Echo-Menschen nannte".18
Mitte 1899, also bald nach der Veröffentlichung von Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland, verteidigte Lenin also die theoretische Grundlage von Marx Erklärung des tendenziellen Falls der Profitrate in einer orthodoxen Weise. In späteren Artikeln und Rezensionen, in denen er Tugan-Baranowskis Ansichten kritisierte, konzentrierte sich Lenin allerdings auf dessen Behauptung, daß Marx eine Unterkonsumtionstheorie vertreten hätte. Lenin verneinte, daß Marx eine solche Krisentheorie gehabt hätte, bestand aber auf der Bedeutung des Widerspruchs zwischen kapitalistischer Produktion und sozialer Konsumtion.
15 Jahre später, 1914, schrieb Lenin für die russische Enzyklopädie Granat den Artikel Karl Marx (Kurzer biographischer Abriß mit einer Darlegung des Marxismus). In dem kurzen Abschnitt Die ökonomische Lehre von Karl Marx faßt er die Ausführungen aller drei Bände des Kapital zusammen. Dort heißt es unter anderem:
"Steigerung der Arbeitsproduktivität bedeutet schnelleres Anwachsen des konstanten Kapitals im Vergleich zum variablen. Da aber der Mehrwert Funktion des variablen Kapitals allein ist, so ist es begreiflich, daß die Profitrate (das Verhältnis des Mehrwerts zum gesamten Kapital, nicht aber zu seinem variablen Teil allein) eine Tendenz zum sinken hat. Marx analysiert eingehend diese Tendenz und eine Reihe sie verhüllender oder ihr entgegenwirkender Umstände."19
Die Bedeutung, die Lenin in der Behandlung des 3. Bandes dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate einräumt, ist einigermaßen aufschlußreich. Die Frage wird mit dieser kurzen Passage abgehakt. Voraus geht dem eine ganze Seite über die Bildung der Durchschnittsprofitrate (einschließlich der Bildung der Produktionspreise, dem sogenannten Transformationsproblem). Und nach der kurzen Passage folgt eine dreiseitige Darstellung von Marx neuer revolutionärer Theorie der Grundrente, die ebenfalls im 3. Band entwickelt wird. Der tendenzielle Fall der Profitrate wird im Vergleich zu diesen beiden Schwerpunkten nur gestreift.
Der erste Schwerpunkt, das Transforamtionsproblem, reflektiert den Einfluß und die Wichtigkeit, die die theoretische Entwicklung der 2. Internationale für Lenin hatte. Die wichtigsten Theoretiker der 2. Internationale sahen sich gezwungen, das Kapital - und im besonderen den 1894 veröffentlichten 3. Band - gegen seine bürgerlichen Kritiker und Verleumder, die Theoretiker der Grenznutzentheorie (angeführt vom Österreicher Böhm-Bawerk20 ), zu verteidigen. Hilferding lieferte 1904 mit seiner Arbeit Böhm-Bawerks Marx-Kritik die "orthodoxe" Antwort, die etliche methodische und theoretische Mängel hat.21 Die bürgerliche Grenznutzentheorie fand jedenfalls unter den Revisionisten der 2. Internationale bereitwillige Aufnahme. Die Theoretiker der russischen Legalen Marxisten wurden schließlich nach der Jahrhundertwende sämtlich Anhänger der Grenznutzenschule und Gegner der Marxschen Arbeitswerttheorie.
Der zweite Schwerpunkt Lenins, die Marxsche Theorie der Grundrente, wurde sicherlich durch die Tatsache bestimmt, daß er für eine russische Enzyklopädie schrieb. Seit den später 1890er Jahren hatte Lenin immer wieder die revolutionäre Bedeutung des theoretischen Verständnisses der kapitalistischen Grundrente (wie von Marx im 3. Band entwickelt) betont. Vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklung des Kapitalismus in der russischen Landwirtschaft neben all den überlebten feudalen Überresten bekam die Agrarfrage in der russischen Revolution diese große Wichtigkeit.
Die Beschränktheit von Lenins Position liegt darin, daß er nie über die einfache Verteidigung und Darstellung von Marx Theorie hinausging. Es gelang ihm - wie wir sehen werden - nie, die Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate anzuwenden, zu entwickeln und in seine Imperialismustheorie zu integrieren.
2. Lenins Haltung zur Debatte in der 2. Internationale
Es ist unmöglich, Lenins Imperialismustheorie, ihre Mängel und ihre theoretische und praktische Bedeutung, ohne den Kontext der theoretischen Kontroversen und Entwicklungen in der 2. Internationale zu verstehen. Deshalb soll in diesem Kapitel auf Lenins Positionierung zur Debatte in der internationalen Sozialdemokratie eingegangen werden: Lenin beteiligte sich in der 2. Internationale am Kampf gegen den Revisionismus von Eduard Bernstein & Co. Er befand sich dabei längste Zeit in einem Block mit dem sogenannten marxistischen Zentrum um Karl Kautsky, dem Papst der 2. Internationale. Erst der 1. Weltkrieg und die Kapitulation der Mehrheit der Internationale (inklusive Kautsky) vor der Kriegspolitik der jeweiligen Regierungen führte zum unumkehrlichen Bruch mit den Kautskyanern.22
Nichtsdestotrotz nahm Lenin für die Entwicklung seines eigenen Standpunktes zum Imperialismus Kautskys Position in dessen Konflikt mit den Revisionisten Bernstein und Tugan-Baranowski als Ausgangspunkt. Das ist insofern nicht verwunderlich als, wie Kautsky selbst 1902 feststellte, seine Position von den damaligen orthodoxen Marxisten generell akzeptiert wurde - weil sie (so Kautsky) auf Marx zurückginge.23 Kautskys Argumentation war in der 2. Internationale in einem solchen Ausmaß als orthodoxer Marxismus anerkannt, daß sie die Haltung des linken Flügels sowohl gegenüber den offenen Revisionisten als auch gegenüber Kautskys Zentrum bestimmte. Das galt für Lenins Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus - und zwar auch nach dem entgültigen mit Kautsky und der ganzen 2. Internationale. Und das galt auch für Luxemburg und ihren anhaltenden theoretischen und programmatischen Kampf mit den Sachverständigen des Zentrums über die Frage des Wesens des Imperialismus. Für Lenin trug diese theoretische Übereinstimmung mit Kautsky (verbunden mit der scheinbaren programmatischen Übereinstimmung) entscheidend dazu bei, den Charakter des Zentrums der 2. Internationale für eine ganze Periode zu verschleiern - eben bis zum offenen Verrat an der internationalen Solidarität des Proletariats beim Kriegsausbruch 1914. In dieser Hinsicht war Luxemburg weitsichtiger als Lenin, sie erkannte wesentlich früher die opportunistische Entwicklung des Zentrums.
Das Problem lag in der Tatsache, daß Kautskys allgemein anerkannte Position keineswegs orthodox marxistisch war, d.h., daß es sich eben nicht um eine Position handelte, die auf Marx zurückging. Kautsky hatte gegen den von ihm sogenannten theoretischen Revisionismus Tugan-Baranowskis und Bernsteins, die kapitalistische Krisen abstritten, eine unterkonsumtionistische Krisentheorie entwickelt. Kautskys Argumentationslinie konzentrierte sich auf das Problem der Mehrwertrealisierung, auf den Markt und ließ den Kern des Prozesses der Kapitalakkumulation, die Produktion des Mehrwertes und ihre Widersprüche, links liegen. In dieser Hinsicht kehrte Kautsky - im Namen der Verteidigung des orthodoxen Marxismus gegen den Revisionismus - zu einem vor- oder sogar antimarxistischen Standpunkt zurück. Wie wir sehen werden, scheiterte auch Lenin daran, das Terrain der Unterkonsumtionstheorie zu verlassen, denn es gelang ihm nicht, die einzig mögliche theoretische Alternative herauszuarbeiten: das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate als der konzentrierte Ausdruck der inneren Gesetzmäßigkeiten und Widersprüche der Kapitalakkumulation, wie von Marx im 3. Band des Kapitals entwickelt.
Als Luxemburg 1913 ihre Arbeit Die Akkumulation des Kapitals veröffentlichte, erkannte Lenin nicht die allgemeine politische Richtigkeit ihres Kampfes gegen das Zentrum in der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie. Er hatte im Gegenteil lange die Tendenz gezeigt, in internen Disputen um marxistische Strategie und Taktik in der SPD das Zentrum gegen die von Luxemburg, Mehring und Liebknecht24 geführte Linke zu unterstützen. Lenins falsche politische Einschätzung erklärt teilweise, warum er auf Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals negativ reagierte. Er schrieb 1913 in einem Brief an Kamenew25:
"Ich habe Rosas neues Buch Die Akkumulation des Kapitals gelesen. Schauderhafte Verirrungen! Das ist nicht mehr Marx. Ich freue mich, daß sowohl Pannekoek als auch Eckstein und O. Bauer sie einmütig verurteilt und gegen sie das vorgebracht haben, was ich 1899 gegen die Volkstümler gesagt habe. Ich habe vor, für Nr.4 des Prosweschtschenije über Rosa zu schreiben."26
Aber Lenins Positionierung in der 2. Internationale allein kann nicht erklären, daß er sich hier theoretisch mit Eckstein und Bauer in eine Reihe stellt. Die beiden hatten als theoretische Exponenten des Zentrums Luxemburg völlig vom theoretischen Standpunkt von Tugan-Baranowski und den Legalen Marxisten angegriffen, d.h. von dem Standpunkt, den Kautsky früher als "theoretischen Revisionismus" bezeichnet hatte. Sowohl Eckstein als auch Bauer interpretierten die Marxschen Schemata für die erweiterte Reproduktion als Beleg für die grenzenlose wirtschaftliche Entwicklung des Kapitalismus.
Darüberhinaus interpretierte Bauer - ebenfalls in völliger Übereinstimmung mit Tugan-Baranowski und Bulgakow - den "isolierten" Kapitalismus aus Marx Schemata dahingehend, daß eine national isolierte kapitalistische Entwicklung (ohne Außenhandel oder externe Expansion) möglich wäre. Bauer entwickelte eine Art Theorie vom Kapitalismus in einem Land, was nichts anderes bedeutete als die theoretische Ablehnung des notwendigerweise imperialistischen Charakters der modernen kapitalistischen Wirtschaft. In anderen Worten: Bauer wandte sich bereits 1913 theoretisch gegen den notwendigen Zusammenhang zwischen der kapitalistischen Ökonomie und dem Imperialismus, also bevor Kautsky 1914 mit seiner Theorie des Ultraimperialismus27 diesen Weg beschritt. Daran zeigt sich, daß Kautsky sich eher dem theoretischen Revisionismus der anderen Sachverständigen des Zentrums anpaßte als selbst die Führung zu übernehmen.
Luxemburg verstand die theoretisch und praktisch revisionistische Logik von Bauers und Ecksteins Argumentation völlig richtig. Wie kann man dann erklären, daß Lenin die beiden gegen Luxemburg theoretisch unterstützte? Seine kurze Bemerkung gegenüber Kamenew liefert die Antwort. 1913 erkannte Lenin richtigerweise, daß Luxemburgs Hauptthese der Argumentation der Narodniki gegen ihn und die russischen Legalen Marxisten in den 1890er Jahren sehr ähnlich war.28 Auf dieser Grundlage wiederholte Lenin seinen theoretischen Block mit den Legalen Marxisten gegen die Narodniki mit einem theoretischen Block mit dem Zentrum gegen Luxemburg.
