Rezension
Felix
Morrow
Revolution und
Konterrevolution in Spanien
Gervinus
Verlag
Essen
1986
253
Seiten, DM 18 / öS 133
Das
von Felix Morrow, einem führenden Mitglied der damaligen nordamerikanischen
trotzkistischen Partei, der Socialist Workers Party und Redaktionsmitglied der
Parteizeitung Socialist Appeal,
bereits während des spanischen Bürgerkriegs zwischen 1936 und 1938 verfaßte
Buch Revolution und Konterrevolution in
Spanien, das 1986 in deutscher Übersetzung im Gervinus Verlag erschien und
in der Zwischenzeit vergriffen war, ist nun wieder als Nachdruck erhältlich.
Den
ersten Teil des Buches Der Bürgerkrieg in
Spanien: Hin zum Sozialismus oder zum Faschismus schrieb Morrow bereits im
September 1936, nur zwei Monate nach dem Putsch Francos im Juli 1936, er wurde
noch im selben Jahr als Broschüre veröffentlicht. Den zweiten Teil, Revolution
und Konterrevolution in Spanien, schloß er bereits im November 1937 ab, und
als er seinen kurzen Nachtrag im Mai 1938 verfaßte, stand der Sieg Francos im Bürgerkrieg
schon so gut wie fest, er trat im März 1939 auch tatsächlich ein. Im Nachtrag
schreibt Morrow: "Die Aufgabe des Buches ist, den klassenbewußten Arbeiter
und seine Verbündeten (. . .) mit Material zum Verständnis darüber auszurüsten,
warum das spanische Proletariat geschlagen worden ist, und durch wen es verraten
wurde." (S. 243)
Diese
Aufgabe löst Morrow sehr gut, er schreibt im ersten Teil Der Bürgerkrieg in Spanien: Hin zum Sozialismus oder zum Faschismus? über
die Entstehung der spanischen Republik im April 1931 und ihre politische
Geschichte bis zum faschistischen Putsch im Juli 1936. Morrow skizziert die
zentralen Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution, nämlich die
Agrarfrage, die Entwicklung der spanischen Industrie, die Kirche, die Armee,
sowie die koloniale und die nationale Frage, die die bürgerliche Republik nicht
imstande war zu lösen. "Da die Konfiszierung des Landes (der Großgrundbesitzer)
auch die Konfiszierung von Bankkapital sein würde, wäre dies ein Todesstoß für
den spanischen Kapitalismus, landwirtschaftlich wie industriell." (S. 28)
Dies wissend verwundert es nicht, daß die bürgerliche Regierung nach 1931
mehrfach spontane Landbesetzungen durch landlose Bauern und Landarbeiter
gewaltsam unterdrückte sowie Streiks niederschlug. Sie hat sich dem
Kapitalismus verschrieben, auch die Sozialisten, welche die UGT-Gewerkschaft
kontrollieren, gingen davon aus, daß Spanien eine lange, friedliche Periode der
kapitalistischen Entwicklung vor sich habe.
Der
ungelösten kolonialen bzw. nationalen Frage kam ebenfalls große Bedeutung zu.
Durch die nationale Unterdrückung der baskischen Provinzen gelang es der
dortigen klerikal-konservativen nationalistischen Bewegung, die Arbeiterklasse
unter bürgerlicher Kontrolle zu halten. Besonders aber die Aufrechterhaltung
der kolonialen Herrschaft über Marokko mit Hilfe der dort stationierten Söldnertruppen
gab General Franco eine ideale Basis um seinen Putsch im Juli 1936 durchzuführen.
Zuvor
scheiterten Versuche der spanischen Klerikal-Faschisten unter Gil Robles während
des "bieno negro", den schwarzen Jahren der reaktionären Regierung
von November 1933 bis Februar 1936, eine faschistische Bewegung mit Massenbasis
aufzubauen, am entschiedenen Widerstand der Arbeiter, die, in Arbeiterallianzen
organisiert, Generalstreiks durchführten. Der massenhafte Widerstand der
Arbeiter und Bauern erzwang im Februar 1936 Neuwahlen, aus denen die Volksfront
siegreich hervorging, nicht zuletzt durch den erstmaligen Wahlaufruf der
anarcho-syndikalistischen CNT-FAI, in der der Großteil des in Katalonien
konzentrierten Industrieproletariats organisiert war und die die bisherigen
Wahlen boykottiert hatte.
