Der Schuharbeiterstreik 1948

von Paul Roth

 

1. Einleitung

 

Am 3. März 1948 traten die Arbeiter der Schuhindustrie von ganz Österreich in den Streik. Hauptziel war die Anerkennung des Kollektivvertrags. Das Jahr 1948 stand ganz im Zeichen des Wiederaufbaus des Kapitalismus. Seit Beginn des Jahres herrschte ein drückender Mangel an Rohstoffen und Gütern aller Art. Die Energieversorgung war schlecht, die ausländischen Kohlelieferungen unzureichend. Auf die Mängel in der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Textilien und die Reallohnsenkungen (1945-1947) folgte die zunehmende physische Arbeitsunfähigkeit der Arbeiterschaft...

Die zuständigen gewerkschaftlichen Untergruppen, die Sektionen, Fachgruppen und Branchengruppen, darunter auch die Fachgruppe der Schuharbeiter, sandten den zuständigen Vertreterorganen der Bundeswirtschaftskammer massenweise ihre KV-Entwürfe (im Falle der Schuharbeiter am 6.9.1947 den Unternehmern vorgelegt). Die Industriellen weigerten sich aber oftmals, auch nur zu verhandeln.

Am 26. Februar 1947 hatte der Nationalrat das Kollektivvertragsgesetz beschlossen. Der bereits ab Jänner 1946 zur Verhandlung stehende Entwurf desÊ KV-Gesetzes, von Sozialministerium, ÖGB und Arbeiterkammer ausgearbeitet, wurde von der ÖVP abgeändert. Wie die meisten Sozialgesetze basiert das KV-Gesetz auf einem Vorläufer aus der 1. Republik. Das Gesetz besagt, daß die Arbeiter berechtigt sind, über die Gewerkschaften mit den Unternehmerorganisationen kollektive Verträge abzuschließen. Individuelle Kontrakte dürfen seit dem KV-Gesetz nur mehr dann gelten, wenn diese bessere Bedingungen enthalten als die im Kollektivvertrag. Die KVs dienen dabei quasi als Selbstschutz der Arbeiter als Klasse gegenüber den kapitalistischen Marktverhältnissen. Gebiete, Zonen, Bereiche, die von den Verträgen bewußt oder unbewußt ausgeklammert oder unberücksichtigt bleiben, unterlagen dabei aber weiterhin der uneingeschränkten Kontrolle und Herrschaft des Kapitals, so z.B. die Wochenarbeitszeit. Da kein neues staatliches Arbeitszeitgesetz existierte, regelte sich die Arbeitszeit nach dem geltenden Recht bzw. durch unzählige betriebliche Vereinbarungen, wobei grundsätzlich die nationalsozialistische Arbeitszeitordnung aus dem Jahre 1938 wie ein Gesetz als Richtlinie galt. Es gab auch keine einheitliche Regelung in den gar nicht so seltenen Fällen einer uneinheitlichen Arbeitszeit, wenn die Arbeiter und Arbeiterinnen durch den unregelmäßigen Geschäftsgang einmal auf Ableistung von Kurzarbeit gesetzt waren, andernmals Überstunden abzuleisten hatten. Alle diese Probleme waren im besonderen in der Schuhindustrie spürbar.

Denn gerade um die Schuhindustrie stand es in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg ziemlich schlecht. Die Arbeiter litten hier unter den Folgen der Kurzarbeitszeit. Das war ein Grund, warum die Schuharbeiter vor allem auf eine kollektivvertragliche Regelung der Normalarbeitszeit pochten. Vorläufig war zwar vor dem Streik die 44-Stunden-Woche in den Betrieben der Schuhproduktion zur normalen Arbeitszeit geworden, dennoch gab es keine Garantien - die Beschäftigten waren von der Kapazitätsauslastung der Schuhfabriken abhängig. Bei günstiger Konjunktur wurde länger gearbeitet, was im unmittelbaren Zusammenhang damit stand, daß die Schuhfabrikanten in Phasen des Aufschwunges versuchten, die Arbeitszeit in der Schuhindustrie an das landesübliche Limit von 48 Stunden pro Wochen anzupassen.

Die Industrie befand sich in einem Stadium der Unterentwicklung. Und wie in der übrigen Industrie auch, begrenzte die schlechte Ernährungslage der Arbeiterschaft eine Intensivierung der Arbeit.

Der Marshall-Plan war zwar noch nicht vollzogen, dennoch wurde er auf mehreren Ebenen vorbereitet und spielte in Bezug auf die Politik von SP und ÖGB eine wesentliche Rolle. Der Abschluß sollte gesichert, das Vertrauen der US-Imperalisten durfte nicht aufâs Spiel gesetzt werden. Man mußte sich gegenüber den Bürgerlichen kooperationsfähig zeigen. Klassenkampf war da nicht drinâ! Der Kalte Krieg warf auch in Österreich mit dem Bruch des "antifaschistischen Bündnisses" und des Zutagetretens der unterschiedlichen Interessen von USA und UdSSR seit 1947 seine Schatten voraus. Gegen die KPÖ-"Kommunisten" wurde trotz ihrer grundsätzlichen Zustimmung zum kapitalistischen Wiederaufbau in Österreich und ihres Verzichts auf eine über den Kapitalismus hinausführende Perspektive eine antikommunistische Propagandamaschinerie in Gang gesetzt. Eine Lohn-und-Preis-Abkommen (LPA) wurde bereits durchgesetzt, weitere sollten folgen. Die Politik von SPÖ, KPÖ und ÖGB war auf den Wiederaufbau des Kapitalismus und nicht auf die Bedürfnisse der Arbeiterschaft gerichtet. Auch wenn eine Welle der revolutionären Empörung wie nach dem Ersten Weltkrieg auch in Österreich ausblieb, kam es daher doch immer wieder zu Arbeitskonflikten. Diese trugen in aller Regel in dieser Phase spontanen Charakter - trotz oder gerade wegen der Politik der großen reformistischen Massenpartei des österreichischen Proletariats, der SPÖ, und der ihrer kleinen reformistischen Schwester, der KPÖ, die beide im Grundsatz auf Reformen innerhalb der Grenzen des kapitalistischen Gesellschaftssystems ausgerichtet war und die nicht grundsätzlich in Opposition standen zum Wiederaufbau, also der Reorganisation eines "Kapitalismus in Österreichs Farben".

Zu den Sparten, in denen besondere Unzufriedenheit herrschte, gehörten auch die Schuharbeiter. Und hier kam es, nachdem bereits immmer wieder, auch schon vorher, Unzufriedenheit aufgeflackert war und sich in spontanen Aktionen elementaren Klassenkampfes Luft gemacht hatte, im Frühjahr 1948 zu einer der größten Streikaktionen des österreichischen Proletariats nach 1945. Deswegen und weil in diesem Streik die Trotzkisten eine wichtige, wenn auch von der Geschichtsschreibung verdrängte Rolle spielten, soll sich dieser Artikel hier mit diesem wichtigen Klassenkampf des österreichischen Proletariats, der bereits als Vorspiel zum großen Streik des Jahres 1950 gesehen werden kann, beschäftigen.

Zum dritten aber ist der Streik ein Lehrbeispiel für den Ausverkauf der Kampfkraft und der Kampbereitschaft der Arbeiterklasse durch die Gewerkschaftsbürokratie und damit ein Schlüssel für das Verständnis der Klassenkampfsituation heute. Denn der ÖGB befand sich in einer unangenehmen Situation, schließlich mußte die ÖGB-Spitze sogar dem gegen ihren Willen ausgebrochenen Streik zustimmen. Im Bund mit den bürgerlichen Interessen wurde aber durch die Intervention der ÖGB-Spitze der Klassenkampf von der Straße auf den Verhandlungstisch verlegt. Der Streik wurde abgewürgt. Die Forderungen der Arbeiterschaft wurden nur zum geringen Teil erfüllt, und mit großem Trara wurde die Beendigung des Streiks als Erfolg gefeiert, der in Wirklichkeit keiner war.

Die streikenden Frauen und Männer wurden belogen und betrogen, um der bürgerlichen Politik, die sich am Wiederaufbau des Kapitalismus orientierte, zum Durchbruch zu verhelfen. Mit der Abwürgung des Streiks stand damit erstens der Etablierung der sozialpartnerschaftlichen Denkens kaum mehr ein Hindernis entgegen. Die KPÖ, die sich am Streik beteiligt hatte und mit dem Austritt aus der Konzentrationsregierung nicht mehr das Mäntelchen der staatstragenden Partei in den Vordergrund rücken mußte, gab sich zum zweiten unter dem Druck der Arbeiterschaft ein linkeres Image. Sie war aber im Endeffekt zu einem Bruch mit ihrer reformistischen Ideologie weder bereit noch fähig. Die einzige politische Kraft, die aus vollem Herzen auf eine Ausweitung und Vertiefung des Streiks hinarbeitete, waren die Trotzkisten, die, wir sprachen schon davon, im Schuharbeiterstreik eine bedeutende Rolle spielten. Als Illegale kämpften sie mit den Schuharbeitern, mußten aber, um nicht enttarnt zu werden, mit Vorsicht agieren. Mitglieder der Internationalen Kommunisten Österreichs (IKÖ) waren als Betriebsräte in zwei Fabriken in Wien aktiv und beeinflußten durch ihren persönlichen Einsatz nicht unwesentlich das Streikgeschehen.

