Dimitrije Tucovic wurde am 13. Mai 1881 im Dorf Gostilj am Zlatibor geboren. Er besuchte in seinem Heimatort die Volks- und im nahegelegenen Uzice die Mittel-schule. Danach begann er in Beograd Jus zu studieren. Schon früh engagierte er sich in der sozialistischen Bewegung und war bereits als Mittelschüler Mitarbeiter der in Beograd 1897 gegründeten (und kurz darauf verbotenen) "Radnicke Novine" (Arbeiter-Zeitung). Unter dem Einfluss von Radovan Dragovic, der zentralen Persönlichkeit des serbischen Sozialismus um die Jahrhundertwende, stehend, engagierte er sich auch während seines Studiums in der sozialistischen Bewegung.
Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die sozialistische Bewegung in Serbien trotz der polizeilichen Verfolgungen wieder einen Aufschwung. Ab Januar 1902 begann die "Radnicke Novine" erneut zu erscheinen, und Ende Mai 1902 wurde auf Initiative von Dragovic und Tucovic ein illegales Komitee aus Vertretern verschiedener Arbeiterorganisationen und Gewerkschaften, der Sozialistischen Studentengruppe und der "Radnicke Novine" gebildet. Es sollte die Tätigkeit der Arbeiterorgani-sationen und der Presse koordinieren und zentralisieren. Sekretär wurde Radovan Dragovic. Nach dem 23. März 1903 (dem 6. April nach dem neuen Kalender), als eine Massendemonstration von Arbeitern, Schülern und Studenten in Beograd von der Polizei aufgelöst und auseinandergetrieben wurde, musste Tucovic als einer der Organisatoren dieser Manifestation Serbien verlassen. Er ging nach Wien, kam Juni 1903 wieder zurück und ging während der Sommerferien zu den Eltern nach Uzice, um unter den einheimischen Arbeitern zu agitieren.
Im Richtungsstreit, der bald darauf im Komitee über die Perspektive der serbischen Arbeiterbewegung entbrannte, nahm ein Flügel unter Dimitrije Tucovic, Radovan Dragovic und Trisa Kaclerovic die Position ein, dass eine eigenständige Arbeiter-bewegung notwendig sei, während ihre Opponenten eine Gemeinschaft mit dem bürgerlichen Liberalismus anstrebten und eine Mittelgruppe zu vermitteln suchte.
In den nächsten Jahren ergaben sich zunehmend günstigere Bedingungen für eine Vertiefung und Ausbreitung der Arbeiterbewegung: Im Mai 1903 hatten Vertreter des liberalen Bürgertums und des Offizierskorps einen Umsturz durchgeführt, der das Polizeiregime des austrophilen Königs Alexander I. (Obrenovic) stürzte und den stärker an Russland, Frankreich und England orientierten König Peter I. (Kara-djordjevic) an die Macht brachte. Das Ergebnis des Umsturzes war ein scharfer serbisch-österreichischer Konflikt, und die serbische Bourgeoisie sah nun ihre Stunde zu einer großserbischen Außenpolitik gekommen. "Serbien - das Piemont der Südslawen" wurde das neue Schlagwort, das an die italienische Einigungs-bewegung und dessen Zentrum, eben das Piemont, erinnern sollte. Im Zuge dieser Entwicklung gewann in der Bourgeoisie jene Strömung die Oberhand, die sich für eine verfassungsmäßige Entwicklung und eine parlamentarische Monarchie ein-setzte und auch der Arbeiterbewegung mehr Bewegungsspielraum ließ.
Im August 1903 wurde auf Initiative des Komitees ein Kongress der Vertreter der Arbeitervereine, der Gewerkschaften und anderer Arbeiterorganisationen in Beo-grad einberufen. Dieser Kongress, der im Charakter zu einem sozialdemokratischen Parteitag mutierte, verkündete die Gründung einer Sozialdemokratischen Partei; programmatisch wurde das Erfurter Programm der SPD der neuen Partei zugrunde-gelegt. Ebenso wurde die Basis für eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung geschaffen.
Wie im illegalen Komitee des Jahres 1902 bildeten sich auch in der neu-entstandenen Partei wieder dieselben drei Strömungen heraus: Der nach dem Parteitag nach Beograd zurückgekehrte Tucovic stand mit Dragovic am linken Flügel der Partei. In dieser ersten Phase dominierte aber mit Joganovic, dem Sekretär des Hauptvorstandes der Partei, ein Vertreter des opportunistischen Flügels. Dimitrije Tucovic widmete sich in der nächsten Zeit vor allem den Gewerkschaften und der sozialistischen Bildungsarbeit. 1904 wurde die erste sozialdemokratische (Partei-) Schule gegründet, deren Leiter Tucovic wurde.
