Kurzbiographien

der behandelten Theoretiker (in order of appearance) 

zusammengestellt von Eric Wegner

Karl Marx

wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Er stammte aus einer jüdischen Rechtsanwaltsfamilie, die zum Protestantismus übergetreten war. Nach dem Besuch des Gynasiums in Trier (1835 Abitur) studierte Marx zunächst in Bonn, dann ab 1836 in Berlin erst Rechtswissenschaften, später vorwiegend Philosophie. Er schloß sich linkshegelianischen Zirkeln an und beschäftigte sich intensiv mit dem deutschen Idealismus, v.a. mit der Philosophie G.W.F. Hegels. In seiner Jenaer Dissertation von 1841, in der sich Marx gegen die bestehende Staatsordnung richtete, klingt bereits seine Absetzung von Hegel an. Nachdem sich die Aussichten auf eine akademische Karriere aus politischen Gründen zerschlugen, übersiedelte Marx nach Köln und wurde Mitarbeiter und später Chefredakteur der linksliberalen Rheinischen Zeitung, die er zu einem führenden Oppositionsblatt machte.

Nach dem Verbot der Zeitung durch die preußische Zensur ging Marx im Herbst 1843 mit seiner jungen Frau Jenny (geb. von Westphalen; Tochter eines Trierer Regierungsrates und Schwester eines späteren preußischen Innenministers) nach Paris. Er gab gemeinsam mit Arnold Ruge die Deutsch-französischen Jahrbücher heraus und lernte die Lehren und Anhänger der Vertreter des französischen Sozialismus (Saint-Simon, Fourier, Proudhon, Cabet) kennen. Er begann mit dem Studium der politischen Ökonomie, dessen erstes Resultat die (erst 1932 veröffentlichten) Ökonomisch-philosophischen Manuskripte darstellen. Auch die lebenslange Freundschaft und Zusammenarbeit mit Friedrich Engels nahm in Paris ihren Anfang.

Von der französischen Regierung ausgewiesen, ging Marx 1845 nach Brüssel, wo er mit Engels die gegen den Linkshegelianismus gerichteten Streitschriften Die heilige Familie und Die deutsche Ideologie verfaßte. Mit der Bildung des Kommunistischen Korrespondenz-Komitees nahmen die Aktivitäten der beiden um die Schaffung einer revolutionären Arbeiterpartei ihren Anfang. 1847/48 schrieben sie schließlich für den überwiegend aus deutschen Handwerksgesellen zusammengesetzten, aber internationalistisch ausgerichteten Bund der Kommunisten das Kommunistische Manifest, eine kompakte Zusammenfassung des wissenschaftlichen Sozialismus.

Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er nach der Februarrevolution 1848 zunächst verhaftet, dann aus Belgien ausgewiesen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Frankreich (auf Einladung der provisorischen Revolutionsregierung), ging Marx wieder nach Köln, wo er die Herausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung übernahm. Nach der Niederlage der Revolution mußte er erneut Deutschland verlassen. Er ging ins Exil nach London, wo er den Rest seines Lebens verbrachte, lange Zeit in ärmlichsten Verhältnissen, oft von Krankheit geschwächt (drei seiner sechs Kinder starben), in finanzieller Not auf die Unterstützung durch Engels angewiesen.

Zwischen 1848 und 1852 entstanden die Schriften Die Klassenkämpfe in Frankreich und Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in denen Marx die Erfahrungen der Revolution analysierte und interpretierte. Er zog sich nun weitgehend auf theoretische Arbeit, besonders auf die Beschäftigung mit ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus, zurück. 1859 erschien als erstes Resultat Zur Kritik der politischen Ökonomie, 1867 folgte der erste Band von Das Kapital, dessen zweiter und dritter Band erst posthum durch Engels editiert wurden (1885, 1894). Der Rohentwurf (verschiedene ökonomische Manuskripte) von Das Kapital, die 1857/58 verfaßten Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, wurde erst 1939/41 veröffentlicht.

Seit den 1860er Jahren wirkte Marx zusätzlich wieder als Organisator der Arbeiterbewegung. Unter seiner führenden Beteiligung wurde 1864 in London die Erste Internationale (Internationale Arbeiter Association, IAA) gegründet, deren programmatische Inauguraladresse er verfaßte. Die Internationale zerbrach schließlich 1872/76 am Widerspruch zwischen der Richtung von Marx und Engels und der um den Anarchisten Michail Bakunin. Aus den Erfahrungen der Pariser Kommune, für die Marx leidenschaftlich Partei ergriffen hatte, zog er in seiner Schrift Bürgerkrieg in Frankreich wesentliche programmatische Schlußfolgerungen in Bezug auf den Staat ("Diktatur des Proletariats"). Obwohl er einige Versuche unternahm, Einfluß auf die sich rasch entwickelnde deutsche Arbeiterbewegung zu nehmen (z.B. Kritik des Gothaer Programms) und den Vorstellungen Ferdinand Lassalles entgegenzuwirken, widmete er die letzten Jahre seines Lebens überwiegend der Weiterarbeit an seiner ökonomischen Theorie. Marx starb am 14. März 1883 in London.

