Eine Einführung von Martin Jakob
Als Ende der 1960er Jahre die lange Boomphase der kapitalistischen Weltwirtschaft endete und ökonomische Krisen dadurch wieder verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückten, hatte das natürlich auch Folgen für die verschiedenen Formen ökonomischer Theorie, vor allem auf Seiten der Linken. Die zunächst in Frankreich entstandene Theorie der Regulation kann als Versuch einer Antwort auf diese neuen Krisenphänomene verstanden werden. Der in dieser Ausgabe von Marxismus übersetzte Aufsatz von Robert Brenner und Mark Glick bietet eine vor allem empirische beziehungsweise konkret-historische Kritik dieses Ansatzes. Um die Kritik von Brenner/Glick für breitere Kreise leichter verständlich zu machen, wird hier im folgenden eine kleine Einführung in die Theorie der Regulation, ihre Entstehung und ihre unterschiedlichen Begrifflichkeiten geboten.
Kopf und Gründervater des Ansatzes ist Michel Aglietta, dessen Dissertation 1974 eingereicht und 1976 unter dem Titel Régulation et Crises du Capitalism: L'expérience des Etats-Unis veröffentlicht wurde. Sehr allgemein formuliert, geht es dabei um den gesellschaftlichen Mechanismus der Produktion und der Verteilung von Gütern etc. in kapitalistischen Gesellschaften. Die Methode soll dabei dem Anspruch nach eine Weiterführung der Analysen von Marx aus den Bänden des Kapitals sein, beziehungsweise eine Konkretisierung vor allem von den ökono-mischen Kategorien des Kapitals und deren Erweiterung auf die gesellschaftliche und politische Sphäre. Die Fragestellung richtet sich somit in erster Linie auf den Bereich der Reproduktion: Was sind die gesellschaftlichen Strukturen, die die fortlaufende kapitalistische Produktion sicherstellen, und wie entstehen sie? Und - zumindest bei Aglietta, Lipietz und einigen anderen frühen Vertretern des Ansatzes: Inwieweit werden diese gesellschaftlichen Strukturen im Bereich der Produktion, der Kapitalakkumulation, des Arbeitsprozesses etc. verursacht oder determiniert?
In diesen Rahmen hinein formuliert Michel Aglietta in der Einleitung zu seinem Buch die richtungweisenden Fragen:
"Welche Kräfte transformieren das soziale System und garantieren dessen langfristigen Zusammenhalt? Sind die Bedingungen und die Art und Weise dieses Zusammenhalts entwicklungsfähig? Durch welche Bedingungen und durch welche Prozesse werden qualitative Veränderungen in den Produktions-verhältnissen herbeigeführt? Ist es möglich, Stufen in der Entwicklung des Kapitalismus zu erkennen, und ermöglicht die Erkenntnis dieser Stufen eine Erklärung der strukturellen Krise dieser Produktionsweise? Ist die gegen-wärtige Krise eine Fortsetzung anderer, dem Kapitalismus innewohnender historischer Verwandlungen, und ermöglicht sie die Grundlage für Hypothesen über zukünftige Klassenkämpfe? Das sind die Fragen, die im Zentrum einer Theorie kapitalistischer Regulation stehen."
Robert Boyer, heute vermutlich der bekannteste Vertreter dieses Ansatzes, formulierte neun Jahre später in seinem Stichwort für "régulation" im New Palgrave ähnliche Fragen:
"Wie können wir die Übergänge von Perioden hohen und relativ regelmäßigen Wachstums zu Perioden relativer Stagnation und Instabilität erklären? Warum schlagen Krisen im Ablauf der Zeit unterschiedliche Richtungen ein? Kann man annehmen, daß das Wachstum und die Krisen von-einander deutlich unterschiedene nationale Formen annehmen?"
Die zentrale Fragestellung ist also die nach der Regulation kapitalistischer Produktionsverhältnisse, wobei explizit strukturelle beziehungsweise institutionelle Formen in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt werden. Und das nicht deshalb, weil es diese Formen wären, die die entscheidende Variable in kapitalis-tischen Gesellschaften bilden würden, sondern weil es das Ziel ist, genau jene strukturellen oder institutionellen Formen herauszuarbeiten, die die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsverhältnisse sichern können. Dabei handelt es sich beispielsweise um das Tarifvertragssystem, die Art der Konkurrenz zwischen den Kapitalien etc. Theoretisch wird dabei versucht, all diese nicht-ökonomischen Variablen als implizite Faktoren in die ökonomische Theorie miteinzubeziehen, um - so der Anspruch - die Analysen von Marx auf eine konkretere Ebene zu stellen. Dazu jedoch später.
Was sind aber nun die theoretischen Ursprünge der verschiedenen Vertreter und "Schulen" der Regulationstheorie? Ein wichtiger Bereich ist der Einfluß des französischen marxistischen Philosophen Louis Althusser beziehungsweise des sogenannten klassischen Althusserismus. 1965 veröffentlichte Althusser sein bekanntes Pour Marx (dt: Für Marx), und im selben Jahr gemeinsam mit einigen seiner Schüler das noch bekanntere Lire le Capital (dt: Das Kapital lesen). Althussers Augenmerk richtete sich in erster Linie gegen den damals in der marxistischen Philosophie bestimmenden Einfluss des Existentialismus Sartrescher Prägung, wo es die mehr oder weniger freien Handlungen von Menschen (und in zweiter Linie auch von Klassen) sind, die den Lauf der Welt bestimmen. Eingebettet in die breitere sozialwissenschaftliche Strömung des Strukturalismus, versucht nun auch Althusser, Verhältnisse und Strukturen als Hauptgegenstand marxistischer Philosophie zu bestimmen, wobei die Menschen dann zu Funktionsträgern werden, oder, wie Marx es nannte, zu Charaktermasken, die eine besondere Stellung im kapitalistischen (Re-) Produktionsprozess repräsentieren.
So sinnvoll diese Verschiebung prinzipiell auch ist, so problematisch wird sie bei Althusser und seinen Schülern, unter anderem, weil bei ihnen die Subjekte und in der Folge die Klassen nie mehr sind als bloße Funktionsträger: weil alle Hand-lungen Ausdruck von Strukturen sind und weil so der vielleicht wichtigste Ausgangspunkt marxistischer Theorie und Politik - dass es die Menschen sind, die die Geschichte machen - keine Bedeutung mehr hat. Dennoch wurde der klassische Althusserismus vor allem in Paris die hegemoniale Strömung im gesamten Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften, und in diesem Umfeld werden Aglietta und die anderen französischen Vertreter der Theorie der Regulation theoretisch erwachsen.
Dabei sehen sie sich in der Tradition der politischen Ökonomie von Karl Marx, und zwar vor allem als Gegenstück zu der von Léon Walras begründeten allgemeinen Gleichgewichtstheorie. Nach Walras und fast all seinen die heutige akademische Theorie dominierenden Nachfolgern funktionieren wirtschaftliche Prozesse durch die Selbstregulation der verschiedenen Teilmärkte (Warenmärkte, Finanzmärkte, Arbeitsmärkte etc.), die dann wiederum das Gesamtsystem gleichgewichtig regulieren. Der Markt tendiert prinzipiell zum Gleichgewicht, ist prinzipiell stabil, es sind immer besondere politische, gesellschaftliche oder historische Eingriffe, die sein Funktionieren erschweren. Zugleich abstrahiert diese neoklassische Wirtschaftswissenschaft auch von allen realen Phänomen, von der realen Geschichte. Empirische Daten werden sekundär in das theoretische Modell einbezogen, ohne aber selbst theoriebildend zu wirken.
Gegen dieses Modell stellen sich die Vertreter des Regulationsansatzes in die theoretische Tradition der politischen Ökonomie von Marx, die - in dieser Hinsicht - gerade im Gegenteil auf der Ungleichgewichtigkeit ökonomischer Prozesse und auch auf deren gesellschaftlichem Charakter beruht und beschäftigen sich deshalb tendenziell stärker mit der Sphäre der Produktion. Institutionelle und strukturelle Formen wären dann gerade die Möglichkeit, dieses prinzipielle Ungleichgewicht temporär zu regulieren, wobei es in erster Linie um das Erreichen eines Zustandes geht, in dem es eine bestimmte Entsprechung von Produktions- und Konsumnormen gibt.
Ein anderes Grundtheorem der Neoklassiker ist der methodische Individualismus. Die verschiedenen Akteure treten sich auf den einzelnen Märkten gleichwertig gegenüber, und das summierte Verhältnis all dieser Individuen bildet dann das ökonomische System. Marx dagegen geht von den sozialen Klassen aus, die sich als Klassen in allen Bereichen der Gesellschaft gegenüberstehen. Die besondere Stellung im Produktionsprozess determiniert auch die Verteilung des gesellschaft-lichen Reichtums unter diesen Klassen. Die Vertreter der Regulationstheorie teilen diesen Ansatz und versuchen dabei gerade die Stellung der sozialen Klassen zueinander theoretisch näher zu bestimmen. Sie tun das durch eine Verbindung von ökonomischen mit politisch-gesellschaftlichen Kategorien, wobei die Begriffe des Akkumulationsregimes und der Regulationsweise das Zentrum der Theorie bilden.