Aber die Ähnlichkeit von Luxemburgs Argumentation mit der der Narodniki war nur die formale Seite der Frage - der wirkliche Inhalt des Konflikts war von der russischen Debatte völlig verschieden. Außer der formalen Ähnlichkeit hat sich mittlerweile alles verändert: 1) In den 1890er Jahren handelte es sich um einen theoretischen Block mit den Proto-Revisionisten im russischen Marxismus gegen den kleinbürgerlich-reaktionären utopischen Sozialismus der Narodniki. 1913 handelte es sich um einen theoretischen Block mit dem kleinbürgerlich-reformistischen Zentrum gegen die proletarisch-revolutionäre Linke in der SPD. 2) In den 1890er Jahren war Lenins theoretische Unterstützung für die Legalen Marxisten gerade auf theoretischer Ebene bedenklich - er führte gegen sie dieselben unterkonsumtionistischen Elemente an, die Kautsky 1902 gegen Tugan-Baranowski verwendete. In seiner kurzen Bermerkung von 1913 begrüßt Lenin unkritisch den Angriff von Bauer und Eckstein auf Luxemburg. Für den Artikel bezüglich Luxemburgs Theorie, den Lenin Kamenew versprochen hatte, machte er zwar einige Vorarbeiten, stellte ihn aber niemals fertig. Für den Fall, das dieser Artikel verfaßt worden wäre, wäre es wohl wahrscheinlich gewesen, daß er dieselbe Kritik an Bauer und Eckstein beinhaltet hätte, die Lenin gegen Tugan-Baranowsky, Bulgakow und Co. gerichtet hatte.
Das hätte aber auf theoretischer Ebene nichts Grundlegendes geändert. Angesichts der Tatsache, daß Luxemburg eine Theorie der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus verteidigte, und angesichts des Klassencharakters der an der Debatte beteiligten Kräfte wäre es wohl richtiger gewesen, Luxemburg kritische Unterstützung gegen die Sachverständigen des Zentrums zu geben. Es zeigt sich, daß Lenins theoretische Position - seine unterkonsumtionistische Kritik an den Legalen Marxisten - auf der Ebene der Theorie keinen wirklichen Bruch mit dem "theoretischen Revisionismus" repräsentierte. Auf dieser Grundlage Luxemburg kritisch zu unterstützen, hätte nicht anderes bedeutet als ihre Theorie zu unterstützen, da sie ja - wie Lenin - eine Unterkunsumtionstheorie vorbrachte. Das hätte noch immer nichts anders bedeutet, als weiterhin auf Grundlage der falschen Alternative zwischen der "allgemein anerkannten" "orthodox-marxistischen" Krisentheorie auf der einen Seite und der revisionistisch-harmonistischen Disproportionalitätstheorie auf der anderen zu verbleiben. Notwendig war ein völliger theoretischer Bruch sowohl mit Luxemburg als auch mit den Sachverständigen des Zentrums (verbunden mit einer gleichzeitigen Unterstützung von Luxemburgs politischem Kampf gegen den Revisionismus), ein Bruch der nur auf der Basis von Marx Theorie der Kapitalakkumulation im allgemeinen und auf der Basis des tendenziellen Falls der Profitrate im besonderen möglich gewesen wäre.
Nach dem Verrat des Zentrums an den internationalen Interessen der Arbeiterklasse veränderte sich Lenins politische Einschätzung von Luxemburg und Kautsky grundlegend. Im Oktober 1914 formulierte er das in einem Brief an Schljapnikow29 so:
"Rosa Luxemburg hatte recht, als sie bereits vor langer Zeit schrieb, Kautsky sei die Servilität des Theoretikers eigen, einfacher gesagt, die Kriecherei, die Kriecherei vor der Mehrheit der Partei, vor dem Opportunismus."30
Der bereits erwähnte Text Lenins für die Enzyklopädie Granat, der im November 1914 (also nach dem Kriegsausbruch und der Kapitulation der 2. Internationale im August) fertiggestellt wurde, beinhaltet allerdings folgenden Hinweis in der Bibliographie:
"Zur Marxschen Theorie über die Akkumulation des Kapitals gibt es eine neue Arbeit von Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals (Berlin 1913); ihre falsche Auslegung der Marxschen Theorie wird analysiert von Otto Bauer: Die Akkumulation des Kapitals (Die Neue Zeit, XXXI/1, 1913, S.831 und 862); von Eckstein im Vorwärts 1913 und von Pannekoek in der Bremer Bürger-Zeitung, 1913."31
Das zeigt wohl, daß Lenin - während er seine politische Einschätzung grundlegend revidiert hat - seine ursprüngliche theoretische Haltung in Bezug auf Luxemburg und die Theoretiker des Zentrums beibehalten hat. Trotz allem kam es für Lenin nicht in Frage zu Luxemburgs theoretischer Position überzugehen - ihre theoretischen Fehler waren dafür zu offensichtlich. Seine politische Neueinschätzung könnte ihn aber zum Überdenken seiner eigenen theoretischen Position geführt haben - was eine Neueinschätzung der ganzen theoretischen Tradition des Kampfes gegen den Revisionismus in der 2. Internationale erfordert hätte. Die Frage ist, ob Lenin eine solche Neueinschätzung vornahm. Genauer gesagt: Hat Lenin in den 1 _ Jahren zwischen Ende 1914 und der Fertigstellung von seinem Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus im Juni 1916 seine eigene theoretische Position verändert? Die Antwort ist - wie wir sehen werden - ein eindeutiges Nein.
Bevor wir uns das anhand von Lenins Imperialismus genauer ansehen, soll hier noch kurz auf Lenins Verhältnis zu den Arbeiten von Hilferding und Bucharin eingegangen werden. Hilferdings Finanzkapital wird von Lenin erstmals nach Kriegsbeginn und dem Bruch mit der 2. Internationale erwähnt. Obwohl Hilferding nicht im internationalistischen Lager steht, empfiehlt Lenin Hilferdings Arbeit und nimmt ihr gegenüber eine kritische, aber insgesamt positive Haltung ein. Es existiert zwar keine ausführliche theoretische Kritik Lenins am Finanzkapital, in Lenins Heften zum Imperialismus (Notizen und andere Vorarbeiten zum Imperialismus) gibt es aber Elemente einer Kritik. Lenin bezeichnet Hilferding als Gegner der marxistischen dialektisch-materialistischen Methode und listet all das auf, was er als Mängel des Finanzkapitals ansieht:
"Mängel Hilferdings: 1) Theoretischer Fehler in Bezug auf das Geld. 2) Ignoriert (fast) die Aufteilung der Welt. 3) Ignoriert den Zusammenhang zwischen Finanzkapital und Parasitismus. 4) Ignoriert den Zusammenhang zwischen Imperialismus und Opportunismus."32
Die wesentlichste Schwäche Hilferdings findet sich in dieser Liste allerdings nicht: nämlich seine Disproportionalitätstheorie. Lenin kritisiert Hilferding diesbezüglich nicht, weil sein eigenes Verständnis im wesentlichen nicht über das von Hilferding hinausging. Von Hilferdings Disproportionalitätstheorie war es freilich nur noch ein kleiner Schritt zu der Argumentation, die im Finanzkapital vorgebracht wird, daß das Finanzkapital Krisen abschwächt. Obwohl Lenin - wie wir sehen werden - im Gegenteil der Ansicht war, daß der monopolistische Kapitalismus Krisen weiter verschärft, führt er diesen entscheidenden Punkt in seiner Aufzählung der Mängel Hilferdings nicht an.
In der Einleitung zum Imperialismus nennt er zuerst die Arbeit Hobsons33 und beurteilt dann Hilferdings Werk überwiegend positiv:
"Im Jahre 1910 erschien in Wien das Werk des österreichischen Marxisten Rudolf Hilferding Das Finanzkapital (...). Obwohl der Autor in der Geldtheorie irrt und eine gewisse Neigung zeigt, den Marxismus mit dem Opportunismus zu versöhnen, ist dieses Werk eine höchst wertvolle theoretische Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus, wie der Untertitel des Hilferdingschen Buches lautet. Im Grunde genommen geht das, was in den letzten Jahren über den Imperialismus gesagt wurde (...), kaum über den Kreis der Ideen hinaus, die von den beiden genannten Autoren dargelegt oder vielmehr zusammengefaßt worden sind (...)"34
Was Bucharins Arbeit Imperialismus und Weltwirtschaft35 betrifft, so scheint sie in Lenins Imperialismus nur ganz am Rande als Quelle auf. Lenin war Bucharins Werk freilich sehr wohl vertraut, denn er verfaßte im Dezember 1915 ein Vorwort dafür. Darin betont er allgemein die Wichtigkeit der Analyse des Imperialismus für die Arbeiterbewegung, faßt einige seiner Grundgedanken zusammen und kritisiert den Sozialpatriotismus Kautskys. Bucharins Arbeit selbst wird nur kurz und oberflächlich mit folgenden Worten behandelt:
"Die wissenschaftliche Bedeutung der Arbeit N.I. Bucharins liegt besonders darin, daß er die Grundtatsachen der Weltwirtschaft betrachtet, die den Imperialismus als Ganzes, als eine bestimmte Entwicklungsstufe des höchstentwickelten Kapitalismus betreffen."36
Warum Lenin der doch recht beachtlichen Arbeit Bucharin - zumindest scheinbar - eher weniger Bedeutung zumaß, darüber läßt sich nur spekulieren: Hat Lenin seinen damals 27-jährigen "Schüler" Bucharin nicht entsprechend ernst genommen? Hat der Konflikt, der von 1915 bis 1917 in der bolschewistischen Partei zwischen dem Parteizentrum um Lenin in der Schweiz und der Gruppe um Bucharin und Pjatakow37 in Skandinavien existierte, eine Rolle gespielt? Bucharins 1920 verfaßte Arbeit Ökonomik der Transformationsperiode38 fand schließlich größere Aufmerksamkeit durch Lenin, der sie 1922 mit Randbemerkungen versah. Darin übt er teilweise gerechtfertigte, teilweise etwas pedantische Kritik an Bucharins akademisch-gespreizter Ausdrucksweise und an etlichen politischen Punkten, nicht aber an Bucharins wesentlichstem Fehler: an seiner Theorie des Staatskapitalismus39 .
Lenin war mit seinem Imperialismus jedenfalls nicht nur von der Debatte in der 2. Internationale im allgemeinen beeinflußt, sondern (wie er selbst anführt) auch im besonderen von den Arbeiten von Hilferding, Hobson - und wohl auch Bucharin. Aber handelt es sich - wie der bürgerlich-akademische Autor Brewer40 behauptet - um ein bloßes Plagiat von diesen Autoren? Das kann wohl mit Bestimmtheit verneint werden. So meint selbst A.G. Löwy, Biograph und vehementer Fürsprecher Bucharins:
"Die Behauptungen (...), die von einem bewußten Plagiat Lenins sprechen, entbehren (...) jeder Grundlage. Ein Vergleich der herangezogenen Quellen zeigt durchwegs originäre Bearbeitung der Literatur durch Lenin. Lenins Schlußfolgerungen sind ganz anders pointiert als die Bucharins."41
Lenins Hefte zum Imperialismus, die über 800 Seiten umfassen, belegen das umfangreiche Studium des Materials durch Lenin. Darüberhinaus kommen - wie wir sehen werden - Hilferding und Lenin in ganz entscheidenden und Bucharin und Lenin in etlichen Punkten zu unterschiedlichen Resultaten.
3. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalimus
Lenins berühmte Schrift mit ihren Stärken und Schwächen kann nicht ohne den theoretischen und historischen Kontext verstanden werden, in dem sie entstand. Das betrifft nicht nur die theoretische Debatte in der 2. Internationale, sondern auch ihre Grundlage, die Entwicklung des Kapitalismus nach der Jahrhundertwende, und den 1. Weltkrieg. Die Erarbeitung und Niederschrift des Werkes Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus fand während des blutigen Wahnsinns des imperialistischen Krieges statt und stand sicherlich unter diesem Eindruck. Aber die unter der zaristischen Zensur verfaßte Schrift war kein eilig hingeschriebenes Propagandatraktat. Obwohl es sich um einen gemeinverständlichen Abriß handelte, hatte sie den Anspruch, sich auf die "auschließlich theoretische - insbesondere die ökonomische - Analyse"42 zu konzentrieren. Von diesem Standpunkt muß es auch beurteilet werden.
Lenins Arbeit wurde geschrieben, um die ökonomischen Ursachen des 1914 begonnenen Krieges aufzuzeigen. So schrieb Lenin im Vorwort von 1917:
"Ich möchte hoffen, daß meine Schrift dazu beitragen wird, sich in der ökonomischen Grundfrage zurechtzufinden, ohne deren Studium man nicht im geringsten verstehen kann, wie der jetzige Krieg und die jetzige Politik einzuschätzen sind, nämlich in der Frage nach dem ökonomischen Wesen des Imperialismus."43
Und 1920 fügte er im Vorwort zur französischen und deutschen Ausgabe hinzu:
"(...) die Hauptaufgabe des Buches bleibt nach wie vor, an Hand von zusammenfassenden Daten unbestrittener bürgerlicher Statistiken und von Zeugnissen bürgerlicher Gelehrter aller Länder zu zeigen, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, am Vorabend des ersten imperialistischen Weltkrieges, das Gesamtbild der kapitalistischen Weltwirtschaft in ihren internationalen Wechselbeziehungen war."44
Das Ziel war, klarzustellen, daß der Konflikt ein imperialistischer Krieg zur gewaltsamen Neuaufteilung der Welt unter den wichtigsten europäischen Mächten war, eine Neuaufteilung, die durch die aufgestauten Spannungen und Widersprüche der vorangegangenen Jahrzehnte raschen Wachstums unaufschiebbar geworden war. Dieses Ziel erreichte Lenin auf brilliante Weise. Er zerlegte dabei Gegner wie Kautsky, die behaupteten, daß der Krieg ein Produkt der irrationalen Politik eines Teiles der Bourgeoisie gewesen wäre, die isoliert hätte werden können, wodurch sich ein friedlicher Übergang zum Sozialismus ergeben hätte können.
Nichtsdestotrotz beinhaltet Lenins Arbeit einige Fehler und Schwächen. Dabei handelt es sich teilweise um Schwächen, die - wie z.B. die Generalisierung von Erscheinungsformen der ersten 15 Jahren des Jahrhunderts auf die gesamte imperialistische Epoche - 1916 nur schwer vermeidbar waren. Andere Fehler - wie z.B. das mangelhafte Verständnis von kapitalistischen Krisen - teilte er mit seinen Vorgängern und seinen meisten Nachfolgern und drücken eine bedeutende theoretische Schwäche aus.
a. Vom Finanzkapital beherrschter Monopolkapitalismus
An verschiedenen Stellen seiner Arbeit definiert Lenin Imperialismus zusammengefaßt als "das monopolistische Stadium des Kapitalismus"45 . An einer Stelle dehnt er das auf eine Reihe von fünf Merkmalen aus, die später berühmt geworden sind und die gleichzeitig als Überblick eine erste Grundlage für eine kritische Beschäftigung mit Lenins Position abgeben können:
"(...) eine solche Definition des Imperialismus geben, die folgende fünf seiner grundlegenden Merkmale enthalten würde: 1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, daß sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses Finanzkapitals; 3. der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung; 4. es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen, und 5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet."46
Dabei ist festzustellen, daß Lenin durch diese Definition keineswegs davon ausging, daß sich alle Merkmale im selben Ausmaß in allen Ländern entwickelt hätten. Er präsentierte ein Gesamtbild, das die kombinierten Ergebnisse der Untersuchung beinhaltet. Die länger ausgeführte Analyse in Lenins Arbeit illustriert die ungleichmäßige Art, in der sich die Merkmale in den wichtigsten imperialistischen Ländern entwickelten.
Lenin argumentierte, daß der Kapitalismus der freien Konkurrenz mit der zyklischen Krise von 1873 endete. Dann begann eine Übergangsperiode, die mit der großen Depression zusammenfiel, in der monopolistische Merkmale mit solchen der freien Konkurrenz kombiniert waren.47 Genaugenommen war diese Entwicklung ein Produkt der Tendenz der neuen kapitalistischen Mächte Deutschland und USA, ihre Industrien hinter protektionistischen Zollmauern aufzubauen. Der späte Start dieser kapitalistischen Mächte, denen Kolonien weitgehend vorenthalten waren, bedeutete, daß sie den Vorsprung der alten Mächte Großbritannien und Frankreich nur durch einen beschleunigten Konzentrations- und Zentralisationsprozeß und eine rasche Fusion von Banken und Industrien (um den Akkumalutionsprozeß besser vorantreiben zu können) aufholen konnten.
In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde die britische Dominanz des Welthandels von Deutschland und den USA erfolgreich herausgefordert. Als sie stärker wurden, suchten sie nach jenen kolonialen Besitzungen, die Großbritannien und Frankreich in solcher Fülle besaßen. Das Ergebnis war der Versuch der verschiedensten Mächte, die bisher unbesetzten Gebiete der Welt zu annektieren, was sich in den 1880er Jahren im sogenannten Wettlauf um Afrika zuspitzte. Trotz ihrer größeren ökonomischen Vitalität verloren die neuen kapitalistischen Mächte damals noch gegen die alten. Für Lenin endete die Übergangsphase zur neuen Epoche des Kapitalismus während den Boomjahren zwischen 1895 und 1900 und durch die zyklische Krise zwischen 1900 und 1903, die bereits unter der Dominanz der Monopole ablief.48
Durch das Verständnis dieser ungleichen und kombinierten Entwicklung wird klar, daß Lenin nicht "widerlegt" ist, wenn wir einen Imperialismus finden, der nur wenige Kolonien verfügt (wie die USA), oder wenn wir ein unterentwickeltes Zusammenwachsen von Industrie- und Bankkapital feststellen (wie im Falle Großbritanniens zur Jahrhundertwende). Lenin abstrahierte in seiner Zusammenfassung nicht nur von vorimperialistischen Überbleibseln, die weiterhin existierten, sondern auch von nationalen Besonderheiten. Er beging aber nicht den Fehler Kautskys, der die Widersprüche ignorierte, die mit dieser ungleichen Entwicklung verbunden waren und die zum Krieg führten.
Wiederholt wird in der Diskussion von Lenins Imperialismus die Frage aufgeworfen, ob die Arbeit einseitig auf die europäische Entwicklung ausgerichtet ist (und etwa die USA vernachlässigt wurde).49 Beinhaltet die Arbeit also einen übermäßigen europäischen Focus? Ja und nein. Wenn man das umfangreiche, von Lenin verwendete Material betrachtet, ist eindeutig festzustellen, daß er überwiegend europäische Statistiken und Artikel und Bücher europäischer Autoren benutzt hat - darunter wieder mit einem massiven Schwerpunkt auf deutschsprachigem Material.50 Das ist aber keiner etwaigen Borniertheit Lenins geschuldet, sondern der Tatsache, daß er - von einem Internet-Anschluß ganz zu schweigen - unter den damaligen Kommunikationsverhältnissen und noch dazu während dem Krieg eben an bestimmtes Material besser herankam an als anderes. Ein gewisser europäischer Schwerpunkt mag auch dadurch zu erklären sein, daß die Arbeit vor dem Hintergrund des 1. Weltkrieges geschrieben wurde, dessen Hauptantagonisten europäische Mächte waren und der hauptsächlich in Europa ausgetragen wurde.
Trotzdem wirkt sich das kaum negativ auf Lenins Schrift aus. Bei dem Zahlenmaterial, mit dem er seine Thesen belegt, überwiegen zwar Beispiele aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Lenin verliert dabei aber keineswegs die Bedeutung des aufsteigenden US-Imperialismus aus den Augen. So stammen im Abschnitt über die Konzentration und Monopolisierung des Kapitals die wichtigsten Illustrationen aus Deutschland, Lenin fügt aber hinzu:
"In einem anderen fortgeschrittenen Land des modernen Kapitalismus, den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wächst die Konzentration der Produktion noch schneller"51
Und im Kapitel über die Aufteilung der Welt unter den Kapitalistenverbänden bezeichnet Lenin Deutschland und die USA als die beiden fortgeschrittensten kapitalistischen Länder. Er beschreibt dabei einerseits die Konkurrenz zwischen der deutschen AEG und der amerikanischen General Electric Co. um die weltweite Vorherrschaft auf dem Elektrosektor und andererseits die Konkurrenz zwischen Rockefellers Standard Oil Co. (heute Exxon) und ihren europäischen Gegnern Shell und der Deutschen Bank um die Vorherrschaft auf dem Ölsektor. Einzig bei der Einschätzung des Kolonialismus gelingt es - wie wir sehen werden - Lenin nicht, das amerikanische Beispiel in seine Analyse zu integrieren beziehungsweise daraus die nötigen Schlüsse zu ziehen.
Die Kapitel I., II. und III. von Lenins Arbeit, die sich mit der Konzentration der Produktion, der Monopolbildung, der Rolle der Banken und dem Entstehen des Finanzkapitals beschäftigen, orientieren sich weitgehend an Hilferdings Finanzkapital. Die Konzentration der Produktion in immer größeren Betrieben sei "eine der charakteristischen Besonderheiten des Kapitalismus"52 , was auch schon durch die Marxsche ökonomische Theorie gezeigt worden sei.
"Die Verwandlung der Konkurrenz in das Monopol ist eine der wichtigsten Erscheinungen - wenn nicht die wichtigste - in der Ökonomik des modernen Kapitalismus (...)."53
Auch in Großbritannien, dem Land des Freihandels, gäbe es diese Tendenz. Trotz verschiedener nationaler Unterschiede zeige sich, daß
"die Entstehung der Monopole infolge der Konzentration der Produktion überhaupt ein allgemeines Grundgesetz des Kapitalismus in seinem heutigen Entwicklungsstadium ist"54.