 

Friedrich Engels

wurde am 28. November 1820 als Sohn eines Textilfabrikanten in Barmen/Wuppertal geboren. Er verließ ein Jahr vor dem Abitur die Schule und absolvierte eine Lehre als Kaufmann, während der er der politisch-literarischen Bewegung Junges Deutschland nahestand. Während seiner Militärdienstzeit in Berlin schloß er sich den Junghegelianern an. 1842-44 arbeitete er im väterlichen Zweiggeschäft in Manchester und kam dort in Kontakt mit der englischen Arbeiterbewegung, den Chartisten und der utopisch-sozialistischen Strömung um Robert Owen. In seiner Schrift Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie (1844) strich Engels die entscheidende Bedeutung der Arbeiterklasse für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft heraus. In Die Lage der arbeitenden Klassen in England (1845) beschrieb er seine Eindrücke der elendigen Lebensbedingungen der britischen Arbeiter - durch dieses Buch wird sein Name erstmals breiter bekannt.

Auf seiner Rückreise von England traf Engels in Paris 1844 mit Karl Marx zusammen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft und Zusammenarbeit verbinden sollte. Sie stellten weitgehende politische Übereinstimmung fest und verfaßten eine Reihe gemeinsamer Schriften. Mit den Streitschriften Die heilige Familie (1845) und Die deutsche Ideologie (1845/46) grenzten sie sich von den Linkshegelianern ab und begründeten ihre eigene (historisch-materialistische) Weltanschauung. Nach ihrem Eintritt in den Bund der Gerechten, der sich unter ihrem Einfluß in Bund der Kommunisten umbenannte, verfaßten sie dessen Programm, das Kommunistische Manifest. Mit der Schrift Grundsätze des Kommunismus (1847) hatte Engels eine wesentliche Vorarbeit zur Abfassung des Manifests geleistet.

Während der Revolution von 1848 gehörte Engels dem Redaktionsstab der Neuen Rheinischen Zeitung an und nahm 1849 als Adjutant August Willichs aktiv am Aufstand in Baden und in der Pfalz teil. Nach der Niederlage der Revolution in Deutschland emigrierte er nach Großbritannien und arbeitete 1850 bis 1869 in Manchester im Betrieb seines Vaters. Er lebte dort gemeinsam mit der irischen Arbeiterin Mary Burns. Engels kooperierte eng mit Marx in London und unterstützte ihn auch materiell. Seit 1870 lebte er in London und widmete sich ausschließlich der sozialistischen Bewegung.

In Revolution und Konterrevolution in Deutschland (1852) zog er seine Bilanz der deutschen Ereignisse von 1848. Er verfaßte darüberhinaus eine Reihe weiterer historisch-politischer Studien, in denen er die historisch-materialistische Geschichtsauffassung entwickelte und anwandte: Der deutsche Bauernkrieg (1850), Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates (1884) und eine Reihe militärwissenschaftlich-politischer Studien über diverse Kriege des 19. Jahrhunderts, die ihm den Beinamen der General eintrugen. Darüberhinaus trug er ganz wesentlich zur Abrundung, Popularisierung und Verbreitung der marxistischen Weltanschauung bei: Vor allem der Anti-Dühring (1878) und die Arbeit Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft (1882) spielten eine wesentliche Rolle als massenwirksame Propagandaschriften.

1870 wurde Engels Sekretär der Internationalen Arbeiter Association, der Ersten Internationale, aber auch er konnte ihren Zusammenbruch aufgrund der Differenzen mit den Anarchisten um Michail Bakunin nicht verhindern. In der 1889 in Paris gegründeten Zweiten Internationale spielte er keine führende Rolle mehr. Engels, der an die 20 Sprachen beherrschte, verfügte freilich über große Autorität in der internationalen Arbeiterbewegung und übernahm weiterhin gewisse beratende Tätigkeit (vor allem für die deutsche Sozialdemokratie). In seinen letzten Jahren widmete er sich aber vor allem der Herausgabe der von Marx nachgelassenen Bände zwei und drei von Das Kapital. Engels starb am 5. August 1895 in London.

 

Karl Kautsky

wurde am 16. Oktober 1854 in Prag geboren. Seine Familie übersiedelte 1863 nach Wien. Er besuchte zuerst das Gymnasium der Benediktiner in Melk, dann das Akademische Gymnasium in Wien. 1874 immatrikulierte er an der Universität Wien. Anfang 1875 wurde er Mitglied der (eben in Neudörfl gegründeten ) sozialdemokratischen Partei, die von dem (von Andreas Scheu geführten) radikaleren Flügel der Arbeiterbewegung dominiert wurde. In den folgenden Jahren arbeitete Kautsky an verschiedenen Arbeiterzeitungen mit (Der Volksfreund, Der Arbeiterfreund, Der Sozialist, Die Freiheit). Angesichts der schleppenden Entwicklung der österreichischen Arbeiterbewegung in dieser Phase und vor allem angesichts der Repression des Habsburger-Regimes emigrierte er 1880 nach Zürich, schrieb für den Züricher Sozialdemokraten und wechselte damit zum gemäßigten Flügel der Arbeiterbewegung.

1881 kam Kautsky in London erstmals in Kontakt mit Karl Marx und Friedrich Engels. Er widmete sich in der Folge zunehmend der deutschen Sozialdemokratie und redigierte seit 1883 Die Neue Zeit, die theoretische Zeitschrift der SPD. Zwischen 1885 und 1890 lebte er als Mitarbeiter von Engels in London, danach in Deutschland. Nach Engels’ Tod 1895 wurde er zum "orthodoxen Haupttheoretiker des Marxismus" der internationalen Sozialdemokratie, zum Papst der 2. Internationale mit umfangreicher schriftstellerischer Produktion. Das Erfurter Programm der SPD von 1891 war wesentlich von ihm geprägt. In der sogenannten Revisionismusdebatte um die Jahrhundertwende war er einer der wichtigsten Gegner des von Eduard Bernstein geführten rechten Flügel - worauf in der Folge sein Prestige bei vielen linken Sozialdemokraten (besonders bei den russischen Bolschewiki) begründet war.