In der Theorie der Regulation steht das Akkumulationsregime für die Definition einer bestimmten historischen Periode kapitalistischer Produktionsverhältnisse, in der eine Übereinstimmung zwischen Produktionsnorm und Konsumnorm gewähr-leistet ist. Es handelt sich hier um eine Entsprechung von Mehrwertproduktion einerseits und Mehrwertrealisierung andererseits, d.h., dass sich die Produktivität und die Mehrwertrate im Bereich der Produktion parallel mit der Veränderung im Bereich der aggregierten Kaufkraft einer Gesellschaft entwickeln und dass somit immer der gesamte produzierte Mehrwert im Tausch/Verkauf realisiert wird. Beide Momente werden als integrale Bestandteile des gesellschaftlichen (Re-) Produktionsprozesses dargestellt.
Da es aber, wie erwähnt, nicht der Markt ist, der diese Entsprechung herstellen kann, werden dazu eine Reihe verschiedener Regulationsformen benötigt, wie z.B. das Lohnverhältnis oder der Geldverkehr. Das Ensemble dieser Regulationsformen wird nun Regulationsweise genannt.
Sichergestellt werden kann eine dauerhafte und stabile Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise nur durch ein entsprechendes Verhältnis zwischen einem bestimmten Akkumulationsregime und einer bestimmten Regulationsweise, oder, wie Lipietz das formuliert: Die Regulationsweise ist
"die Gesamtheit institutioneller Formen, Netze und expliziter oder impliziter Normen, die die Vereinbarkeit von Verhaltensweisen im Rahmen eines Akkumulationsregimes sichern, und zwar sowohl entsprechend dem Zustand der gesellschaftlichen Verhältnisse als auch über deren konfliktuelle Eigenschaften hinaus".
In der Theorie der Regulation bildet das Lohnverhältnis die zentrale Regulations-form, und zwar in dreierlei Hinsicht: Erstens in bezug auf die Struktur des Arbeitsmarktes und des Arbeitsprozesses. Hier geht es unter anderem um Rolle und Stärke von Gewerkschaften und der gesamten Arbeiterbewegung oder auch darum, wie stark oder wie schwach die Kontrolle der Arbeitenden über den Arbeitsprozess ist. Zweitens in Hinblick auf die Form der Entlohnung (direkte und indirekte Löhne...). Und drittens in bezug auf die Struktur der Reproduktion, was hier einer-seits das Verhältnis von kapitalistischen und vorkapitalistischen Reproduktions-verhältnissen und andererseits das Verhältnis von privat-familiären und gesellschaft-lichen Konsumformen betrifft.
Auf diesen drei Ebenen wird versucht, die besondere Beziehung zwischen der ökonomischen Grundstruktur einer Gesellschaft und dem besonderen Lohn-verhältnis zu erfassen, und zwar im Besonderen im Hinblick auf die Entsprechung (oder Nicht-Entsprechung) zwischen Produktions- und Konsumtionsnorm.
Die letzten Punkte bilden die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Ansätze innerhalb der Theorie der Regulation. Von hier weg gibt es unterschiedliche Entwicklungslinien in der Regulationstheorie, die sich zum Teil bewusst von marxistischer Theorie entfernen, zu anderen Teilen sich in Ansätzen darauf berufen, z.T. aber auch versuchen, die marxistische Theorie weiterzuentwickeln. Letzteres gilt auch für das Werk von Aglietta, das bis heute als Ausgangspunkt für das Verständnis der Theorie der Regulation gilt und - aus marxistischer Sicht - auch den interessantesten Beitrag liefert. Ich werde deshalb näher auf den Inhalt dieses Buches (und auch der Beiträge von Alain Lipietz, der als einziger den wert-theoretischen Ansatz Agliettas auszubauen versuchte) eingehen und diesen zunächst vor allem positiv darstellen, ehe dann nochmals die weitere Entwicklung der verschiedenen Schulen oder Vertreter der Regulationstheorie Thema sein wird.
1. Michel Agliettas Régulation et crises du capitalisme
Ziel seines Ansatzes ist eine Theorie kapitalistischer Regulation, Ausgangspunkt ist das Verhältnis zu Marx. Aglietta geht es hierbei nicht um eine Neuformulierung oder gar um einen Ersatz des Kapitals, sondern vielmehr um die Verbindung der abstrakten, von Marx entwickelten Gesetzmäßigkeiten mit historisch-empirischen Prozessen.
"Die Untersuchung der kapitalistischen Regulation kann deshalb keine Untersuchung abstrakter ökonomischer Gesetze sein. Es ist die Untersuchung der Transformation der sozialen Verhältnisse, insofern diese neue, sowohl ökonomische als auch nicht-ökonomische Formen hervorbringt, die in Strukturen organisiert sind und selbst wiederum eine determinante Struktur - die Produktionsweise - reproduzieren."
So gesehen handelt es sich nicht nur um eine äußerliche Verbindung der Marxschen Theorie mit empirischen Fakten, sondern für Aglietta ist im Gegenteil der historische Prozess nicht die Verifizierung oder Falsifizierung ökonomischer Gesetze, sonders integraler Bestandteil der Theoriebildung selbst. Die Gesetz-mäßigkeiten bestehen nicht in einem abstrakten Raum, sondern sind immer in die reale Geschichte eingeschlossen.
Der methodische Aufbau von Agliettas Buch gliedert sich in zwei große Teile, womit dem Aufbau des Marxschen Kapitals zu folgen versucht wird. Er beginnt mit den allgemeinen Gesetzen der kapitalistischen Produktion, um dann die veränderten Stukturen der jeweiligen Lohnverhältnisse zu untersuchen. Im zweiten Teil er-weitert er seine Studie auf die Gesetze der Konkurrenz zwischen den Kapitalien, um so die kapitalistischen Produktionsverhältnisse in ihrer Totalität darzustellen. Die USA dienen ihm dabei in erster Linie als Beispiel. Da sich die Kritik von Brenner/Glick vor allem darauf konzentriert, werde ich im Folgenden den methodischen Teil in den Mittelpunkt stellen.
Im Zentrum der Arbeit Agliettas steht die Entwicklung einer Reihe von ver-mittelnden Begriffen ("intermediate concepts"), mit denen er versucht, die erwähnte Koppelung abstrakter ökonomischer Kategorien mit realen historischen Prozessen herzustellen. Aglietta beginnt mit dem schon weiter oben erwähnten Begriff des Akkumulationsregimes, das er inhaltlich in drei Bereiche aufgliedert: 1. Die Nutzung der Arbeitskraft in der Produktion: Dazu gehören die Festlegung eines Normalarbeitstages, die Höhe des Grundlohns, die Anzahl der Überstunden, die Länge einer maximalen Arbeitszeit, die Festlegung des Rentenalters, das Einstellungs- und Entlassungsverhalten der Unternehmen, die Festlegung der Praktiken der Gewerkschaften... 2. Die Bestimmung des Lohnes mit dem Ablauf der Verhandlungen über den Grundlohn, der Schlichtung daraus entstehender Konflikte... 3. Die Regelung der Arbeitsplatzsicherheit durch Arbeitslosengeld und Beschäftigungsprogramme, Standardisierung von Rentenzahlungen... Die ver-schiedenen Ausprägungen dieser drei Grundverhältnisse bilden für Aglietta die Grundlage verschiedener, vorerst abstrakt gehaltener und nicht historisch konkret-isierter Akkumulationsregime.
Das vorwiegend extensive Akkumulationsregime ist dabei dadurch gekenn-zeichnet, dass einerseits die Bedingungen der Arbeitsorganisation - der Produktionsprozess - transformiert werden, zugleich aber der Lebensstil der Lohnabhängigen unverändert bleibt. Das heißt, dass die Akkumulation des Kapitals vorwiegend in Abteilung I und vor allem durch bloße Erweiterung stattfindet. Die organische Zusammensetzung des Kapitals bleibt weitgehend unverändert; ebenso der traditionelle Lebensstil der Lohnabhängigen in bezug auf ihre Konsumtion, weil weiterhin nur sehr wenig kapitalistisch produzierte Güter als Waren in deren Konsum eingehen.
Anders das vorwiegend intensive Akkumulationsregime, wo der technologische Fortschritt Einzug in beide Abteilungen hält und den gesamten Bereich der kapitalistischen Produktionsweise umwälzt, also sowohl den Bereich der Produktion selbst als auch die gesellschaftlichen Konsumnormen, weil hier auch die Konsumtionsmittel der Arbeiterklasse kapitalistisch produziert werden.
In diesem Schema wird auch schon klar, dass Aglietta eine bestimmte idealtypische Periodisierung innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise vornimmt. Wie aber wird nun - aus der Sicht der Regulationstheoretiker - eine solche neue Stufe kapitalistischer Entwicklung erreicht?
