Franz Modliks Erinnerungen
an den österreichischen Trotzkismus
Den folgenden Abschnitt über Franz Modliks Erinnerungen an den österreichischen Trotzkismus haben Reinhard Faltello und Eric Wegner zusammengestellt und redigiert. Der Abschnitt besteht aus drei seperaten Teilen: Der erste ist ein Brief vom Juli 1971, in dem Modlik einem jüngeren Genossen Angaben zur Geschichte des Trotzkismus in Österreich macht. Bei den beiden anderen handelt es sich um unterschiedliche Fassungen von Modliks Skizze des Trotzkismus in Österreich, die beide im September 1971 verfaßt wurden, die aber teilweise nicht unerheblich voneinander abweichen. Bei diesen drei Texten vom selben Autor zum selben Thema sind natürlich manche Wiederholungen unvermeidlich. Wir haben uns aber trotzdem zum Abdruck von allen dreien entschieden, da Franz Modlik eine der wichtigsten Persönlichkeiten des österreichischen Trotzkismus ab Ende der 30er Jahre war und es sich bei den nachfolgenden Texten letztlich um historische Dokumente handelt. Für Modliks handschriftliche Hinzufügungen haben wir eine entsprechende Schriftart gewählt. Hervorhebungen im Text wurden mit kursiv gekennzeichnet.
1)
Dieser Brief bringt Ergänzungen, die auch Fragen der Spaltung der IV. Internationale (1965) betreffen (oder andeuten).
Wien, 2. Juli 1971
Lieber Genosse
Auf unsere gestrige Zusammenkunft im Café Eisenbahnerheim zurückzukommend, die uns einen Blich zurück in vergangene Jahrzehnte des österr. "Trotzkismus" tun ließ, ersuche ich Dich, Dir über jene Punkte Notizen zu machen, die Dir aus meinen Mitteilungen wichtig erscheinen. Die Zeit geht dahin, Du gehörst heute zur jungen Generation, die das "Erbe" weitertragen wird, wie ich hoffe, und da ist es doch von einiger Bedeutung, daß das Bild der Vergangenheit ohne fraktionelle Verzerrung und Entstellung bestehen bleibt.
1) Ich hole nach: meine Ille-Namen waren "Baier" und "Schlosser", wie Du gehört hast. "Horvath", später "Silo", war ein jüngerer Genosse, 1911 geboren, von Beruf Buchdrucker, kam1927/28 zur Bewegung, also als Lehrling, entwickelte sich sehr gut, stellte eine große Hoffnung dar. Er erkrankte aber bald, Tbc, war lange in Spitälern und Heimen. War während des Krieges dann wieder aktiver, nach dem Krieg 1945 besonders. Aber er war zugleich ein "harter" Sektierer, wendete sich - mit Bruno usw. - gegen den "Entrismus", welcher Konflikt 1949 zur Spaltung der Sektion führte - bis 1954. Silo war stets in der Leitung.
2) Er war mit einem weiteren Genossen Th. und mir Begründer der "Proletarischen Internationalisten", also jener Abspaltung von "Kampfbund", die die "kombinierte Kriegstaktik" Freys (Dowien, D, FD..) ablehnte und deshalb vom "Kampfbund" ausgeschlossen wurde. Silo war ein Gegner der von mir und dem verstorbenen Genossen "Hammer" in der Leitung seit Mitte der Fünfzigerjahre vertretenen Linie der "erweiterten Propaganda", worunter wir uns eine breitere Tätigkeit mittels Flugzettel, Flugschriften usw. vorstellten, gerichtet an den erkennbaren Kreis einer Avantgarde von damals.
3) Silo desertierte - mit "Moser" - anfangs der sechziger Jahre, als der Konflikt mit der "IV. I." sich schrittweise zuspitzte. "Moser", 1912 geboren, war von Beruf Schriftsetzer. Kam nach 1934 zu uns, ich gewann ihn damals für die Bewegung. Er war immer aktiv, schwankte aber zwischsen Sektierertum und Versuchen zur Erweiterung unserer Aktivität. Er war mit Frey für die "kombinierte Kriegstaktik", und kam erst währen des Kriegs - 1939/40, nach dem sowjetisch-finnischen Krieg zu uns, nämlich den PI (Prolet. Internationalisten, siehe 2)). Er führte damals jenen Teil des "Kampfbunds", der zu uns, den Prol. Internationalisten, übertrat. War immer aktiv, Gegner des "Entrismus" wie Silo. Er war aber 1954 für die Einigung der beiden Sektionsteile. Er war auch Befürworter der von Gen. Hammer und mir geforderten Herausgabe der "Internationale" (gedruckt, ab 1956). Silo, Bruno und ander bekämpften diesen Elan, der aber dann trotzdem realisiert wurde.
4) Die "Internationale" wurde von mir bis 1962 herausgegeben; ich forderte damals, daß die deutschen Genossen, erbitterte Gegner Pablos und Anhänger "Germains", die Herausgabe selbst besorgen sollten.
5) In den Jahren ab 1960/61 spitzte sich die innere Situation der österreichischen Sektion im Zusammenhang mit der Zuspitzung der Situation in der Internationale enorm zu. Die Sektion teilte sich wieder in Anhänger des IS und in "Pablisten". Der Weltkongreß in Rom 1965 vollendete die Spaltung der "IV. I.". Und auch die neuerliche Spaltung in Österreich.
6) Der Konflikt 1963 - als es noch eine einige Sektion gab - entwickelte sich über die Frage der Herausgabe eines trotzkistischen Organs. Der Weltkongreß hatte beschlossen, daß jede Sektion ein 100%iges trotzkist. Organ herausgeben sollte, um den "entrismus sui generis", den Pablo seit 1957 immer wieder vertrat, zu realisieren. In Österreich war das - nach Abgabe der "Internationale" an die deutschen Genossen Sektion - die Hauptfrage geworden: Herausgabe eines österreichischen trotzkistischen Organs. Es kam zu keiner Einigung nach langen Diskussionen. Bruno und andere waren dagegen. (Die Sektion war durch die Desertion von Silo, Moser usw. sicher geschwächt, aber wir hatten auch Gewinner erreicht, so kam damals Peter Ha. zur Sektion, eine kleine Gruppe von Jugendlichen - Kinder von Genossen darunter - begann sich zu politisieren..).
7) Im Sommer 1963 kam es in der Obersteiermark (Mürzzuschlag ..) zu Demonstrationen von Betrieben gegen die Teuerung. Ich erblickte darin eine gute Möglichkeit, mit einem Organ der Sektion breitere Arbeiterkreise anzusprechen. So stellte ich - von Peter Ha ... unterstützt, den ersten "Arbeiterkampf" her (kann Dir einmal das einzige Exemplar, das ich noch habe zeigen!). Ich fuhr mit HallstÊ ... hinunter ins Mürztal und wir machten einen Tag lang Propaganda dort, vor Betrieben, Arbeiterwohnungen ... So entstand also der "Arbeiterkampf".
