Interview mit Friederike Schlesak

 

Das Interview führte Eric Wegner am 27.6.1994, transkribiert wurde es von Manfred Scharinger. Der Abschnitt zum 12. Februar 1934 wurde aus einem Interview, das Manfred Scharinger im Februar 1989 mit Genossin Schlesak führte, in das Gespräch hier übernommen.

 

Genossin Friedl, kannst Du uns etwas darüber erzählen, wann Du geboren bist, über Dein soziales Umfeld, das Elternhaus!

Meine Eltern kommen beide vom Land. Meine Mutter war von Schlesien, jenem Teil, der heute zur Tschechoslowakei gehört, sie ist aber im deutschsprachigen Gebiet aufgewachsen. Und mein Vater war von Laa an der Thaya. Er war Waisenkind von 7 Jahren weg und wuchs beim reichen Onkel auf bis zum 18. Lebensjahr. Dort hat er nur das Notwendigste zum Essen bekommen, hat aber brav überall mitarbeiten müssen. Und da ist er mit der Hand in die Häckselmaschine gekommen, die Finger hatâs ihm abgerissen, und er war behindert seit dieser Zeit. Arbeit hat er dann nur als Kutscher gefunden und ist bei Privatherren gefahren.

Meine Mutter ist mit 12 Jahren nach Wien gekommen. Sie war die Tochter eines reichen Bauern, der beim Bankenkrach alles verloren hat. In Wien hat sie dann gearbeitet als Dienstmädchen, sie hat nicht einmal die Schule fertiggemacht, und ist Köchin geworden.

Ich selbst bin 1912 geboren, mein ältester Bruder 1905, dann einer 1907, meine Schwester 1914. Mein Vater ist schon im Sommer 1914 eingezogen worden - er ist zu den Pferden gekommen -, da war meine Mutter hochschwanger mit meiner jüngeren Schwester. Mein Vater war strenggläubig katholisch bis zum Krieg, aber durch den Krieg wurde er so verbittert, er hat dann immer gesagt: "Es gibt kan Herrgott mehr!" Nach dem Krieg war er bei einem Lebensmittelhändler im Dienst, das war im 16. Bezirk. Und er hat die Lebensmittel ausgeführt. Wir haben dann beim Yppenplatz im 16. Bezirk auf Küche - Kabinett gewohnt - zu sechst!

Und Dein Vater wurde dann nach dem Krieg Sozialdemokrat?

Ja, sehr zeitig, aber schon nach dem Krieg ist er der Partei beigetreten - so um 1919. Und ich weiß, daß er eifriger Gewerkschaftler war. Ich kann mich noch erinnern, 1918 warâs - ich war da gerade sechs Jahre -, ist er jeden Samstag zur Gewerkschaft gegangen, Beitrag bezahlen. Und da habâ ich immer mitgehen dürfen. Er ist dann auch über die Kirche aufgeklärt worden - die Kirche hat er ja dann unheimlich gehaßt - und bei großen Massenversammlungen gewesen. Die Arbeiter in der SP sind damals ja sehr revolutionär gestimmt gewesen.

Hatâs bei Euch zuhause eigentlich politische Diskussionen gegeben?

Ja natürlich, viele! Meine Mutter war ja genauso gestimmt. Wir sind dann noch einmal umgezogen vom Yppenplatz in die Wipphartsgasse. Und in Ottakring hatâs eine Gruppe von Freidenkern gegeben, und da sind beide dazugegangen. Die haben sehr viel für die Arbeiterbildung gemacht, viel Aufklärung. Das war die beste Zeit für meine Leute. Der Vater war weiter in der Firma, er ist sogar bis zu seiner Pensionierung dort geblieben. Ich bin dann immer zu den Parteiversammlungen mitgegangen.

Und hat Dich das interessiert?

Ja sehr, ich bin fast zuhause gewesen in der Sektion! Ich war da wirklich daheim!

In welche Schule bist Du dann gegangen?

Eine Lehrerin hat meinen Eltern dann gesagt, sie sollen mich in die Mittelschule gehen lassen. Aber am Schuhmeierplatz war das Gymnasium überfüllt, so bin ich dann in den siebten Bezirk in die Kandlgasse gegangen. Das war ein Humanistisches Gymnasium mit Latein und Griechisch. Aber da bin ich dann auch bald schon Mitglied bei der SP gewesen.

Bleiben wir noch kurz bei der Schule: Hatâs da politische Diskussionen gegeben?

In der Volksschule kann ich mich an gar nichts erinnern. Aber dann in der Mittelschule, da war eine sehr politische Stimmung! Wir hatten in der Schule offen Bürgerliche, dann hatâs in der Schule auch deklarierte Nazis gegeben, und auch einige Arbeiterkinder. Trotzdem hatâs ein ziemlich gutes Klima gegeben. Das war ein sehr bürgerliches Gymnasium, der Direktor war ein alter Monarchist. Und auch etliche Offiziere, die vom Krieg heimgekommen sind, sind da auf uns losgelassen worden. Aber nach zwei Jahren ist dann ein neuer Direktor gekommen, und das war ein Roter! Und der mußte dann in das Wespennest hinein! Der war aber nur zwei Jahre da, ich weiß gar nicht, ob er unter den Lehrern auch nur einen Anhänger gehabt hat. Die haben alles boykottiert, was von ihm gekommen ist. Dann haben wir wieder einen christlichen Direktor bekommen, einen von der kapitalistischen Seite.

Durch eine Freundin in der Schule bin ich dann auch in den Arbeiter-Turnverein gekommen. Ich war zwar vorher schon in Ottakring im Turnverein, jetzt bin ich dann aber im 7. Bezirk, wo die Schule war, turnen gegangen. Und dann bin ich so um 1924/1925 zu den Sozialistischen Mittelschülern gegangen. Und ich habâs schon fast nicht mehr erwarten können, daß ich 14 werde, daß ich aus der Kirche austreten kann - meine Eltern waren ja schon nicht mehr dabei, aber ich hab warten müssen bis 14, bis ich religionsmündig geworden bin.

Ich habe aber die Schule nicht fertiggemacht, ich habe mit 16 aufgehört, ich habâ einfach nicht mehr wollen. Viele gute Sachen sind wieder rückgängig gemacht worden, da hatâs mich gar nicht mehr gefreut. Aber da ich eine sehr gute Schülerin war, habe ich viele Stunden geben können und bin da auch in viele bürgerliche Wohnungen gekommen! Dadurch ist es mir aber auch finanziell besser gegangen. Vom Schulgeld war ich ja wegen sozialer Bedürftigkeit befreit - die Bücher habâ ich aus der Schülerlade bekommen, soweit sie vorhanden waren.

Und neben der Schule warst Du also schon in sozialdemokratischen Organisationen?

Ich war organisiert in der Partei, mit 16 bin ich da eingetreten. Dann war ich auch bei den Jugendlichen, und dann natürlich beim Turnverein.

