Nr. 15 Dimitrije Tucovic: Serbien und Albanien

Der historische Führer der serbischen Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg über:

> das Verhältnis zwischen dem serbischen und dem albanischen Volk,
> die "Unterdrückungspolitik der serbischen Bourgeoisie",
> die Interessen des Imperialismus in der Region und
> die Antwort des proletarischen Internationalismus.

Eine Erstveröffentlichung in deutscher Sprache mit einer Einleitung zur revolutionären Tradition der serbischen Arbeiterbewegung.

 

Inhalt

Vorwort zu Dimitrije Tucovic: Serbien und Albanien
(Miodrag Jovanovic / Manfred Scharinger)
Serbien und Albanien
(Dimitrije Tucovic; Übersetzung: Amela Mirkovic)
Vorwort
I. Aus dem Leben der Albaner
1. Ursprung und Verbreitung
2. Stammesordnung und Blutrache
3. Wirtschaftsverhältnisse
4. Charakterzüge und geistiges Leben
II. Die Autonomie Albaniens
1. Die Entstehung der Autonomiebewegung
2. Der Norden und der Süden; die Gegen und die Tosken
3. Zukunftsperspektiven
III. Der Kampf um die Herrschaft im Mittelmeer
1. Das Mittelmeer und die Kämpfe im Orient
2. Österreich-Ungarn und Italien
3. Die Adria und der Balkan
IV. Serbien und Albanien
1. Eroberungstendenzen unserer Bourgeoisie
2. Der Zugang zum Meer
3. Erfolglose Eroberungspolitik
4. Die Besetzung Albaniens
5. Die Kolonialkriege
6. Resultate der Eroberungspolitik
Dimitrije Tucovic - biografische Anmerkungen
(Miodrag Jovanovic / Manfred Scharinger)
Die serbische Arbeiterbewegung von 1870 bis zum 1. Weltkrieg
(Miodrag Jovanovic)

Vorwort

Dimitrije Tucovic, der Führer der revolutionären serbischen Sozialdemokratie, schrieb 1914 - anlässlich des 2. Balkankrieges 1913 - die vorliegende Broschüre Serbien und Albanien. Im Unterschied zum 1. Balkankrieg, wo Serbien, Bulgarien und Griechenland im Bündnis gegen die türkische Herrschaft kämpften, gerieten im nachfolgenden die früheren Verbündeten vor allem über die Aufteilung Make-doniens aneinander. Hauptverlierer in diesem Krieg war Bulgarien, das Gebiete abtreten und auf Makedonien verzichten musste.

Serbien eroberte zwar den größten Teil von Makedonien, aber das andere, eigentlich viel wichtigere Kriegsziel der serbischen Monarchie, ein direkter Zugang zum Meer, konnte nicht erreicht werden. Montenegro, der serbische Bruderstaat an der Adria, war durch den Sandschak, eine moslemisch besiedelte Enklave, von Serbien getrennt. Die montenegrinische Dynastie hatte darüberhinaus überhaupt kein Interesse, in einem serbischen Gesamtstaat nur noch die zweite Geige zu spielen. Ein Krieg zwischen Serbien und Montenegro war in breiten Volksmassen nicht populär, aus der Sicht der serbischen Kapitalistenklasse musste also ein anderer Ausweg gefunden werden. Das war - im Anschluss an den 2. Balkankrieg - der Hintergrund des serbischen Feldzuges gegen Albanien und vor allem gegen die Albaner, die zu großen Teilen im 1. Balkankrieg sich an Aufständen gegen die türkischen Besatzer beteiligt hatten.

Dimitrije Tucovic schildert mit eindringlicher Genauigkeit die damaligen Lebens-verhältnisse der albanischen Bevölkerung, ihre soziale und ökonomische Entwick-lung, ihre politischen Parteien, die entsprechend der gesellschaftlichen Entwicklung sich notwendigerweise noch in einem embryonalen Stadium befunden haben. Darüberhinaus weist er auf die enge geschichtliche, territoriale und sogar verwandt-schaftliche Nähe zwischen dem serbisch-montenegrinischen und dem albanischen Volk hin. Er entlarvt den Mythos von der ewigen Feindschaft der beiden Völker und die chauvinistische Propaganda von der kulturellen Rückständigkeit der Alba-ner als eben dieselben Lügen und Vorwände, mit denen schon die imperialistischen Mächte Großbritannien und Frankreich ihre blutige Unterjochung ganzer Konti-nente als "zivilisatorisches Werk" zu tarnen suchten.

