Paul Hirst & Grahame Thompson

Globalization in Question

The International Economy and the Possibilities of Governance

Polity Press

Cambridge 1996

228 Seiten, 13 Pfund

 

Außerhalb der radikalen Linken gibt es nur wenige Stimmen, die die Orthodoxie zur Globalisierung in Frage stellen und die dem auch auf ökonomischer oder theoretischer Ebene entgegentreten. Neben Michael Mann[1] und W. Ruigrok und R. van Tulder[2] sind es in englischsprachigen Raum vor allem die beiden akademischen Reformisten Paul Hirst und Grahame Thompson, die die Thesen der Globalisierung frontal angreifen. Auch wenn man ihre politischen Schlußfolgerungen nicht teilt, sind es die von ihnen vorgebrachten Punkte gegen den vorherrschenden Konsens wert, genauer untersucht zu werden.

"Es wird weitverbreitet behauptet",Ê führen Hirst/Thompson aus, "daß wir in einer Ära leben, in der der Großteil des sozialen Lebens von globalen Prozessen bestimmt wird, in der sich nationale Kulturen, nationale Ökonomien und nationalen Grenzen auflösen. Zentral bei dieser Ansicht ist die Vorstellung von eines schnellen und neuen Prozesses der ökonomischen Globalisierung."[3] In der Sichtweise der Vertreter der Globalisierungsthese fänden qualitative Veränderungen des Kapitalismus statt, "die Entwicklung von neuen ökonomischen Strukturen und nicht nur konjunkturelle Änderungen in Richtung von mehr internationalem Handel und Investitionen im Rahmen der existierenden Form von wirtschaftlichen Beziehungen"[4]. Die nationale Ebene der Ökonomie werde durch die internationale "durchdrungen und umgewandelt"[5]. So fände eine "Transformation von multinationalen Konzernen in transnationale Konzeren (TNCs) als die wesentlichen Akteure der Weltwirtschaft"[6] statt. Diese TNCs seien "genuine footloose capital, ohne einer besonderen nationalen Identifikation und mit einem internationalisierten Management"[7]. In der Folge seien die Nationalstaaten - den Vertretern der Globalisierungsthese folgend - "autonomen und unkontrollierbaren, weil globalen Marktkräften ausgeliefert"[8] und würde sich die Entscheidungsmacht auf die supranationale Ebene verschieben.

Hirst/Thompson halten diese Argumentation für einen Mythos. Sie räumen zwar ein, daß die Globalisierungsorthodoxie von einigen richtigen Fakten ausgeht, daß aber selbst diese nicht unbedingt neu sind. Und tatsächlich müssen die Wunschvorstellungen der neoklassischen Ökonomen eben keineswegs mit der Realität übereinstimmen. Vor allem aber ist der internationale Charakter des Kapitalismus keine besondere Neuigkeit. Seit seinen Ursprüngen war die Tendenz zu Expansion und zur Überschreitung von staatlichen Grenzen typisch für den Kapitalismus. Bereits 1821 vertrat der klassische bürgerliche Ökonom David Ricardo die Meinung, daß sich der Staat nicht durch Investitionen zum Schutz von Arbeitsplätzen einmischen solle, denn ZITAT

Kapitalismus und "Globalität"

Und vor allem die marxistische Theorie hat sich von Anfang an mit dem internationalen Charakter des Kapitalismus beschäftigt - besonders die marxistische Imperialismustheorie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Bereits Karl Marx hatte erkannt, daß es in der Natur des Kapitals liegt, nach immer neuen Märkten, Rohstoffquellen und Arbeitskräften zu suchen. Einer der Widersprüche, die schon Marx im Kern des kapitalistischen Expanisonsprozesses geortet hat, ist das Verhältnis zwischen dem Kapital und dem Nationalstaat. Der Nationalstaat ist einerseits sowohl Ausdruck der kapitalistischen Verhältnisse als auch ihr Garant. Andererseits geht das Kapital durch seine eigene unerbittliche Wettbewerbslogik auf der Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten über die Grenzen des eigenen Nationalstaates hinaus. Daraus ergibt sich dann das Bedürfnis nach rechtlichem und militärischem staatlichen Schutz zur Sicherung einer profitablen Ausbeutung in anderen Ländern. Das Ergebnis dieses Prozesses war die Aufteilung der Welt in Kolonien und Einflußzonen der Großmächte, die im wesentlichen ab etwa 1890 abgeschlossen war. An diesem Punkt mußte es unvermeindlich zu Konflikten zwischen den Nationalstaaten kommen. Dieser Widerspruch, der auch schon in der Epoche des Freien-Konkurrenz-Kapitalismus bestanden hat, charakterisiert im besonderen die imperialistische Epoche. Weitere Expanison von nationalen Kapitalien mußte von nun an auf Kosten von Konkurrenten gehen, was schließlich zu zwei Weltkriegen geführt hat.[9]

Mit den Besonderheiten des imperialistischen Kapitalismus beschäftigte sich in den zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg die marxistische Theorie sehr eindringlich - wesentliche Beiträge kamen von Karl Kautsky, Rudolf Hilferding, Rosa Luxemburg, Nicolai Bucharin und W.I. Lenin.[10] Hilferding etwa entwickelte das wichtige Konzept des Finanzkapitals, unter dem die Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital verstanden wird. Kautsky kam mit seinen Vorstellungen von einem Ultraimperialismus manchen Betrachtungen der heutigen Globalisierungstheoretiker durchaus nahe. Kautsky meinte, daß der Prozeß der Konzentration des Kapitals letztlich zur Herausbildung eines einzigen Welttrusts führen werde, der firmenintern eine ökonomische Planung aufweisen werde, was schließlich - so die von Kautsky angestrebte reformistische Schlußfolgerung - eine friedlich-demokratische Übernahme dieses Konzerns durch die Sozialdemokratie und auf diese Weise die Einführung des Sozialismus möglich mache. Heute, hundert Jahre später, argumentieren Vertreter der Globalisierungsthese[11], daß die Herausbildung einer einheitlichen Weltwirtschaft unter der Kontrolle einer kleinen Gruppe von Finanzkapitalisten nicht nur negativ sei, sondern daß bei entsprechender Kontrolle durch internationale Institutionen und vernünftige Regierungen die wachsenden wirtschaftlichen Verflechtungen durchaus zum Wohle der Menschheit sein könnten. Diese Hoffungen werden sich wohl als genauso illusionär herausstellen wie die von Kautsky. Die Dynamik der Kapitalakkumulation kann eben nicht unter eine politische Kontrolle gestellt, die ökonomischen und staatlichen Strukturen können nicht einfach für grundlegend andere Ziele als die, für die sie gemacht sind, übernommen werden - sie müssen vielmehr in ihrer Wirkungsweise gebrochen und durch andere ersetzt werden. Lenin wandte völlig zurecht gegen Kautsky ein, daß es zwar tatsächlich die Tendenz zu immer stärkerer Verschmelzung von Kapital gebe, daß aber vor der Entstehung eines Welttrusts die Widersprüche zwischen den nationalen Kapitalen und ihren Staaten längst zu Konflikten und Kriegen führen werden, zu neuen Runden in der Akkumulation und der internationalen Konkurrenz - und auch damit einhergehend auch zu massiven sozialen Konflikten und revolutionären Entwicklungen.

Während des ganzen 20. Jahrhunderts waren die wesentlichen Veränderungen im Handel und bei den Investitionen Ausdruck der rivalisierenden Akkumulationsprozesse zwischen Blöcken des Finanzkapitals, die in der Regel von bestimmten Nationalstaaten, in denen diese Monopole ihre Ursprünge haben, unterstützt wurden. Ein zentrales Argument der Globalisierungsthese ist nun, daß in den letzten beiden Jahrzehnten das Finanzkapital seine Verbindungen mit den Nationalstaaten irreversibel gelockert hätte. Für diese Entwicklung seien mehrere Faktoren verantwortlich: der Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods (fixe Wechselkurse) 1971, die sogenannten Ölpreisschocks in Zusammenhang mit der Unabhänigkeit der arabischen Erdölstaaten und schließlich die Niederlage der USA in Südostasien. Diese Entwicklungen hätten die vorherrschende Rolle der wichtigsten Nationalstaates, der USA, damit die Stabilität eines regulierten Kapitalismus wesentlich unterminiert. Und seit dem Ende der Nachkriegsordnung nach 1989 sei die Fähigkeit der Nationalstaaten, in der Regulierung von Handels- und Finanzströmen zu kooperieren, weiter geschwächt worden. Außerdem hätte die Wirtschaftspolitik der verschiedenen Staaten seit den frühen 80er Jahren auf Freihandel und Deregulierung gesetzt. Das wiederum - argumentieren die Vertreter der Globalisierungsthese, die sich nicht mit Oberflächenphänomenen zufriedengeben wollen - sei durch Entwicklungen im Kommunikations- und Finanzbereich erzwungen worden. Veränderungen in der Organisation der Produktion hätten eine Verschiebung von der Massenproduktion in riesigen Fabriken zu den verschiedenen Methoden und Techniken der lean production bewirkt (flexible Arbeitszeiten, Just In Time etc). Es sei eine Weltwirtschaft ohne Grenzen entstanden, auf die die verschiedenen Staaten immer weniger Einfluß hätten.