"Wenn die Akkumulation des Kapitals nicht länger durch eine einfache Transformation der Reproduktion des Arbeitsprozesses befriedigt werden kann, sondern vor allem durch eine Transformation der Reproduktion der Arbeitskraft, dann ist eine neue Stufe kapitalistischer Entwicklung erreicht. Diese Stufe bringt völlig neue Formen der Lohnverhältnisse hervor:"
Aglietta legt also das wichtigste Kriterium einer Periodisierung in den Bereich der (Re-) Produktion - im Unterschied zu damals in der französischen Linken gängigen Mustern, die entweder Marktverhältnissen oder technischen Entwicklungen den Vorzug gaben.
Mit diesem Bereich der Reproduktion verbunden ist, Aglietta zufolge, ein Netz von strukturellen Formen, mittels derer die Reproduktion des kapitalistischen Systems (das gilt sowohl für stabile wie für instabile Phasen) erst ermöglicht wird. In seiner weitesten Definition beschreibt Aglietta eine strukturelle Form als "einen Modus des Zusammenhalts grundlegender sozialer Formen, die aus der Entwicklung ein und desselben grundlegenden sozialen Verhältnisses entspringen.".
Strukturelle Formen sind bei Aglietta also zunächst einmal bestimmte Funktions-mechanismen, die die Form des Funktionierens kapitalistischer Gesellschaften in der Realität sicherstellen. Worum es Aglietta hier geht, ist eine Verknüpfung der abstrakten und homogenen Ebene der Wertstruktur mit der mehr oder weniger empirischen Realität der Erscheinungen - der Preise, des Staates, der Klassen-kämpfe etc. Erst in zweiter Linie materialisieren sich die strukturellen Formen in diversen Institutionen, wie z.B dem Tarifvertragssystem.
Es sind nun, wie gesagt, die verschiedenen Regulationsformen, die eine bestimmte Entsprechung von ökonomischer und institutioneller Struktur (also die Art und Weise der Lohnverhältnisse, des Waren- und Geldverkehrs, die Funktion des Staates etc.) herstellen. Und die Verknüpfung eines bestimmten Akkumulations-regimes mit der Regulationsform bildet eine spezifische Regulationsweise.
Die für Aglietta und die Theorie der Regulationsweise wichtigste Regulationsweise ist die sogenannte fordistische Regulationsweise. Sie bildet den Hauptgegenstand ihrer Untersuchungen, anhand derer die gesamte regulationistische Begrifflichkeit überhaupt erst entwickelt wurde. Wie sieht dieser Fordismus nun aus?
Zwei Aspekte sind es, die von Aglietta getrennt voneinander untersucht werden. Es handelt sich um das Warenverhältnis einerseits und um das Lohnverhältnis andererseits. Die jeweilige Form der beiden Einheiten und das Verhältnis zueinander konstituiert dann das besondere - fordistische - Akkumulationsregime. Die vorhin erwähnten idealtypischen Akkumulationsregime zeigen sich nun in der historischen Entwicklung in drei verschiedenen, spezifizierten Varianten. Konkret gehören dazu:
1. Das vorwiegend extensive Akkumulationsregime: Dieses Akkumulations-regime fand sich vor allem in der Periode 1848 bis zum Beginn des ersten imperialistischen Weltkrieges, in der sich die Produktivität nur zwischen ein und drei Prozent pro Jahr erhöhte.
2. Das vorwiegend intensive Akkumulationsregime ohne Massenkonsum: Die Akkumulation findet nun in beiden Abteilungen statt, vorwiegend durch technische Veränderung des Kapitals, aber ohne dass diese Entwicklung durch eine entsprechende Ausweitung des Konsums begleitet worden wäre. Dieses Missverhältnis bildet den Grund für die klassische Überproduktionskrise der Zwischenkriegszeit. Dieses zweite Akkumulationsregime steht bei Aglietta also zwischen den beiden idealtypischen Akkumulationsregime.
3. Das vorwiegend intensive Akkumulationsregime mit Massenkonsum. Die Akkumulation funktioniert grundlegend wie bei Punkt zwei, wird aber von einem entsprechenden Anstieg des Massenkonsums begleitet. Für Aglietta und für die gesamte Theorie der Regulation ist es genau diese Entwicklung, die die Boomphase von rund 20 Jahren (ca. 1953 bis 1973) nach der Phase der Rekonstruktion ermöglicht. Diese besondere Konstellation steht im Zentrum der Untersuchungen der gesamten Theorie der Regulation, weshalb deren Struktur hier genauer nachgezeichnet wird.
Aglietta (und auch Lipietz) zufolge ist dieses goldene Zeitalter durch zwei Aspekte gekennzeichnet:
a) Die technische Zusammensetzung der gesamten Produktion und die Produktivität in Abteilung I wachsen mit derselben Geschwindigkeit. Dadurch äußere sich der Anstieg in der technischen Zusammensetzung des Kapitals nicht in einem Anstieg in der organischen Zusammensetzung des Kapitals, was der Hauptgrund für den tendenziellen Fall der Profitrate wäre.
b) Die reale Kaufkraft der Lohnabhängigen entwickelt sich im selben Tempo wie die Produktivität in Abteilung II. Dadurch wird zwar die wichtigste Gegentendenz zum tendenziellen Fall der Profitrate - die Erhöhung der Mehrwertrate - außer Kraft gesetzt, zugleich aber auch eine Unter-konsumtions- oder Überproduktionskrise, die die Krise der Zwischenkriegszeit verursachte, verhindert. Notwendig für eine radikale Veränderung der Konsumnorm ist eine ebenso radikale Absenkung des Tauschwerts von Konsumgütern. Erreicht wird das durch technische Neuerungen in Abteilung II. Diese Entwicklung ermöglicht gleichzeitig eine Erhöhung der Rate des Mehrwerts und der Reallöhne, wodurch sich eine in beiden Abteilungen dynamische Kapitalentwicklung ergeben kann.
Die parallele Entwicklung dieser beiden Verhältnisse ermögliche eine gleich-bleibende Profitrate, was die Grundbedingung für eine gleichmäßige Akkumulation des Kapitals sei. Diese beiden Bedingungen seien aber keineswegs a priori gegeben, sondern nur unter ganz bestimmten Umständen möglich. Für Aglietta (und auch das gilt wieder für Lipietz) sind es zwei völlig unterschiedliche Prozesse, die diese Entwicklungen ermöglichen.
Die erste Bedingung, die Konstanz der organischen Zusammensetzung des Kapitals, wird vor allem durch Prozesse hinter dem Rücken der ökonomischen Akteure ermöglicht. Aglietta und Lipietz nennen das die indirekte Form der Regulierung. Der Prozess dieser Entwicklung vollzog sich auf "wundersame" Weise und großteils unabhängig von spezifischen bewussten oder unbewussten Interventionen in den ökonomischen Prozess. Begründungen werden hierbei keine geliefert, die Argumentation beruht im wesentlichen auf einer Beschreibung ökonomischer Prozesse und einer Interpretation statistischer Daten. Es handle sich dabei um eine kombinierte Entwicklung von permanenter technologischer Entwicklung, von ständiger Entwertung des vorhandenen konstanten Kapitals, der Möglichkeit monopolistischer Preisfestsetzung durch die führenden Unternehmen (mit der Folge der Inflation) und zuguterletzt der Akzeptanz neu eingeführter Technologien durch die Lohnabhängigen.
Die zweite Bedingung ist hingegen zu großen Teilen Ergebnis einer politischen Intervention und entspricht somit im Kontext der Regulationstheorie der direkten Form der Regulierung. Diese Form der Regulierung und ihre Beziehungen zu den indirekten Formen bieten die Basis der Argumentationen der Theoretiker der Regulation. Im Zentrum steht hierbei die Regulation des Lohnverhältnisses, wodurch die Höhe der Konsumtion der Lohnabhängigen an die Wachstumsraten der Produktivität in Abteilung II angeglichen werden sollte. Diese Regulation des Lohnverhältnisses bildet einen Teil einer umfassenden Gesamtheit institutioneller Formen, die in Begriffen der Regulationstheorie als monopolistische Regulation bezeichnet wird.
Vereinfacht handelt es sich dabei um die folgenden institutionellen Formen: 1. eine längerfristige vertragliche Bindung der Beschäftigten an das Unternehmen verbunden mit der Ausbreitung von Kollektivverträgen, wodurch die Beschäftigten auch in Rezessionen die Höhe ihres Lohns sichern können. 2. der Ausbau des Wohlfahrtsstaates im Sinne einer Erweiterung der "indirekten Löhne" (wie Arbeitslosenversicherung, Pensionsvorsorge, Unfallversicherung etc.) mit ähnlichen Effekten wie oben. 3. Zentralisierung und Monopolisierung im Bereich des Industrie- und Finanzkapitals, wodurch die Errichtung der Angebotspreise weniger den klassischen Schwankungen konjunktureller Zyklen unterworfen ist. 4. Ausweitung und zunehmende Hegemonie des Kreditgeldes den Geldmengen entsprechend, die durch die Entwicklung von Löhnen und Nominalpreisen not-wendig geworden sind. 5. Dramatische Steigerung der Macht des Staates, weniger im Sinne keynesianistischer öffentlicher Ausgaben als in der Macht zur Steuerung des Geldes und Lohnverhältnisses.
