Alan Woods / Ted Grant
Reason in Revolt
Marxist Philosophy and Modern Science
Well Red Publications
London 1995
446 Seiten, 10 Pfund
Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Produktivkräft hat im 19. Jahrhundert zu einer rasanten Entwicklung der Technik und der Natur-wissenschaften geführt. Karl Marx und Friedrich Engels schenkten dem Fortschritt und den Errungenschaften dieser Bereiche große Aufmerksamkeit. Engels nannte als hervorragendste Meilensteine des Triumphzuges der Naturwissenschaften drei große Entdeckungen: die der organischen Zelle, des Gesetzes von der Erhaltung und Umwandlung der Energie und der Biologischen Entwicklungstheorie durch Darwin. Das Erscheinen des Hauptwerkes von Charles Darwin The origin of species by means of natural selection (1859) war offensichtlich ein starker Antrieb für das Studium der Naturwissenschaften für Marx und Engels. In einem Brief an Engels schrieb Marx darüber: "Obgleich grob englisch entwickelt, ist dies das Buch, das die naturhistorische Grundlage für unsere Ansicht enthält." (Marx an Engels, 19.12.1860, MEW 30, 131)
Marx, Engels und die Naturwissenschaften
Bis zum Ende der 1850er Jahre hatten sich Marx und Engels bereits intensiv mit dem Bereich der Gesellschaft theoretisch und praktisch-politisch auseinander-gesetzt. Engels stellte als ein Ergebnis dieser Beschäftigung die materialistische Dialektik als gültig für den gesamten Bereich der Gesellschaft dar. Seit den 1870er Jahren stieß der wissenschaftliche Sozialismus auf ein Gebiet vor, das er mit der historischen Bewußtseins- und Ideologietheorie der materialistischen Geschichts-auffassung und der Marxschen politischen Ökonomie noch nicht erreicht hatte. Ab dem Jahr 1873 setzt sich Engels mit einem Problem auseinander, das bis dahin im Hintergrund gestanden hatte: dem Verhältnis von Dialektik und Natur (vgl. Brief an Marx, 30.05.1873, MEW 33, 80-81). Er beginnt eine intensive Auseinandersetzung mit Naturphilosophie und den Naturwissenschaften, die in den Fragmenten und Reflexionen über das Verhältnis von Dialektik und Naturwissenschaften, bekannt unter dem von den ersten Editoren gewählten Titel Dialektik der Natur (DN) (MEW 20, 305-570; in chronologischer Reihenfolge in: MEGA 2 I/26) vorliegen.
Engels' systematische Beschäftigung mit den Naturwissenschaften endete mit dem Todesjahr von Marx, 1883. Diese Arbeit an seiner "allgemeinen Philosophie der Wissenschaften", wie Paul Lafargue sie später nannte, war unterbrochen von der Auseinandersetzung mit einem der Führer der kleinbürgerlich-sozialistischen Bewegung: Eugen Dühring. Zwischen 1876 - 1878 entstand so das zunächst als Artikelserie im sozialdemokratischen Vorwärts und 1878 als Buch erschienene, gegen die "Wirklichkeitsphilosophie" Dührings und dessen ideologischen Einfluß in der Sozialdemokratie gerichtete wichtige Werk Engels', Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring) (AD) (MEW 20, 1-303). Die darin vorgenommene Verteidigung der Dialektik gegen deren Ablehnung durch die Dühring-Anhänger gab Engels die Gelegenheit, "kompendienartig" eine Darstellung des Marxismus als "Weltanschauung" zu geben, in der die Dialektik die gesamte Wirklichkeit durchdringt. Er konnte sich in dieser Schrift davon "überzeugen [...], daß in der Natur dieselben dialektischen Bewegungsgesetze im Gewirr der zahlreichen Veränderungen sich durchsetzen, die auch in der Geschichte die scheinbare Zufälligkeit der Ereignisse beherrschen; dieselben Gesetze, die, eben-falls in der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Denkens den durchlaufenden Faden bildend, allmählich den denkenden Menschen zum Bewußtsein kommen" und zuerst "in mystifizierter Form" von Hegel begriffen worden waren (ebd, 11).
Wie die materialistische Dialektik aus den beiden unmittelbaren Anknüpfungs-punkten Hegel und Feuerbach entstanden ist, zeigt Engels in der Schrift Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie (LF) (1888, MEW 21, 259-307). Dabei arbeitet er die jeweiligen Differenzen des Marxismus sowohl zur vorgefundenen Hegelschen Dialektik als auch zum Feuerbachschen Materialismus heraus.
Mit der Dialektik der Natur, dem Anti-Dühring und dem Ludwig Feuerbach sind jene Schriften angeführt, die sich auf theoretischer Ebene ausführlicher mit (materialistischer) Dialektik auseinandersetzen - hinzuzufügen wäre auch noch die von Engels verfaßte Rezension Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie von 1859. Die grundlegendsten theoretischen Werke zur marxistischen Philosophie wurden somit allesamt von Engels verfaßt.
Reason in Revolt
Die Frage nach der Aktualität der philosophischen Arbeiten Friedrich Engels' markiert den Ausgangspunkt des 1995 erschienenen Buches der englischen Trotzkisten Alan Woods und Ted Grant Reason in Revolt - Marxist Philosophy and Modern Science (RR). Engels hatte Dialektik als "die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschen-gesellschaft und des Denkens" charakterisiert (AD, MEW 20, 131-132). Besonders in seinen Arbeiten zur sogenannten Dialektik der Natur stützte er sich auf die fortgeschrittensten wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit, um zu zeigen, "daß es in der Natur in letzter Instanz dialektisch [...] hergeht" (ebd, 22). Die Autoren des vorliegenden Werkes sind überzeugt, daß die wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen des 20. Jh. einen schlagenden Beweis dafür liefern. Reason in Revolt ist daher ein Versuch, die grundlegenden Ideen marxistischer Philosophie zu erklären und deren Verhältnis zu den Positionen moderner Wissenschaft und Philosophie darzustellen.
Das Buch ist der erste Teil einer geplanten "Trilogie", die "die drei Haupt-bestandteile des Marxismus - marxistische Philosophie (dialektischer Materia-lismus), die marxistische Theorie der Geschichte und der Gesellschaft (historischer Materialismus) und die marxistische Ökonomie (Arbeitswerttheorie)" (RR, 15) umfassen soll. Die Darstellung der Philosophie des Marxismus, des "dialektischen Materialismus" steht am Anfang, da Woods/Grant darin die Methode des Marxis-mus sehen, deren Anwendung auf die Untersuchung der Entwicklung der Gesell-schaft den historischen Materialismus und auf den Bereich der Ökonomie die Arbeitswerttheorie hervorbrachte. Der "dialektische Materialismus" ist demnach grundlegend und ein Einblick in diese Methode für ein Verständnis des Marxismus unerläßlich.
Den letztlich einzigen Weg, den Marxismus zu verstehen, sehen Woods/Grant im Studium der Werke von Marx, Engels, Lenin und Trotzki. Da diese auch vielen subjektiven Marxisten weitgehend unbekannt oder nur sekundärliterarisch bekannt sind, haben die Autoren eine große Zahl auch langer Zitate (besonders von Engels) aufgenommen, einerseits um die Leser zur Lektüre der Originale anzuregen, andererseits um ihrem Publikum damit direkten Zugang zu den Ideen der "Klas-siker" - "ohne irgendeine Übersetzung" - zu gewähren.
Reason in Revolt nimmt die Darstellung der marxistischen Philosophie nicht alleine wegen dem Anknüpfen an Engels in Zusammenhang mit den Entwicklungen der modernen Naturwissenschaften in Angriff. Woods/Grant sind von einem aktuell-politischen Hintergrund ausgegangen, der sie ein Buch über Marxist Philosophy and Modern Science schreiben ließ: die steigende Tendenz einer Rückkehr zu Mystizismus und religiösem Obskurantismus am Ende unseres Jahrhunderts. Die Autoren sehen in diesem allgemeinen Trend eine Reaktion auf eine Epoche des Niedergangs des Kapitalismus, der sich in kulturellem Verfall spiegelt. Auch die Wissenschaften bleiben von diesen Tendenzen nicht unberührt. Wissenschaftliche Theorien sind oder werden oft in den Rahmen reaktionärer Ideologien einbezogen, um jene scheinbar wissenschaftlich zu begründen. Besonders fällt das etwa im Bereich der Genetik auf, wo vorgeblich wissenschaftliche Theorien dazu benutzt werden, um zu "beweisen", daß Kriminalität von "kriminellen Genen" und nicht vom sozialen Umfeld abhängig sei; daß bestimmte Minderheiten nicht aufgrund von Diskriminierung, sondern wegen ihres genetischen Aufbaus benachteiligt wären - ähnlich wird die untergeordnete Stellung von Frauen gerechtfertigt etc. Und im Bereich der theoretischen Physik und der Kosmologie werden Modelle der "Urknalltheorie" benutzt, um die Existenz eines Schöpfers zu rechtfertigen.
Ausgehend von dieser Problemlage verfahren die Autoren durchgängig ideologiekritisch, d.h. wissenschaftliche Konzeptionen werden auf ihr ausdrück-liches oder unausgesprochenes Einbezogensein in einen umfassenden theoretisch-praktischen Wirkungszusammenhang überprüft.
Ideologiekritik & Wissenschaft
Reason in Revolt ist in vier Abschnitte gegliedert, denen ein kurzer Nachruf auf den vor Erscheinen des Buches verstorbenen schwedischen Physiker Hannes Alfvèn (Begründer der modernen Plasmaphysik), verfasst von Eric J. Lerner (Autor von The Big Bang Never Happend, 1992) und ein Vorwort der Autoren vorangestellt ist.
Der erste Abschnitt mit dem Titel Reason and Unreason behandelt in einem Kapitel die Rolle von Philosophie und Religion in der Geschichte und skizziert den "Kampf zwischen den zwei diametral entgegengesetzten Denkschulen: Materia-lismus und Idealismus". Ursprünglich sollte an dieser Stelle ein Abschnitt über die Geschichte der Philosophie stehen, dessen Umfang sich allerdings zu einer eigenen Publikation auswuchs (mittlerweile ist Alan Woods History of Philosophy im Internet zugänglich, unter www.marxist.com/philosophy)
Ein ausführlicheres Kapitel widmet sich dann dem "dialektischen Materialismus". Hier wird zunächst, was die detaillierte Ausarbeitung der Gesetze der Dialektik betrifft, auf Hegel verwiesen. Das Verhältnis der Hegelschen Dialektik zu der Marxschen Methode wird nicht näher ausgeführt als mit dem Verweis auf die materialistische "Umkehrung" Hegels durch Marx. In der weiteren Darstellung der Dialektik als der "Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung, sowohl der äußeren Welt wie des menschlichen Denkens" (LF, MEW 21, 293, Hervorhebung K. G.) fassen Woods/Grant die Engelssche Darstellungsweise der drei "Hauptgesetze" der Dialektik - Umschlagen von Quantität in Qualität und umgekehrt; Durchdringung der Gegensätze; Negation der Negation (vgl. DN, MEW 20, 348) - anhand konkreter wissenschaftlich erfaßter Prozesse in der Natur zusammen und erweitern sie durch Hinzufügen neuerer Erkenntnisse vor allem der Physik, Chemie und Biologie.
