Interview mit Friedrich Seidel
Das Interview mit Friedrich Seidel wurde Ende April 1996 von Paul Roth und Eric Wegner geführt, transkribiert wurde es von Paul Roth.
Vielleicht sollten wir mit deinen biographische Daten beginnen ...
Ja. Geboren bin ich in Wien, im April 1907. Mein Eltern sind, wie ich zwei Jahre alt war, nach Korneuburg übersiedelt. In Korneuburg bin ich dann in die Schule gegangen. Während des Krieges eigentlich eine schlechte Situation, auch in der Schule. Nach der Schule in die Lehre nach Wien, in die Staatsdruckerei. Ich hab' Schriftsetzer gelernt.
Was waren die Eltern von Beruf?
Mein Vater war auch Schriftsetzer. Der ist jeden Tag nach Wien gefahren und zwar am Fleischmarkt. Dort waren Tagblatt und Volkszeitung. Als Jugendlicher bin ich in Korneuburg zu den Jugendlichen (Sozialistische Arbeiterjugend/SAJ) gegangen und zu den Naturfreunden, wie ich dann ausgelernt war auch zum Schutzbund.
War dein Vater auch schon in der Arbeiterbewegung?
Aktiv war er nicht. Er war nur Mitglied, also Sympathisant und Mitglied. Im Arbeitersängerbund in Korneuburg war er auch. Meine Mutter war etwas mehr politisch aktiv. Sie war einige Jahre im Gemeinderat und auch beim Arbeitersängerbund in Korneuburg. So ist das Elternhaus. Nach der Lehre war ich dann noch zwei Jahre in der Staatsdruckerei, dann war die Krisenzeit und dann bin ich abgebaut worden. Wegen Sparmaßnahmen. So ähnlich wie es heute ist. Dann hab' ich mich zum Bundesheer gemeldet, weil in Korneuburg war ein Offizier des Bundesheeres, ein Genosse, der gesagt hat, es sollen so viele Genossen wie möglich dahin, damit das Bundesheer nicht in schwarze Hände kommt. 1927 bin ich zum Bundesheer nach Wien, zum IR 3 (Infantrieregiment) zur Rennwegkaserne. Dort war die wiener Garnison, da hat es Vertrauensleute gegeben. Da waren noch alle außer dem IR 4, das waren die Deutschmeister, beim Militärverband - damals hat die sozialistische Organisation der Soldaten Militärverband geheißen. Den 27. Juli hab' ich da miterlebt.
Und wie hast Du das Jahre 1927 und die Juliereignisse erlebt?
Wie der Justizpalast gebrannt hat, war ich schon beim Bundesheer und wir mußten ausrücken und haben uns im Parlament einquartiert - nicht besetzt.
Ist 1927 schon eine Kritik an der Parteiführung aufgekommen?
Ja. `27 war ich mit der Partei in Korneuburg nicht mehr verbunden. Dann war ich beim Bundesheer. Und in Wien bin ich keiner Bezirksorganisation beigetreten. Ich war nur beim Turnverein und im Sängerbund hab' ich mich betätigt. Ich war nicht mehr in der Partei.
Aber was haben die Ereignisse von 1927 ausgelöst, was hat man sich da gedacht, als jemand, der doch der Arbeiterbewegung angehört hat?
1927 das war eine spontane Erhebung der Arbeiter gegen das Schandurteil - aus den Betrieben am Sperlingplatz zu strömen. Die spontanen Aktivitäten sind von der Partei zurückgedrängt worden. Man ist aufgefahren, wie der Seitz zum Beispiel am Feuerwehrauto, und hat die Arbeiter zurückgedrängt. Und der Schutzbund hat ja eigentlich mitgewirkt, um die Arbeiter zu beruhigen und zurückzudrängen, damit es nicht zu weiteren Ausschreitungen und Erhebungen kommt.
Hast Du es persönlich als Niederlage erlebt?
Ich hab' s als Niederlage erlebt, weil die Partei die spontane Erhebung nicht ausgenützt hat oder weitergeführt hat, sondern, wie schon immer, so wie im 18er und 19er Jahr, die Massen besänftigt hat mit irgendwelchen Versprechungen, die sie eh nicht gehalten haben. Also damals war ich schon von der Partei enttäuscht. Das hat sich ja dann fortgesetzt bis zum 34er Jahr.