Wir wollen uns nun etwas genauer mit dem Streik der Schuharbeiter beschäftigen. Er dauerte vom 3.3.1948 bis zum 3.5.1948. Es beteiligten sich 1 986 Männer und 2 774 Frauen, was einer Beteiligungsrate von 92,9 % aller in der Schuhindustrie Beschäftigten entsprach. Der ÖGB bezahlte 2.998.702 ÖS Streikunterstützung. dazu kamen noch Solidaritätsspenden in der Höhe von 708.243 ÖS. Der ÖBG lehnte solche Solidaritätsspenden, die in der Tendenz seinen Einfluß und seine Zugriffsmöglichkeiten auf das Streikgeschehen untergraben hätten können, ab. Seine "Begründung": Dies würde in der Öffentlichkeit den Eindruck von Schwäche erzeugen. Ein lächerliches Argument, das die Schuharbeiter erzürnte, denn sie hatten die Solidaritätsspenden ja nötig, da sie nur eine Streikunterstützung im Ausmaß von 50 Prozent des Lohnes bekamen.

 

2. Der Verlauf des Streiks.

 

Bei der Rekonstruktion des Streikverlaufs orientiere ich mich an dem, was Peter Zakravsky recherchiert hat (siehe Peter Zakravsky: Die industriellen Schuharbeiter im Kampf um ihren Kollektivvertrag), an dessen angegebenen Forschungsmaterialien, also Wiener Zeitung, Arbeiterzeitung und Volksstimme, an der Festschrift Hundert Jahre Gewerkschaft der Schuharbeiter (herausgegeben von der Gewerkschaft der Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter, Sektion Schuh-Leder, Wien 1971) und an den Materialien, die aus trotzkistischen Quellen stammen und zum überwiegenden Teil bis dato kaum ausgewertet worden sind.

Das Vorspiel: Nachdem die Fachgruppe der Schuharbeiter schon am 6.9.1947 ihre Kollektivvertragsentwürfe den Arbeitgebern zukommen haben lassen und die Schuhindustriellen es ablehnten, zu verhandeln, solange nicht wesentliche Bedingungen aus den Entwürfen entfernt würden, versammeln sich am 3.2.1948 die Betriebsräte der Schuhindustrie im Wiener Verbandsheim. Die Konferenz beschließt, wenn die Unternehmer ihre ablehnende Haltung nicht ändern sollten, am 12.2.1948 den Unternehmern den Kampf anzusagen. Dem ÖGB-Lohnkomitee, das parteipolitisch aus SP-, KP- und ÖVP-Gewerkschaftern zusammengesetzt war, spricht man das volle Vertrauen aus.

Eine Gesprächsrunde zwischen Vertretern der Schuharbeiter und der Schuhindustriellen findet am13.2. statt, wobei sich das Verhandlungsklima in keinster Weise verbesserte, weil die Unternehmer sich weigern, über folgende Punkte, die auch die wesentlichen Forderungen der kommenden Klassenauseinandersetzung waren, zu verhandeln:

* kollektivvertragliche Anerkennung der 44-Stunden-Woche;

* Einführung eines bezahlten Wirtschaftstages für Frauen;

* Mitbestimmungsrecht der Betriebsräte bei Aufnahmen und Kündigungen von Arbeitskräften;

* und bezahlte Arbeitspausen im Umfang einer Wochenstunde.

Mit dem Motiv, die Arbeiterklasse und die Gewerkschaft zu spalten, verweigerten die Unternehmer mit dem vorgeschobenen Argument jede ernsthafte Verhandlung, sie wollten nicht mit Kommunisten an einem Tisch sitzen. Damit sollte die Zustimmung zu dem von KP-Gewerkschaftlern dominierten Lohnkomitee untergraben werden. Der Zentralsekretär der Gewerkschaft der Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter und KPÖ-Gewerkschafter, Egon Kodicek, bringt dies im ÖGB-Bundesvorstand ein, wonach sich der Gewerkschaftsboß Johann Böhm ausdrücklich hinter das Lohnkomitee der Schuharbeiter stellt (Vgl. Protokoll des BV des ÖGB vom 27. 2. 1948). In dieser Phase des Streiks muß auch die Gewerkschaftsführung auf Integration setzen und kann die gewerkschaftlichen Funktionen nicht von den Unternehmern ad absurdum führen lassen. und so muß auch er den Streik unterstützen. Wir werden aber sehen, daß die Gewerkschaftsbürokratie keine Minute auch nur im Traum daran gedacht hatte, ihre KV-Politik, die sich aber im Verlauf des Streiks doch noch durchsetzen wird, zu ändern.

An dieser Stelle muß gesagt werden, daß sich die Fachgruppen der Schuharbeiter zum überwiegenden Teil aus KPlern zusammensetzte (14 KPÖ, 3 SPÖ); Obmann der Fachgruppe war der ÖGB-Vizepräsident, ehemalige Schuharbeiter und KPler Gottlieb Fiala. Leopold Hess, ebenso KPÖ, hatte die Funktion des Sekretärs über, der traditioneller Weise die Verhandlungen führte. In den beiden größten Wiener Schuhfabriken (Äterna und Bally) stellten KPler den Betriebsobmann.

Für den 1.3.1948 ist ein Verhandlungstermin anberaumt. Kurz vor Beginn (so geht aus der AZ vom 3.3.1948 hervor) lassen die Unternehmer den Termin platzen. Die Schuharbeiter treffen am 2.3. in Wien zu einer Versammlung zusammen. In geheimer Abstimmung beschließen sie für den 3.3.1948 den Streik. Laut AZ stimmen 2 829 für und 20 gegen den Streik. 12 enthielten sich ihrer Stimme. Damit ist der Weg zu einem auch von der Gewerkschaftsführung anerkannten und "genehmigten" Streik frei. In dieser Versammlung treten die beiden Trotzkisten, die bei Bally und Eldorado beschäftigt waren und als Betriebsräte über einigen Einfluß verfügten, massiv für die Ausrufung eines Streiks ein.

In allen Bundesländern Österreichs wird die Arbeit in den Schuhfabriken niedergelegt. Im 15. Wiener Gemeidebezirk, in der Markgraf-Rüdiger-Straße, bildet sich ein zentrales Streikkomitee. Dort war der Sitz der Fachgruppe der Schuharbeiter.

Unter Anleitung der Betriebsräte werden in den Betrieben lokale Streikkomitees errichtet. Deren Vertreter sind in einem zentralen Streikkomitee zusammengefaßt, in dem der Trotzkist Klement (i-Name) eine wichtige und initiative Rolle spielt und das in den nächsten Wochen täglich eine Sitzung abhalten wird. Es organisiert die Verteilung von Flugblättern und Plakaten und gibt Mitteilungen an die Presse ab. Streikposten werden aufgestellt. Die Betriebe halten ständig Verbindung mit dem Zentralen Streikkomitee, das wiederum in Verbindung mit dem Lohnkomitee steht. Letzteres ist nicht von den Streikenden gewählt, hat aber traditionell die Aufgabe, die Verhandlungen zu führen. An seiner Spitze stand Leopold Hess. Außerdem waren der Obmann der Gewerkschaft und Nationalrat Michael Frühwirth (SP; Vorsitzender der Gewerkschaft Textil-Bekleidung-Leder), Egon Kodicek (KPÖ; Zentralsekretär der Gewerkschaft Textil-Bekleidung-Leder) und die christliche Gewerkschafterin und Vorsitzende-Stellvertreterin Margarete Rehor beteiligt. Diese Verdopplung der Strukturen - hier das Streikkomitee, da das Lohnkomitee, das fest in der Hand der Bürokratie blieb - diente als Transmissionsriemen der Bürokratie ins Zentrum des Streiks hinein. Nicht auf die damit für den Streik von allem Anfang an gegebenen Gefahren hingewiesen und auf eine Unterstellung des Lohnkomitees unter das Streikkomitee hingearbeitet zu haben, gehört zu den großen politischen Versäumnissen der KPÖ in diesem Streik, ist aber ein weiterer Beweis für ihre Politik, die nicht grundsätzlich mit dem Kapitalismus brechen wollte, sondern auf eine kämpferischere reformistische Alternative innerhalb des Systems orientiert war.

In einer Erklärung der Bundeshandelskammer wird gegen den Streik protestiert. Die Gewerkschaft habe die Verhandlungstermine nicht abwarten wollen und so den Streik frühzeitig proklamiert. Und auch die Gewerkschaft der Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter, Sektion Schuh-Leder nahm in ihrer 1971 in Wien erschienenen Festschrift dazu eine ähnliche Haltung ein wie die Unternehmer 1948. Darin heißt es in einem Seitenhieb gegen die unter dem Druck der Belegschaften stehenden KP-Gewerkschafter: "Als über den Verhandlungstermin keine Einigung erzielt werden konnte, hat der Sekretär Leopold Hess, der gleichzeitig Obmann der Fachgruppe war, in eigener Machtvollkommenheit, ohne der Fachgruppenvorstand, geschweige denn den Zentralvorstend zu informieren, am Wochenende vor dem in Aussicht genommenen Verhandlungstermin Telegramme an die Betriebsräte der Schuhfabriken versandt, mit der Aufforderung, die Arbeiterschaft möge am 3. März 1948 in den Streik treten." Angesichts des Drucks der Basis wagte es die ÖGB-Führung aber 1948 nicht, sich offen gegen den Streik zu stellen. Der Bundesvorstand des ÖGB, der befürchtete, "daß der Streik letzten Endes einen politsichen Ausklang fände" (ebd.), sprach am 6.3. die Anerkennung des ungeliebten Streiks aus und gewährte aber nur eine Streikunterstützung von 50%.