Die Vertreter der Globalisierungsthese heben dabei hervor, daß die Wirtschaftskraft von etlichen internationalen Großkonzernen größere sei als die von so manchen ökonomisch entwickelten Land. Sie sehen in den TNCs Institutionen, die die Nationalstaaten als Organisatoren der Produktion ablösen. Tatsächlich findet, wie von Marxist/inn/en schon immer betont, ein Konzentrationsprozeß des Kapitals statt. Etwa 70 Prozent der gesamten Direktinvestitionen von Kapital in anderen Staaten (FDI[12]) geht auf die 300 größten Konzerne zurück, sie besitzen 25 Prozent des gesamten Kapitals. Daraus leiten die Globalisierungsvertreter eine qualitative Umwandlung dieser Konzerne in von nationalstaatlichem Einfluß unabhängige TNCs ab. Zur Größe dieser Konzerne käme auch noch ihre globale Reichweite. Einige der global players wie IBM oder ICI beziehen über die Hälfte ihrer Einkünfte aus dem Ausland, der schweizer Konzern NestlŽ, der einen extremen Fall darstellt, sogar 98 Prozent.[13] Selbst größere Nationalstaaten seien kaum mehr in der Lage, diesen international agierenden Konzernen Widerstand entgegenzusetzen. Produktionen würden in immer größerem Ausmaß in Billiglohnstaaten ausgelagert. Dieses Szenario wird nun von Hirst/Thompson durch eine große Menge empirischen Materials in Frage gestellt.

Welthandel und Auslandsinvestitionen

Sie zeigen auf, daß die Internationalisierung der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten keineswegs so einzigartig war, wie die Globalisierungsthese behauptet, daß das Wachstum der weltweiten Operationen des Kapitalismus sogar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts größer war als in den letzten drei Jahrzehnten. So wuchs der Welhandel zwischen 1870 und 1913 um 3,4 Prozent pro Jahr, zwischen 1913 und 1950 um weniger als 1 Prozent pro Jahr, zwischen 1950 und 1973 um mehr als 9 Prozent pro Jahr, während das Wachstum nach 1973 wieder deutlich zurückging.[14] Während die Stagnation vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zum Beginn des Nachkriegsbooms nach dem Zweiten Weltkrieg durch das Fehlen einer internationalen Hegemonialmacht und der damit verbundenen protektionistischen Blockbildung verursacht war, fand das massivste Wachstum des Welthandels gerade in der Zeit des relativ regulierten Kapitalismus zwischen etwa 1950 und dem Beginn der 70er Jahre statt. Dieser auf die Kapitalvernichtung des Zweiten Weltkrieges (und die daraus resultierende Sanierung der Profitraten) gestützte Boom ist also ein weit wesentlicheres Kriterium für die Ausweitung des Welthandels als die Politik seit den späten 70er Jahren oder auch gewisse Veränderungen in der Organisation der Produktion in den letzten Jahrzehnten.

Und die Exporte mögen sich zwar zwischen 1960 und 1990 verdoppelt haben (auf etwa 20 Prozent des internationalen Outputs), das heißt aber nichts anderes als das noch immer 80 Prozent des Outputs für den jeweiligen heimischen Markt produziert werden. Der Anteil von Importen und Exporten am gesamten Output der drei wesentlichen Teil der kapitalistischen Weltwirtschaft (USA, Japan, EU) ist in den letzten 15 Jahren in etwa konstant geblieben.

Relevanter als die Ausweitung des Handels war das Wachstum des FDI, das Mitte der 80er Jahre das vierfache und seitdem das doppelte des Handels ausgemacht hat[15]. Die Realität unterscheidet sich aber auch dabei deutlich von dem oft gemalten Bild von Kapital, das je nach den günstigsten Profitmöglichkeiten so einfach in alle Teile der Welt verschoben wird. Was hier stattfindet ist vielmehr eine Regionalisierung als eine Globalisierung der Wirtschaft. Der Großteil des Handels und des FDI spielt sich zwischen den ökonomisch fortgeschrittenen Ländern ab, eine gesteigerte Mobilität des Kapitals bedeutet keineswegs eine massive Verschiebung der Produktion in Entwicklungsländer.[16] 75 Prozent des FDI konzentrierten sich in den frühen 90er Jahren auf Nordamerika, Westeuropa und Japan. 90 Prozent des FDI hatten ihren Ursprung in lediglich zehn Ländern, zwei Drittel davon in vier Ländern: USA, Japan, Deutschland, Großbritannien.[17]

Diese Tendenz zur Regionalisierung läßt sich auch im Detail belegen. So ist das angelegte Kapital der US-Großkonzerne im Bereich der Industrie zu 70 Prozent und im Bereich der Dienstleistungen[18] zu 74 Prozent im eigenen Land. Für Japan sind die entsprechenden Daten sogar 92 Prozent und 97 Prozent.[19] Für die wichtigsten europäischen Staaten ist das Bild nicht so eindeutig. Das angelegte Kapital und die Anbsätze der Großkonzerne sind nicht so massiv im eigenen Nationalstaat konzentriert, die außerhalb der nationalen Grenzen vorhandenen Anteile befinden sich aber überwiegend in anderen europäischen Staaten, sodaß sich etwa für Frankreich, wenn man die EU als "Heimregion" betrachtet, Daten von 86 beziehungsweise 85 Prozent ergeben.[20] Ein gewisse Ausnahme stellt Großbritannien dar, das einen relativ großen Anteil von Kapital und Absatz außerhalb des Landes hat, neben anderen EU-Ländern auch vergleichsweise massiv in den USA - und nicht so sehr außerhalb der imperialistischen Metropolen (auch nicht in den oft so hervorgehobenen asiatischen "Tigerstaaten"[21]). Außerdem gibt es in Großbritannien eine relativ große Anzahl von ausländischen Investoren und zwar zu etwa gleichen Teilen aus den USA und aus der EU. Diese Sonderrolle Großbritanniens führt dazu, daß in der britischen herrschenden Klasse sehr unterschiedliche Interpretationen über ihre internationale Strategie vorhanden sind (im speziellen in Bezug auf die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion)

Was die von den Vertretern der Globalisierungsthese oftmals beschworenen transnationale Zivilisation von Unternehmern und Managern betrifft, so mögen diese Leute zwar von Land zu Land fliegen, um ihre Geschäfte zu verhandeln, so mögen sie ihre Profite von einer Steueroase in die andere verschieben und sich mal in diesem und mal in jenem Urlaubsdomizil aufhalten. Für die Einschätzung der weltwirtschaftlichen Strukturen stellt sich aber eine andere Frage, nämlich die, ob wir es mit einer mehr oder weniger einheitlichen globalen Kapitalistenklasse zu tun haben. Die Antwort fällt recht eindeutig aus: Die Kontrolle über fast alle relevanten internationalen Großkonzeren ist weiterhin fest in der Hand von Kapitalisten eines bestimmten Landes. Von den 30 wichtigsten US-Konzernen haben nur fünf einen Ausländer in der höchsten Managementebene und nur zwei Prozent des Managements der großen US-Firmen sind Ausländer. Von den 20 größten japanischen Konzernen haben ganze zwei einen Ausländer in der obersten Managementebene. Bei den 15 wichtigsten deutschen Konzernen waren vier Ausländer in den entsprechenden Positionen. Auch bei Aktiengesellschaften befinden sich bei nahezu sämtlichen internationalen Großkonzernen die ausländischen Anteile bei nicht über 10 Prozent. Von allen bedeutenden Konzernen verfügt lediglich Phillips über ein wirklich internationalisiertes Topmanagement.[22]

Die Zahlen, die Hirst/Thompson vorlegen und interpretieren, sind insgesamt ein wichtiges und nützliches Korrektiv gegenüber dem weitverbreiteten Globalisierungskonsens. Nichtsdestotrotz sind einige Kritikpunkte angebracht: Hirst/Thompson berücksichtigen nicht im nötigen Ausmaß die zunehmende Tendenz zu joint ventures zwischen multinationalen Konzernen auf der einen Seite und kleineren nationalen (privaten oder staatlichen) Kapitalen auf der anderen. Außerdem beachten sie die Konzernpraktiken der Auslagerung und des subcontracting kaum, durch die das internationale Kapital Einfluß und Kontrolle über andere Kapitale ausübt.[23] Die Öffnung von Märkten, das im Vergleich zum Output große Wachstum des Handels und die Ausweitung der Finanzflüsse haben dazu geführt, daß für einige multinationale Konzerne ihre Interessen nicht mehr so eindeutig auf ein Land festgelegt sind. Diese Punkte modifizieren das von Hirst/Thompson gezeichnete Bild etwas, ändern aber nichts daran, daß sie mit den grundlegenden Linie ihrer Argumentation richtig liegen.