1933 war die Auflösung des Parlaments. Warst Du da noch beim Bundesheer?
Ich war bis Ende 1932 beim Bundesheer. Dann war ich in einem dreimonatigen "Einarbeitungsurlaub" oder wie der geheißen hat. Damit man sich in den eigenen oder einen anderen Beruf einarbeiten kann. Da bin ich in einen Kurs gegangen. War wahrscheinlich ein Kurs vom Landesarbeitsamt, dort bei der Stadthalle in der Nähe, wo die Gewerbeschule, die Berufsschule ist. Und das war ein Kurs für Schriftsetzer.
Hast anschließend wieder eine Arbeit gefunden?
Nach dem Kurs war ich arbeitslos. Mein Vater hat aber dann mit dem Betriebsrat am Fleischmarkt gesprochen. Dann bin ich zwei Jahre aushilfsweise hineingekommen während der Urlaubszeit. Und im Jahre 1936 bin ich dann fix drinnen geblieben. September `38 sind alle, die einmal beim Bundesheer waren, einberufen worden. Da waren ja schon die Nazis da. Ich war bei einer Gruppe, bei der viele Ehemalige des IR 3 waren. Dort bin ich mit zwei Trotzkisten zusammengekommen. Die hab ich von früher schon gekannt. Aber ich weiß nicht, waren die früher schon dabei oder nicht. Das waren der Roth Fritzl und der Stadler. Die haben mich im 38er Jahr bei dieser Einsatzübung der Naziwehrmacht im Waldviertel zu den Trotzkisten geworben. Der Stadler ist nach dem Krieg nach Tirol zu den Werken von Swarovski. Angeblich hat er den Swarovski während des Krieges kennengelernt und der hat gesagt, er soll zu ihm kommen. Er hat auch keine Arbeit gehabt. Die haben dann während der Einsatzübung mit mir geplaudert und diskutiert und haben mich sozusagen für den Trotzkismus interessiert.
Wie hast du die Februarkämpfe erlebt?
Während der Februarkämpfe war ich ein Arbeitsloser in Korneuburg. Und in Korneuburg war ich nicht aktiv. Einer, der Schutzbundführer - Schammet hat er geheißen -, der ist im 38er Jahr schnurstracks zu den Nazis übergelaufen.
1933 nach der Parlamentsauflösung hat es doch am 1. Mai diese Spaziergänge am Ring gegeben. Warst du da dabei?
Ja, da war ich in Korneuburg. In Korneuburg waren auch diese Spaziergänge und kleine Aktionen.
Und hast Du 1933/34 schon eine Kritik an der Parteiführung entwickelt? Hast Du da schon eine Oppsitionsposition gehabt?
Jaja. Es ist nur dadurch so weit gekommen, weil die Partei nicht kämpferisch war, sondern immer einen Schritt zurückgegangen ist und den Leuten versprochen hat, das war der letzte Schritt. Bis zum 34er oder bis zum 38er Jahr! Na dann haben sie nicht mehr aktiv sein können. Und das hat sich auch dadurch gezeigt, daß im 34er Jahr die Eisenbahner gar nicht mehr gestreikt haben, nicht wahr. Das war schon eine Zermürbungstaktik der Partei - bewußt oder unbewußt. Dadurch, daß sie immer zurückgewichen sind und sich nie gestellt haben. Immer daran interessiert im Parlament, in Opposition zu bleiben. Auch wenn sie dann im 33er Jahr aufgelöst wurde.
Und die Kritik an der Politik der Parteiführung, die war in Korneuburg also unter den Arbeitern und Arbeitslosen verbreitet?
Verbreitet, das wäre zu viel gesagt. Es war vereinzelt, nur vereinzelt. Bei einzelnen Genossen. Aber ansonsten waren sie brave Sozialdemokraten.
Du warst 1938 schon so kritisch gegenüber der Parteiführung, daß Du für die Trotzkisten ansprechbar warst, daß ihre Propaganda bei Dir auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Über welche Fragen sind die dann an dich herangetreten? Was war das, mit dem sie dich überzeugt haben? Die Kritik an `34?
Die Kritik an der Partei, sozusagen den Verrat am Sozialismus, durch dieses Paktieren mit den Bürgerlichen. Das war der Hauptpunkt, der mich ansprechbar gemacht hat. Die Kritik an der Parteiführung.