Die Monopolbildung geht - wie Lenin von Hilferding übernimmt - ganz wesentlich unter dem Einfluß der Banken vor sich:
"In dem Maße, wie sich das Bankwesen und seine Konzentration in wenigen Institutionen entwickeln, wachsen die Banken aus bescheidenen Vermittlern zu allmächtigen Monopolinhabern an, die fast über das gesamte Geldkapital aller Kapitalisten und Kleinunternehmer sowie über den größten Teil der Produktionsmittel und Rohstoffquellen des betreffenden Landes oder einer ganzen Reihe von Ländern verfügen. Die Verwandlung zahlreicher bescheidener Vermittler in ein Häuflein Monopolisten bildet einen der Grundprozesse des Hinüberwachsens des Kapitalismus in den kapitalistischen Imperialismus (...) Die großen Unternehmungen, besonders die Banken, verschlingen nicht nur unmittelbar die kleinen, sondern gliedern sie sich an, unterwerfen sie, schließen sie in ihre Gruppe, ihren Konzern (...) ein durch Beteiligung an ihrem Kapital, durch Aufkauf oder Austausch von Aktien, durch ein System von Schuldverhältnissen usw. usf."55
Die zunehmende Abhängigkeit der Industrie von den Banken gehe mit einer Verschmelzung einher, mit dem Eintritt der Banker in die Aufsichtsräte und Vorstände der Industrie- und Handelsunternehmen. Zu dieser "Personalunion" zwischen Bank- und Industriespitzen komme eine weitere Personalunion mit politischen Repräsentanten der Bourgeoisie in Regierung und Staatsapparat. All diese Entwicklungen belegt Lenin mit umfangreichem Zahlenmaterial. Das Ergebnis sei
"ein Verwachsen des Bankkapitals mit dem Industriekapital und (...) ein Hinüberwachsen der Banken in Institutionen mit wahrhaft universalem Charakter"56.
Und er fügt hinzu:
"Das 20. Jahrhundert ist also der Wendepunkt vom alten zum neuen Kapitalismus, von der Herrschaft des Kapitals schlechthin zu der Herrschaft des Finanzkapitals."57
Das bedeute eine totale Dominanz des Finanzkapitals über die Gesellschaft. Selbst Kleinunternehmer und Kleinaktionäre - von der Arbeiterklasse ganz zu schweigen - hätten nichts zu melden:
"Ist das Monopol einmal zustande gekommen und schaltet und waltet es mit Milliarden, so durchdringt es mit absoluter Unvermeidlichkeit alle Gebiete des öffentlichen Lebens, ganz unabhängig von der politischen Struktur und beliebigen anderen Details."58
Die "Sanierung" von krisengeschüttelten Unternehmen sei für das Finanzkapital eine besonders gewinnbringende Angelegenheit, durch die diese Betriebe überdies in Abhängigkeit gebracht werden könnten. Ähnliches gelte für die Immobilien- und Grundstücksspekulation:
"Eine besonders gewinnbringende Transaktion des Finanzkapitals ist auch die Spekulation mit Grundstücken in der Umgebung schnell wachsender Großstädte. Das Bankmonopol verschmilzt hier mit den Monopolen der Grundrente und des Verkehrswesens, denn das Steigen der Preise für Grundstücke, die Möglichkeit, diese in Parzellen günstig zu verkaufen u.a.m., hängt vor allem von der guten Verkehrsverbindung mit dem Zentrum der Stadt ab, und diese Verkehrsmittel befinden sich in den Händen großer Gesellschaften, die durch das Beteiligungssystem und die Verteilung von Direktorenposten mit eben denselben Banken verbunden sind."59
Das Ergebnis der Entwicklung zum Imperialismus ist laut Lenin ein "gigantischer Fortschritt in der Vergesellschaftung der Produktion"60, der jedoch für die Mehrheit der Menschheit nichts bringe - im Gegenteil:
"In seinem imperialistischen Stadium führt der Kapitalismus bis dicht an die allseitige Vergesellschaftung der Produktion heran, er zieht die Kapitalisten gewissermaßen ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen in eine Art neue Gesellschaftsordnung hinein, die den Übergang von der völlig freien Konkurrenz zur vollständigen Vergesellschaftung bildet. Die Produktion wird vergesellschaftet, die Aneignung jedoch bleibt privat. Die gesellschaftlichen Produktionsmittel bleiben Privateigentum einer kleinen Anzahl von Personen. Der allgemeine Rahmen der formal anerkannten freien Konkurrenz bleibt bestehen, und der Druck der wenigen Monopolinhaber auf die übrige Bevölkerung wird hundertfach schwerer, fühlbarer, unerträglicher."61
In diesem Punkt, in der Einschätzung des Imperialismus, unterscheidet sich Lenin grundlegend von Kautsky und Hilferding, die ihm - wie wir gesehen haben - ein weit größeres progressives Potential unterstellen. Ansonsten aber geht Lenin in diesen ersten drei Kapiteln nicht über Hilferdings Arbeit hinaus. Er fällt in einem Punkt sogar hinter Hilferding zurück, denn seine Verwendung des Begriffs Finanzkapital ist inkonsequent. In Anlehnung an den bereits erwähnten bürgerlichen Ökonomen Hobson benützt Lenin den Begriff teilweise im Sinne von Bankkapital. Diese "enge" Verwendung des Begriffs durch Hobson und Lenin ist vor allem deshalb problematisch, weil dadurch gerade das getrennt wird, was durch das Hilferdingsche Konzept von Finanzkapital vereint werden soll, nämlich das Industrie- und das Bankkapital. Diese Ungenauigkeit wirkt sich - wie wir sehen werden - vor allem in Zusammenhang mit der Analyse des Kapitalexports und des Parasitismus aus.
b. Parasitismus, Kapitalexport und Kolonialismus
In den Kapiteln IV. bis VI. beschäftigt sich Lenin mit dem Kapitalexport und der Aufteilung der Welt unter die Kapitalistenverbände und Großmächte, im Kapitel VIII. mit dem sogenannten Parasitismus. Im Gegensatz zu den Themenkreisen Monopolisierung und Finanzkapital stammt vor allem die Schwerpunktsetzung auf die Aufteilung der Welt zwischen monopolistischen Konzernen von Lenin selbst, der damit auch die Erklärung für die Dynamik liefert, die zum Krieg um die Neuaufteilung führt.
Lenin zeigt in Anlehnung an Hilferding und Bucharin, daß für den Kapitalismus der freien Konkurrenz der Warenexport kennzeichnend gewesen sei und daß für den Monopolkapitalismus der Export von überschüssigem Kapital wesentlich sei. Letzteres führe schließlich zur Aufteilung der Welt unter den Kapitalistenverbänden und den Großmächten:
"Die Monopolverbände der Kapitalisten - die Kartelle, Syndikate und Trusts - teilen vor allem den ganzen Binnenmarkt unter sich auf, indem sie die Produktion des betreffenden Landes mehr oder weniger vollständig an sich reißen. Aber der Binnenmarkt hängt unter dem Kapitalismus untrennbar mit dem Außenmarkt zusammen. Der Kapitalismus hat längst den Weltmarkt geschaffen. Und in dem Maße, wie der Kapitalismus wuchs und die ausländischen und kolonialen Verbindungen und Einflußsphären der riesigen Monopolverbände sich in jeder Weise erweiterten, kam es natürlicherweise unter ihnen zu Abmachungen im Weltmaßstab, zur Bildung von internationalen Kartellen."62
Weiters argumentiert Lenin, daß die Monopolisierung und der imperialistische Kolonialismus eine "Tendenz zur Stagnation und Fäulnis"63 habe und in den reichsten imperialistischen Ländern zu einem Parasitismus führe. Mit Parasitismus ist dabei der Export von Kreditkapital ins Ausland und das Einstreifen der sich daraus ergebenden Zinsen gemeint - das, was Lenin als "Kuponschneiden"64 bezeichnet. Allerdings ist sein Verständnis dieses Parasitismus insgesamt nicht zufriedenstellend.
Er kritisierte Hilferding durchaus richtig für dessen Annahme, daß Parasitismus in erster Linie ein Phänomen des Kapitalismus der freien Konkurrenz sei, ein Phänomen, daß nur mit der Finanzspekulation verbunden sei, die nach Hilferdings Ansicht als Folge der Verschmelzung des Bankapitals mit dem Industriekapital rückgängig sei. Dieser Prozeß würde laut Hilferding dazu führen, daß das Bankkapital mit seinen Finanzmachenschaften "verantwortungsbewußter" sei. Wie wir gesehen haben war diese Ansicht Hilferdings mit der Vorstellung verbunden, daß Krisen im Prinzip vermeidbar wären, wenn der Prozeß der Monopolisierung nur weit genug gehe. Lenin meint, daß Hilferding "hier im Vergleich zu dem Nichtmarxisten Hobson einen Schritt rückwärts getan hat"65. Er zeigt, wie die Tendenz der Kuponschneiderei einer Schicht von Rentnern im Imperialismus enorm angewachsen ist. Angesichts dem heutigen riesigen Anstieg der Verschuldung von Individuen, Firmen und Staaten, die anfänglich für die Ausweitung der produktiven Industrie stimulierend, dann aber zunehmend als ein Hindernis wirkt, kann man Lenin nur zustimmen, daß der Parasitismus ein wesentliches Merkmal der imperialistischen Epoche geworden ist.
Nichtsdestotrotz bleibt ein wesentliches Problem mit Lenins Verständnis des Parasitismus, das auf die zu unkritische Übernahme der Ansichten Hobsons zurückzuführen ist. Lenin argumentiert wie folgt:
"Die Kapitalausfuhr, eine der wesentlichsten ökonomischen Grundlagen des Imperialismus, verstärkt diese völlige Isolierung der Rentnerschicht von der Produktion noch mehr und drückt dem ganzen Land, das von der Ausbeutung der Arbeit einiger überseeischer Länder und Kolonien lebt, den Stempel des Parasitismus auf."66
Die Folge sei eine Verwandlung der alten Kolonialmächte, der entwickelten Nationen in "Rentnerstaaten" oder "Wucherstaaten". Bezüglich der Entwicklungsperspektiven führt er zustimmend folgende Passage von Hobson an:
"Der größte Teil Westeuropas könnte dann das Aussehen und den Charakter annehmen, die einige Gegenden in Süd-England, an der Riviera sowie in den von Touristen am meisten besuchten und von den reichen Leuten bewohnten Teilen Italiens und der Schweiz - bereits haben: ein Häuflein reicher Aristokraten, die Dividenden und Pensionen aus dem Fernen Osten beziehen, mit einer etwas größeren Gruppe von Angestellten und Händlern und einer noch größeren Anzahl von Dienstboten und Arbeitern im Transportgewerbe und in den letzten Stadien der Produktion leicht verderblicher Waren; die wichtigsten Industrien wären verschwunden, die Lebensmittel und Industriefabrikate für den Massenkonsum würden als Tribut aus Asien und Afrika kommen."67
Lenin unterstützte dieses Szenario (wenn auch mit dem Vorbehalt, daß die proletarische Revolution dieser Entwicklung einen Strich durch die Rechnung machen könnte). Er erkennt damit Tendenzen, die tatsächlich vorhanden sind und die teilweise nach 1945 von verschiedenen Linken als großartige neue Erkenntnisse verkauft wurden: der Rückgang von Teilen der Industrieproduktion in den imperialistischen Ländern, das Anwachsen des Transport- und Dienstleistungssektors in den imperialistischen Metropolen, die Privilegierung von erheblichen Teilen der Arbeiterklasse in den imperialistischen Ländern. Letzteres ist die Grundlage für die Herausbildung einer Arbeiteraristokratie, auf die sich wiederum der Opportunismus innerhalb der Arbeiterbewegung, d.h. der Reformismus, stützt. Gegenüber Kautsky und Hilferdings betont Lenin gerade diese Prozesse sehr nachhaltig. Andererseits macht er sich dadurch, daß er Hobsons Szenario gutheißt, einer Einseitigkeit schuldig.