Seit 1905 (unter dem Eindruck der ersten russischen Revolution) richtete sich Kautsky zunehmend gegen die deutsche Linke um Rosa Luxemburg, Karl Liebkecht, Franz Mehring und Clara Zetkin, die seine marxistische Orthodoxie als erste in Frage stellten. Er nahm zwischen der deutschen Linken und dem rechten Flügel eine schwankende, d.h. zentristische, Position ein. Im 1. Weltkrieg war Kautsky nicht internationalistischer Kriegsgegner, sondern Pazifist - er setzte also nicht auf die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg und auf den Sturz des Kapitalismus durch die Revolution der Arbeiterklasse, sondern auf Friedensappelle und eine gütliche Einigung der imperialistischen Großmächte. 1917 mußte er die Redaktion der Neuen Zeit zurücklegen. Ebenfalls 1917 schloß er sich der von Kriegsgegnern gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) an, die in der Folge eine schwankende Zwischenposition zwischen der SPD und der neugegründeten KPD einnahm.

Als sich am Parteitag von Halle/Saale 1920 die linke Mehrheit der USPD für die Vereinigung mit der KPD entschied, gehörte Kautsky - der ein entschiedener Gegner der Oktoberrevolution und der Bolschewiki geworden war - zu der Minderheit, die sich auf dem Nürnberger Parteitag 1922 wieder der SPD anschlossen. Kautsky hatte seine ideologische Führungsrolle in der deutschen und internationalen Sozialdemokratie inzwischen verloren. 1925 war er noch Mitverfasser des Heidelberger Programms, aber er lebte ab 1924 wieder in Wien. Nach dem "Anschluß" mußte er über Prag nach Amsterdam fliehen, wo er am 17. Oktober 1938 starb.

Kautskys wichtigste Werke: Karl Marx’ ökonomische Lehren (1887), Die soziale Revolution (1902), Der Weg zur Macht (1909), Die Dikatatur des Proletariats (1918), Terrorismus und Kommunismus (1919), Von der Demokratie zur Staatssklaverei (1921), Die materialistische Geschichtsauffassung (1927).

Leo Trotzki über Kautsky: "Kautsky ist der Begründer und der vollendete Vertreter der österreichischen Fälschung des Marxismus (...) Der Zusammenbruch der ersten russischen Revolution (1905) hat den Entwicklungsgang Kautskys auf dem Wege des Radikalismus jäh abgebrochen (...) Er (...) verlor die Sicherheit, und die pedantisch-scholastischen Züge seines Denkens traten immer mehr in den Vordergrund (...) Die russische Revolution (1917) hat Kautsky entgültig getötet (...) Seine weiteren Schriften verwandelten sich immer mehr in gelbe Literatur des bürgerlichen Marktes." (Leo Trotzki: Die Grundfragen der Revolution, Hamburg 1923, S.203 und 211)

 

Nikolai Danielson (Pseudonyme: N-on, Nik.-on, Nikolai-on, on)

wurde 1844 geboren. Er arbeitete seit den spätern 1860er Jahren als Buchhalter, dann als oberster Rechnungsprüfer der Gesellschaft für wechselseitigen Kredit in St. Petersburg. In den 1860er und 1870er Jahren stand er in Verbindung mit radikalen Jugendgruppen. Er führte die Übersetzung des ersten Bandes des Marxschen Kapital ins Russische, die von G.A. Lopatin begonnen worden war, zuende (erste Auflage 1872). 1885 übersetzte er den zweiten Band des Kapital und 1896 den dritten. Er führte eine umfangreiche Korrespondenz mit Marx und Engels.

1880 erschien in der Zeitschrift Slovo Danielsons Artikel Umrisse unserer sozialen Wirtschaft seit der Reform, in dem er ein enormes Ausmaß an statistischem Material über die ökonomische Entwicklung Rußlands analysierte. Dieser Artikel, sein Buch von 1893 (ebenfalls Umrisse unserer sozialen Wirtschaft seit der Reform) und die Arbeiten von W.P. Woronzow faßten die ökonomischen Vorstellungen der kleinbürgerlich Narodniki, zu deren Haupttheoretiker Danielson und Woronzow geworden waren, zusammen. Obwohl sich Danielson als Anhänger der Marxschen Prinzipien betrachtete, drückten seine Arbeiten die Widersprüchlichkeit seiner Philosophie (einer Kombination von Marxismus und bäuerlich-illusionärem Naraodnikitum) aus.

Danielson idealisierte die Entwicklungsmöglichkeiten der russischen Obschtschina (der bäuerlichen Dorfgemeinschaft), stellte die heimische handwerkliche Produktion ("des Volkes") der "künstlichen" kapitalistischen Industrie entgegen und entwickelte die Theorie des Fehlens beziehungsweise der Beschränktheit des inneren Marktes in Rußland. Er behautete, daß die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland die Existenz Rußlands und des russischen Volkes bedrohen würde. Mit diesen Vorstellungen, die auch von Engels kritisiert wurden, spielte er in der russischen theoretischen Debatte in den 1890er Jahren zwischen den Narodniki und den Legalen Marxisten und Lenin eine zentrale Rolle. Danielson starb 3. Juli 1918.