Ist über den Stalinismus auch diskutiert worden?
Eigentlich nicht. Zumindest nicht am Anfang. Es hat mit einer Schulung angefangen, nachdem wir zurück gekommen sind. Im 38er Jahr. Da wurde ich sozusagen provisorisch aufgenommen, und da war es immer so, daß man eine Schulung durchgemacht hat, den Kurs vom Frey. Der Stadler, der ist zu uns gekommen, also zu mir und meiner Frau. Einmal in der Woche. Bis zum 39er Jahr haben wir sozusagen die Schulung durchgeführt. Dann mußte ich einrücken. Ich wurde eingezogen.
Warst Du dann schon Mitglied vom Kampfbund?
Ich weiß nicht. Ich war in der Schulung. Ob ich schon Mitglied war? Ich hab' keinen Mitgliedsbeitrag bezahlt. Ich wurde vom Stadler betreut. Und das ist dann während des Krieges abgerissen.
Du bist dann zur Wehrmacht eingezogen worden. Kannst Du uns erzählen, wie es Dir als Revolutionär so ergangen ist im Krieg?
Naja. Revolutionär im Krieg? Nachdem ich abgerüstet wurde, weil ich klarerweise das Naziregime über hatte, hab' ich immer getrachtet, nur womöglich weg vom Militär. Da bin ich solange zum Arzt gegangen, wurde einmal auf den Rosenhügel überwiesen zur Begutachtung und da bin ich auf einen Arzt gestoßen, der wahrscheinlich kein Freund der Nazis war. Der hat mich gefragt, was ich vorher war, beim Bundesheer. Was ich für eine Charge hatte? Sag' ich, gar keine. Ja wieso nicht?, fragt er. Ich hatte einen politischen Herzfehler, sag' ich. Damit war es aus und nach 14 Tagen, hat er mich entlassen. Wie ich zur Truppe zurückgekommen bin, sagt der Spieß zu mir, Gewehr und alles abliefern. Dann bin ich in die Telefonzentrale gekommen in Strebersdorf. In Strebersdorf war ich eine Zeit lang. Dort hab' ich öfters Verbindungen herstellen müssen zur Wehrkreis-Druckerei, die war im ehemaligen Kriegsministerium am Stubenring. Dort war ein Bekannter von mir. Hab' ich gefragt, ob und wenn sie einen Schriftsetzer brauchen, soll er`s mir sagen. Die haben mich dann angefordert und ich bin in die Wehrkreis-Druckerei gekommen. In Wien. Das war 1940/41. In der Wehrkreis-Druckerei hat man gesehen, wenn man einmal GVA (geeignet zur Verwendung für Arbeit, aber nicht kriegsdiensttauglich) geschrieben wird, kommt man immer wieder - zumindest alle halbe Jahr - zu einer neuerlichen Untersuchung. Man wird dauernd untersucht. Einen Soldaten, den ich noch von Korneuburg her gekannt hab' - er war beim Bundesheer, bei der Marine - der hat mir gesagt: Hearst, mach' doch einen Lehrgang als Verwaltungsbeamter! Und da hab' ich mich zu einem Lehrgang gemeldet und hab' den Lehrgang durchgemacht und bin dann von der Truppe weg, als Verwaltungsbeamter. Das hat damals den hochtrabenden Titel Kriegsverwaltungsassistent gehabt.
Du warst also die ganze Zeit in Wien und es war trotzdem nicht möglich, zu den Genossen Kontakt zu halten?
Die Genossen waren eingerückt. Der Stadler war eingerückt, der Roth war eingerückt, den Drexler hab' ich damals noch nicht gekannt, sondern nur noch den Dworak. Ist Dir der Dworak ein Begriff?
Ja.
Er lebt ja nicht mehr. Er ist ja verunglückt. Jedenfalls waren die alle eingerückt, da war kein Kontakt.
Du warst bis Kriegsende in Wien?
Neinnein. In Horn war ich ein Jahr. Dann bin ich nach Polen versetzt worden. Für kurze Zeit war ich in Krakau. Dann war ich in Jaroslav ein viertel Jahr. Und dann sind wir verlagert worden nach Südfrankreich, in das besetzte Gebiet. Zuerst war ja Südfrankreich nicht besetzt, wurde aber dann später im Jahre - ich glaub' - 1943 besetzt. Und da sind wir als Heeresstandort-Verwaltung nach Südfrankreich gekommen.