Ich hatte dann einen Vorteil durch die Partei: Man Vater war Sektionskassier, meine Mutter Parteimitglied, ich auch schon im Turnverein und der jungen Sektion. Mein Vater ist dann zum Bezirksvorsteher gegangen, und der hat mir verschafft, daß ich in die Kindergärtnerinnenschule gehen kann, gute Noten hatte ich ja. Da konnte man erst mit 16 hin. Das habâ ich dann statt dem Gymnasium gemacht. Von 200 sind 12 aufgenommen worden!

Und gabâs bei Euch zuhause Kritik an der Partei?

Kann ich mich nicht erinnern. Mein Vater hätte das auch gar nicht zugelassen. Er hat schon seine Meinung gesagt, aber für ihn und dann auch für uns war die Partei das Zuhause, mein Vater war wahrscheinlich zu tolerant der Parteiführung gegenüber. Kritik gabâs aber in der Sektion sehr wohl, da war zum Beispiel die Hilde Krones, die dann später zur KP gegangen ist und eine einigermaßen bekannte Linke war. Ich war aber, das muß ich ehrlich sagen, wie ich mit 16 in die Partei gekommen bin, die Jüngste dort, und ich habe auch politisch noch recht wenig gewußt.

Wie hast Du das Jahr 1927 erlebt?

Das war fürchterlich, das war entsetzlich! Da war mein Vater schon unheimlich aufgebracht, wütend, die ganze Sektion! Und wie mein Vater gehört hat, die Arbeiter streiken, die Arbeiter gehen auf den Ring hinein, war er einer der ersten, obwohl er in der kleinen Firma ja viel riskiert hat. Ich und meine Mutter wollten auch hinein - das war ja wie ein Lauffeuer, daß demonstriert wird, daß geschossen wird. Wir waren also vormittags schon am Weg hinein zum Justizpalast. Und mein Vater war auch schon von der Arbeit weg, der hat um sechs zu arbeiten begonnen, hat aber schon bald die Pferde heimgeführt und ist hinein. Die Berittenen haben dann die Demonstration zerstreut, die Arbeiter vertrieben. Und hinterâm Volkstheater im Park hättâs meinen Vater fast erwischt: Die Berittenen haben auf die Flüchtenden geschossen. Ihn hatâs nicht erwischt, weil er gut versteckt war im Gebüsch. Aber die sind mit vollem Geschäft hineingeritten in die Leute und haben auf die unbewaffneten Arbeiter geschossen. Auch mein Vater war ja unbewaffnet, er war auch nie beim Schutzbund, da war schon zu alt dazu.

Meine Mutter und ich sind aber nicht bis zum Justizpalast gekommen, nur bis zum Gürtel. Da war schon alles abgesperrt. Und da sind wir dann in einem Haustor Ecke Lerchenfelderstraße - Gürtel ein ganzer Haufen Arbeiterfrauen mit Kindern gestanden.

Alle waren empört. Wir haben das alle als einen Angriff der Kapitalisten auf uns Arbeiter und auf die ganze Arbeiterbewegung empfunden. Und daß der Seitz abgewiegelt hat, das haben wir eigentlich alles erst nachher gehört.

Wie war dann eigentlich die Kindergärtnerinnenschule?

Das war eine Schule der Gemeinde Wien, rot dominiert, wir haben da auch politischen Unterricht gehabt. Es waren lauter rote Lehrer, wirklich gute Lehrer. Und auch die Mädchen waren alles Kinder von Genossen, auch von roten Bonzen waren welche dabei. Direktor war der Anton Tesarek, er ist von den Schwarzen gekommen und zur SP gestoßen, ein sehr guter Direktor, aber er und auch die Lehrer waren alles keine Kämpfer. Ich konnte dann nicht mehr für die Partei kassieren gehen, weil ich einfach keine Zeit dazu hatte, in der Zeit war ich nur Parteimitglied. Und im Turnverein war ich auch noch. Aber zu mehr hatte ich keine Zeit, ich war da wirklich angehängt den ganzen Tag.

Ich habâ dann ein großes Glück gehabt: Durch Glück habe ich im 30er Jahr noch eine Anstellung gekriegt: Das ist nach Zeugnis gegangen, die besten sechs vom Jahrgang haben eine Anstellung bekommen. Wir haben dann im Dezember 1930 angefangen, und Î31 war dann schon eine allgemeine Aufnahmesperre bei der Gemeinde Wien. Da ist dann keine Kindergärtnerin mehr angestellt worden. Von unseren beiden Jahrgängen haben von 60 Mädchen nur 12 eine Anstellung bekommen.

Dann ist es mir ja gut gegangen. Ich habâ regelmäßig verdient. Eine schöne Dienstzeit habe ich auch gehabt - 36 Stunden in der Woche. Ich war dann zum Beispiel auch zugeteilt im Kindergarten Sandleiten - ein wunderschöner Kindergarten, das war der 100. Kindergarten, und da ist zum Jubiläum ein ganz besonderes Prachtstück mit viel Komfort hingestellt worden. Und wir Neuen mußten dann dort aushelfen - in den ersten paar Jahren war ich ja wie die anderen auch als Springerin eingeteilt. Das heißt, wenn jemand krank wurde oder wenn wo jemand zusätzlich benötigt wurde, mußten wir dann einspringen. Das mußte ich ein paar Jahre machen, bevor ich dann eine eigene Gruppe bekam, mir istâs also sehr gut gegangen. Meiner Mutter auch, weil ich ja jetzt verdient habe.

Politisch habe ich aber auch in dieser Zeit weniger gemacht, ich bin zwar in die Sektion gegangen, aber kassiert habe ich auch jetzt nicht mehr. Das war zeitmäßig bedingt.

Und wie hast Du die Konfrontation Ende der 20er Jahre und Anfang der 30er Jahre zwischen Arbeiterbewegung und Heimwehr empfunden? Kannst Du da etwas erzählen?

Ja, das war wirklich arg! Direkt beteiligt waren wir in der Familie aber nicht, denn mein Vater war nicht beim Schutzbund, der ist ja schon 1877 geboren. Wir haben nur immer wieder von den Zusammenstößen gehört. Natürlich hatâs auch in Ottakring Arbeiter gegeben, die zur Heimwehr gegangen sind, hauptsächlich wegen der fünf Schilling, wenn sie für die Heimwehr demonstriert haben. Und fünf Schilling war nicht wenig: Mein Bruder hat als Taglöhner 6 Schilling pro Tag bekommen! Dann haben sie auch noch ein warmes Essen bekommen und sind eingekleidet worden. Dafür aber waren sie unter den Arbeitern sehr verachtet.

Mehr habe ich dann gehört von meinem späteren Mann, dem Willi. Ich habe erst 1938 unterm Hitler geheiratet, aber 1937 sind wir schon zusammengezogen. Das war ja damals ein Problem: Wie die Schwarzen wieder am Ruder waren, wenn ich da geheiratet hätte, hättâ ich den Posten verloren - Kindergärtnerinnen durften ja nicht verheiratet sein!

Gehen wir zum Februar 1934 über: Wie hast Du und Deine Familie das erlebt?