Gegen
den Widerstand des linken Flügels trat die sozialistische Partei der Volksfront
mit der liberal-republikanischen Bourgeoisie bei, und auch die zu diesem
Zeitpunkt noch wenig bedeutende KP hatte den Schwenk vom ultralinken Kurs zur
Volksfrontorientierung vollzogen. Die Arbeiterparteien überließen den
Republikanern eine Mehrheit auf der gemeinsamen Kandidatenliste und, was noch
schwerer wog, sie kamen auf ein gemeinsames Programm überein, welches nur ein
Programm der Bourgeoisie sein konnte.
Diese
Wahlen waren eine der ersten, bei denen sich eine von den Stalinisten unterstützte
Volksfront beteiligte und an der sich die theoretische Kritik Trotzkis, dessen
Schriften zu Revolution und Bürgerkrieg in Spanien Morrow bekannt waren, bestätigte.
Die Stalinisten begründeten ihre menschewistische Konzeption der Zusammenarbeit
mit der "demokratischen" Bourgeoisie damit, daß der drohende
Faschismus eine feudale Reaktion sei und es lediglich bzw. vorerst darum gehe,
die noch ausstehenden bürgerlich-demokratischen Aufgaben zu lösen. Natürlich
waren im Volksfrontprogramm abermals keine wirksamen Maßnahmen zur Lösung der
bereits weiter oben erwähnten Fragen zu finden, weder Freiheit für Marokko
noch eine Nationalisierung des Bodens waren vorgesehen. Die Arbeiter und Bauern
hingegen ergriffen die Initiative, eine revolutionäre Welle brach los,
Massenstreiks und Auseinandersetzungen mit Faschisten standen auf der
Tagesordnung.
Mit
dem Putsch General Francos am 17. Juli 1936, der fast vom gesamten, von der bürgerlichen
Regierung niemals angetasteten Offizierskorps und vom Großteil der Bourgeoisie
unterstützt wurde, begann der Bürgerkrieg, "der spanische Kapitalismus
revoltierte gegen den drohenden Untergang" (S. 61).
Die
Volksfront war somit nur mehr eine Front mit dem "Schatten der
Bourgeoisie" (Trotzki), die bürgerliche Mehrheit war im faschistischen
Lager. Die stalinistische Lüge, daß der Faschismus eine feudale Reaktion sei,
wurde deutlich. In den ersten Tagen des faschistischen Aufstandes versuchte die
Regierung auf Kosten der Arbeiter mit Franco Frieden zu schließen anstatt die
Arbeiter zu bewaffnen, was diese dann selber taten und damit eine Machtübernahme
der Faschisten im Großteil Spaniens verhindern konnten. "So kam es, daß
sich, Seite an Seite mit der noch von der Regierung gehaltenen formalen Macht,
die `inoffizielle` aber weit wirklichere Macht des bewaffneten Proletariats
erhob - die `Doppelherrschaft`" (S. 64), dies besonders in Katalonien, wo
die starke anarcho-syndikalistische CNT-FAI dominierte, die nicht Teil der
Volksfront war. Morrow schreibt, daß "das spanische Proletariat versteht,
daß der Bürgerkrieg mit revolutionären Methoden
geführt werden muß und nicht unter den Losungen der bürgerlichen Demokratie.
Es versteht, daß der Bürgerkrieg nicht allein mit militärischen Mitteln geführt
werden kann, sondern daß die politischen
Mittel, die die großen Massen zum Handeln aufrütteln, den reaktionären
Offizieren selbst die Armee wegnehmen kann." (S. 65)
In den zahlreichen besetzten Fabriken und im Transportwesen wurden
Komitees gewählt, der Kampf gegen die Faschisten wurde vom "Zentralkomitee
der antifaschistischen Milizen Kataloniens" gelenkt, das von CNT-FAI und
der zwischen revolutionären und reformistischen Positionen schwankenden POUM
(Arbeiterpartei der marxistischen Einheit) beherrscht war. Die katalanischen
Milizen nahmen Aragon ein und ließen dabei in jedem Dorf antifaschistische
Dorfkomitees wählen, die die Kollektivierung der Ländereien und
Produktionsmittel durchführten, sodaß "jedes Dorf, das man so behandelt
hat, eine Festung der Revolution ist." (S. 67)
Daß
diese Revolution für die "liberale" Bourgeoisie genauso wie für die
offen in Francos Lager übergelaufene Bourgeoisie eine Bedrohung ihrer Macht
darstellte, war klar, und sie versuchte, auch unter den sozialistischen
Regierungschefs Caballero und später Negrin, diese Revolution zu stoppen, ganz
nach dem Motto: "Wozu braucht Ihr (= Bourgeoisie) Franco, wenn wir das
Gleiche, nämlich die Niederhaltung der Arbeiter, genausogut erledigen können."