Bei einer sozialistischen Betriebsrätekonferenz im Verbandsheim Königsegg-Gasse spricht am 8.3. Nationalrat Pittermann über die politische Lage, NR Frühwirth über die Ernährungslage. Die Arbeiter äußern ihre Unzufriedenheit über die schleppende Durchführung der vom Gewerkschaftsbund geforderten wirtschaftlichen Maßnahmen. Die SP-Betriebsräte sind der Überzeugung, daß die bestehenden Organisationen der Arbeiterschaft ausreichen, um ihreForderungen durchzusetzen. Sie lehnen die von den KP-lern initiierten Aktionskomitees ab. Die Aktionskomitees werden vom ÖGB verboten. Zuwiderhandlung wird mit der Drohung des Ausschlusses bestraft. Die KPÖ verzichtet auf eine Mobilisierung der Basis in dieser Frage und gibt nach.

"Welche Bedeutung der Streik in der Öffentlichkeit erweckte, war daraus zu erkennen, daß der damalige Bundesminister für soziale Verwaltung, der Gewerkschafter Karl Maisel, sich aktiv in die Verhandlungen eingeschaltet und in einer Reihe von Sitzungen versucht hat, zwischen den Vertretern der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu verhandeln." (ebd.) Nach seinem ersten Versuch am 19.3. muß Maisel seine Bemühungen aber am Ende als erfolglos bewerten. Er gibt nicht gleich auf. Vertagung. Nach zwei weiteren Versuchen wird er am 5. April kapitulieren.

Während der Länderkonferenz der Betriebsratsobmänner und der Stellvertreter aller österreichischen Schuhbetriebe am 1.4. wird von allen bekräftigt, daß der Kampf bis zum vollen Erfolg geführt werden müsse (Vgl. AZ 2. April). Nationalrat Frühwirth legt eine Entschließung vor, die einstimmig angenommen wird. Darin wird gesagt, daß die Anerkennung des Streiks und die finanzielle UnterstützungÊ durch den ÖGB begrüßt und für die Solidaritätsspenden durch die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter gedankt wird.

Sozialminister Maisel versucht am 5.4. durch eine Vermittlungsaktion zwischen der Schuhindustrie und Vertretern der Schuharbeiterschaft zu vermitteln. Die Verhandlungen scheitern allerdings. Hauptstreitpunkt ist, neben der Forderung nach höheren Löhnen, da die Schuhpreise seit 1945 um das 8- bis 10-fache gestiegen sind, die Löhne aber nur um das 2- bis 3-fache, die Arbeitszeit. Die Gewerkschaftsfunktionäre beharren auf die Einführung der 44-Stunden-Woche. Die Unternehmer, ganz dem wirtschaftlichen Aufstieg verpflichtet, verlangen eine Intensivierung der Arbeit. Eine Verkürzung der Arbeitszeit bedeute eine 10%-ige Reduzierung der Produktionskapazität. Sie wollten keine Arbeitszeitverlängerung, sondern bloß bis März 1949 die Beibehaltung der gegenwärtigen Arbeitszeit. Sobald eine Produktionssteigerung möglich sei, wäre eine Rückkehr zur gesetzlichen Arbeitszeit in Aussicht gestellt.

Im "Gewerkschaflichen Nachrichtendienst" wird darauf hingewiesen, daß Spenden-Sammlungen in den Betrieben an die Gewerkschaft direkt abzuliefern und eine Sammlung an die Zustimmung der zuständigen Gewerkschaft gebunden seien. Die ÖGB-Führung will Solidaritätsspenden damit de facto verhindern oder zumindest unter ihre Kontrolle stellen. Der "Nachrichtendienst" fürchtet offensichtlich eine Vorbildwirkung der Schuharbeiter auch für andere Bereiche, die Ausweitung des Streik auf Betriebe anderer Industrien soll unterlassen werden. In den Stephaniesälen des Etablissements Kochmann im 15. Bezirk, Ecke Huglgasse/Hütteldorferstraße, versammeln sich am 9.4. ungefähr 1 000 Streikende. Sie forderten u.a. die Ausrufung von Solidaritätsstreiks.

Die Sektion Industrie der Bundeshandelskammer unterstützt am 10.4. einstimmig die Haltung des Verbandes der Schuhindustrie gegen die Forderung nach kollektiver Herabsetzung der Arbeitszeit. Argumentiert wird, daß a) die Mehrarbeit die Voraussetzung für den Wiederaufbau der Wirtschaft und die Hebung des Lebensstandards der Bevölkerung sei, daß b) in den Ländern, die an der Seite Österreichs stünden, die Arbeitszeit nicht 44 Stunden sei und das deshalb auf Unverständnis stoßen werde und daß c) die Reduktion der Arbeitszeit ein ungerechtfertigtes Vorrecht nur für die Schuharbeiter wäre, da in allen anderen Produktionszweige zu nicht ungünstigeren Bedingungen gearbeitet werde. Die österreichische Industrie könne also nicht unter die 48-Stunden-Woche heruntergehen.

Bundeskanzler Figl und die Minister Maisel und Altenburger empfangen am 12.4. die Vertretung der streikenden Schuharbeiter (NR Frühwirth, Kodicek, Rehor, Hess und vom zentralen Streikkomitee Milota und Jentschek). Diese legen die Forderungen der Schuharbeiter vor. Kanzler Figl beschließt, sich mit den Unternehmerverbänden in Verbindung zu setzen, um ein Ende des Streiks zu ermöglichen.

Figl und Präsident Raab treffen am 14.4. mit Vertretern der Schuhindustrie zusammen. Was dabei herausgekommen ist, bleibt unklar, außer daß für den 15.4. die Vertreter der Schuhindustrie sowie die Vertreter der Schuharbeiter ins Bundeskanzleramt eingeladen werden, um durch Vermittlung des Bundeskanzlers die Belegung des Streiks zu erreichen. Gleichzeitig tagt der Bundesvorstand des ÖGB. Das Ergebnis ist eine Resolution, die an die Presse ausgesendet wird.

Der Wendepunkt: Ab nun beginnt die ÖGB-Spitze massiv in den Schuharbeiterstreik zu intervenieren, und zwar mit der Zielrichtung, den lästigen und ärgerlichen Streik, der sich nun schon über mehrere Wochen hinzog, abzubiegen und beide Seiten zu einem "vernünftigen Kompromiß" zu drängen. In seiner Resolution beklagt Böhm zunächst, daß die Verhandlungen trotz der Bereitschaft der Schuharbeiter noch zu keinem Ergebnis geführt hätten. Es sei völlig unrichtig, daß es sich beim Schuharbeiterstreik um einen Vorstoß in Richtung auf allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit handle. Die Verhältnisse und Arbeitsbedingungen seien bei den Schuharbeitern wesentlich anders geartet als in den übrigen österreichische Industrien. Die Differenzen in der Auffassung über die tatsächlich zu leistende Arbeitszeit seien verhältnismäßig gering. Eine Einigung wäre daher, guten Willen vorausgesetzt, leicht zu finden. Es ginge ja nur um die "Anerkennung des Grundsatzes der Kollektivvertragsvereinbarung". Die Fixierung kürzerer Arbeitszeit wird damit als Ziel komplett aufgegeben. Die Arbeitszeit der Schuharbeiter wird an die kapitalistischen Gegebenheiten der Schuhindustrie angepaßt. Darauf konnten sich die Unternehmer einlassen.

Die Äußerungen der Sektion der Bundeshandelskammer vom 10.4. finden hier ihre Anerkennung durch den ÖGB-Vorstand, der sich damit auf die Seite des Wiederaufbaus in Eintracht mit den Kapitalisten und nicht auf die Seite der streikenden Schuharbeiter stellte. In der Festschrift von 1971 heißt es dazu: "Die Ansichten über die Zweckmäßigkeit des Streiks gingen weit auseinander. Als der Streik bereits einige Wochen angedauert hatte meinten viele Schuharbeiter und Funktionäre, der ÖGB möge zur Durchsetzung eines baldigen Verhandlungsabschlusses den Generalstreik ausrufen. Was einfach nicht möglich war, denn es konnte die sich mühsam erholende Wirtschaft nicht durch einen Generalstreik schwer geschädigt und lahmgelegt werden. Deshaln wurde ein solches Ansinnen vom Österreichischen Gewerkschaftsbund abgelehnt."

Im Bundeskanzleramt findet am 15.4. unter dem Vorsitz von Bundskanzler Figl und im Beisein der Minister Maisel und Altenburger schließlich eine Aussprache zwischen den Vertretern der Schuhindustrie und auf der anderen Seite dem ÖGB-Präsidenten Böhm, NR Frühwirth und Gewerkschaftssekretär Kodicek statt. Das Streikomitee ist nun aus den Verhandlungen weitgehend ausgeschalten. Durch das Zurückweichen des ÖGB - angekündigt durch die Resolution vom Vortag - entspannt sich das Verhandlungsklima. Die Gewerkschaft der Schuharbeiter will nun die gesetzliche 48-Wochenstunden-Arbeitszeit prinzipell anerkennen, für die Dauer der jetzigen Beschäftigungslage könne eine kürzere Arbeitszeit Platz greifen. Bis zum 31. Dezember 1949 soll für Wien in einem gegenseitigen Übereinkommen eine Arbeitszeit von 45 Stunden vereinbart werden, wovon eine Stunde für bezahlte Arbeitspausen gilt. Den Unternehmen in den Bundesländern soll es freigestellt werden, freie Vereinbarungen über eine 44- bis 46-stündige Arbeitszeit zu treffen.

Auf dieser Basis war für 16.4. eine Sitzung des Verbandes geplant. Für Montag, den 19.4. ist eine Vertrauensmännerbesprechung vorgesehen, wo das Ergebnis beraten werden soll. Am Dienstag, den 20.4. sollte eine weitere gemeinsame Besprechung stattfinden. Die Verbandsvertreter der Schuhindustrie verhandeln am 16.4. unter sich. Die Gewerkschaftsvertreter ziehen sich am 19.4. zur Beratung zurück. Bei einer Versammlung in Ottakring spricht Figl u.a. über den Schuharbeiterstreik. "Versöhnlich" weist er darauf hin, daß er nicht sagen könne, auf welcher Seite Recht oder Unrecht sei. Es gehe darum, daß Österreich sich den durch den Streik verursachten Produktionsausfall nicht leisten könne. In Zukunft müßten alle Streiks vermieden werden, um den sozialen Frieden nicht zu gefährden. Jeder Eingriff in die sozialen Errungenschaften der Arbeiter brächte doch ernste Folgen mit sich.