Ich bin gerade 22 Jahre alt geworden. Alle Kindergärtnerinnen, die Springer waren, mußten wir knapp davor ins Rathaus ins Magistrat gehen und Aushilfe machen. Ich habâ müssen gehen nach Ottakring ins Bezirksamt. Die Arbeitslosen, und die Arbeitslosigkeit war ja damals riesig, haben Winterhilfepakete bekommen. Und da mußten wir den Beamten helfen, das auszugeben. Das war eine unheimlich gespannte Situation - die Referenten haben sich nicht viel aus den Arbeitslosen gemacht, sie haben ja einen fixen Posten gehabt. Und dann ist der 12. Februar gekommen.

Wir haben in der Hafnerstraße gewohnt. Und da ist schon zeitlich in der Früh geschossen worden. Da ist schon die Heimwehr und das Militär gefahren, und das Arbeiterheim in Ottakring hat schon gebrannt. Ich war nur so entsetzt, wir haben so einen Kilometer vom Arbeiterheim entfernt gewohnt, und da sind die Genossen, die Arbeiter, überall in die Häuser rundherum drinnen, und das Militär kann schießen auf das Ottakringer Arbeiterheim! Das hat mich so unheimlich entsetzt! Am 12. Februar hast Du ja nicht einmal beim Fenster hinunterschauen können! Mein Vater hat beim Fenster, beim zugemachten, runtergeschaut, die haben uns die Fenster zerschossen! Vor Aufregung sind bei meiner Schwägerin die Wehen gekommen, mein Bruder hat um den Doktor rennen müssen, das hat damals Lebensgefahr bedeutet. Der Doktor hat das dann erreicht: Zuerst hat er ja gar nicht mitfahren wollen, aber dann hat er es erreicht, daß meine Schwägerin, die haben damals bei uns gewohnt, daß meine Schwägerin in das Spital gebracht worden ist... Der Bruder hat aber nicht mitfahren dürfen.

Ich selbst war damals noch sehr jung und habâ illegal eigentlich nichts gemacht. Mein späterer Mann aber, der Willi, und sein Schwager, die haben sich selber ein Gewehr verschafft gehabt, ich weiß aber nicht mehr, wie. Und diese Gewehre haben sie im Keller eingemauert. Beim Aufstand haben sie dann die Gewehre heraus und sind zum Stellpunkt, wo ausgemacht war, daß sich die kämpfenden Genossen treffen sollen. Zum Teil waren die Arbeiter bewaffnet, zum Teil nicht. Aber es ist der Führer, der Kommandant der Schutzbundgruppe nicht gekommen! Jetzt haben sie sich in der Autobusgarage in der Schanzstraße versteckt, es ist aber dann gar nicht zum Kampf gekommen. Zwei Tage waren sie dann versteckt. Einer von den Jungen hatâs dann aber nicht mehr ausgehalten und ist beim Kellerfenster hinausgekrochen. Da haben sie dann natürlich alle erwischt und haben sie eingesperrt, aber die Waffen habenâs verstecken können, am nächsten Tag sindâs ausgelassen worden, weilâs ja nicht bewaffnet waren und weil dort wegen dem Verrat der Führer nicht gekämpft worden ist... In der Wohnung haben sie auch nichts gefunden, also sind sie noch ziemlich glimpflich davongekommen, sind sie freigekommen.

Überall waren die Leute gestellt, die wollten alle kämpfen! Zum Teil habenâs aber die Waffen nicht bekommen, zum Teil habenâs gar keine Waffen gehabt. Und mit den versteckten Waffen haben die Arbeiter dann nichts anfangen können, weil oft und oft haben gerade die, die die Verstecke gewußt haben, es mit der Angst zu tun bekommen und sind dann am 12. Februar am Treffpunkt nicht erschienen. Gerade die haben verraten, die das Kommando gehabt haben. Und ich kann Dir sagen, auch wenn ich damals noch ganz jung war, dieser Verrat war ganz entscheidend, daß ich dann zur "Sache" gekommen bin - auch wenn das erst viel später war. Denn ich bin ja erst unmittelbar nach dem Kriegsende dazugekommen.

Wie ging das dann aber nach dem Februar 1934 weiter

Wie dann das Ende war, hat sich alles geändert. Wer in einer höheren Stellung war, in einer exponierten, ist abgesetzt worden. Da sind so viele gewechselt worden. Ich war ja nach der Winterhilfe im Magistrat wieder im Kindergarten. Und unsere Leiterin war eine Bürgerliche durch und durch. Sie war halt der SP beigetreten, hat ein Bücherl gehabt, aber sie ist immer eine Bürgerliche geblieben. Sie hat den Kindergarten geführt, von dem ich zuerst schon erzählt habe - einen Musterkindergarten, wo ausländische Besucher hingeführt worden sind, wo der Seitz immer wieder gekommen ist mit ausländischen Besuchern. Und die ist natürlich gleich umgeschwenkt auf Schwarz. Die hat dann bleiben dürfen, aber alle anderen sind abgesetzt worden. Wir haben dann müssen beten mit den Kindern. Sofort ist das gekommen. Unser schöner Turnsaal, da mußten wir einen Marienaltar aufrichten. Wir konnten dann da natürlich nicht mehr turnen. Da hat uns alle die Wut gefressen.

Wie war das politisch: Die Parteiführung hat den Aufstand nicht koordiniert, ist ins Ausland. Ist da nicht Kritik aufgekommen?

Ja, eine pessimistische Kritik hatâs überall gegeben. Und eine unheimliche Bitternis! Wir waren mit Leib und Seele im Kindergarten dabei. Und jetzt haben wir müssen beten in der Früh und konnten nicht mehr turnen wegen dem Altar! Das war schon irgendwie symbolisch. Jetzt waren die am Ruder. Wer schlecht angeschrieben war, hat sofort seine Gruppe verloren.

Und dann ist noch was gekommen - ein Gesetz, das sie von der Maria Theresia ausgegraben haben: Eine Kindergärtnerin muß eine Note in Religion haben! Das wurde nie abgeschafft, das Gesetz. Und das wurde jetzt herangezogen. Und alle, die wir religionslos waren, haben müssen eine Schule machen für Religion. Und dann mußten wir zur Kirche eintreten - denn ohne Religion konnte man nicht Kindergärtnerin sein. Wir mußten das hinnehmen so. Das wurde aber alles dann wieder 1938, wie der Hitler gekommen ist, rückgängig gemacht. Der Religionsprüfung, die den Kurs beendet hätte, sind wir aber entgangen, das wurde sofort nach dem Einmarsch gestoppt. Der aber im Religionskurs unterrichtet hatte, der hatâs auch nicht leicht gehabt: Wir waren ja alle voll Haß auf die Schwarzen und die Kirche, und der hat bei uns Religionsunterricht machen müssen!

Ich habâ dann aber schon 1936, im Sommer, den Willi kennengelernt. Und über den habâ ich dann sehr viel politisch erfahren. Der war schon bei den Jugendlichen dabei, dann in der Partei, aber immer bei den Kritischen, bei den Aktiven, und auch in loser Verbindung zu den Revolutionären Sozialisten und hat politisch viel mehr gewußt als ich.

