Plan contra Markt

Ökonomie und Politik in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus.

Revolutionärer Marxismus, deutschsprachiges theoretisches Organ der Liga für eine Revolutionär-Kommunistische Internationale, Nr. 19

 

Ein Gespenst geht um in Österreich. Das Gespenst des Kapitalismus. Zwar ist der Kommunismus spätestens seit 1989 tot. Der US-Diplomat Francis Fukuyama lieferte den Abgesang vom ‘Ende der Geschichte’. Zur gegenwärtigen Ordnung sei keine Alternative mehr denkbar. Doch acht Jahre später ist die Marktwirtschaft erstaunlicherweise wieder ins Gerede gekommen.“ So beginnt ein Artikel mit dem programmatischen Titel „Böser Markt“, der nicht so sehr wegen seines Inhalts an sich - der ist mehr als banal - Erstaunen erwecken könnte, sondern schon eher wegen der Zeitschrift, in der er erschienen ist, nämlich im „profil“, genauer in der Nummer vom 15.9.1997.

Ziehen wir den „spätestens“ 1989 verschiedenen Kommunismus und die sozialpartnerschaftlich ausgewogene und versöhnlerische Stoßrichtung des Artikels einmal ab, reflektiert das Faktum, dass Artikel dieses Inhalts auch in Zeitschriften wie dem - revolutionär-marxistischen Tendenzen wahrlich abholden - „profil“ erscheinen, letztendlich eine Tatsache: Dass trotz des Sieges des Imperialismus über die degenerierten Arbeiterstaaten in der Phase ab 1989 die zentralen Widersprüche des Kapitalismus eben nicht außer Kraft gesetzt wurden, sich eben nicht in Luft aufgelöst haben und der Kapitalismus trotz seiner Erfolge in der Periode ab 1989 über kein längerfristig tragfähiges Konzept verfügt, um seine Widersprüche in den Griff zu bekommen.

In einer Situation wie dieser ist es sicherlich zu begrüßen, wenn die „Liga für eine Revolutionär Kommunistische Internationale“ sich die Aufgabe stellt, das Verhältnis von Wirtschaft und Politik in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus zu untersuchen, also das Verhältnis von Markt- und Plankräften in nachkapitalistischen Gesellschaften in den Griff zu bekommen. Die LRKI konnte dabei auf eine längerdauernde Beschäftigung und eine Reihe von Artikeln - auch in ihren deutschsprachigen Publiktionen - zurückgreifen, die in gewissem Sinne als Vorarbeiten für diese Broschüre zu betrachten sind (etwa ein Artikel zur Wirtschaftspolitik der ungarischen Räterepublik in Revolutionärer Marxismus Nr. 12 oder eine marxisische Kritik an den marktsozialistischen Utopien des in den deutschsprachigen Ländern nur wenig bekannten britischen Autors Alec Nove in RM 10).

Insgesamt besteht die Broschüre zu „Plan contra Markt“ - wenn wir einmal von Vorwort und Einleitung (dazu weiter unten) absehen wollen - aus fünf separaten Teilen: einem Abschnitt, der sich mit dem Erbe von Marx und Engels beschäftigt, einem zur Wirtschaftspolitik von 1917 bis in die 30er Jahre, einem zu den Reformversuchen der „Kommandoplanung“, einem vierten Teil zur Kritik marktsozialistischer Utopien und einem abschließenden Kapitel, in dem die LRKI ihre Sicht der Möglichkeiten des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus und die Grundzüge einer Wirtschaftspolitik in dieser Epoche positiv darlegt.

Wenn wir mit dem ersten Abschnitt, dem zu Marx und Engels, beginnen wollen, wird zuerst einmal korrekt festgestellt, dass Marx und Engels keine zusammenfassende, separate Arbeit über die politische Ökonomie des Sozialismus geschrieben hätten und dass ihre Gedanken „über theoretische, programmatische und polemische Bücher verstreut“ seien (7, wenn nicht anders angegeben, beziehen sich in Hinkunft die Zahlen immer auf die Seiten der LRKI-Broschüre). Im wesentlichen fasst die LRKI dann auf den nächsten beiden Seiten die Definition von Waren, Mehrwert und anderen grundlegenden marxistischen Kategorien - vor allem anhand von Zitaten aus „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“ - zusammen. Daran ist natürlich im Prinzip nichts auszusetzen, denn gerade der „Anti-Dühring“ gibt eine ganze Reihe klassischer Formulierungen zu den Grundsätzen der nachkapitalistischen Ökonomie, etwa wenn Engels klarstellt, dass die Produktion im Sozialismus, „soweit sie durch rein ökonomische Rücksichten beherrscht wird“ (MEW 20/186), am meisten dadurch gefördert werde „durch eine Verteilungsweise, die allen Gesellschaftsgliedern erlaubt, ihre Fähigkeiten möglichst allseitig auszubilden, zu erhalten und auszuüben“ (MEW 20, 186, Hervorhebung im Original). Trotzdem: Nach meinem Gefühl hätte dieser Abschnitt durchaus etwas breiter ausfallen und umfassender ausgearbeitet werden können.