Du warst jeweils Verwaltungsbeamter für die Wehrmacht?
Für die Wehrmacht, ja. Also Geräte beschaffen und Monturen beschaffen und Reinigungsmittel beschaffen usw. Das sind Zustände gewesen!
Hast du von den dortigen Widerstandsbewegungen in Polen und Frankreich etwas mitbekommen?
Nein. Auch in Frankreich nicht.
Weil du in der Verwaltung warst?
Der Widerstand in Frankreich hat eher mit Truppenleuten Kontakt aufgenommen, als mit Verwaltungsleuten, nehme ich an. Dort wurde ich dann auch wieder im Jahre `44 zurück zur Truppe geholt. Nach Krumau an der Moldau, dort wurden alle zusammengestellt. Verwaltungsbeamte, die man alle zur Truppe zurückberufen hat, weil schon Soldatenmangel war. Und Flieger, weil sie schon nimmer so viele Flugzeuge gehabt haben, und auch nicht mehr soviel Treibstoff. Die sind dort alle in Krumau gesammelt worden. Ich hab' das Glück gehabt, in die Schreibstube hineinzukommen. Durch Tricks. Und dort war ich dann eigentlich bis zum Schluß. Ich wurde dann Anfang April `45 mit einem Kommando nach Wien geschickt, um Geräte zu fassen. War dann in Wien, wir haben Geräte gefaßt, sind zurückgefahren, oder wollten zurückfahren, sind gekommen bis vor St. Pölten zu einer Brücke. Weil die Brücke gesprengt war, sind wir wieder nach Wien zurückgeschickt worden. In Wien haben wir uns gefragt: Was machâ ma jetzt, wir können nicht frei herum gehen, wir müssen uns irgendwo melden? Wir sind in die Standortkommandantur, die war irgendwo im ersten Bezirk, dort, wo die neue Universität ist, dort sind wir zu einem Widerstandsoffizier gekommen - nehme ich an -, weil der hat gesagt: Was soll i mit eich mochân, rennen eh scho so vühle Narren umadum! Hat er zum Schreiber gesagt: Da geben`s an Stempel drauf, verlängert auf 14 Tag - der Aufenthalt in Wien. Na, dann haben wir gesagt: Das haben wir! Jetzt wird ein jeder schauen, daß er irgendwie untertaucht.
Das habt Ihr dann gemacht bis die Russen in Wien waren?
Ich bin dann in den 14. Bezirk, wo mein Bruder gewohnt hat. Aber der war auch nicht zu Hause, er war beim Militär. Na, bin ich dorthin übersiedelt. Den nächsten Tag waren die Russen schon da. Die Uniform irgendwo versteckt ... ich bin zu meiner Cousine gegangen in den 16. Bezirk, hab' mir dort ein G' wand ausgeborgt. Und einmal da war eine russische Kontrolle. Der wollt' mich mitnehmen. Na, da hab' ich solange geredet. Das Soldbuch hab' ich noch gehabt, da hat er wahrscheinlich gesehen, daß ich nicht in Rußland und bei keiner Kampftruppe war. Da haben wir solange miteinander geredet, bis er gesagt hat: Ah, leg dich nieder. Dadurch war das dann für mich vorüber.
In welcher Sprache habt Ihr miteinander geredet?
Der hat Deutsch gekonnt. Aber ich hab' nicht g' sagt, daß ich ein Kommunist bin. Weil des haben die Russen nimmermehr geglaubt, weil ein jeder war schon ein Kommunist. Dann nach dem Krieg, es muß, mir scheint, Herbst `45 oder Frühjahr `46, haben wir dann die Verbindung wieder aufgenommen. Und da bin ich wieder zusammengekommen. Der Roth ist gefallen, den hat' s nimmer gegeben. Zusammengekommen bin ich mit dem Drexler, mit dem Thomas, mit dem Modlik und dann war noch einer, aber da weiß ich nicht mehr, wie der heißt, wohnt im Sandleiten-Hof.
Wie hat denn das Kontaktaufnehmen funktioniert? Hat man einmal hingeschaut, ob der wieder da ist?