Hirst/Thompson fassen ihre Sichtweise so zusammen: "Die multinationalen Konzerne stützen sich weiterhin auf ihre `home base« als Zentrum ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten, trotz allen Spekulationen über Globalisierung."[24] Und sie fügen hinzu: "Wirklich transnationale Unternehmen sind ziemlich rar. Die meisten Unternehmen sind `nationally based« und handeln international mit der Rückendeckung einer hauptsächlich nationalen Festlegung von Produktion und Absatz, und es scheint keine wesentliche Tendenz zum Anwachsen von tatsächlich internationalen Firmen zu geben."[25] Sie weisen nach, daß in der Realität nicht von der Entstehung einer globalen Ökonomie gesprochen werden kann. "Vielmehr sind Handel, Investitionen und Finanzströme in der Triade Europa, Japan und Nordamerika konzentriert und diese Dominanz scheint sich fortzusetzen."[26] Während dadurch die Mythen der Globalisierungsthese widerlegt werden, wird die von vielen Marxisten vertretene Position, daß zunehmend eine imperialistische Blockbildung stattfindet, eindrucksvoll bestätigt.

Multinationale Konzerne und die Organisation der Produktion

Ein wichtiges Argument der Vertreter der Globalisierungsthese ist freilich auch, daß im Produktionsprozeß wesentliche Veränderungen in Richtung Internationalisierung stattgefunden hätten. Diese Behauptung klingt für viele Leute plausibel, da sie von realen Entwicklungen in vielen Industrien ausgeht. Wie Chris Harman[27] richtig feststellt, kann diese Behauptung nicht einfach, wie es Hirst/Thompson tun, mit dem Verweis auf die obigen Handels- und Investmentströme widerlegt werden, denn es geht hier um Veränderungen in der Organisation der Produktion.

Tatsächlich gab es in der Produktion in den letzten Jahrzehnten Veränderungen, die aus den Daten der Investitionen nicht hervorgehen. Ende des 19. Jahrhunderts begann in allen wichtigen kapitalistischen Ländern eine Konzentration der Produktion in Konzernen und Trusts, die gegen ausländische Rivalen in einen Kampf um die internationalen Märkte eintraten. Es existierte aber kaum eine internationale Integration der industriellen Produktion. Es ging den Großkonzernen vielmehr einerseits um die Ausbeutung von Rohstoffen aus den (halb)kolonialen Ländern für die Produktion in den Metropolen und andererseits um den Besitz von ausländischen Tochtergesellschaften, die eine lokale Produktion für die dortigen Märkte betrieben. National verwurzelte Firmen (wenn auch teilweise in ausländischem Besitz), die oft eng mit den jeweiligen Staaten verbunden waren, dominierten die verschiedenen Industriesektoren in diversen Ländern. Diese Bild blieb im wesentlichen bis in die späten 60er Jahre gültig.

Seit den späten 60er Jahren begannen sich mit einer Restrukturierung der Industrie auf internationaler Ebene jedoch neue Produktionsmodelle zu entwickeln. Diese Entwicklungen zu erkennen hat allerdings nichts mit einer Akzeptanz der Globalisierungsorthodoxie zu tun, da sie keineswegs zu deren Schlußfolgerungen führen. Die Rationalisierung der Produktion (um im zunehmenden internationalen Wettbewerb standhalten zu können) bedeutet durchaus nicht, daß die meisten multinationalen Konzerne einen weltweit integrierten Produktionsprozeß - die sogenannte global assembly line -Ê etabliert haben. Verschiedene Konzerne haben auf den Druck zur Restrukturierung in unterschiedlicher Weise reagiert, die global assembly line ist dabei nicht der am weitesten verbreitete Ansatz.[28] Und viele Versuche in diese Richtung (etwa von Ford oder General Motors) erwiesen sich als unfruchtbar und wurden wieder zurückgenommen. Einzig in der Elektronikbranche schien sich in den 70er und frühen 80er Jahren mit der Produktion von Komponenten in Entwicklungsländern der global-assembly-line-Ansatz durchzusetzen (mit einer diesbezüglich eher rückläufigen Tendenz seit Mitte der 80er Jahre). Vor allem bei den US-Konzernen sind selbst in den Entwicklungsländern die industriellen Investitionen in erster Linie auf die Produktion für den dortigen Absatz ausgerichtet und nicht für den Export.

Die meisten multinationalen Konzerne vertrauen weiterhin weniger auf den global-assembly-line-Ansatz als auf das traditionelle Modell: Konzentration der Investitionen in einem bestimmten fortgeschrittenen Industriestaat und seinen Nachbarländern und dann auf der Grundlage des bloßen Umfangs von Investition, Forschung, Entwicklung und Produktion dort einen Vorsprung gegenüber allen nationalen und multinationalen Konkurrenten herausholen. Es war dieser Weg, auf dem Boeing die Dominanz auf dem Weltmarkt für zivile Luftfahrt erreichten, auf dem die japanischen Automobilkonzerne ihre enormen Exporterfolge feierten (erst in den 90er Jahren begannen Toyota und Nissan mit relevanten Auslandsinvestitionen) und auf dem der Aufstieg der südkoreanischen Werftindustrie begründet ist.[29]

Von wachsender Bedeutung ist ein dritter Ansatz.[30] Er bricht mit der überwiegend nationalen Basis der Produktion ohne mit dem global-assembly-line-Konzept zu agieren. Ein Konzern, der sich bisher auf eine klassisch nationale Basis gestützt hat, versucht mit diesem Ansatz ausländische Konkurrenz gegen seine Exporterfolge dadurch aus dem Feld zu schlagen, daß er auf lokaler Basis in anderen Ländern Fabriken errichtet. Dabei handelt es sich vielleicht anfänglich um Fabriken, in denen nur verschiedene Teile, die aus dem Heimatland des Konzerns importiert wurden, zusammengeschraubt werden. Es entwickelt sich aber dann rasch eine Tendenz, sich auf lokale Firmen als Zulieferer verschiedener Komponenten zu orientieren. Diese Firmen werden de facto Satelliten des multinationalen Konzerns im jeweiligen Land und treten gegen Konkurrenten für dessen Interessen ein. Der Vorteil dieser Strategie liegt unter anderem darin, daß auf diese Weise der Einfluß auf den lokalen Markt weit größer sein kann als die eigene Investition, da eben die lokalen Lieferanten für die Ziele des Konzerns mobilisiert werden können. Die Auslagen für den Konzern können so wesentlich niedriger sein als beim global-assembly-line-Ansatz (auch weil in der Regel erhebliche staatliche Subventionen einzustreifen sind). Außerdem können die Kosten durch outsourcing, die Auslagerung von Teilen der Produktion zu lokalen Lieferanten (die aufgrund niedrigerer Löhne billiger produzieren), bedeutend verringert werden. Und schließlich ersparen sich die multinationalen Konzerne, die außerhalb ihrer Heimatregion (in anderen fortgeschrittenen Ländern mit den entsprechenden Absatzmärkten) Produktionsstätten errichten, enorme Transportkosten.[31] Dieser Ansatz wird von Ruigrok und van Tulder im Unterschied zur Globalisierung recht treffend als Glokalisierung bezeichnet. Er wurde zuerst von Toyota und anderen japanischen Konzernen in Europa und den USA praktiziert und wird mittlerweile auch von Firmen wie Ford oder General Motors verfolgt. Und selbst in der Ölindustrie, in der die großen Konzerne ursprünglich auf einen weltweit integrierten Produktionsprozeß von der Förderung des Rohöls bis zur Betreibung von Tankstellen setzten, hat in den letzten Jahren eine Umstrukturierung in diese Richtung stattgefunden.

Der toyotistische oder Glokalisierungsansatz führt zu einem ziemlich anderen Verhalten der multinationalen Konzerne als vom Globalisierungskonsens angenommen wird. Erstens sind Unternehmen, die diesen Ansatz verfolgen, weniger leicht bereit Investitionsausrichtungen zu verändern, weil für sie die lokale Verankerung eine wichtige Rolle spielt. Zweitens können toyotistische Konzerne als lokale Produzenten (anders als solche, die den global-asembly-line-Ansatz verfolgen) protektionistischen Maßnahmen von Staaten oder Wirtschaftsblöcken, in denen sie Tochtergesellschaften haben, relativ gleichgültig gegenüberstehen - oder sie sogar begrüßen, weil auf diese Weise Konkurrenten, die außerhalb produzieren und auf Export setzen, geschwächt werden.

