Reiner Tosstorff: Die POUM im
spanischen Bürgerkrieg
Das 1987 zum ersten Mal im isp-Verlag erschienene Buch von Reiner Tosstorff entspricht seiner Dissertation an der Universität Bochum, 1984. Somit konnte eine Reihe von Studien und weiteres Archivmaterial, das erst in den letzten 10 Jahren zugänglich gemacht wurde, nicht mehr berücksichtigt werden. Trotzdem ist die präsentierte Informationsmenge beträchtlich, ohne jemals überwältigend zu werden. Die Arbeit konzentriert sich auf die Entwicklung und die politischen Aktionen der POUM - Partido Obrero de Unificación Marxista (Arbeiterpartei der marxistischen Vereinigung). Da diese Aktionen natürlich hauptsächlich vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges und der Revolution in Spanien beschrieben werden, ist es zwar möglich, die Arbeit von Tosstroff ohne Begleitliteratur, die die allgemeinen Zusammenhänge in Spanien schildert, zu lesen, aber empfehlenswert ist es keineswegs. Natürlich verdoppelt das scheinbar den nötigen Aufwand, aber faktisch ist das Buch über die POUM weit einfacher zu lesen, wenn mensch sich auf die Entwicklung der Partei konzentrieren kann und nicht umgekehrt die Entwicklung der Revolution aus den Aktionen der POUM ableiten muss.
Tosstorf schildert zuerst die Entwicklung des spanischen Kommunismus zwischen 1920 und 1934 sowie die Entstehung und die Hintergründe der beiden Vorfeldorganisationenen der POUM: der BOC - Bloque Obrero y Campesino (Arbeiter- und Bauernblock) und die ICE - Izquierda Comunista de Espanà. Der BOC entsteht aus der katalonischen Sektion der PCE - Partido Communista Espaná, mit der sie sich überwirft und von der sie sich abspaltet. Die BOC ist hauptsächlich auf Katalonien beschränkt, und die aus der BOC kommenden Mitglieder der POUM verfallen teilweise gerade in den kritischen Phasen der Revolution bzw. des Bürgerkriegs in eine rein auf Katalonien konzentrierte Autonomistenbewegung zurück. Der wichtigste Gegner dieser Beschränkung ist Manuel Maurín, unter dessen Führung die BOC auch mit der ICE fusioniert. Die ICE entsteht aus der spanischen Sektion der Internationalen Linksopposition, der ILO, die auf ihrer dritten Konferenz die innerspanische Taktik und ihren Namen ändert. Bei der Umbenennung kommt es zu ersten Differenzen mit der Linksopposition. Im Gegensatz zur BOC ist die ICE in ganz Spanien organisiert, verfügt aber keineswegs über die gleiche Massenbasis wie die BOC. Trotz Differenzen mit Teilen der BOC kommt es 1935 zur Fusion zwischen BOC und ICE, deren Verwirklichung vor allem von Andrés Nin und Manuel Maurín vorangetrieben wird.
Tosstorff wirft an dieser Stelle das erste Mal die Frage auf, wie diese Gründung zu beurteilen ist. Es hätte auch die Möglichkeit des Entrismus innerhalb der PSOE - Partido Socialista Obrero Espaná für die Genossen von BOC und ICE bestanden. Eine derartige Bolschewisierung der PSOE wurde auch ausdrücklich von Jungsozialisten gefordert. Tosstorff argumentiert hier und im Nachwort seines Buches, dass die Entscheidung, eine eigenständige Partei zu gründen, unter der impliziten Annahme, dass sowohl die Differenzen zwischen „katalanischen Nationalisten“ und „trotzkistischen Kadern“ gelöst hätten werden können und andererseits die bloße Existenz einer marxistischen Partei die rechten Fraktionen innerhalb der PSOE bzw. der PCE zurückdrängen würde, zumindest fragwürdig sei. Tatsache ist zumindest, dass es der POUM etwa nicht gelingen sollte, die Abwanderung der Jungsozialisten zur PCE zu verhindern oder hier selbst zu rekrutieren. Auf der anderen Seite können die Differenzen zwischen ICE und BOC keineswegs rechtzeitig gelöst werden. Unglücklicherweise wird Maurín vom Ausbruch des Bürgerkrieges überrascht und steht in dieser wichtige Phase seinen Genossen in Barcelona nicht zur Seite. Dies führt zu einer zwar programmatisch hochstehenden und außerordentlichen politischen Haltung der POUM, verglichen mit den wankelmütigen Vorstellungen der Anarchisten, der PSOE und klarerweise mit der stalinistischen PCE. Aber aus dieser taktischen Überlegenheit folgen keine Taten, die Führer der POUM sprechen zwar davon, dass die POUM morgen die Bolschewiki der spanischen Revolution werden würden, aber heute tun sie nichts oder wenig dazu.