8) Aber in der Sektion gab es daraufhin einen Riesenwirbel. Ich hätte "disziplinlos" gehandelt usw., die alte Leier. Ich berief mich natürlich auf den Beschluß des Weltkongresses, aber auch darauf, daß die in Wien anwesenden Leitungsmitglieder ihre Zustimmung gegeben hätten. Was auch stimmte, mit meiner Stimme war es die Mehrheit der L., die aus 5 Genossen bestand. Aber das wurde später wieder anders dargestellt, kurz, es gab Schwankungen und Kämpfe um diese Frage. Schließlich sollte ich über - nein hier irre ich. Ich sollte nämlich ausgeschlossen werden, was aber den Bruno, Silo, Moser nicht gelang. Und zwar deshalb, weil das IS dagegen war. P. Frank kam damals nach Wien, es gab eine Konferenz, die damit endete, daß ich auf 1 Jahr Funktionsverbot bekam! Aber das muß schon 1960/61 gewesen sein, denn damals 1960? 1961? gab es noch keine jungen Genossen wie später, einige Jahre darauf, in unseren Reihen. Leider ist mir der unmittelbare Anlaß dieses scharfen Konflikts im Moment entfallen - wahrscheinlich "verdrängt" für den Moment. Aber ich werde schon daraufkommen. Jedenfalls schied ich damals für ein Jahr aus der Leitung. Bald darauf desertierten dann Silo, Moser und andere ...
9) Es begann sich auch das "Wohlstandklima" auszubreiten! Die Sektion blieb davon nicht unberührt. Noch erinnere ich mich, als gegen Ende der fünfziger Jahre einmal bei Moser eine L-Sitzung stattfand. Ich kam etwas früher uns stolz zeigte er mir die Urlaubsfotos - aus Spanien ausgerechnet, Stierkampf usw. Ich war perplex über die zum Ausdruck gebrachte Freude Mosers und seiner Frau ... über ihren Spanienurlaub ... Natürlich wurden die Genossen auch älter, das Privatleben und die Privatinteressen begannen langsam die Oberhand zu gewinnen. Schließlich kam dann die "Auto-Ära" dazu ...Manche Genossen waren ja schon Jahrzehnte bei der Bewegung. Wenn uns in diesen Jahren immer wieder etwas ermutigt hat, so waren es die Siege und Kämpfe der kolonialen Revolution.
10) Es war im Grunde auch dieser Punkt, der sich und andere Genossen für Pablo votieren ließ: sein Kampf gegen die "Europäer-Nordamerikaner" in der Internationale, seine Arbeit, die er zusammen mit anderen Genossen für die algerische Revolution leistete - das gab uns immer neuen Mut, "durchzuhalten" ...
Erwähnen will ich noch: es war unsere Tendenz in erster Linie, die Genossen aus Frankreich, Holland usw. mobilisierte, die alsÊ Metallarbeiter usw. in die Munitinsfabriken der Algerier, die sich in Marokko befanden, gingen! Die Fabriken waren als "Limonadefabriken" getarnt, wurdenÊ vom französischen "deuxieme bureaux", dem Geheimdienst laufend gesucht ... aber nicht gefunden. Manchmal gab es allerdings Luftbombardements!
11) Also es war in diesen Jahren bis 1966/67 in erster Linie die Internationale Tendenz, die sich um Pablo gebildet hatte, die unserem schwierigen Kampf immer wieder neue Kraft gab. Dann begann sich die Studentenbewegung in Frankreich, Deutschland zu entfalten und 1968 kam der französische Mai, im Osten der "Prager Frühling", die beide unsere Perspektive bestätigen.. 1967 war unsere "Plattform" erschienen, deren bereits erkennbare Achse die Selbstverwaltung war - sie war wohl das erste trotzkistische Dokument, das die Frage der Selbstverwaltung der Arbeiter auf Grund der ganzen Erfahrungen (Mai 1968, Prager Frühling, Jugoslawien ...) zum zentralen Thema des antibürokratischen Kampfes wie auch des revolutionären Kampfes gegen die Bourgeoisie machte.
Ich habe Dir hier die Entwicklung kurz zusammengefaßt, wie sie sich besonders im letzten Jahrzehnt abzeichnete. Sollte ich noch wichtige Dinge vergessen haben, will ich sie einmal nachtragen. Ich glaube, daß gegen meine Darstellung wenig einzuwenden ist - die Dinge sind vergangen, haben ihre Spuren hinterlassen und wirken doch noch nach. Fraktionelle Entstellungen, glaube ich, sind mir nicht unterlaufen. Wenn ich Dir dies alles anvertraue, so deshalb, weil ich gestern doch erkennen konnte, daß Du Interesse hast an diesen Fragen. Bitte bewahre dieses Material bei Dir und verwende es nicht als "Munition" gegen Genossen! An den Fragen von heute müssen etwaige Differenzen ausgefochten werden - nicht an Fragen von gestern und vorgestern, die natürlich auch ihre Bedeutung haben. Du und andere junge interessierte Genossen sollen über die Vergangenheit informiert sein - darum geht es. Der "Trotzkismus" ist trotz allem, was seine Gegner auch sagen, eine historische Bewegung - und er ist auch heute noch in "Bewegung"! Damit meine ich unsere "Pablo"-Tendenz, die Marxismus-Leninismus-Trotzkismus und Rosas Erbe verschmilzt im "Revolutionären Marxismus" , in dessen auf "die Höhe der Epoche" gebrachten revol. Programm mit Achse soz. Selbstverwaltung und neue Konzeption der Avantgarde. Ich lege Dir Abschriften von Dokumenten - auch interner Natur - bei, die aus der Zeit des Kampfes in der IV.I. im Jahre 1965 stammen und die Du (Ihr) vielleicht noch nicht kennt. Bitte bewahre auch diese Dokumente wie schon oben gesagt: als Dokumente der Bewegung, die nicht in unverantwortliche Hände gelangen dürfen! Ich hoffe, daß Du mir zustimmst!
Mit internationalist. Grüßen
Modlik
2)
Skizze der Geschichte des Trotzkismus in Österreich
verfaßt: (F. Modlik, Wien, Sept. 1971)
a) Wenn ich mit der Person Josef Frey beginne, so deshalb, weil seine Rolle in der Entwicklung der KPÖ und später in der Linksopposition überragend gewesen ist.
Josef Frey trat 1920 in die KPÖ ein - kam aus der SPÖ, wo er zuletzt eine Gruppe (Revolutionäre Sozialdemokraten) führte. Sein Übertritt zur KPÖ erfolgte zweifellos verfrüht: die Aufgabe hätte darin bestanden, in der SPÖ einen revolutionären Flügel aufzubauen, wofür damals und in den folgenden Jahren eine durchaus günstige Situation vorlag.
1921 nahm Frey am III. Weltkongreß teil.
1923 ging er im Auftrag der Komintern nach Deutschland, organisierte in Sachsen die Rote Gendarmerie (Führung der KPD Brandler-Thalheimer, ...). Diese Periode müßte an Hand von Dokumenten - soweit vorhanden - soweit zugänglich - erforscht werden!
1925 Rückkehr Frey nach Österreich, März 1925. Einige Monate Frankreich-Aufenthalt ...
b) Die internen Kämpfe in der Partei - zur Überwindung der Periode der "Kinderkrankheiten" - die in Österreichs KPÖ grassierten - gingen die ganzen Jahre seit 1922/23. Frey wendete sich
a) gegen rechts, gegen Josef Strasser, früherem Redakteur der Arb.Zeitung (SP), der Red. der Roten Fahne war und den rechten Flügel der KPÖ repräsentierte (Chwostismus, ...) Brücke zur SP
b) gegen ultralinks, ...die vorherrschende Art des Opportunismus damals
Der Kampf gegen beide Seiten müßte aus den Pateitags-Protokollen dieser Jahre, zum Teil aus der Roten Fahne, rekonstruierbar sein! Frey selbst hat uns später kaum über diese wichtige Periode etwas vermittelt! (Auch nicht über seinen Kampf in der SPÖ, gegen die Friedrich Adler, Deutsch usw. Die Geschichte dieser Kämpfe müßte von jungen Historikern einmal gründlich erforscht werden!)