Gerade die "wichtigsten Industrien" hat die Bourgeoisie stets in den imperialistischen Zentren gehalten. Es kann in den letzten 80 Jahren auch keineswegs von einem kontinuierlichen Deindustrialisierungsprozeß in den imperialistischen Ländern gesprochen werden - eher im Gegenteil: die Zwischenkriegszeit und die Jahrzehnte nach 1945 waren von einer immer größeren Zunahme der Industrieproduktion und -beschäftigung gekennzeichnet. Erst in den letzten Jahrzehnten kann eine Stagnation und ein leichter Rückgang festgestellt werden. Von einem weitgehenden Verschwinden der Industriearbeiterklasse konnte keine Rede sein. Das Proletariat konnte von der imperialistischen Bourgeoisie zwar teilweise eingekauft werden, zu einer völligen Beseitigung seines Klassenbewußtseins, seiner Organisationen und seiner Kampfbereitschaft hat das aber keineswegs geführt (die in Österreich relativ starke Entwicklung in diese Richtung ist hier eher die Ausnahme als die Regel). Auch die "Lebensmittel und Industriefabrikate für den Massenkonsum" kommen weiterhin zu einem großen Teil aus den imperialistischen Ländern selbst.
Hobson und Lenin begingen den Fehler, eine Tendenz, die in den alten Industrie- und Kolonialmächten (besonders in Großbritannien) existierte, vorschnell zu verallgemeinern. Beim britischen Imperialismus gab es tatsächlich die Entwicklung, den Niedergang durch den Export von Geldkapital und das Einstreifen von Zinsen auszugleichen. Lenin versteht dabei den Kapitalexport (gerade auch in dem entsprechenden Kapitel) zu sehr ausschließlich als Export von Kreditkapital, während fixes Kapital (d.h. Produktionseinheiten) de facto nicht vorkommt. In der Konsequenz sieht er eine gegenläufige Entwicklung zwischen dem Niedergang der Produktion der "alten" Imperialismen und dem Ansteigen des Parasitismus. Er ignoriert letztlich die Tendenz des imperialistisch kontrollierten Kapitalexports zur Ansiedlung der Produktion im Ausland.
Obwohl er in Kapitel V. die Aufteilung der Welt unter den Monopolverbänden beschreibt, gelingt es ihm nicht, diese Anfänge des multinationalen (oder transnationalen) Kapitals zu theoretisieren und in seine gesamte Analyse zu integrieren. Die weitere Entwicklung des Imperialismus hat jedenfalls gezeigt, daß das Industrie- und Bankkapital eng miteinander verbunden waren. Der fortgesetzte Niedergang des britischen Imperialismus während des gesamten 20. Jahrhunderts hat schließlich auch seine relative Stärke auf den Finanzmärkten untergraben. Ein Symptom dafür war die Abschaffung des Goldstandards durch Großbritannien in den 30er Jahren. Gleichzeitig haben sich die massiven industriellen Leistungen von zuerst den USA und später Japan (und im besonderen das Wachstum der transnationalen Aktivitäten im Ausland) als Sprungbrett für eine massive Ausweitung von deren parasitären "Kuponschneide"-Aktivitäten erwiesen.
Hier zeigt sich eben die Gefahr von Lenins inkonsequentem Verständnis von Finanzkapital., das er - wie erwähnt - in der Praxis teilweise auf das Bankkapital reduzierte. In der Folge verband er den Parasitismus nicht mit Industrie- und Bankkapital, sondern nur mit letzterem. Und dieser Weg führt in gewissem Sinn direkt zurück zu Kautsky: Er ermöglicht nämlich die reformistische Strategie, die sich auf die Ausnutzung des vermeintlichen Unterschiedes zwischen Industrie- und Finanzkapital stützt und üblicherweise zu einem Bündnis mit ersterem gegen letzteres aufruft.
Lenins Sicht des Kapitalexports, des dritten seiner fünf Merkmale, bedarf aber noch einer weiteren Kritik. Für ihn war klarerweise nicht die Form oder Richtung des Kapitalexports entscheidend, sondern die Tatsache, daß er gegenüber dem Warenexport dominiert. In dieser Hinsicht hat er recht. In seiner detailierteren Auseinandersetzung mit dem Kapitalexport in Kapitel IV. konzentriert er sich vor allem auf die Tatsache, daß von den imperialistischen Mächten Kapital in ihre Kolonien exportiert wird:
"Solange der Kapitalismus Kapitalismus bleibt, wird der Kapitalüberschuß nicht zur Hebung der Lebenshaltung der Massen in dem betreffenden Lande verwendet - den das würde eine Verminderung der Profite der Kapitalisten bedeuten -, sondern zur Steigerung der Profite durch Kapitalexport ins Ausland, in rückständige Länder. In diesen rückständigen Ländern ist der Profit gewöhnlich hoch, denn es gibt dort wenig Kapital, die Bodenpreise sind verhältnismäßig nicht hoch, die Löhne niedrig und die Rohstoffe billig."68
Die massive Betonung des Kapitalexports in die kolonialen Länder ist sicherlich auf Lenins Tendenz zurückzuführen, sich auf den Export von Kreditkapital zu beschränken (beim Kapitalsexport innerhalb Europas handelte es sich tendenziell eher um Investitionen in Produktionsstätten etc.).
Aber auch Lenin stellte bereits fest, daß im Falle Frankreichs das meiste exortierte Kapital in andere europäische Länder ging und daß es im Falle Deutschlands gleichmäßig auf Europa und Amerika aufgeteilt war. Lenin bemerkte also sehrwohl auch die innerimperialistischen Investitionen und er nahm mit seinem Erkennen des ungleichen und widersprüchlichen Ablaufs des Kapitalexports auch hier die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg vorweg (als der überwiegende Teil des Kapitalexports zwischen den imperialistischen Mächten ablief und nicht zwischen imperialistischen Ländern auf der einen Seite und der halbkolonialen Welt auf der anderen). Nichtsdestotrotz war die Gewichtung keineswegs angemessen.
Lenins Überbetonung des Kapitalexports in die kolonialen Länder, die Verallgemeinerung der (v.a. britischen) Erfahrung in den Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg ist auf sein begrenztes Verständnis des Antriebes zum Kapitalexport in den imperialistischen Ländern zurückzuführen. Er erkannte, daß das Motiv für den Kapitalexport durch die Akkumulationskrise in den entwickelten Ländern entsteht. Im Zusammenhang mit seinem schwachen Verständnis für die Dynamiken der Entwicklung der Profitrate zieht er daraus aber nicht die richtigen Schlußfolgerungen.
Es ist einseitig und schematisch, zu glauben, daß das Kapital automatisch immer dorthin fließt, wo eine niedrige organische Zusammensetzung des Kapitals besteht. Wie von Marx ausgeführt69, besteht die wesentlichste Methode des Kapitals zur Hebung des Profitrate in der Erhöhung der technischen und organischen Zusammensetzung des Kapitals und damit in der Anhebung der Ausbeutungsrate der Arbeiterklasse: durch die Verbesserung der Arbeitsproduktivität, die Verbilligung der Produkte, die in den Wert der Arbeitskraft eingehen und folglich durch die Anhebung der produzierten Mehrwertrate und -masse. Im allgemeinen besiegt das Kapital mit der höheren organischen Zusammensetzung das mit der niedrigeren, weil sich durch die Konkurrenz am Markt die höhere Produktivität und die damit billigeren Produkte durchsetzen. Durch die Konkurrenz und die Bildung der Durchschnittsprofitrate (durch den Ausgleich der Profitraten) kann das Kapital mit der höheren organischen Zusammensetzung auch einen höheren Profit erzielen. Wie sich Profitraten und Kapitalexport in einer bestimmten Phase der imperialistischen Epoche entwickeln, hängt dabei von einer ganzen Reihe von Faktoren ab: Aufschwungs- oder Krisenperiode des Kapitalismus, zyklischer Boom oder Rezession, branchenspezifische und geographische Faktoren, weitgehender Protektionismus oder relativ offener Weltmarkt (der einen internationalen Ausgleich der nationalen Durchschnittsprofitraten zumindest in Ansätzen ermöglicht), Ausbildungsniveau der Arbeiterklasse, politische Stabilität, Infrastruktur etc.70 Eine Verallgemeinerung, daß das Kapital immer in die Länder mit der niedrigeren organischen Zusammensetzung fließt, greift jedenfalls deutlich zu kurz.
In Bezug auf die vom Imperialismus abhängigen Länder zeigt sich - vor allem im Kapitel VI. Die Aufteilung der Welt unter die Großmächte - eine weitere Schwäche in Lenins Arbeit, nämlich seine Analyse des Prozesses der Kolonialisierung. Die Entwicklung habe dazu geführt,
"(...) daß die Kolonialpolitik der kapitalistischen Länder die Besitzergreifung unbesetzter Länder auf unserem Planeten beendet hat. Die Welt hat sich zum erstenmal als bereits aufgeteilt erwiesen, so daß in der Folge nur noch Neuaufteilungen in Frage kommen, d.h. der Übergang von einem Besitzer auf einen anderen, nicht aber die Besitzergreifung herrenlosen Landes."71
Angesichts des wahnwitzigen Wettlaufs um Kolonien im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und dem Aneinandergeraten der europäischen Kolonialmächte Anfang des 20. ist es natürlich nicht verwunderlich, daß Lenin die imperialistische Epoche mit Kolonialpolitik gleichgesetzt hat. Er war auch scharfsinnig genug zu erkennen, daß die Aufteilung der Welt unter den imperialistischen Mächten nicht ausschließlich die Form von Kolonien annahm:
"Spricht man von der Kolonialpolitik in der Epoche des kapitalistischen Imperialismus, dann muß bemerkt werden, daß das Finanzkapital und die ihm entsprechende internationale Politik, die auf einen Kampf der Großmächte um die ökonomische und politische Aufteilung der Welt hinausläuft, eine ganze Reihe von Übergangsformen der staatlichen Abhängigkeit schaffen. Typisch für diese Epoche sind nicht nur die beiden Hauptgruppen von Ländern - die Kolonien besitzenden und die Kolonien selber -, sondern auch die verschiedenartigen Formen der abhängigen Länder, die politisch, formal selbständig, in Wirklichkeit aber in ein Netz finanzieller und diplomatischer Abhängigkeit verstrickt sind."72
Als Beispiele für halbkoloniale Länder, die Lenin als "Übergangsformen" bezeichnet, nennt er einerseits Persien, China und die Türkei, andererseits Südamerika und im besonderen Argentinien und schließlich Portugal, daß sich seit 200 Jahren faktisch unter dem Protektorat Englands befinde. Aber - und hier liegt nun der Hund begraben - Lenin beschreibt diese Übergangsformen ausschließlich als Übergang zu voller kolonialer Abhängigkeit:
"Der Kampf um diese halbabhängigen Länder mußte begreiflicherweise besonders akut werden in der Epoche des Finanzkapitals, als die übrige Welt bereits aufgeteilt war."73
Und:
"Einzig und allein der Kolonialbesitz bietet volle Gewähr für den Erfolg der Monopole gegenüber allen Zufälligkeiten im Kampfe mit dem Konkurrenten - bis zu einer solchen Zufälligkeit einschließlich, daß der Gegner auf den Wunsch verfallen könnte, sich hinter ein Gesetz über ein Staatsmonopol zu verschanzen. Je höher entwickelt der Kapitalismus, je stärker fühlbar der Rohstoffmangel, je schärfer ausgeprägt die Konkurrenz und die Jagd nach Rohstoffquellen in der ganzen Welt sind, desto erbitterter ist der Kampf um die Erwerbung von Kolonien."74
Für Lenin war es die Rivalität, das Gleichgewicht der Kräfte zwischen den Großmächten am Anfang des 20. Jahrhunderts, die diesen Übergangsformen die Existenz ermöglichten. Er verallgemeinert hier fälschlicherweise von einer bestimmten Phase des Imperialismus und von den europäischen imperialistischen Mächten auf den Imperialismus als solchen. Hier wirkt sich die gewisse Vernachlässigung des amerikanischen Beispiels in Lenins Analyse negativ aus. Mit einer genaueren Untersuchung des amerikanischen Imperialismus und seiner Methoden zur Durchdringung Lateinamerikas hätte wohl auch schon zu Beginn des Jahrhunderts jene zur Kolonialisierung gegenläufigen Tendenzen erkannt werden können, die in späterer Folge die Oberhand gewannen. Seit dem 2. Weltkrieg wurden die Kolonialreiche aufgelöst und die halbkoloniale Abhängigkeit wurde von der Ausnahme zur Regel der imperialistischen Beherrschung.