 

Michail Tugan-Baranowski

wurde am 8. Jänner 1865 im Gouvernement Charkow in der Ukraine geboren. Er besuchte die Universität von Charkow. Seine Abschlußarbeit von 1894 beschäftigte sich mit den Ursachen und Auswirkungen von industriellen Krisen in Großbritannien. Als Krisenursachen sah er nicht den Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung, sondern die Bewegungen des Kreditkapitals und die Begrenztheit von Bankressourcen. Zwischen 1895 und 1899 und zwischen 1905 und 1907 war er Professor für Politische Ökonomie in St. Petersburg.

Tugan-Baranowskis Studie der Geschichte der Industrie in Rußland resultierte 1898 in dem recht bemerkenswerten Buch Geschichte der russischen Fabrik, auf das auch die russischen Marxisten zurückgriffen. Tugan-Baranowski studierte selbst die Arbeiten von Marx und gehörte der Strömung der sogenannten Legalen Marxisten (u.a. mit Peter Struve und Sergej Bulgakow) an, die in den 1890er Jahren gegenüber den bäuerlich-kleinbürgerlichen sozialutopistischen Naraodniki die Ansicht vertraten, daß sich der Kapitalismus in Rußland entwickeln könne und progressiv sei. Durch seine Analyse, daß der Kapitalismus in Rußland bereits Wurzeln geschlagen hatte, beeinflußte er die russische Sozialdemokratie inklusive Lenin.

Ab 1900 entfernte sich Tugan-Baranowski, den Trotzki als "eine russische Spielart von Sombart" bezeichnete (Leo Trotzki: Geschichte der russischen Revolution, Erster Teil: Februarrevolution, Frankfurt/Main 1973, S.124), immer weiter vom Marxismus, verteidigte offen die kapitalistische Gesellschaftsordnung und unterzog Kernpunkte der Marxschen ökonomischen Theorie einer revisionistischen Kritik. 1905 veröffentlichte er die Arbeit Die theoretischen Grundlagen des Marxismus, in der er behauptete, daß der Marxismus "teilweise richtig" sei. Er versuchte, marxistische Elemente mit Ansätzen der historischen Schule und der Grenznutzentheorie zu verbinden. Da dieser Eklektizismus auf die Dauer nicht durchzuhalten war orientierte er sich zunehmend an letztere.

Tugan-Baranowski trat schließlich 1905 den Konstitutionellen Demokraten (Kadetten), einer bürgerlich-liberalen Partei, bei. Von Ende 1917 bis Jänner 1918 war er Finanzminister der reaktionären ukrainischen Nationalregierung. Tugan-Baranowski starb am 21. Jänner 1919 in der Eisenbahn zwischen Kiew und Odessa.

 

Sergej Bulgakow

wurde am 16. Juni 1871 in Liwny (Gebiet Orel) geboren. Nach seinem Studium wurde er Professor für Nationalökonomie in Kiew (1901-1906) und Moskau (1906-1918). In jungen Jahren schloß er sich der Strömung der Legalen Marxisten an und veröffentlichte in dieser Zeit einige beachtenswerte Arbeiten, mit denen er in der Debatte über die Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus in Rußland (zwischen den Legalen Marxisten, den Narodniki und Lenin) keine unbedeutende Rolle spielte: Zur Frage der Märkte in der kapitalistischen Produktionsweise (1897) und Kapitalismus und Landwirtschaft (1900).

Bulgakows weitere Entwicklung ist zwar durchaus bemerkenswert, allerdings im obskuren Sinn. Während sich ein Teil der russischen kritischen Intellektuellen damals immer weiter nach links orientierte, ging ein anderer Teil (unter ihnen Bulgakow) weit nach rechts und paßte sich dem herrschenden System an. Bereits um die Jahrhundertwende versuchte Bulgakow, den Marxismus mit Kants Philosophie zu kombinieren. Später wandte er sich religiöser Philosophie und dem Christentum zu, verband christliche Lehren mit den philosophischen Konzeptionen von Friedrich Schelling und W.S. Solowjow und attackierte sowohl den Marxismus als auch den Positivismus und den Atheismus. In der Zeit vor dem 1. Weltkrieg versuchte er, soziale und politische Probleme mit der Hilfe von religiöser Metaphysik zu lösen. Seine Zielvorstellung wurde die Christianisierung der Welt. 1918 (womöglich unter dem Schock der proletarischen Revolution in Rußland) wurde er orthodoxer Priester. 1923 emigrierte er nach Paris und war dort von 1925 bis 1939 Professor am orthodoxen theologischen Institut zum Heiligen Sergius. Dort entwickelte er wesentliche Beiträge zur orthodoxen Theologie. Seine religiösen Vorstellungen kreisten dabei um die Heilige Sophia, die er als das Urbild der Schöpfung ansah - was von Moskauer Patriarchat als Häresie verurteilt wurde. Jedenfalls ein tragisches Ende. Bulgakows physischer Tod trat am 12. Juli 1944 in Paris ein.

 

Rudolf Hilferding

wurde am 10. August 1877 als Sohn einer aus Galizien stammenden Familie in Wien geboren. Er studierte Medizin an der Universität Wien und praktizierte nach seinem Studienabschluß einige Jahre als Kinderarzt.