Die Globalisierungsorthodoxie ist nicht in der Lage zwischen diese doch ziemlich unterschiedlichen Ansätzen zu unterscheiden. Ihre Vertreter gehen davon aus, daß die weltweiten Innovationsfortschritte auch immer die weltweite Integration der Produktion bedeutet. Tatsächlich können es sich Firmen nicht erlauben, von den Fortschritten in Forschung und Entwicklung abgeschnitten zu werden, die international nur durch ganz wenige Konzerne finanzierbar sind. Und damit sich die enormen Kosten für Forschung und Entwicklung rechnen, müssen sie in möglichst vielen Ländern der Welt verwertet werden. Daraus ergeben sich aber eben nicht notwendigerweise die global assembly lines eines weltweit integrierten Produktionsprozesses. In der Regel ist es ausreichend, wenn eine national oder regional verankerte Industrie mit einem globalen Innovationszentrum verbunden ist, während gleichzeitig die lokale Produktion fortgesetzt wird. In der Folge entsprechen viele der von den Vertretern der Globalisierungsthese vorgelegten Beispiele von Industriegründungen von ausländischen Konzernen durchaus nicht dem Modell der Globalisierung. Und auch die flexiblen Produktionsmethoden und die just-in-time-Produktion, die oft als charakteristisch für die Globalisierung dargestellt werden, implizieren beide mehr eine lokale oder regionale Produktion als eine globale.

Und auch der zentrale Glaubensssatz des Globalisierungskonsenses, daß nämlich die multinationalen Konzerne ihr Kapital jederzeit dorthin verschieben können, wo sie gerade wollen, und sich so der Kontrolle durch Regierungen und den Ansprüchen von Belegschaften völlig entziehen können, ist so nicht haltbar. Hier findet oft eine Vermischung verschiedener Arten von Kapital statt. Spekulatives Kapital kann natürlich leicht auf den internationalen Finanzmärkten verschoben werden. Bei produktivem Kapital hingegen, das oft durchaus dieselben Besitzer hat wie das spekulative, sieht die Sache jedoch erheblich anders aus. Produktives Kapital kann einfach nicht footloose sein. Es stützt sich abgesehen von den Produktionsanlagen selbst auf entsprechend ausgebildete und eingespielte Arbeitskräfte, auf eine entwickelte und angepaßte Infrastruktur und auf funktionierende Verbindungen mit lokalen Lieferanten, Banken und Institutionen. Ein solches Umfeld, das oft über Jahre hinweg aufgebaut werden muß, wird von Konzernführungen für etwas billigere Arbeitskräfte oder für eine noch etwas unterwürfigere Regierung nicht leichtfertig aufgegeben. Es geht da nicht nur um simple Marktkalkulationen, sondern auch um langfristigen und stabile Beziehungen zu anderen Unternehmen.[32] Moderne industrielle Produktion findet eben nicht in einzelnen Firmen statt, sondern in Industriekomplexen, die die Gravitationszentren der internationalen Ökonomie sind.[33]

Die Zukunft der Nationalstaaten

Während sich Hirst/Thompson also mit den Veränderungen in der Organisation der Produktion nicht sosehr auseinandersetzen, widmen sie sich - besonders in Kapitel 8 Globalization, Governance and the Nation State - sehr eingehend dem Verhältnis von Ökonomie und Nationalstaaten. Die Sichtweise der Globalisierungsvertreter, daß das Kapital die Schranken der Nationalstaaten durchbrochen habe, zunehmend auf deren Dienste verzichten könne und daß die Staaten immer mehr gezwungen seien, ihre Souveränität an supranationale Institutionen abzutreten, wird von Hirst/Thompson massiv angegriffen. Sie zeigen auf, daß auch die multinationalen Konzerne weiterhin von einer nationalen Basis und von der Kooperation mit Staaten abhängig sind. Tatsächlich gibt es einige Punkte, die dem Globalisierungskonsens in dieser Frage eindeutig entgegenstehen.

1. Wie wir gesehen haben, konzentriert die Mehrheit der multinationalen Konzerne den Großteil ihrer Produktion weiterhin in einem Nationalstaat (und seinen Nachbarstaaten). Selbst die Investitionen, die in Billiglohnländer fließen, sind von den Operationen des Heimatstaates nicht völlig unabhängig. Hirst/Thompson heben hervor, daß die Großkonzerne sämtlicher wichtiger Länder dazu tendieren, ihre Investitionen und Verkäufe in den Entwicklungsländern und NICs in den Regionen zu konzentrieren, wo der jeweilige Staat Einfluß ausübt: US-Kapital besonders in Lateinamerika, deutsches besonders in Osteuropa, japanisches besonders im pazifischen Raum.[34] Und auch dort, wo Produktion international stattfindet, bleiben Forschung und Entwicklung im Heimatstaat des Konzerns angesiedelt.

2. Die Nationalstaaten sind darüberhinaus auch keine passiven Opfer der weltwirtschaftlichen Entwicklung. In den 70er Jahren kamen die Regierungen der USA und Großbritanniens gemeinsam mit den wichtigsten Sektoren von Finanz und Industrie zu dem Ergebnis, daß ihren nationalen Interessen am besten dadurch gedient wäre, daß sie die anderen Länder zwingen, ihre Finanzmärkte zu öffnen. Sie waren bei den meisten Finanzprodukten die Marktführer und konnten sich erwarten, von ihrem Konkurrenzvorteil ernorm zu profitieren. Sie setzten die Entwicklung in Gang und zwangen all die anderen Märkte, ihnen zu folgen oder bei den Finanzprodukten noch weitere Marktanteile zu verlieren.[35] Seit den 80er Jahren setzten sich dann Deregulierung und Öffnung der Weltwirtschaft in fast allen Ländern durch. Die verschiedenen Nationalstaaten waren dabei nicht Gegner, sondern willige Partner und Vollstrecker der von den wichtigsten Sektoren des Kapitals geforderten neoliberalen Doktrin. Am meisten profitiert von der Entwicklung in den letzten 15 Jahren haben dann auch das US- und das britische Kapital. Auf der Grundlage ihrer internationalen Vorwärtsstrategie gegen ihre Konkurrenten und einer Offensive gegen die dortigen Arbeiterbewegungen konnten deutliche Produktivitätsgewinne und eine (nach kapitalistischen Kriterien) relativ günstige Wirtschaftsentwicklung erreicht werden[36] - was nur durch die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regierungen möglich war.

3. Das Ausmaß der staatlichen Einflußnahme bleibt entgegen dem weitverbreiteten Mythos von Globalisierung und Deregulierung groß. So interventieren nationale Regierungen direkt, um negative Konsequenzen von Kapitalbewegungen zu limitieren. Das bekannteste Beispiel dafür ist die massive Intervention der US-Regierung 1994, um den Kollaps des mexikanischen Peso (und damit die US-amerikanischen Besitzer von Staatsanleihen) zu retten. Weniger spektakuläre Beispiele waren staatliche Interventionen im Zuge von Finanzkrisen in Japan und den USA 1989 und während des Zusammenbruchs des EWS 1992. Darüberhinaus spielen Staaten weiterhin eine entscheidende Rolle bei der Etablierung und Aufrechterhaltung von wichtigen Unternehmen. Von dem 100 größten und wichtigsten Konzernen 1993 hätten 20 in den letzten 15 Jahren ohne Intervention ihrer jeweiligen Regierungen schlicht und einfach nicht als eigenständige Unternehmen überlebt (darunter die britischen, französischen und italienischen Stahlfirmen in den führen 80er Jahren, McDonnel Douglas oder die VW-Tochterfirma SEAT). 1987 verhinderte die südkoreanische Regierung den Ruin von Daewoo. 1993 unterstützte der schwedische Staat die beiden größten Banken des Landes (Skandinaviska Enskilda Banken und Handelsbanken), die große Anteile an den Produktionsfirmen Volvo, Electrolux, Ericsson, Asea, Stora und SKF halten. Außerdem sind alle wesentliche Telekom-Konzerne von Verträgen mit den Regierungen abhängig, ebenso wie viele Lebensmittelkonzerne von staatlichen Subventionen für die Landwirtschaft. Die führenden Computer-, Halbleiter- und Elektronikproduzenten profitieren nicht nur enorm von staatlicher Unterstützung im Forschungsbereich, sondern auch von staatlichen Rüstungsaufträgen - ganz zu schweigen von der Rüstungsindustrie im engeren Sinn. Die Ölindustrie, in der 1993 23 der weltweit 100 größten Konzerne tätig waren, ist klarerweise ganz massiv von der militärischen Kontrolle abhängig, die der US-Staat über den Nahen Osten ausübt.[37] Letztlich sind sämtliche Großkonzerne in vielerlei Hinsicht auf die Kooperation mit Regierungen und staatlichen Institutionen angewiesen (im Fall des toyotistischen Produktionsmodells nicht nur von denen im Heimatland). Dementsprechend verwenden sie nicht unwesentliche Teile ihrer riesigen Budgets für das lobbying, d.h. die im wesentlichen die Bestechung, von Regierungen, Parlamentariern und internationalen Institutionen. Sie erwarten sich dadurch den Schutz ihrer bestehenden Märkte und Unterstützung beim Eindringen in neue ebenso wie ein Niedrighalten der Kosten für Arbeitskräfte und Umwelt. Die offensichtlichste Art, in der die Nationalstaaten im Interesse des Kapitals agieren, ist die Kontrolle der Arbeit(erklasse). Von Anti-Gewerkschaftsgesetzen über eine dem Schutz des Privateigentums verpflichtete bürgerliche Justiz und die Regulierung des Arbeitsmärkte durch Migrationskontrollen bis hin zum direkten Einsatz von staatlichen Organen gegen Streikende bleiben die Staaten eine lebenswichtige Institution für das Kapital.