Diese Veränderung hängt sicherlich mit dem Charakter des US-Imperialismus und seinem Aufstieg zur absoluten Hegemonialmacht zusammen. Die USA beteiligten sich im 19. Jahrhundert nicht am Wettlauf um Kolonien. Es gelang ihnen aber unter dem Deckmantel der Monroe-Doktrin - Amerika den (US-)Amerikanern! - über viele der formal unabhängigen Staaten Süd- und Mittelamerikas eine halbkoloniale Herrschaft zu errichten. Am Beginn der imperialistischen Epoche war der jugendliche US-Imperialismus durch die Ausnutzung der riesigen inneren natürlichen Ressourcen in der Lage, besonders schnell zu expandieren - so schnell, daß er sich nach dem 1. Weltkrieg als "antikoloniale" Macht darstellen konnte, die für die Befreiung der unterdrückten Völker eintritt. Das war freilich nichts anderes als Rhetorik und Ideologie eines Imperialismus, der seit dem 2. Weltkrieg die ganze Welt als sein privilegiertes Ausbeutungsgebiet betrachtete.75
Lenin diskutiert das "Musterbeispiel" Argentinien, nahm aber an, daß es wahrscheinlich koloniale Unterordnung zu erwarten hätte. Eine genauere Untersuchung hätte einen wachsenden Konflikt ans Tageslicht gefördert - zwischen Großbritannien, Argentiniens altem Herrn, und den USA, die versuchten, seine Ökonomie zu durchdringen und es von der britischen Kontrolle loszureißen. Argentiniens Geschichte im 20. Jahrhundert zeigt, daß es trotz einem relativ hohen Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung der britischen Beherrschung und Ausbeutung nicht entkommen konnte, ohne unter die Herrschaft der USA zu fallen. Und während Argentinien volle formale politische Unabhängigkeit behielt, haben seine imperialistischen Herren in den internen Konflikten der herrschenden Klasse den Ton angegeben, haben sie die argentinischen Militärs dazu bewegt, das politische Regime zu ändern, wie es den USA in den Kram paßte, und haben sie die argentinischen Massen zu Militärregimes, Unterdrückung, Ausbeutung und Elend verdammt.
c. Widersprüche und Krisen des Imperialismus
In Bezug auf das Entwicklungspotential des imperialistischen Kapitalismus verfügte Lenin - im Gegensatz zu den meisten Zeitgenossen - ein ziemlich dialektisches Verständnis der Widersprüchlichkeit des Monopolkapitalismus. Er argumentierte, jedes Monopol erzeuge neben Fortschritten in der Produktivkraftentwicklung auch
"unvermeidlich die Tendenz zu Stagnation und Fäulnis. In den Maße, wie Monopolpreise, sei es auch nur vorübergehend, eingeführt werden, verschwindet bis zu einem gewissen Grade der Antrieb zum technischen und folglich auch zu jedem anderen Fortschritt, zur Vorwärtsbewegung; und insofern entsteht die ökonomische Möglichkeit, den technischen Fortschritt künstlich aufzuhalten."76
Dabei betont Lenin nachhaltig, daß es sich dabei um eine Tendenz handelt, die "in einzelnen Industriezweigen, in einzelnen Ländern für gewisse Zeitspannen die Oberhand"77 gewinnt. Die Konkurrenz könne aber nicht rechtlos und dauerhaft ausgeschaltet werden. Und er fügt hinzu:
"Es wäre ein Fehler, zu glauben, daß diese Fäulnistendenz ein rasches Wachstum des Kapitalismus ausschließt; durchaus nicht, einzelne Industriezweige, einzelne Schichten der Bourgeoisie und einzelne Länder offenbaren in der Epoche des Imperialismus mehr oder minder stark bald die eine, bald die andere dieser Tendenzen. Im großen und ganzen wächst der Kapitalismus bedeutend schneller als früher, aber dieses Wachstum wird nicht nur im allgemeinen immer ungleichmäßiger, sondern die Ungleichmäßigkeit äußert sich auch im besonderen in der Fäulnis der kapitalkräftigsten Länder (England)."78
Er hat damit gegenüber den Theoretikern recht behalten, die von der Erfahrung der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen verallgemeinerten und im Monopolkapitalismus nur eine absolute Tendenz zu Stagnation und Fäulnis sahen.79 Der lange Boom nach dem 2. Weltkrieg brachte ein massives Anwachsen der Zentralisierung der Produktion und eine unglaubliche Weiterentwicklung der Produktivkräfte. Klarerweise argumentierte Lenin nicht, daß der Imperialismus immer und überall dazu bestimmt ist, die Produktivkräfte weiterzubringen. Er legte vielmehr die widersprüchlichen Tendenzen klar und schuf damit durch diese dialektische Herangehensweise die Grundlage für eine Verständnis der verschiedenen Perioden des Imperialismus.
Insgesamt betont Lenin freilich die imperialistische Tendenz zu immer größeren ökonomischen Widersprüchen, Krisen und Konflikten:
"Aus allem, was über das ökonomische Wesen des Imperialismus gesagt wurde, geht hervor, daß er charakterisiert werden muß als Übergangskapitalismus oder, richtiger, als sterbender Kapitalismus."80
Dabei war Lenin aber eben kein Anhänger einer Zusammenbruchstheorie in dem Sinne, daß der Imperialismus zu einem großen Kollaps und in dessen Folge automatisch zum seinem Verschwinden und ebenso automatisch zur Errichtung des Sozialismus führen müsse. Lenin hat gerade in den frühen 20er Jahren in der Diskussion in der Komintern immer wieder betont, daß der Kapitalismus zwar immer wieder auf einen ökonomischen Kollaps und auf Kriege zusteuere, daß es für ihn aber keine ausweglose Situation gäbe. Wie mittlerweile eine Reihe von kapitalistischen Wirtschaftskrisen, zwei Weltkriege und unzählige andere militärische Konflikte zeigen, werden lediglich die Folgen des Weiterbestehens des Imperialismus für die Masse der Menschheit und den Planeten immer dramatischer, die Kriege immer barbarischer. Die Überwindung des Kapitalismus hängt aber davon ab, ob die Arbeiterbewegung die Krisensituationen des Imperialismus dazu nutzen kann, mit dem System Schluß zu machen und seine erneute Stabilisierung zu verhindern. Der "objektive Prozeß" wird uns diese Aufgabe nicht abnehmen. Darüber war sich Lenin völlig klar.
Gegen Kautsky, Hilferding und verschiedene andere Reformisten in der internationalen Arbeiterbewegung beharrt Lenin auf der Unvermeidlichkeit des imperialistischen Krieges zur Neuaufteilung der Welt, der auf folgende Ursachen zurückzuführen sei: * die sich verschärfende Konkurrenz zwischen den Monopolen und den Imperialismen, * die unvermeidliche Veränderung des Kräftegleichgewichts zwischen den imperialistischen Mächten aufgrund der ungleichen ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus.