Im Kampf gegen Franco hoffte die republikanische Regierung auf die Hilfe der
"großen Demokratien", also der englischen und französischen
Imperialisten. Dies war wohl einer der Hauptgründe, warum auch jetzt, da
Marokko die Basis für Francos Revolte bildete, nicht die Befreiung Marokkos
bzw. die Unterstützung einer marokkanischen Befreiungsbewegung, die die Kräfte
Francos gebunden hätte, auf der Tagesordnung stand, eine solche hätte wohl
denkbar "ungünstige" Vorbildwirkung auf die britischen und französischen
Kolonien gehabt. Die Sozialisten unterlagen dem fatalen Irrtum, daß ihre bürgerlichen
"Verbündeten" ein gleich großes Interesse an der Besiegung des
Faschismus hätten wie sie, deren Existenz auf dem Spiel stand.
"Tatsache
ist aber: Trotz des Aufstiegs der Doppelmacht, trotz des Ausmaßes der Macht des
Proletariats in den Milizen und ihrer Kontrolle des wirtschaftlichen Leben,
blieb der Arbeiterstaat embryonal, atomisiert, in den verschiedenen Miliz- und
Fabrikkomitees und lokalen antifaschistischen Verteidigungskomitees verstreut (.
. .) Er wurde niemals in nationalen Soldaten- und Arbeiterräten zentralisiert,
wie es in Rußland 1917 (. . .) gewesen war." (S. 95) Die Regierung behielt
die Kontrolle über Banken und das Finanzkapital und beherrschte damit weiterhin
die Produktion und den Transport über das Mittel der Kreditvergabe. Hauptsächlich
verstanden aber die Arbeiterparteien einschließlich der POUM nicht, daß es
darum gegangen wäre, konsequent die Bildung eines Arbeiterstaates
voranzutreiben, die Anarchisten mit ihrer Ablehnung jeder Art von Staat und
ihrer Unfähigkeit, zwischen einem Arbeiterregime und einem bürgerlichen Regime
zu unterscheiden, traten Ende 1936 sogar in die katalanische und die nationale
Regierung unter Caballero ein. Sie halfen mit, das bürgerliche Regime zu
stabilisieren und die ersten großen Fortschritte der Konterrevolution zu
organisieren: Die Auflösung der Komitees und die Rückgabe der Macht in die Hände
des bürgerlichen Staates in allen Bereichen, in denen sie ihm seit Juli 1936
entglitten war. Morrow beschreibt alle Bereiche, in denen die bürgerliche
Regierung unter reger Mithilfe der Stalinisten und der Führer der Anarchisten
die Kontrolle zurückgewann, die revolutionären CNT- und POUM-Milizen auflöste
und sie in eine bürgerliche Armee zwang.