Das letzte Kapitel des ersten Abschnitts beschreibt die Beziehung zwischen Dialektik und formaler Logik und stellt die Gesetze letzterer als gültig für einen bestimmten und begrenzten Bereich der Realität dar. Diese Gesetze liegen dem reduktionistischen Verfahren der exakten Natur- und Geschichtsforschung der Neuzeit zugrunde, die zunächst, um "Einzelheiten zu erkennen [...], sie aus ihrem natürlichen oder geschichtlichen Zusammenhang herausnehmen und sie, jede für sich, nach ihrer Beschaffenheit, ihren besonderen Ursachen und Wirkungen usw. untersuchen." (AD, MEW 20, 20). Diese Betrachtungsweise war die Grund-bedingung für die Fortschritte, die die moderne Forschung gemacht hat. In ihrer verabsolutierten Form sieht sie ihre Untersuchungsgegenstände aber nur noch "in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhanges [...]; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand, nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände, nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem Tod" (ebd.).
Die Verabsolutierung des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch führt zu einer Grenzüberschreitung der formalen Logik, die mit der Realität in Widerspruch gerät. Der "dialektische Materialismus" ist demgegenüber die angemessene Methode, wenn es darum geht, die Wirklichkeit in ihrer Veränderlichkeit und ihren Zusammenhängen zu erfassen. (Siehe zu diesen Themenbereichen auch die Arbeiten des US-amerika-nischen Trotzkisten George Novack: Logic of Marxism; Origins of Materialism; Empiricism and its Evolution.)
In den Abschnitten zwei bis vier zeigen Woods/Grant, wie die Entwicklung der Naturwissenschaften im 20. Jh. die dialektisch-materialistische Naturanschauung bestätigt und halten diese zugleich idealistischen und reduktionistischen Konzep-tionen in den Wissenschaften entgegen. Der zweite Abschnitt Time, Space and Motion behandelt die naturwissenschaftliche Begründung der dialektischen These von der Einheit von Kontinuität und Diskontinuität der Materie durch die Entdeckungen von Max Planck, Niels Bohr und de Broglie sowie der Thesen von Engels über Materie, Bewegung, Raum und Zeit durch die Relativitätstheorie Einsteins. Darüberhinaus werden die idealistischen philosophischen Konzeptionen, die der Kopenhagener Interpretation der Heisenbergschen Unschärferelation und der Interpretation durch Heisenberg selbst zugrundeliegen, aufgezeigt - ebenso wird vom Standpunkt eines konsequenten Materialismus (im Sinne Engels), mit hauptsächlicher Stützung auf die Kritik E. J. Lerners, verschiedenen Urknall-theorien entgegnet.
Abschnitt drei, Life, Mind and Matter behandelt in gleicher Weise die "Dialektik der Geologie", und die Bestätigung des "dialektischen Materialismus" auf dem Gebiet der Biologie und Psychologie, besonders im Bezug auf die wichtige Schrift Engels' Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen (1876), in der er die gesellschaftliche Arbeitstätigkeit des Menschen als die Haupttriebkraft des Menschwerdungsprozesses herausgestellt hat. Weiters findet sich ein Kapitel über "Marxismus und Darwinismus" und eine Kritik am genetischen Determinismus von Dawkins und Co.
Der letzte Abschnitt Order out of Chaos zeigt die auffälligste Annäherung moderner Wissenschaft an ein dialektisches Verständnis von Phänomenen in der Chaos- und Komplexitätstheorie.
Ausblick
Woods/Grants Resumee nach ihrem Durchgang durch die jüngere Wissenschafts-geschichte lautet, daß die Entwicklung der (Natur-)Wissenschaften eine Bestäti-gung des "dialektischen Materialismus" darstellt und zudem sich eine zunehmende Tendenz zu dialektischem Denken in den Wissenschaften selbst geltend macht. "Wissenschafter, die nie auch nur eine Zeile von Marx oder Hegel gelesen haben", wären "unabhängig voneinander zu vielen Ideen des dialektischen Materialismus gelangt." Woods/Grant sind daher "fest überzeugt, daß die künftige Entwicklung der Wissenschaften die Bedeutung der dialektischen Methode bestätigen wird und ihren Wegbereitern schließlich die Anerkennung zuteil werden wird, die ihnen bisher versagt blieb." (RR, 389)
Engels hatte vor über 100 Jahren erkannt, daß "in der Naturwissenschaft durch ihre eigene Entwicklung die metaphysische Auffassung unmöglich geworden" ist (metaphysisch steht hier für den verabsolutierten Reduktionismus der Einzel-wissenschaften). Die "Rückkehr zur Dialektik" würde sich jedoch "unbewußt, daher widerspruchsvoll und langsam" vollziehen, und die materialistische Dialektik so "eine absolute Notwendigkeit für die Naturwissenschaften" werden (DN, MEW 20, 307; 476). Während Engels damit die Aufforderung einer bewußten Aneignung der dialektischen Methode betont, meinen Woods/Grant, daß "die bewußtesten Mitglieder der 'scientific community' durch ihre eigene Arbeit und Erfahrung die Notwendigkeit einer konsequent materialistischen Weltanschauung erkennen" würden (RR, 26). Trotz dieser Entwicklung würde den wegbereitenden Arbeiten von Hegel, Marx und Engels kaum Beachtung geschenkt. Die wesentlichen Gründe dafür sehen Woods/Grant in den "weitverbreiteten Vorurteilen gegen die Dialektik", die zum Teil eine Reaktion auf die mystifizierte Weise darstelle, in der die Dialektik von der idealistischen Schule im Anschluß an Hegel dargeboten wurde; hauptsächlich jedoch wegen ihrer Verbindung zum Marxismus bestünden. Und "die wissenschaftlichen Schriften von Marx und Engels können nicht von ihrer revolutionären Theorie der Geschichte (historischer Materialismus) und ihrer Analyse der Widersprüche des Kapitalismus getrennt werden" (RR, 386), weshalb es nicht überraschend sei, daß der "dialektische Materialismus" als Tabuthema gilt. Die "stalinistische Karikatur" des Marxismus (390 f) tat ein übriges zur Diffa-mierung seiner Theorie.
Damit begeben sich Woods/Grant am Ende von Reason in Revolt wieder auf die gesellschaftlich-politische Ebene (die für das gesamte Buch mitbestimmend ist) und unternehmen einen Ausblick auf die "Zukunft der Menschheit" (393 ff), deren Möglichkeiten sie in sozialistischer Perspektive - auf der Basis einer rationalen, demokratischen Planwirtschaft - als "so grenzenlos wie das Universum selbst" (422) beschreiben.
Alan Woods und Ted Grant haben mit Reason in Revolt - Marxist Philosophy and Modern Science einen Bereich behandelt, in dem die Stimmen marxistischer Theoretiker leise sind. Durch Aufarbeitung einer Fülle neuerer Literatur aus den wissenschaftlichen Hauptzweigen haben die Autoren einen populär gehaltenen Überblick über die Theorieentwicklung der "Modern Science" unter der Leitung eines dialektisch-materialistischen Verständnisses hervorgebracht. Die Darstellung bezieht dabei den von Engels (in AD und DN) und Lenin (in Materialismus und Empiriokritizismus, LW 14) bereits erarbeiteten Stand mit ein und führt deren grundlegende Argumentationslinien, auf den neuen Stoff, angewendet weiter. Auf diese Weise sollte zugleich die "Marxist Philosophy" des "dialektischen Materia-lismus", die Methode des Marxismus herausgearbeitet werden. Hat dieses Vorgehen einerseits den Vorteil, daß sich die Autoren nicht in abstrakt-abgehobenem philosophischen Theoretisieren verlieren, so liegt eben darin auch der Schwachpunkt des vorliegenden Buches, das ja den Anspruch erhebt "von Philosophie [zu handeln] - genauer gesagt der Philosophie des Marxismus, dem dialektischen Materialismus" (RR, 24).
Probleme des "dialektischen Materialismus"
Woods/Grant führen etwas als Methode fort, das als solche weder von Marx, noch von Engels oder Lenin systematisch ausgearbeitet wurde. Diese Tatsache führt in den Problembereich einer Darstellung der materialistischen Dialektik. Wird - wie das bei Woods/Grant in gewisser Weise der Fall ist - eine verfügbare, (mehr oder weniger) systematische Philosophie des Marxismus unterstellt, so wird über viele Probleme ihrer Aufarbeitung unkritisch hinweggegangen. Diese Probleme ergeben sich aus mehreren Ursachen:
Marx hat den Grundlagen materialistischer Dialektik, obwohl er das beabsichtigt hatte (vgl. MEW 29, 260; MEW 32, 18), keinen allgemein-theoretischen Ausdruck verliehen. Die treffende Aussage Lenins, "Wenn Marx auch keine 'Logik' [...] hinterlassen hat, so hat er doch die Logik des 'Kapitals' hinterlassen", kann und soll darüber nicht hinwegtäuschen. Sie benennt den Ort, von dem die methodologische Seite der dialektischen Theorie von Marx, in ihrer entwickelten Gestalt, heraus-gearbeitet werden kann.
Auch Engels hat, ungeachtet aller bemerkenswerten Programme und tatsächlichen Analysen im Detail, keine systematische Ausarbeitung der materialistischen Dialektik vorgenommen. Zudem hat sich die Theorieentwicklung bei Engels, wie auch später bei Lenin, vorrangig in Form von Eingriffen in ideologische Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung und mit bürgerlich-ideologischen Folgen konkurrierender Wissenschafts- und Philosophiekonzeptionen entwickelt. Ihre Positionsnahmen, Akzentsetzungen und Prioritäten sind außerhalb dieses Kontextes nicht zu verstehen.
Ein weiterer Aspekt, der in einer Darstellung "der marxistischen Philosophie" bedacht, und über den kritisch reflektiert werden sollte, ist, daß die Rezeption der Grundlagen materialistischer Dialektik von Marx und Engels immer auch mitbestimmt ist von verschiedenen nach-Marxschen Dialektik-Konzeptionen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es auch keine pedantische Wortklauberei, wenn darauf hingewiesen wird, daß sich bei Marx und Engels nur der Terminus materialistische Dialektik findet. Die Bezeichnung "dialektischer Materialismus" wurde von J. Dietzgen in Streifzüge eines Sozialisten in das Gebiet der Erkenntnistheorie geprägt. Dietzgen vertritt einen spontanen Sensualismus (erkenntnistheoretische Methode, die alle Erkenntnisse auf die - passive - Aufnahme von Sinnesdaten zurückführt) und mißversteht die Marxsche Methode als absolute induktive Methode: "Marx, der Wortführer des wissenschaftlichen Sozialismus, erringt [...] die herrlichsten Erfolge, indem er das logische Naturgesetz, die Erkenntnis von der absoluten Gültigkeit der Induktion auf Disziplinen anwendet, die bisher nur spekulativ mißhandelt wurden." (Dietzgen 1930, I, 229). Woods/Grant zitieren Dietzgen kommentarlos (RR, 75)
Reason in Revolt enthält keine systematische Darstellung oder Aufarbeitung der marxistischen Philosophie, keine Systematisierung der Überlegungen ihrer Begründer zu Wissenschaft und Empirie, zu Dialektik und Theorie etc. Das wäre sicherlich vorteilhaft, denn diese enthalten eben viele Widersprüche, Unsicherheiten und Schwierigkeiten und bilden keine kohärente Theorie - eine solche gilt es erst "in allen ihren Einzelheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten." (Engels, AD, MEW 20, 26). Die Erfüllung dieser wohl alles andere als leichten Aufgabe gelingt Woods und Grant eindeutig nicht. Ihre Arbeit ist auch kein Beitrag zu einer spezifischen inner-wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Reason in Revolt ist aber sehrwohl ein lesbarer Einstieg in neuere wissenschaftliche Theorien - kritisch betrachtet mit einem marxistischen Anspruch und in diesem Sinn durchaus empfehlenswert.