Besonders enttäuscht hat mich in diesem Zusammenhang aber, dass offensichtlich ein Kapitel (oder der zweite Teil des ersten Abschnitts) in die LRKI-Broschüre nicht aufgenommen wurde: Im Vorwort wird zwar versprochen, das Vermächtnis von Marx und Engels kurz zusammenzufassen und erst nach einer Darstellung der „beschränkten Ausarbeitung ihrer Ideen durch die Theoretiker der Zweiten Internationale“ (3) das Experiment der jungen Sowjetunion zu behandeln, eine Darstellung der Diskussion in der Zweiten Internationale zu diesem Thema fehlt aber leider völlig. Lediglich der Hinweis wurde aufgenommen, dass „kein Theoretiker der Zweiten Internationale, sei er Bolschewist gewesen oder nicht“ (10), die Idee der Planwirtschaft tiefer als bis zur Nationalisierung der Banken und der Industrien und zur bewussten Verteilung der Arbeitszeit auf die verschiedenen Sektoren der Wirtschaft ausgearbeitet habe. Insbesondere hätten sie das Konzept einer zentralisierten und geplanten Verteilung der Arbeitszeit nicht weiter konkretisiert. Diese „theoretische Unterentwicklung“ (10) nicht nur, aber auch des Bolschewismus habe sich dann - und auch da ist der LRKI zuzustimmen - am wachsenden Einfluss der „verworrenen Positionen der ‘Linkskommunisten’“ (10) gerade auch in der Wirtschaftspolitik gezeigt.

Und damit sind wir auch schon bei der Besprechung des zweiten und dritten Kapitels angelangt, die sich mit der Wirtschaftspolitik im sowjetischen Arbeiterstaat und mit der „Ökonomik des blockierten Übergangs“ beschäftigen. Der Kriegskommunismus wird als Versuch der „plötzlichen Abschaffung“ des Kapitalismus „im Unterschied zu der in den ersten sechs Monaten der Revolution verfolgten Politik von Kontrolle und Unterordnung“ (12) definiert, allerdings hätten „die materiellen Voraussetzungen für einen solchen Abkürzungsweg zum Sozialismus“ (11) nicht existiert. Nach der Beschreibung der Neuen Ökonomischen Politik, der Wiedergabe der Debatten um Plan und Markt in der UdSSR in den 1920er und 1930er Jahren werden die (wechselnden) Positionen Bucharins und die Position Preobraschenskis zusammengefasst und schließlich Leo Trotzkis „Beiträge zum marxistischen Kanon (?) über den Übergang zum Sozialismus“ breit referiert. Der ganze Abschnitt über die Wirtschaftspolitik und die dementsprechenden Diskussion in der UdSSR ist weniger von neuem theoretischen Erkenntniswert, er bietet aber eine recht brauchbare Zusammenfassung der ökonomischen Politik der ersten Jahre der Sowjetunion und der Herausbildung der spezifisch sowjetischen Form der „Kommandoplanung“ aus orthodox-trotzkistischer Sicht. Gezeigt wird aber auch die Vielfalt an theoretischen Ansätzen, die innerhalb der Sowjetunion in den ersten Jahren und in der jungen KomIntern existierte - die Bandbreite reichte hier von jenen Linkskommunisten, die aus der Not des Bürgerkriegs eine marxistische Tugend machten und die kriegskommunistische Wirtschaftspolitik unter der Parole einer „proletarischen Naturalwirtschaft“ fälschlicherweise als Teil des Übergangs zum Sozialismus theoretisierten, bis zu jenen sowjetischen Ökonomen, die eine staatskapitalistische Wirtschaftspolitik verfolgten.