Kannst Du über Deinen Mann und die dreißiger Jahre noch ein wenig erzählen?

Der Verein, wo wir uns kennengelernt haben, war eigentlich ein Tarnverein für die Illegalen - die "Sonnenfreunde" hat er geheißen. Außerhalb von Wien hatte er ein Campinglager, in der Nähe der Donau. Dort war ein großer Fleck gepachtet. Alles war für die Freikörperkultur. Und dort waren sehr viele Schutzbündler, auch ein paar Bürgerliche, aber die sind nicht aufgefallen.

Mein Mann war Schlosserlehrling, hat aber sofort nach der Behaltefrist seine Arbeit verloren, war dann wie seine beiden Brüder arbeitslos. Die haben dann einen Betreuungsklub von der Partei für arbeitslose Jugendliche geführt. Alle drei waren im Schutzbund, im 15. Bezirk. Dort war eine Jugendgruppe, die war politisch sehr aktiv und hatte zum Beispiel auch gegen den Willen der Sektion Diskussionsabende mit der KP. Mein späterer Mann ist Bezirkskassier im 15. Bezirk geworden und hat dann mit der Zentrale viel zu tun gehabt. Mit der Zentralsekretärin von den Jugendlichen hat er viel gemeinsam gearbeitet, und sie sind dann ein Paar geworden, sind dann zusammen gegangen. Sie hat natürlich im 34er Jahr ihre Arbeit verloren, er hat aber eine Arbeit als Straßenkehrer bekommen. Da hatâs Kleidung gegeben und regelmäßig Geld, er hat also ein fixes Einkommen gehabt. Î36 war er noch bei der Kolonia, wie wir uns kennengelernt haben.

Mein Mann ist im Î34er Jahr nur kurz eingesperrt gewesen, die Resl aber, die wurde länger eingesperrt. Aber die ist dann schwer krank geworden, kam heraus und hat dann Kurier gespielt zwischen Tschechien und Wien, hat die kleine Zeitung, die Arbeiter-Zeitung, hereingeschmuggelt. Wie ich ihn dann kennengelernt habe, war er schon geschieden von ihr, sie sind vorher schon auseinandergegangen gewesen.

Wie hast Du Dich oder wie habt Ihr Euch dann in der Zeit des Austrofaschismus politisch betätigt?

Ich habâ mich illegal nicht betätigt, meine Leute haben keine illegale Verbindung gehabt. Und mein Mann, das habâ ich schon erzählt, war in loser Verbindung zu den RS (Revolutionären Sozialisten), er hat zum Beispiel den Beitrag gezahlt, wenn jemand gekommen ist. Aber wir waren beide voll Haß auf die Führer, die Î34 verraten haben, nicht gekommen sind, sich verhaften haben lassen, damit sie nirgends hineingezogen werden. Das haben wir ihnen schwer nachgetragen... Mein Mann war schon registriert, hat einige Hausdurchsuchungen gehabt, aber sie haben ihm nichts nachweisen können. Die Parteien im Haus haben keine Anzeige gemacht, haben geschworen, da war nichts im Keller.

Wie war das dann, als der Hitler gekommen ist?

Wir haben keine Illusionen gehabt. Wir waren damals ja politisch schon sehr bewußt! Und wir haben gewußt, jetzt kommt der Krieg! Ich habâ mit dem Willi schon zusammengewohnt, aber das war nicht offiziell, sonst hättâ ich ja die Arbeit aufgeben müssen. Und das Zölibat für Kindergärtnerinnen ist sofort, wie der Hitler gekommen ist, aufgehoben worden. Dann haben wir im Juli Î38 geheiratet.

Habt Ihr eigentlich damals zum Kampfbund schon Kontakt gehabt?

Nein, auch nicht zur KP. Wir hatten eigentlich nur mit SPâlern Kontakt. Das waren alles SPâler, viele linke, viele kritische. Aber wir waren alle noch Mitglieder der Partei.

Und Dein Mann ist dann eingerückt?

Ja, im 40er Jahr hat er zum Militär müssen. Erst war er bei einem Arbeitstrupp - er war ja schon ein bißchen älter, und dann ist er als Militärbeamter ins Kriegsgefangenenlager nach Meixendorf gekommen, das war ein unheimlicher Zufall. Ich bin ihm dann nachgezogen nach Langenlois, ich habâ mit den zwei Kindern, die schon da waren, in einem winzigen Kabinett gehaust. Dann haben wir aber Zimmer - Küche bekommen. Und der Willi hat als Militärbeamter sogar bei uns zuhause schlafen können.

Nur seelisch ist es ihm furchtbar gegangen: Da hat ja ein Geist geherrscht gegen die Kriegsgefangenen! Da waren alle Länder beisammen. Zuerst war er bei Franzosen, das ist ja noch gegangen, die sind ja nicht gar so schlecht behandelt worden. Da hat er sogar mit einem politisieren können. Der hat uns dann in Friedenszeiten noch besucht. Aber danach ist er zu den Russen versetzt worden als Aufsicht, und da sind sie im plombierten Waggon gebracht worden: Zwei, drei Tage ist niemand herausgelassen worden, ohne Essen, ohne allem, und wie sie dann aufgemacht haben - viele waren verhungert, gestorben, dann haben sie die Leichen wegräumen müssen. Das hat an ihm gezehrt, er hat das ja alles gesehen, und er mußte Dienst gegen die Russen machen! Der Willi hat mir aber immer erzählt, daß er der einzige war, der da im Lager das nicht so hundertprozentig machen wollte; die anderen waren da voll drauf und haben den Dienst ganz ernst genommen!

Das hat aber nicht lange gedauert, ist er gottseidank schon abgezogen worden. Er war dann im Heereslager als Aufsichtsperson in der Schreibstube, das war aber nur kurz, dann mußte er nach Allenstein. Da hat er die Ausbildung bekommen für die Front, und er hat dann noch im Î43er Jahr nach Jugoslawien müssen, zuerst nach Slowenien, dann nach Kroatien zum Kampf gegen die Partisanen. Er ist aber ohne Schuß nach Hause gekommen, denn er hat die Lebensmittelversorgung der Kompanie übergehabt. Aber er hat immer erzählt, die Truppen haben gehaust wie die Wilden gegen die Zivilbevölkerung!

Bis wann war Dein Mann dann in Jugoslawien?