Im albanischen Feldzug zerstörten die serbische Kapitalistenklasse und ihre Monarchie nicht nur die engen historischen und sozialen Bande zu einem benach-barten Volk, sie erleichterten es auch den imperialistischen Mächten Österreich-Ungarn und Italien, sich in der Region - als "Schutzmacht" - festzusetzen. Serbien musste, unter Androhung eines Krieges der interessierten imperialistischen Mächte, Albanien wieder räumen. Albanien wurde zur österreich-ungarischen und italie-nischen Einfluss-Sphäre. Die tausenden serbischen Kriegstoten, die, wie Dimitrije Tucovic mit beißendem Spott beschreibt, vor allem der dilletantischen serbischen Kriegsführung geschuldet waren, die grausamen Massaker an der albanischen Zivil-bevölkerung, die darüberhinaus ökonomisch ausgeplündert wurde, führten am Ende zu nichts als zu einem völligen Desaster der kolonialistischen Bestrebungen der serbischen herrschenden Klasse. Gleichzeitig verlor der serbische Nationalismus damit erstmals seinen Anspruch auf einen gerechten Kampf für nationale Befreiung - indem er die Rechte eines anderen Volkes mit Füßen trat.

In der albanischen Bevölkerung entstanden - als Reaktion auf die Politik der serbischen Bourgeoisie und ihrer Armee - massive antiserbische Ressentiments. Und mehr noch: Der Imperialismus, der Todfeind aller Unterdückten, konnte sich in Albanien als Protektor aufspielen. Die serbische Kapitalistenklasse war in einer Welt, wo die großen imperialistischen Mächte um Einflusszonen rangen (was schließlich zum 1. Weltkrieg führen sollte), dazu verdammt, die Rolle eines Junior-partners und Handlangers größerer Mächte am Balkan zu spielen - oder eben gar keine.

Dimitrije Tucovic zeigt auf, dass nur eine Politik, die auf Vereinigung aller Balkanvölker auf dem Prinzip der Freiwilligkeit in Kombination mit einem Kampf gegen das kapitalistische Ausbeutersystem die notwendige soziale und ökono-mische Grundlage für die weitere Entwicklung aller Völker am Balkan legen kann. Die revolutionäre Kommunistische Internationale (vor ihrer stalinistischen Dege-neration) versuchte dem mit der Ausrichtung auf eine sozialistische Balkan-föderation Rechnung zu tragen. Das Tito-Jugoslawien, in seiner ganzer Unzuläng-lichkeit, deutete immerhin die Möglichkeiten an, die eine größere Balkanföderation auf wirklich sozialistischer Grundlage allen Völkern des Balkans, einschließlich der Albaner, bieten würde. Um dieses Ziel zu erreichen, wird es notwendig sein, wie die serbischen Sozialdemokraten unter Tucovic, gegen Chauvinismus und Unterdrückung durch die eigene herrschende Klasse als auch gegen die imperiali-stischen Ansprüche und gewaltsamen Versuche der Unterjochung (gleich unter welchem Vorwand diese erfolgen) zu kämpfen.

Dimitrije Tucovic hatte sich schon früher mit der albanischen Frage auseinander-zusetzen begonnen. Schon in "Borba" (Kampf) vom 1. (14.) Mai 1910 erschien sein wichtiger Artikel Die albanische Frage, in dem er den Kampf der Albaner für einen selbständigen Nationalstaat unterstützte. Neben der Verwendung von heimischer und ausländischer Literatur bemühte er sich, Daten über die Albaner, über die Ziele ihres Kampfes, die Eroberungspläne Österreich-Ungarns, Italiens und der Balkan-staaten gegenüber den aufzuteilenden albanischen Stämmen zusammenzutragen.

Auch während der beiden Balkankriege blieb die Albanienfrage bis zuletzt aktuell. Das veranlasste Dimitrije Tucovic, sich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen und die Politik der serbischen Regierung gegenüber den Albanern einer argumen-tierten Kritik zu unterziehen. Während des 1. Balkankrieges begann Tucovic intensiv, Quellen zu untersuchen und sein Werk Serbien und Albanien zu schreiben. Als Dimitrije Tucovic im April 1913 mit der serbischen Armee durch das nördliche Albanien marschiert, nutzt er einen Aufenthalt in Elbasan, um notwendige Daten zu sammeln, die er dann im Buch Serbien und Albanien verwendet.

Nach seiner Demobilisierung im August 1913 beendet Tucovic in den darauf-folgenden Monaten sein Manuskript Serbien und Albanien, in der Zwischenzeit erscheint auch sein bekannter Artikel Albanische Briefe in "Borba" (Kampf) vom 1. (14.) und 16. (29.) November 1913.