Karl Grabke
Stéphane Courtois (Hrsg.)
Schwarzbuch des Kommunismus
Piper-Verlag
München 1998
988 Seiten, 496 öS / 68 DM
Kurz vor dem 7. November 1997 - dem 80. Jahrestag der Oktoberrevolution in Rußland - lagen in den französischen Buchhandlungen stapelweise die 800-Seiten-Schmöker da: Das Schwarzbuch des Kommunismus, mit einer grellroten Bauch-binde, welche die "Wahrheit über die 100 Millionen Opfer des Kommunismus" versprach. Schon Wochen vorher hatte der Verleger des hartleibigen Opus, Bernard Fixot, vollmundig bei einer Pressekonferenz versprochen: "Binnen eines Monats nach Erscheinen dieses epochalen Werkes wird die KPFrankreich vom Erdboden verschwunden sein".
Bereits im Vorfeld der Erstauslieferung des Schwarzbuchs entbrannten heftige Debatten, und die Lizenzeinkäufer der großen internationalen Verlagshäuser gaben sich bei ihrem französischen Kollegen Robert Laffonte die Klinke in die Hand, um die Übersetzungsrechte für das Werk von Stéphane Courtois, Nicolas Werth, Jean-Lous Margolin und anderen zu erwerben. Für den deutschen Sprachraum machte der Piper-Verlag das Rennen - und so kam das Schwarzbuch auch über die Deutschen (und natürlich auch die Österreicher).
Wie ein Bestseller gemacht wird...
Von Null auf Eins schaffte das für den deutschen Raum um Beiträge zur DDR "angereicherte" Werk den Sprung auf die Bestsellerliste des Spiegel, animierte zu ganz- und doppelseitigen Rezensionen in der stockkonservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und der angeblich so linken tageszeitung (taz). Die Bild-Zeitung, plötzlich bildungsbürgerlich unterwegs, veröffentlichte gar erstmals in ihrer Geschichte eine Vorabdruckserie - die sich allerdings auf die verknappte Schilderung "kommunistischer Greuel" beschränkte. Natürlich durfte auch Öster-reich nicht nachstehen - hier war es die Kronen-Zeitung und vor allem ihr dräuendes Geschichtsorakel Ernst Trost, das den Leserinnen und Lesern einbleute: "Der Kommunismus war die größte Verbrecherbande des Jahrhunderts".
Was aber macht den Sensationserfolg eines Buches aus, das sich "wissenschaft-lich" mit einer der kompliziertesten Materien dieses Jahrhunderts - nämlich der Bilanz des Kommunismus - auseinandersetzt? Zunächst ist da der Anspruch: Das Schwarzbuch möchte nachweisen, daß der "Kommunismus" (wir werden auf den Begriff noch zurück kommen) nicht nur gescheitert ist, sondern zugleich nicht nur durch verbrecherische Regimes, sondern durch eine durch und durch verbreche-rische Ideologie bestimmt ist. Das Schwarzbuch beansprucht weiters, erstmals eine globale Sicht des "Kommunismus" zu bieten - zwar steht im Mittelpunkt die Abrechnung mit der ehemaligen UdSSR, aber Detailstudien über alle Kontinente sollen die Ausgangsthese untermauern.
Drittens ist es die "wissenschaftliche Statur" der Verfasser, die dem Werk Reputation verleiht - durch die Bank handelt es sich um Mitarbeiter des Conseil National de la Recherche Scientifique (CNRS), dem französischen Pendant zu unserer Akademie der Wissenschaften. Stéphane Courtois hat als Verfasser einer Geschichte der französischen KP seine akademischen Lorbeeren eingeheimst, Nicolas Werth gilt als Experte zur Geschichte der Sowjetunion, Jean-Lous Panné (Ko-Autor des Beitrages über die KOMINTERN) ist als Historiograph der französischen Arbeiterbewegung der 30er Jahre hervorgetreten - ehrenwert sind sie alle, und vor allem der Ex-Maoist Courtois ist ein ehrenwerter Mann.
Es ist nicht "trotzkistische Häme", wenn wir darauf hinweisen, daß ein Gutteil der Autoren des Schwarzbuch eine bewegte Vergangenheit bei diversen mao-stalinis-tischen Zirkeln vorweisen kann - Courtois, seine Verleger (national wie international), freundliche Rezensenten und politische Nutznießer der sperrigen Publikation führen dieses Argument immer wieder mit Lust an, um die Glaub-würdigkeit des Schwarzbuchs zu unterstreichen. Immerhin - diese intelligenten Menschen waren einst in die Irre gegangen, doch in der Ferne leuchtete ein Licht, und dieses Licht hat Namen, und seine Namen sind Legion: Kapitalismus, Demokratie, Liberalismus. Und aus dem Dunkel rief eine Stimme: "Tuet Umkehr", und sie taten sie, - sie, die sie einst die Ideologie des Marxismus-Leninismus mit Eßstäbchen in sich hineingestopft hatten, und sie warfen ihre wirren Theorien und ihre falschen Götzen über Bord und wurden wohlbestallte (selbstverständlich wertfreie) Wissenschafter und wandelten sich vom Saulus zum Paulus, und so legen sie Zeugnis ab, das mehr Gewicht hat als jenes von hundert Gerechten.
Der Wirrwarr der Begriffe und der Zahlen
Das in der Rezeption meistaufgegriffene Thema der Verfasser des Buches lautet: Der "Kommunismus" hat mehr Menschenleben auf dem Gewissen als der National-sozialismus; der "Rassenmord" des NS-Regimes war läppisch gegen den "Klassen-mord" der "Kommunisten" an Kulaken (russischen Mittelbauern), Bourgeois, Kleinbürgern und allen Abweichlern. Diese Verbrechen seien dem "Kommunismus" inhärent, ihre Wurzeln finden sich bereits bei Karl Marx und Friedrich Engels. Vor allem die diesbezüglichen Äußerungen von Courtois, die sofort den frenetischen Beifall der rechtsradikalen Front Nationale fanden - etwa die Forderung nach einem "Nürnberger Gericht gegen den Kommunismus" - gingen aber sogar seinen eigenen Mitarbeitern zu weit. In aller Öffentlichkeit, nämlich den Spalten des linksliberalen Le Monde, warf der sicherlich nicht philo-kommunistische Nicolas Werth Courtois vor, er habe den geplanten "wissenschaftlichen Charakter" des Buches über Bord geworfen und ein "polemisches Pamphlet" herausgegegen.
Zunächst ist die "Fahrlässigkeit" bemerkenswert, mit der die Verfasser den Sammelbegriff "Kommunismus" verwenden. Bezüglich Rußlands etwa unter-scheiden sie nicht zwischen den revolutionären Umwälzungen 1917/18, dem Bürgerkrieg und der ausländischen Intervention 1918-1921, der Konsolidierungs-phase der Neuen Ökonomischen Politik, dem Kampf gegen die bürokratische Entartung in Staat und Partei bis 1927 und der sich durchsetzenden stalinistischen Konterrevolution und deren erster Klimax des Massenterrrors 1936/37. Ebenso wird bei der "internationalen Analyse" alles für kommunistisch erklärt, was gut und teuer ist: Die nicaraguanische FSLN ebenso wie diverse afrikanische Befreiungsbewegungen. So füllen denn die Herren Historiker ihre Sünden-verzeichnisse, zählen Tote und Verhaftete zusammen und kommen auf - ja, manchmal 60 Millionen, manchmal 80 Millionen und, wenn sie besonders in Eifer geraten, gar 100 Millionen "Opfer des Kommunismus".
Daß die Buchhaltung nicht immer stimmt, steht auf einem anderen Blatt. Wahllos einige Beispiele: Laut Schwarzbuch gab es 1986 auf Kuba "12.000 bis 15.000 politische Gefangene" - Amnesty International, sicher nicht pro-castristisch bei seinen Angaben, kommt im Jahresbericht 1987 auf 450. Laut Schwarzbuch ermordeten Sandinisten am 23. Dezember 1981 in Leimus 100 Bergarbeiter - sogar ein Hirtenbrief der stockkonservativen katholischen Bischöfe vom 17. Februar 1982 weiß nur von "etwa zehn Personen". Die Hungersnot in Rußland 1932/33 (6 Millionen Tote) wird von Courtois im Vorwort als "ukrainische Hungernot" bezeichnet, die 6 Millionen Toten seien samt und sonders Ukrainer gewesen, die sich der Politik Moskaus widersetzt hätten. Die Regierung hätte den "Hunger als Waffe" eingesetzt - in Wirklichkeit hat die Hungersnot Landesteile der UdSSR weit über die Ukraine hinaus betroffen und sogar die Hauptstadt Moskau erfaßt...
En passant: Courtois und Compagnie haben mit ihren dubiosen Opferberechnungen natürlich zynischen Zahlenspielereien aller Art Tür und Tor geöffnet. In Frankreich und Deutschland haben sich Rechtsextremisten mit Be-geisterung auf die Daumenpeilungen des Schwarzbuches gestützt, um die Massen-morde der Nazis und ihrer Kollaborateure zu verharmlosen.
Und etliche Linke sind prompt in die Falle getappt, haben ihrerseits zum Taschenrechner gegriffen und zu addieren begonnen. Das Instrument der Opfer-Quantifizierung läßt sich ja auch leicht gegen die Verfasser des Schwarzbuches wenden. Würde man lediglich das 20. Jahrhundert hernehmen und die Opfer zweier imperialistischer Weltkriege, des Kolonialismus, die Toten und Verschwundenen nach diversen reaktionären Staatsstreichen und die Opfer von Hungersnöten, Epidemien und Naturkatastrophen hernehmen, die das Produkt kapitalistischer Aus-beutung sind: man könnte mit Leichtigkeit nachweisen, daß die kapitalistischen Verbrechen ein Vielfaches der "Opfer des Kommunismus" ausmachen - und womöglich zu dem Schluß kommen, daß "der Kommunismus" im Vergleich gar nicht so schlimm war.
Eine derartige Auseinandersetzung geht aber am Kern der Debatte vorbei. Die Grundfragen sind doch die: Was bezwecken die Autoren mit ihrer Methode? Sind die Ungereimtheiten und Widersprüche in den einzelnen Beiträgen Zufall oder Produkt des beabsichtigten Ergebnisses? Und müssen wir nicht vor allem dem bürgerlichen Urteil über "den Kommunismus" eine eigene Bilanz von Kommunis-mus und Stalinismus entgegensetzen?