Erst die Entwicklung dieser institutionellen Formen ermögliche die parallele Entwicklung der beiden Bereiche und in der Folge eine stabile Profitrate als unabdingbarer Voraussetzung stabilen Wachstums.
Klar muss dabei sein, dass in der Theorie der Regulation diese Entwicklung der institutionellen Formen nicht einem bestimmten Plan folgte, sondern Produkt vielfältiger Auseinandersetzungen zwischen Klassen und Gruppen gewesen ist. Lipietz hat das später als einen glücklichen Fund beschrieben. Mit diesem Begriff ist nun zweierlei verbunden: Erstens seien vor allem die Anfänge einer neuen Regulationsweise zufälliger Natur, das heißt keiner besonderen Intention unter-worfen. Das gilt nicht nur z.B. für die Zentralisation des Kapitals, die ohnehin kaum zu steuern ist, sondern auch für die Entwicklung des Lohnverhältnisses, sozial-staatliche Verbesserungen etc., die in der Regel durch die Klasse der Lohn-abhängigen gegen die Interessen von Staat und Unternehmen erkämpft worden sind.
Die Herausbildung dieses sogenannten überwiegend intensiven Akkumulations-regimes folgt also keinem subjektiven Plan oder einer historischen Notwendigkeit. Sie ist vor allem ein zufälliges Produkt historischer Klassenkämpfe, und der ganze Prozess der Etablierung ist in sich widersprüchlich und nicht homogen. So ist die parallele Entwicklung zwischen der Produktionskapazität der Konsumgüter und der entsprechenden Nachfrage von seiten der Arbeiterklasse in erster Linie der strukturellen Form des Tarifvertragssystems geschuldet, dessen Herausbildung aus-schließlich durch Klassenkämpfe ermöglicht und nicht etwa von oben aus ökonomischem Kalkül eingeführt wurde.
Zweitens aber wurden diese Entwicklungen im Sinne eines stabilen Wachstums durchaus auch geplant gefördert. Ausdruck findet das unter anderem in der bekannten Formel: Lohnerhöhung ist gleich Inflation plus Produktivitäts-entwicklung, was tatsächlich auch der empirischen Entwicklung der 1950er und 1960er Jahre entspricht (wobei auch dieser Befund von Brenner und Glick angezweifelt wird).
Um sich von Positionen abzugrenzen, die die kapitalistische Entwicklung in erster Linie als Ergebnis bewusster Entscheidungen begreifen, entwickeln die verschiedenen Vertreter der Regulationstheorie nun verschiedene Formen der Regulation, die sich wiederum in zwei große Gruppen aufspalten lassen, nämlich in den Staat einerseits und in institutionelle Formen andererseits. Gerade die Analyse des Staates bildet einen relativ großen Teil bei diesem Ansatz, besonders auch bei den hierzulande wohl bekannteren deutschsprachigen Vertretern Joachim Hirsch und Elmar Altvater.
2. Der kapitalistische Staat und institutionelle Formen
Die Theorie des Staates hat in die marxistische Literatur breiten Eingang gefunden. Sie beginnt mit den konkreten Analysen von Marx über die Revolutionen in Paris 1848 und 1870/71, fährt dann fort bei Engels, der die Marxschen Erfahrungen in Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats theoretisch weiterzuentwickeln versucht. Für Engels ist der Staat
"ein Produkt der Gesellschaft auf bestimmter Entwicklungstufe; er ist das Eingeständnis, daß diese Gesellschaft sich in einen unlösbaren Widerspruch mit sich selbst verwickelt, sich in unversöhnliche Gegensätze gespalten hat, die zu bannen sie ohnmächtig ist. Damit aber diese Gegensätze, Klassen mit widerstreitenden ökonomischen Interessen nicht sich und die Gesellschaft in fruchtlosem Kampf verzehren, ist eine scheinbar über der Gesellschaft stehende Macht nötig geworden, die den Konflikt dämpfen, innerhalb der Schranken der 'Ordnung' halten soll; und diese, aus der Gesellschaft hervorgegangene, aber sich über sie stellende, sich ihr mehr und mehr entfremdende Macht ist der Staat."
An dieser Stelle tritt der Staat in erster Linie als Regulator auf, als Garant der Reproduktion einer widersprüchlichen und konfliktreichen Realität. Zugleich ist der Staat aber immer auch Repräsentant einer bestimmten Herrschaft. Diese besondere Ordnung ist ja nicht neutral, sondern hat eben die Form einer Gesellschaft, die in Klassen gespalten ist, die nicht unabhängig nebeneinander stehen, sondern sich in einer Hierarchie darstellen. Das bedeutet in der Folge, dass diese besondere Struktur des Staates sich einerseits als Klassenherrschaft, andererseits aber als bestimmter Konsens aller Klassen und Schichten ausdrücken muss.
In Staat und Revolution knüpft Lenin an diese Erfahrungen an, betont dabei beide genannten Aspekte des kapitalistischen Staates, also als über der Gesellschaft stehende Macht einerseits und als besonderer kapitalistischer Staat andererseits, der vornehmlich den Interessen der herrschenden Klasse dient. Bekannt geworden ist dabei vor allem seine - missinterpretierbare - Formulierung des kapitalistischen Staates als eines Werkzeugs in der Hand der herrschenden Klasse.
In der stalinistischen Verzerrung und noch mehr im ausgeprägten Antileninismus breiter Teile der akademischen Linken wurde in der Folge fast ausschließlich dieser Aspekt der Analyse des Staates von Lenin betont. Während Louis Althusser und in noch größerem Ausmaß Nicos Poulantzas gerade anhand der Schriften von Lenin versuchten, jeglichen instrumentalistischen Begriff des Staates zu bekämpfen, machen das die Theoretiker der Regulation vor allem gegen Lenin - gerade weil sie ihn offensichtlich ausschließlich in dieser verzerrten und antileninistischen Rezep-tion kennen. In der Folge schlägt bei ihnen das Pendel auch in die andere Richtung aus, was zuguterletzt ein wichtiger Grund für ihre tendenziell oder offen reformi-stischen politischen Schlussfolgerungen ist.
Der Staat sichert also die Reproduktion des bestehenden Systems, insbesondere garantiert er kapitalistischen Gesellschaften verschiedene grundlegende ökono-mische Formen, wie das Geld, den Markt oder auch das Lohnverhältnis. Die letzte Form der Sicherstellung bestehender Verhältnisse ist dabei immer die physische Gewalt, die aber nie rein auftritt, sondern immer schon durch bestimmte Formen ideologischer Hegemonie begleitet war. Selbst die autoritärste Staatsform, die im Kapitalismus bisher existierte, der Faschismus, besonders der deutsche National-sozialismus, stellte sich nie in der Form rein physischer Gewalt dar, sondern arbeitete immer stark mit ideologischen Mechanismen. Lipietz beschreibt diese Form staatlicher Hegemonie als durch Zwang gepanzert.
Die durch den Staat bestimmten Normen sind zum Teil freiwillig, zum Teil durch Zwang von den Individuen verinnerlicht. Gut ausgedrückt wird diese Verinner-lichung durch den Begriff des legitimen Gewaltmonopols des Staates, im Unterschied zur illegitimen Gewaltausübung anderer gesellschaftlicher Gruppen oder Individuen.
Bezüglich der institutionellen Formen bildet Gramsci den Ansatzpunkt für Aglietta und Lipietz, der gerade den instrumentalistischen Begriff des Staates kritisiert hatte und versuchte, ideologische Formen der Herrschaft in den Begriff des Staates zu integrieren. Für Gramsci besteht ein hegemoniales System aus einer Vielfalt von Kompromissen, nämlich zwischen den verschiedenen herrschenden Klassen und Gruppen einerseits, und zwischen diesen und den unterdrückten Klassen und Gruppen andererseits, wodurch sich in der Folge ein hochkomplexes System von Zwischenschichten und Verbündeten ergibt. Diese Kompromisse materialisieren sich in bestimmten Institutionen, die Gramsci alle - auch private oder halbstaatliche Institutionen - unter dem Begriff des Staates fasst. Durch diese Materialisierungen erhalten diese Kompromisse eine relative Autonomie, und schon dadurch entziehen sie sich jedem Instrumentalismus.
Der Begriff des institutionalisierten Kompromisses, wie er vor allem von Lipietz immer wieder benutzt wird, ist jedoch ungenau. Er suggeriert nämlich die Existenz bewusster Absprachen, so als ob sich die verschiedenen Klassen darüber geeinigt hätten, den Tausch von Waren gegen Geld zu akzeptieren. Ganz im Gegenteil betonen die Theoretiker der Regulation den unbewussten und ungeplanten Charakter zahlreicher Kompromisse und Institutionen. Vielmehr sind sie Ergebnisse zahlreicher Kämpfe innerhalb der Gesellschaft zwischen verschiedenen Klassen und Gruppen, zwischen Männern und Frauen oder zwischen ethnischen Gruppen - kurz gesagt, sie sind das Ergebnis von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen.