Sicher, in einigen Punkten scheint die Studie von Tucovic heute überholt zu sein - etwa in seiner unkritischen Bezugnahme auf die Nationalitätentheorie von Otto Bauer und dessen These einer "Kulturgemeinschaft", in seiner etwas zu einseitigen Darstellung der napoleonischen Feldzüge oder in der durchgehenden Kenn-zeichnung der Produktionsverhältnisse im Osmanischen Reich als Feudalsystem. Ohne auf die Diskussion über die asiatische Produktionsweise hier eingehen zu können, sei doch auf die Problematik der Übertragung der vom mittelalterlichen Lehenswesen ausgehenden Begriffe wie Feudalismus oder feudale Strukturen auf das Türkische Reich hingewiesen. Und auch in der Sprache ist heute die Wortwahl sensibler geworden: Etwa wird von Tucovic mehrfach der Begriff "Rasse" - wenn auch meist im kritischen Bezug auf nationalistische Schriftsteller - verwendet oder undifferenziert von "wilden und primitiven afrikanischen Stämmen", von der Primitivität der albanischen Stämme oder von einem "Volksaufstand primitivster Stämme" gesprochen - Tucovic ist hier das Kind seiner Zeit.

Dass das aber im wesentlichen terminologische Fragen sind, die hier zur Diskussion stehen und kein rassenbiologisches oder den Kolonialismus rechtfertigendes Konzept hinter der im Buch verwendeten Ausdrucksweise steht, beweisen wohl am schönsten die nachfolgenden Zeilen. Man müsse, so Tucovic in direkter Polemik gegen den verheerenden Einfluss des serbischen Nationalismus,

"vor allem mit einer wissenschaftliche Lüge brechen, die man uns seit dem Feldzug der serbischen Armee in Albanien in hundertfacher Weise auftischt, obwohl sie in der Wissenschaft schon längst zum alten Eisen gehört. Die Elemente, die eine Nation zur Nation machen, und die Faktoren, die die Bedingungen für ein gemeinsames Staatsleben definieren, kann kein ernsthafter Mensch durch Vermessen von Schädeln und Rassenforschung aufdecken, sie werden von der Geschichte und Sozialisation bestimmt."

Und in Bezug auf die Kolonialkriege lässt Tucovic ebenfalls keine Unklarheiten aufkommen: Die serbischen Regierenden hätten gegenüber den Albanern "ihr Register von Grausamkeit und kolonialen Morden" eröffnet und stünden somit "auf der gleichen Stufe mit den Engländern, Holländern, Franzosen, Deutschen, Italienern und Russen." Angeklagt wird "die Bereitschaft der serbischen Bourgeoisie, ihre Ziele durch brutale Verbrechen zu realisieren, die bisher nur in Überseekolonien begangen wurden." Für Tucovic war klar, auf wessen Seite die Arbeiterbewegung zu stehen habe: Es sei keine Frage, dass ein Volksaufstand "immer noch humaner ist als die Praxis eines stehenden Heeres, das ein moderner Staat gegen Aufständische einsetzt"...

Ein wesentlicher Kritikpunkt erscheint uns aber - aus heutiger Sicht - noch bedeutend zu sein. Dimitrije Tucovic ging davon aus, dass die "nationale Befreiung der Balkanvölker ohne eine Vereinigung des gesamten Balkans zu einer Gemeinschaft nicht möglich sei" Daraus entwickelte Tucovic die Perspektive einer Föderation der Balkanvölker. Zurecht ging er davon aus:

"Durch die Vereinigung der politischen Kräfte und des wirtschaftlichen Fort-schrittes würden die Balkanvölker unabhängiger und könnten den Eroberungs-bestrebungen der kapitalistischen europäischen Staaten eher Widerstand leisten."

Und weiter:

"Falls etwas politische Realität am Balkan hat, dann ist das die Notwendigkeit einer Gemeinschaft der Balkanvölker. Zur Überzeugung dieser Notwendigkeit gelangt man durch die Beobachtung der tatsächlichen Situation auf der Balkan-halbinsel. Wie ein offenes Buch, das so präzise unsere Zukunft zeichnet, liest sie sich dann, und nur jene Politik der Balkankleinstaaten, die diesen Gedanken zu ihrem wichtigsten Grundsatz erklärt, ist realistisch."