In der Gewerkschaftsbewegung war eine syndikalistische Strömung stärker ge-worden, die die Gewerkschaftsbewegung von der Bühne der Politik fernzuhalten trachtete. Am II. Kongress der gewerkschaftlichen Landeszentrale (April 1904) hielt Tucovic das zentrale Referat über "Charakter und Aufgaben der Gewerk-schaftsbewegung", in dem er die von den Syndikalisten vertretene Theorie einer politischen Neutralität der Gewerkschaftsbewegung zurückwies. Die vom Kongress angenommene Resolution schrieb die ideologische Niederlage des serbischen Syndikalismus gegenüber der marxistischen Strömung fest. Eine ähnliche Ent-wicklung ergab sich in der Sozialdemokratischen Partei, die ihren Parteitag zeitgleich mit dem Gewerkschaftskongress abgehalten hatte und in der ebenfalls die marxistische Strömung, diesmal über die opportunistische, den Sieg davontrug. Der Einfluss von Syndikalismus und Opportunismus in der serbischen Arbeiter-bewegung war damit aber noch nicht gebrochen - vor allem Tucovic sollte in den nächsten Jahren den ideologischen Kampf seitens der sozialdemokratischen Partei-führung tragen.
Denn Tucovic spielte inzwischen in der serbischen Arbeiterbewegung eine zentrale Rolle. Deutlich wurde dies u.a. auch anlässlich der Ereignisse der Revolution von 1905 in Russland, die auch in Serbien genau registriert wurden. Nach dem "Blutigen Sonntag" fand am 16. (29.) Jänner 1905 eine von der Serbischen Sozial-demokratischen Partei und der Gewerkschaftszentrale einberufene Großkund-gebung statt. Hauptredner Dimitrije Tucovic sprach begeistert vom Kampf des Proletariats in Russland. In der von der Kundgebung angenommenen Resolution hieß es: "Der Sieg des russischen Proletariats wird zur gleichen Zeit ein russischer, ein serbischer und ein internationaler Sieg sein. Es lebe die Revolution!" (Radnicke Novine, 19.1.1905) Bei einer neuerlichen Massenkundgebung am 13. (26.) März 1905 war wieder Tucovic der Hauptredner. Er hielt eine mitreißende Ansprache, die unter dem Titel "Die russische Revolution und die Sozialdemokratie" in der Parteipresse veröffentlicht wurde.
Im Herbst 1907 ging Tucovic nach Berlin und positionierte sich dort in den theoretischen Auseinandersetzungen der Sozialdemokratie mit Karl Kautsky auf seiten des orthodoxen Marxismus gegen Eduard Bernstein, kehrt aber wegen der ideologischen Differenzen in der serbischen Sozialdemokratie nach Beograd zurück. April 1908 wurde Tucovic zum Sekretär des Parteivorstandes gewählt. Er war Hauptredakteur der Tageszeitung "Radnicke Novine" und der theoretischen Halbmonatsschrift "Borba" (Der Kampf), ferner war er tätig als Leiter der Parteischule und als Verleger und Redakteur der sozialistischen Bibliothek, die die Hauptwerke der klassischen sozialistischen Literatur und wichtige Arbeiten heimischer Sozialisten publizierte.
Zur selben Zeit, als Tucovic Parteivorstandssekretär wurde, spitzte sich die Situation am Balkan mit der Annexion von Bosnien-Herzegowina durch Österreich-Ungarn gefährlich zu. Im August 1908 sandte die Führung der Serbischen Sozialdemokratischen Partei an das Internationale Sozialistische Büro der II. Internationale ein von Dimitrije Tucovic verfasstes und unterzeichnetes "Memo-randum über die politische Lage der Arbeiterbewegung in Bosnien und Herzegowina", das auch international in der sozialdemokratischen Bewegung viel Beachtung fand. Die imperialistische Politik Österreich-Ungarns, aber auch die nationalistische Politik des serbischen Königshauses und der serbischen Bourge-oisie wurden an den Pranger gestellt und die Arbeiterparteien aller Länder, ins-besondere natürlich die der direkt involvierten Staaten, aufgefordert, sich zur Verteidigung der Arbeitenden in Bosnien-Herzegowina zu erheben.