Insgesamt läßt sich eine Entwicklung in zwei Richtungen festmachen: Staaten ziehen sich einerseits aus der direkten Beteiligung in der Wirtschaft zurück - dort, wo es gilt, die Profite den Privaten (der Kapitalistenklasse) zu überlassen. Staaten werden andererseits mehr involviert - dort, wo es gilt, diese Profite durch staatliche Rückendeckung zu garantieren und notfalls zu retten. Anders als von den Vertretern des Globalisierungskonsenses behauptet, bedeuten die Veränderungen in der Weltwirtschaft jedenfalls keineswegs, daß Firmen auf Staaten, über die sie Euinfluß ausüben, nicht mehr angewiesen sind. Der internationale Konkurrenzkampf kann in mancherlei Hinsicht sogar dazu führen, daß Konzerne von staatlicher Unterstützung mehr abhängig sind als früher.

Globaler Keynesianismus?

Hirst/Thompson liefern in vielen ökonomischen Aspekten eine treffende Kritik an der Globalisierungsthese, mit ihren politischen Schlußfolgerungen sieht es allerdings wesentlich trister aus: Die internationalen Konzerne seien, "was deren wirtschaftliche Tätigkeit insgesamt betrifft, weiterhin weitgehend an ihr Heimatterritorium gebunden; sie bleiben stark Înational verankertâ und sind weiter eher multinationale Konzerne als TNCs. Das bedeutet, daß es nicht außerhalb der Macht der nationalen Regierungen liegt, diese Firmen zu regulieren."[38] Hirst/Thompson sehen also die Grenzen der Globalisierung als möglichen (und ihrer Meinung nach nötigen) Ausgangspunkt für eine Rückkehr zu einem nationalen Reformismus - beziehungsweise zu einem regionalen und globalen Reformismus. Wie sie sich das vorstellen, führen sie in den letzten Kapiteln ihres Buches explizit aus.

Sie glauben, daß die Regierungen mit einigen kleineren Adaptionen ihrer traditionellen Techniken wieder Ordnung in die Ökonomie bringen können. Dazu müßten im besonderen die gegenwärtigen Wirtschaftsgipfel zu einer systematischen Kooperation ausgeweitet werden. Und vor allem müßten die wichtigsten Wirtschaftsmächte Regeln für die Geldmärkte und für Direktinvestitionen aufstellen. governance[39] sei - so die Zusammenfassung von Hirst/Thompson - durch die Erfüllung folgender Punkte möglich: "1. durch Vereinbarungen der wesentlichen fortgeschrittenden Staaten und besonders der G3[40]; 2. durch die von einer substantiellen Anzahl von Staaten betriebene Schaffung internationaler Regulationsinstitutionen für bestimmte Ausmaße ökonomischer Aktivität wie die Welthandelsorganisation WTO; 3. durch die Kontrolle großer Wirtschaftsgebiete durch Handelsblöcke wie die EU oder die NAFTA; 4. durch eine Politik auf nationaler Ebene, die die Kooperation und die Konkurrenz zwischen Firmen und den wichtigsten sozialen Interessen im Gleichgewicht hält; 5. durch eine Politik auf regionaler Ebene, die Industriebezirken kollektive Dienstleistungen zur Verfügung stellt."[41]

Das alles ist nichts anderes als ein Tagtraum von zwei ratlosen Universitätsprofessoren, ein Tagtraum, den Hirst/Thompson bemerkenswerterweise mit etlichen reformistischen Anhänger der Globalisierungsthese teilen (zum Beispiel mit Martin/Schuhmann) - und daraüberhinaus ein Tagtraum, der zu reaktionären Konsequenzen führt. Nichts deutet darauf hin, daß die Wirtschaftsgipfel die Weltwirtschaft regulieren könnten. Und auch internationale Institutionen wie die WTO, der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Weltbank sind gar nicht dazu in der Lage, die Märkte zu lenken. Ihre Finanzen sind - auch als Ergebnis der von ihnen selbst in den letzten zwei Jahrzehnten betriebenen Politik - viel zu gering dazu. Noch zweifelhafter als das Regulierungspotential dieser Institutionen ist ihr politischer Wille dazu, denn ihre gegenwärtige Linie entspricht schließlich den Interessen ihrer Hintermänner.

Was von den Wirtschaftsgipfel allerdings am wenigsten zu erwarten ist, ist eine Regulierung in eine für die Mehrheit der Menschheit sinnvolle Richtung. Es handelt sich bei solchen Treffen der führenden politischen Prokuristen der Großkonzerne um nichts anderes als ein Feilschen, in dem die verschiedenen Regierungen versuchen, die Interessen der verschiedenen Firmen, mit denen sie verbunden sind, durchzudrücken. Die Ergebnisse sind nicht der harmonische Ausfluß eines rationalen Dialoges, sondern Ausdruck von gegenseitigen Einschüchterungen, Drohungen und Erpressungen.[42] Die Herren und Damen Staatsmänner entscheiden sich lediglich dann freiwillig für ein gemeinsames Vorgehen, wenn die Interessen ihrer Kapitalgruppen zusammenfallen, wenn es zum Beispiel darum geht, die Märkte eines anderen Landes etwa durch die Androhung von Sanktionen für die gemeinsame Ausbeutung zu öffnen.

Der Aufruf zu mehr governance durch IWF, Weltbank, WTO und die Regierungen der Großmächte heißt nichts anderes als ihnen noch mehr Macht zuzuschieben, um den Rest der Welt den Interessen der mächtigsten Kapitalgruppen zu unterwerfen. Hinter einer grotesk-illusionären Perspektive, wie sie Hirst/Thompson präsentieren, steht in erster Linie ein fundamentales Unverständnis für das Funktionieren des Kapitalismus und seines Staates. Dahinter steht aber auch eine falsche Erklärung der kapitalistischen Entwicklung im 20 Jahrhundert.

In ihrer Einschätzung des Kapitalismus von der Zwischenkriegszeit bis Anfang der 70er Jahre teilen Hirst/Thompson Hirst/Thompson die Sichtweise der meisten Globalisierungstheoretiker. Sie betrachten das in dieser Zeit relativ hohe Niveau an staatlicher Intervention als Regierungsinitiativen unter dem Druck der öffentlichen Meinung, um durch keynesianistische Methoden die Wirtschaftskrise abzuwenden und der Bevölkerung ein besseres Leben zu garantieren. Das trifft jedoch keineswegs den Kern der Sache. Tatsächlich entsprach die Politik in diesen Phasen den jeweiligen Interessen des Kapitals: In den 30er Jahren ging es (in den faschistischen Ländern ebenso wie in den bürgerlich-demokratischen) darum, durch Rüstungs- und Infrastrukturprogramme und staatliche Angriffe auf den Lebensstandard der Arbeiterklasse den Krieg vorzubereiten. Erst als die Kriegsvorbereitungen (und schließlich der Krieg) die Krise in einen Boom verwandelten, begann der Lebensstandard in Ländern wie Großbritannien oder den USA sich wieder zu verbessern.[43] Nach 1945 war die Bourgeoisie unter der Führung der USA daran interessiert, das System durch Währungsregulierungen, Wiederaufbauprogramme und andere staatliche Maßnahmen zu stabilisieren und zu regulieren. Dabei sollte gleichzeitig der Bedrohung durch eine wieder selbstbewußt gewordene Arbeiterbewegung, die Sowjetunion und die nationalen Befreiungsbewegungen in den (halb)kolonialen Ländern durch Zugeständnisse an die Arbeiterklasse in den imperialistischen Zentren das Wasser abgegraben werden. Aufgrund der erneut sanierten Profitrate konnte man sich das jetzt auch leisten. Insgesamt waren die verschiedenen staatsinterventionistischen Konzeptionen nicht die Initiatoren für eine stärkere Kontrolle des Kapitals, sondern im Gegenteil ideologischer Ausdruck der aktuellen Bedürfnissen der Kapitalakkumulation. Keynesianismus ging solange gut, solange die Wirtschaft florierte. Mit der Wiederkehr der zyklischen Krisen in den 70er Jahren und dem erneuten Rückgang der Profitraten war auch der Keynesianismus (in einigen Ländern schneller als in anderen) am Ende. Gerade zu dem, was seine Protagoniten versprachen, nämlich Ausgleich von ökonomischen Krisen und Durchsetzung von Reformen im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung, erwies er sich als unbrauchbar.