Der Kollektivvertrag wird zwischen 20. und 26.4. ohne weitere Unterbrechungen zu Ende verhandelt. Auf seiten der Arbeiter verhandelten NR Frühwirth, Zentralsekretär E. Kodicek und M. Rehor. Auf der Unternehmerseite: Präsident Brunnmüller und Sekretär Hofeneder. In der Festschrift der Gewerkschaft von 1971 wird bezüglich der Verhandlungen offenherzig folgende Anekdote zum Besten gegeben, die "zur Beilegung des Arbeitskonfliktes geführt" hätte: "So haben der damalige Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes Johann Böhm, der Vorsitzende der Gewerkschaft Michael Frühwirth und der Präsident des Fachverbandes der Schuhindustrie Kommerzialrat Franz Brunnmüller folgendes vereinbart: Es mögen drei Vertreter der Interessensverbände in einer internen Aussprache sich bemühen, eine Annäherung der Standpunkte zu erzielen. So trafen sich in den letzten Apriltagen von der Gewerkschaft Maximilian Tschurtschenthaler, von seiten der Arbeitgeber Doktor Hubert Hofeneder und als Unparteiischer Kommerzialrat Krautscheider im Kellerstüberl in Wien 5, Schäfergasse 5, wobei diese Aussprache in jeder Hinsicht geheim sein mußte, um unangenehme Folgen für die drei Beteiligten zu vermeiden." Soviel also zum Verständnis von Arbeiterdemokratie und Loyalität durch die Gewerkschaftsbürokratie. Der SP-Gewerkschafter Tschurtschenthaler mauschelt abseits der offiziellen Verhandlungen und hinter dem Rücken der Schuharbeiter (und hinter der dem Rücken der Gewerkschaftssektion der Schuharbeiter!?) mit Vertretern der Unternehmer und des bürgerlichen Staates und bereitet mit diesen den Ausverkauf des Streiks, der dann den KP-Gewerkschaftern und schließlich den Schuharbeitern reingedrückt werden sollte, vor.

Bundeskonferenz der Betriebsräte der österreichischen Schuhbetriebe am 27.4.: Kodicek berichtet über die Ergebnisse der "erfolgreichen" offiziellen Verhandlungen mit den Unternehmervertretern, die am 26. April abgeschlossen wurden. Es folgt eine lebhafte Debatte. Die Arbeitszeit wurde, so die Berichterstattung der AZ, durch ein Zusatzprotokoll geregelt, das eine Arbeitszeit von 44 Stunden in der Woche vorsieht. Laut AZ stimmen 11 gegen den Vertrag, 14Ê enthalten sich und die "übergroße Mehrheit" stimmt dem Vertrag zu, sowie für eine Empfehlung an die Arbeiterschaft, den Vertrag anzunehmen.

In den Stephaniesälen findet am 28.4. die Vollversammlung der streikenden Schuharbeiter statt. Egon Kodicek, erster Gewerkschaftssprecher des Streikkomitees und von der KPÖ entsandter Obmannstellvertreter, berichtet über die Verhandlungen und die Vorschläge zum Kollektivvertrag und empfielt der Arbeiterschaft, den Vertrag anzunehmen. Die christlich-soziale Gewerkschafterin und Obmannstellvertreterin Margarete Rehor stellt fest, daß von 23 Punkten des Kollektivvertrages 21 einen vollen oder teilweisen Erfolg der Arbeiterschaft gebracht hätten. Frühwirth spricht über die Kosten des Streiks. Nach stürmischer Debatte und tumultartigen Szenen kommt am Ende folgendes Abstimmungsergebnis heraus: 912 Pro-, 716 Gegenstimmen und 201 Enthaltungen (siehe AZ vom 29.4.1948). Mit Ach und Krach hatten sich die Betriebsräte und der KPÖ-dominierte Vorstand in ihrer Demobilisierungspolitik durchgesetzt. Trotz der massiven Beeinflussung durch ÖVP, SPÖ und KPÖ, die in schöner Harmonie agieren, stimmt damit nicht einmal die Hälfte der Anwesenden für den von den SP-, KP- und VP-Bürokraten propagierten Streikabbruch. Darin zeigt sich, welch starken Einfluß die radikaleren Kräfte in der Schuharbeiterschaft hatten. Und auch die Festschrift von 1971 mußte dem ausführlichen Lob für die Geheimverhandlungen hinzufügen: "Trotz allem war es nicht leicht, bei den Streikenden die Annahme der getroffenen Vereinbarungen durchzusetzen."

Jedenfalls wurde bei der Versammlung am 28.4. der Streikabbruch besiegelt. Und auch die Schuhindustriellen - wen wundert«s - nahmen auf einer Plenarversammlung am 29.4. den Kollektivvertrag einstimmig an. Am 3.5. wurde die Arbeit in den Schuhfabriken wieder aufgenommen. Aber die Arbeiterschaft war gespalten, der Streik war ausverkauft worden. Ein großer Teil der Schuharbeiter empfand den ausgehandelten Kompromiß als Niederlage. Die KP-ler allerdings wollten trotz besseren Wissens den Streik als vollen Erfolg verbuchen.

Das Nachspiel: Der Streik endete als nicht mit einem eindeutigen Sieg der Arbeiter. Eine unmittelbare Konsequenz war die Fälschung der Streikursachen und der Streikdurchführung durch die ÖGB-Spitze, die in ihrer Analyse das Schwergewicht auf die Verhandlungen und nicht auf die unmittelbare Kampfkraft der Arbeiter legte. Böhm bezeichnete den zur Streikbeendigung abgeschlossenen KV als Bombenerfolg, ein unhaltbares Argument. Denn der KV hat gegenüber den Streikforderungen nur einen Erfolg aufzuweisen: Die kollektivvertragliche Anerkennung der 44-Stunden-Woche. Ansonsten gibt es nur Zurückweichen, ein Anpassen der Arbeiterforderungen an die kapitalistischen Produktionsbedürfnisse der Schuhindustrie. Warum bezeichnete also Böhm - hier durchaus nur, was das Ergebnis betraf, auf Linie mit der KPÖ - den Abschluß des Kollektivvetrags als Erfolg? Wohl vorerst einmal darum, um der Arbeiterklasse vorzurechnen, daß der Streik nicht notwendig war, daß er rausgeworfenes Geld und eine Vergeudung der Kampfkraft gewesen sei und der wahre Erfolg in der Verhandlungstaktik der Führung gesucht werden müsse. All das war eingebettet in eine ideologische Offensive gegen die kämpferischeren Teile des Proletariats und auch gegen die KPÖ, die sich während der Verhandlungen zwar durchaus als kooperationsbereit erwiesen hatte, deren Einfluß in der Schuharbeitergewerkschaft man aber nun - zum Dank - brechen wollte. Damit verbunden war die Ausschaltung der KP-Gewerkschaftsfunktionäre aus dem Fachverband der Schuharbeiter.

Der tatsächlich abgeschlossene Kollektivvertrag ist einerseits ein Sondervertrag zur Regelung der Arbeitszeit in der Schuhindustrie und andererseits als ein gewöhnliches Beispiel für einen KV anzusehen, wie sie der ÖGB in weiterer Folge (unter Anwendung der Raab-Formel, die Lohnfrage aus sämtlichen KV-Verhandlungen auszuklammern) zu Hunderten abgeschlossen hat. Im Detail sah er folgendes vor:

1. Gestrichen wurde die Forderung nach dem bezahlten oder unbezahlten Wirtschaftstag für Frauen.

2. Gestrichen wurde die Forderung nach dem Mitbestimmungsrecht der Betriebsräte bei Aufnahme und Kündigung von Arbeitskräften.

3. Die Frage der Arbeitszeit, die im Mittelpunkt des Konflikts stand, wurde so gelöst, daß die Schuharbeiter gezwungen sind, die 48-Stunden-Woche "prinzipiell anzuerkennen". Zusätzlich wurde aber im Anhang des KVs ein Sonderübereinkommen beschlossen. Dabei wird aber nicht von den Forderungen der Arbeiter, sondern von der Kapazitätsauslastung der Schuhfabriken ausgegangen - wohl, um nicht andere Sektoren des Proletariats auf "schlechte Gedanken" zu bringen.

4. Die Forderung nach einer täglichen und bezahlten Frühstückspause in der Arbeitszeit, wurde dahingehend umgeleitet, daß die Frühstückspause in die Arbeitszeitregelung integriert wurde und sich die Fabrikszeiten von 44 auf 45 Wochenstunden verlängerte.

5. Infolge der Raab-Formel mußten jene Arbeiter, die bisher länger als 45 Stunden gearbeitet hatten, mit dem neuen KV eine aliquote Reduktion ihrer Löhne in Kauf nehmen.

6. Die Verdienste der Schuharbeiter sanken in der Folge im Absoluten gesehen unter den österreichischen Durchschnitt, was sie nur durch Überstunden wettmachen konnten. (Vgl. dazu: Statistisches Handbuch der Republik Österreich, laufende Jahrgänge, unter: Vertragsmäßige Arbeiterwochenlöhne). Die Schuharbeiter verdienten 1947 noch annähernd soviel wie Metallfacharbeiter. In der Folge blieben die Verdienste der Schuharbeiter zurück: 1958 verdienten Schuhfacharbeiter zwischen 280.80 ÖS und 329.85 ÖS in der Woche, während die Metallfacharbeiter auf 345.60 ÖS davongezogen sind.