"Der Imperialismus ist die Epoche des Finanzkapitals und der Monopole, die überallhin den Drang nach Herrschaft und nicht nach Freiheit tragen. Reaktion auf der ganzen Linie, gleichviel unter welchem politischem System, äußerste Zuspitzung der Gegensätze auch auf diesem Gebiet - das ist das Ergebnis dieser Tendenzen. Insbesondere verschärfen sich auch die nationale Unterdrückung und der Drang nach Annexionen (...)."81
Und:
"Manche bürgerliche Schriftsteller (denen sich jetzt auch K. Kautsky zugesellt hat, der seiner marxistischen Einstellung, z.B. von 1909, völlig untreu geworden ist) gaben der Meinung Ausdruck, daß die internationalen Kartelle, als eine der am klarsten ausgeprägten Erscheinungsformen der Internationalisierung des Kapitals, die Erhaltung des Friedens zwischen den Völkern im Kapitalismus erhoffen lassen. Diese Ansicht ist theoretisch völlig unsinnig (...), eine unehrliche Methode, den schlimmsten Opportunismus zu verteidigen. (...) Die Kapitalisten teilen die Welt nicht etwa aus besonderer Bosheit unter sich auf, sondern weil die erreichte Stufe der Konzentration sie zwingt, diesen Weg zu beschreiten, um Profite zu erzielen; dabei wird die Teilung nach dem Kapital, nach der Macht vorgenommen - eine andere Methode der Teilung kann es im System der Warenproduktion und des Kapitalismus nicht geben. Die Macht wechselt mit der ökonomischen und politischen Entwicklung; um zu begreifen, was vor sich geht, muß man wissen, welche Fragen durch Machtverschiebungen entschieden werden; ob diese Verschiebungen nun rein ökonomischer Natur oder außerökonomischer (z.B. militärischer) Art sind, ist eine nebensächliche Frage, die an den grundlegenden Anschauungen über die jüngste Epoche des Kapitalismus nichts zu ändern vermag."82
Speziell gegen seinen politischen Ziehvater Kautsky ist Lenin sehr eindeutig. Ihm und anderen Reformisten, die dem bösen Imperialismus die freie Konkurrenz und die Demokratie entgegenstellen wirft er idealistischen Anachronismus vor:
"Angenommen, es wäre richtig, daß sich Kapitalismus und Handel bei freier Konkurrenz, ohne irgendwelche Monopole, schneller entwickeln würden. Aber je schneller die Entwicklung des Handels und des Kapitalismus vor sich geht, um so stärker ist doch die Konzentration der Produktion und des Kapitals, die das Monopol erzeugt. Und die Monopole sind ja schon entstanden, gerade aus der freien Konkurrenz! Selbst wenn die Monopole jetzt die Entwicklung zu verlangsamen begonnen haben, so ist das dennoch kein Argument zugunsten der freien Konkurrenz, die unmöglich geworden ist, nachdem sie die Monopole erzeugt hat."83
Und er fügt hinzu:
"Wesentlich ist, daß Kautsky die Politik des Imperialismus von seiner Ökonomik trennt, indem er von Annexionen als der vom Finanzkapital bevorzugten Politik spricht und ihr eine angeblich mögliche andere bürgerliche Politik auf derselben Basis des Finanzkapitals entgegenstellt. Es kommt so heraus, als ob die Monopole in der Wirtschaft vereinbar wären mit einem nicht monopolistischen, nicht gewalttätigen, nicht annexionistischen Vorgehen in der Politik. Als ob die territoriale Aufteilung der Welt, die gerade in der Epoche des Finanzkapitals beendet wurde und die die Grundlage für die Eigenart der jetzigen Formen des Wettkampfs zwischen den kapitalistischen Großstaaten bildet, vereinbar wäre mit einer nicht imperialistischen Politik. Das Resultat ist eine Vertuschung, eine Abstumpfung der fundamentalsten Widersprüche des jüngsten Stadiums des Kapitalismus statt einer Enthüllung ihrer Tiefe, das Resultat ist bürgerlicher Reformismus statt Marxismus."84
"Kautskys dummes Märchen von einem friedlichen Ultraimperialismus", das nichts anderes sei als "der reaktionäre Versuch eines erschrockenen Kleinbürgers, sich über die Wirklichkeit hinwegzusetzen"85, nähre den grundfalschen Gedanken,
"daß die Herrschaft des Finanzkapitals die Ungleichmäßigkeiten und Widersprüche innerhalb der Weltwirtschaft abschwäche, während sie in Wirklichkeit diese verstärkt."86
Und an anderer Stelle:
"Das Finanzkapital und die Trusts schwächen die Unterschiede im Tempo des Wachstums der verschiedenen Teile der Weltwirtschaft nicht ab, sondern verstärken sie. Sobald sich aber die Kräfteverhältnisse geändert haben, wie können dann unter dem Kapitalismus die Gegensätze anders ausgetragen werden als durch Gewalt?"87
Hier liegt Lenins Stärke: * in der Betonung der Widersprüche und der Krisenhaftigkeit des Imperialismus; * in der Zurückweisung des Reformismus von Kautsky und Hilferding, die behaupteten, daß durch das monopolistische Finanzkapital die kapitalistischen Krise abgeschwächt werden könnten; * im klaren und eindeutigen Aufzeigen des untrennbaren Zusammenhangs zwischen Imperialismus und Krieg. Es gelingt ihm aber nicht, diese von ihm so prägnat herausgearbeiteten Erscheinungen grundlegend theoretisch zu erklären. Seine Krisentheorie geht nicht über sein Verständnis von 1899, über das von Kautskys von 1902 und das von Hilferding von 1910 hinaus:
"Die Ausschaltung der Krisen durch die Kartelle ist ein Märchen bürgerlicher Ökonomen, die den Kapitalismus um jeden Preis beschönigen wollen. Im Gegenteil, das Monopol, das in einigen Industriezweigen entsteht, verstärkt und verschärft den chaotischen Charakter, der der ganzen kapitalistischen Produktion in ihrer Gesamtheit eigen ist. Das Mißverhältnis zwischen der Entwicklung der Landwirtschaft und der Industrie, das für den Kapitalismus überhaupt charakteristisch ist, wird noch größer. Die privilegierte Stellung, die die am stärksten kartellierte sogenannte Schwerindustrie, besonders die Kohlen- und Eisenindustrie, einnimmt, ruft in den übrigen Industriezweigen eine gesteigerte Planlosigkeit hervor, wie das Jeidels, der Verfasser einer der besten Arbeiten über das Verhältnis der deutschen Großbanken zur Industrie, zugibt."88
Hier haben wir nichts anderes als ein Neuauflage von Lenins alter Konzeption von kapitalistischen Krisen, die er 1899 weitgehend mit den Legalen Marxisten teilte. Diese Konzeption führt die Krisen auf Chaos, Ungleichmäßigkeiten und Mißverhältnisse - auf Disproportionalitäten - zurück. Im speziellen ist für Lenin der imperialistische Kapitalismus durch zwei Mißverhältnisse geprägt: 1. zwischen monopolisiertem und nicht-monopolisiertem Kapital (ungleiche Entwicklung des kapitalistischen Monopols), 2. zwischen der Industrie als ganzer und der Landwirtschaft. Der Kern seines Konzepts ist, daß die Disproportionalitäten, das Chaos und die Ungleichmäßigkeiten im Imperialismus anwachsen. Das ist zwar unbestreitbar, aber dennoch nur eine Umkehrung von Hilferdings Disproportionalitätstheorie, wonach die Disproportionen (auch für Hilferding die wesentlichen Krisenursachen) mit der imperialistischen Entwicklung abnehmen. Eine solche Umkehrung geht weder an die Wurzeln der kapitalistischen Krisen im allgemeinen noch an die der imperialistischen Krisen im besondern.
Lenin fügt aber bezüglich dem gesteigerten Risiko der individuellen Kapitalisten im Zuge der kapitalistischen Entwicklung noch einen weiteren Gedanken hinzu:
"Das gesteigerte Risiko hängt in letzter Instanz mit der ungeheuren Zunahme des Kapitals zusammen, das sozusagen überschäumt, ins Ausland strömt usw. Und zugleich bringt das beschleunigte Tempo der technischen Entwicklung immer mehr Elemente des Mißverhältnisses zwischen den verschiedenen Teilen der Volkswirtschaft, immer mehr Chaos und Krisen mit sich."89
Lenin bleibt damit im Kern auf dem Boden der Disproportionalitätstheorie. Er kombiniert sie aber mit einem Konzept der Überakkumulation (oder Überproduktion) von Kapital. Die theoretische Verbindung zwischen den beiden wird durch Elemente der Unterkonsumtionstheorie hergestellt. Im wesentlichen bringt Lenin dieselbe Einschränkung seiner im Imperialismus angeführten Disproportionalitätstheorie, die er 1899 gegen die Legalen Marxisten in ihrer Debatte mit den Narodniki vorgebracht hat:
"An der Schwelle des 20. Jahrhunderts sehen wir die Bildung von Monopolen anderer Art: erstens Monopolverbände der Kapitalisten in allen Ländern des entwickelten Kapitalismus; zweitens Monopolstellung der wenigen überaus reichen Länder, in denen die Akkumulation des Kapitals gewaltige Ausmaße erreicht hat. Es entstand ein ungeheurer Kapitalüberschuß in den fortgeschrittenen Ländern. Freilich, wäre der Kapitalismus imstande, die Landwirtschaft zu entwickeln, die jetzt überall weit hinter der Industrie zurückgeblieben ist, könnte er die Lebenshaltung der Massen der Bevölkerung heben, die trotz des schwindelerregenden technischen Fortschritts überall ein Hunger- und Bettlerdasein fristet - dann könnte von einem Kapitalüberschuß nicht die Rede sein. Und das ist auch das Argument, das allgemein von kleinbürgerlichen Kritikern des Kapitalismus vorgebracht wird. Aber dann wäre der Kapitalismus nicht Kapitalismus, denn die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung wie das Hungerdasein der Massen sind wesentliche, unvermeidliche Bedingungen und Voraussetzungen dieser Produktionsweise. Solange Kapitalismus Kapitalismus bleibt, wird der Kapitalüberschuß nicht zur Hebung der Lebenshaltung der Massen in dem betreffenden Lande verwendet - denn das würde eine Verminderung der Profite der Kapitalisten bedeuten -, sondern zur Steigerung der Profite durch Kapitalexport ins Ausland"90 .
Hier verbindet Lenin die "Mißverhältnisse" zwischen der kapitalistischen Industrie und Landwirtschaft, ihre ungleichmäßige Entwicklung mit der Unterkonsumtion der Massen im Kapitalismus. In Zusammenhang mit letzterm bringt er den Kapitalüberschuß in den entwickelten kapitalistischen Ländern und argumentiert, daß dieser nicht zur Hebung des Lebensstandards der Massen verwendet werden könnte, weil das einen Rückgang der Profite für das Kapital bedeuten würde. Und er fügt die folgende Passage hinzu:
"Die Notwendigkeit der Kapitalausfuhr wird dadurch geschaffen, daß in einigen Ländern der Kapitalismus überreif geworden ist und dem Kapital (unter der Voraussetzung der Unentwickeltheit der Landwirtschaft und der Armut der Massen) ein Spielraum für rentable Betätigung fehlt."91
Nach Lenin ist als der Kapitalüberschuß ein Überschuß aus der Sicht der Profitabilität. Dieser drückt sich in dem Widerspruch aus, daß eine Anhebung des Konsums der Massen einen Rückgang des Profits bedeutet, während genau diese Unterkonsumtion eine grundlegende Ursache für die niedrigen Profite ist. Das ist klarerweise ein realer Widerspruch der kapitalistischen Krisen, aber nichtsdestotrotz nur ein Widerspruch zwischen der Produktion des Mehrwerts und seiner Realisierung - nicht ein Widerspruch in der kapitalistischen Mehrwertproduktion selbst.
Die Integration der Unterkonsumtion der Massen in die Disproportionalitätstheorie ist im wesentlichen nichts anderes als Kautskys allgemein anerkannte Sicht von Krisen von 1902. Das heißt nicht notwendigerweise, daß Lenin - wie Luxemburg vor ihm - bewußt den Kautsky von 1902 gegen den Kautsky von 1914 benutzt. Aber Lenin hat sich auch 1916 nicht von seiner grundlegenden Argumentation gegen die Narodniki und die Legalen Marxisten verabschiedet, eine Argumentation, die er mit Kautsky teilte.
Lenin geht dabei ansatzweise über den Kautsky von 1902 hinaus, denn er versucht in gewisser Weise, bei der Entwicklung der Unterkonsumtionsargumentation die Frage der Profitabilität im Verhältnis zur Überproduktion oder Überakkumulation in den entwickelten Ländern (bezüglich einem überschüssigen Kapital, das exportiert wird, um höhere Profite zu erzielen) miteinzubeziehen. Das repräsentiert aber im wesentlichen einen Versuch, wichtige theoretische Entwicklungen, die Hilferding im Finanzkapital gemacht hat, mit einer theoretischen Prämisse zu verbinden, die er mit dem Kautsky von 1902 gemeinsam hatte. In der Folge kann Lenin Hilferdings Bemerkung über den tendenziellen Fall der Profitrate ignorieren.
Insgesamt gelingt es Lenin also nicht, seine Konzeption von 1899 und die Schwächen seiner Vorgänger zu überwinden. Er bleibt im wesentlichen bei einer Kombination von Disproportionalitäts- und Unterkonsumtionstheorie, d.h. auf der Ebene der Realisierung stehen. Er schafft es nicht, das Entscheidende der marxistischen Erklärung von kapitalistischen Krisen in seine Krisentheorie einzubeziehen: den Widerspruch in der kapitalistischen Produktion selbst, d.h. die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals, die daraus resultierende Tendenz zum Fall der Profitrate und die wiederum daraus folgende Akkumulationskrise.
Diese unzureichende - d.h. letztlich falsche - Krisentheorie Lenins ist die wesentlichste Schwäche seiner Schrift zum Imperialismus. Dadurch werden die Stärken dieser Arbeit - die gemeinverständliche und prägnante Beschreibung der wesentlichen Erscheinungsformen des imperialistischen Kapitalismus; die Betonung seiner Krisenhaftigkeit und seiner reaktionären, zum Krieg führenden Natur - zwar beeinträchtigt, nicht aber ausgelöscht.