Die revolutionäre Gewalt
Die Oktoberrevolution 1917 leitete eine Wende in der Geschichte ein. Nach einer Reihe von gescheiterten Aufständen und Revolutionen mit starker proletarischer Beteiligung oder gar Prägung hatte erstmals das Proletariat eines Landes, geleitet von einer revolutionären Partei - den Bolschewiki - und gestützt auf breite, basisdemokratische Komitees - die Arbeiterräte oder Sowjets - erfolgreich die Macht ergreifen können. Entgegen der modischen Interpretation, daß die Oktober-revolution der Putsch einer kleinen Minderheit gewesen ist (unter anderem wird diese Theorie in den Werken von Richard Pipes und Orlando Figes vertreten, popularisiert wurde sie in unseren Breiten mit beredter Gestik von Hugo Portisch), hat es sich tatsächlich um eine breite, in der Tiefe der russischen Gesellschaft herangereifte Revolution gehandelt.
Hatten die proletarischen Parteien und insbesondere die Bolschewiki in der ersten Phase der Revolution (Februar bis Anfang April 1917) noch eine untergeordnete Rolle gespielt, verschob sich die Massenbewegung zusehends nach links. Je weniger die bürgerlich-demokratischen oder konstitutionell-monarchistischen Parteien bereit waren, den Forderungen der russischen Arbeiter, Bauern und Soldaten nach Frieden - Freiheit - Brot nachzukommen, desto rasanter wuchs der Einfluß des radikalen linken Flügels. Hatten die Bolschewiki beim Gesamt-russischen Rätekongreß im Juni knapp 13 Prozent der Deputierten gestellt, waren es im Oktober beim 2. Rätekongreß - trotz einer Phase der Verfolgung und Illegalisierung der Partei ab Juli - zwischen 45 bis 60 % der Delegierten. Daß der effektive Sturz der Regierung Kerenski fast unblutig über die Bühne ging, spricht weniger für die These vom "meisterlichen Handstreich" sondern vielmehr für die Tatsache, daß die alte Gesellschaft so morsch und so zerbrechlich geworden war, daß sich in der Schicksalsstunde des alten Regimes niemand mehr fand, der auch nur die Hand zum Schutze dieses moribunden Kabinetts gehoben hätte.
Aber natürlich bringt eine so radikale Umgestaltung einer rückständigen, armen, durch entbehrungs- und verlustreiche Jahre des Weltkriegs geprägten Gesellschaft auch immer wieder neue Konflikte mit sich - vor allem mit Angehörigen der ehemals herrschenden Klassen, die auf ihr heiligstes Recht - das auf Ausbeutung - nicht verzichten wollen, und mit dem Imperialismus. Trotzdem kann das junge Sowjetrußland mit den inneren Feinden ebenso fertig werden wie mit den 21 ausländischen Interventionsarmeen. Aber der Preis dafür ist schrecklich: Während des Bürgerkriegs sterben alleine eine Million Menschen an Hunger, die genaue Zahl der Opfer unter der Zivilbevölkerung läßt sich (aufgrund mangelnder Statistiken aus der Vor- und Kriegszeit) nicht genau feststellen. Hier muß noch einmal mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen werden: Courtois und Werth machen für die Opfer der Bürgerkriegs ausschließlich "den Kommunismus" verantwortlich. Also: nicht die zaristischen oder imperialistischen Aggressoren haben blutbefleckte Hände - diejenigen, die sich gegen die feindliche Erdrosselung gewehrt haben, sind schuld!
Die Bolschewiki haben stets die Verantwortung für die Opfer der Revolution übernommen - auch wenn diese im Kern dem Widerstand der Herrschenden anzulasten sind. Die Toten des Bürgerkriegs und der Intervention aber gehen eindeutig auf das Konto der internationalen Bourgeoisie. Und noch etwas ganz anderes sind die Opferzahlen des konterrevolutionären stalinistischen Terrors ab den 20er Jahren.
Während des Bürgerkrieges hat es auch auf Seite der revolutionären Ordnung Übergriffe und Verbrechen gegeben - als Antwort auf den Terror der Reaktionäre gegen Arbeiter und Bauern. Was später die Nazis während des Okkupationskrieges gegen die UdSSR ab 1941 praktizierten - den "Kommissarbefehl", also die sofortige Erschießung aller kommunistischen Funktionäre in der Roten Armee, praktizierten die Denikin, Wrangel, die britischen, französischen, amerikanischen und ... und... und... Generalstäbe bereits während dieses Krieges. In den von den Weißen besetzten Gebieten wüteten die alten zaristischen Pogromhelden mit unbeschreiblicher Grausamkeit gegen die jüdische Bevölkerung, standen summa-rische Erschießungen auf der Tagesordnung.
Der Rat der Volkskommissare (also die Revolutionsregierung) hat die Übergriffe und Grausamkeiten gegen gefangene Konterrevolutionäre verurteilt und Beteiligte an ihnen immer wieder öffentlich verurteilt und bestraft. Aber diese oft aus Rache- und Haßgefühlen entstandenen Verbrechen sind quer durch die Geschichte immer die Folge von konterrevolutionären Unternehmungen, die jeder Revolution folgen wie ein finsterer Schatten.
Das Schwarzbuch verweist natürlich nicht nur auf diesen Aspekt der "kommunistischen" Gewalt - mit Vehemenz wird die Errichtung von Gefangenen-lagern für Mitglieder der Bourgeoisie oder die Verhängung der Geiselhaft über Angehörige der ehemaligen herrschenden Klasse und die Exekution solcher Geiseln angeprangert. So unerfreulich das ist - ohne diese Maßnahmen wäre die Revolution binnen weniger Monate von der Bühne der Geschichte verschwunden - vom Wüten der Sieger hatten die arbeitenden Massen schon mehr als nur einen Vorgeschmack zu spüren bekommen. Die letztlich moralisierende Kritik der Courtois und Co. heißt, in Klartext übersetzt: "Jede Veränderung der bestehenden Ordnung ist automatisch verbrecherisch, müssen doch die Revolutionäre zwangs-läufig auf gegenrevolutionäre Gewalt ihrerseits mit Gewalt antworten."
Aber die französischen Meister der Kriminal-Geschichtsschreibung gehen in ihrem maßlosen Zynismus sogar noch einen Schritt weiter: Courtois und Werth verfechten die These, die Bolschewiki hätten den Bürgerkrieg bewußt provoziert, um "ihre Diktatur" festigen zu können. Wie clever: Die Führer eines aus-gehungerten, kriegsmüden Landes, dessen Armee sich de facto alleine aufgelöst hat und das einem internationalen Embargo ausgesetzt ist, ruft 21 imperialistische Länder und ein paar Millionen nationale Rabauken zum Losschlagen auf - und gewinnt dann dieses provokatorischen Krieg auch noch, weil sich die Massen, die ja so unterdrückt werden, plötzlich zur Verteidigung des Landes bereit finden. Also wann das kein Beweis der kommunistischen Perfidie ist...
Die sozialistische Revolution soll den Grundstein zur Errichtung der klassenlosen Gesellschaft legen, einer Gesellschaft frei von Ausbeutung, Entfremdung und Not. Daß in der ersten Phase dieses Weges ein Staatsapparat notwendig ist, der die Verwaltung der Produktion und der Verteilung, der Organisierung der sozialen Dienste, aber auch der Verteidigung gegen die innere und äußere Konterrevolution organisiert, liegt auf der Hand. Diese Diktatur des Proletariats ist jedoch keine "Diktatur" im vulgären Sinn des Wortes - sie ist vielmehr erstmals die Herrschaft der Mehrheit (der arbeitenden Klassen) über die Minderheit (die ehemaligen Ausbeuter).
Ein funktionierendes Rätesystem, also die Existenz eines engmaschigen Geflechts von direkt von den Arbeitern, Landarbeitern und Kleinbauern gewählten Vertre-tungen, in denen die Delegierten rechenschaftspflichtig und jederzeit wieder abwählbar sind, muß das Rückgrat dieser Diktatur des Proletariats sein, soll sie nicht erstarren, bürokratisch verknöchern und schließlich entarten.
Die stalinistische Konterrevolution
Genau ein solcher Degenerationsprozeß setzte in der Sowjetunion ein. Die Partei- und Staatsbürokratie, die im Generalsekretär der bolschewistischen Partei, Josef W. Stalin, ihren kristallisierten, personalisierten Ausdruck fand, nutzte die Erschöpfung der Massen nach dem Ende des Bürgerkriegs und die Wende in der Wirtschafts-politik, die nach den radikalen Enteignungen des Kriegskommunismus eine begrenzte Zulassung marktwirtschaftlicher Elemente zuließ, um ihre Macht zu festigen und sukzessive das Volk von den politischen Entscheidungen aus-zuschließen.
Innerhalb der Kommunistischen Partei formierten sich schon früh - ab 1921 - Tendenzen und Fraktionen, die auf diese Gefahren hinwiesen und durchaus von-einander verschiedene Lösungsvorschläge unterbreiteten. Der todkranke Lenin wies im letzten Jahr seines Lebens, 1923, wiederholt auf die drohenden Gefahren der bürokratischen Entartung des Arbeitsstaates hin.
Nach seinem Tod 1924 begann Stalin, gestützt auf bekannte Parteiführer wie Grigorij Sinowjew oder Lew Kamenew, die innerparteiliche Opposition zurück-zudrängen und schließlich zu zerschlagen. Daß der Sieg des Stalinismus nicht unausweichlich war, läßt sich aus den Dokumenten der Linken Opposition rund um Leo Trotzki ablesen, die in allen Punkten - von der Frage der Sowjetdemokratie bis zu Wirtschafts- und Agrarfragen, in der Außenpolitik und in der Frage der politischen Orientierung der Kommunistischen Internationale - Alternativen vorlegte. Letztlich entschied aber die Kontrolle über den Partei- und Staatsapparat diese Schlacht, da der Opposition die Verbreitung ihrer Ideen so gut wie unmöglich gemacht wurde. Der Hintergrund dieser Entwicklung war, daß die proletarische Revolution auf Rußland beschränkt geblieben war und in diesem rückständigen Land gegenüber dem Weltkapitalismus nicht überleben konnte.
Der stalinistische Sieg über seine innerparteilichen Gegner leitete ab 1927 einen rasanten Prozeß ein, der immer weiter von den revolutionären Positionen der Bolschewiki wegführte. Die "Theorie" vom Sozialismus in einem Land führte zur Aufgabe der Unterstützung der Revolution in anderen Ländern und zur er-zwungenen Unterwerfung der ausländischen KPen unter die Interessen der Stalin-Bürokratie. Zugleich reproduzierte sich die Bürokratie aus sich selbst heraus: Durch materielle Privilegien wurden Opportunisten und Glücksritter angelockt, die voller Verachtung auf Prinzipien spuckten, die nur noch zur Täuschung der arbeitenden Bevölkerung in den Mund genommen wurden.
Diese konterrevolutionäre Kaste war es auch, die den Terror in der Arbeiterbewegung internationalisierte und sich von nun an systematisch daran beteiligte, Revolutionen in anderen Ländern im Rahmen des Kapitalismus zu halten. Die Sowjetbürokratie war an arbeiterdemokratischen Räterepubliken gar nicht interessiert - hätten die doch auch die Bürokraten-Herrschaft in Rußland in Frage gestellt.
Courtois, Werth und Konsorten bemühen sich krampfhaft, eine Kontinuität von Lenin zu Stalin zu konstruieren. Sie setzen in Wahrheit damit ein Gleichheits-zeichen zwischen Revolution und Konterrevolution. Denn nichts anderes war der Stalinismus: Ein konterrevolutionäre Operation, die zwar Errungenschaften der Revolution - das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln, das Außenhandels-monopol, die Zerschlagung des Großgrundbesitzes - aufrechterhalten mußte, jedoch nicht, um das materielle und kulturelle Niveau des Landes zu heben, sondern um die materielle Basis zu erhalten, die der Bürokratie ihre Privilegien sicherte.