Die Rolle Freys in dieser Periode muß als Kampf für eine realistisch-revolutionäre Orientierung der Partei bezeichnet werden ...
c) Die Entwicklung des linksopp. Kampfes in der Partei ging in Österr. förmlich parallel zum Kampf der Linksopp. in der SU! Trotzkis "Neuer Kurs" erschien 1923 ... Frey datierte den Kampf der Linksopposition in der KPÖ ab 1923 ... sicher nicht zu unrecht. Aus Dokumenten muß das beweisbar sein ...
d) Ende 1925, Anfang 1926 spitzte sich der interne Kampf in der Partei zu. Febr. 1926 Rückkehr der Metallarbeiter-Delegation aus Rußland. Die SP-Führung kommt der KP zuvor, plakatiert Berichts-Versammlungen - die Partei schläft ... hinkt nach, die SPÖ hat ihr den Wind aus den Segeln genommen ... (Die Diskussion um diese Fragen erlebte ich knapp nach meinem Partei-Beitritt im März 1926). Die stalinistische Bürokratie, noch jung und unsicher, begann bereits ihr Werk der Zerstörung der Partei. Frey wurde zur Zielscheibe niederträchtiger Verleumdungen, hinterrücks natürlich ausgestreut. Ich selbst lernte sie kennen, als wenige Wochen nach meinem Beitritt die Stalinisten meinten, mich auf diese Weise beeinflussen zu können. Mein Weg führte aber in die Reihen der Frey-Anhänger im Bezirk, die die ernstesten und aktivsten Mitglieder, zumeist Arbeiter, jung, höchstens gegen 30 die ältesten unter ihnen, waren. Sie stellten auch die Mehrheit in der Bezirksleitung, in die ich bald aufgenommen wurde (als "Freidenkerreferent").
e) Mitte 1926 formierte sich, glaube ich, die Linksopp. fester. Frey ging ein Bündnis mit Tomann ein, einem Sinowjew-Anhänger. Siehe "Block" in der SU: Trotzki-Bucharin-Sinowjew. Der Block in Österr. zerfiel bald (wie in der SU). Als Tomann unter starkem Druck der Stalinbürokraten geriet, gab er auf. Mit Frey ging damals der junge Landau (Kurt), der Freund Freys, der Architekt Perl - übrigens einer der wenigen Intellektuellen, der mit Frey "in die Wüste" ging, Vinzenz Mayer, der sich später mit der Grazer Gruppe um Daniel verband. DarüberÊ später noch.
Im Sommer 1926 gab die Opposition ein kleines Blatt heraus: "Klarheit". Es nahm zum internen Konflikt Stellung. Es wurde an die Mitglieder der KPÖ verkauft. Die Opposition hatte meiner Erinnerung nach in folgenden Bezirken Wiens ihre Anhänger: Meidlinlg (Wohnbezirk Freys), Ottakring (hier ging eine starke tschechische Gruppe mit der Opp.), Floridsdorf, Brigittenau. Aus der Provinz kam Unterstützung aus Hainburg (Tabakfabrik), Graz, wie ich noch weiß.
Der Jänner 1927 brachte den Bruch mit der Partei. Die Opposition hatte eine eigene Kampagne gestartet: Für die Enteignung des Kirchenvermögens. Ob in dieser Hinsicht ein Angebot an die Parteileitung gemacht wurde, weiß ich nicht. Auch nicht, ob nicht Frey, was ich vermute, dem Drängen einiger Heißsporne (wie Stift u.a.) nachgegeben hat, wie er dies später noch öfters tat, und die selbständige Aktion der Opposition laufen ließ. Jedenfalls veranstaltete die Opp. Versammlungen unter der Losung wie oben. Es kam zu Schlägereien. Daniel (aus Graz) wurde einmal attackiert, wie ich mich erinnere. Bald darauf wurde Frey ausgeschlossen, mit ihm ohne jedes Verfahren seine Anhänger. Die Monate Jänner-Febr.-März 1927 hindurch währte diese "Aktion". Im April 1927 begann die Opposition ein Organ herauszugeben: "Arbeiterstimme".
f) Die "Arbeiterstimme" erschien vom April 1927 bis zum August 1933, wo sie gleichzeitig mit der "Roten Fahne" verboten wurde. Sie wurde zum größten Teil von Frey geschrieben. In der Nationalbibliothek liegen die Bände auf, die einer exakten Durchforschung noch harren. Das Organ wurde mittels Hauskolportage, Kiosken, usw. verbreitet. Jahre hindurch bestand die zentrale Aktivität in der Verbreitung der Ast. Dabei wurde ziemlich unsystematisch vorgegangen. Haupsache war die Anzahl der verkauften Exemplare, auf die Propaganda und Diskussion wurde kaum Wert gelegt. Frey hatte überhaupt keine Hand, hier mit Vorschlägen zuÊ kommen. Ich erinnere mich, daß ich später vorgeschlagen habe, Namen und Adresse jener zu notieren, die uns in den Häusern das Organ abkauften. Dadurch sollte die Schaffung eines Adressenmaterials vorangebracht werden, das für die weitere Propagenda wertvoll wäre. Wie weit mein Vorschlag angenommen und realisiert wurde, ist und blieb mir damals schon unbekannt. Darüber hörte man nie etwas. Natürlich gab es ein ständiges Defizit. Als 1933 das Organ eingestellt wurde, lag eine Restschuld vor, für die Frey bürgen mußte. Eine Anzahl von Genossen, darunter auch ich, übernahm es, durch monatliche Bezahlung eines größeren Betrages Monat für Monat, Jahre hindurch, vielleicht bis 1936 oder 1937, jene monatliche Rate für den Drucker (die INVA-Druckerei) aufzubringen, damit Frey nicht haftbar gemacht werden konnte. In den Jahren Ende 20 und Anfang 1930 veranstalteten wir Schiffahren nach Hainburg, nach Melk, um durch den Gewinn Möglichkeit zur Bezahlung der Ast. zu haben. In den späteren Jahren wurde diese "Aktion" leider zur Quelle von Korruption, was bei der großen Arbeitslosigkeit kein Wunder war ...
Die Höhe der Auflage, die die Ast hatte, ist mir unbekannt geblieben. Sobald sie herauskam, übernahm eine Reihe von Genossen die Versendung und Verbringung in die Bezirke. Die wachsende Arbeitslosigkeit war natürlich ein großes Hindernis bei der Verbreitung, da die Arbeiter kein Geld hatten, um das Exemplar zu kaufen. Rückblickend muß man sagen, daß vielleicht der Übergang zur Herausgabe von Flugblättern, zeitweilig zu bestimmten Anlässen von Flugblättern, größere politische Wirkung gehabt hätte, auch das finanzielle Probleme erleichtert haben würde. Ich kann mich an kein einziges Flugblatt mehr erinnern, auch nicht zum 15. Juli 1927. Möglich, daß einzelne Bezirksgruppen der Opp. solche gemacht haben, was nicht auszuschließen ist. Hauptachse der Tätigkeit blieb jedoch die Verbreitung der Ast. Daß uns diese Aktivität Monat für Monat - das 14-tägige Erscheinen stellte sich rasch als unmöglich heraus - die Kraft für andere Aktionen nahm, ist begreiflich.