Ja, da haben wir einmal hingeschaut, lebt der noch, ist er gefallen oder in Gefangenschaft. Der Modlik war in Wien, der war nicht eingerückt, der war bei der Sanität.
Und der Drexler auch.
Ja, der Felix (das ist Anton Turansky), der war auch bei uns. Der hat in der Eisenhandlung in der Burggasse gearbeitet, eine Zeit lang, weil der war ja dann der Kampfbund und wir waren die IKÖ. Die IKÖ war wieder aufgeteilt in Zellen. Nur hie und da sind wir alle im Wienerwald zusammengekommen. Wir waren alle immer illegal, haben andere Namen gehabt.
Was war denn dein i-Name?
Ich weiß es nimmer. Vielleicht weiß es ein anderer. Man weiß die der anderen, aber es ist so, wie man die eigene Telefonnummer vergißt. (Wie sich Seidel später doch erinnert hatte, hieß er intern "Lustig"; Anm. d. Redaktion)
Die IKÖ war doch in Gebiete gegliedert und die Gebiete haben noch einmal Zellen gehabt?
Ja, das war hier hauptsächlichst im Bezirk. Und sporadisch sind wir die ganze Gruppe zusammengekommen - war' s einmal oder zweimal im Jahr. Im Wienerwald oder sonst wo. Die ganze Gruppe war zirka bei hundert Leuten.
Das muß ja aufgefallen sein, wenn sich 100 Leute zusammensetzen!
Das war natürlich immer versteckt. Zum Teil war es auch in der Lobau. Also dort, wo auch viele Leute zusammenkommen. Dann fällt es nicht so auf. Unsere Tätigkeit war eigentlich nur, bei gewissem Anlaß Flugblätter zu fabrizieren und verteilen. Aber illegal, natürlich! Zum Beispiel hat man einen Packen Flugzettel bei einer Baustelle über den Lattenzaun geworfen und einem Bauarbeiter zugerufen, daß er die Flugzettel unter den Arbeitern verteilt.
Aber Ihr ward ja auch in Betrieben politisch tätig.
Ja, das schon. Zum Beispiel wurden in den Betrieben, wo Genossen beschäftigt waren, während des Lederarbeiterstreiks 47/48 und des Schuharbeiterstreiks `48 die Geldsammlung für die Streikenden forciert ... die Genossen sind aber nicht als IKÖ aufgetreten. Die SPler und der ÖGB waren gegen die Geldsammlung. Die Argumentation von denen war, daß die Arbeiter und der ÖGB Schwäche zeigen würden, wenn sie es nötig haben, Geld zu sammeln. Auf diese dumme Ausrede ist aber natürlich niemand reingefallen. Beim Schuharbeiterstreik haben wir auch sehr aktive Betriebsräte gehabt.
Und wie hat die IKÖ-Intervention beim Oktoberstreik ausgesehen?
Da hat es keine wirklich organisierte Intervention gegeben. Jeder hat in seinem Arbeitsbereich gewirkt. Etliche waren ja auch Betriebsräte, meistens bei der SP. Bei einer späteren Betriebsrätekonferenz haben wir auch einen wichtigen Anteil daran gehabt, daß die Führung vom ÖGB ins Schwimmen gekommen ist. Der Böhm (der damalige Präsident des ÖGB) hat dann sogar einen Schwächeanfall vorgetäuscht und sich ärztlich versorgen lassen. Bei der Wiederholung der Abstimmung hat dann auf einmal die Position vom Böhm die knappe Mehrheit gehabt.
Wie ist das dann weitergegangen bis zum Ende der IKÖ?
Wir sind eigentlich immer weniger geworden bis zur entgültigen Spaltung. Das war Anfang der 60er Jahre.
Worin hat die Aktivität der Gruppe, die dann noch um den Modlik existiert hat, bestanden? Wie viele Leute waren da noch bei der Modlikgruppe?
Der Modlik, der Dworak, der Soucek, der Sibi, glaub ich ... und der Drucker, der hat eine Druckerei gehabt, der Prohidel ... jedenfalls so acht Leute, glaub' ich. Die Spaltung ist gekommen wegen der Zeitung. Das wurde in der Gruppe mit Drexler und Thomas debattiert, ob eine Zeitung herausgegeben werden sollte. Das war dem Modlik seine Idee. Sie waren auf jeden Fall dagegen. Zuerst wurden handgeschriebene Blätter herausgegeben zur Information untereinander. Und dann ist einmal die erste Zeitung erschienen und die anderen, der Drexler, der Thomas usw. haben sich abgespalten.