Es wird aber auch klar, dass die Sache mit der Planwirtschaft so einfach nicht ist: Die Politik der Arbeiterkontrollkomitees in den ersten Monaten nach der bolschewistischen Machtübernahme wird als „halbanarchistischer Betriebspartikularismus“ (10) beschrieben, das Fehlen von übergreifender Planung bis tief in die 1920er Jahre hinein ebenso benannt wie das Nachgeben Lenins und Trotzkis gegenüber der voluntaristischen Politik der Linkskommunisten, die im Kriegskommunismus den Ausgangspunkt für den Aufbau des Sozialismus sahen und nicht eine pragmatische Antwort auf die Kriegssituation, wie überhaupt der Kriegskommunismus eine „verzweifelte Form der Planung, um den Krieg zu gewinnen“ gewesen sei, eine Planung, „losgelöst vom Übergang zum Sozialismus“ (12).

Ähnlich charakterisieren würde ich auch das dritte Kapitel, die „Ökonomik des blockierten Übergangs“, die sich der Ökonomie der bürokratischen Planung und den marktsozialistischen Wirtschaftsexperimenten in den degenerierten Arbeiterstaaten Osteuropas, insbesondere in Ungarn und Jugoslawien, widmet. Auch hier steht die Zusammenfassung des theoretischen „Kanons“ im Vordergrund, die Sammlung und Neuformulierung steht vor der Neudefinition und Positionsentwicklung.

Von größerem Interesse für die marxistische Diskussion (um nicht falsch verstanden zu wrden, ich finde die oben besprochenen Kapitel auch durchaus interessant und wichtig!) sind da schon die beiden folgenden Abschnitte, die sich der Kritik der offenen wie versteckten Gegner der Planwirtschaft widmen und dann eine positive Darlegung der „Haupteigenschaften des Übergangs zum Sozialismus“ (3) aus der Sicht der LRKI präsentieren.

Im ersten dieser beiden Teile wird zuerst der neoliberalen Kritik am Sozialismus die gerechte Abfuhr erteilt, dann wird den Wurzeln des Marktsozialismus nachgespürt und schließlich mit Oscar Lange und Fred Taylor zwei der „frühen Verfechter der Vernünftigkeit des Sozialismus“ (29) und ihre Konzepte für eine Integration von Marktelementen in den sozialistischen Aufbau vorgestellt. Schließlich werden mit Ota Sik, Alec Nove und Ernest Mandel drei Konzepte jüngeren Datums, die sich dem Verhältnis von Plan und Markt widmen, einer Kritik unterzogen. „Plan und Markt im Sozialismus“, 1965 in der ehemaligen Tschechoslowakei entstanden, war als Kritik der stalinistischen Kommandoplanung konzipiert und versuchte Methoden aufzuzeigen, um das Interesse der Arbeiter an einer optimalen Produktionsentwicklung zu heben und damit das Problem der stalinistischen Planung zu vermeiden, das sich durch schlechte Arbeitsdisziplin, niedrige Arbeitsmoral und daraus resultierende niedrige Produktivität charakterisieren lasse. Siks Antwort geht in die Richtung größerer Autonomie der einzelnen Fabriken und einer Ausnutzung von Marktelementen und Marktdisziplin. Die LRKI kritisiert zurecht, dass in Siks Schema nicht berücksichtigt werde, was getan werden sollte, „falls die konkrete Arbeit ohne Schuld der Arbeiter im Unternehmen die Optimumentwicklung verfehlt“ (31) - in der Tat ist genau das ein wichtiger Schwachpunkt in seinem Schema -, und endet mit dem auch später nochmals wiederholten Bekenntnis:

Ota Siks Eintreten für Lohnerhöhungen für Arbeiter in einer Unternehmung, (die) erfolgreicher als andere abschneidet, wäre für den Übergang zum Sozialismus verheerend; es würde die Solidarität untergraben und die Ungleichheit steigern. Im Gegenteil, alle Arbeiter müssen aus gestiegener Produktivität einen Nutzen als Ergebnis der Preissenkung für Gebrauchsartikel ziehen“ (31).

Im Abschlusskapitel wird derselbe Gedanke noch einmal apodiktisch formuliert: „Marxisten lehnen von vornherein die Vorstellung ab, daß die Arbeiter Lohnzuschläge für Produktivitätszuwächse ihres Unternehmens erhalten sollten. (...) Produktivitätszuwächse sollen nicht nur individuellen Arbeitern oder Unternehmen, sondern der Gesellschaft insgesamt in Form niedrigerer Preise, höherer Qualität und Auswahl an Produlten zugute kommen“ (40).