Im übrigen formierte sich die Opposition in Zellen nach Wohngebieten. Ob Betriebszellen bestanden und funktionierten, weiß ich nicht. Es ist nicht auszuschließen, da eines der Hauptmerkmale der "Freygruppe", wie die Opp. bald genannt wurde, ihr beinahe ausschließlicher Arbeitercharakter war. Man kann sagen, daß er bis zu 90% und sogar darüber ging. Darüber später mehr.
g) Im April 1927 fanden Parlamentswahlen statt. Die SP-Führung, die ein Jahr vorher das Linzer Programm vom Parteitag beschließen ließ, nahm Kurs auf die Eroberung der Mehrheit. Jedenfalls waren die Illusionen der Arbeitermassen hinsichtlich Demokratie und Parlament gewaltig und sogar im Zunehmen. Die Frage der Wahltaktik erhob sich für die Opposition. Es stand nur die Frage: KP oder SP wählen. KP zu wählen verstand sich aus der Tradition heraus, usw. Die Opp. stellte die Frage aber anders: sie ging von der unbestreitbaren Tatsache aus, daß die KPÖ ein Sektendasein führte, daß sich diese Lage noch verschärft dadurch hatte, daß der SP-Führung gelungen war, mittels des Linzer Programms der KPÖ "den Wind aus den Segeln zu nehmen". Das Linzer Programm verstieg sich sogar bis zur "Diktatur des Proletariats", allerdings nur für den Fall, daß die Bourgeoisie den "demokratischen Weg" verließ und zu Gewaltmethoden griff. Also aus der Defensive heraus sollte die Arbeiterklasse zur Diktatur des Proletariats greifen. Die Opp. stellte die Frage der Wahltaktik, ausgehend von den mächtigen demokratischen Illusionen der Massen, die sogar einen Wahltriumph der SP möglich erscheinen ließen. Für die Opp. hieß es, an diese Illusionen anzuknüpfen, nicht aber, sie zu teilen, was klar war. Diese Taktik zielte also dahin, für die SP zu stimmen, gleichzeitig aber revolutionäre Propaganda zu betreiben, die demokratische Illusionen in den Masse zu zerstören. Es war eine Form der Einheitsfronttaktik, die Frey vorschlug. Natürlich forderte die Opp. von der KPÖ, diese Taktik einzuschlagen, an die SP-Spitze - nach gehöriger Vorbereitung der SP-Arbeiterschaft - ein entsprechendes Angebot zu richten, verbunden mit solchen Forderungen, die der letzte SP-Arbeiter verstünde, für richtig finde und für die zu kämpfen er bereit war. Auch die Führung der Partei empfand die Notwendigkeit, eine taktische Überlegung anzustellen. Aber in den Händen der Stalinisten wurde sie zu einem der bekannten Manöver! Mit der Frage der österr. Wahlen befaßte sich das EKKI (Exekutivkomitee der Komm. Internationale). Es billigte die Taktik eines Angebotes an die SP-Spitze - aber mit überspitzten Forderungen, die sie der SP-Führung als Bedingung einer Stimmenabgabe für sie stellte. Ich erinnere mich nur mehr an die Forderung nach Bewaffnung des Proletariats, die natürlich jedem SP-Arbeiter (Durchschnitt, also ihrer Masse) als unrealisierbar erscheinen mußte. Dadurch wurde es Otto Bauer & Co. leicht gemacht, den Vorschlag der KPÖ als Manöver hinzustellen und abzulehnen. Wir , die Opp. blieben bei unserer Wahltaktik, ohne natürlich einen direkten Vorschlag an die SP-Führung richten zu können oder gerichtet zu haben. Wir beschränkten uns auf die "Einheitsfronttaktik von unten" - also wendeten uns an die SP-Arbeiter allein mit unserer Wahltaktik: Stimmabgabe für die SPÖ, bei gleichzeitigem Kampf gegen die demokratischen Illusionen usw. usw. Worauf wir aber schon in dieser Nummer (April 27) der Ast. hinwiesen, war die Entschlossenheit der Bourgeoisie, zum blutigen Streich gegen die Arbeiterklasse auszuholen. In der betreffenden Nummer der Ast. (in der Nationalbibl.) muß das nachzulesen sein.
Die KPÖ gab, als ihr Vorschlag von der SP-Führung abgelehnt wurde, die Losung, für KPÖ zu stimmen. Der Wahlausgang brachte einen Wahlsieg der SPÖ, die sich der Mehrheit annäherte.
Im Juni 1927 gab es dann den Parteitag der KPÖ. Er wurde bereits von den Stalinisten beherrscht, an ihrer Spitze Kopleniz. Er war aus Kärnten gekommen, stammt aus dem "Sumpf", nämlich jenen Teil der Partei, der sich in den Kämpfen um die realistisch-revol. Orientierung in den Jahren vorher quasi "neutral" verhielt, sich gegen die "Fraktionskämpfe" wendete - und so Schritt für Schritt den Apparat besetzte, in die Hand bekam und den Kampf gegen links, nämlich gegen uns, aufnahm. Die Rechten verblieben - nach einem Zwischenspiel, das sie, wie ich glaube 1927/28, höchstens bis 1929, in der Opp. absolvierten, - schließlich in der Partei (Thoma dürfte am längsten mit der Opp. gegangen sein. Schönfelder, Brodnik dürften sich nie zu ihr gerechnet haben).
Koplenik stammte also aus dem Partei-"Sumpf" (marais), wie gesagt, und sog solche für die stalinistische Bürokratie prädestinierten Elemente an sich. Der politische Inhalt der Fraktionskämpfe wurde vernebelt, die führenden Kader der Opposition, vor allem Frey, wurden der übelsten persönlichen Hetze, Verleumdungen usw. ausgeliefert. Sobald sich oppositionelle Genossen, die eine Parteistellung innehatten oder bei der Russ. Handelsdelegation, usw. einen Posten hatten, wurden bald brotlos gemacht. Die junge stalinist. Bürokratie - damals jung, Koplenig hielt sich vollen 40 Jahre an der Spitze der Partei, was allein schon Zeugnis für die Qualität der Parteikader bezeichnend ist! - die junge Bürokratie um Koplenig begann in den Bezirken Wiens, in den Zellen und Bezirksgruppen "zu arbeiten", ungefähr ab 1924/25, schätze ich. Als ich der Partei beitrat (März 1926), war diese "Aktion" noch im Gange und spitzte sich im Kampf mit der Opp. dauernd zu. Koplenig selbst hörte noch in einer Bezirksversammlung, damals von rund 120 Arbeitern (Mitgliedern) besucht. Auf dieser Versammlung hörte ich übrigens auch Frey sprechen, den ich ja nicht kannte.
Nun zurück zum Juni-Parteitag 1927. Er stand ganz im Zeichen des Sieges der Bürokratie über die Opposition. Die Thesen des Parteitages erklärten das österr. Proletariat für lethargisch ...wenige Wochen vor dem 15. Juli 1927, den unsere Arbeiter-Stimme vorausgesagt hatte! In der "Roten Fahne" in dem Protokoll des Parteitages muß sich das nachlesen lassen.
h) Unsere Wahltaktik hatte schwerwiegende Folgen für die Opposition: sie schnitt uns komplett von der Basis der Partei ab. Die spätere Kritik Trotzkis traf genau diesen Punkt: er meinte, wir hätten unseren taktischen Standpunkt in die Partei hineintragen müssen, jedoch in dem Moment, wo das überspitzte, auf Entlarvung abzielende Angebot der KP-Führung von der SP-Führung abgelehnt wurde, unsere Taktik (SP wählen) aufgeben und für die KP stimmen müssen. Diese Taktik hätte nach Trotzkis Ansicht, der man sicher zustimmen muß, einerseits das politische Niveau der KP-Mitglieder gehoben, ihr Verständnis für die Einheitsfronttaktik erhöht, gleichzeitig aber unseren Einfluß auf die Basis der KPÖ bewahrt, vielleicht sogar verstärkt.