Innerparteilich wichtig blieb - neben der nationalen Frage am Balkan - der Kampf zwischen der marxistischen, der opportunistischen und der syndikalistischen Strömung. Der Kampf wurde von ersterer vor allem von Dimitrije Tucovic geführt, der für die entscheidenden Parteidokumente und auf den Parteitagen für die wichtigen Interventionen verantwortlich zeichnete. Tucovic vertrat die serbische Sozialdemokratie auch auf internationalen Kongressen - so am Kongress der II. Internationale in Kopenhagen (28. August bis 3. September 1910), wo er in der Kommission über die Beziehungen zwischen den Genossenschaften und den Parteien vertreten war und in der Plenarsitzung in der Frage von Militarismus und Krieg eine linke Position einnahm.
Von 1911 bis 1912 war Tucovic Sekretär der serbischen Arbeiterkammer, wo er sich für eine moderne Arbeiterschutzgesetzgebung engagierte. Besondere Ver-dienste hatte sich Tucovic auch als Organisator der ersten sozialistischen Konferenz der Balkanländer (Jänner 1910) erworben, auf der die Gründung einer "Soziali-stischen Balkanföderation", eines Zusammenschlusses der sozialdemokratischen Parteien des Balkanraumes, beschlossen wurde. Nicht zuletzt aufgrund von Dimitrije Tucovic nahm die serbische Sozialdemokratie eine konsequent inter-nationalistische Position ein und verband den Kampf gegen den Krieg mit dem Kampf des Proletariats gegen die Klassenherrschaft und die imperialistische Politik der herrschenden Klassen. Im Laufe der Vorbereitungen und am Anfang des 1. Balkankriegs erklärte sich die Serbische Sozialdemokratische Partei gegen den Krieg und stimmte gegen die Kriegskredite ab. Dem wurde das "dauernde Bündnis" der Balkanvölker entgegengehalten. Und auf den 2. Balkankrieg nimmt Tucovics "Serbien und Albanien", das wir hier in deutscher Übersetzung vorlegen, direkt Bezug. Auf einer im September 1913 in Beograd organisierten Arbeiterkundgebung wurde gegen die "eroberischen Bestrebungen der Bourgeoisie protestiert, die in ihrer Besessenheit das Land in ein blutiges Abenteuer führt, das endloses Unglück bringen kann."
Persönlich war Tucovic gezwungen, im Frühjahr 1913 mit der serbischen Armee am 2. Balkankrieg teilzunehmen; seine Teilnahme am Feldzug in Albanien nutzte er zu Recherchen zu seinem Buch Serbien und Albanien, das er nach seiner Demobilisierung im August in der zweiten Jahreshälfte 1913 fertigstellte.
Während des ersten Halbjahres 1914 wurde der Kampf gegen den Militarismus fortgeführt. Nach dem Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand fand am 12. (25.) Juli 1914 knapp vor der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien eine Sitzung des Parteivorstandes statt. Dimitrije Tucovic und Dusan Popovic sprachen sich gegen den drohenden Krieg aus und übten scharfe Kritik an den Herrschenden in Serbien und an deren chauvinistischer und nationalistischer Politik. Das Zentralkomitee nahm einmütig eine inter-nationalistische Haltung ein, und die Partei gab - im Unterschied zur übergroßen Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale - diese auch nach Kriegsausbruch nicht auf: Am 31. Juli 1914 sprachen sich die zwei sozial-demokratischen Abgeordneten in der Skupschtina gegen den Krieg aus, verurteilten die Politik der Regierung und erklärten ihre Solidarität mit dem Proletariat und den sozialdemokratischen Parteien Österreich-Ungarns.
Die grausame Ironie der Geschichte ist dafür verantwortlich, dass gerade Dimitrije Tucovic, der als einer der entscheidenden Parteiführer der serbischen Sozial-demokratie ganz wesentlich (mit-) verantwortlich für deren unbeugsame internationalistische Position zeichnete, im Ersten Weltkrieg sterben musste. Er wurde zur Armee eingezogen und fiel am 7. (20.) November 1914 in Vrapcije Brdo bei Lazarevac.