Einige finanzielle Verbesserungen wurden aber doch erzielt: Bezahlte Freistellung bei Heirat und Todesfall in der Familie, ein eintägiger Pflegeurlaub, bei der Urlaubsregelung, bei der Weihnachtsremuneration, beim Krankengeld usw.

Kurz: Der vom ÖGB unter tatkräftiger Mithilfe der KPÖ ausverhandelte Kollektivvertrag war letzten Endes nichts anderes als die vertragliche Sicherstellung des bisherigen "Gewohnheitsrechts". Alle Forderungen, die über die geltenden Sozialgesetze hinausgingen, wurden von den Unternehmern mit Erfolg zurückgewiesen - kraft des Zurückweichens der ÖGB-Führung. Der einzig wirkliche Erfolg bestand in der Verankerung der 44-Stunden-Woche im Kollektivvertrag. Angesichts der großen Kampfbereitschaft und dem Potential zur Ausweitung des Streiks kann also von einem "Bombenerfolg" keine Rede sein.

 

3. Die Rolle des ÖGB

 

Glaubt man der KPÖ-Geschichtsschreibung, habe mit dem Sommer 1947, dem Inkrafttreten des 1. Lohn-Preis-Abkommens, der ÖGB eine Wandlung in seiner Funktion vollzogen. Nun sei die Übernahme der Verantwortung für den Wiederaufbau des Kapitalismus und der Orientierung an den Konzeptionen des US-Imperialismus zur Hauptaufgabe geworden. Bis etwa im Frühjahr 1947 hätten die Gewerkschaften noch an die Aufgabe geglaubt, nicht nur die bloße Existenz der werktätigen Bevölkerung hinsichtlich Ernährung und Kleidung zu sichern, sondern eine neue Wirtschaftsordnung zu errichten.

Aber wie so vieles im stalinistischen Geschichtsverständnis erweist sich auch dieser Ansatz als nichts anderes als Geschichtsklitterung und als verzweifelter Versuch, irgendwie die Politik der KPÖ, die bis 1947 in der Regierung verblieben war und auch nachher die österreichisch-nationalen Interessen über die Klassenkampfinteressen des Proletariats stellte, zu rechtfertigen. Die Lohn- und Sozialpolitik des ÖGB war auch schon davor darauf ausgerichtet gewesen, die Löhne so niedrig wie möglich zu halten, um den Wiederaufbau nicht zu gefährden. Die ÖGB-Spitze war auch vor dem ominösen Datum 1947 an einer Überwindung des Kapitalismus nicht interessiert. Ganz im Gegenteil, die Politik, die der ÖGB mittels seiner Spitzen vertrat, ließ dem Kapital großen Spielraum bei der Durchführung der Intensivierung der Arbeit und der Verlängerung der Mehrarbeit. Erst nachdem die Erhöhung der Produktivität neue Voraussetzungen geschaffen hatte, der kapitalistische Wiederaufbau an Fahrt gewonnen hatte, zog der ÖGB mit seinen Forderungen nach. Da sich diese Voraussetzungen vor dem Anschluß an den Marshall-Plan nur geringfügig verbessert hatten, beschränkte er seine Politik darauf, zu verhindern, daß der Lohn unter den Wert der Arbeitskraft sank. Im Verhältnis zwischen Gewerkschaftspolitik und Gesellschaft änderte sich auch dann nichts mehr, als mit Hilfe der Mittel des Marshall-Plans die notwendigen kapitalistischen Umwälzungen durchgeführt wurden. Genauso wie vorher, glich der ÖGB dann seine Politik an die sich verändernden Grundlagen an, ohne aber seine grundsätzliche Zustimmung zum Projekt des kapitalistischen Wiederaufbaus und seine Unterordnung unter die Ziele desselben aufzugeben.

Seit dem 1. LPA führte der ÖGB keine Lohnverhandlungen mehr. Er ermöglichte den Anstieg der Preise bis zur Währungsreform. Die Gewerkschaftspolitik blieb den Bedürfnissen der ökonomischen Restauration untergeordnet. Der Lohnkampf der Einzelgewerkschaften wurde dabei ersetzt durch Verhandlung der ÖGB-Spitze als Gesamtrepräsentanten der organisierten Arbeiterschaft. Die Einflußnahme der Mitglieder wurde so untergraben, und die Gefahr, unkontrollierte Entwicklungen zu provozieren, sollte zumindest unter Kontrolle gehalten werden können. Der ÖGB vollzog in der Rekonstruktionsphase eine sozialpartnerschaftliche Politik des Ausgleichs, die Lohnerhöhungen nur im Rahmen des Wirtschaftswachstums anstrebte.

Im Zuge der Verhandlungen um das 1.LPA wurde der Unwille der Bundeswirtschaftskammer deutlich, neue sozialrechtliche Vereinbarungen zu treffen. Zugleich muß gesagt sein, daß auch der ÖGB abgeneigt war, neue gesamtrechtliche Vereinbarungen durchzusetzen. Unter Berufung auf dieses Lohn-Preis-Abkommen und unter dem erst dadurch plausibel wirkenden Vorwand, neue Verhandlungen würden neue Lohnforderungen auslösen, blockten die Unternehmervertreter sämtliche Kollektivvertragsinitiativen ab. Die Bundeswirtschaftskammer unter der Präsidentschaft von Julius Raab brauchte also nichts anderes zu tun, als die Möglichkeiten des 1.LPAs auszunützen, um die gewerkschaftliche KV-Politik monatelang lahmzulegen. Erst als die einzelnen Gewerkschaften immer heftigere Proteste einlegten, wandelte sich die Haltung der ÖGB-Spitzen in dieser Frage.

Das Kollektivvertragsgesetz bezeichnet Böhm als: 1. der österr. Arbeitnehmerschaft dienend, 2. dem Wirtschaftsfrieden dienend, 3. dem Wiederaufbau dienend. Aus dem Protokoll des BV des ÖGB vom 14.1.1948 geht hervor, daß Johann Böhm dem Bundesvorstand von einer Aussprache mit Julius Raab berichtete, bei der er auch das Thema KV angeschnitten habe. Raab habe ihm mitgeteilt, "wenn nicht wesentliche Lohnforderungen gestellt werden, bestehe "kein Hindernis", Kollektivverträge abzuschließen.

Die darauf folgende Debatte wirft ein bezeichnendes Licht auf die bisherige KV-Politik des ÖGB. Unter anderem stellte Karl Maisel, der gleichzeitig Sozialminister war, fest, daß noch immer die nationalsozialistischen "Rechtstarife in Geltung" seien, "mit welchen endlich einmal aufgeräumt werden" müsse. Und Adolf Weigelt brachte diese Politik schließlich auf den Begriff, indem er kritisierte, "daß ein halbes Jahr, nachdem das KV-Gesetz in Kraft getreten ist, Auseinandersetzungen darüberstattfinden, ob KVs abgeschlossen werden können oder nicht". Am Ende ermächtigte der Bundesvorstand dann das Präsidium, "in der Frage der KV im Sinne des Bundesvorstandes Schritte zu unternehmen". Im Tätigkeitsbericht wird es dann heißen: " Es war die einhellige Auffassung des Bundesvorstandes, daß diese KV die Regelungen von Arbeitsbedingungen, aber keinesfalls Lohnforderungen zur Sprengung des Preis- und Lohnabkommens zum Inhalt haben dürfen..." (Tätigkeitsbericht 1945-1947, S. 1/27) .

Für Peter ZakravskyÊ enthüllt sich in der Schreibweise des Tätigkeitsberichts, daß der Vorstand die sogenannte "Raab-Formel" übernommen und zum Grundsatz seiner eigenen Politik erhoben habe. Es erscheint ihm - mit einem eigenartigen Unterton - eigentümlich, daß der ÖGB, nachdem Böhm mit Raab zusammengetroffen war, jenen Begründungszusammenhang, der der Bundeshandelskammer dazu gedient hatte, die Kollektivvertragsverhandlungen zu blockieren, nun selbst übernommen und seiner KV-Politik zugrunde gelegt habe. Kurz: Die von außen kommende Blockade verwandelt sich in eine Selbstblockade. Die Fachgruppen-Vertreter mußten über Lohnarbeitsbedingungen verhandeln, ohne die Lohnfrage dabei anschneiden zu dürfen. Einen weiteren interessanten Aspekt, den Zakravsky in seinem Artikel aufzeigt, ist, daß das 1. LPA sich zu einem "Damoklesschwert der Kollektivvertragspolitik" entwickelt habe. Damit meint er, daß, wenn eine grundsätzliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen errungen werden könne, durch die Unantastbarkeit der Lohnfrage die Arbeiter mit Lohneinbuße zu rechnen haben. Wen wundertâs, wenn dann die Arbeiter lieber auf dem Status Quo beharren, als bessere Arbeitsbedingungen gegen niedrigeren Lohn einzutauschen!

Nicht alleine durch die Bindung an die Koalition von SPÖ und ÖVP würgte die Spitze des ÖGBs die Verhandlungen während des Streiks ab. Die Führung war alles andere als kampfwillig. Der Klassenkampf wurde an den Verhandlungstisch verlegt, um ja nicht die organisatorische Kraft der Arbeiterschaft einsetzen zu müssen. So wurden die Arbeiter niedergehalten und der Klassenkampf auf die institutionelle Ebene der Verhandlungen hinter verschlossenen Türen verlagert. Die Gewerkschaftsführung nahm sich im Nachhinein bezüglich ihren Zielen auch kein Blatt vor den Mund: "Um eine lückenlose und disziplinierte Durchführung sowie einen größtmöglichen Erfolge zu erzieln, nachdem der Streik nun einmal ausgerufen war, war es wichtig, daß nicht die radikalen Elemente unter den Schuharbeitern die Oberhand gewannen und daß die Führung des Streiks in geregelten Bahnen erfolgte und unter Kontrolle gehalten werden konnte. Dies war vollauf gelungen." (Festschrift, a.a.O.)