Unser Unglück bestand schließlich auch darin, daß der Zeitpunkt der Wahlen praktisch zusammenfiel mit unserer Konstituierung als Opp. außerhalb der Partei. So hatten wir keine Zeitspanne, um unseren Einfluß in der KP-Basis zu konsolidieren, unserem Organ eine entsprechende Verbreitung zu sichern. Wir mußten sozusagen über Nacht zu einer Situation Stellung nehmen, die uns förmlich überrumpelt. Sicher, für die Opp. stand - angesichts der Möglichkeit einer Mehrheit für die SPÖ - die strategische Orientierung auf Schaffung einer Opposition in der SP im Vordergrund. Trotzki strebte dasselbe Ziel an, meinte aber, daß wir unsere eigene und künftige Basis in der KP schwächen würden, wenn wir bei unserer Taktik verblieben. Vergessen darf man allerdings [nicht, Anm. R.F./E.W.] den damals, bis zur deutschen Katastrophe 1933 gültigen Standpunkt der Linksopposition, auch der russischen: der Kampf wurde um die Reform der KP geführt. Von diesem Standpunkt aus gesehen handelten wir im Grunde bereits unabhängig von der (zu reformierenden) Partei, quasi als neue KP. Es wird dieser Gesichtspunkt gewesen sein, der letztlich die Haltung Trotzkis bestimmte. Sobald sich die Archive öffnen, wird sich mehr dazu sagen lassen.
Im Sommer 1926, als der Kampf der Opp. in sein entscheidendes Stadium trat, der Block Frey-Tomann-Thoma entstand, verfaßte die geeinte - für den Moment geeinte - Opp. eine Deklaration, die die ganze interne Situation betraf. Das alles ist mir nur ungefähr in Erinnerung. Aber genau weiß ich noch, daß diese Erklärung in Wien allein von rund 600 Betriebsräten, der KPÖ angehörig, unterfertigt wurde. Vielleicht waren nicht alle 600 Betriebsräte, einige vielleicht Gewerkschaftsfunktionäre, aber in ihrer großen Mehrheit waren es kommunistische Arbeiter, die hinter der Opp. standen, hinter ihrem Kampf. Als dann der Bruch mit Tomann kam - dem Druck der Stalinisten unterlag -, verringerte sich dadurch natürlich der Anhang der Opp., da Tomann als Gewerkschafts-Verantwortlicher der Partei Anhang unter den kommunistischen Betriebsräten und Arbeitern hatte. Der Bruch Tomanns mit der Opp. bewirkte jedoch, daß sich eine ganze Anzahl seiner Anhänger von ihm ab- und der Opp. zuwandte. Die Wahltaktik im April 1927 schuf aber eine Kluft zur Mitgliedschaft der KP, wodurch sich eine neuerliche Schwächung der Opp. ergab, am Ende sogar Isolierung. Andererseits wog der Umstand schwer, daß die Wahltaktik der Opp. anscheinend zu keinem Gewinn in den SP-Reihen führte, zu keinen ernsthaften Kontakten, die als Ansatz zur Entfaltung einer Opposition innerhalb der SP dienen konnten. Wäre das der Fall gewesen, ich hätte es sicher gehört, als ich 1929 auf Vorschlag der Meidlinger Genossen in die Leitung der Opp. aufgenommen wurde.
i) Die nächste Krise der Opp. ließ nicht lange auf sich warten. (Die Krise durch den Zerfall des "Blocks" zähle ich als die erste Krise). Es war der Bruch zwischen Frey und Kurt Landau, den ich oben
(Hier endet diese Fassung von Modliks Skizze - zumindest in dem uns zugänglichen Exemplar. Ob der Text im Original weiterging, oder ob Modlik diese Fassung tatsächlich an dieser Stelle abbrach, ist uns nicht bekannt. Anm. R.F./E.W.)
3)
F. Lerse illegaler Name (nach 1945); frühere illegale Namen waren: "Schlosser" (nach 1934), "Bayer" ("Baier") (n.38)
Sept. 1971
Skizze der Geschichte des Trotzkismus in Österreich
(Gewisse Schematisierungen waren unvermeidlich. An Hand von Dokumenten, des Organs Arbeiterstimme, das in der Nationalbibliothek archiviert ist, usw. müßten Daten und Fakten exakt belegt werden, bzw. korrigiert oder ergänzt werden).
Gründung der KPÖ im Nov. 1918:
1919... Periode der "Kinderkrankheiten": ultralinker Flügel (Putschismus ...),rechter Flügel (J. Strasser)
1920 Beitritt Josef Freys, kam aus der SP, führte dort die Revol. Sozialdem.
1920-23: Periode der Fraktionskämpfe: Frey nimmt Kampf gegen die opport. Flügel der Partei auf. Hier Studium der Parteitage! (Protokolle ...)
1925: Zuspitzung des internen Kampfes - die stalinistische Bürokratie formiert sich - Führung Koplenig, der aus dem "Sumpf" kommt, d.h. jener bürokr. Gruppe, die die Keimzelle der späteren stalinist. Bürokratie war, die den polit. Inhalt der Fraktionskämpfe vernebelt und unter der Losung: Schluß mit den Fraktionskämpfen! den Apparat der Partei besetzt bzw. erobert.
Im Sommer 1926 Bildung des "Blocks" (wie russ. Opp. Trotzki-Sinowjew) mit Sinowjew- und Bucharinanhängern in Österr. (Tomann, Thoma ...) über 600 Betriebsräte unterzeichnen oppos. Aufruf!
Bald Zerfall der Blocks (wie in der SU) durch Kapitulation von Tomann ...
Jänner 1927: Ausschluß von Frey und seines Anhangs aus der Partei - Schaffung der Opposition der KPÖ
Im März-April 1927 Organ der Opp.: Arbeiterstimme, erscheint bis Sommer 1933 (Verbot von KPÖ und Opp.)
Im April 1927 Parlamentswahlen. Opp. entwickelt Wahltaktik: schlägt sie der KP vor: Angebot an SP-Führung mit den SP-Arbeitern verständlichen Forderungen. Einheitsfronttaktik von "unten", dann von "oben". (SP-Führung rechnete mit Erreichen d. Mehrheit)
KP-Führung, nach Beratung mit Komintern, stellt an SP-Führung überspitzte Forderungen zum Wahlangebot: z.B. Bewaffnung der Arbeiter. SP-Führung lehnt mit Leichtigkeit ab. KPÖ geht mit eigener Liste in die Wahl. Opp. beschließt: Für SPÖ stimmen!
(Trotzkis spätere Kritik: Opp. hat richtiges Angebot an SP gemacht. Hättte aber dann, als diese ablehnte, doch für KPÖ stimmen müssen. Dadurch wäre Isolierung von KP-Basis vermieden worden.)
Durch Wahltaktik wird Isolierung von der KP-Basis herbeigeführt ...
1928: Krise um Kurt Landau ... Dieser schrieb in der Nov.-Nummer 1927 (10 Jahre seit Oktoberrevol.) einen Artikel, worin er einen konterrevol. Sieg in der SU auf evolutionärem Weg für möglich hält. Frey dagegen, erklärt: Nur über Bürgerkrieg kann Konterrevol. siegen. (Trotzki gibt ihm in einem späteren Artikel recht). Die Krise führt zum Bruch mit Kurt Landau u. seinen Anhängern. Er geht später nach Spanien, lehnt IV. Int. ab, auch nach 1933. Vertritt immer noch Reform der KI ... Wird in Spanien von GPU ermordet ...