Bis zum Ende, bis zum Kriegsschluß. Da haben die Offiziere die Mannschaften alleine gelassen und haben sich abgesetzt. Und dann sind die Partisanen gekommen und haben die Mannschaften in die Kriegsgefangenschaft übernommen. Mein Mann hat sich als Kraftfahrer gemeldet und ist hin und her gefahren. Da war er aber nur drei oder vier Wochen und ist dann geflüchtet, weil er sich durchschlagen wollte nach Wien. Er ist danach aber in englische Kriegsgefangenschaft gekommen, aber auch dort war er nicht lange, weil er nicht die SS-Tätowierungen gehabt hat. Und dann ist er gekommen bis in die Nähe von Fischau, da haben ihn die Russen erwischt. Bis Juni Î45 war er dann in Fischau in einem riesigen Kriegsgefangenenlager. Dort sind die Transporte für Rußland zusammengestellt worden. Bis nach Rumänien an die russische Grenze ist er schon in einem Viehwaggon gekommen, aber noch auf der rumänischen Seite in Focsani. Und an diesem Tag ist der Stalin-Erlaß gekommen, daß alle Österreicher, die nicht mit dem SS-Zeichen gekennzeichnet waren, freigehen. Sein bester Freud aus Wien, der war beim Transport am Vortag dabei, der war zu diesem Zeitpunkt schon über der russische Grenze, und der ist in Rußland zugrundegegangen. Aber im September ist er dann mit einem Transport von Focsani heimgekommen.

Und wie seid Ihr dann zum Kampfbund gekommen?

Bei diesem Transport war auch ein Genosse aus der Leitung der Frey-Gruppe, der Poldi Stadler, mit dem internen Namen hat er Günter geheißen. Der war schon vor dem Krieg beim Kampfbund. Und der war gleichzeitig auch ein Bekannter von mir - der war nämlich früher Vorturner beim Turnverein, wie ich noch ein ganz junges Mädchen war! Das war im 7. Bezirk, wo er vorgeturnt hat, obwohl er gar nicht dort gewohnt hat. Denn der Bezirk war sehr schwach, weil auf einen Schlag aus dem 7. Bezirk einmal 15 Genossen von einer Lawine verschüttet worden sind. Deshalb sind aus Wien Genossen als Vorturner in den 7. Bezirk gekommen. Auch mein Mann hat ihn gekannt, aber nicht als Mitglied des Kampfbundes, sondern als Vorturner. Und so sind sie ins Reden gekommen.

Seine Frau war inzwischen in Wien gewesen. Sie hatte im Krieg ein Kind bekommen. Und in ihrem Schrebergarten waren Kisten mit illegaler Literatur vergraben. Sie hat natürlich furchtbar um ihr Kind gefürchtet, wenn das aufkommt, und hat die Genossen gebeten, das auszugraben und wegzunehmen. Und die haben das nicht geholt, jetzt hat sie sich völlig von allen im Stich gelassen gefühlt und wollte nichts mehr wissen von Politik. Obwohl sie auch dabei war, als Mitglied oder Sympathisant, das weiß ich nicht mehr, er war aber in der Leitung beim Frey.

Und der hat mit meinem Mann geredet. Und wie sie daheim waren, ist der Poldi zu uns gekommen, und dann sind wir beide Mitglied geworden. Der hat den Grundstein gelegt für die neue theoretische Ausrichtung. Denn wir waren innerlich schon lange bereit für diese Umorientierung. Wie dann die Russen gekommen sind, war ja meine größte Enttäuschung, daß sie zugestimmt haben, daß die Schwarzen wieder in die Regierung kommen. Wie ich das gehört habe, das war für mich der größte Schlag!

Was war dann so Dein Gefühl damals?

Die können nichts zusammenbringen, wenn die drei Parteien zusammenarbeiten! Die Kommunisten mit den SPâlern und den Schwarzen, das kann nichts bringen, das war so meine Einstellung damals. Ich war voller Wut und voller Haß. Ich war damals in der Wachau einquartiert mit den Kindern. Alles war voller Angst vor den Russen! Man hat gehört, daß da Frauen vergewaltigt werden. Auf der anderen Seite waren unter den Einquartierten viele Nazis, und die haben natürlich darauf herumgeritten, was die Russen so alles gemacht haben! Das war eine gar nicht einfache Situation.

Und Ihr seid dann also im Herbst 1945 beigetreten. Zu welchem Teil des Kampfbundes, der war ja gespalten, seid Ihr dann gekommen?

Wir sind dann gleich im September 45 dazugekommen. Gruppen hatâs ja dann gegeben, den Karl-Liebknecht-Bund und den Rest des Kampfbundes, da hatâs ja wegen der Kombinierten Kriegstaktik die Spaltung gegeben. Die waren selbständig. Von der Gruppe, die mit dem Frey gegangen ist, vom Kampfbund, war ja fast niemand da. Da waren alle eingerückt! Aber da war nur der Stadler schon zurück, und dann war ein zweiter Genosse noch da, der war ein ganz einfacher Prolet, ein unheimlich ergebener, der gar nicht gut deutsch gekonnt hat, weil er irgendwo im Ausland in die Schule gegangen ist. Aber für den Frey war er hundertfach ergeben. Duransky hat er geheißen - sein interner Name war Felix, der hat dann alle zusammengesucht, die irgendwann einmal bei der Frey-Gruppe waren. Der hat alle Adressen aufgesucht und hat sehr viel getan, daß wieder die Gruppe zusammenkam. Und dieser Gruppe sind wir beigetreten. Die anderen waren noch eingerückt, es sind aber auch etliche gefallen. Der Felix war nur für die Partei, für die "Sache" tätig, aber seine Frau wollte nur ihre Ruhe haben und hat von der ganzen Sache nichts wissen wollen. Das hat sich dann ein bißchen gegeben, als sie in das Haus, wo wir auch gewohnt haben, gezogen ist. Wir haben danach viel miteinander gesprochen, sie hat ein Kind gehabt, wir zwei, da ist das dann ein wenig entschärft worden.

Und wie viele Leute waren dann im Kampfbund dabei?

Ich muß noch sagen, daß wir, mein Mann und ich, auch nach dem Krieg in der SP waren. Für meinen Mann, ich war das gewohnt, war die Partei alles. Und wie er zurückgekommen ist, ist er wieder in die Sektion gegangen - schaun, was los ist. Der Joschi Holaubek hat eine Brandrede in der Sektion gehalten, ganz fortschrittlich geredet. Und dann haben wir uns im Haus getroffen, um die Lage zu besprechen, was man tun muß. Alle, die da waren, waren gegen die Politik der SP eingestellt und waren dagegen, daß die SP mit den Schwarzen, mit den Kapitalisten, zusammenarbeitet. Wir alle haben da losgelegt. Da war dann auch eine Frau Bayer, er ist nicht mehr aus dem Krieg heimgekommen, aber die war auch schon für den Kampfbund eingestellt. Die war schon vor dem Krieg dabei gewesen, das waren die alten Genossen. Und in der Wohnung war dann auch noch anwesend mein Schwager, Freunde vom Haus, die dann alle mitgemacht haben beim Kampfbund. Die meisten aber nur kurz. Wir sind dann auch aus der SP später noch nicht ausgetreten, wir haben ja eine Sicherheit, eine Tarnung gebraucht. Es sind ja viele bei der Gemeinde beschäftigt gewesen. Und dann sind wir später absichtlich drinnengeblieben, daß wir noch andere suchen, daß wir die Kritischen finden und Kontakte machen können. Das war auf Geheiß vom Josef (Frey). Wir haben dann noch den Beitrag gezahlt.