Die Kritik am instrumentalistischen Begriff des Staates ist sicher richtig (auch wenn die Attacken vor allem auf Lenin überzogen sind und die Texte von Engels und Marx in der Theorie der Regulation kaum rezipiert sind), aber das Pendel schlägt dabei sowohl bei Gramsci als auch bei den Regulationstheoretikern tendenziell ins andere Extrem. D.h., dass der Staat fast nur noch als Regulativ gefasst wird und in der Folge und unter bestimmten Umständen zu sehr von einer Klasse beherrscht wird. Damit ist der theoretische Boden für reformistische Positionierungen bereitet. Vor allem Engels wurde in den erwähnten Schriften nicht müde, den doppelten Aspekt des kapitalistischen Staates zu betonen, also als Regulativ einerseits, und als Instrument in der Hand der herrschenden Klasse(n) andererseits; für ihn war dieser "Doppelcharakter" immer konstitutiv und nicht einer besonderen Entwicklung geschuldet.
3. Wertgesetz und Gesellschaft
Wie schon weiter oben erwähnt, lassen sich die verschiedenen Ansätze der Regulation in zwei große Richtungen unterscheiden, die sich auf eine einfache Formel bringen lassen: Regulation mit oder ohne Werttheorie. Diese Unter-scheidung ist wichtig, denn den zwei großen Strömungen liegt ein fundamental anderes Verständnis vom Funktionsmechanismus kapitalistischer Gesellschaften zugrunde.
Die preistheoretische Variante hat die funktionale Einkommensverteilung im Zentrum ihrer Analysen, das heißt die jeweilige Form der Aufspaltung des Wert-produkts in Löhne und Profite und die anschließende und daraus folgende Struktur des gesamtgesellschaftlichen Prozesses der Investitionen. Bei dieser Operation spielt die Frage der Werttheorie keine Rolle, die Untersuchungen finden ausschließlich auf der Ebene der Preise statt, wodurch in der Konsequenz die Regulation ausschließlich auf der Handlungsebene der Individuen angesiedelt ist, als eine "direkte" Form der Regulation.
Anders beim werttheoritischen Ansatz. Die Marxsche Werttheorie basiert auf dem Konzept abstrakter Arbeit, wodurch die strukturelle Verselbständigung der Tauschwert- gegenüber der Gebrauchswertproduktion theoretisch ermöglicht wird. Ziel kapitalistischer Produktion ist nun nicht die Produktion von Gebrauchsgütern, sondern die Akkumulation von Kapital. Sichergestellt wird dieser Mechanismus durch einen spezifischen ökonomischen Reproduktionsmechanismus, wo die besondere individuelle Arbeitsleistung erst durch den Tausch und hinter dem Rücken des Einzelnen gesellschaftlich anerkannt wird. Diese Anerkennung findet einerseits auf der Ebene der Gebrauchswerte statt, weil ja jede Ware einen besonderen Gebrauchswert haben muss, um verkauft werden zu können. Die Produktion dieses Gebrauchswertes bezeichnet Marx als den Prozess der konkreten Arbeit, wo eine besondere Arbeitskraft in einer bestimmten Zeit einen bestimmten Arbeitsprozess vollzieht und dabei eine bestimmte Ware produziert - nach deren Gebrauchswert hin. Dieser Gebrauchswert ist die eine Seite.
Die andere Seite ist der Tauschwert. Dieser Aspekt des kapitalistischen Produktionsprozesses geht Hand in Hand mit der von Marx so genannten abstrakten Arbeit, wo nicht die besondere Form der Arbeit Gegenstand ist, sondern der tauschwertproduzierende Aspekt, unabhängig vom gebrauchswert-produzierenden. Während nun aber der Gebrauchswert an der einzelnen Ware "klebt", ist der Tauschwert ein gesellschaftliches Verhältnis, weil die persönliche, individuelle Arbeitszeit nicht mit der gesellschaftlich notwendigen durch-schnittlichen Arbeitszeit zusammenfällt. So gesehen ist der Wert eine gesellschaft-liche Kategorie und nicht eine Eigenschaft einer Ware.
So klar der Zusammenhang hier erscheint, so unklar ist er in der Entwicklung der ökonomischen Theorie. Ricardo, der Urvater der Werttheorie, fasste den Wert in einer "embodied labour theory of value" und verstand den Wert so als Substanz, der den Dingen innewohnt. Marx' Konzept der abstrakten Arbeit betont hingegen die Bedeutung des Tausches, der Realisierung des Wertes, und gelangt so zu einer doppelten Bestimmung des Wertes, nämlich einerseits als Produkt privater Arbeiten, andererseits als zeitlich nachfolgende Anerkennung dieser privaten Arbeiten als durchschnittlich notwendiger Arbeitszeit, unabhängig von der Dauer der individuellen, für die Produktion einer einzelnen Ware aufgebrauchten Arbeitszeit. Dieser Akt der gesellschaftlichen Anerkennung privater Arbeiten im Bereich der Zirkulation ist notwendiger Bestandteil des kapitalistischen Produktionsprozesses.
Die Verteilung der gesamtgesellschaftlichen Investitionen erfolgt dabei nicht primär auf einer "direkten" Ebene, die auf der Handlungsebene der Individuen angesiedelt ist, sondern gehorcht zu großen Teilen der spezifischen Wertstruktur der rein ökonomischen Aggregate und reguliert die gesellschaftliche Reproduktion damit "indirekt". Dieser Zusammenhang wird allgemein mit Dominanz des Wert-gesetzes ausgedrückt.
Der werttheoretische Ansatz der Regulationstheorie versucht also diese beiden Ebenen miteinander zu verknüpfen: Einerseits eine "direkte" Ebene, die ausschließlich auf der Handlungsebene der Subjekte beziehungsweise der gesellschaftlichen Klassen angesiedelt ist, andererseits eine "indirekte" Ebene, wo die Struktur der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion sich hinter dem Rücken der Akteure vollzieht. Wichtig ist dieser Zusammenhang vor allem beim Verständnis von Krisen, das heißt im Zusammenhang mit Instabilitäten und eventuellen strukturellen Veränderungen. Während die preistheoretische Variante der Regulationstheorie zumindest tendenziell dazu neigt, die Ursachen solcher Prozesse ausschließlich und direkt aus den Handlungen der ökonomischen Akteure abzuleiten, versucht die werttheoretische Variante die Krisen aus den ökomomischen Verhältnissen zu erklären. Die "indirekte" ökonomische Regulation gerät dabei mit den "direkten" strukturellen Formen in Konflikt, und erst eine "Anpassung" der strukturellen Formen kann eine temporäre Stabilität wieder-herstellen.
Eine besondere Rolle im Rahmen der werttheoretischen Argumentation spielt dabei dabei das Geld. Das Geld ist der Mechanismus, durch den die unabhängig voneinander ausgeführten Privatarbeiten im nachhinein gesellschaftlich anerkannt werden (oder auch nicht, wenn die Waren nicht verkauft werden können). Während in der preistheoretischen Variante das Geld eher als bloßer Transmissionsriemen gesehen wird, der den Tausch der Waren vermittelt, kommt ihm in der werttheoretischen Theorie eine konstitutive Funktion zu, weil nur das Geld den Zusammenhang zwischen Wert- und Preisebene gewährleisten kann.
Grundlage dieses Zusammenhangs ist die postulierte "Einheit" von Produktion und Zirkulation, wobei Einheit hier nicht als Identität verstanden wird, sondern der Tatsache Rechnung trägt, dass nicht nur der Wertbildungsprozess von entscheidender Bedeutung ist, sondern auch die Realisation dieser Werte, die nur auf der Ebene der Marktbeziehungen stattfinden kann.
Geld ist somit mehr als eine bloße Vermittlung beim Tausch verschiedener Waren, sondern es ist die notwendige Form des Austausches. Es wird dabei selbst zu einem wichtigen Regulator der gesellschaftlichen Reproduktion. Dieser Akt des Tausches von Ware gegen Geld ist der eigentliche Ausdruck des Wertgesetzes. Es handelt sich hier um die oben erwähnte "indirekte" Regulation, die sich hinter dem Rücken der einzelnen Akteure vollzieht und ohne bewusste, direkte Steuerungs-mechanismen funktioniert. Die Theorie der Regulation insgesamt versucht nun diese Ebene mit der Ebene der "direkten" Regulation zu verbinden, sie ineinander zu integrieren.