Miodrag Jovanovic / Manfred Scharinger
Revolutionäre Tradition
Die serbische Arbeiterbewegung von 1870 bis zum 1. Weltkrieg
Seit Jahren stürzen die Nationalisten - unter tatkräftiger Mithilfe des Westens - den Balkan in Elend und Blut. Der serbische Nationalismus spielt dabei eine be-deutende Rolle. Die bürgerlichen Medien in Österreich und Deutschland über-schlagen sich in antiserbischem Rassismus. Sogenannte Experten werden bemüht, um ihre pseudo-wissenschaftlichen Ausdünstungen zu verbreiten. Die Serben seien eben schon immer unkontrollierbar, bärtig und nationalistisch gewesen. In Wirk-lichkeit hat die serbische Arbeiterbewegung eine große revolutionäre und inter-nationalistische Tradition, an der sich die österreichische Sozialdemokratie ein Beispiel hätte nehmen können.
Der serbische Staat entstand im Kampf gegen die türkische Herrschaft und wurde 1878 am Berliner Kongress international anerkannt. Als die ersten sozialistischen Ideen in Serbien auftauchten, war es noch immer ein wirtschaftlich rückständiges Land, mit einer Monarchie, die sich auf Armee und Bürokratie stützte und eine modernisierte Form der absolutistischen Herrschaftsform darstellte. Daher stellten sich dieser sowohl die intellektuelle Jugend und das liberale Bürgertum als auch die unterdrückten Massen entgegen.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte in Serbien dann eine rasante Indu-strialisierung ein, wodurch sich der Anteil des Industrieproletariats an der gesamten arbeitenden Bevölkerung erhöhte, wenn er auch weiterhin verhältnismäßig gering blieb. Dennoch handelte es sich um ein mit sozialistischen Ideen aufgewachsenes Proletariat, das schon sehr bald klassenkämpferische Aktivitäten entwickelte. Bereits 1876 kam es in Kragujevac zu Arbeiterdemonstrationen, die damit endeten, daß am Rathaus die rote Fahne mit der Aufschrift Selbstverwaltung gehisst wurde. Anlass war die Ungültigkeitserklärung von Gemeinderatswahlen in Orten, wo die Sozialdemokraten gewonnen hatten.
Der größte sozialistische Einfluß vom Ausland her kam zur Zeit von Svetozar Markovic (dem Vater des serbischen Sozialismus) aus Russland, der Schweiz und Frankreich. Gewissen Einfluss übten auch eingewanderte qualifizierte Arbeiter aus, vor allem Deutsche und Tschechen, die sich in Serbien der Arbeiterbewegung an-schlossen. In Serbien erschien 1871 das Kommunistische Manifest, und Markovic kannte bereits den ersten Band des Kapitals, als dieses Werk in Europa noch kaum Verbreitung gefunden hatte und noch weniger verstanden wurde.
Nach dem Tod von Markovic gingen seine Anhänger verschiedene Wege. Die einen um Mita Cenic orientierten sich weiterhin an der sozialistischen Arbeiter-bewegung und strebten die Gründung von Gewerkschaften und einer Arbeiterpartei an. Die anderen, wie etwa Nikola Pasic, entfernten sich immer mehr von ihren sozialistischen Ursprüngen und gründeten 1881 die Radikale Partei Serbiens, die sich zunächst an den Interessen der kleinbäuerlichen Massen orientierte und schließlich zur Partei des liberalen Bürgertums wurde.
Die sozialistischen Kräfte unter der Führung von Radovan Dragovic gründeten nach zähem Ringen mit den kleinbürgerlichen Strömungen und Auffassungen in der Arbeiterbewegung und gegen die allgemein widrigen politischen Bedingungen im Jahre 1903 die Sozialdemokratische Partei Serbiens. Ihr Programm war eine Kopie des (1891 von der deutschen Sozialdemokratie angenommenen) Erfurter Pro-gramms, wobei Dragovic das revolutionär-kämpferische Moment des Programms ausdrücklich hervorhob:
"Wir sind nicht nur eine Partei der Reform, sondern auch eine der Revolution. Die Sozialdemokratie darf ihren revolutionären Charakter nicht verleugnen, denn die heutige Gesellschaft ist morsch, und wir verlangen daher, dass neben Reformen, dort, wo sie nützlich sind, die Grundlagen der Gesellschaftsordnung geändert werden und anstelle des privaten das Gemeineigentum treten muss."