Der Modlik hat das also auf eigene Faust gemacht. Den Arbeiterkampf habt Ihr als legale Zeitung vertrieben?
Ja, mit dem Dworak, mit mir, mit dem Soucek und dem Drucker Prohidel. Der hat uns immer den Umschlag gedruckt. Ich hab ihn gesetzt und er hat ihn gedruckt. Wir sind regelmäßig zusammengekommen und haben einmal im Monat eine Zeitschrift herausgebracht. Im Monat! Das war eh viel. Der Modlik hat Artikel vom Pablo, also vom Internationalen Sekretäriat - deren Zeitung hat er ja bekommen - übersetzt und hat auch für Österreich immer einen Artikel geschrieben, den wir zuerst in der Gruppe besprochen haben.
Das meiste hat der Modlik geschrieben?
Ja. Dann haben wir eine Abziehmaschine gehabt.
Und ihr ward alle SP-Mitglieder?
Der Modlik nie. Die anderen Genossen waren in der SP, weil wir gesagt haben, es gibt keine andere Möglichkeit, hier unsere Standpunkte zu äußern und beizutragen zu einem linken Flügel, der leider nie zustande gekommen ist. Ich bin heute noch in der SP, ich hab' zwar keine Illusionen mehr, aber die Gruppe gibt es nicht mehr. Wo kann man politisch diskutieren, nicht wahr? Also bin ich noch in der SP.
Und Ihr seid also damals, als der Modlik noch gelebt hat und den Arbeiterkampf gemacht habt, auch in die Sektionen gegangen und habt dort mitdiskutiert.
Ja, natürlich. In den 50-er Jahren hat es einen linken Flügel gegeben in der SP und zwar unter dem Hindels. Bei dem war ich auch immer. Wir haben uns im Caf Hummel getroffen, dort war der Hindels, der Blecha und noch viele andere bekannte Politiker.
Wann war das? In welchem Jahrzehnt?
Das muß in den 60er Jahren gewesen sein. Das werden der Thomas und der Drexler auch wissen. Die haben Aufzeichnungen gehabt. Der hat ziemlich lange existiert, aber er wurde von uns auch kritisiert, weil er außer der Zusammenkunft, um linke Standpunkte zu entwickeln, keine Fraktionierung durchgeführt hat. Er war ein geduldeter linker Flügel von der Partei. Das war in einem Extrazimmer vom Caf Hummel. Das war ziemlich voll. Da gabâs immer hundert Leute. Vorher hat er im ÖGB-Haus Vorträge gehalten. Ich kann mich an eine erinnern. Er hat über Rußland geredet und im Gegensatz zur Partei nicht alles für schlecht gehalten, sondern hat auch die positiven Seiten aufgezeigt. In puncto Bildung und Gesundheitswesen ... und vorher den Aufbau, die Räterepublik noch, die halt dann abgewürgt wurde.
Aber Ihr habt in den 60-er Jahren, also gleichzeitig wie ihr den Arbeiterkampf herausgegeben habt, den Entrismus verfolgt. Und das Konzept habt ihr fortgesetzt, es ist aufrecht geblieben.
Ja. Den Entrismus haben wir schon früher verfolgt. Bei den Betriebsratkonferenzen von der Gewerkschaft. Das Konzept haben wir weiter aufrecht erhalten. Der Soucek war in der SP in Mariahilf und die Kraupa (Grete und Karl Kraupa) waren auch in der in der SP ...
Aber es ist euch nie gelungen, Leute für euch zu gewinnen?
Zum Trotzkismus eigentlich nicht. Das höchst war einmal bei einer Konferenz, wo ich auch geredet hab, ist einer zu mir gekommen und hat gesagt, ja dein Standpunkt der ist gut, können wir nicht einmal zusammenkommen. Und dann hab' ich ihn besucht und er mich, aber zum Trotzkismus ist er nicht gekommen, nur zur GE, zur Gewerkschaftlichen Einheit. Und meistens, wenn man Andeutungen gemacht hat, hat man zu hören bekommen, das sind ja Sektierer.
Also ihr seid immer die gleichen Leute geblieben in der Gruppe?