Das Problem liegt nun darin, dass von Tucovic weder eine klassenmäßige Bestimmung dieser Föderation der Balkanvölker vorgegeben wird noch der Klassencharakter des Staates, der aus dieser Vereinigung hervorgehen hätte können. Oder anders gesagt: Aus der Tatsache, dass das Proletariat als der soziale Träger dieser Vereinigung geortet wurde und die Bourgeoisie als Basis einer solchen Vereinigungstendenz nicht in Frage kam, folgt bei Tucovic noch nicht, dass nur eine Föderation sozialistischer Republiken am Balkan als Ziel einer revolu-tionären Strategie in Frage hätte kommen können. Das allerdings war kein individueller Fehler von Dimitrije Tucovic. In der "Entschließung der ersten Konferenz der sozialdemokratischen Parteien des Balkans", die in Beograd am 9. Jänner 1910 angenommen worden war, finden wir dieselbe Unbestimmtheit, wenn als Ziel eine "Union" angegeben wird, "die die moderne wirtschaftliche und politische Autonomie erfordert". Die Konferenz hielt es für

"ratsam, jeden Antagonismus zu bekämpfen, der zwischen den Völkern Südosteuropas besteht, sowie ein Verständnis zwischen ihnen herzustellen und mit aller Macht die Bestebungen zu unterstützen, die darauf hinzielen, die vollständige demokratische Autonomie der Völker und die Unabhängigkeit der Nationen zu verwirklichen."

In diesem Sinne war die Perspektive einer Balkanföderation, wie sie von den sozialdemokratischen Parteien des Balkanraumes um 1910 entwickelt worden war und wie sie auch von Tucovic vertreten wurde, ein zwar gewaltiger Schritt nach vorne, aber eben doch ein politisch begrenzter. Nur Leo Trotzki hatte mit seiner Theorie der permanenten Revolution - und auch das nur für Russland - vor 1917 schon den Schluss aus der Unfähigkeit der Bourgeoisie gezogen, in Russland die demokratische Umgestaltung der Gesellschaft zu vollenden, dass nicht nur das Proletariat der soziale Träger dieser Umgestaltung sein müsse, sondern dass das auch mit einer sozialistischen Perspektive, einer Perspektive auf den Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, verbunden werden müsse. Die Perspektive der Balkanföderation, wie sie vom linken Flügel der bulgarischen Sozial-demokraten, den sogenannten Engherzigen, der Serbischen Sozialdemokratischen Partei unter Tucovic, überhaupt der Linken in der europäischen Sozialdemokratie (inklusive W.I. Lenin) und selbst von Trotzki argumentiert wurde, erinnerte demgegenüber in ihrer Logik viel eher an die begrenzte bolschewistische Losung (vor Lenins "Aprilthesen" 1917) einer "demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern" als an die Theorie der permanenten Revolution, die von Trotzki erst in den 1920er Jahren verallgemeinert wurde.

Von diesen Schwächen aber einmal abgesehen, beweist aber die Studie von Tucovic einen geradezu unheimlichen Weitblick: Seine Analyse der zersetzenden Wirkungen des Nationalismus ist heute ebenso aktuell wie sein Vorwurf an die Herrschenden in Beograd, gerade erst durch ihre Politik die junge albanische Nation in die Arme des Imperialismus getrieben zu haben. Es klingt sehr zeitgemäß, wenn Tucovic die Verhältnisse am Balkan analysiert und abschließend - mit Bezug auf die Politik Serbiens - feststellen muss:

"Grenzenlose Feindschaft des albanischen Volkes Serbien gegenüber ist das erste wirkliche Resultat der Albanienpolitik der serbischen Regierung. Das zweite, noch gefährlichere Resultat ist die Stärkung zweier Großmächte in Albanien, die am Balkan die größten Interessen haben. Diese Erfahrung zeigt einmal mehr, dass jede Feindschaft zwischen den Balkanvölkern nur ihrem gemeinsamen Feind zugute kommt. (…) Dort, wo Freundschaft eigentlich das Bedürfnis beider Seiten ist, herrscht heftige Feindschaft, und freundschaftliche Beziehungen entstehen zwischen zwei Seiten [Albanien und den Großmächten], von denen die eine im vornherein verdammt ist, das Opfer der anderen Seite zu sein."

Noch ein Wort zur Rechtschreibung: Wir haben mit dieser Ausgabe von Marxismus erstmals in der gesamten Nummer und konsequent - auch was die Zitate betrifft - die neue Orthografie verwendet. Wir hoffen, dass die Umstellung keine allzu großen Schwierigkeiten bereitet!

Miodrag Jovanovic / Manfred Scharinger