Und der Holaubek, der ist auch dazugekommen zu dem Treffen, der hat auf das alles nur gesagt: "Liebe Freundâ, wennâs so anfangts, dann ist alles aus. Zuerst muß gearbeitet werden, zuerst muß alles wiederaufgebaut werden, dann kommen erst die politischen Sachen!" Und da hat er auch unsere Freunde abgestoßen von der SP damit, wir waren ja schon von der Sache infiziert, aber dann sind gleich auch noch einige andere dazugekommen. Wie gesagt, die meisten sind dann aber nicht lange geblieben.

Du hast gesagt, daß Ihr versucht habt, Leute von der SP zu gewinnen, wie viele werden das gewesen sein?

Da haben wir viele gewonnen, die waren ja alle mit der Politik der Parteiführung nicht einverstanden! Das werden sicher so um die 15 oder 20 gewesen sein. Die waren alle gegen die Koalitionspolitik. Aber als dann nichts weitergegangen ist, sind die meisten wieder apathisch geworden. Viele Frauen haben sich auch gewehrt, daß die Männer was machen, und haben gesagt: "Schon wieder Politik!" Fast alle waren vom Turnverein, nicht zu uns sind aber unsere kommunistischen Bekannten vom Turnverein gekommen. Die waren natürlich von der KP-Politik angesteckt. Wir haben dann aber auch junge Arbeiter gefunden. Mein Mann war ja sehr bekannt und war unermüdlich tätig.

Wir waren dann immer noch eine reine Frey-Gruppe in der strengen Illegalität. Da werden so bis zu 20 auf einmal dabei gewesen sein. Denn während die einen gekommen sind, sind andere schon wieder apathisch geworden. Das hat sich ja nicht so lange gehalten. Und wir sind dann auch kritisch aufgetreten bei Bezirkskonferenzen, vor Parteitagen hat es ja immer so Zusammenkünfte gegeben. Und der Willi und seine Freunde sind da als kritische SPâler aufgetreten. Sie sind dann niedergestimmt worden und abgekanzelt worden als Kommunisten, und dann warâs aus.

Wie hat sich dann das interne Leben abgespielt? Und wie viele von der ganzen Gruppe waren die alten Kampfbündler von vor dem Krieg?

Das hat sich so abgespielt: Wir sind dann wirkliche Mitglieder im Dezember Î45 geworden. Wir haben aber schon vorher beim Stadler einen Kurs über die wichtigsten Fragen gemacht. Aber der Stadler ist nur bis Dezember Î45 oder Jänner Î46 dageblieben. Die Frau wollte nichts von der Sache wissen, und er hat das so eingeschätzt, daß der Krieg bald wieder kommt und die Russen Österreich überrollen werden. Er ist dann heimlich über die Zonengrenzen bis nach Tirol gegangen, bis Wattens; und dort hat er bei Swarowski angefangen, er hat sich beim Werksleiter beliebt gemacht, damit er bleiben kann. Er hat dann zwar geglaubt, daß das so weitergehen kann mit der "Sache", aber ich als neue Kampfbündlerin habe gesagt, wie er zurückkam und seine Frau dann legal nachgeholt hat: "Mein Lieber, wenn Du so gut mit dem Betrieb stehst, kann ich Dir über den Kampfbund nichts mehr erzählen." Er hat geglaubt, daß ich aufgehußt worden bin, aber wer hätte mich den aufhussen sollen? Es war ja von den alten noch niemand wieder zurück! Mich hat das einfach furchtbar abgestoßen, wie er auf einmal geredet hat, daß man im Werk nicht nur fordern kann als Arbeiter, da geht ja mit dem Betrieb nichts weiter... Mich hat das halt furchtbar gestört, und vor allem war ja ich die, die mit ihm den Kontakt gehalten hat. Der Willi war ja arbeiten, während ich bei den Kindern zuhause war.

Man kann aber trotzdem sagen, daß der Kern des Kampfbundes Leute waren, die schon vorher dabei waren. Aber das waren nur wenige - wie gesagt, viele sind gefallen. Es war also nur der Felix da, die anderen hat er erst wieder aufgegabelt, die waren noch nicht wieder in Wien, der Loisl und andere. Wir hatten dann noch einen Jugendlichen, Hoch hieß er, dem hatte der Stadler ermöglicht zu studieren, damit wir einen Juristen in der Gruppe haben, das war ja wichtig in der Illegalität. Der hatte dann auch den Kontakt gesucht mit den Abgespaltenen, da wurde ja viel debattiert mit ihnen. Die waren ja interessiert, daß wir dazugehen, und der Student fühlte sich auch zu denen hingezogen.

Warum?

Du mußt bedenken, der Josef war ja nicht da, wenn der da gewesen wäre, dann wäre alles anders gewesen! Dann ist auch noch der Stadler weg, und der Felix konnte das politisch ja nicht besonders gut vertreten. Der war ein einfacher Arbeiter, aber ganz roh, ganz ungehobelt. Wenn er was gefragt worden ist bei einer Schulung, dann hat er sagen müssen: "Geh, wart ein bisserl, ich sag Dir das dann das nächste Mal!" Dann hat er schnell in den Heften geblättert und danach eine Antwort gegeben auf irgendeine Frage oder wenn etwas unklar war... Das Niveau drüben war ja höher, die waren politisch erfahrener und haben ganz auf einer anderen Stufe fortgesetzt und weitergearbeitet. Die anderen waren also erfahrener, sie haben aber auch neue Leute gewonnen gehabt. Es waren ja etliche bereit... Die anderen beim Karl-Liebknecht-Bund waren zwar auch überwiegend Arbeiter, sie hatten aber auch Intellektuelle dabei.

Und die Abgespaltenen, wie viele waren die?

Na, die waren mehr, der Stadler war ja der einzige von den alten Führungsgenossen, der bei uns dabeigewesen ist, und der ist ja abgesprungen gewesen!

Ich war ziemlich rege in der Zeit, wir haben aber nur so wenig gewußt! Bei der SP lernst Du ja nichts! Wir haben drei Hefte gehabt vom Josef, das war unser ganzer politischer Schatz, unsere ganze politische Bildung! Das war die Grundlage der Schulung, diese drei Hefte. Und wer dann dazu gestanden ist zum Inhalt der drei Hefte, der ist Mitglied geworden. Man hat kaum noch selber was gewußt, hat man schon einen Kurs geführt. Ich habâ das erste Heft durchgehabt und gerade das zweite gemacht, war ich schon Kursleiterin für das erste Heft! Es waren ja wirklich etliche bereit, da was zu machen.

Kannst Du noch etwas zum Gruppenleben sagen in dieser ersten Zeit?.