Die Gründungsgeschichte der POUM und ihrer Vorfeldorganisationen betrachten wir als den wichtigsten Teil des Buches. Nur durch die sorgfältige Darstellung Tosstorffs wird dem Leser hier klar, woher die späteren Differenzen innerhalb der POUM kommen und wie sich somit auch das Scheitern der POUM, gemessen an ihren eigenen Zielen, begreifen läßt. Im weiteren wird die Volksfrontpolitik der POUM 1936 beschrieben, die zum endgültigen Bruch mit der Linksopposition und mit Trotzki führt. Die internationale Politik der POUM ist nie wirklich stark entwickelt und orientiert sich hauptsächlich am Londoner Büro, wobei es allerdings zu Konflikten mit der SAP kommt. Zwar wird auf der Konferenz, die das Londoner Büro in Brüssel abhält, eine Konferenz 1937 in Barcelona beschlossen - Aufgabe der Konferenz wäre es, die Bedingungen der Bildung einer wahren und revolutionären Internationale zu untersuchen und die dazu nötigen Kräfte anzustoßen -, aber die Konferenz wird durch die beginnende Repression gegen die POUM unmöglich.
Nach dem 19. Juli 1936 profitiert die POUM von der revolutionären Stimmung und kann ihre Mitgliederzahl deutlich erweitern, bleibt aber trotzdem eine Minderheitspartei, die alsbald von stalinistischer Seite her scharf attackiert wird. Militärisch ist die POUM nicht unbedeutsam, ihre Milizien kämpfen allerdings einen aussichtslosen Kampf gegen den äußeren und innerspanischen Feind: Den POUM-Milizen werden moderne Waffen vorenthalten, und Angriffsziele oder eroberte Frontabschnitte werden (wissentlich) nicht durch Luftunterstützung gesichert. Der Blutzoll der POUM-Mitglieder ist im Vergleich zu anderen Parteien überdurchschnittlich. Im September 1936 kommt es in Katalonien zur Bildung einer neuen Regierung, der unter anderem die bürgerliche Esquerra, die CNT - Confédération Nacional de Trabajo, POUM und PSUC - die katalanische Sektion der PSOE - angehörten. Obwohl die bürgerlichen Kräfte in Katalonien nach dem 19. Juli schon de facto vollkommen der Macht enthoben worden waren und mit dem Zentralkomitee der Milizen schon eine echte Doppelmacht entstanden war, gelingt es dem Consell de la Generalitat, diese Doppelherrschaft zu beseitigen. Im Zuge diese Restauration wird die POUM von der Regierung ausgeschlossen, und die stalinistische Konterrevolution beginnt mit der Verleumdung der POUM durch die PCE. Zitat aus der Prawda vom 17. Dezember: „Was Katalonien anbetrifft, hat die Hinaussäuberung der Trotzkisten und Anarchosyndikalisten bereits begonnen; sie wird mit derselben Energie wie in der Sowjetunion durchgeführt werden.“
Eine letzte Chance für die Revolution und somit für einen möglichen Sieg gegen die Frankisten lag in den Mai-Tagen in Barcelona. Durch die dauerenden Verleumdungen der PCE gegenüber der POUM, die von der PCE in Analogie zu den Moskauer Prozessen als fünfte Kolonne Frankos bezeichnet wurde, war die Situation in Barcelona so angespannt, dass jeder Funke genügte, um die Explosion auszulösen. Am 3. Mai versuchten Ordnungskräfte der Generalität, die von den Anarchisten besetzte Telefonzentrale zu übernehmen. Jedoch weigerten sich die Telefonangestellten, und es kam zu Schusswechseln; die Arbeiterorganisationen zogen ihre Kräfte zusammen, und die Situation eskalierte. La Batalla, das Hauptorgan der POUM, feierte am nächsten Tag die Barrikaden als Wiederkehr des 19. Juli: „Die Barrikaden der Freiheit sind an allen Ecken der Stadt wieder auferstanden. Der Geist des 19. Juli hat sich erneut Barcelonas bemächtigt.