Der ÖGB wich dann auch sofort zurück, als die Handelskammer mit Wiederaufbau und Marshall-Plan argumentierte. In der Folge wurden alle Kollektivvertragsverhandlungen auf ein Minimum an Zugeständnissen hinuntergeschraubt. Um nicht an ihrer Politik gehindert zu werden, führten die ÖGB-Spitzen eine Kampagne gegen die KP-Gewerkschafter durch, die ihre Schuldigkeit getan hatten. Der Streik wurde zum Anlaß genommen, um die unliebsam gewordenen KP-Kommunisten, die einen Schwenk bezüglich des Lohn-Preis-Abkommens gemacht hatten und verlangten, daß dieses für durchbrochen erklärt werden solle und sofortige Lohnerhöhungen gefordert werden sollten, aus der Gewerkschaft hinauszubefördern - was in der zitierten Festschrift mit der Zwischenüberschrift Der kommunistische Einfluß gebrochen entsprechend gefeiert wird. 1950/51 wurden etliche KP-Funktionäre, unter ihnen Hess und Hans Drada, entlassen beziehungsweise aus der Gewerkschaft ausgeschlossen.

 

4. Die Rolle der KPÖ

 

Bis November 1947 war die KPÖ an der Koalitionsregierung beteiligt und trug alle Entscheidungen mit. Der Regierungsaustritt, der international mit einer Zurückdrängung der Kommunisten aus den Regierungspositionen auch in anderen Ländern Mittel- und Westeuropas zusammenfiel, erfolgte erst aufgrund der Währungsgesetzes. Energieminister Altmann legte sein Amt nieder, nachdem er allerdings dem Marshall-Plan zugestimmt hatte. Auch dem 1. Lohn-Preis-Abkommen stimmte die KPÖ zu. Nicht ohne Kritik. Aber diese fiel sehr milde aus. Bezüglich der Notwendigkeit eines gewerkschaftlichen Kampfes und der Ausbeutung der Arbeiterschaft kam der KPÖ nicht das leiseste Wort über die Lippen. Die Kritik setzte verspätet ein und richtete sich vor allem gegen die Einordnung Österreichs in den Bereich des US-Imperialismus, als deren Folgeerscheinung eine Senkung des Lebensstandards der Werktätigen gesehen wurde.

Von den ökonomischen Kämpfen der österreichischen Arbeiterschaft hatte die KPÖ vor dem Maistreik 1947 der Wiener Arbeiter und dem sich zuspitzenden Kalten Kieg kaum Notiz genommen. Obwohl objektiv die ökonomischen Bedingungen für eine kÅmpferische Politik günstig waren, hielt sich die KPÖ bewußt von Klassenkampfaktivitäten, wo immer es möglich war, fern und versuchte, die österreichische Arbeiterklasse auf einen patriotischen Kurs der Klassenharmonie und Klassenzusammenarbeit einzuschwören.

Natürlich, die KPÖ hatte es als bedingungslose Verteidigerin des Stalin`schen Kurses nicht leicht: Die Vorgaben wechselten. Und es war sicher nicht leicht, zu verstehen und der Basis im KPÖ-Gewerkschaftsorgan die Vorbildlichkeit der USIA-Betriebe zu vermitteln, wenn gleichzeitig in einem USIA- Betrieb gegen die Entlassung eines Betriebsratobmanns gestreikt wurde. Oder daß aufgrund blinder Anhimmelung und Vergötterung der Sowjetunion und der entstehenden Volksdemokratien dort dasselbe Leistungssystem, dieselbe Kompetenz des Betriebsleiters und dieselbe Verlängerung der Arbeitszeit befürwortet werden sollte, aber da, in Österreich abzulehnen war.

Natürlich, die KPÖ hat die Streikbewegungen meist unterstützt, sie hatte sich ja als radikalere, konsequentere Verteidigerin der Arbeiterinteressen als ihr großer Konkurrent, die SPÖ, zu präsentieren. Dennoch drängt sich die Vermutung auf, daß die KPÖ die Arbeiterkämpfe instrumentalisierte: Denn die Beteiligung an der bürgerlichen Demokratie hatte sich als Mißerfolg herausgestellt - gleichzeitig war sie aber an einer Änderung der politischen Zusammensetzung der Regierung interessiert, und dazu brauchte sie den Druck der Arbeiterklasse. Zuerst trat sie in die bürgerliche Regierung ein und erleichterte dadurch den kapitalistischen Wiederaufbau. Die KPÖ war damit in einem für sie unlösbaren Widerspruch gefangen - einerseits wollte sie sich als seriöse politische Kraft auch für das Kapital in Österreich beweisen, und andererseits war sie angewiesen auf Unterstützung der kämpferischeren Teile des Proletariats. Dementprechend widersprüchlich war auch die Rolle der KPÖ im Schuharbeiterstreik selbst.

Die gewerkschaftliche Fachgruppe der Schuharbeiter setzte sich aus 14 KP-lern und 3 SP-lern zusammen. Von der Dominanz der KPÖ unter den Schuharbeitern zeugen Egon Kodicek als Zentralsekretär der Gewerkschaft der Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter; Gottlieb Fiala war als ehemaliger Schuharbeiter Obmann der Fachgruppe und Vizepräsident des ÖGB. Die Funktion des Sekretärs hatte ebenfalls ein KP-ler über, nämlich Leopold Hess. In den beiden größten Schuhfabriken (Äterna und Bally mit je 500 Beschäftigten) stellte die KP den Betriebsratsobmann. Auch im Lohnkomitee agierte die KPÖ: Leopold Hess an der Spitze und Egon Kodicek (Zentralsekretär der Gewerkschaft Textil- Bekleidung- Leder) waren Mitglieder.

In der "arbeit" gibt es drei Quellen bezüglich des Schuharbeiterstreiks. Der erste Text wurde von Leopold Horak geschrieben und schon in der Aprilausgabe abgedruckt. Auffallend und zugleich verblüffend ist Horaks Einschätzung, wohin die Verhandlungen der Gewerkschaftsspitzen führen wird. Auffallend, weil er das Ende der Streikverhandlungen vorwegnimmt, das ja dann auch von der KPÖ mitgetragen wird. Der Streik der Schuharbeiter wird, so sagt er, zu keinen sofortigen Verbesserungen der Lebensbedingungen führen, da es sich laut Horak bloß um die kollektivvertragliche Verankerung und somit die Verteidigung der schon errungenen Bedingungen handle. Auffallend deshalb, weil Horak nicht auf die weitertreibenden Kräfte der Schuharbeiter setzt. Er akzeptiert damit aber auch implizit, daß die Ausbreitung und Vertiefung des Streiks verhindert worden ist bzw. trug dazu bei.

Die KPÖ hatte kein Interesse daran, daß sich der Streik ausbreitet und die Bourgeoisie in die Defensive gedrängt wird, was die Einführung des Marshall-Plans und der LPAs und somit auch der institutionalisierten Sozialpartnerschaft behindert hätte, gegen die die KP-ler kritisch - aber auch nicht mehr als das - Stellung beziehen werden.

Am Ende seines Artikels sieht Horak den Erfolg des Streiks darin, daß dieser die weitere soziale Gesetzgebung beeinflussen wird. D.h. auch, daß die Kollektivvertragsverhandlungen in anderen Branchen sich an den Errungenschaften der Schuharbeiter orientieren werden. Egon Kodicek wird im Juni die Lehren aus dem Schuharbeiterstreik ziehen und dabei einen "radikaleren" Ansatz wählen. Zunächst aber noch ein Kommentar meinerseits zu einem kurzen Bericht in der Maiausgabe des KP-Gewerkschaftsorgans "die arbeit" unter der Rubrik "Notizen" . Der befremdende Titel des Kurztextes lautet: "Der Schuharbeiterstreik erfolgreich beendet!" Darin wird behauptet, daß die Schuharbeiter ihre wichtigsten Forderungen durchsetzen haben können (* 44-Wochen-Stunden; * Urlaubs- und Weihnachtsremunerationen bis zu 2,5 Wochen gewährt; * Krankengeld 30- 50%-ige Verbesserung).

Das Resumee: "Wenn auch die Schuharbeiter ihre Forderungen nicht im vollem Umfange durchsetzen konnten ..." (Anm.: genannt werden: * bezahlter Wirtschaftstag für Frauen; * Mitspracherecht der Betriebsräte bei Aufnahmen und Entlassungen.) "... so ist das Resultat unter gegebenen Verhältnissen ein wesentlicher Erfolg. Sie verdanken ihn vor allem ihrer Einheit und Geschlossenheit, die allen Arbeitern ein Beispiel sein wird."

Wesentliche Forderungen seien aber, da die SPler, wie Kodicek behaupten wird, die Verhandlungen über diese abbrachen, damit sich der Streik nicht länger hinziehen werde, nicht behandelt und damit den Unternehmern freie Hand gelassen worden. Lediglich allgemein wird die Kampflahmheit der SP- und ÖGB-Spitzen kritisiert.