Hilferding fühlte sich schon als Schüler der sozialistischen Bewegung zugehörig. Seit 1902 arbeitete er an der Neuen Zeit, der theoretischen Zeitschrift der deutschen Sozialdemokratie, mit. 1904 erschien seine erste bekannte ökonomische Arbeit, die Streitschrift Böhm-Bawerks Marx-Kritik, die gegen die subjektive Werttheorie und insbesondere gegen die österreichische Schule der Grenznutzentheorie gerichtet war. 1906 wurde Hilferding Lehrer an der sozialdemokratischen Parteischule in Berlin und - nachdem er diese Tätigkeit angesichts der Drohung der Abschiebung durch die preußische Polizei aufgeben mußte - Redakteur des Vorwärts, des Zentralorgans der SPD. Sein Hauptwerk, Das Finanzkapital, wurde 1910 veröffentlicht. Trotz einiger wesentlicher Schwächen leistete er damit einen ganz wesentlichen Beitrag für die marxistische Imperialismustheorie, auf den später Bucharin und Lenin aufbauen konnten. Hilferding wurde mit dieser Arbeit auch zu einem führenden Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie vor dem 1. Weltkrieg.

Im 1. Weltkrieg war Hilferding ein Gegner der Bewilligung der Kriegskredite durch die sozialdemokratische Reichstagsfraktion, kam aber nicht über eine pazifistische Haltung hinaus und konnte sich - ähnlich Kautsky - nicht zu einer konsequenten internationalistischen Antikriegshaltung durchringen. 1915 wurde er von der österreichisch-ungarischen Armee als Feldarzt einberufen, mußte aus der Vorwärts-Redaktion ausscheiden und leitete bis 1918 ein Seuchenlazarett an der italienischen Front. Nach Kriegsende kehrte er nach Deutschland zurück und wurde deutscher Staatsbürger.

1919 schloß er sich der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) an und wurde Chefredakteur ihrer Zeitung Die Freiheit. Da er die Vereinigung mit der KPD ablehnte, kehrte er 1922 mit der Minderheit der USPD wieder zur SPD zurück. Von 1924 bis 1933 war er Reichstagsabgeordneter für die SPD und gab die sozialdemokratische Zeitschrift Die Gesellschaft heraus. Er entwickelte die Theorie des organisierten Kapitalismus, die die Möglichkeit einer friedlichen Umwandlung des Kapitalismus zur sozialen Demokratie beweisen wollte.

In der Logik dieser Konzeption wurde er im August 1923 auf dem Höhepunkt der Inflation Reichsfinanzminister im Kabinett des bürgerlichen Reichskanzlers Gustav Stresemann, mußte aber - da es auch in seiner 7-wöchigen Amtszeit nicht gelang, die Inflation zu stoppen - bereits im Oktober wieder zurücktreten. In seiner zweiten Periode als Reichsfinanzminister von Juni 1928 bis Dezember 1929 (unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Hermann Müller) scheiterte Hilferding an der Aufgabe, am Vorabend der Weltwirtschaftskrise den Staatshaushalt zu sanieren. Seine Steuervorschläge wurden vom Reichstag abgelehnt, Hilferding wollte aber nicht auf Notverordnungen zurückgreifen und konnte sich gegen die Reichsbank nicht durchsetzen. Das Finanzkapital und sein Staatsapparat saßen am längeren Ast.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme mußte Hilferding (Sozialist und obendrein aus jüdischer Familie) emigrieren. Er lebte bis 1938 in der Schweiz und anschließend in Paris. Er befaßte sich in dieser Zeit im besonderen mit dem Verhältnis von Ökonomie und Politik im NS-Staat. Unter dem Pseudonym Richard Kern arbeitete er am Neuen Vorwärts mit und gab gleichzeitig die Zeitschrift für Sozialismus heraus. Er verfaßte auch das Prager Manifest, das Programm der deutschen Sozialdemokraten im Exil. Nach der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland wurde Hilferding von der französischen Polizei an die Gestapo ausgeliefert. Er wurde vermutlich am 11. Februar 1941 von der Gestapo ermordet (möglicherweise auch nach einem Selbstmordversuch).

 

Rosa Luxemburg

wurde am 5. März 1871 in Zamosc bei Lublin in Polen (damals Teil des zaristischen Rußland) geboren. Bereits 1873 übersiedelte sie mit ihren Eltern (jüdischen Kaufleuten) nach Warschau, wo sie ab 1880 ein Gynasium besuchte. Die ausgezeichnte Schülerin engagierte sich früh in illegalen Zirkeln und mußte 1889 vor drohender Verhaftung nach Zürich flüchten, wo sie studierte und 1897 mit der Arbeit Die industrielle Entwicklung Polens promovierte.

Zugleich war sie in der internationalen sozialistischen Bewegung, für die Zürich ein Mittelpunkt war, tätig. Luxemburg beteiligte sich an der Gründung der polnischen sozialdemokratischen Zeitung Sprawa Robotnicza (Sache der Arbeiter) und 1894 gemeinsam mit ihrem Freund Leo Jogiches an der Bildung der illegalen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei des Königreichs Polen. Um sich in Deutschland frei bewegen und an der deutschen Arbeiterbewegung teilnehmen zu können, heiratete sie 1898 pro forma den deutschen Staatsbürger Gustav Lübeck und zog 1899 nach Berlin.