Daß diese Konterrevolution "rot angestrichen" war, hat viele Zeitgenossen, aber auch viele Nachgeborene in tiefste Verwirrung gestürzt. Aber wer die unter-schiedlichen Etappen der russischen Revolution und Konterrevolution nicht begreift, wird sich in der sowjetischen Geschichte heillos verirren. Den Fach-historikern Courtois, Werth, Margolin und wie sie sonst noch alle heißen, muß der Vorwurf gemacht werden, daß sie wider besseres Wissen aus ideologischen Gründen mit Taschenspielertricks Revolution und Konterrevolution gleichsetzen, um ihr Ziel - die Verteufelung jeglichen Kampfes gegen die soziale Ungleichheit - zu erreichen. Beispielsweise gehen sie mit erstaunlicher Nachlässigkeit mit einem besonders intensiv erforschten Abschnitt der Geschichte der kommunistischen Bewegung um. Die Fraktionskämpfe innerhalb der Kommunistischen Partei Ruß-lands spielen bei ihnen keine Rolle, mit aller Gewalt biegen sie die Fakten zurecht, um ihre ideologisch motivierte These von der "Kontinuität Lenin - Stalin" zu untermauern.
Wenn langgediente Politiker wie in Frankreich der Führer der konservativen UDF, de Courson, oder in Deutschland der CDU-Chef Wolfgang Schäuble, das Schwarz-buch bei öffentlichen Auftritten schwenkten und entsetzt ausriefen, daß man "nun endlich" das ganze Ausmaß der kommunistischen Verbrechen erahnen könne, ist das zumindest erstaunlich. Bereits in den 30er Jahren hatten in vorderster Front die Anhänger der Internationalen Linken Opposition, also der späteren IV. Inter-nationale, immer wieder auf die stalinistischen Verbrechen hingewiesen und zur Verteidigung der Opfer der Repression aufgerufen. Klare Zeugnisse dafür sind etwa das Rotbuch über den Moskauer Prozeß 1936 (eine von Trotzkis Sohn Leo Sedow im August 1936 verfaßte Analyse des ersten Moskauer Schauprozesses) und Trotzkis Buch Stalins Verbrechen (1937). Mit dem stalinistischen Terror in der spanischen Revolution setzte sich etwa der Journalist und Schriftsteller George Orwell in Mein Katalonien (1938) auseinander.
Bemerkenswert übrigens: Die Herren Schwarzbuch-Verfasser, die die exquisi-testen Quellen strapazieren, scheinen diese Bücher nicht zu kennen. Zumindest zitieren sie sie nicht und führen sie auch nicht im Literaturverzeichnis an. Schlägt hier bei den Weißen Rittern der Demokratie vielleicht doch noch ein bißchen von ihrer ach so lamentablen mao-stalinistischen Vergangenheit durch, die sie trotzkis-tische Literatur scheuen läßt wie den Teufel das Weihwasser?
Diese Werke stießen jedoch nicht nur bei den "offiziellen" Kommunistischen Parteien auf erbitterte Ablehnung - auch von bürgerlicher Seite wurde das Thema des stalinistischen Terrors bis in die Zeit des Kalten Krieges heruntergespielt und verniedlicht, richtete sich dieser konterrevolutionäre Terror ja in erster Linie gegen Kommunisten, gegen geschworene Feinde von Kapitalismus wie Stalinismus gleichermaßen. Und auch danach wurden die "Verbrechen" des "Kommunismus" im Westen je nach der politischen Konjunktur medial aufgegriffen oder nicht.
Warum jetzt?
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 hatten die Ideologen der bürgerlichen Ordnung weltweit verkündet: "Der Kapitalismus hat gesiegt - er ist das tauglichere System" (eine Ansicht, die übrigens auch Courtois teilt: "Im Moment haben wir kein besseres Wirtschaftssystem als das kapitalistische. Es hat viele Fehler, aber alle anderen haben in die totale Katastrophe geführt."). Tollkühne Meisterdenker wie Francis Fukuyama haben gar "das Ende der Geschichte" proklamiert.
Nun - die Zeiten ändern sich. Nach kleinen, beschönigend "Zwischenrezessionen" genannten Krisen, einem permanenten Anstieg der Arbeitslosenzahlen in den entwickelten kapitalistischen Ländern, der Schuldenkrise in Lateinamerika und dem Kollaps der asiatischen Tiger sind solche jubilierenden Triumpfgesänge verklungen. Osteuropa, und vor allem die ehemalige Sowjetunion, wurde zum Experimentierfeld neoliberaler Wirtschaftswissenschafter und ihrer politischen Helfer - von den ver-sprochenen Segnungen des freien Marktes haben die arbeitenden Menschen wenig mitbekommen. Die versprochenen politischen Freiheiten kommen in erster Linie Spekulanten und Krisengewinnlern zugute, die sich oft genug aus den Reihen der ehemaligen stalinistischen Organisationen rekrutieren und plötzlich die Muezzins des Kapitalismus geworden sind.
Die Unzufriedenheit mit diesem "besten aller Systeme" ist latent, auch wenn sie sich heute in Europa erst zaghaft manifestiert - ökonomisch in Widerstands-kämpfen, politisch in einer Stärkung der Sozialdemokratie wie in Frankreich, Großbritannien oder Deutschland. In Asien hat die Krise zur Radikalisierung von Millionenmassen geführt, die - ohne echte politische Führung - nach einem Ausweg tasten, der für sie jedoch sicherlich keine Neuauflage der alten, gescheiterten Wirtschaftsstrukturen sein kann.
In einer so delikaten internationalen Situation ist es wenig verwunderlich, daß die Bourgeoisie die Arbeiterbewegung der fortgeschrittenen Länder mit allen Mitteln gegen die Gefahr des Kommunismus impfen möchte. Die Auflistung der Ver-brechen und "Verbrechen" im Schwarzbuch ist eines dieser Medikamente. Dabei nutzt die Bourgeoisie die Schwächung der Linken weidlich aus, muß sie doch nur mit geringem Widerstand rechnen, selbst wenn sie - wie Courtois - mit Halb- und Unwahrheiten operiert.
Im Gefolge der "Mutter aller Abrechnungsschwarten" sind eine Reihe von ähn-lichen "Werken" publiziert worden - etliche werden nachfolgen. Alleine der literarische Output an neuester anti"kommunistischer" Literatur straft das Gerede vom "Ende der Geschichte" lügen. Wieviel Angst müssen diese angeblich so selbstbewußte Klasse und ihre Ideologen haben, wenn sie sich dauernd mit fast pathologischer Manie wechselseitig versichern, daß ihr Hauptfeind tot und begraben sei.
Paul Mazurka
Wadim S. Rogowin
1937 - Jahr des Terrors
Arbeiterpresse Verlag
Essen 1998
590 Seiten, 58 DM
Der russische Wissenschafter, Doktor der Philosophie und Soziologie, Wadim S. Rogowin (1937 - 1998) hat bis zu seinem Tod im vergangenen September an der Fertigstellung eines siebenbändigen Werkes über die Geschichte des stalinistischen Regimes und seine sozialen Wurzeln gearbeitet. Der Titel des Gesamtwerks lautet: "Gab es eine Alternative?".
Rogowin ging bei seiner Arbeit - im Gegensatz zu der überwältigenden Mehrheit der westlichen und ex-sowjetischen Historiker - sehr wohl davon aus, daß es eine Alternative zum Stalinismus gegeben hat: nämlich das Programm der Linken Opposition und später der IV. Internationale. Rogowin hatte während der 60er Jahre regelmäßig Schwierigkeiten mit der Zensurbehörde, weil er in wissenschaft-lichen Aufsätzen "unbequemen" Themen nachging - etwa der sozialen Ungleichheit in der UdSSR oder der Bedeutung Trotzkis für die Entwicklung einer marxistischen Literaturtheorie. 1985 erregte eine Artikelserie Rogowins in der Komsomolskaja Prawda, in der er scharfe Maßnahmen gegen die damals bestehenden Einkommens-unterschiede und für eine Anhebung des Lebensstandards der Masse der Bevölker-ung forderte, in der Sowjetunion gewaltiges Aufsehen.
Im Gegensatz zu vielen ehemaligen "Dissidenten" nutzte Rogowin den Umbruch nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht dazu, um auf den losrasenden Wagen der kapitalistischen Restauration aufzuspringen. Er nahm im Ausland an Symposien und Veranstaltungen zur Geschichte des Stalinismus teil und veröffentlichte Studien über Aspekte der Geschichte der Linken Opposition. In den letzten Lebensjahren arbeitete Wadim S. Rogowin mit dem Internationalen Komitee der IV. Inter-nationale zusammen.
1937 - Jahr des Terrors beschäftigt sich als vierter Band seines siebenbändigen Monumentalwerks mit der Jeshowstschina, also der Großen Säuberung, in der Stalin die Vertreter der Kontinuität der Oktoberrevolution in- und außerhalb der Kommunistischen Partei ausrottete. Im Gegensatz zu den "neuesten Kommunismus-tötern" à la Stèphane Courtois (Schwarzbuch des Kommunismus) oder Gerd Koenen (Utopie der Säuberung) vertritt Rogowin ein klares revolutionäres Konzept:
"Die Oktoberrevolution als untrennbarer Bestandteil der sozialistischen Weltrevolution war ein derart machtvolles historisches Ereignis, daß die bürokratische Reaktion darauf (der Stalinismus) ebenfalls monumentalen Charakter annahm, indem sie eine in der Geschichte noch nie dagewesene Anhäufung von Lügen und Repressionen hervorbrachte. Ihrerseits löste die Schmähung der Ideale der Oktoberrevolution durch den Stalinismus in der UdSSR und im Ausland einen gewaltigen heroischen Widerstand seitens der politischen Kräfte aus, die der marxistischen Theorie und den revolutionären Traditionen treu geblieben waren. Und zur Unterdrückung dieses Wider-standes brauchte man eben den Terror, der in der Geschichte keine Analogien hinsichtlich seiner Ausmaße und seiner Bestialität kennt." (Rogowin, S. 27).
Rogowin unterstreicht unermüdlich den konterrevolutionären Charakter des Terrors und belegt die Brüche zwischen dem "revolutionären Terror" im Anschluß an die Oktoberrevolution, in der Phase des Bürgerkriegs, und dem Terror des stalinistischen Parteiapparates. Weil er in der Jeshowstschina den Höhepunkt des Kampfes des reaktionären bürokratischen Apparates gegen die trotzkistischen Opposition sieht, beschäftigt sich Rogowin intensivst mit den damaligen politischen Konzepten der Revolutionäre. Vor allem zeichnet er das illegale Netz der Opposition nach, das wesentlich verästelter war, als noch vor wenigen Jahren angenommen (erstmals hat Pierre Broué nach der Öffnung der Trotzki-Archive in Harvard 1980 bahnbrechende Arbeiten zu diesem Thema verfaßt).