Seit der Mitte der 70er Jahre fanden im kapitalistischen Weltsystem erneut wichtige Veränderungen statt. Der effektivste Weg, auf dem Staaten (schwächere imperialistische Länder und NICs ebenso wie ökonomisch rückständige Länder) die Akkumulation von nationalem Kapital fördern konnten, war nun nicht mehr die Reduzierung der direkten Verbindungen der Binnenwirtschaft mit dem Auslandskapital. Was zwei bis drei Jahrzehnte mehr oder weniger funktioniert hatte, wurde nun zunehmend zu einer kostspieligen Option, da dadurch der Zugang zu neuen Technologien (die sich in der Hand der wichtigsten multinationalen Konzerne befinden) beschränkt wurde. Die Staaten kamen unter enormen Druck, dem nationalen Kapital stärkere Verbindungen mit dem Auslandskapital zu ermöglichen: Kredite von ausländischen Banken, Kooperationen mit Multis im Austausch für den Zugang zu neuen Technologien. Das passierte gerade zu dem Zeitpunkt als die Weltwirtschaft Mitte der 70er Jahre erneut in die Krise schlitterte. Die Regierungen, die den keynesianistischen Methoden angehangen waren, ohne (während dem langen Boom) gezwungen zu sein, sie anzuwenden, waren nun mit Rezessionen konfrontiert und mußten feststellen, daß diese Methoden nicht funktionierten. Die Staaten konnten ihren nationalen Akkumulationsprozeß nicht vor der internationalen Krise schützen.[44]

Das war für die Reformisten, die glaubten, daß ihre auf keynesianistische Annahmen gestützte Politik für die westlichen Länder die zukunftsweisende Perspektive sei, natürlich ein harter Schlag. Die Folge dieses Scheiterns war auf ideologischer Ebene die Durchsetzung des Neoliberalismus und auch des Globalisierungskonsenses. Dabei anerkennen die gewendeten Reformisten allerdings nicht, daß ihre Hoffnungen auf einen regulierten Kapitalismus schon immer ziemlicher Mist waren. Stattdessen behaupten sie nun, daß wir uns heute eben in einer völligen neuen Welt befänden, die eine völlig neue Politik (Lohnverzicht, "Flexibilität", Sozialabbau & Co.) erfordere. Tatsächlich war es schon immer so, daß reformistische Regierungen angesichts anhaltender Krisen des Systems völlig hilflos waren und daß sie versuchten, sich mit dem Hinweis auf internationale Kräfte, die außerhalb ihres Einflußes stehen, zu rechtfertigen.[45] Das Gewicht des internationalen Systems so zu groß, um durch Regierungsmaßnahmen hier irgendetwas ausrichten zu können.

Damit haben die Reformisten der 30er Jahren ebenso wie die der 90er Jahre nicht ganz unrecht. Reformistische Regierungen haben keine Antwort auf die Krise, weil sie Zwänge und Grenzen des Systems akzeptieren. Sie wollen die Produktionsmittel in den Händen der Bourgeoisie belassen. Insoweit sie versuchen, etwa durch staatliche Investitionsprogramme oder Besteuerung die Macht des Kapitals einzuschränken, versuchen sie das von oben nach unten, durch die bestehenden Staatsapparate - Apparate, die als Instrumente des Kapitals strukturiert sind und die von denjenigen dominiert werden, die sich mit den Interessen des Kapitals identifizieren. In der reformistischen Perspektive gibt es für den Klassenkampf der Arbeiterklasse als entscheidendes Mittel keinen Platz. Da aber nur dieser Klassenkampf das Potential zur Sprengung der Zwänge des System in sich trägt, schauen die Reformisten - die Unterstützer der GlobalisierungstheseÊ ebenso wie ihre Skeptiker - gegenüber den rabiaten Dynamiken des Freien Marktes so armseelig aus der Wäsche.

Perspektiven des Systems

Teilweise kommen die Anhänger der Globalisierungsthese zu der Schlußfolgerung, daß das System zwar unkontrollierbar, aber nichtsdestotrotz weniger gefährlich sei als in der Vergangenheit. Da sie die Bedeutung der Staaten herunterspielen, tendieren sie auch dazu, die Möglichkeiten von zwischenstaatlichen Konflikten und Kriegen als gering einzuschätzen. Es seien zwar staatliche Strukturen notwendig, um das System des Freihandels (und "Demokratie und Freiheit") gegen Unruhen und (unbotmäßige) autoritäre Regimes (in rückständigen Ländern) zu verteidigen, militärische Konflikte zwischen Staaten würden aber nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.[46]

Interessanterweise enden auch Hirst/Thompson - als Konsequenz ihrer reformistischen Perspektive - bei der utopischen Hoffnung auf Weltfrieden und Sicherheit. Eine offene Weltwirtschaft, die sich auf internationalen Handel und die Regulation durch (reformierbaren) Staaten und supranationale Institutionen stützt, könnte ihrer Meinung nach die schlimmsten Instabilitäten der Finanzmärkte relativ schnell in den Griff bekommen und für soziale Verbesserungen sorgen. Kriege seien angesichts des modernen Kriegsmaterials[47] im Umgang zwischen den imperialistischen Ländern so und so irrelevant geworden. Diese Sichtweise reflektiert (neben Naivität) auch die ignorante Weigerung, aus dem von ihnen selbst vorgelegten empirischem Material die nötigen Schlußfolgerungen zu ziehen: Die Herausbildung von imperialistischen Wirtschaftsblöcken bedeuten eben nicht nur zunehmende ökonomische Konflikte, sondern in der Perspektive auch politische und militärische. Rivalitäten um Einflußsphären am Balkan oder in Afrika sind da nur Vorboten einer künftigen Entwicklung.

Eine konsistente Zurückweisung des Globalisierungskonsenses muß zu einer anderen Einschätzung kommen, welchen Weg das System nehmen wird, nämlich den internationaler Konflikte und Kriege und unkontrollierbarer Krisen. Die Grundlage dafür sind die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Kapitalgruppen, die sie über verschiedene Staaten durchzusetzen versuchen werden. Da gibt es Konzerne, die eine globale Vorherrschaft durch Freihandel erreichen wollen - entweder von einer national verankerten Produktion aus, die alle Konkurrenten aus dem Feld schlägt oder durch global assembly lines. Das trifft auf große Teile der US-Wirtschaft und auf einige britische Multis zu, die sich aber auch auf ihre Nationalstaaten stützen und deren Einfluß in internationalen Institutionen wie IWF, WTO und Weltbank groß ist. Die meisten japanischen Konzerne setzen hingegen auf eine relativ großes Ausmaß von Schutz durch den eigenen Staat. Handelserschwerungen durch andere Staaten versuchen sie durch das beschriebene toyotistische Konzept und den damit verbundenen Schutz durch die Staaten, in denen die Tochterfirmen angesiedelt sind, zu unterlaufen. Die meisten deutschen und französischen Konzerne konzentrieren ihre Expansion in die benachbarten Teile Europas, was eine Orientierung auf eine Stärkung der europäischen Instituationen bedeutet und nicht auf einen weltweiten Freihandel.[48] All das heißt nicht, daß eine Aufteilung der Welt in abgeschottete nationale Ökonomie auf der Tagesordnung stünde. Aber der Welthandel ist nicht Freihandel in dem Sinn, daß er auf Nichteinmischung der Staaten beruht, sondern einer, der auf einem ständigen gegenseitigen Druckausüben zur Durchsetzung der Interessen von Kapitalgruppen gegründet ist.

Das ist jedenfalls nicht die von der Globalisierungstheorie beschriebene Welt, die sich auf das neoklassische Modell von Kapitalen, die frei miteinander interagieren. Es ist vielmehr eine Welt, in der eine beschränkte Anzahl von Staaten und Konzernen miteinander feilschen und ringen, um ihre Absichten durchzusetzen. Und diese Auseinandersetzungen bleiben nicht auf die ökonomische Ebene beschränkt. Ökonomische Krisen drücken sich letztlich immer in politischen Erschütterungen aus. Die imperialistischen Staaten sind weiter hochgerüstet und die Tatsache, daß das Kriegsgerät zur Zeit in der Regel außerhalb der fortgeschrittenen Länder eingesetzt wird, ändert nichts an den dramatischen Auswirkungen für die betroffene Bevölkerung[49] und an dem zerstörerischen Potential des Systems als solchem.

Die Globalisierungsvertreter erkennen das ebensowenig wie Reformisten ˆ la Hirst/Thompson, die dem Mythos einer keynesianistischen Vergangenheit anhängen. Ein solches konistentes Verständnis inklusive der nötigen Schlußfolgerungen bleibt letztlich den Marxisten vorbehalten. Für uns geht es einerseits darum, nachzuweisen, daß die Anhänger der Globalisierungsthese eine Tendenz für eine etablierte Tatsache ausgeben, daß sie entgegenwirkende Tendenzen wie die fortgesetzte Staatsintervention und die imperialistischen Rivalitäten zwischen den Blöcken weitgehend ignorieren. Und es geht andererseits darum, aufzuzeigen, daß Kritiker wie Hirst/Thompson zwar richtigerweise die Verbindungen und Abhängigkeiten der Kapitalgruppen von Nationalstaaten betonen, daß sie aber in manchen Punkten die Bedeutung der jüngsten Entwicklungen unterschätzen. Vor allem geht es aber auch darum, klar zu machen, daß der von Vertretern beider Konzeptionen propagierte Reformismus (egal ob national oder global abgelegt) keinen Ausweg darstellt, daß relevante Veränderungen in der gegenwärtigen Entwicklung nicht aus der Weisheit von irgendwelchen internationalen Institutionen resultieren werden, sondern höchstens aus Krisen und aus Versuchen der wesentlichen imperialistischen Mächte, die Widersprüche auf Kosten ihrer Rivalen zu lösen.