Erst dadurch wird in der Theorie der Regulation der Begriff der Krise ermöglicht. Vorwegnehmend kann gesagt werden, dass der Begriff der Krise hier zwei verschiedene Bedeutungen hat. Einerseits als konjunktureller Zyklus, der über den Zyklus hinweg und noch mehr durch ihn hindurch die Stabilität eines bestimmten Akkumulationsregimes sichert ("kleine Krise"). Andererseits im Sinne einer strukturellen Krise, die das Ende eines bestimmten Akkumulationsregimes in Gang setzt (ob in Hinblick auf ein neues Akkumulationsregime oder gar einer neuen Produktionsweise ist auf dieser theoretischen Ebene ohne große Relevanz) und damit den Begriff der Geschichte impliziert ("große Krise"). Zuvor aber noch einige Bemerkungen zum Begriff der kleinen Krise.
Schon bei Marx wird die kapitalistische Produktionsweise als ungleichgewichtiges System mit permanenter Krisenhaftigkeit analysiert. In seiner Kritik neoklassischer Gleichgewichtstheorien knüpft Aglietta hier an und entwickelt so eines der Grundkonzepte der gesamten Theorie der Regulation: Der Kapitalismus ist krisenhaft, und die Frage ist, warum seine ständige und erweiterte Reproduktion trotzdem funktioniert. Hier spielen nun einerseits strukturelle oder institutionelle Formen eine entscheidende Rolle, also die Form der direkten Regulation. Bei Aglietta und Lipietz spielt aber auch die indirekte Regulation eine große Rolle, und hier tritt das Phänomen kleiner oder zyklischer Krisen auf, die auf werttheoretischer Ebene das Funktionieren kapitalistischer Wirtschaftssysteme - ihre Reproduktion - erst ermöglichen. Diese regulative Form findet fast ausschließlich in indirekter Form statt, anders als die großen oder strukturellen Krisen, die sich als Kombinationen beider Ebenen darstellen.
4. Strukturelle Krisen
Mit dem Begriff der strukturellen Krisen wird, kurz gesagt, eine zunehmende Unvereinbarkeit von ökonomischem Prozess und strukturellen Formen ausgedrückt. Jedem Akkumulationsregime wohnt eine wachsende Widersprüchlichkeit inne, und es sei gerade die Aufgabe der kleinen oder zyklischen Krisen, diese Wider-sprüchlichkeiten temporär zu begrenzen. Jedes Akkumulationsregime existiere aber in der gegebenen Zeit, und die ökonomische Reproduktion durch die kleinen Krisen hindurch produziere die gleiche ökonomische Grundstruktur, aber auf einer anderen Stufenleiter. Die besondere Widersprüchlichkeit werde nicht abgebaut, sondern im Gegenteil in schärferer Intensität reproduziert. Irgendwann müsse sich die besondere Adäquatheit von Akkumulationsregime und Regulationsweise auf-brauchen, und es komme zur Krise der Regulation.
Die wesentlichen Ursachen finden sich bei diesem theoretischen Ansatz im Akkumulationsregime selbst, hier finden sich die eigentlichen Auslöser. Die zweite Ebene bilden die Verhältnisse zwischen den Strukturen, also zwischen dem Akkumulationsregime und den institutionellen Formen. Wobei festzuhalten bleibt, dass die Theoretiker der Regulation - gemäß ihren theoretischen Grundlagen - nicht eine allgemeine Beschreibung struktureller Krisen anstreben. Eine solche ist für sie theoretisch gar nicht möglich, gerade weil sich spezifische kapitalistische Produktionsverhältnisse aus einer Reihe verschiedener Faktoren zusammensetzen, die alle eine bestimmte Funktion innehaben und die Verhältnisse selbst konstituieren. Eine allgemeine Theorie struktureller Krisen würde in dieser Sicht diese spezifischen Bestandteile eliminieren und jedes genaue Verständnis solcher Prozesse implizit ausschließen.
Entwickelt wird lediglich ein übergeordnetes Schema, das sich dahingehend zusammenfassen lässt, dass es zu einem Ungleichgewicht oder zu einem Aus-einanderfallen von strukturellen Formen und Akkumulationsregime kommt. Die Untersuchungen der Krise des Fordismus sollen das in einer schematisierten Darstellung näher illustrieren.
Der Ausgangspunkt bei Aglietta und Lipietz ist folgender: Die Grundbedingungen des stabilen Wachstums in der Periode des Fordismus bestanden, wie schon weiter oben erwähnt, aus dem gleichbleibenden Verhältnis sowohl der organischen Zusammensetzung des Kapitals als auch der Mehrwertrate. Diese beiden Verhältnisse gegeben, wird eine gleichbleibende Profitrate ermöglicht, was die eigentliche conditio sine qua non einer stabilen Entwicklung ist. Dadurch unterscheide sich die sogenannte fordistische Periode auch von der krisenhaften Zeit zwischen den Weltkriegen. Damals, im Rahmen eines vorwiegend extensiven Akkumulationsregimes, war in der Sicht der Regulationstheoretiker das Verhältnis zwischen den beiden großen Abteilungen der Produktion durch ein Ungleich-gewicht geprägt. Die technologischen Neuerungen fanden neben der Landwirtschaft auch in der Abteilung I statt, nicht aber in Abteilung II. Dieses Missverhältnis führte zu einer klassischen Überproduktionskrise, weil die Expansion der Abteilung I nicht von einer entsprechenden Steigerung der Nachfrage begleitet wurde.
Mit dem Ende der 1960er beginnen sich nun die Profitraten zu verschlechtern, und die Frage nach den Gründen dieser Entwicklungen rückt ins Zentrum der Analysen. Von anderen Theoretikern des Regulationsansatzes sich unterscheidend, rücken Aglietta und Lipietz die Entwicklung der Produktivität in den Brennpunkt ihrer Untersuchungen. Beide Autoren konstatieren einen empirischen Rückgang der Produktivitätsgewinne, der auf zwei verschiedene Ursachen zurückgeführt wird. Einerseits handle es sich dabei um technische Probleme (im weitesten Sinn des Wortes) in der wissenschaftlichen Organisation der Arbeit, die ganz einfach an bestimmte Grenzen gestoßen ist. Andererseits aber stoße die Entwicklung der Produktivität auch auf soziale Grenzen, was gerade mit Ende der 1960er Jahre und vor allem im Bereich der Produktion zum Problem wurde. Diese beiden voneinander relativ unabhängigen Prozesse verursachten einen Fall der Profitrate, der sich schließlich in Form einer Rentabilitätskrise äußerte.
Es seien die institutionellen Formen, die über eine relative Konstanz der Preise und der Löhne eine Depression wie in den 1930er Jahren verhindern würden. Für Aglietta und Lipietz nahm die Krise also nicht die Form eines Zusammenbruchs der Produktion, sondern die Form einer Stagnation an. In der Folge hätten die Unternehmen versucht, die sinkende Profitrate auf dem Rücken der Beschäftigten wieder zu sanieren, und erst dadurch wäre es tendenziell zu einer Unterkonsumtions- oder Überproduktionskrise gekommen. Zusätzlich hätten noch andere Faktoren das eventuelle Wiedererreichen einer Phase stabilen Wachstums erschwert: die Internationalisierung der Produktion, was jeglichem staatlichen Keynesianismus als einer Stimulierung der Nachfrage den Boden entzogen hätte; der "Ölschock" von 1973/1974; und schließlich die "falsche" Politik der Nationalstaaten in Form eines konsequenten Monetarismus zu Beginn der 1980er Jahre. Der logische Zusammenhang dieser verschiedenen Faktoren wird nie klar formuliert, besonders bei Lipietz erscheint manchmal eine fast eklektische Kombination aller Elemente.
Insgesamt lässt sich zusammenfassend sagen, dass sich die Theorie der Regulation - egal ob in Frankreich, Deutschland oder den USA, egal ob wert- oder preistheoretisch - sich in einer seltsamen Spanne zwischen disproportionalitäts- und unterkonsumtionstheoretischen Erklärungen von Krisen bewegt.
Für den werttheoretischen Ansatz vor allem von Aglietta und Lipietz bekommt die Disproportionalitätstheorie eine besondere Ausprägung. Klassische Dispropor-tionalitätstheorien reduzierten die Problematik ungleicher Entwicklung der Produktivität in den beiden Abteilungen immer nur auf die Ebene des Gebrauchs-werts, auf die Menge der produzierten Güter und deren technisches Fehlverhältnis zu anderen existenten Gütern. Die Alternativlösung zu diesem ökonomischen Allokationsproblem habe daher immer ein starker Staat geboten, der von nun an die Richtung der Akkumulation lenken sollte. Bei Aglietta verbindet sich der ganze Ansatz aber mit der Wertproblematik. Das Verhältnis und der Austausch zwischen den beiden Abteilungen muss nicht nur in bezug auf die Gebrauchswerte stimmig sein, auch die Größen der Tauschwerte müssen einander entsprechen, um in letzter Konsequenz den Absatz der produzierten Güter gewährleisten zu können. Deshalb ist für die Lösung der Problematik ein starker Staat nicht genügend, deshalb greifen die beiden Theoretiker auf den erwähnten Begriff des glücklichen Fundes zurück, der den zumindest teilweise unregulierbaren Charakter der kapitalistischen Produktionsweise beibehält.