Wer glaubt, er habe als Marxist ohnehin schon das Wichtigste zum Thema Säuberungen gelesen, irrt im Falle Rogowin gewaltig. Der Band enthält nämlich höchst bemerkenswerte, bisher unveröffentlichte, Protokolle von Polit-Büro- und Zentralkomiteesitzungen der KPdSU, die sowohl den innerhalb der Bürokratie herrschenden Zynismus gegenüber den bolschewistischen Kräften in der Partei widerspiegeln, gleichzeitig aber auch zeigen, daß eine "schweigende Mehrheit" der Parteiführung durchaus nicht enthusiastische "Stalinisten" waren, was natürlich die "Notwendigkeit" der radikalen Liquidierung der Opposition noch beschleunigte, fürchteten doch die um den Generalsekretär gruppierten Konterrevolutionäre eine Infektion des "Herzens der Partei" mit dem Virus des Widerstandes.
Wer sich intensiver mit den Mechanismen der stalinistischen Säuberungen beschäftigen will, wird um Rogowins gutdokumentierten Band nicht herum-kommen.
Paul Mazurka
Wadim S. Rogowin
Die Partei der Hingerichteten
Arbeiterpresse Verlag
Essen 1999
580 Seiten / DM 58
Im Mittelpunkt von Wadim Rogowins Partei der Hingerichteten steht die Jeshowstschina, die den Höhepunkt des stalinistischen Terrors im Umfeld des dritten Moskauer Prozesses 1938 (mit dem Hauptangeklagten Nikolai Bucharin) markiert. Die Zusammensetzung der Angeklagten - ehemalige Angehörige der rechten Opposition, einige Ex-Linksoppositionelle sowie Volkskommissare und Parteibürokraten - zeigt, wie breit gefächert die stalinistische Parteiführung diesmal den Schlag führen wollte. Die abstrusen Verschwörungstheorien, die der ex-menschewistische Staatsanwalt und Hauptankläger Andrei Wyschinski vorbrachte, hielten einer faktenmäßigen Prüfung nicht stand - darauf setzte wohl Bucharin, der die Anklage kräftig zerzauste, letztlich aber darauf vertraute, daß Josef Stalin ihn nicht hinrichten lassen würde. Sein Schuldbekenntnis am Ende des Prozesses konnte ihm weder das Leben noch dem Prozeß die Glaubwürdigkeit retten.
Ausführlich analysiert Rogowin die innen- und außenpolitischen Ziele des Prozesses: Die ungeheurlichen Sabotagevorwürfe gegen die Angeklagten, die bis zur künstlichen Schürung von Hungersnöten und der Förderung von Epidemien reichten, sollten der staunenden und entsetzten Arbeiterklasse der UdSSR Sünden-böcke für die katastrophalen ökonomischen Fehlentscheidungen der von der Linie des Sozialismus in einem Land geleiteten stalinistischen Bürokratie liefern. In einer von der Iswestija veröffentlichten Resolution eines Kolchos heißt es nicht zufällig: "Jetzt wissen wir, warum bei uns die Pferde und Rinder verreckt sind".
Auch die außenpolitischen Aspekte analysiert Rogowin - die oszillierenden und immer wieder umgeschriebenen Spionage- und Verratsszenarien, die den An-geklagten (allen voran dem unsichtbar auf der Anklagebank sitzenden Leo Trotzki) zugeschrieben wurden, spiegelten exakt den Zustand der internationalen Bezie-hungen der UdSSR wieder. Nach dem offensichtlichen Scheitern des "Blocks der Demokratien" mit Großbritannien, Frankreichs und den USA wurden nur die letztgenannten Länder vom Vorwurf ausgenommen, die "volksfeindlichen Mörder-banden" besoldet zu haben.
Detailliert setzt sich Rogowin mit den unterschiedlichen bürokratischen Strö-mungen auseinander, die es an der Parteispitze gab. Schritt für Schritt "homoge-nisierte" Stalin durch seine Liquidationspolitik den "Führungskader" - der ihm ansonsten treu ergebene Abel Jenukidse etwa mußte sterben, weil er es gewagt hatte, sich für die "alten Bolschewisten" einzusetzen. Auf welch dünnem Eis sich auch die "Getreuesten der Getreuen" bewegten, beweist das Schicksal des einst mächtigen Geheimdienstchefs Gendrik Jagoda, der Stalins Instrument in der ersten großen Terrorwelle 1937 war: Der Herr über Leben und Tod tausender Kom-munisten wurde selbst zum Angeklagten und nicht nur zum Agenten ausländischer, "faschistisch-trotzkistischer" Verschwörer erklärt, ihm wurden auch "Auswüchse bei der Verfolgung" von Staatsfeinden angelastet, womit der immer engere Kern um Stalin in der Öffentlichkeit seine Hände in Unschuld waschen konnte.
Einen ausführlichen Überblick gibt der Autor über die Ausrottung ausländischer Kommunisten, die als Emigranten oder Komintern-Mitarbeiter in der Sowjetunion lebten (aus aktuellen Gründen sehr spannend übrigens die Darstellung der weit-gehenden Liquidierung von Mitgliedern der Kommunistischen Partei Jugoslawiens unter tatkräftiger Mithilfe von Josip Broz "Tito").
Daß die revolutionären Traditionen jedoch auch den Erschießungspelotons des NKWD und den mörderischen Lagern widerstanden, bewiesen spektakuläre Fälle von abgesprungenen Partei- oder Geheimdiensmitarbeitern. Ignaz Reiss, einer der Top-Agenten der russischen Abwehr, wurde in der Schweiz ermordet, weil er öffentlich mit Stalin gebrochen hatte und sich der IV. Internationale anschließen wollte. Oder Alexander Orlow, der die NKWD-Operationen in Spanien geleitet hatte und die Ausführung der Moskauer Befehle nicht mehr mit seinem Gewissen als Kommunist vereinbaren konnte (und versuchte, Trotzki vor der Gefahr durch den in der engsten Umgebung von Trotzkis Sohn wirkenden stalinistischen Agenten "Etienne" Mark Zborowsky zu warnen, der schließlich sogar als "Vertreter der russischen Sektion" an der Gründungskonferenz der IV. Internationale in Perigny teilnahm). Eingehend setzt sich Wadim Rogowin mit dem Widerstand der Trotzkisten in den Lagern auseinander, ihren Protesten und dem Massaker an den Linksoppositionellen in Workuta ist ein eigenes Kapitel gewidmet.
Was Die Partei der Hingerichteten weit über andere historische Darstellungen der euphemistisch "Säuberungen" genannten stalinistischen Verbrechen hinaushebt, sind jene Kapitel, die sich mit bis heute umstrittenen theoretischen Problemen beschäftigen: das 42. Kapitel etwa, das sich mit dem Verhältnis zwischen Bolschewismus, Stalinismus und Trotzkismus auseinandersetzt und das die zu Perestroika-Zeiten beliebte These bekämpft, daß zwischen Stalin und Trotzki lediglich graduelle Unterschiede bestanden hätten und ein Sieg der Linksopposition zu keinem anderen Ergebnis geführt hätte als die Politik des "Vaters der Werk-tätigen".
Gute Argumente gegen Adepten des "Schwarbuch des Kommunismus" liefert der Anhang, der das statistische Material über die stalinistische Repression aufarbeitet und die annähernd exakten Zahlen der Inhaftierten, Deportierten und Ermordeten aus den offiziellen Angaben herausfiltert.
Paul Mazurka
Leo Trotzki
Linke Opposition und IV. Internationale
Schriften, Band 3.1. 1923-1926, Band 3.2. 1927-1928
Rasch und Röhring Verlag
Hamburg 1997
1424 Seiten, 1400 öS / 200 DM
Nach den bereits in den achziger Jahren herausgegebenen zwei Teilen der Trotzki Schriften Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur und den 1990 erschienenen beiden Bänden, die der chinesischen Revolution gewidmet waren, sind nun die ersten beiden Teilbände des auf vier Abschnitte angelegten dritten Bandes Linke Opposition und Vierte Internationale erschienen. Die ersten beiden Teile der "Schriften" decken die Jahre 1923 bis 1926 (Teilband 3.1.) und 1927/1928 (Teilband 3.2.) ab. Auf mehr als 1.400 Seiten wird die Herausbildung und die Geschichte der Linken Opposition in der Sowjetunion dokumentiert. Um 1923 enstanden, entfaltete sich zwischen Linker Opposition und der Stalin-Gruppe ein Fraktionskampf um Arbeiterdemokratie und Fragen des internen Regimes der bolschewistischen Partei, Umfang und Tempo der Industrialisierung, aber auch um die Komintern-Politik oder die Theorie des Sozialismus in einem Land.
Die vorliegenden beiden Bände beginnen mit den Materialien Trotzkis zum 12. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands vom April 1923 und beschreiben die Herausbildung der Linken Opposition in den Jahren 1923/1924. Dazu gehören etwa die Schrift Der Neue Kurs (Dezember 1923/Jänner 1924), die bereits der bürokratischen Zensur unterworfen war und nicht mehr offiziell verbreitet werden konnte, oder Kapitalismus oder Sozialismus, eine Analyse der Sowjetgesellschaft und ihrer Entwicklungstendenzen von Ende 1925.
An größeren Texten finden sich im zweiten Band noch der Entwurf einer Plattform der Vereinigten Opposition vom September 1927 oder die Kritik des Programmentwurfs für die Kommunistische Internationale vom Juni 1928.
Die beiden Bände sind eine überaus brauchbare Zusammenstellung der wichtigsten Trotzki-Texte in den entscheidenden fünf Jahren, in denen sich die Bürokratisierung der Sowjetunion verfestigte, die Stalin gegenüber oppositionellen Strömungen an den Rand der Partei gedrängt, aus dieser verdrängt und schließlich verboten wurden - oder auf die Person Trotzki umgelegt: Die Zeit jenes Kampfes, der mit der Diskussion um die weitere Linie des Aufbaus der Sowjetunion begann und mit der Verbannung nach Alma Ata ihr vorläufiges Ende fand. Insgesamt finden wir in den beiden Bänden 53 Texte Trotzkis - von der kurzen Notiz bis zu ganzen Büchern - und einige Dutzend Seiten mit Texten im Anhang, die die Arbeiten Trotzkis in einen größeren Zusammenhang stellen und vor allem Erklärungen und Dokumente der wechselvollen Geschichte der Opposition wieder-geben.
Für alle, die sich mit der Theorie Trotzkis näher beschäftigen wollen, natürlich von großem Vorteil ist die thematische Gliederung der Bände, die ausführlichen Kommentare und Anmerkungen (die sogar durch ein Verzeichnis der wichtigsten Anmerkungen ergänzt wurden) und - eine wahre Fundgrube! - ein ausführliches Personenregister. Nach meinem Gefühl hätte allerdings die Einleitung von Pierre Broué (Zur Geschichte der Linken Opposition (1923-1928) ruhig etwas ausführlicher ausfallen können.