Die offen bürgerlichen Kräfte werden in der nächsten Phase im wesentlichen weiterhin zwei politische Tendenzen hervorbringen: erstens neoliberale Strömungen, die die Kapitalgruppen repräsentieren, die von der gegenwärtigen Entwicklung des Systems profitieren; zweitens nationalistisch-protektionistische Strömungen, die die Kapitalgruppen repräsentieren, die von der gegenwärtigen Entwicklung an den Rand gedrängt werden. Wieweit es letzterer gelingt, auch Teile der Arbeiterklasse hinter sich zu scharen, wird vor allem von der Politik der Arbeiterbewegung abhängen.

Ein Reformismus, der von einem nationalen ökonomischen Standpunkt aus versucht, das rabiateste Agieren des Kapital zu limitieren, hat angesichts der Internationalisierung des Kapitals immer mehr ausgespielt und kann auch den Arbeitern in den imperialistischen Ländern immer weniger Perspektive bieten, was sich in einer zunehmenden Zersetzung des Vertrauens in die reformistischen Arbeiterparteien ausdrückt. Und auch ein globaler Reformismus hat angesichts der Dynamik der Kapitalakkumulation und der sich immer weiter verschärfenden internationalen Konkurrenz keine Chance auf eine Durchsetzung. Er wäre mit den gegenwärtigen Bedürfnissen des Systems schlicht und einfach nicht vereinbar.

Die Alternative, die von manchen kleinbürgerlichen Linken vorgeschlagen wird, Think globally, act locally! (bestenfalls kombiniert mit einer diffusen internationalen Vernetzung), krankt gleich an mehreren Stellen: Erstens steht politisches Massenbewußtsein in enger Beziehung zu Lebensrealität und politischer Praxis. Ein globales Denken kann am ehesten in einer Wechselwirkung mit internationalem Agieren entstehen, durch die nationale Beschränktheiten überwunden und internationale Perspektiven entwickelt werden können. Es ist wohl reichlich idealistisch und weltfremd zu glauben, daß ein solches internationalistisches Bewußtsein durch reine Aufklärungsarbeit von irgendwelchen Intellektuellen unter freiwilliger Selbstbeschränkung auf lokales Agieren entstehen kann. Zweitens stellt sich die Frage, was geschehen soll, wenn es tatsächlich gelingen sollte, das herrschende System durch lokales Handeln ins Wanken zu bringen. Abgesehen davon, daß das eine reichlich unrealistische Aussicht ist, wäre wohl spätestens dann ein internationales Agieren notwendig, um eine globale Alternative durchsetzen zu können und die Initiative nicht erst recht wieder den bürgerlichen und reformistischen Kräften zu überlassen. Drittens sind gerade in den letzten zehn bis 15 Jahren viele Klassenkämpfe daran gescheitert, daß sie lokal oder national isoliert geblieben sind und daß es in der Folge den Unternehmern gelungen ist, Belegschaften von verschiedenen Standorten gegeneinander auszuspielen. Die lose internationale Vernetzung von Gewerkschaften hat da einfach nicht ausgereicht, notwendig war ein reales international konzertiertes Vorgehen. Angesichts dessen lokale Beschränktheit von Aktionen auch noch zu idealisieren, zeugt - gelinde gesagt - nicht von besonderer Schlauheit.

Und anders als uns die Propagandisten der Kapitalistenklasse glauben machen möchten, bedeuten die Tendenzen zu Internationalisierung der Ökonomie keineswegs, daß die Arbeiter auf verlorenem Posten stünden und keine Chance mehr hätten, durch Klassenkämpfe etwas zu erreichen. Die internationale Integration verstärkt (dort wo sie tatsächlich besteht) sogar die Position von bestimmten Gruppen von Arbeitern. Im global-assembly-line-Modell kann eine Gruppe von Arbeitern, die einen bestimmten Komponenten herstellt, im Prinzip eine ganze Industrie zum Stehen bringen. Aber auch das auf eine regionale Basis gestützte Produktionsmodell ist nicht weniger anfällig. Beispielsweise streikten 1988 die Ford-Arbeiter in Großbritannien und brachten innerhalb von drei oder vier Tagen die komplette Produktion von Ford-Europa zu erliegen. Dasselbe passierte vor einigen Jahren als eine relativ kleine Gruppe von Arbeitern, die in ihrem Werk einen Komponenten herstellten, sämtliche Operationen von General Motors in Nordamerika zum Stehen brachten.[50] Und auch in anderen Bereichen, etwa Telekommunikation oder Transport, ist das moderne kapitalistische System sehr sensibel und kann das Funktionieren der Wirtschaft durch entschlossene Klassenkämpfe relativ leicht in ernste Probleme gebracht werden. Als Beispiele seien hier nur die Streiks der französischen Eisenbahner und LKW-Fahrer 1995/96 und der Streik der UPS-Arbeiter in den USA 1997 genannt.

Die Arbeiter haben in den letzten zwei Jahrzehnten viele Niederlagen erlitten. Aber nur wenige davon waren darauf zurückzuführen, daß das Kapital einfach seine Koffer gepackt und die Produktion ins Ausland verlagert hat. Der Grund für die Niederlage war in der Regel, daß die Firmen in der Lage waren, die Produktion in den anderen bestehenden Werken (oder in neuen Werken in derselben Region) aufrechtzuerhalten oder sogar auszuweiten. Das wiederum war auf die Feigheit, die Unfähigkeit und die mangelnde Solidarität der reformistischen Gewerkschaftsführungen zurückzuführen. Die entscheidenden Lehren aus diesen Erfahrungen sind, daß nur ein Bruch mit den reformistischen Hoffnungen auf einen Kompromiß mit der Kapitalistenklasse und eine Globalisierung des Klassenkampfes eine erfolgversprechende Perspektive bieten.

Davon wollen Hirst/Thompson nichts hören. Sie klammern sich an die Illusion einer Bändigung des Kapitalismus in Kooperation mit dem zur Einsicht zu bringenden Establishment. Aber trotz ihrer jämmerlichen politischen Perspektive kann ihre Arbeit Globalization in Question, die bisher leider nicht in Deutsch vorliegt, als informativer Kontrapunkt zum mainstream in der Globalisierungsdebatte nur empfohlen werden.

Julia Masetovic

 



[1] Michael Mann: As the twentieth century ages, in: New Left Review 214/1995

[2] W. Ruigrok & R. van Tulder: The Logic of International Restructuring, London 1995

[3] Paul Hirst & Grahame Thompson: Globalization in Question, Cambridge 1996, p. 1; (hier und in Folge: eigene Übersetzung)

[4] ebd., p. 7

[5] ebd., p. 10

[6] ebd., p. 11

[7] ebd. (auf eine Übersetzung von "footloose capital" wurde verzichtet); eine entsprechende Darstellung von Vertretern der Globalisierungskonzeption findet sich z.B. bei W.I. Robinson: Globalisation: nine theses on our epoch, in: Race and Class 38/2 1996

[8] ebd., p. 10

[9] siehe: Eric Wegner: Der Zweite Weltkrieg - Demokratie gegen Faschismus?, in: Marxismus Nr. 4, S. 9-58

[10] siehe: AGM: Imperialismus & marxistische Theorie, Teil 1: "Die Klassiker", in: Marxismus Nr. 7

[11] im deutschsprachigen Raum etwa Hans-Peter Martin und Harald Schumann in ihrer Schrift Die Globalisierungsfalle

[12] Foreign Direct Investment

[13] Zahlen nach: Malcolm Waters: Globalisation, London 1995; und Leslie Sklair: Sociology of the Global System, Hemel Hempstead 1995

[14] Hirst & Thompson, a.a.O., S. 20f

[15] Hirst & Thompson, a.a.O., S. 128

[16] Die Behauptung, daß die Verschiebung von Kapital in weniger entwickelte Länder auf der Suche nach niedrigeren Lohnkosten der Hauptgrund für die wachsende Arbeitslosigkeit in den fortgeschrittenen Ländern ist, läßt sich von Fakten keineswegs belegen. Die große Aufmerksamkeit, die in der bürgerlichen Öffentlichkeit bespielsweise der Verlagerung von Buchführungen und/oder Computertätigkeiten von Fluggesellschaften nach Indien zuteil wurde, steht in keiner Relation zu ihrer realen Bedeutung. So hat British Airways seit der Privatisierung etwa 17.000 Arbeitsplätze abgebaut, in Indien aber lediglich 130 geschaffen.