1930: Krise in den Beziehungen zur ILO (Internat. Linksopp.). Trotzki fordert Einigung auf paritätischer Basis (mit Stift-Daniel .. Resten der Landau-Gruppe) .. Frey tritt für Proporz ein, gegen Parität auf . Austritt aus der ILO wird beschlossen. Jedoch kein politischer Bruch, nur mit "Organisationsprinzipien" der ILO (also Trotzkis) ...
Der Bruch mit der ILO bleibt bis 1946, also bis nach Kriegsende, bestehen! 1946 Eintritt in die IV. Int.
Wichtigste Aktivität der LOpp.: Verbreitung der Arbeiterstimme. Hauskolportage, Kioske .. Kaum eine eigene Aktivität nach außen in anderer Form ... Ab1926 (Winter) Schulung! Frey hält über Drängen der jüngeren Genossen von 1928/29 bis 1932/33 über die Wintermonate Schulungsabende ab! Grundlegung der Kaderbildung ...
Zu Beginn der Schulung 1928/29: ungefähr an 60 Teilnehmer! Frey verfaßt in diesen Jahren seinen "Kurs", d.h. ein Schulungsmaterial (Klasse, Staat, Partei, Strategie, usw ...), das die ganzen Jahre hindurch Basis der Kaderschulung bleibt ...
1932/33: Wachsende Krise in Österr. - Heimwehr-Faschisten fordern Macht. Linke Tendenz im sozialdemokr. Schutzbund. Wir erhalten Kontakt zu wichtigen Gruppen in Wien. ... Arbeiterstimme wird verboten (wie Rote Fahne) - Aug. 1933
Febr.1934: Februarniederlage, besser: -katastrophe! am 12.2.34 abends mit Gen. Fibi zu Frey!Ê Opp. gewinnt Gruppen von Schutzbundgenossen. Stellen wichtigste Kader bis Ende der 60er Jahre dar! Frey wird für kurze Zeit verhaftet ... Übergang in die Illegalität!
nach 1934: Umbenennung der L-Opp. in "Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse". Zellenbildung, Schulung, Organ erscheint illegal! "Arbeitermacht"
Bildung einer Gruppe "Bolschewiki-Leninisten", die offiziell der ILO angehört! (also der IV. Int.) ungefähr um 1935/36. "Bruno" stammt aus dieser Gruppe! Prozeß gegen die Gruppe 1937, ...
1936/37: Differenz mit Frey wegen Spanien. Frey vertritt Standpunkt, daß Österr. der zentrale Kampfplatz für uns sei. Dagegen "Bayer": Österr. Arb.klasse hat schwerste Niederlage erlitten, daher jetzt nur begrenzte Möglichkeiten. Aber in Spanien Revol. auf der Tagesordnung! Daher Hauptschauplatz, nötig daher Unterstützung (durch Werbung für Internat. Brigaden, Entsenden von Genossen..) Frey absolut dagegen. Vorschlag von "Bayer": Frage an die ILO richten, mit ILO über Frage diskutieren. Antwort Freys: Niemals! Und wenn sich ILO in Hietzing (einem Wiener Stadtbezirk) befände, wir werden nicht hingehen und diskutieren! Die Mehrheit der Leitungsmitglieder ist für Frey. "Bayer" ist isoliert ...
Zwei Genossen des "Kampfbundes .." gehen nach Frankreich-Spanien. Gelangen aber nicht dorthin .. (werden an Grenze festgenommen ..)
Sommer 1937/Ende 1937/Anfang 1938: Die schwerste Krise zeichnet sich ab: die Krise wegen der "kombinierten Kriegstaktik", die Frey Mitte 1937 zu entwickeln beginnt. Siehe Artikel in Arbeitermacht! Dort formuliert Frey: In allen kapitalist. Staaten, die militärisch mit der SU verbündet sein werden, müssen die Arbeiter (z.B. in Frankreich) an der Front (gegen Hitlerdeutschl.) als "verlängerter Arm der Roten Armee" kämpfen, im Innern des kapitalist. Landes an der revol. Opposition festhalten .. Im Grunde linkszentristisch wie Otto Bauers "jakobinische Kriegsführung"
Diese Position, die Frey vertritt, steht im vollen Gegensatz zur Position, die er zwei Jahre vorher in der Broschüre: "Nieder mit dem imperialistischen Krieg!" entwickelte! Broschüre vorhanden!
Gegen die neue Position Freys beginnt eine Reihe von Genossen Stellung zu nehmen. Sie vertraten die Ansicht, daß nach wie vor der revol. Defaitismus von 1914 (in den kap. Ländern) Geltung besitze; daran ändere auch der Faschismus in Deutschl.-Italien nichts. Im Gegenteil: jedes Abgehen der französischen usw. Arbeiter (also in kapital. Ländern) vom Internationalismus würde von Hitler-Mussolini sofort benützt werden, um die deutschen u. italienischen Arbeiter noch fester an sich zu binden, sie mit blindem Chauvinismus zu erfüllen ...
Der Konflikt vertieft sich, er dauert vom Sommer 1937 bis in den Winter 1937/38 - im März 1938 besetzt Hitler Österreich ...
Es wird auch schriftlich diskutiert, es zeigt sich aber keine Möglichkeit einer Versöhnung der Standpunkte ...
PI Gründung Ostern 1939: Der Kampfbund bricht schließlich auseinander. Eine Minderheit wird ausgeschlossen: drei Genossen gründen im März 1939 die "Proletarischen Internationalisten" (PI). F. Modlik, F. Tibi und ein 3. Genosse ("Silo")
Der "Kampfbund" besteht weiter ... bis 1950? Frey ist indessen emigriert ..., er hält aber weiter Verbindungen aufrecht, zumindest bis zum Kriegsausbruch Sept.1939 .... Im Verlaufe des Krieges erlebt der "Kampfbund" weitere Spaltungen: a) anläßlich des finnisch-sowjetischen Krieges .. ein Teil des "Kampfbundes" geht zu den P.I. über ... b) 1944 gelingt es den P.I., einen weiteren Teil des "Kampfbundes", der sich von diesem getrennt und als "Proletar. Revolutionäre" existiert, für sich zu gewinnen. In beiden Fällen wird rückblickend die "Kombinierte Kriegstaktik" abgelehnt als im Widerspruch mit dem proletar. Internationalismus stehend.
Die P.I. geben heraus: zuerst den "Vorboten", dann den "Vorposten". Oft nur mit Maschinegeschriebenen .. Dann wird aber das Organ abgezogen (roneotyp), Titel:Ê ..........
Während der Kriegsjahre werden rund 200 Seiten gedruckt (abgezogen) ... Es können aber auch mehr gewesen sein. Muß geprüft werden. Verbreitung nur im engsten bekannten Kreisen ..
K.L.B.: Ungefähr Ende 1944 erfolgt Umbenennung in "Karl-Liebknecht-Bund", das abgezogene Organ: "Spartakist". Besteht auch nach dem Kriege! Bis ungefähr ....
Einigung: Hatten die P.I. bereits während des Krieges Teile des "Kampfbundes" für die internationalistische Linie gewonnen (siehe Seite vorher!), gelingt es nach dem Kriege, alle Gruppen, die außerhalb bestehen, zusammenzuführen, zu vereinigen! Die numerische Stärke stieg dadurch in Wien auf rund 90 bis 100 an!