Mir erscheint da ein Problem vorzuliegen, bei dem es sich lohnt, etwas länger zu verweilen: Ich stimme dem Grundgedanken im Prinzip zu, soweit es sich um die Etappe des Sozialismus handelt, der ja in der marxistischen Terminologie durch das Verschwinden sozialer Klassen gekennezeichnet ist und sich von der Etappe des Kommunismus letztlich dadurch unterscheidet, dass die Verteilung an den einzelnen nach wie vor an der Quantität der für die Gesellschaft geleisteten Arbeit gemessen wird und die Aufhebung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und das Verschwinden des Gegensatzes von Stadt und Land noch nicht abgeschlossen ist. Ich habe auch kein Problem damit, dem Grundgedanken zuzustimmen, sofern es sich um ein Ziel, das angestrebt werden sollte und auf das wir unsere Politik hin orientieren, handelt.

Aber wir sind heute mit einer Gesellschaft konfrontiert, in der eben genau das, was Marxisten „von vornherein“ ablehnen, Realität ist: Es gibt eben heute unterschiedliche Löhne (und eben auch Lohnzuschläge für Produktivitätsgewinne), und das nicht nur innerhalb der verschiedenen Branchen, sondern auch im Vergleich der Branchen zueinander und im Vergleich der Länder auf weltweiter Ebene. Und es wäre idealistisch zu glauben, dass diese Unterschiede unmittelbar mit der Revolution verschwinden würden, das weiss ja auch die LRKI. Müsste daraus nicht eigentlich folgen, dass es eine Frage der Kräfteverhältnisses und der Entwicklung des Bewusstseins ist, wie schnell diese Unterschiede abgebaut werden können? Und wenn wir mit Lenin von der Notwendigkeit und Richtigkeit von Zugeständnissen an das real existierende Bewusstsein ausgehen und auch höhere Löhne an Spezialisten, deren Kenntnisse für den Aufbau einer nachkapitalistischen Gesellschaft unabdingbar sind, nicht ausschließen, müsste das nicht eigentlich heißen, dass auch Zugeständnisse an den Betriebsegoismus nicht ausgeschlossen werden können? Müsste der Abbau dieser Unterschiede nicht parallel mit der Festigung eines kollektiven, sozialistischen Bewusstseins gehen? Ich denke, dass wir uns angewöhnen sollten, gerade für die Etappe des Übergangs zum Sozialismus, der ja noch die „Muttermale“ der alten, gerade erst überwundenen kapitalistischen Gesellschaft anhaften, möglichst wenige konkrete Aussagen zu machen, auch möglichst wenig „von vornherein“ auszuschließen! Wichtig ist hierbei aber vor allem dreierlei: das schlussendliche Ziel der klassenlosen Gesellschaft nicht aus den Augen zu verlieren, zielstrebig auf dieses Ziel zuzugehen und möglichst wenige Hindernisse - und das gilt auch für die Ebene des Bewusstseins, etwa indem größere Schichten des Proletariats vom Ziel des sozialistischen Aufbaus entfremdet würden - vor uns aufzutürmen!

Um es zusammenzufassen: Mir ist manchmal nicht ganz klar, ob nun von der Etappe des Sozialismus und des Kommunismus oder einer Übergangsgesellschaft die Rede ist. Und was für den Sozialismus und Kommunismus gilt, in dem der bewusstseinsmäßige Schutt einer warenproduzierenden Gesellschaft weitgehend beseitigt sein müsste, muss und kann noch lange nicht gelten für die Etappe des Übergangs, dessen Aufgabe auf der Ebene des Bewusstseins eben genau die vorsichtige, aber zielstrebige Zurückdrängung ebendieser Überreste des Kapitalismus ist!