“ Eine etwas malerische Beschreibung des Tatbestandes, daß die Revolution sich nun in der Etappe gegen die inneren Feinde gewaltsam verteidigen musste. Tatsächlich läßt die POUM diese Möglichkeit, sich nun wirklich an die Spitze der proletarischen Revolution zu stellen, ungenützt und vertraut dagegen auf die CNT-Führung. Diese litt aber unter dem Dilemma, nicht die Macht übernehmen zu wollen, da die Errichtung einer „anarchistischen Diktatur“ für sie eine programmatische Unmöglichkeite darstellte. Demgegenüber standen zwar Bemühungen am linken Rand der CNT und der POUM, der Amigos de Durruti und der Seccíon bolchevique-leninista de Espaná. Sie waren die einzigen, die konsequent den Sturz der Regierung forderten und die Bildung von revolutionären Machtorganen propagierten. Die trotzkistische Gruppe war aus ehemaligen ICE-Mitgliedern, die die Fusion mit dem BOC abgelehnt hatten, und ausländischen Trotzkisten gebildet worden, die vor allem in der POUM-Miliz kämpften. Diese Kleinstgruppierungen hatten aber kein reales Gewicht - weder in den Mai-Tagen noch im weiteren Verlauf des Bürgerkrieges. Tosstorff streicht es als bemerkenswert heraus, dass sich die Amigos de Durruti von ihren klassischen anarchistischen Positionen soweit freigemacht hatten, dass sie eindeutig für die Machteroberung eintraten und ein Bündnis mit der POUM forderten.
Vom Mai an ist die POUM in die Defensive gedrängt, und die nicht überwundenen Differenzen der Vorfeldorganisationen kommen jetzt besonders zum Tragen. Während der linke Parteiflügel eine Aufarbeitung der Politik des vergangenen Jahres erwartet und vor allem die Beteiligung der POUM am Rat der Generalität in Katalonien kritisiert, argumentiert der rechte Parteiflügel gegen die zu trotzkistisch eingestellten Sektionen der POUM, deren Sowjetunionkritik zur Verfolgung geführt hätte. Der Parteitag, auf dem all diese Differenzen bereinigt hätte werden sollen, wird solange verschoben, bis die POUM endgültig in die Illegalität abgedrängt wird. Am 16. Juni 1937 kommt es zur Verhaftung eines Großteils der Führung, betroffen ist vor allem das Exekutivkomitee und damit auch Nin, der sofort gesondert von Barcelona nach Madrid wegtransportiert wird. Alles deutet darauf hin, dass er gefoltert wurde, um die nötigen Geständnisse zur endgültigen Vernichtung der POUM zu erpressen. Zwar kann die POUM auch noch in der Illegalität ihre Arbeit aufrechterhalten, aber die ursprünglichen Differenzen können auch nicht durch die Exilführung in Frankreich gelöst werden. Die Partei splittert sich in verschiedene Fraktionen auf und spaltet sich nach Ende des 2. Weltkrieges. Gegen Ende der siebziger Jahre löste sich die Barcelonaer Gruppe - der letzte Rest der POUM - auf.
Allen, die sich mit der Geschichte des spanischen Bürgerkrieges intensiver beschäftigen wollen, kann dieses Buch empfohlen werden.
Georg Hemmeter