Luxemburg schloß sich dem linken Flügel der SPD (damals noch mit Kautsky) an und spielte bald eine wichtige Rolle in der Partei. In ihrer Broschüre Sozialreform oder Revolution? verteidigte sie den revolutionären marxistischen Standpunkt gegen Eduard Bernsteins Revisionismus und forderte den Ausschluß der Reformisten aus der Partei. In zahlreichen Zeitungsartikeln beschäftigte sie sich sehr stark mit ökonomischen Fragen. Sie betrieb Wahlagitation unter den polnischen Landarbeitern in den östlichen Grenzprovinzen und richtete besonders scharfe Attacken gegen den deutschen Militarismus und Imperialismus, was ihr 1904 drei Monate Gefängnis wegen "Majestätsbeleidigung" einbrachte.

Angesichts der russischen Revolution von 1905 reiste sie nach Russisch-Polen und nahm an Demonstrationen und Kämpfen in Warschau teil. Sie wurde im März 1906 verhaftet und kehrte - auf Kaution entlassen - über Finnland nach Deutschland zurück, wo sie ihre Erfahrungen in der theoretischen Schrift Massenstreik, Partei und Gewerkschaften umsetzte. Im August 1907 nahm sie - wie auch Lenin - am internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart teil und formulierte dort eine Resolution gegen den Militarismus.

Seit Herbst 1907 war Luxemburg Dozentin an der SPD-Parteischule in Berlin, wo ihre beiden ökonomischen Hauptwerke entstanden: die Einführung in die Nationalökonomie (posthum erschienen) und Die Akkumulation des Kapitals (1913). Letzteres war ihr Beitrag zur Imperialismusdiskussion, wobei sie die These aufstellte, daß die kapitalistische Produktionsweise nur solange lebens- und wachstumsfähig sie, solange ein nichtkapitalistische Milieu existiere. Abgesehen von dieser Unterkonsumtionstheorie betonte sie gegenüber Kautsky und anderen (unter anderem in ihrer Schrift Eine Anti-Kritik, die gegen die Kritiker ihres Werkes gerichtet war) die Widersprüche und die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus.

In der sogenannten Massenstreikdebatte kam es schließlich zum Konflikt zwischen der Parteilinken (Luxemburg, Karl Liebknecht, Franz Mehring u.a.) und dem Zentrum um Kautsky. Während Luxemburg auf Massenmobilisierungen und Generalstreik setzte, stellte sich Kautsky und mit ihm die Parteiführung mit dem Hinweis auf die Gefahr einer Erneuerung der Sozialistengesetze dagegen. Durch Kautskys Rolle in der deutschen Partei erkannte Luxemburg weit früher als etwa Lenin den halbherzigen und letztlich opportunistischen Charakter von Kautsky und dem "marxistischen" Zentrum. Mit Lenin hatte sie außerdem Differenzen in der Parteifrage, da sie sein Konzept einer straff organisierten Kaderpartei von Berufsrevolutionären nicht teilte. In den Jahren vor 1914 engagierte sich Luxemburg besonders gegen den drohenden Krieg und wurde sich dabei immer mehr der mangelnden Entschlossenheit der deutschen Parteiführung bewußt.

Die Bewilligung der Kriegskredite durch die Reichstagsfraktion der SPD und der "Burgfrieden", zu dem sich Partei und Gewerkschaften bereitfanden, führten zu einem energischen Protest Luxemburgs in der 1916 anonym erschienenen Junius-Broschüre, in der sie die "patriotische Wende" als Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse anprangerte. Von März 1915 bis Februar 1916 verbüßte Luxemburg eine (bereits Anfang 1914 verhängte) Gefängnisstrafe, weil sie Arbeiter auf einer Versammlung aufgefordert hatte, nicht "die Mordwaffe gegen unsere französischen Brüder zu erheben". Nach einer kurzen Zeit in Freiheit wurde sie im Juli 1916 "aus Sicherheitsgründen" erneut inhaftiert. Im Gefängnis schrieb sie das Programm (Kientaler Manifest) der Gruppe Internationale, der auch Liebknecht, Mehring und Clara Zetkin angehörten. Zusammen mit Liebknecht verfaßte sie die sogenannten Spartakusbriefe.

Durch die Novemberrevolution wurde sie 1918 aus dem Gefängnis in Breslau befreit. Sie kehrte nach Berlin zurück, gab mit Liebknecht die Rote Fahne heraus, intervenierte in die USPD und war bei der Gründung der KPD aus dem Spartakusbund Ende Dezember 1918 die treibende Kraft. Obwohl sie den Jänneraufstand für taktisch falsch hielt, unterstützte sie - sich dem Mehrheitsbeschluß der Partei unterordnend - die revolutionäre Aktion. Der Aufstand scheiterte, Luxemburg wurde verhaftet, ins Hauptquatier der Garde-Kavallerie-Schützendivision verschleppt und auf dem Abtransport von dort am 15. Jänner 1919 (am selben tag wie Liebknecht) von Offizieren ermordet und in den Landwehrkanal geworfen.

 

Nikolai Bucharin

wurde am 9. Oktober 1888 in Moskau geboren, verbrachte die Kindheit teilweise in Bessarabien, entwickelt bereits im Gynasium Interesse an Literatur, an der Aufklärung und schließlich am Marxismus. Er begann, Ökonomie zu studieren, beteiligte sich während der Revolution von 1905 an Demonstrationen. 1906 schließt er sich den Bolschewiki an und steigt bis 1909 in die Moskauer Parteiführung auf. 1909 wurde er vom zaristischen Regime nach Sibirien verbannt und ging schließlich von 1911 bis 1917 in Exil (Hannover, Wien, Zürich, Schweden, Norwegen, Dänemark, USA).