In seinem Artikel "Die Lehren des Schuharbeiterstreiks" beurteilt Kodicek den Streik als den ersten offenen Kampf zwischen den Vertretern der Kapitalisten und jenen der Arbeiter im Kampf um den Kollektivvertrag. Deshalb waren die wichtigsten Forderungen der Schuharbeiter von "prinzipieller Natur". Und auch deshalb machte sich die Handelskammer für die Schuhindustriellen so stark und stellte sich hinter sie. Für ihn - und das scheint sehr einleuchtend - war der Schuharbeiterstreik an sich für das Gesamtproletariat nicht bedeutungsvoll, immerhin waren nur an die 4000 Arbeitende beteiligt. Er bekam seine über die Reihen der Schuharbeiter hinausweisende Bedeutung aber dadurch, daß die Handelskammer die Auseinandersetzung für eine Machtprobe benützte.

Die Vorentscheidung für sämtliche Kollektivverträge sollte fallen. Die Frage war, ob der ÖGB sich voll hinter die Streikenden stellt oder nicht. Er tat es nicht. Aber auch die KPÖ-Gewerkschafter zogen bei der Beschränkung der Streikziele mit. Viele Arbeiter zeigten im Gegensatz dazu aber ein gesundes Klassenbewußtsein und Solidarität. Sie führten gegen den Widerstand der Gewerkschaft Sammlungen durch. Kodicek sieht zwar ein, daß der Streik sich, nicht zuletzt aufgrund der prinzipiellen Forderungen, auf die gesamte Arbeiterschaft ausdehnen hätte müssen, aber genau dazu hätte das Nachkriegssystem grundsätzlich in Frage gestellt werden müssen. Aber dazu war auch die KPÖ weder willens noch fähig. Es wurden also nur jene Forderungen durchgesetzt, die im Bereich der Gewerkschaft lagen, während die allgemeinen Forderungen unerfüllt blieben, unter den Verhandlungstisch fielen. Da das auch die allgemeine Politik der KPÖ war, wird klar, daß auch Kodicek und die KPÖ-Gewerkschafter sich in den Erfolgsgesang einstimmten.

Nicht am Grundsatz, am Ergebnis gab es also seitens der KPÖ Kritisches zu vermelden: Die Beeinflussung der folgenden KV-Verhandlungen durch den KV-Abschluß für die Schuharbeiter werde "im guten, wie im schlechten" erfolgen. In mehreren Verträgen wurden zwar ähnliche Bestimmungen aufgenommen, doch keiner einzigen Gewerkschaft sei es gelungen, grundsätzliche Erfolge zu verzeichnen. Die Töne des Mißerfolges klingen schon mit. Das Zurückweichen des ÖGB sei auch von der Handelskammer registriert, die Forderungen der Gewerkschaften auf einem Minimum von Zugeständnissen von den Industriellen beantwortet worden. Die Zustände von 1930-1934 würden wiederhergestellt werden, und die Arbeiter trügen die Kosten. Geschwächt seien die Streikenden und die gesamten gewerkschaftlichen Organisationen. Die Unternehmer wüßten nun, das Ziel des ÖGB sei nicht die Erkämpfung "fortschrittlicher" KVs, die über das Gesetz hinausgehende Bestimmungen enthalten und die in ihrer Gesamtheit die Arbeitsbedingungen für mehr als eine Million Arbeiter regeln, der ÖGB wolle nicht die ganze organisatorische Kraft der Arbeiter einsetzen. Zuletzt forderte er für den ÖGB, daß die Mitglieder in geheimen Wahlen die Funktionäre selber wählen sollten, damit den Bedürfnissen der Arbeiter und nicht jener der Koalitionsregierung Rechnung getragen werde. Soweit zu den Stellungnahmen der KPÖ-Gewerklschafter.

Die KPÖ-Gewerkschafter hatten sich also einspannen lassen für eine Abwürgung des Streiks - immerhin hatten sie die Annahme der Resultion zur Wiederaufnahme der Arbeit empfohlen. Und es gibt auch keinen Hinweis dafür, daß sie sich für die Fortführung des Streiks bis zum Erringen aller Forderungen, die - nach eigenen Aussagen - prinzipieller Natur waren, eingesetzt hätten. Schwerer allerdings wiegt, daß in keiner Phase des Streiks die KP-Gewerkschafter auf eine radikale Vertiefung des Streiks Kurs nahmen: Das nicht gewählte und nur dem Vorstand, nicht aber den Mitgliedern verantwortliche Lohnkomitee hätte als das, was es in der Realität war, bloßgestellt werden müssen - als bürokratisches Instrument, das für Verhandlungen hinter verschlossenen Türen taugte, nicht aber für eine kämpferische und entschlossene Führung des Streiks. Die von den Streikenden sich selbst gegebenen Strukturen sollten, so das Kalkül der KP-Gewerkschafter, neben den Strukturen des ÖGB (wie dem Lohnkomitee) für den Streik verantwortlich sein - aber Streiks sind Phasen der Zuspitzung des offenen Klassenkampfes: Und wie die von den Stalinisten hochgejubelte "friedliche Koexistenz" auf Weltebene zwischen Kapitalismus und Übergangsgesellschaften keine lebensfähige Perspektive besitzt, so führt die Koexistenz von bürokratischen gewerkschaftlichen Strukturen und potentiell demokratischen, aus dem lebendigen Klassenkampf entwachsenden wie ein gewähltesw Streikkomitee auch in einem Streik nicht weiter und letztlich zur Demobilisierung der Kampfkraft der Arbeitenden. Die falsche Fährte, weniger auf die eigene Kampfkraft und mehr auf das Verhandlungsgeschick von Berufsbürokraten zu vertrauen, ist in so einer Situation vorgegeben.

Genau das aber konnten und wollten die KPÖ und ihr Gewerkschaftsapparat nicht verstehen: Grete Rehor, ihres Zeichens spätere ÖVP-Ministerin als Mitglied des Lohnkomitees de facto Repräsentantin des Streiks, ist wohl das schönste Indiz dafür, daß keine Kraft der organisierten Arbeiterbewegung bereit war, auf eine kompromißlose klassenkämpferische Karte, die auch den Bruch der Koalitionspolitik und der Politik der Klassenversöhnung und -zusammenarbeit miteingeschlossen hätte, zu setzen; keine Kraft außer den in der Illegalität agierenden Trotzkisten.

Trotzdem bekam die KPÖ die Rechnung für diesen Streik von der ÖGB-Spitze serviert: Böhm warf Kodicek vor, dem Gewerkschaftsbund schweren Schaden zugefügt zu haben, da der Streik vermeidbar gewesen wäre. Der Bundesvorstand sei überrumpelt worden. Am 1. Bundeskongreß des ÖGB wurden in direktem Bezug auf den Fall Kodicek die Statuten dahingehend geändert, daß die Gewerkschaftssekretäre als Angestellte des ÖGB zur Unterordnung unter die Beschlüsse des Bundesvorstandes und der Gewerkschaftsvorstände verpfichtet wurden.

 

5. Die Bedeutung der Trotzkisten

 

Die Trotzkisten mußten aufgrund der Verfolgung, der sie ausgesetzt waren, samt und sonders zu dieser Zeit in der Illegalität arbeiten. Die österreichische Sektion der Vierten Internationale, die Internationalen Kommunisten Österreichs (IKÖ) trat natürlich aus diesem Grund auch während des Streiks nicht als Organisation auf. Wir sprechen also hier nicht von der Tätigkeit der Trotzkisten als Organisation, sondern von der Arbeit einzelner Trotzkisten in den Betrieben. Natürlich aber waren diese untereinander verbunden: Die IKÖ verfügte über eine Gewerkschaftszelle, die sich mit der IKÖ-Leitung absprach. Während des Schuharbeiterstreiks lief dies ebenso ab. Von der IKÖ, die damals ganz überwiegend proletarisch zusammengesetzt war, arbeiteten zwei Mitglieder in Schuhfabriken. Und nicht nur das. Sie waren auch Betriebsräte, wobei sie auch als Betriebsräte nur auf Listen der KP, der SP oder auf Namenslisten kandidieren konnten.

Einer der beiden war Franz Holba und Schuharbeiter bei Bally, einer der größten Schuhfabriken Wiens mit ungefähr 500 Beschäftigten. Als Betriebsrat war er ein wichtiger Träger der Schuharbeiterbewegung.

Der zweite Genosse der IKÖ hieß mit dem internen Namen Klement und war Arbeiter bei Eldorado, einer kleineren Schuhfabrik in Wien, die allerdings wegen ihrer radikalen Belegschaft zu einer wichtigen Stütze der Klassenkampfaktivitäten geworden war. Schon vor den hier besprochenen Aktionen war die Belegschaft in Streik getreten und hatte eigenständige Erfahrungen sammeln können. Klement war Betriebsratsobmann in seiner Firma und während des Schuharbeiterstreiks Mitglied des zentralen Streikkomitees - und damit einer der wesentlichsten Führer der Streikbewegung.

Im Streikkomitee waren die Mitglieder von den einzelnen Fabriken delegiert und standen unter dem direkten Druck der Belegschaften. Von daher gelang es dem Streikkomitee auch, die KP und teilweise auch die SP- und die Gewerkscahftsführung vor sich herzutreiben.