Ebenfalls 1903, kurz vor der Partei, wurde auch ein zentraler Gewerkschafts-verband gegründet, der in enger personeller, politischer und organisatorischer Verbindung mit der Sozialdemokratischen Partei stand. Die Radnicke Novine (Arbeiterzeitung) wurde zum gemeinsamen Organ von Partei und Gewerkschaft. Nach dem Tod von Dragovic kam es zwischen 1905 und 1908 zu Auseinander-setzungen zwischen einem reformistischen und einem marxistischen Flügel in der Partei, wobei sich letzterer zur Unterstützung seiner Linie erstmals auf ein Werk von Lenin (Was tun?) stützte. Die marxistische Richtung setzte sich mit der Wahl von Dimitrije Tucovic zum neuen Parteivorsitzenden schließlich eindeutig durch.
Besonders bemerkenswert ist die Haltung der serbischen Sozialisten zur nationalen Frage und zur Frage des Krieges. Noch unter Dragovic kam es im Jahre 1902 zu engen Kontakten mit den kroatischen Sozialdemokraten, zu gegenseitigen Besuchen und zur Mitarbeit in den jeweils anderen Zentralorganen. Als es in Zagreb zu blutigen antiserbischen Demonstrationen und als Reaktion darauf seitens der serbischen Kapitalistenklasse zu einer wüsten anti-kroatischen Hetzkampagne kam, schrieb Dragovic folgenden Text mit dem Titel Unsere Rache mit leider noch immer brennender Aktualität:
"Den Streit zwischen Serben und Kroaten haben unsere und ihre Popen geschaffen, um leichter ihre Herden scheren zu können, und Berufspolitiker, die die Dummheit der verhetzten Menschen ausnutzen. Der serbische und der kroatische Bauer haben keinen Grund, sich zu streiten. Sie sind gleichermaßen unterdrückt, rechtlos und hungrig, ihre Armut ist die gleiche. Daher haben sie auch die gleichen Feinde. Aber ihre wahren Feinde, das sind diejenigen, die von einem Großserbien, einem Großkroatien, von Zar Dusan oder Zvonimir reden, doch ihr eigenes Volks würgen und es in Armut und Unwissenheit halten. Wir Sozialisten teilen die Leute danach ein, ob sie von ihrem eigenen Können leben oder von fremdem, ob sie nützliche Arbeiter oder aber vollgefressene und gemästete Schmarotzer sind. Der kroatische Arbeiter und Bauer ist unser Bruder und Freund, der kroatische und serbische Spießbürger und Pope unser Feind. Wir Sozialisten sprechen mit einer anderen Zunge als unsere Bourgeoisie. Das kroatische Volk, der unterdrückte Bauer, kann nicht verantwortlich sein für die chauvinistische Verrücktheit, den patriotischen Kretinismus und die religiöse Verblendung seiner Advokaten und Popen. Unsere Rache ist die immer stärkere Durchdringung und Verbreitung sozialistischer Ideen in immer breiteren Schichten beider Völker. Nur der Sozialismus ist in der Lage, Frieden und Vernunft unter die Völker beziehungsweise Freiheit und Gerechtigkeit den Menschen zu bringen."
Aus diesem Text geht sehr gut die konsequent antinationalistische und revolutionär-sozialistische Grundhaltung der serbischen Sozialdemokratie hervor. Wichtig ist auch ihre Haltung zur gesamten Balkanfrage, wo sie an vorderster Front, in enger Zusammenarbeit mit den "engherzigen" bulgarischen Sozialdemokraten (also ihrem revolutionären Teil), die Losung einer Balkanföderation auf freiwilliger Grundlage aufstellten.
Auf der ersten sozialdemokratischen Balkankonferenz, die 1910 auf Initiative von Tucovic in Belgrad stattfand, wurde ein gemeinsamer Standpunkt zur nationalen Frage am Balkan, zur imperialistischen Politik der Großmächte in dieser Region und zur militaristisch-nationalistischen Eroberungspolitik von bestimmten Balkan-staaten eingenommen. Letzterer wurde die sozialistische Brüderlichkeit und Gleich-heit der Balkanvölker entgegengestellt, die durch den proletarischen Klassenkampf nach Vereinigung streben. Nur der Klassenkampf sei in der Lage, den Anta-gonismus zwischen den Völkern zu beseitigen und das Streben nach voller demokratischer Selbstverwaltung und Unabhängigkeit zu unterstützen.