Wir waren ja ein wenig mehr als ein Dutzend, aber politisch noch SP-geschult und als Gruppe auch nicht sehr stabil. Die Genossen bei uns haben einen Kampf mitgemacht, als Schutzbündler, aber nichts Weiterführendes, nicht theoretisch. Durch den Krieg waren einige müde geworden, und die neuen, die wir in den Betrieben kennengelernt haben, da haben dann viele wieder aufgehört, die haben Überstunden machen müssen und wollten sich da einfach nicht zu tief hineinlassen. Fast keiner hat eine Wohnung gehabt, viele haben Tag und Nacht gearbeitet... Wir hatten zu viert 20 oder 30 Quadratmeter, mit zwei Kinder, und dort hat sich die Organisation gebildet, dort haben wir debattiert und alles...

Und die Vereinigung zur IKÖ, habt Ihr da gemeinsam debattiert?

Ja, da haben wir dann gemeinsame Schulungen im Wald gehabt, im Wienerwald. Das war dann so, daß die Initiative von ihnen ausgegangen ist. Der Stadler hat, bevor er weggegangen ist, noch die Gründe für die Spaltung erklärt, die Kombinierte Kriegstaktik. Daß der Frey fort hat müssen, und daß sich die Mehrheit für eine andere Taktik entschieden hat. Und dann sind die Ausgetretenen gekommen und haben uns gesagt, es ist jemand aus der Vierten Internationale gekommen. Und der war beim Josef und hat debattiert mit ihm in der Schweiz, und der Josef hat gesagt, er ist bereit, beizutreten. Wenn wir die eine Frage debattieren, dann steht dem nichts mehr entgegen.

Auf das hinauf hat der Felix gesagt, na gut, wenn das so ist, wenn der Josef auch dafür ist, dann gut. Wir hatten dann an etlichen Schulungen bei denen teilgenommen. Da war eine ganz schöne Gruppe beisammen, da war alles organisiert, mit dem Kinderdienst geordnet, daß auch die Eltern teilnehmen konnten. Und wir haben wirklich auch viel gelernt, wir haben uns ja mühsam durchgerauft durch die Hefte! Ich bin zwar in die Mittelschule gegangen, ich war aber die einzige. Die anderen waren alles einfache Arbeiter, die sich auch schwer getan haben mit der Sprache vom Frey: "Was kann das heißen?" Für uns war ja schon das Wort "Bürokratie" ein Fremdwort, und der Stadler hat uns zwar noch viel erklären können, aber der hat natürlich nachher gefehlt! Der hat mit uns noch das Allgemeine geklärt, damit wir können beitreten, und dann war er schon unterwegs, hat wollen fortfahren...

Wir sind dann über die Hefte gesessen, vor allem mein Mann, der hat ja hauptsächlich dann die Kurse gehalten. Und ich war auch immer dabei: Wie erklären wir das, wenn einer fragt? Also der Anfang war sehr primitiv!

Ihr wart dann dabei bei der IKÖ. Wie war das dann?

Wir waren also Mitglied in der IKÖ. Wichtig war dann aber der Sommer darauf. Da ist der Felix schwarz über die Grenze gegangen - über Vorarlberg in die Schweiz, nach Zürich zum Josef. Und da hat er erst Kontakt bekommen, und da hat der Josef dann gesagt, das stimmt alles nicht, bevor die Kombinierte Kriegstaktrik nicht geklärt ist, gibt es keine Vereinigung! Und jetzt darf es keine Diskussion darüber geben, in Wien sind jetzt lauter Genossen, die in dieser Frage nicht versiert sind, da darf man keine Abstimmung darüber machen, wenn die Genossen das alles nur einseitig hören!

Der Josef hat dann über den Felix sagen lassen, wir sollen aber nicht austreten, sondern pro forma dabeibleiben. Und wie es dann zur Debatte kommen sollte, haben wir nein gesagt und sind dann hinaus. Die Kriegstaktik wollten sie diskutieren, sie wollten uns überzeugen, daß der Josef unrecht gehabt hat.

Und wie war das dann für Euch? Ihr wart da ja doch bei einer größeren Gruppe, habt Ihr Euch nicht gedacht, das ist schade, jetzt müssen wir uns trennen?

Nein, wir haben vollkommen dem Josef vertraut.

Aber Ihr habt ihn ja gar nicht gekannt?

Aber wir haben schon so viel von ihm gehört, und er hat uns ja immer Briefe geschrieben. Er hat ja unheimlich ausführliche Briefe geschrieben dem Felix, und dabei war er schon alt, über sechzig! Auf jeden Fall hat er immer eine Sekretärin gehabt, das Maschinschreiben hat ihn ja immer furchtbar belastet. Wir haben jedenfalls dem Josef 100prozentig vertraut. Vielleicht eine alte SP-Angewohnheit: Die Führung muß recht haben! Und was wir so gehört haben über ihn, das war uns auch sympathisch.

Das Vertrauen zum Josef war der Hauptgrund. Wir wußten ja viel zu wenig! Wir hätten sie auch nicht entscheiden können, die Kriegstaktik. Für uns war das aber auch in der IKÖ ein Fortschritt gegenüber der SP, denn dort haben wir ja viel Grundlegendes zur Politik gehört und gelernt. Wir haben da viele gute Vorträge gehabt. Wir haben wirklich viel gelernt in der IKÖ...

Und wie war dann Euer Verhältnis zur IKÖ? War das sehr angespannt nach der Trennung?

Nein, das war überhaupt nicht der Fall! Und ich habe ja auch nie das Gefühl gehabt, daß ich Feind sein muß mit einem Genossen, nur weil der andere Ansichten hat! Das war meine Grundeinstellung. Aber ich habe keinen Kontakt gesucht. Sie waren ein paarmal bei uns. Ich habe dann meine Stellungnahme gegeben dazu, aber es waren keine Feinde.

Und wie Ihr aus der IKÖ hinausgegangen sind, wie viele wart Ihr dann?

Wir waren da auch wieder so um die 14, es sind ja auch einige von der IKÖ bei uns geblieben oder dann zu uns gekommen, die viel auf den Josef gehalten haben. Der hat ja auch in der Zeitung geschrieben und dann bei uns, wir haben ja dann später auch mit einer kleinen vierseitigen Zeitung begonnen. Die haben wir ja auch illegal hergestellt.

Es ist ja dann von der IKÖ zu uns der Rudolf dazugekommen, ein sehr kämpferischer Arbeiter. Einer, der sich auch sehr schwer getan hat mit dem Formulieren, aber sehr viel Erfahrung im Gewerkschaftskampf gehabt hat. Der war auch schon seit den dreißiger Jahren im Kampfbund, war dann bei der IKÖ und ist dann zu uns gekommen. Er ist dort aus persönlichen Gründen ausgeschlossen worden, es hat da interne Streitigkeiten und ein "Panscherl" mit einer Genossin gegeben. Der Josef hat dazu gesagt, eine persönliche Angelegenheit ist ungut, aber das ist kein Ausschlußgrund! Der Genosse ist zu tadeln, oder ihm ist anders zu zeigen, daß das nicht richtig ist. Und der Josef hat dann beim Ausschluß gesagt, er hat ihn ja noch von früher gekannt: "Bemüht Euch um ihn, der hat kämpferische Qualitäten!" Wir haben dann mit zwei oder drei von der IKÖ gemeinsame Schulungen gemacht, da mußten wir unsere Gruppe teilen, das war zuviel auf einmal für unsere kleine Wohnung. Und auch da haben wir wieder viel gelernt, da war wieder viel theoretisches Neuland! Daß der Rudolf zu uns gekommen ist, das war überhaupt eine große Verstärkung! Der war ja Betriebsrat in der Bally-Fabrik. Er ist dann jedes Jahr im Sommer im Urlaub zum Josef in die Schweiz gefahren. Der Rudolf hat danach auch Schulungen gemacht mit den Heften vom Josef. Wir hatten dann ja schon alle Hefte, nicht nur die ersten drei. Das war unser Grundstock, andere Literatur haben wir ja nicht gehabt.