Hingewiesen werden muss allerdings immer wieder darauf, dass die von Rasch und Röhring herausgegebenen Trotzki Schriften keine Gesamtausgabe der Texte Leo Trotzkis darstellen. Gerade in den vorliegenden beiden ersten Bänden wird dies schmerzlich bewusst. Denn vergleicht man die nun neu verlegten "Schriften" mit bereits auf Deutsch in den letzten Jahren und Jahrzehnten erschienenen Aus-gaben, so stellt man fest, dass der Anspruch der Herausgeber, dass ein Großteil der Texte neu übersetzt wurde oder "überhaupt erstmals in deutscher Sprache" erscheint, gerade in den Schriften zur Linken Opposition nicht eingelöst wurde. Bei einem Vergleich mit dem 1976/1977 in der edition prinkipo erschienenen fünfbändigen Werk Die linke Opposition in der Sowjetunion 1923 - 1928 wird man sofort feststellen können, dass nur eine kleine Minderheit der Dokumente nicht in dieser Ausgabe über die Linke Opposition zu finden ist. Ja mehr noch, eine ganze Reihe von gar nicht so unwichtigen Texten Leo Trotzkis findet sich zwar in diesen Sammelbänden über die Linke Opposition, nicht aber in der neuen Trotzki-Ausgabe - etwa (um nur zwei Beispiele zu nennen) Unsere Meinungsverschiedenheiten (Band III, S. 20ff.) oder die Erklärung zum Buche Eastman´s Seit Lenins Tod (Band II; S. 512ff.), die sogar in der internationalen Diskussion eine wichtige Rolle spielte und beispielsweise vom ZK der KP Frankreichs, dem ZK der KPD oder vom Organisatorischen Komitee der KP Ungarns in bereits typisch stalinistischer Manier zurückgewiesen wurde. Ich hätte mir vielleicht eine (etwas) vollständigere Ausgabe der Texte Trotzkis gewünscht! Denn trotz des stolzen Preises (1.400.- Schilling / 200 DM sind wahrlich keine Kleinigkeit für die beide Bände!) wird man in Einzelfragen eben dann doch wieder - falls möglich - zur Linken Opposition oder zu anderen Einzelausgaben greifen müssen.
Aber von dem abgesehen, sind die beiden Bände eine wirkliche Bereicherung - nicht nur für jede "trotzkistische Bibliothek", sondern sie wären eine Bereicherung auch für alle anderen, die sich wirklich vorurteilsfrei mit den Positionen Trotzkis beschäftigen wollen. Sie könnten sich gerade mithilfe dieser beiden Bände selbst davon überzeugen, wie unbegründet das stalinistische Märchen von Trotzkis "Unterschätzung der Bauernschaft" und ähnlicher Ladenhüter aus dem Schatz-gärtlein des "Marxismus-Leninismus" waren.
Wir können nur wünschen und hoffen, dass die nächsten beiden Bände, die dann der Internationalen Linken Opposition und der Vierten Internationale gewidmet sein werden, möglichst bald erscheinen und den Zugriff auf wichtige Texte Leo Trotzkis erleichtern werden.
Manfred Scharinger
Zygmunt Zaremba
The Warsaw Commune
Betrayed by Stalin, massacred by Hitler
Socialist Platform
London 1997
60 Seiten, 3 Pfund
Am 1. August 1944 brach in der polnischen Hauptstadt Warschau ein Aufstand gegen die Nazi-Okkupation aus. Während 63 Tagen kämpften die polnischen Auf-ständischen gegen einen übermächtigen Gegner. Die Niederschlagung des Aufstand forderte 200.000 Todesopfer und machte Teile Warschaus dem Erdboden gleich.
Der Aufstand ist nicht nur eine heldenhafte Episode in der polnischen Geschichte, sondern auch ein Zankapfel der Geschichtsschreibung, da sich sowjetische Truppen in unmittelbarer Nähe von Warschau befanden. Ließ Stalin die Polen bei ihrem Kampf bewußt alleine, um damit den Nazis die Ausrottung der führenden Kräfte im politischen Leben des Landes zu ermöglichen?
Zygmunt Zaremba war ein führendes Mitglied der polnischen sozialistischen Partei und nahm am Aufstand teil. In einer kleinen Schrift, die ursprünglich in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg publiziert wurde, liefert Zaremba eine aus-gezeichnete Schilderung des Aufstandes. Der britische Verlag Socialist Platform hat mit der Schrift Zarembas wertvolles Material über den umstrittenen Aufstand ins Englische übersetzt.
In einer sehr wertvollen Einleitung arbeitet Paul Flewers, der auch für die Zeitschrift Revolutionary History schreibt, das vorhandene Material über den Aufstand auf.
Die extrem rassistische Politik der Nazis gegenüber den Polen ist die wichtigste Erklärung dafür, daß sie weder nach Kollaborateuren im Lande suchten noch welche fanden. Stattdessen wurde Polen ein Generalgouvernement unter direkter deutscher Herrschaft. Das war der Grund für die umfassende Widerstands-bewegung, die sich in Polen entwickelte.
Flewers Einschätzung des vorhandenen Materials führt ihn zum unzweideutigen Schluß, daß es keine andere Erklärung für das Verhalten der sowjetischen Truppen gibt, als daß Stalin das Mißlingen des Aufstandes wünschte. Flewers meint, daß der Aufstand, trotz des reaktionären Charakters seiner militärische Führung und trotz der Verwirrtheit und Inkonsequenz seiner politischen Führung, dennoch dabei war, sich zu einem Angriff auf die Nazidiktatur zu entwickeln, bei dem das Proletariat eine entscheidene Rolle spielte. Er will damit den Warschauer Aufstand zur Welle des Arbeiterradikalismus gezählt sehen, die sich gegen Ende des Zweiten Welt-krieges in Europa ausbreitete.
Flewers weist auf die Pariser Kommune als Beispiel dafür hin, wie ein nationaler Verteidigungskampf in einen proletarischen Aufstand übergehen kann. Auch Stalin wußte, daß der Warschauer Aufstand das Potential hatte, sich in eine Arbeiter-revolution zu verwandeln. Der Stalinismus wiederholte, was er einige Jahre zuvor bereits in Spanien getan hatte, nämlich eine proletarische Revolte gegen den Faschismus zu entwaffnen und zu zerstören.
Eine der Methoden, mit denen die sowjetische Armeeführung die öffentliche Meinung irreführte, war, via Radio wiederholte Male Nachrichten über erfundene deutsche Vorstöße gegen sowjetische Stellungen in der Nähe von Warschau zu verbreiten. Auch das ein Beispiel für die vielfältigen Varianten stalinistischer Geschichtsverfälschung!
Wie kam es aber nun dazu, daß die Polnische Sozialistische Partei (PPS) in den Aufstand involviert wurde? Flewers liefert eine gute Beschreibung der zweideutigen Geschichte dieser Partei in den 30er Jahren.
Die PPS war eine bedeutende politische Kraft in Polen, betrieb aber eine klassische reformistische Politik. Die Partei weigerte sich mit den sogenannten Nationaldemokraten zu brechen, obwohl sogar führende Kräfte in der PPS selbst der Ansicht waren, daß diese die größte faschistische Gefahr im Lande darstellten. Die Nationaldemokraten, und speziell ihre Jugendorganisationen, waren anti-semitisch, und sie standen außerdem der Widerstandsbewegung mit ihrem immer radikaleren Programm skeptisch gegenüber.
Zu Beginn des Jahres 1944 rief die Zentralisierung, ein radikaler Block, der u.a. aus der Polnischen Sozialistischen Arbeiterpartei (einer Linksabspaltung der PPS), den Syndikalisten und der jüdischen Arbeiterpartei (Bund) bestand, die PPS auf, mit den Nationaldemokraten zu brechen. Die PPS weigerte sich jedoch.
Die PPS spielte eine zentrale Rolle bei der Bildung der Komitees, die den Auf-stand führen sollten. Formell wurden diese im Februar 1944 gebildet und waren ausgesprochen antikommunistisch. Der PPS-Führer Franciszek Bilas wurde ihr Vorsitzender, und das Ziel war, ein Gegengewicht von rechts gegen die Stalinisten zu bilden.
Die Frage, wer radikal und wer reaktionär war, konnte nicht einzig und allein nach der Parteizugehörigkeit entschieden werden, etwas, das Stalin allem Anschein nach einsah. Der Führer der polnischen Bauernpartei, Miklajczyk, traf Stalin zu dieser Zeit und dieser erfuhr dadurch, daß die polnische Stalinisten (PPR) zum größten Teil weniger radikal waren als andere Parteien. Aus dem Bericht Miklajczyks geht hervor, daß Stalin Elemente in der Bauernpartei und der PPS für radikaler hielt als die stalinistische PPR.
Flewers richtet die Aufmerksamkeit auf ein interessantes Phänomen in der Ent-wicklung der PPS: Trotz der zweideutigen und sogar reaktionären Standpunkte, die die Partei einnahm, finden sich in Zarembas Schrift deutliche Zeichen dafür, daß er auf dem Weg war, eine politische Strategie zu entwickeln, die eindeutig als revolutionär charakterisiert werden kann.
In der Einleitung finden sich bei Zaremba bemerkenswerte Formulierungen über die Rolle der Arbeiterklasse in einem zurückgebliebenen Land, Formulierungen, die an Trotzkis Theorie der permanenten Revolution erinnern. Flewers kommt zu folgendem Schlußsatz: "Ohne es einzusehen, war Zaremba, der Sozialdemokrat war, über den Kern in Trotzkis Theorie gestolpert."
Diese Radikalisierung kann auch, wie Flewers meint, im Programm abgelesen werden, das vom Rat für Nationale Einheit am 15. August 1944, d.h. mitten unter dem Aufstand, angenommen wurde. Die acht Punkte des Programms lauten wie folgt:
1. Eine Verfassung, die sicherstellt, daß die Regierung dem Willen des Volkes entspricht.
2. Ein demokratisches Wahlgesetz für die allgemeinen und kommunalen Wahlen, das die öffentliche Meinung getreu wiederspielgelt.
3. Eine Landreform, die alle Bauerngüter über 50 ha genauso wie das deutsche Landeigentum aufteilt.
4. Die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien.
5. Die Mitwirkung der Arbeiter an der Leitung der Betriebe und Arbeiterkontrolle über die Industrieproduktion.
6. Alle Mitbürger haben ein Recht auf Arbeit und auf einen anständigen Lebensstandard.
7. Eine anständige Verteilung des gesellschaftlichen Überschusses.
8. Alle Mitbürger haben das Recht auf Ausbildung und Kultur.
Flewers merkt mit einem gewissen Recht an, daß dieses Programm bedeutend weiter ging als die üblichen sozialdemokratischen Programme. Es war außerdem radikaler als alles, was zu diesem Zeitpunkt von den Stalinisten vorgeschlagen wurde. Das Programm der polnischen Stalinisten lehnte die Verstaatlichung der Industrie ab und trat ausdrücklich für freies Unternehmertum ein.
Die amerikanischen Trotzkisten in der Socialist Workers Party (SWP) be-schrieben den Aufstand und die polnische Widerstandsbewegung auf eine Weise, die an Flewers Analyse erinnert:
"Die polnischen Massen haben, geführt vom großartigen Proletariat in Warschau, während fünf Jahren mit unvergleichbarem Heldenmut gegen die nazistische Tyrannei gekämpft. Sie haben nicht zu den Waffen gegriffen, um eine Garnitur Unterdrücker gegen eine andere auszutauschen. Sie haben nicht für die raubgierigen Interessen des britischen Imperialismus und seiner polnischen Lakaien in der Exilregierung in London gekämpft. Genausowenig haben sie dafür gekämpft, sich der Herrschaft der Bürokratie Stalins und seiner polnischen Gefolgsleute zu unterwerfen. Sie haben in ihrem beharr-lichen Widerstand gegen den Hitlerismus gezeigt, daß sie die Absicht haben, die Herren ihres eigenen Schicksals zu werden." (Militant 5/8 1944)
Die Zeitung der SWP vermerkte auch, daß die polnische Widerstandsbewegung lediglich an der Peripherie reaktionäre Züge aufweise. Die illegale Literatur, die das Ausland erreichte, war im Wesentlichen demokratisch und sozialistisch. Die Erklärung dafür lag, wie es im internen Bulletin der SWP heißt, in der Tatsache begründet, daß das Rückgrat der nationalen Bewegung in Polen aus Arbeiterkadern bestand, Arbeiterkadern, die sowohl eine reiche Kampferfahrung als auch eine alte marxistische Tradition besaßen.