Jenen Zusammenschluß führen die P.I. herbei a) mit dem Rest des "Kampfbundes", b) mit dem Rest der Gruppe "Gegen den Strom". Über diese Gruppe muß näheres gesagt werden: Ungefähr 1935/36 wurden wir mit den beiden Brüdern Kascha ("Steiner") bekannt, beide Arbeiter. Sie traten mit einer Reihe von Freunden ("Jonas", "Julius", usw.) dem "Kampfbund" bei, zeichneten sich durch Aktivität, Wissensdrang aus, neigten aber zu scholastischen Denken ... z.B. SU "kleinbürgerlicher Staat" Ihnen kommt das Verdienst zu, als eine der ersten die "Kombin. Kriegstaktik" kritisiert zu haben. Als 1938/39 der "Kampfbund" zerfiel (Spaltungen), bildeten sie die Gruppe "Gegen den Strom", wie auch der Name ihres Organs lautete. Die wichtigsten Differenzen mit ihnen: a) schon 1937/38 neigten sie dazu, die Sowjetunion für einen kleinbürgerlichen Staat zu erklären .. b) anläßlich des finnisch-sowjet. Krieges 1933 bezogen sie in einer Broschüre einen "neutralen" Standpunkt, d.h. lehnten die Verteidigung der SU gegen Kapitalismus-Imp. ab.- Während des Krieges erlebten sie eine Katastrophe, die uns selbst, die P.I., in äußerste Gefahr brachte. Ein Genosse ("Jonas") wurde wegen einer Hamsterei (Sammeln von Lebensmitteln) für sich von seiner Wohnungsvermieterin verraten. Die Hausdurchsuchung führte zur Entdeckung von illegalen Schriften, darunter auch des Organs der P.I. "Jonas" wurde verhaftet, zu Tod verurteilt! Die Brüder "Steiner" wurden ebenfalls verhaftet. Der jüngere war aber Soldat, fiel daher nicht unmittelbar der Gestapo in die Hände. Sein älterer Bruder nahm alle Schuld auf sich und wurde ebenfalls zu Tod verurteilt! Der jüngere Bruder kam aus dem Krieg zurück, nahm an der Einigung aller Gruppen teil, verstarb aber bald (durch ärztlichen Irrtum).
Ehren wir hier noch unser Opfer des Krieges, gedenken wir des Gen. Fritz Roth, der in Jugoslawien 1944 Opfer eines Jagdbombers wurde.
Während des Krieges waren die meisten Genossen eingerückt, einige waren "wehruntauglich" und arbeiteten in Kriegsbetrieben!
Zurück zur Einigung von 1945. Bayer mußte sie gegen sektiererische Kräfte erkämpfen, die vom "Kampfbund" eine vorherige Korrektur in der Frage "Kombin. Kriegstaktik" forderten. Bayer aber vertrat die Ansicht, daß diese Frage einer späteren Diskussion vorbehalten bleiben solle und die kommenden Erfahrungen diese Diskussion erleichtern würden. Die Einigung gelang auch gegen den Widerstand der Sektierer - aber nicht für lange Zeit.
Kontakt mit der IV. Int.: Unterdessen war der erste Kontakt mit der IV. Int. hergestellt worden: bei "Steiner" fuhr ein Jeep vor, Gen. Morgan war als US-Berichterstatter bis nach Wien vorgedrungen! "Steiner" holte alle zusammen und der Beitritt zur IV. Int. wurde beschlossen, bzw. beantragt. Offiziell wurde er 1946 vollzogen. Umbenennung in Internationale Kommunisten Österr.! IKÖ, Organ hieß: "Der Spartakist"
"Bayer schrieb im April 1945 "Thesen", die die Taktik der Trotzkisten skizzierte. Ob sie noch vorhanden sind?
Die Sektierer (wie "Horvath"="Silo" und andere), die sich gegen die Einigung nach Kriegsende gewandt hatten, begannen bald eine neue Offensive. Es ging um die Frage der "Glacisstaaten", um deren Klassencharakter. Sind sie kapitalistische Länder oder haben sie proletarischen, wenn auch deformierten, Klassencharakter? Bekanntlich brachten die Schweizer Gruppe (um Jacques) enorme Verwirrung in diese Frage: sie charakterisierten die Glacisstaaten als "entartete kapitalistische Staaten". Frey (der sich G. Hirt nannte) war anscheinend der geistige Vater: er schrieb, daß es keine prol. Revol. ohne sozialistische Demokratie geben könne, weshalb diese Glacisstaaten, Werk der Stalinbürokratie, keine prol. Staaten sein könnten ...
Bezeichnend für die Konfusion ist, daß nur wenige Genossesn - glaube daß Gen. Kant einer war, der hier klarer sah - diese Thesen ablehnten. Bayer selbst teilte diese These nicht, war aber selbst zu unsicher, um den Kampf gegen die Scholastik und Dogmatik, die G. Hirt und die Schweizer aufnehmen zu können. Die Differenz, so unklar sie war, führte zum Rücktritt Bayers aus der Leitung. In dieser Zeit taten die Sektierer ihr Werk: "Silo" berief eine Diskussionsrunde mit den früheren "Kampfbund"-Genossen zusammen und begann die "Diskussion" der "kombin. Kriegstaktik". Resultat: Ausschluß der "Kampfbund"-Gruppe! Dieselbe provozierende "Taktik", lies Spaltungstaktik, wurde gegenüber der "Steiner"-Gruppe angewendet. Ergebnis: neue Spaltung! Das Einigungswerk von 1945 war zunichte gemacht worden. Kaum wurde Widerstand geleistet ....
Die Teilnahme am Streik der Schuharbeiter in Wien 1948 war eine der wenigen Aktionen, die aktiv von den IKÖ mitgemacht wurde. Unsere Genossen waren als Betriebsräte (bei Eldorado, Bally ..) führend im Streik!
Die Entwicklung nach 1948:
a) Entrismus spaltet Sektion (1949-1954)
b) Spaltung 1954 geheilt: "Sieg" der "Entristen"
c) 1955: Herausgabe der "internationale" (bis 1962)
d) 1962/63 Beginn des Bruchs in der IV. Int. - Österr. Organ "Arbeiterkampf" wird geschaffen (Pablo-Tend)
Ergänzungen zu den Seiten 1 bis 6:
(dieser dritte, maschinschriftliche Text Modliks erstreckt sich im Original - bis zu dieser Stelle - auf sechs Seiten, Anm. R.F./E.W.)
Seite 1: Periode der Fraktionskämpfe.
Der Kampf Freys richtete sich a) gegen den rechten Flügel um Josef Strasser b) gegen den ultralinken Flügel,Ê der dominierte
Der exakte Inhalt dieser Kämpfe muß aus den Protokollen der Parteitage, aus der Roten Fahne (Diskussionsartikel) und anderen Dokumenten zu entnehmen sein!
Die aus dem "Sumpf" kommenden Elemente wie Koplenig usw. schoben die Schuld am politischen und organisatorischen Zustand der Partei auf die "Fraktionskämpfe" ab, wobei sie von der aufkommenden sowjetischen Bürokratie unterstützt wurden.
Seite 2: Krise in den Beziehungen zur ILO.