Ja, immer die gleichen Leute. Leider.
Und dann sind eher welche weggegangen und haben aufgehört?
Naja. Die Kraupa, die sind ja umgesiedelt nach Favoriten in die Hanson-Siedlung. Die waren dann zu weit weg. Und wir waren nur noch der Modlik, der Soucek, der Sibi und ich. Da waren wir, mir scheint, nur noch vier Leute. Und dann mit dem Modlik seiner Krankheit hat sich das dann aufgehört.
Was hat denn der Modlik für eine Krankheit gehabt?
Ich glaube Gehirnzersetzung. Zuerst war er verwirrt. Ich hab' ihn dann noch besucht, immer wieder. Er hat x-mal um dasselbe gefragt. Und dann hat er nicht mehr gewußt, was er macht, körperlich war er nicht mehr fit. Das war schon in den 80er Jahre. Mitte der 80er Jahre ist er dann gestorben. ' 86 muß es gewesen sein. Bei uns hat er immer Lehrer geheißen. Er war ja Lehrer von Beruf. Ich hab' ja einen Grabstein für ihn machen lassen. Weil niemand mehr da war.
Der Modlik war gar nicht verheiratet?
Oja. Aber seine Frau ist schon vorher gestorben. Und dann war er hilflos, wurde noch betreut von einer Nachbarin.
Du warst persönlich mit ihm befreundet?
Ja schon. Sehr gut sogar. Wir haben gemeinsam Ausflüge gemacht. Der Modlik stammt aus Wien, er war Lehrer, hat ein abgeschlossenes Studium und war dann bis zu seiner Pensionierung im Stadtschulrat, aber er hat seinen Beruf nie ausgeübt. Er hat es zu nichts gebracht aufgrund seiner politischen Einstellung und er hat andere verurteilt, die etwas geworden sind durch die Partei.
Und Du hast dann beim Kurier gearbeitet?
Später hab' ich bis zu meiner Pensionierung bei Kurier gearbeitet. Zuvor beim Neuen Österreich. Und zuerst als Schriftsetzer und dann als Maschinensetzer. Das Neue Österreich ist eingegangen, weil die ÖVP es aufgegeben hat. Die (Zeitung) hat ja teils dem Arbeiter- und Angestellten-Bund der ÖVP und zum Teil den Arbeitern gehört. Eine Gemeinschaft 50% Arbeiter und Angestellte und 50% dem ÖVP-Angestellten-Bund. Und wie die ÖVP zurückgetreten ist, ist der Polsterer auf den Plan getreten und hat gesagt, er will die Druckerei kaufen. Es war eine Abstimmung im Betrieb, dem Polsterer verkaufen oder wie sollen wir das weiter machen? Der Betriebsrat, der Edlinger, der Vater vom heutigen Finanzreferenten der Stadt Wien, der ist sehr eingetreten für den Verkauf an den Polsterer. Weil der Polsterer hat gedroht - dem hat ja damals schon der Kurier gehört -, daß er, wenn er die Druckerei nicht bekommt, eine eigene bauen wird und den Kurier mitnehmen wird und viele andere Sachen auch. Das war natürlich ein Bluff, aber der Betriebsrat hat auch sehr geworben für den Verkauf an den Polsterer zu stimmen und dann ist eine Mehrheit rausgekommen: Es wird an den Polsterer verkauft.
Nachtrag der Redaktion: Friedrich Seidel ist der Großvater des SOV-Aktivisten David Mum. Mum war vor einigen Jahren als Mitglied der SJ mit einer ziemlichen Stimmungsmache der SJ-Führung gegen die Unterstützer der trotzkistischen Tendenz um die Zeitung Vorwärts, die damals noch in der Sozialdemokratie arbeiteten, konfrontiert. Beim Versuch, sich darüber zu informieren, was es denn mit dem Trotzkismus auf sich hätte, wurde er von seiner sozialdemokratischen Mutter an den Großvater verwiesen, weil dieser ja schließlich jahrzehntelang bei den Trotzkisten war (worüber Mum bis dahin nichts gewußt hatte). Seidel setzte seinem Enkelkind die Grundpositionen des Trotzkismus auseinander, was bei Mum einen Nachdenkprozeß auslöste und nicht unwesentlich dazu beitrug, daß er sich schließlich dem Vorwärts (heute SOV) anschloß.