Sein philosophisches Weltbild war stark von der französischen Aufklärung und von einem bürgerlich-naturwissenschaftlichen Materialismus geprägt. Seine Stärke hingegen war die Ökonomie: In Wien (bis 1914) beschäftigte er sich mit einer systematischen Kritik an der Wiener Schule der Nationalökonomie, an der Grenznutzentheorie. 1914 bis 1915 entwickelte er seine Imperialismustheorie. In Schweden bildete er gemeinsam mit Pjatakow eine Gruppe (mit teilweise ultralinken Tendenzen), die wiederholt mit der Parteiführung um Lenin in Zürich in Konflikt geriet. Bucharins Position zum Charakter des bürgerlichen Staates zwingt Lenin, seine an Kautsky angelehnte Position zu überdenken und sich letztlich der Sicht Bucharins anzuschließen.

Im Frühjahr 1917 kehrte er nach Moskau zurück, wurde ins Zentralkomitee der Bolschewiki gewählt und zum Führer der Moskauer Parteiorganisation, die unter seinem Einfluß besonders internationalistisch, aber gleichzeitig eher ultralinks ausgerichtet wurde. Nach dem Oktoberaufstand, der in Moskau (u.a. wegen schlechter Vorbereitung) vergleichsweise blutig verlief, übersiedelte Bucharin nach Petrograd und übernahm die Verantwortung für die Parteipresse. Bis etwa 1920 stand Bucharin im wesentlichen auf dem ultralinken Parteiflügel: Bei der Diskussion um den vom deutschen Imperialismus aufgezwungenen Raubfrieden von Brest-Litowsk trat er für einen revolutionären Krieg ein. Auch seine theoretischen Arbeiten dieser Zeit (ABC des Kommunismus, gemeinsam mit Eugen Preobraschenski; Ökonomik der Transformationsperiode) waren tendenziell ultralinks geprägt.

1920/21 schwenkte Bucharin auf den rechten Parteiflügel - besonders in der Wirtschaftspolitik. Außerdem entwickelte er, der in der Komintern großes Ansehen hatte, ein besonderes Naheverhältnis zum rechten Flügel in der KPD (Heinrich Brandler, Clara Zetkin ...). Im beginnenden Fraktionskampf 1923 übte Bucharin, der sich vor allem auf die akademische Jugend stützen konnte, anfänglich Kritik an Stalin und dem Apparat, ordnete sich aber ab dem Auftreten Trotzkis als Oppositioneller der Bürokratie unter und tat sich in der beginnenden Kampagne gegen den Trotzkismus besonders hervor.

Bucharin entwickelte sich in dieser Phase zum Haupttheoretiker des Apparats gegen die Linke Opposition. Seine Linie war: marktwirtschaftliche Elemente statt die von der Opposition vorgeschlagene systematische Industrialisierungspolitik, Aufbau des Sozialismus in einem Land statt Orientierung auf die Weltrevolution, Bündnisse mit Teilen der Bourgeoisie (z.B. in China), d.h. de facto Volksfrontpolitik. Besonders bekannt wurde seine an die Bauernschaft gerichtete Losung Bereichert Euch! Von Ende 1924 bis 1928 wurde Bucharin zum Hauptverbündeten Stalins und der Bürokratie. 1926 war Bucharin zum Chefideologen des Weltkommunismus avanciert (Höhepunkt seines Einflusses). Er spielte ein wichtige Rolle bei der Gleichschaltung der Komintern und bei der Legitimierung der bürokratischen Ausschaltung der Linken Opposition Ende 1927.

Nach Stalins plötzlicher Linkswendung 1928 und dem Beginn der bürokratischen und überhasteten Ultraindustrialisierung wurde nun Bucharin selbst an den Rand gedrängt. Er wurde zum führenden Kopf der rechten Opposition in der Sowjetunion, führte aber nie einen ernsthaften Kampf gegen die Stalinisierung, kapitulierte schließlich Ende 1929 (Selbstkritik etc.) und ordnete sich erneut dem Apparat unter. Er wurde zum Direktor des Instituts für industrieökonomische Forschungen gemacht und ab 1933, nach dem erneuten Rechtsschwenk der Bürokratie hin zur Volksfrontpolitik, ins aktive politische Leben zurückgeholt. Er war von 1934 bis 1937 Chefredakteur der Iswestija und arbeitete 1936 am Entwurf für die Sowjetverfassung mit. 1938 wurde er im dritten Moskauer Schauprozeß verurteilt und erschossen.

Bucharins wichtigste Werke: Die politische Ökonomie des Rentners. Die Wert- und Profittheorie der österreichischen Schule (1913/14), Imperialismus und Weltwirtschaft (1914/15), Das Programm der Kommunisten (Bolschewiki) (1918), Das ABC des Kommunismus (gemeinsam mit Eugen Preobraschenski 1919), Die Ökonomik der Transformationsperiode (1920), Theorie des historischen Materialismus. Gemeinverständliches Lehrbuch der marxistischen Soziologie (1922), Der Weg zum Sozialismus (1925), Der Imperialismus und die Akkumulation der Kapitals (1925).

 

W.I. Lenin (seit etwa 1901 Deckname von Wladimir Iljitsch Uljanow)

wurde am 22. April 1870 als Sohn einer Beamtenfamilie in Simbirsk geboren. Lenin kam durch seinen älteren Bruder Alexander Uljanow, der 1887 wegen der Beteiligung an der Vorbereitung eines Anschlages auf den Zaren hingerichtet wurde, schon während seiner Schulzeit mit revolutionären Ideen in Berührung. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Kasan und Samara, während dem er sich bereits eingehend mit marxistischer Theorie beschäftigt hatte, und der Zulassung als Rechtsanwalt in St. Petersburg engagierte er sich intensiv in der revolutionären Bewegung und trat mit führenden russischen Sozialdemokraten in Verbindung.