Diese Krise geht auf die internen Kämpfe in der Opp. zurück. 1926 und 1927 fielen jene ab, die zur Partei zurückkehrten, darunter Leute, die materiell von der Partei, ihrem Apparat, abhängig waren. Ab Ende 1927 bis zum Austritt aus der ILO waren es Differenzen mit den Anhängern Landaus, Stifts, uns anderen, die sich zu eigenen Gruppierungen formierten, dann wieder die Einigung forderten, wobei sie sich an Trotzki wandten. Frey machte diesem zum Vorwurf, daß er mit diesen Gruppen verhandelte, ohne uns, die Opp., davon zu verständigen, daß er von der Opp. einfach Einigung auf parität. Basis forderte, ohne das politische Gewicht und die numerische Stärke zu berücksichtigen ... und die Opp. war in beiden Punkten den verschiedenen Gruppen überlegen. Das wirft natürlich die Frage auf, warum sich Trotzki so verhalten hat. Feststeht, daß sich die Opp. 1927 formierte, ohne sich "Linksopp." (der KPÖ) zu nennen. Mir ist nicht erinnerlich, ob jemals auf dem Organ Arbeiterstimme die Bezeichnung "Linksopp." erschienen ist. Es müßte an Hand des Organs (in der Nat. Bibl.) überprüft werden. Meine "Theorie", die ich später erst entwickelte: es könnte sich bei Trotzki um eine Zurückhaltung gegenüber Frey gehandelt haben, die auf die Tätigkeit Freys 1923 in Deutschland zurückging! Die KPD wurde damals von Brandler-Thalheimer geführt, deren Politik die Niederlage von 1923 verursacht hat. Möglich, daß Frey in dieser Richtung von Trotzki als näherstehend den Brandler usw. eingeschätzt worden ist. Frey hat auch öfters - und sicher mit Recht - darauf hingewiesen, daß österr. Kommunisten, die sich in Moskau aufhielten, Trotzki kannten, seinen Kreis, eine persönliche Hetze gegen ihn (Frey) führten, um sein Verhältnis zu Trotzki zu vergiften. (z.B. Raissa Adler)
zu Seite 3: Bildung der Gruppe "Bolschiwiki-Leninisten".
Sie ging zweifellos von Genossen wie Gratz, Pawelka, und anderen aus, die sich mit FreyÊ überworfen hatten - wovon aber der "Kampfbund" nichts erfuhr. Diese Genossen nahmen Kontakt mit Trotzki, mit der ILO auf. Sie bildeten dann die Gruppe der "B.-L.". Ob ein Organ existierte, ist mir unbekannt. "Bruno" müßte es wissen.
Zu S.3: Die Differenz über Spanien ist nur noch Genossen bekannt, die sich damals in der Leitung befanden. Von ihnen ist niemand mehr vorhanden bzw. erreichbar. Auch im Organ schien sie nicht auf. Dennoch war sie so heftig, daß ich für einige Zeit nicht mehr an den Sitzungen der Leitung teilnahm, weil bei den anderen Genossen nicht der kleinste kritische Einwand gegen die Position Freys bemerkbar war. Erinnerlich waren damals "Hugo", "Pokorny" in der Leitung, wahrscheinlich auch "Sik".
Mit beiden Genossen, die damals nach Spanien wollten, bestand nach 1945 Kontakt: einer war Abonnent des AK, ist aber verstorben. Der andere Genosse war vor Jahren aktiv bei der (unleserliche Stelle, Anm. R.F./E.W.)
Der Anfang der Krise wegen der "Kombin. Kriegstaktik" war äußerst verworren. Es ist ja charakteristisch, daß Frey den kritisierten Artikel schrieb, ohne ihn vorher der Leitung vorzulegen. Was natürlich nicht seine Schuld, oder Methode war, sondern bezeichnend für das beinahe blinde Vertrauen, das er genoß.
(Ich muß noch nachtragen: um 1930 oder 1931 befand sich Trotzki ganz in unserer Nähe, nämlich in Pystian, Slowakei. Es tauchte der Vorschlag auf, eine Delegation hinzusenden, um mit ihm zu sprechen. Frey wurde vorgeschlagen, lehnte aber ab. Er meinte, es sollen ein Dutzend Arbeiter der Opp. hinfahren .. Schließlich kam es nicht zur Reise ...)
S.2: Noch zum 15. Juli 1927, der knapp den Wahlen von 1927 folgte und den zu erwähnen ich unterlassen habe:
Am 15. Juli 1927 zogen, provoziert durch ein Klassenurteil, das zwei faschistische Arbeitermörder freisprach, die Wiener Arbeiter in die Innenstadt. Die SP-Zentrale war überrascht, alarmierte selbst schon frühmorgens die Polizei. Der Justizpalast wurde angegriffen, okkupiert, Akten flogen samt Kaiserbildern auf die Straße, Akten gingen in Flammen auf, schließlich brannte der Justizpalast. Die reaktionäre Regierung Seipel mobilisierte die Polizei. Während der Wiener SP-Bürgermeiter Seitz die Massen abzuwiegeln versuchte, dazu einen Feuerwehrwagen bestieg, begann die Polizei zu schießen. 90 tote Arbeiter und viele Verwundete gab es am Abend des 15. Juli 1927. Die SP-Führung (Otto Bauer, Julius Deutsch, usw.) hatte nicht gewagt, den Schutzbund - der über geheime Waffen verfügte! - zu aktivieren und gegen die Polizei zu werfen! Getragen von den Massen, hätte die SPÖ, gestützt auf den kämpfenden Schutzbund, die Macht nehmen können! Wir, die Opp., hatten einen Genossen zu beklagen: Gen. Pramer, Kraftwagenlenker, aus Meidling, wurde in der Burggasse heimtückisch von einem Waffenhändler Barth, der aus der Luke im Rollbalken feuerte, erschossen! Ein Genosse aus dem Ausland, der mit Kurt Landau Konatkt hatte, wurde ebenfalls erschossen, sein Name begann mit I.... Er müßte anhand der Zeitungen feststellbar sein.
Als ich 1928 nach berlin kam, den Reichstag aufsuchte, um Ruth Fischer, Scholem, zu sprechen, wurde mir von ihnen die Frage gestellt, warum wir als Opp. nicht die Losung der Bildung von Arbeiterräten gegeben hätten am 15. Juli. Sicherlich eine berechtigte Frage, auf die ich wahrscheinlich keine Antwort wußte. Die Ereignisse des 15. Juli 1927 waren von unserem Organ vorhergesehen worden: Frey schrieb, daß nach dem Wahlerfolg der SP (im April) die Bourgeoisie nicht lange mit einem blutigem Streich zögern werde ... welchen Inhalt die Arbeiterstimme im kritischen Moment hatte, ist mir nicht erinnerlich. Man müßte in der Nat. Bibl. nachsehen. Eines steht aber fest: es wurde von der Opp. keine Aktivität während des 15. Juli, nicht währendÊ der darauffolgenden Tage (es wurde Generalstreik ausgerufen!), entfaltet. Mir ist kein Flugzettel usw. in Erinnerung. Möglich ist allerdings, daß in einzelnen Bezirken (Ottakring, Floridsdorf) die Opp.-Genossen ihre eigene Aktivität entwickelten ...
Zu Seite 5: "Steiner"-Gruppe ("Gegen den Strom"):
Die Darstellung des Falles "Jonas" wird von unserem Genossen Thaler als unrichtig bezeichnet. Der Fall wäre dadurch entstanden, daß die "Steiner"-Gruppe einen Gestapo-Spitzel aufgenommen hätte, der dann die Gruppe auffliegen ließ. Dieses Subjekt war der mißratene Sohn eines alten, bekannten Genossen namens Resowatz, der während des ersten Weltkrieges wegen seiner anarchistischen Haltung verfolgt worden war. Er schloß sich dann der KP, schließlich der Opp. an. Sein Sohn muß um 1920 geboren worden sein, schloß sich als Jugendlicher der Heimwehr an, versuchte vor 1938 schon, Spitzelarbeit zu leisten, blitzte aber beim Gen. Th ... ab. Nach dem Krieg 1945 gab der überlebende "Steiner" dann bekannt, daß dieser Sohn zu ihrer Gruppe gehört hatte ...
Meine Darstellung beruhte auf Mitteilungen, die damals und auch nach Kriegsende kolportiert worden waren....