Da auch der Spartakist, um die beiden Genossen nicht in Gefahr zu bringen, sehr vorsichtig agieren mußte, fehlen naturgemäß direkte Zeugnisse der trotzkistischen Tätigkeit im Schuharbeiterstreik. Aber das im Spartakist erwähnte Flugblatt stammt mit Sicherheit von den IKÖ-Genossen bzw. wurde unter ihrem direkten Einfluß verfaßt. Dafür sprechen nicht nur die Erinnerungen von Genossen, sondern auch der ganze Text selbst (das Flugblatt, von der IKÖ für das Zentrale Streikkomitee entworfen bzw. unter ihrem direkten Einfluß entstanden, haben wir ausfindig gemacht und es hier abgedruckt - siehe das Faksimile): Es erscheint uns als ein insgesamt bemerkenswertes Dokument: Denn im Unterschied zu anderen Flugblättern dieser Jahre fehlen in ihm all die patriotischen Parolen und Phrasen vom Wiederaufbau Österreichs, was allein schon deswegen für den treibenden ideologischen Einfluß einer Kraft jenseits des Reformismus sozialdemokratischer oder stalinscher Prägung im Zentralen Streikkomitee spricht. Durch seinen klar klassenkämpferischen Ansatz, der Arbeitersolidarität und die arbeiterfeindliche Haltung der Unternehmer in den Mittelpunkt stellt, ohne dem Austropatriotismus und der angeblich klassenneutralen Wiederaufbauphilosophie auch nur die kleinste Konzession zu machen, ist es ein gutes Beispiel eines Textes, der vom Gedanken der Arbeitereinheitsfront ausgeht und die zentralen Anliegen der Klassenaktion zum Inhalt hat, ohne ideologische Barrieren innerhalb der proletarischen Kampffront zu errichten.

Abschließend wollen wir aus dem illegal publizierten und vertriebenen Organ der IKÖ, dem Spartakist, vom April 1948 (Nr. 31.) einen Artikel abdrucken, der sich mit dem Schuharbeiterstreik beschäftigt. Er wurde noch während des Streiks geschrieben und gibt unseres Erachtens ganz gut die wirklichen Linien der Klassenauseinandersetzung wieder:

 

Die Schuharbeiter sind vorangegangen!

Am 3. März sind die Schuharbeiter in den Streik getreten. Der Streikbeschluß wurde fast einstimmig (99% dafür) in geheimer Abstimmung gefaßt. Der Kampf geht um die gesetzliche Verankerung folgender Forderungen im Kollektivvertrag:

1. 44-Stunden- und 5-Tagewoche.

2. Das Mitentscheidungsrecht der Betriebsräte bei Aufnahmen und Entlasungen.

3. Einen bezahlten Wirtschaftstag im Monat für Frauen.

4. Urlaubs- und Weihnachtsremunerationen sowie zusätzlichen Sechstageurlaub für Kriegsinvalide und politisch schwer Geschädigte.

Der Streik begann als rein wirtschaftlicher, wie schon einige Monate vorher der in der Papierindustrie und der Hutmacher. Die SP versuchte mit Hilfe des ÖGB zu bremsen und die Schuharbeiter zu isolieren. Die Schuharbeiter wandten sich mit einem Flugblatt an die Arbeiteröffentlichkeit, in dem sie die grundsätzliche Bedeutung ihres Kampfes unterstrichen, auf die Bedeutung hinwiesen, die das Ergebnis ihres Kampfes für den Abschluß aller übrigen Kollektivverträge besitze, und zur solidarität aufriefen.

Von diesem Augenblick an bekam der Kampf politische Bedeutung. Unter dem Druck der Arbeiter in den Betrieben mußte die SP die Solidaritätskundgebungen zumindest dulden, wollte sie nicht Gefahr laufen, die ihr folgenden Arbeiter der Stalinpartei in die Arme zu treiben. Diese wieder hat sich von allem Anfang an bemüht, die Führung des Streiks in ihre Hände zu bekommen, um ihn für ihre "volksdemokratischen"Ziele auszunützen.

Wie der Verlauf der letzten Vollversammlung zeigte, steht der größte Teil der Schuharbeiter sowohl der SP- als auch der Stalinbürokratie kritisch gegenüber. Fast alle Debattenredner brachten zum Ausdruck, daß der Kampf der Schuharbeiter ein Kampf gegen die Kapitalisten sei, daß ihre Forderungen nur auf Kosten der Kapitalistenklasse durchgesetzt werden können und daß dies nur dann möglich sei, wenn sich die Arbeiter zum gemeinsamen antikapitalistschen Kampf zusammenschließen. Wie die bisherigen Erfahrungen aber zeigen, sei dieser gemeinsame Kampf nur gegen den Willen der Gewerkschaftsbürokratie, möge sie nun der SP oder der Stalinpartei angehören, möglich.

Wir Internationalen Kommunisten unterstützen den Kampf der Schuharbeiter mit allen Kräften. Wir unterstützen diesen Kampf aber auch ohne jeden Hintergedanken; unser Ziel ist der Sieg der Schuharbeiter über die Schuhindustriellen. Wir unterstützen aber auch die kampfgewillten Arbeiter innerhalb der SP und der Stalinpartei, ja sogar die Stalinpartei selbst in ihren Anstrengungen, den Schuharbeitern zum Siege zu verhelfen. Dort, wo SP und Stalinpartei versuchen, den Streik für parteiegoistische Zwecke, für ihre bürokratischen Interessen auszunützen, dort treten wir ihnen entgegen, indem wir gleichzeitig vor den Arbeitern ihr verräterisches Verhalten kritisieren.

Der Streik der Schuharbeiter hat bei einem großen Teil der Arbeiter Sympathie gefunden und viele von ihnen zu Solidaritätskundgebungen mit den Streikenden veranlaßt. Die Arbeiter fühlen instinktiv, daß ihnen die Schuharbeiter vorausgegangen sind auf jenem Weg, den sie selbst gehen, auf dem sie weiter kämpfen müssen, wenn sie sich der kapitalisteschen Rauboffensive erwehren wollen. Es ist dies der Weg des außerparlamentarischen Klassenkampfes gegen die Bourgeoisie.

Das wichtigste Hindernis in diesem Kampf sind SP, Stalinpartei und verbürokratisierte Gewerkschaftspitzen. Den Internationalen Kommunisten muß es gelingen, den Arbeitern zu helfen, dieses Hindernis zu überwinden. Dies ist nur mit Hilfe der fortgeschrittenen, revolutionären Arbeiter möglich. Daher verbinden wir unsere Teilnahme am Kampf um Tagesfragen, unsere Teilnahme am Kampf der Schuharbeiter, mit der revolutionären Propaganda in den Reihen der fortgeschrittenen Arbeiter. Revolutionäre Propaganda unter den heutigen Bedingungen bedeutet aber, den Kampf für jene Forderungen, für die die Arbeiterkalsse bereit ist, zu kämpfen, für die die Schuharbeiter bereit waren, in den Kampf zu treten, zu verbinden mit dem Kampf für den revolutionären Sturz der Bourgeoisie.

Die Steigerung des Kampfes, den die Schuharbeiter begonnen haben, zu einem die gesamte Arbeiterklasse, die Massen erfassenden revolutionären Kampf ist nur möglich mit Hilfe der revolutionären Klassenpartei. Zu glauben, die Massen könnten ohne Klassenpartei siegen, ist dieselbe opportunistische Illusion, wie zu glauben, die Massen könnten unter der Führung von SP und Stalinpartei siegen. Im günstigsten Falle können sie unter größten Opfern und indem sie ihre verräterische Führung unter Druck setzen, Teilerfolge erringen. Auf die Dauer können sie aber ihre Erfolge nicht behaupten. Das wird die wichtigste Erfahrung aus dem Streik der Schuharbeiter für die fortgeschrittensten Arbeiter werden: Ohne revolutionäre Klassenpartei können die Arbeiter, die Massen keine entscheidenden Siege über die Bourgeoisie erringen.

Deshalb dürfen wir Internationalen Kommunisten den Arbeitern und erst recht nicht den Schuharbeitern, Illusionen über ihre Kämpfe machen. Nur wenn sie entschlossen sind, wie bisher geschlossen und konsequent ihren Kampf weiterzuführen und nur mit Hilfe der Solidarität der übrigen Arbeiterschaft wird es ihnen gelingen, ihre Forderungen durchzubringen. die zuständige Gewerkschaft hat den Streik nur unter Druck von unten anerkannt. Mit Hilfe der gesamten kampfgewillten Arbeiterschaft muß es den Schuharbeitern gelingen, vom ÖGB die Erweiterung des Kampfes zu erzwingen.

Wir Internationalen Kommunisten unterstützen den Kampf der Schuharbeiter und treten ein:

Für die Solidarität mit den Schuharbeitern!

Für die Erweiterung des Kampfes!

Für den Sieg der Schuharbeiter!

 

Wir haben dem hier nichts hinzuzufügen: Die Analyse sollte sich als richtig herausstellen - leider am Beispiel der Niederlage und nicht am Beispiel des Sieges. Auch die Analyse von SPÖ und KPÖ mit ihren parteiegoistischen Zielen kann nur wie die der Gewerkschaftsbürokratie unterschrieben werden. Leider waren die Trotzkisten zu schwach, um diesem klassenkämpferischen Ansatz zum Durchbruch zu verhelfen. Damit wurde die einzige Chance vertan, die der Schuharbeiterstreik gehabt hätte, nämlich die Ausweitung des Streiks auf andere Sektoren der Arbeiterklasse und die Vertiefung des Streiks. Trotzdem ist der Schuharbeiterstreik von 1948 ein Puzzlestein, wenn auch nur ein kleiner, in der Geschichte der selbständigen Klassenaktionen des österreichischen Proletariats, und er ist ein Paradefall für den Ausverkauf und die Abwürgung von Klassenaktionen durch die reformistischen Parteien und die Gewerkschaftsbürokratie. Er ist aber auch ein Beispiel dafür, daß die Durchsetzung reformistischer Ideologie im Proletariat nicht ein naturgesetzlicher Prozeß ist, sondern auf harten Widerstand klassenbewußter Kräfte und kampfbereiter Arbeiter gestoßen ist. Daß die Trotzkisten auf der richtigen Seite standen und alles dafür taten, um den Kampf zu einem guten Ende zu führen, ist sicher ein schönes Beispiel für die Verankerung des österreichischen Trotzkismus im Proletariat und wert, der Vergessenheit entrissen zu werden.