Die große Mehrheit der CNT-Anhänger ließ sich allerdings nicht vertrösten, daß die sozialen Veränderungen nach einem militärischen Sieg über Franco durchgeführt werden würden, sondern sie vertrauten weiterhin auf die Mittel des revolutionären Krieges gegen den Faschismus. Im Mai 1937 ging die Regierung konsequent daran, die letzten noch unter Arbeiterkontrolle befindlichen Bereiche zu erobern, dabei war vor allem die Telefonica, das Haupttelefongebäude von Barcelona, von symbolischer Bedeutung. Die Arbeiter wehrten sich jedoch und hatten innerhalb weniger Stunden praktisch ganz Barcelona unter ihrer Kontrolle. Morrow meint, daß die Konstituierung einer revolutionären Regierung über Nacht zur Arbeitermacht geführt hätte. Die Bolschewiki-Leninisten und die „Freunde Durrutis“, eine oppositionelle Strömung innerhalb der CNT, versuchten, allerdings erfolglos, was die POUM in dieser Situation verabsäumte, nämlich sich an die Spitze der Verteidigung der revolutionären Errungenschaften zu stellen. Die anarchistische Führung jedoch meinte, daß eine Revolution erstens isoliert wäre, zweitens einen Durchbruch der Faschisten erleichtert hätte und drittens die Gefahr einer Intervention (eine Gefahr, die jeder Revolution droht, Anm.d.Verf.) gedroht hätte. Morrow widerlegt diese konterrevolutionären Argumente eindrücklich. Es war allerdings der anarchistischen Führung möglich, diese revolutionäre Bewegung ihrer eigenen Basis erfolgreich zu verraten und die endgültige Übernahme der Herrschaft der bürgerlichen Regierung zu sichern. Anschließend meinten die anarchistischen Führer, nach wie vor nicht willens, zwischen Arbeiterstaat und bürgerlichem Staat zu unterscheiden, daß sie die Macht leicht erringen hätten können, es aber unterließen, und hofften dadurch von der bürgerlichen Regierung als Belohnung mehr Beachtung zu finden. Bezüglich der Stalinisten meint Morrow: "Die revolutionären Fähigkeiten des Proletariats sind ein Faktor, den Ihr zu hassen und zu fürchten begonnen habt, weil er Eure Privilegien bedroht." (S. 153)
Die
POUM, die nicht einmal den Versuch unternommen hatte, sich an die Spitze der
revolutionären Bewegung im Mai 1937 zu stellen, wurde von der bürgerlich-stalinistischen
Regierung dafür mit ihrem Verbot im Juni 1937 und der Inhaftierung und sogar
Ermordung ihrer Führer durch den stalinistischen Geheimdienst belohnt, dies
allerdings erst nach der Entlassung Caballeros als Regierungschef. Morrow
schreibt ausführlich darüber, was es bedeutet, "daß die Demokratie gegen
die revolutionären Massen nicht anders als mit den Methoden der faschistischen
Reaktion zu schützen ist" (Leo Trotzki, Revolution
und Bürgerkrieg in Spanien 1931-39 Band 2, Frankfurt/Main 1976, S. 302).
Der auf Caballero folgende Regierungschef Negrin befolgte weiter brav die
anglo-französischen bzw. Stalin-Direktiven in der Hoffnung, Hilfe im militärischen
Kampf gegen Franco zu erhalten, die stalinistischen Minister verfolgten mit
ganzer Kraft die Zerschlagung der landwirtschaftlichen Kollektive und sogar die
Wiedereinsetzung der Kaziken, der früheren Agenten der Großgrundbesitzer.
"Die offenkundigen Vorteile der sozialen Revolution wogen kaum als
Gegengewicht gegen die erbarmungslosen Notwendigkeiten des bürgerlich-stalinistischen
Programms zur Stabilisierung eines bürgerlichen Regimes und der Gewinnung der
Gunst des anglo-französischen Imperialismus." (S. 200)
Morrow
gibt dann noch eine genaue Beschreibung des Verlaufs des militärischen Kampfes,
der durch die Öffnung der Frontlinie und den Verrat durch
"republikanische" Offiziere gekennzeichnet war, ehe er den zweiten
Teil des Buches mit der Charakterisierung der zwei Möglichkeiten, nämlich des
revolutionären Kriegs gegen den Faschismus einerseits bzw. des vom anglo-französischen
Imperialismus markierten Wegs andererseits, beendet.
Die
Lektüre des Buches kann allen am spanischen Bürgerkrieg Interessierten
empfohlen werden, die fehlende historische Distanz zum Geschehen, die ja auch
bei Trotzkis Schriften zur spanischen Revolution gegeben ist, bedeutet
keinesfalls, daß der Autor nicht zu auch noch heute gültigen politischen
Einschätzungen des Krieges gelangt wäre. Die Wiederholung von Passagen im
zweiten Teil, die bereits im ersten Teil enthalten sind, vielleicht der einzige
"Nachteil" des Buches, stört kaum. Es bildet jedenfalls eine gute Ergänzung
zur Lektüre der Schriften Trotzkis zum spanischen Bürgerkrieg.
Markus
Kadlec