Abgesehen davon aber, scheint mir, sollte auch für die Etappe des Sozialismus nicht ausgeschlossen werden, dass bei der Zuteilung des gesellschaftlichen Reichtums an den einzelnen (noch) die real geleistete Arbeit (und nicht nur die Arbeitszeit in Minuten und Stunden) eine wichtige Rolle spielt. Natürlich, die Arbeitszeit dient als „Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gesamtprodukts“ (Kapital, Band 1, S. 93), aber die „Quantität der geleisteten Arbeit“, an die die Zuteilung der Güter (nach Abzug der sozialen Kosten und ausgenommen die kostenlose Befriedigung der rundlegenden Bedürfnisse) gebunden bleibt, wird in einer sozialistischen Gesellschaft wahrscheinlich auch genauer und komplexer berechnet werden können als bloß durch einen Vergleich der geleisteten Arbeitszeit quasi mit der Stoppuhr... Schließlich geht ja auch die LRKI davon aus, dass dies möglich sein müsse, denn für sie ist klar „daß sozialistische Planung einen quantitativen Standard braucht, mit dem die Produktivität von Technologien und Typen der Arbeitsorganisation gemessen, Proportionen berechnet und mögliche Vebrauchsniveaus bestimmt werden müssen“ (34).

Um Mißverständnisse zu vermeiden: Engels ist voll zuzustimmen (und in seinem Gefolge auch der LRKI), wenn für die Epoche des Sozialismus davon ausgegangen wird, dass das Problem der qualifizierten Arbeit nicht durch eine höhere Bezahlung besser qualifizierter Arbeitskräfte gelöst werden dürfe. Im Unterschied zur Gesellschaft von Privatproduzenten, in der „die Privatleute oder ihre Familien die Kosten der Ausbildung des gelernten Arbeiters“ bestreiten und in der den Privaten daher „zunächst“ auch „der höhere Preis der gelernten Arbeitskraft“ zufällt (MEW 20/187), bestreitet im Sozialismus die Gesellschaft die Ausbildungskosten, „ihr gehören daher auch die Früchte“ (MEW 20/187). Hier geht’s nicht um die Frage der qualifizierteren Arbeit, sondern um das Problem von intensiverer und weniger intensiver Arbeit - sei es nun die eines einzelnen oder die eines Kollektivs! Hier zeigt auch die Broschüre wenig Klarheit - die LRKI behilft sich mit der wenig aussagekräftigen Standardformel, dass „nicht alle Formen der Konkurrenz destruktiv“ seien und „die Solidarität der Produzenten“ unterminieren würden (42).

Nach Ota Sik wird Alec Noves „Machbarer Sozialismus“ einer Kritik unterzogen - die „Bibel der linksreformistischen Intelligenz“ (31), das „Standardwerk des modernen Marktsozialismus“ (RM 10, S. 11) und ebenso Ernest Mandel, von dem vor allem dessen Antwort an Alec Nove genauer unter die Lupe genommen wird. Mandels Arbeit wird zuerst im generellen gewürdigt, und es kann ja auch wirklich nicht verschwiegen werden, dass die LRKI bei der positiven Darlegung ihrer Sicht der Dinge sehr weitgehend auch auf Mandel zurückgreift (vor allem auf den zweiten Band der „Marxistischen Wirtschaftstheorie“, insbesondere auf das Kapitel XVI dieses Werks, „Die Wirtschaft der Übergangsperiode“). Kritisiert wird an Mandel vor allem die Vereinfachung der Probleme der sozialistischen Wirtschaftsorganisation, die ihn nach Ansicht der LRKI in die Nähe von „utopischen Sozialismuskonzeptionen wie der einer ‘Gebrauchswertökonomie’ - oder wie Varga es 1919 formulierte - ‘einem System von Naturalwirtschaft’“ rückt (34). Und in der Tat macht es sich Mandel etwa in der „Marxistischen Wirtschaftstheorie“ etwas zu leicht, wenn er summarisch und zusammenfassend das Verhältnis von Plan und Markt folgend beschreibt; dass man „zwischen Plan und Markt“ eben „einen vernünftigen Mittelweg gehen“ müsse (Marxistische Wirtschaftstheorie, S. 808).