Das Erkennen der grundsätzlichen Krisenhaftigkeit des Kapitalismus war ein Grund für die vormals politisch weit links angesiedelten Ansichten von Aglietta und Lipietz. Aglietta hat sich bald von der marxistischen Theorie verabschiedet, und Lipietz wurde mittlerweile zum Chefökonomen der französischen Verts, der Grünen, für die er Papiere mit reformistisch-ökologischen Politikkonzepten schreibt. In der preistheoretischen Variante fällt der progressive Chrakter der Verknüpfung der Regulationstheorie mit der Marxschen Werttheorie von vorneherein weg. Was bleibt, sind Disproportionen, also Missverhältnisse zwischen den beiden großen Abteilungen der Produktion, den Abteilungen I und II, die dann tatsächlich regulativ beseitigt werden können. Diese Schlussfolgerungen finden sich nicht nur bei Boyer und Co. oder bei den Verfechtern des SSA-Ansatzes aus den USA (Schule der social structure of accumulation), sondern auch bei den beiden wichtigsten Vertretern aus dem deutschsprachigen Raum, bei Joachim Hirsch und Elmar Altvater.
Der Unterkonsumtionismus hingegen ist allen Vertretern der Theorie der Regulation gemein. Die mangelnde Konsumkraft wird hier zur Hauptursache der großen Krise der Zwischenkriegszeit erklärt, wodurch der gestiegene Output aus Abteilung I nicht von Abteilung II aufgefangen habe werden können. Die besondere Verknüpfung mit der Disproportionalitätstheorie liegt dabei darin, dass - und hier drücken sich die Regulationstheoretiker selten klar aus - der mangelnde Konsum manchmal als absolut verstanden wird, dass also einfach die Einkommen der Lohnabhängigen in Relation zu den Profiten zu gering seien. Manchmal wird das aber auch gleichgesetzt mit einer mangelnden Akkumulation in Abteilung II, was eine mangelnde Produktivität in dieser Abteilung zur Folge habe, was wiederum bedeuten würde, dass die Waren aus dieser Abteilung zu teuer seien, um in den Konsum der Klasse der Lohnabhängigen eingehen zu können.
Insofern ist diese zweite Art von Unterkonsumtion eine Variante der Disproportionalität zwischen den beiden großen Abteilungen. Das ist auch der tiefere Grund, weshalb dem amerikanischen New Deal als politischer Maßnahme eine so große Bedeutung in der Beendigung der großen Depression zugemessen wird - und nicht etwa dem Krieg und der Zerschlagung oder dem Zurückdrängen der Arbeiterbewegung.
Diese Kombination aus zwei miteinander verwandten krisentheoretischen Ansätzen lässt die Theorie der Regulation (was zwar für den Ansatz im allgemeinen, aber nicht ganz für Aglietta und Lipietz zutrifft) zumindest auf theoretischer Ebene als Reformismus und konsequenten Linkskeynesianismus erkennen und ordnet sich damit in die Tradition der klassischen Unterkonsumtions- und auch Disproportionalitätstheorien ein, die in der Regel demselben politischen Lager angehören. Das geht auch Hand in Hand mit der schon oben erwähnten zumindest tendenziell falschen Auffassung des kapitalistischen Staates, dessen Klassencharakter völlig unterschätzt wird. Das gilt schon für den frühen Aglietta und für Lipietz, und das gilt in der Folge noch mehr für die Vertreter der preistheoretischen Variante wie auch für die deutschen Vertreter Hirsch und Altvater.
Während Michel Aglietta also den begründenden Ansatz der Theorie der Regulation setzte, wurde dieser Ansatz aber erst durch die breiten Debatten über dieses Thema bekannt und einflussreich. Diese Debatten setzten zunächst in Frankreich selbst ein, ehe sie dann auch in zahlreichen anderen Ländern an Einfluss gewannen, nicht zuletzt auch in Deutschland, vor allem durch die Bücher von Joachim Hirsch.
5. Verschiedene Stömungen der Regulationstheorie
Schon 1974/1975 wurde am INSEE (Institut National de la Statistique et des Etudes Economiques) in Paris auf einem gemeinsamen Seminar die Doktorarbeit von Aglietta diskutiert - unter Beteiligung von C. Benetti, A. Boyer, S. de Brunhoff, G. Duménil und anderen. Um Aglietta herum bildete sich im Rahmen des der Sozialistischen Partei nahestehenden CEPREMAP (Centre d'Etudes Prospectives d'Economie Mathematique Appliquée a la Planification) ein umfangreiches Forschungsprojekt, wo eine Reihe verschiedener Forscher vor allem empirische Studien mit Rückgriff auf die von Aglietta entwickelten Kategorien betrieb. 1978, also im Jahr der Veröffentlichung der Arbeit von Aglietta, wurde die längerfristige Untersuchung über die Struktur der Inflation im Frankreich der 1970er Jahre publiziert - woran unter anderem Boyer und Lipietz beteiligt waren. In den folgenden Jahren wurden im Umfeld des CEPREMAP Untersuchungen auf der Grundlage regulationstheoretischer Begriffe zu unterschiedlichen ökonomischen Prozessen gestartet, so zum Beispiel von Boyer und Mistral zu Prozessen der Nominalpreisbildung, von Gelpi zur Frage des Geldes beziehungsweise der Geld-versorgung kapitalistischer Gesellschaften, während umgekehrt Lipietz daran arbeitete, die Theorie der Regulation mit der Marxschen Werttheorie zu ver-knüpfen.
Während Aglietta und Lipietz versuchten, die von Marx entwickelten allgemeinen Bewegungsgesetze des Kapitals auf die realen historischen Prozesse anzuwenden und weiterzuentwickeln, lassen Boyer, Benassy & Co diese allgemeinen Bewegungsgesetze nicht gelten. Sie konzentrieren sich von Anfang an auf die Erforschung empirischer Prozesse und entwickeln in der Folge sogenannte historische Gesetze, die nur für eine bestimmte Periode kapitalistischer Entwicklung Gültigkeit haben. Den methodischen Hintergrund bilden neben der sogenannten Historischen Schule auch die Tradition um Keynes und Kalecki und zum Teil (vor allem bei Boyer) auch Marx, und zwar in bezug auf dessen Sichtweise gesellschaftlicher Klassen (und nicht vereinzelter Individuen) als methodologischem Ausgangspunkt jeder gesellschaftlichen Theorie.
Wenn nun aber, wie erwähnt, die Bewegung entlang der Wertverhältnisse nicht mehr den wichtigsten Funktionsmechanismus der kapitalistischen Produktionweise bildet, dann müssen andere Mechanismen an dessen Stelle treten. So rücken institutionelle Formen noch mehr als bei Aglietta und Lipietz in den Vordergrund und funktionieren dabei als eine Art Kodifizierung der im Kapitalismus erscheinenden Bewegungen - also der Preisverhältnisse, der Formen des Wett-bewerbs (kompetitiv oder monopolitisch), der Lohnverhältnisse und zuletzt der jeweiligen Form eines internationalen Regimes. Anders als bei Aglietta und Lipietz manifestieren sich diese Verhältnisse in der Regel in (staatlichen, tariflichen etc.) Institutionen, die sich dann mit Zwang, also durch Verträge, als staatliches Handeln, oder als Gewohnheiten durchsetzen.
Durch ihre Eigenständigkeit beziehungsweise durch ihre Losgelöstheit von den inneren Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise bekommen diese institutionellen Formen nun aber auch eine völlig andere Funktion als in der werttheoretischen Variante (beziehungsweise deren Intention). Dienten sie dort noch einer zumindest temporären und tendenziellen Ausschaltung dieser Widersprüche (die allesamt dem Wertverhältnis entspringen), wobei das System vom Prinzip her dennoch instabil blieb, so bekommt in der preistheoretischen Variante die Struktur der kapitalistischen Produktionsweise einen zunehmend stabilen Charakter, der zwar nicht durch die Märkte, aber eben durch die verschiedenen Formen der Regulation gesichert werden kann. Dadurch nähert sich der gesamte Ansatz einer gleichgewichtigen Betrachtungsweise (was freilich nicht deren eigener Sicht der Dinge und deren Selbstbild entspricht).
Aber auch innerhalb der preistheoretischen Variante gibt es wieder weitere Verzweigungen. So legt z.B. Boyer in bezug auf die Durchsetzung neuer Akkumulationsregimes sehr viel Gewicht auf politische und soziale Kämpfe, die sich im nachhinein in bestimmter Weise, oft unbeabsichtigt, auf die Struktur der kapitalistischen Produktionsweise auswirken, während andererseits z.B bei Bertrand die verschiedenen Akumulationsregimes funktional definiert sind, also einer bestimmten Funktion entsprechen und relativ unabhängig von sozialen und politischen Kämpfen bleiben.