Die serbischen Sozialdemokraten bewiesen einige Male, dass sie durch und durch Internationalisten waren - als sie 1908 anlässlich der "Bosnienkrise", 1912 und 1913 bei Ausbruch der Balkankriege und 1914 vor Ausbruch des 1. Weltkrieges im Parlament gegen die Kriegskredite stimmten und ihrer eigenen Kapitalistenklasse jegliches Vertrauen verweigerten.
Die Annexion Bosnien-Herzegowinas durch den österreichischen Imperialismus im Jahr 1908 bedeutete eine klare Verletzung des Selbstbestimmungsrechtes der dort lebenden Bevölkerung. Die serbischen Sozialdemokraten, Angehörige eines halb-kolonialen Landes, lehnten dennoch eine militärische Konfrontation mit dem imperia-listischen Österreich-Ungarn ab, weil aufgrund der damaligen Kräfte-konstellation in Europa Serbien nur ein Bauer im imperialistischen Schachspiel war, weil die imperialistische Auseinandersetzung einen antiimperialistischen Kampf Serbiens dominiert hätte. Sie stellten daher ihre internationalistischen Ver-pflichtungen über ihre nationalen, was im Lichte des Verrats der bedeutendsten Parteien der 2. Internationale an der internationalen Arbeiterbewegung vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges einige Beachtung verdient.
Diese Haltung bedeutete aber keineswegs eine Preisgabe des militärischen Befreiungskampfes der Bosnier, den sie propagandistisch (und mit Waffen-lieferungen) unterstützten. Von den österreichischen Sozialdemokraten wurde die Annexion Bosnien-Herzegowinas mit geringem Protest und keinerlei Aktionen hingenommen, weswegen sie von den serbischen Sozialdemokraten wiederholt scharf kritisiert wurden - so auch am Sozialistenkongreß in Kopenhagen 1910, wo sie explizit das "Selbstbestimmungsrecht der Völker bis hin zur Abspaltung" einforderten. Sie forderten die österreichischen Sozialdemokraten auf, den Haupt-feind im eigenen Land zu bekämpfen, anstatt sie über die "Rechte" der Serben in Österreich aufzuklären und vor der militaristischen Eroberungspolitik der serbischen Bourgeoisie zu warnen, was sie getrost der serbischen Sozialdemokratie überlassen könnten.
Die Balkankriege lehnten die serbischen Sozialdemokraten als militaristische Eroberungskriege ab, weil sie nicht nur der Befreiung der eigenen Nation von der osmanischen Herrschaft dienten, sondern auch der Unterwerfung anderer Völker (Makedonier, Albaner). Als sie vor dem 1. Weltkrieg im serbischen Parlament die Kriegskredite ablehnten, schrieb Leo Trotzki, der selbst Augenzeuge war:
"In der Skupstina, in einer Atmosphäre unbeschreiblicher nationaler Begei-sterung, stimmte man über die Kriegskredite ab. Die Abstimmung geschah durch Namensaufruf. Auf zweihundert Ja klang durch Gabesruhe ein einziges Nein des Sozialisten Ljapcevic. Alle empfanden die moralische Kraft dieses Protestes, der als eine unvergessliche Erinnerung in unserem Gedächtnis verblieb."
Und weiter:
"Wenn der Begriff Verteidigungskrieg überhaupt einen Sinn hat, so augen-scheinlich in der Anwendung auf Serbien in diesem Falle. Dessen ungeachtet haben unsere Freunde Ljapcevic und Kaclerovic in unerschütterlichem Bewusstsein ihrer sozialistischen Pflicht ihrer Regierung das Vertrauen rundweg verweigert."
Die serbischen Sozialdemokraten waren damit - neben einem Teil der russischen Sozialdemokraten (den Bolschewiki) und der bulgarischen - die einzigen konse-quenten Internationalisten, die einzige Gesamtpartei der internationalen Sozial-demokratie, die nicht vor der eigenen Kapitalistenklasse kapitulierte.
Die serbische Arbeiterklasse muss heute mehr denn je zu einem treibenden Faktor im Kampf gegen die nationalistische Barbarei werden. Wenn sie sich ihrer revolu-tionären Traditionen besinnt und wieder als eigenständige politische Kraft zu agieren beginnt, kann sie zum Motor revolutionärer Umwälzungen am ganzen Balkan werden.
Miodrag Jovanovic
Literatur:
(Der obige Text wurde von Miodrag Jovanovic bereits 1992 verfasst und hier in leicht veränderter Fassung neu abgedruckt.)