Auf einer Reise in die Schweiz lernte er G.W. Plechanow und P.B. Axelrod, die Begründer des russischen Marxismus kennen. 1895 gründete er den Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse, wurde wegen politischer Agitation unter Arbeitern verhaftet und 1897 für drei Jahre nach Sibirien verbannt, wo er seine spätere Frau und Mitstreiterin Nadeschda Krupskaja kennenlernte. 1899 veröffentlichte er seine Arbeit Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland, in dem er sich gegen die Auffassung der Narodniki richtete, daß der Kapitalismus in Rußland kein Entwicklungspotential hätte. Sein Revolutionskonzept, das er bis 1917 beibehielt, ging davon aus, daß die Revolution gegen den Zarismus bürgerlich-demokratischen Charakter haben, daß sie aber - aufgrund der konservativen Haltung der russischen Bourgeoisie - durch die Arbeiterklasse durchgeführt werden müßte.

In der Emigration (seit 1900) gründete Lenin mit L. Martow und Plechanow die für Rußland bestimmte Zeitung Iskra (Funke). Darin und in seiner Schrift Was tun? (1902) entwickelte Lenin sein Konzept einer revolutionären Kaderpartei als Avantgarde des Proletariats. 1903 konnte Lenin auf dem zweiten Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR), die 1898 in London gegründet worden war, seine Parteikonzeption gegen die Gruppe um Martow durchsetzen (die für eine losere Massenpartei eintrat). Das führte zur Spaltung der SDAPR in die von Lenin geführten Bolschewiki ("Mehrheitler") und die Menschewiki ("Minderheitler").

Nach der gescheiterten Revolution von 1905 mußte Lenin erneut in die Emigration gehen (nach Genf, Paris, Krakau, Bern, Zürich). Dort beschäftigte er sich - damals noch unter dem Einfluß Kautskys - einerseits mit theoretischen Fragen, andererseits betrieb er - nach einer Phase der partiellen Annäherung - die organisatorische Trennung von den reformistischen Menschewiki, die 1912 abgeschlossen wurde. In Krakau (ab 1912) gab er die Prawda (Wahrheit) heraus und betrieb unermüdliche Propaganda gegen den drohenden imperialistischen Krieg.

Bei Kriegsbeginn ging Lenin in die Schweiz. Auf den Kriegskonferenzen der linken Sozialisten von Zimmerwald 1915 und Kiental 1916 konnte er sich mit seiner proletarisch-internationalistischen Ausrichtung und dem Aufruf, den Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln, gegen die humanistisch-pazifistische Mehrheit nicht durchsetzen. 1916 verfaßte er unter dem Einfluß Hilferdings und Bucharins und unter dem Eindruck des Krieges schließlich die berühmt gewordene Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Angesichts der Kapitulation Kautskys vor dem Chauvinismus wandte er sich zunehmend von diesem ab, was sich unter anderem - unter dem Einfluß Bucharins - in der Annahme einer marxistischen Position zum Charakter des bürgerlichen Staates (Staat und Revolution, 1917) ausdrückte.

Nach dem Ausbruch der Februarrevolution kehrte er im April 1917 nach Rußland zurück. Mit den Aprilthesen, auf die die bolschewistische Partei nach hartem Kampf verpflichtet werden konnte, übernahm Lenin Leo Trotzkis Konzept der Permanenten Revolution. Unter den Losungen Land! Brot! Frieden! und Alle Macht den Sowjets! gewannen die Bolschewiki unter der Führung Lenins immer mehr Einfluß. Unter der Führung Trotzkis, dessen Gruppe nach den Aprilthesen zu den Bolschewiki übergetreten war, gelang der Oktoberaufstand und Lenin wurde zu Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare. Durch die erfolgreiche Revolution erlangte Lenin in der internationalen Arbeiterbewegung riesige Autorität.

In der Außenpolitik setzte Lenin im März 1918 gegen starken innerparteilichen Widerstand die Annahme des Raubfriedens von Brest-Litowsk durch, um der jungen Sowjetrepublik eine Atempause zu ermöglichen. Im August 1918 wurde er durch ein Attentat schwer verletzt. In dem von der russischen Konterrevolution gemeinsam mit den imperialistischen Mächten losgetretenen Bürgerkrieg befürwortete Lenin die Politik des Kriegskommunismus. Nach dem Ende des Bürgerkrieges initierte Lenin die sogenannte Neue Ökonomische Politik (NEP), die zeitweilige Benutzung von Marktmechanismen in der Wirtschaft. Angesichts der inneren Schwierigkeiten trat er außerdem für ein - zeitlich begrenztes - Fraktionsverbot in der Partei ein. In seinem letzten Lebensabschnitt führte der gesundheitlich geschwächte Lenin schließlich einen Kampf gegen die beginnende Bürokratisierung des sowjetischen Arbeiterstaates und versuchte, die Absetzung Josef Stalins vom Amt des Generalsekretärs durchzusetzen, was ihm jedoch nicht mehr gelang. Lenin starb am 21. Jänner 1924 in Gorki (bei Moskau). Nach seinem Tod begann die stalinistische Bürokratie, einen abgeschmackten Lenin-Kult zu entwickeln und seine politischen Konzepte in sterile Dogmen zu verwandeln.