Die Absicht der Schrift Zarembas und ihrer englischen Übersetzung ist es, das Bild des Warschauer Aufstandes zu nuancieren. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Sogar ein so "aufgeklärter" Analytiker wie Isaac Deutscher hat behauptet (im Buch Ironies of History), daß der Aufstand von Antikommunisten geführt war. Flewers verleugnet nicht, daß Reaktionäre mit dabei waren, aber er bestreitet, daß sie eine entscheidende Rolle gespielt hätten.
In einer Fußnote zum Abschnitt über die Rolle der PPS behauptet Flewers, und hier stimmt er mit Zaremba überein, daß die stalinistisch kontrollierte Nationale Einheitsregierung, die im Juni 1945 eingerichtet wurde, in mehreren ihrer progressiven Beschlüsse, z.B. dem Verstaatlichungsgesetz im Januar 1946, eher von der PPS und ihren Traditionen inspiriert war als von der stalinistischen PPR. Damit soll die PPS dazu beigetragen haben, eine 90%ige Verstaatlichung der Industrie durchzuführen.
Die Schrift Zarembas ist unklar und repräsentiert eine Art zentristische Wendung reformistischer Führer, die ihre traditionelle Basis in der Arbeiterbürokratie verloren haben. Die Geschichte kennt mehrere ähnliche Fälle, u.a. die öster-reichischen Sozialdemokraten (Austromarxisten), die sich nach dem Februar 1934 im Exil als Revolutionäre Sozialisten bezeichneten.
Auch wenn die Linke in der PPS keine vollständige politische Alternative für die sozialistischen Arbeiter anbieten konnte, ist Zarembas Schrift von großer Bedeutung für alle, die sich für die polnische Geschichte im 20. Jahrhundert interessieren. Sie trägt dazu bei, neues Licht auf umstrittene Fragen zu werfen.
Per-Olof Mattsson
(Diese Rezension erschien ursprünglich in der Zeitschrift der schwedischen Sektion der LRKI, Arbetarmakts Nyhetsbrev Nr. 11-12/97. Sie wurde von Markus Kadlec - mit freundlicher Zustimmung von Per-Olof Mattsson - ins Deutsche übersetzt.)
Tariq Ali
Street Fighting Years
Autobiographie eines `68ers
ISP-Verlag
Köln 1998
296 Seiten, 256 öS
Tariq Ali, geboren 1943, stammt aus der Oberschicht von Lahore, Pakistan. Er studierte im englischen Oxford und lebt heute als Schriftsteller und Filmemacher in London. Er ist außerdem Mitherausgeber von New Left Review. Ali war seit Mitte der 60er Jahre ein führender Aktivist der Anti-Vietnamkriegsbewegung in Groß-britannien und dann auch Mitglied der International Marxist Group (IMG), der britischen Sektion des Vereinigten Sekretariats der 4. Internationale.
Nachdem er 1981 seine organisierte politische Tätigkeit aufgegeben hatte, verfaßte Tariq Ali 1986 die politische Autobiographie Street Fighting Years, die der ISP-Verlag 1998 in deutscher Übersetzung herausbrachte. Das ganze Buch ist in einem flüssigen und leicht lesbaren Stil geschrieben - da kommen Ali sicherlich seine schriftstellerischen Fähigkeiten zugute - und es ist tatsächlich, wie der Cover-text verspricht, "weder ein nostalgischer Rückblick noch eine desillusionierte Abrechnung". Dadurch unterscheidet es sich durchaus vom Mainstream der Erinnungsliteratur von geläuterten ehemaligen Radikalen, die sich inzwischen dem bürgerlichen System als intellektuelle Lakaien andienen.
Der erste Teil von Street Fighting Years gehört zu den bemerkenswertesten Abschnitten, gibt er doch einen plastischen und beispielhaften Eindruck der politischen Situation in einem halbkolonialen Land wie Pakistan in den 50er und frühen 60er Jahren, in der sich Ali politisiert hat. Die stärksten Teile des Buches sind sicherlich die über die Entstehung der Anti-Vietnamkriegsbewegung, der Vietnam Solidarity Campaign (VSC), in Großbritannien. Ali war daran zentral beteiligt und es gelingt ihm mit seinen Schilderungen, daß man das Gefühl hat, sich in die damalige Stimmung wirklich hineinversetzen zu können. Eindrucksvoll beziehungsweise bedrückend ist aber vor allem die Beschreibung seiner Reise nach Vietnam im Jahr 1967. Auf einer anderen Ebene als einer sachlichen politischen Analyse werden die Verbrechen der US-Imperialismus und der heroische Kampf des vietnamesischen Volkes auch für nach 1975 politisierte Leser/innen nach-vollziehbar gemacht.
Interessant fand ich schließlich auch Alis Darstellung, wie sich die verheerende Politik des Stalinismus - der sowjetisch-chinesische Konflikt, die Katastrophe in Indonesien 1965 (bei der hunderttausende Kommunisten widerstandlos nieder-gemetzelt wurden), die halbherzige Unterstützung der Sowjetunion für Vietnam - auf seine politische Entwicklung auswirkte und ihn schließlich zum Trotzkismus führte, genauer gesagt: zur 4. Internationale von Ernest Mandel und Pierre Frank, die ihn zuvor beeindruckt hatten. Bei der Begründung, warum er sich bei der Suche nach einer über die VSC hinausgehenden politischen Organisierung für die IMG entschieden hatte, fällt die Kritik an den anderen aus trotzkistischer Tradition kommenden Strömungen in Großbritannien - an den von Tony Cliff geführten International Socialist (heute SWP), der von Ted Grant geführten Militant-Tendenz und der SLL von Gerry Healy - allerdings eher unpolitisch und billig aus.
Und etwas aufdringlich zieht sich durch das ganze Buch, daß immer wieder ein-flechtet wird, welche "bekannten Persönlichkeiten" Tariq Ali alle kennt und getroffen hat. Bei manchen Anekdoten hat man fast den Eindruck, sie werden hauptsächlich deshalb erzählt, um auch noch unterzubringen, daß er auch mit diesem oder jenem Star ein geistreiches Geplaudere geführt hat. Wenn dabei schon auch die Schauspielerin Vanessa Redgrave (die heute den NATO-Krieg gegen Jugoslawien unterstützt) in die Liste der Prominenten aufgenommen wird, mit denen sich Ali "schmückt", hätte er seriöserweise zumindest anmerken können, daß sie den - von ihm so verachteten - Sektierern der SLL angehört hat.
Wirklich traurig ist allerdings dann das Vorwort zur deutschen Ausgabe. Es wurde von Ali 1995 verfaßt und macht deutlich, daß er sich von revolutionärer Politik noch ein Stück weiter entfernt hatte als beim Verfassen seiner Autobiographie 1986. Damals stellte er noch in den Vordergrund, daß er nichts bereue und daß er keinen Grund sehe, die Hoffnung aufzugeben. Seine Hoffungen setzte er allerdings 1986 auf eine absurde und illusionäre Selbstreformierung der sowjetischen Büro-kratie, auf Michail Gorbatschow, dessen Reformprogramm "den fortschrittlichsten Vorschlagskatalog zur Demokratisierung der UdSSR seit den 20er Jahren" darstelle. Damit brachte Ali einen Zug auf den Punkt, der sich in der Tendenz durch seine ganze politische Entwicklung zu ziehen scheint, daß sich seine Hoffungen nämlich mehr auf irgendwelche progressiven Eliten orientierten als auf die Selbst-tätigkeit der Arbeiterklasse.
Als sich nach 1989/91 nicht ein von Ali gewünschter "dritter Weg" durchsetzte, sondern Gorbatschows "Vorschlagskatalog" in der Sowjetuion und in Osteuropa geradewegs in die kapitalistische Restauration und international zum "vollständigen Sieg des Kapitalismus" führte, machte sich bei Ali offenbar völlige politische Ratlosigkeit breit. 1995 hält er die deutsche PDS für die wahrscheinlich "kreativste radikale Kraft in Europa" und benutzt das Vorwort zur deutschen Ausgabe von Street Fighting Years unter anderem dazu, um für sein "jüngstes Fernsehspiel" und seinen "letzten Roman" Schleichwerbung zu betreiben.
Ali kritisiert zwar weiterhin, daß sich viele Intellektuelle zu "unterwürfigen Opportunisten entwickelt" hätten (und er ist ja tatsächlich nicht wie Regis Debray in Frankreich oder Daniel Cohn-Bendit in Deutschland auf die andere Seite übergelaufen), betont aber gleichzeitig bezüglich seiner ehemaligen französischen Genoss/inn/en, die weiter in der 4. Internationale aktiv sind, daß er für "ihre konservative Haltung keinen Respekt aufbringen" kann. Ali widmet seine Auto-biographie Ernest Mandel, "der immer daran glaubte, daß die eigentliche Bedeutung des Lebens darin besteht, bewußt an der Gestaltung der Geschichte mitzuwirken". Seine im Vorwort von 1995 ausgeführte Kritik an Mandel ist dann aber reichlich armselig. Sicher, mit Mandel kann man - ebenso wie mit IS/SWP, Militant und SLL - politische Differenzen haben (die etwa auch die AGM zu den verschiedenen Strömungen in unterschiedlichem Ausmaß hat), die Kritik von Tariq Ali widerspiegelt aber lediglich die resignative, perspektivlose und organisations-feindliche Stimmung in großen Teilen der "pluralistischen" "linken" Intelligenz einer bestimmten Generation. Sie läuft darauf hinaus, daß der alte Mandel - anders als der aufgeschlossene Ali - die Zeichen der Zeit nicht erkannt hatte, immer noch an irgendwelchen ökonomischen und politischen Analysen arbeitete und doch tat-sächlich noch immer versuchte, eine revolutionäre Organisation aufzubauen. Wenn Ali einfach gesagt hätte, "Ich habe nicht das Durchhaltevermögen wie Mandel, ich habe keine Kraft mehr und will jetzt lieber Romane schreiben.", dann OK. So aber hätte er in diesem Punkt lieber den Mund halten und sich diese Blamage ersparen sollen.
Die zunehmenden Klassenkämpfe infolge der sich vertiefenden Krise des kapitalistischen Weltsystems werden deutlich machen, daß der alte Mandel in dieser Hinsicht einen besseren Blick für die Zukunft hatte als der flexible Ali, daß das Festhalten an konsequenter revolutionärer Politik ebenso sinnvoll wie not-wendig war und ist. Auch wenn der ehemalige brilliante Führer der britischen Anti-Vietnamkriegsbewegung - wie befürchtet werden muß - für die bevorstehenden Kämpfe verloren ist, so bieten seine Schildungen in Street Fighting Years für diejenigen, die sich nicht vom Vorwort abschrecken lassen, wertvolle Erfahrungen, die auch für künftige Auseinandersetzungen interessant sein können.
Julia Masetovic