Fußnoten:
1 W.I. Lenin: Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland. Der Prozeß der Bildung des inneren Marktes für die Großindustrie. 1899. In: LW 3, S.11-680; zur Debatte in Rußland in den 1890er Jahren siehe Teil I. in dieser Ausgabe von Marxismus
2 zur Kritik an Lenins Positionen in dieser Debatte siehe vor allem das Kapitel Lenins Realisierungstheorie im dritten Band (Kritische Exkurse) von Roman Rosdolskys ausgezeichneter Arbeit Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen "Kapital. Der Rohentwurf des Kapital 1857-1858, Frankfurt/Main 1968
3 W.W. = Pseudonym von W.P. Woronzow, N.-on oder Nikolai-on = Pseudonym von N.F. Danielson; Woronzow und Danielson waren die wichtigsten Theoretiker der Narodniki in den 1880er und 1890er Jahren.
4 Lenin: Die Entwicklung ..., a.a.O., S.35
5 W.I. Lenin: Notiz zur Frage der Theorie der Märkte (Aus Anlaß der Polemik zwischen Herrn Tugan-Baranowski und Herrn Bulgakow). 1898. In: LW 4, S.48f
6 Die Legalen Marxisten wurden schließlich zu Apologeten des Kapitalismus. Aber auch Lenin ging bis April 1917 davon aus, daß die russische Revolution zwar von Proletariat durchgeführt werden müsse (weil die russische Bourgeoisie zu rückständig und reaktionär sei), daß sie aber von ihrem Klassencharakter her (d.h. von den verwirklichenden Aufgaben) eine bürgerliche sein müsse. Erst unter dem Eindruck des revolutionären Prozesses schloß er sich (und durch seine Aprilthesen schließlich die bolschewistische Partei) der Position Trotzkis von der permanenten Revolution (d.h. dem notwendigen Übergang der bürgerlichen Revolution in die proletarische) an.
7 Lenin: Die Entwicklung ..., a.a.O., S. 617
8 ebd.
9 W.I. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriß. 1916. In: LW 22, S. 189-309
10 Lenin: Die Entwicklung ..., a.a.O., S.617
11 ebd., S.618
12 ebd., S.44f
13 ebd., S.46
14 ebd., S.47
15 siehe dazu den Teil I. in dieser Ausgabe von Marxismus
16 Mitja = Dmitri Iljitsch Uljanow, Arzt, Bolschewik und Berufsrevolutionär, jüngerer Bruder Lenins
17 W.I. Lenin: Brief an M.A. Uljanowa und D.I. Uljanow vom 20.6.1899. In: Lenin Briefe X, S.166f
18 W.I. Lenin: Brief an A.N. Potressow vom 27.6.1899. In: Lenin Briefe I, S.29
19 W.I. Lenin: Karl Marx (Kurzer biographischer Abriß mit einer Darlegung des Marxismus). 1914. In: LW 21, S.55f
20 Eugen Ritter von Böhm-Bawerk (1851-1914): Zum Abschluß des Marxschen Systems. Berlin 1896
21 Rudolf Hilferding: Böhm-Bawerks Marx-Kritik. Marx-Studien. Wien 1904; siehe dazu auch die marxistische Kritik an der Grenznutzentheorie von Nikolai Bucharin: Die politische Ökonomie des Rentners (Die Wert- und Profittheorie der österreichischen Schule). 1914; und Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen "Kapital, Der Rohentwurf des Kapital 1857-1858, Frankfurt/Main 1968, Bd.3, S.597-614.
22 Der organisatorische Bruch, der schließlich die Bildung der Komintern zur Folge hatte, führte aber keineswegs zu einem sofortigen vollständigen theoretischen Bruch. Lenin und die russischen Bolschewiki, die lange sehr stark an Kautsky orientiert waren, überwanden erst mit der Zeit verschiedene theoretische Positionen, die auf Kautsky zurückgingen. Das betrifft sowohl das halbherzige Revolutionskonzept Lenins von der Demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern, das erst im April 1917 über Bord geworfen wurde (siehe dazu die Fußnote 6), als auch Lenins Verständnis vom Charakter des bürgerlichen Staates, das ursprünglich im wesentlichen mit Kautsky konform ging und erst Anfang 1917 korrigiert wurde (siehe dazu auch den Kommentar von Eric Wegner zu einem Leserbrief in Marxismus Nr.5, S.221-224).
23 siehe dazu den Teil I. in dieser Ausgabe von Marxismus
24 Franz Mehring (1846-1919), Journalist und Historiker, Führer des linken Flügels der SPD, Kriegsgegner, Mitbegründer des Spartakusbundes; Karl Liebknecht (1871-1919), Rechtsanwalt, Wortführer des linken Flügels der SPD und der internationalen sozialistischen Jugendbewegung, Reichstagsabgeordneter, 1914 Führer der Antikriegsopposition, Mitbegründer des Spartakusbundes und der KPD, gemeinsam mit Luxemburg von Freikorpsoffizieren ermordet.
25 Leo Borissowitsch Rosenfeld (1883-1936; Pseudonym: Kamenew), alter Bolschewik, 1913/14 Prawda-Redakteur, Gegner des Oktoberaufstandes, 1917-1927 Mitglied des Zentralkomitees, 1923 mit Stalin und Sinowjew in der Troika gegen die Opposition um Trotzki, 1927 von den Stalinisten aus der Partei ausgeschlossen, 1936 hingerichtet.
26 W.I. Lenin: Brief an L.B. Kamenew (geschrieben vor dem 29.3.1913). In: Lenin Briefe III, S.177; Der Artikel des niederländischen Linken Anton Pannekoek fällt theoretisch nicht ins Gewicht. Bedeutend ist hier Lenins positiver Bezug auf die Austromarxisten Gustav Eckstein und v.a. Otto Bauer. Otto Bauer (1881-1938), nach dem 1. Weltkrieg Führer der österreichsichen Sozialdemokratie, gemeinsam mit Friedrich Adler Gründer der 2 ½ . Internationale (1920-23) - dann wieder in der 2. Internationale, führender Theoretiker der Austromarxismus (Kombination von "marxistischer Orthodoxie" und reformistischer Praxis), nach Februar-Kämpfen 1934 emigriert.
27 siehe dazu Teil I in dieser Nummer von Marxismus
28 siehe dazu Teil III in dieser Nummer von Marxismus
29 Alexander Gawrilowitsch Schljapnikow (1885-1937), Metallarbeiter, Bolschewik, 1917 als Linker im illegalen Büro des Zentralkomitees Unterstützer Lenins nach dessen Rückkehr, 1920 Führer der Arbeiteropposition, 1933 aus der Partei ausgeschlossen, Opfer des stalinistischen Terrors.
30 W.I. Lenin: Brief an A.G. Schljapnikow vom 27.10.1914. In: Lenin Briefe IV, S.19
31 Lenin: Karl Marx ..., a.a.O., S.79
32 W.I. Lenin: Hefte zum Imperialismus. 1915/16. In: LW 35, S.186
33 J.A. Hobson: Imperialism. 1902.
34 Lenin: Der Imperialismus ..., a.a.O., S.199
35 Nikolai Bucharin: Imperialismus und Weltwirtschaft. 1914/15. - siehe dazu Teil IV in dieser Nummer von Marxismus
36 W.I. Lenin: Vorwort zu N. Bucharins Broschüre Weltwirtschaft und Imperialismus. 1915. In: LW 22, S.101
37 Georgi Leonidowitsch Pjatakow (1890-1937), Bolschewik, Vorsitzender der Parteiorganisation von Kiew, Leiter des Oktoberaufstandes in der Ukraine und im Donezgebiet, 1918 Vorsitzender der ukrainischen Sowjetregierung, Mitglied der Linken Opposition, 1937 von den Stalinisten zum Tode verurteilt und erschossen.
38 Nikolai Bucharin: Ökonomik der Transformationsperiode (mit Randbemerkungen von Lenin), Berlin 1990
39 siehe dazu Teil IV in dieser Nummer von Marxismus
40 Anthony Brewer: Marxist Theories of Imperialism. A Critical Survey. 1980, S.116
41 A.G. Löwy: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Leben und Werk Nikolai Bucharins. 1990, S.54
42 Lenin: Der Imperialismus ..., a.a.O., S.191
43 ebd., S.192
44 ebd., S.193
45 ebd., S.270
46 ebd., S.270f
47 ebd., S.206
48 ebd.
49 so z.B. von Quentin Rudland in Marxist Theory and Imperialism - Part One: From the Second to the Third International, in: Workers Power Education Bulletin 2, und von Keith Hassel in Revolutionary Theorie and imperialism. From Hilferding to Trotsky, in: PR 8, Spring 1989
50 siehe dazu Lenin: Hefte ..., a.a.O., Anhang: Verzeichnis der von W.I. Lenin zitierten Literatur, S.837-871
51 Lenin: Der Imperialismus ..., a.a.O., S.201
52 ebd., S.200
53 ebd., S.201f
54 ebd., S.204
55 ebd., S.214f
56 ebd., S.226
57 ebd., S.229
58 ebd., S.241
59 ebd., S.239
60 ebd., S.209
61 ebd., S.209f
62 ebd., S.250
63 ebd., S.281
64 ebd.
65 ebd., S.280
66 ebd., S.281
67 Hobson, a.a.O., zitiert nach Lenin: Der Imperialismus ..., a.a.O., S.284f
68 Lenin: Der Imperialismus ..., a.a.O., S.245
69 siehe Karl Marx: Das Kapital (Band 1 und besonders Band 3), in: MEW 23 und MEW 25
70 siehe zu diesem Themenkomplex die entsprechenden Kapitel in Ernest Mandel: Der Spätkapitalismus, Frankfurt/Main 1972; Ernest Mandel: Kontroversen um das "Kapital", Berlin 1991 (engl. Original: 1979); Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen "Kapital". Der Rohentwurf des Kapital 1857-1858, 3 Bde., Frankfurt/Main 1968; Paul M. Sweezy: Theorie der kapitalistischen Entwicklung, Frankfurt/Main 1970 (engl. Original: 1942); Eugen Varga: Beiträge zu Problemen der politischen Ökonomie des Kapitalismus, in: E. S. Varga - Ausgewälte Schriften 1918-1964, Bd.3, Berlin 1979
71 Lenin: Der Imperialismus ..., a.a.O., S.259
72 ebd., S.267
73 ebd., S.264
74 ebd., S.264f
75 siehe dazu Eric Wegner: Der 2. Weltkrieg - Demokratie gegen Faschismus?, in: Marxismus Nr.4, S.9-58
76 Lenin: Der Imperialismus ..., a.a.O., S.281
77 ebd.
78 ebd., S.305f
79 siehe u.a. Paul M. Sweezy: Theorie der kapitalistischen Entwicklung, Frankfurt/Main 1970 (engl. Original: 1942)
80 Lenin: Der Imperialismus ..., a.a.O., S.307
81 ebd., S.302
82 ebd., S.257
83 ebd., S.295
84 ebd., S.274
85 ebd., S.278
86 ebd., S.276
87 ebd., S.278
88 ebd., S.212
89 ebd., S.213
90 ebd., S.245
91 ebd.