Insgesamt gab es eine relevante Verlagerung von Industrien, die eine relativ geringe Qualifikation der Arbeitskräfte erfordern (billige Textilien und Kleidung, einfache Haushaltsgüter ...), in Billiglohnländer wie Indien und besonders China. Aber die Produktion von höherwertigen Textilien, von Haushaltsgeräten und erst recht von Maschinen und ähnlichen Dingen bleibt weiterhin in den fortgeschrittenen Ländern konzentriert. Die Verlagerungen, die es gab, fanden auch nicht in die Länder mit den niedrigsten Löhnen statt, sondern noch am ehesten in die Newly Industrialized Countries (NICs), die ein relativ hohes Lohnniveau haben (Südkorea beispielsweise liegt nur knapp unter Großbritannien).

Von den zig Millionen Jobs, die in den imperialistischen Ländern in den letzten zwei Jahrzehnten beseitigt wurden, gehen maximal einige Hunderttausend auf das Konto von industriellen Importen, die heimische Produkte ersetzen. Besonders große Arbeitsplatzverluste gab es in den fortgeschrittenen Ländern ja auch gerade in Bereichen, in denen die Auswirkungen von Importen sehr gering sind: Bauwirtschaft, Zeitungsdruckereien, Hafenarbeiten, öffentlicher Dienst, Post und Telecom und einige andere. Rationalisierungen, neue Technologien und gesteigertes Arbeitstempo (entsprechend den Profitinteressen des Kapitals) sind die wesentlichen Ursachen für die Vernichtung von Millionen Jobs - und nicht die Auslagerung in Billiglohnländer.

Ausführungen in der Fußnote nach: Chris Harman: Globalisation: a critique of a new orthodoxy, in: International Socialism 73, Winter 1996

[17] sämtlich Zahlen aus: Hirst & Thompson, Kapitel 3 Trade, Foreign Direct Investment und International Inequality und Kapitel 4 Multinational Corporation and the Globalization Thesis

[18] Bei dieser Kategorie "Dienstleistungen" spielen die Finanzdienstleistungen die wichtigste Rolle.

[19] Zahlen nach Grafiken von: Hirst & Thompson, a.a.O., S. 91-94

[20] Zahlen nach: Ruigrok & van Tulder, a.a.O., S. 128

[21] Was diese vielgerühmten NICs in Ostasien betrifft, so sind sie nichtsdestotrotz in ihrer Wirtschaftsentwicklung massiv von den imperialistischen Staaten abhängig. Der US-amerikanische kritische bürgerliche Ökonomieprofessor Lester Thurow kommt in seinem neuesten Buch (Die Zukunft des Kapitalismus, Düsseldorf 1996) zu folgenden Einschätzung: "Im pazifischen Raum hat jedes Land eine großes Handelsdefizit mit Japan, das aus dem jeweiligen Handelsüberschuß mit den Vereinigten Staaten finanziert wird. Ohne die Vereinigten Staaten als offener Markt, der bereit ist, die asiatischen Güter aufzunehmen, würde der Handel innerhalb Asiens binnen 24 Stunden zusammenbrechen. Kein einziges Land wäre in der Lage, seine japanischen Importe zu bezahlen, und innerhalb kürzester Zeit wäre niemand mehr kreditwürdig. In den ostasiatischen Ländern wird immer wieder auf den sehr schnell wachsenden Handel innerhalb der Region verwiesen. Aber derlei Statistiken führen in die Irre. Was so aussieht wie Verkäufe Südkoreas an China, hängt ab von den chinesischen Verkäufen nach Amerika."

[22] Ruigrok & van Tulder, a.a.O., S. 157-163

[23] Lesley Day: Globalisation - A new stage of world economy?, in: Trotskyist International 21, January-June 1997, S. 3f

[24] Hirst & Thompson, a.a.O., S. 95

[25] Hirst & Thompson, a.a.O., S. 2

[26] Hirst & Thompson, a.a.O., S. 2

[27] Harman: a.a.O., S. 9

[28] siehe Ruigrok & van Tulder, a.a.O.

[29] Harman, a.a.O., S. 11

[30] Die Ausführungen in diesem Abschnitt richten sich nach: Harman, a.a.O., und Ruigrok & van Tulder, a.a.O.

[31] Das erklärt auch, warum die Lohnkosten für viele Konzerne nicht der wesentliche Faktor bei der Auswahl von Investionsorten sind.

[32] Harman, a.a.O., S. 14

[33] Ruigrok & van Tulder, a.a.O., S. 164

[34] Daten dazu siehe: Hirst & Thompson, a.a.O., S.80f

[35] Day, a.a.O., S. 4f

[36] siehe dazu auch den informativen (wenn auch durch und durch neoliberalen) Artikel Sieben fette Jahre für Amerika, NZZ, 21./22. Juni 1997; die weitverbreitete Ansicht, daß durch ein Nachvollziehen der Entwicklung in den USA und Großbritannien auch in Europa und anderen Teilen der Welt wieder größere Wachstumsraten und ein Rückgang der Arbeitslosigkeit möglich wären, ist geradezu lachhaft, denn der "Erfolg" der angelsächsischen Imperialismen beruht ja gerade darauf, daß gegenüber den anderen Staaten ein Konkurrenzvorteil herausgeholt wurde. Für eine zufriedenstellende Entwicklung für alle Kapitale ist der aus Absatzmärkten bestehende Kuchen schlicht zu klein - und angesichts der sinkenden Massenkaufkraft in viele imperialistischen Ländern (Sparpolitik ...) wird er noch kleiner.

[37] Ruigrok & van Tulder, a.a.O., S. 218f

[38] Hirst & Thompson, a.a.O., S. 98

[39] Die deutschen Übersetzungen ("Regierungsgewalt" oder "Kontrolle") scheinen mir nicht so treffend, weshalb ich es bei dem von Hirst/Thompson verwendeten englischen Ausdruck belasse.

[40] G3 steht bei Hirst/Thompson für die USA, Japan und die EU.

[41] Hirst & Thompson, a.a.O., S. 189

[42] So zwangen etwa 1987/88 die Regierungen der USA und Großbritanniens ihre "Partnern" bei den G10, gegenüber deren Banken die Konzeptionen des amerikanischen und britischen Kapitals zur Überwindung der Finanzkrise von 1987 durchzusetzen. Jeder Bank, die diese Konzeptionen nicht mitmachen wollte, wurde der Ausschluß von den Finanzplätzen New York und London angedroht; in: State against Markets: the limits of globalisation, London 1996, zitiert nach: Day, a.a.O., S. 5

[43] Harman, a.a.O., S. 23

[44] Harman, a.a.O., S. 24

[45] So erklärte Ramsay MacDonald der Konferenz der Labour Party 1930, daß seine Regierung nicht viel tun könne: "Es sind nicht wir, meine Freunde, die vor Gericht stehen. Es ist das System, in dem wir leben. Es ist zusammengebrochen, nicht nur auf dieser kleinen Insel; es ist in Europa zusammengebrochen, in Asien, in Amerika." (zitiert in: R. Skidelsky, John Maynard Keynes, Band 2, London 1994, S. 378)

Die Argumentation von dem "austromarxistischen" Sozialdemokraten und ehemaligen deutschen Finanzminister Rudolf Hilferding war fast ident: "Das Grundproblem ist, daß wir nicht in der Lage sind, den Leuten konkret zu sagen, wie wir die Krise überwinden werden, welche unmittelbar erfolgversprechenden Maßnahmen wir ergreifen werden. (...) Zu viele Dinge waren außerhalb des Einflußes der deutschen Sozialdemokratie, außerhalb des Einflusses von jedem; die Wirtschaftskrise war international." (Rudolf Hilferding, Brief an Kark Kautsky vom 2. Oktober 1931, zitiert in:Ê P. F. Wagner, Rudolf Hilferding, Theory and Politics of Democratic Socialism, New Jersey 1986, S. 155)

Sämtliche Zitate in dieser Fußnote nach: Harman, a.a.O., S. 25

[46] Diese These wird auch von vielen (ehemaligen) Pazifisten vertreten, so z.B. auch vom "Friedensforschungsinstitut" in Schlaining/Österreich (das auch für die ideologische Vorbereitung von UNO-Funktionären zur Durchsetzung des pax americana in Bosnien zuständig ist)

[47] So argumentierten übrigens auch vor dem Ersten Weltkrieg (mit Hinweis auf Giftgas ...) die Pazifisten, daß ein Krieg nun unmöglich geworden sei.

[48] Harman, a.a.O., S. 29

[49] 200.000 Tote (darunter über 100.000 Zivilisten) infolge der Bombadierung des Irak durch die imperialistische Allianz zur Verteidigung von Freiheit, Frieden und Demokratie.

[50] Harman, a.a.O., S. 27