Soweit zur Entwicklung im Rahmen des CEPREMAP in Paris. Parallel beziehungsweise im Gefolge dazu entwickelten sich in zum Teil anderen Bereichen ähnliche Ansätze, die sich in den Bereich der Theorie der Regulation einordnen lassen.
Zunächst folgten schon seit der Mitte der 1970er Jahre die Untersuchungen in der GRREC (Groupe de recherche sur la régulation d'économies capitalistes ) an der Universität in Grenoble. Im Zentrum stehen dabei die langfristigen Entwicklungen der Profitrate einerseits und die Prozesse der Ausgleichung der Profitrate andererseits. Der langfristige Prozess des tendenziellen Falles der Profitrate artikuliert sich dabei in jeweils besonderer Form - nämlich in Abhängigkeit vom jeweiligen Akkumulationsregime beziehungsweise von der jeweiligen Regulations-weise. Da nun aber einerseits in bezug auf die Bewegungen der Profitrate keine neuen Erkenntnisse produziert wurden und andererseits die verschiedenen Regulationsformen sehr funktionalistisch aufgefasst wurden, konnten die Vertreter der GRREC nie relevanten theoretischen Einfluß gewinnen.
Ebenfalls in diesen Kontext gehört die sogenannte Theorie des staats-monopolistischen Kapitalismus, die zuerst von Paul Boccara entwickelt wurde und dann zur mehr oder weniger offiziellen Position der Kommunistischen Partei Frankreichs wurde (und auch vom Institut für marxistische Studien und Forschungen (IMSF) in Deutschland vertreten wurde). Nach Boccara, dessen wichtigste Veröffentlichungen zu diesem Thema bereits auf die Mitte der 1970er Jahre zurückgingen und also teilweise unabhängig von der Arbeit von Aglietta entstanden, erleidet ein überzyklischer Aufschwung (oder eine lange Welle) durch die Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals und der in der Folge fallenden Profitrate eine langsame Ausreizung oder Austrocknung der technolo-gischen Grundstruktur und einen Verlust an Dynamik. Es sind dann gezielte staatliche Regulierungen oder soziale Innovationen, die eine Beschleunigung der technologischen Entwicklung hervorrufen, durch die es in der Folge zu einer massiven Entwertung des konstanten Kapitals kommt und die Profitabilität, als die die Akkumulation determinierende Größe, sich wieder erholen kann.
In Holland hat sich eine weitere kleine und ohne Relevanz gebliebene Strömung entwickelt: Die Amsterdamer Schule konzentriert sich dabei zu großen Teilen auf die Frage der Kontrolle über den Akkumulationsprozess durch bestimmte Fraktionen des Kapitals, die zur Sicherung (als Regulierung) dieses Prozesses notwendig ist.
Im deutschen Sprachraum sind es vor allem die Arbeiten von Joachim Hirsch, durch die die Theorie der Regulation in Kreisen der Linken großen Einfluss gewonnen hat. Bei Hirsch sind es einerseits Form und Funktion des kapitalistischen Staates und andererseits das Gesetz des tendenziellen Falles der Proftrate, die im Zentrum seiner Aufmerksamkeit stehen.
Wie schon davor bei Aglietta und Lipietz, liegt auch bei Hirsch der Ausgangspunkt zum Verständnis des Staates im Kapitalismus darin, ihn als Produkt der kapitalistischen Produktionsweise zu sehen, und ist es erst danach sinnvoll, ihn als Hebel für verschiedene Fraktionen des Kapitals zu begreifen. Auch bei Hirsch wird der Begriff des Staates dann auf strukturelle und institutionelle Formen ausgedehnt und in dieser Summe als (neben der Wertform) wichtigster Modus der Vergesellschaftung begriffen.
Diese institutionellen Formen werden in bestimmte Stadien kapitalistischer Entwicklung eingebettet, die sich strukturell voneinander unterscheiden. In einem gemeinsam mit J. Häusler geschriebenen Aufsatz geht Hirsch davon aus, "daß die Geschichte des Kapitalismus im Weltmaßstab durch eine Abfolge spezifischer gesellschaftlicher Formationen geprägt ist, die auf der Basis einer gleichbleibenden Grundstruktur (Privatproduktion, Lohnarbeit, warentauschvermittelte Aneignung des Mehrprodukts) in ihren Produktions- und Ausbeutungsformen, den Vergesellschaftungs- und Klassenverhältnissen sowie dem Charakter des Staates und der politischen Herrschaft sich wesentlich unterscheiden".
Der tendenzielle Fall der Profitrate, wo Hirsch vom rein ökonomischen Stand-punkt aus durchaus orthodox marxistisch argumentiert, wird dabei in diese Stadientheorie eingebettet, wobei die Entfaltung dieses Gesetzes - ähnlich Aglietta und Lipietz - durch institutionelle Formen reguliert wird. Hirsch kommt dabei zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie verschiedene Vertreter der preistheoretischen Regulationstheorie. Zwar wird die Bewegung an die Wertverhältnisse rückgebunden, zugleich wird aber die Artikulation dieser im Hintergrund wirkenden Wertverhältnisse in der Erscheinungswelt kapitalistischer Verhältnisse negiert, weil es tatsächliche Regulationsmöglichkeiten gebe und weil die Entwicklung dieser Wertverhältnisse steuerbar sei - durch den Staat, durch verschiedene Institutionen etc. Ähnlich argumentiert im Prinzip auch Elmar Altvater, der sich ebenfalls in dieser unausgegorenen Spanne zwischen wert- und preistheoretischer Variante der Theorie der Regulation bewegt.
Die wichtigste Strömung, die dem Umkreis der Theorie der Regulation zuzuordnen ist, findet sich aber zweifellos in den USA, nämlich die schon erwähnte Schule der social stucture of accumulation. In den USA war ca. ab den 1960er Jahren die ungewöhnliche Situation entstanden, dass es ein einzelnes Buch war, das über enormen Einfluss verfügte und auch den Ausgangspunkt fast aller folgenden Ansätze marxistischer Theorie bildete, nämlich Monopoly Capital von Paul A. Baran und Paul M. Sweezy. Baran und Sweezy liefern hier nicht nur eine aufschlussreiche Untersuchung über den Grad der Konzentration des Kapitals in den USA, sondern versuchen auch sehr viele nicht-ökonomische oder "super-strukturelle" Faktoren in ihre Untersuchung krisenhafter Prozesse einzubeziehen, unter anderem Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt, bei der Organisation der Arbeit, in bezug auf die geschlechtliche Teilung der Arbeit, die Funktion der Familie, die Rolle des Staates etc.
Diese Sicht der Dinge wurde in gewisser Hinsicht hegemonial, und als dann Anfang der 1980er Jahre Samuel Bowles, David M. Gordon und Thomas Weisskopf ihre ersten wichtigen Arbeiten veröffentlichten, war es kein Zufall, dass sie gerade diesen außerökonomischen Faktoren eine weit einflussreichere Stellung zuwiesen, als das vergleichsweise in Europa der Fall war (und auch weit mehr als bei Baran und Sweezy selbst). Ihnen zufolge ist es die social structure of accumulation (SSA; unter diesem Namen wird dieser theoretische Ansatz in der Regel auch bezeichnet), die die Möglichkeiten der Kapitalakkumulation determinieren. In einer oft zitierten Stelle formuliert Gordon den Anspruch der SSA folgendermaßen:
"Relative Stabilität in der die Möglichkeiten der Kapitalakkumulation betreffenden allgemeinen sozialen und ökonomischen Umgebung ist eine notwendige Voraussetzung für eine anhaltende und rapide Akkumulation. Ohne eine solche strukturelle Stabilität wird der Pfad der Akkumulation in einer kapitalistischen Wirtschaft wahrscheinlich erschlaffen."
Es seien diese sozialen Strukturen der Akkumulation, die ein stabiles ökonomisches und politisches Umfeld sichern, das notwendig sei für eine beschleunigte und langfristige Akkumulation des Kapitals. Ein solcher langfristiger Aufschwung wird "reproductive" genannt, während es ohne die entsprechende soziale Struktur zu einem "non-reproductive cycle" kommen müsse.
Die SSA hat viele Ähnlichkeiten mit der preistheoretischen Variante der französischen Regulationstheorie, vor allem in bezug auf die Rolle der Institutionen und der Ablehnung der Marxschen Werttheorie.
Abschließend kann man festhalten, dass die gesamte regulationstheoretische Herangehensweise vom Konzept einen durchaus sinnvollen Ansatz versucht. Die Integration auch nicht-ökomischer Strukturen in die Theorie kapitalistischer Produktionsweisen stellt auch einen Mangel in etlichen Traditionslinien marxistischer Theorie dar. Aber die theoretische Form dieses Ansatzes läuft auf ein reformistisches, keynesianistisches Modell hinaus. Dass auch die historischen Untersuchungen, die Anwendung der Begrifflichkeiten auf reale historische Prozesse im Rahmen der gesamten Theorie der Regulation nicht haltbar ist, wird der folgende Aufsatz von Robert Brenner und Mark Glick zeigen.