Im letzten Kapitel, dem theoretisch dichtesten und kompaktesten, bringt die LRKI ihren Ansatz für ökonomische Leitung im Sozialismus. Die Einwände gegen die Planwirtschaft werden versucht, umfassend zu widerlegen, und das Spannungsverhältnis von Zentralismus und Dezentralisierung wird korrekt damit umschrieben, dass der „Plan so dezentralisiert wie möglich“ sein sollte und die „Entscheidungen auf der untersten Ebene, die für ein bestimmtes Problem sinnvoll ist, fallen sollen“ (43). Als Positivum der vorliegenden Arbeit ist insgesamt festzustellen, dass die LRKI klar herausarbeitet, dass der Aufbau einer Planwirtschaft die „bewusste Allokation von Ressourcen“ einschliesst und die Kalkulation auf Basis der Arbeitszeit das Mittel und das Maß dieser Allokation bildet (38). Mit den obigen Einschränkungen erscheint mir die Klarheit, mit der die LRKI auf der Regulationsfunktion der Arbeitszeit beharrt, ein wichtiger Schritt vorwärts in der Diskussion um die Struktur und die Regelungsfunktionen nachkapitalistischer Gesellschaften zu sein. Die LRKI beharrt auf der Verteilung der Konsumgüter gemäß der Arbeitszeit a la Marx: Der einzelne Produzent „erhält von der Gesellschaft einen Schein, daß er soundso viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat an Konsumtionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet“ (MEW 19/ S.20 - die Sache mit dem Fonds vor allem Ferdinand Lassalle ins Stammbuch geschrieben!). Und der LRKI ist zuzustimmen, wenn sie schreibt, dass sich Marx für dieses Prinzip vor allem deshalb ausgesprochen habe, da er „die Unmöglichkeit erkannt habe, unmittelbar zu einer Gesellschaft ohne verallgemeinerten Mangel und damit ohne die Notwendigkeit, die Verteilung begrenzter Ressourcen zu regulieren, überzugehen“ (40). Damit wollen wir die Besprechung des Inhalts der vorliegenden Broschüre beenden.

Abschließend noch ein paar Worte zur Lesbarkeit dieser Arbeit: Wir wollen einmal davon absehen, dass an einigen Stellen der wenig erfreuliche LRKI-Jargon durchschimmert (so wird gleich einmal bescheiden die Daseinsberechtigung der LRKI damit definiert, dass für „dieses Jahrtausend“ die Charakteristika des revolutionären Marxismus zu definieren und zu systematisieren seien - S.4). Wir wollen der LRKI ihren bekannten Zweck-Optimismus auch nicht vorwerfen, der auch diesmal nicht fehlen darf (so wird im Vorwort - ohne die fragwürdige Begrifflichkeit näher zu untersuchen - eine Guardian-Untersuchung zitiert, nach der 1996 43% der Briten für „mehr sozialistische Planung“ gewesen seien“ - S.3) - immerhin erkennt die LRKI an, dass die „Linke in der Frage der Ökonomie und Möglichkeit der sozialistischen Planwirtschaft in der Defensive“ ist (S. 3). Dass allerdings die LRKI diese Broschüre „der internationalen sozialistischen und Arbeiterbewegung zur Diskussion, Debatte und Polemik“ vorlegt (4), ist wohl eher dem unerschütterlichen Selbstvertrauen (um es einmal positiv zu formulieren) als einer Analyse des realen Zielpublikums des „Revolutionären Marxismus“ geschuldet.

Störend wirkt auf mich aber die besonders in den ersten Kapiteln stellenweise doch recht holprige Sprache - ein altes Problem in (deutschsprachigen) LRKI-Publikationen: So wird „Produktion unternommen“ (7), und der freie Markt lässt sich „voll gehen“ (5), die „unvermeidliche Zerstreuung von Energie und Erfindungsgabe der Arbeiterklasse“ (?) wird beklagt, die „Freiheit von Dürftigkeit“ beschworen (8), Kapitalimporte „gekauft“ (18), auf Seite 6 die „Ausrottung“ (na na!) des Marktes beschworen oder „Ersparnisse“ mit „Einsparungen“ verwechselt (13). Damit kein falscher Eindruck entsteht: Insgesamt aber ist die Broschüre (besonders in den hinteren Teilen) durchaus nicht schlecht formuliert und auch meilenweit vom ansonsten oft (zumindest auf mich) wenig ansprechenden agitatorisch sein sollenden Stil entfernt.

Aber auch hier gilt natürlich: Sprachliche Unzulänglichkeiten mindern zwar die Lesbarkeit, ändern aber nichts am Urteil des politischen Inhalts: nämlich dass die Broschüre „Plan und Markt“ für alle diejenigen, die sich für die Ökonomie einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft interessieren, durchaus von Interesse sein könnte. Abschliessend sei noch darauf verwiesen, dass die LRKI ankündigt, dass diese Broschüre nicht das Ende ihrer Arbeit an diesem Thema sei. Wir können also gespannt darauf sein, was in Zukunft von der LRKI zu diesem Thema vorgelegt wird.

 

Wien, im Oktober 1997

Manfred Scharinger