Und wie viele Frauen waren dabei?

Wenig! Und die wenigen Frauen haben meistens auch keine sehr wichtige Rolle in der Gruppe gespielt. Meistens waren es die Frauen von Genossen. Ich kann mich da an zwei ganz einfache, aber wirklich ergebene Leute erinnern, Heinrich hat er geheißen, die wären für den Josef durchâs Feuer gegangen! Das waren alte KPâler, die mit dem Josef Ende der 20er Jahre ausgetreten sind. Dann war die Frau von einem anderen Genossen dabei, Weber hat sie geheißen. Und deren Schwester und ihr Mann hatten noch unter dem Josef einen Kurs gemacht. Die waren dann kritische SPâler, und die hat der Willi dann auch gewonnen für den Kampfbund! Der Willi und der Felix haben wirklich den ganzen Turnverein abgeklappert, und da sind immer wieder neue Genossen dazugekommen. Wir haben dann wieder so Aktionen gemacht und haben Artikel vom Josef in einem Haus verbreitet - unsere Genossen waren wirklich rührig, waren immer tätig. Aber dann ist nichts weitergegangen! Von den alten ist dann niemand mehr geblieben. Aber trotzdem: Auch wenn die Anfänge sehr schwer waren, wir haben uns weiterentwickelt! Ab Mitte der 50er hat es dann auch schon Nachschub von der Jugend gegeben.

Und war die Frauenunterdrückung ein Thema?

Ich muß Dir sagen, ich habe mich in der Gruppe nie unterdrückt gefühlt! Ich war immer gleichberechtigt. Das hängt sicher aber auch damit zusammen, daß ich länger in die Schule habâ gehen können. Deshalb habe ich auch mit dem Wort umgehen können! Und die Genossinnen, die dann dazugekommen sind, da habe ich mich bemüht, daß sie nicht als Anhängsel da sitzen und nicht gegen die Männer und ihre politische Arbeit sind. Wir haben da Sonntagstreffs gemacht, wo alles, Kind und Kegel, in der Lobau war.

Ihr wart dann in Zellen organisiert?

Ja, zwei Zellen hat es gegeben. Eine Zelle war bei uns in Fünfhaus, dort war sozusagen die Zentrale, und dann war noch eine zweite Zelle im 14. Bezirk im Breitnerhof, bei der Endstation von der Linie 52, wie wir größer geworden sind. Die meisten Genossen haben also in den Arbeiterbezirken in Fünfhaus, Rudolfsheim und Ottakring gewohnt. Und dann gabâs noch in Floridsdorf eine gute Gruppe, die waren aber nicht bei uns, sondern bei der IKÖ, sind dann aber ausgetreten. Da waren sogar sehr gute Genossen dabei, kämpferische Genossen!

Und die haben uns dann wieder gesucht, wie wir dann schon Zeitung verkauft haben so ab und zu. Da haben zum Beispiel zwei wollen, daß ihr Sohn zu uns kommt. Die haben uns dann wieder gefunden, das war alles nicht so leicht in der Illegalität.

Und wie wir dann schon die Zeitung verbreitet haben, ab 1950, da haben wir dann öfter Kontakte gemacht. Wir haben da eine alte Genossin kennengelernt. Die hatte auch noch den Josef gekannt und sich selber eine Gruppe aufgemacht. Und so sind wir dann in Kontakt zu einer Arbeitergruppe gekommen. Das hat sich aber auch nicht lange gehalten.

Eine Frage zur Illegalität: Worauf war die Konspiration vor allem zurückzuführen, daß man Angst gehabt hat vor den Russen?

Ja natürlich, da warâs ganz streng. Vor den Russen hatten wir mehr Angst als vor den Westmächten. Und dann ist ja auch der Karl Fischer von der Roten Armee entführt worden und in Wien auch noch eine Frau, eine Trotzkistin, die dann erst in den siebziger Jahren aus Rußland heimgekommen ist.

Sind Eure Leute eigentlich politisch aufgetreten in den Betrieben?

Na ja, zum Beispiel hat sich mein Mann bemüht, da hat es bei der Gemeinde Wien Vertrauensmänner gegeben. Er ist dann gewählt worden. Die Organisation war eigentlich dagegen, er aber war brennend dafür. Die Organisation hat gesagt, Du kannst nichts durchziehen, das wird nur eine Enttäuschung, Du wirst Dich mit Deinen Forderungen nicht durchsetzen können.

Aber damals war das auch in der SP noch anders: Damals hat die SP noch vieles geduldet, hat die Partei noch offener sein müssen. Und da haben sieâs geduldet, daß er verschiedene Sachen gemacht hat: Betriebsversammlungen einberufen hat... Da war auch die Gewerkschaft noch unsicher nach dem Krieg, und sie war auch noch radikaler. Er hat sich dann ein Jahr durchgesetzt als Vertrauensmann, hat das dann aber abgegeben auf Betreiben der Organisation, denn man konnte wirklich nichts Grundlegendes machen. Aber er hat einen Kollegen dort gewonnen, der dann Sympathisant wurde und auch die "Kurse" gemacht hat. Aber er ist nicht als Trotzkist im Betrieb aufgetreten, sondern als "kritischer SPâler". Und sie haben sich auch so genannt bei den Personalvertretungswahlen.

Und habt Ihr bei den großen Auseinandersetzungen - zum Beispiel im Oktoberstreik 1950 - interveniert?

Eigentlich nicht. Erstens waren wir ja illegal. Wir waren streng abgesondert, Du darfst ja nichts sagen von der Sache. Und zweitens war das ganze Gruppenleben sehr stark nach innen gekehrt. Wir waren ja auch erst im Begriff, was zu werden. Wir waren überhaupt als Gruppe nicht sehr verankert in den Betrieben, nur die einzelnen Genossen. Aber die sind ja nicht offen aufgetreten.

Und Du bist ja schon seit 1945 durchgehend politisch aktiv, was denkst Du nun über dieses halbe Jahrhundert?

Ich kann Dir sagen, es ist wirklich ein schönes Gefühl zu sehen, daß wir nicht umsonst gearbeitet haben. Daß es Junge gibt, die unsere Ideen weitertragen. Und wenn ich mich so erinnere, wie einfach wir Î45 angefangen haben, dann kann man wirklich einen schönen Fortschritt sehen!